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	<title>Henning Hirsch: Fußnoten eines jammernden Boomers-Archiv - Texte zur Sache</title>
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	<description>Meinung und Debatte, Rezensionen, Kunst, Sport, Politik und Gesellschaft</description>
	<lastBuildDate>Tue, 07 Oct 2025 17:09:30 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Henning Hirsch: Fußnoten eines jammernden Boomers-Archiv - Texte zur Sache</title>
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		<title>Bürgergeld war gestern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Oct 2025 17:09:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Fußnoten eines jammernden Boomers]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgergeld]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Herbst der Reformen steht die Generalüberholung des Bürgergelds ganz oben auf der Prioritätenliste. Ob die geplanten Sanktionen &#038; Kürzungen tatsächlich zu einer spürbaren Belebung auf der Angebotsseite des Arbeitsmarktes führen werden – daran hat Henning Hirsch jedoch so seine Zweifel. Eine Hartz 4-Kolumne.  </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/buergergeld-war-gestern/">Bürgergeld war gestern</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Mittlerweile hat auch der letzte Sozialstaatromantiker-Boomer verstanden, dass Reformen hermüssen. Und zwar schon in diesem Herbst, weil sonst die Wirtschaft abschmiert, die Arbeitslosigkeit steigt, das System unbezahlbar wird, und es so halt auch im Wahlprogramm der CDU drinsteht, und der Kanzler zudem zur Eile drängt.</p>
<p>Nun sind ja Reformen per se nichts Schlechtes. Irgendwas wird ständig reformiert – aktuell steht die Bundeswehr wieder ganz oben auf der To-do-Liste – oder re-reformiert wie beispielsweise die Rückabwicklung vieler von der Ampel beschlossener Klimaprojekte. Reform mithin als Normalzustand und Daueraktivität im Politikbetrieb. Warum also nicht auch die Sozialsysteme periodisch überprüfen und – falls notwendig – entsprechend neu justieren? Spricht erst mal nichts dagegen.</p>
<h2>Vorab ein paar Zahlen</h2>
<p><a href="https://www.bundeshaushalt.de/DE/Bundeshaushalt-digital/bundeshaushalt-digital.html">Aus der Sicht des Bundes</a> stellt die Position &#8218;Soziales&#8216; (sog. Haushaltsstelle 11 = Bundesministerium für Arbeit und Soziales) wahrlich einen Riesenbrocken dar: im laufenden Jahr werden dafür nahezu 200 Milliarden Euro verausgabt, was wiederum ca. 38 Prozent des Gesamtbudgets entspricht. Damit ist &#8218;Soziales&#8216; unangefochtener Spitzenreiter. Auf den Plätzen folgen &#8218;Verteidigung&#8216; (16%) und &#8218;Allgemeine Finanzverwaltung&#8216; (was auch immer sich dahinter verbergen mag; knapp 9%). Die Haushaltsstelle 11 wird wiederum in Kapitel unterteilt, von denen die beiden wichtigsten &#8218;1102: Rentenversicherung und Grundsicherung im Alter&#8216; und &#8218;1101: Leistungen nach dem Zweiten und Dritten Sozialgesetzbuch&#8216; lauten. Da wir uns im Folgenden auf das Bürgergeld konzentrieren, soll Kapitel 1101 noch etwas weiter aufgedröselt werden. Es gliedert sich in &#8218;Titel&#8216;, die da heißen: &#8218;Bürgergeld&#8216;, &#8218;Beteiligung des Bundes an den Leistungen für Unterkunft und Heizung&#8216;, &#8218;Verwaltungskosten&#8216;, &#8218;Leistungen zur Eingliederung in Arbeit&#8216;, &#8218;Darlehen an die Bundesagentur für Arbeit&#8216; zzgl. ein paar weitere kleine Titel und summiert sich auf sagenhafte 55 Mrd. Euro/Jahr (Bund). On top zu rechnen ist der Anteil der Kommunen für Unterbringung &amp; Heizung, der von Bundesland zu Bundesland variiert; wenn wir ihn durchschnittlich hälftig ansetzen, wären das zusätzliche 6 bis 7 Mrd, sodass wir jetzt schon bei 60 angelangt sind. Da allerdings nicht sämtliche Ausgaben eins zu eins den Empfängern zufließen, liest und hört man in den Medien zumeist die Zahl 50 (Milliarden Euro/Jahr), sobald die Rede aufs Bürgergeld kommt, der ich mich, weil ich mir 50 gut merken kann, und das hier eine Kolumne und kein Fachreferat vor Finanzwissenschaftlern ist, der Einfachheit halber anschließen werde.</p>
<p>Den 50 Milliarden stehen <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/242062/umfrage/leistungsempfaenger-von-arbeitslosengeld-ii-und-sozialgeld/">aktuell 5.5 Millionen Bezieher</a> gegenüber. Diese splitten sich (grob) in: 4 Mio. erwerbsfähige (-&gt; Arbeitslosengeld II) und 1.5 Mio. nicht-erwerbsfähige (-&gt; Sozialgeld) Empfänger.</p>
<p><a href="https://www.buerger-geld.org/rechner/">Der monatlich vom Jobcenter an den &#8222;Kunden&#8220; überwiesene Betrag</a> setzt sich zusammen aus:<br />
 Regelsatz: 563 Euro (alleinstehender Erwerbsfähiger)<br />
 Kaltmiete<br />
 Heizung<br />
 Nebenkosten Wohnung.</p>
<p>Ist natürlich wg. der Mietkosten von Stadt zu Stadt unterschiedlich, überschreitet jedoch selten die 1400-Euro-Marke. Der Normalfall wird darunter liegen, im Intervall zw. 1000 und 1200 Euro. Zusätzlich übernimmt der Staat für die Dauer des Bezugs die Beitragszahlung an die Krankenversicherung.</p>
<p>Das war&#8217;s jetzt aber auch mit den langweiligen Zahlen, die ich alle mühsam recherchieren musste; wollte mir dieses Mal aber den Vorwurf, der Hirsch hat wie immer keine Ahnung, ersparen und habe mich morgens nach der ersten Tasse Kaffee drangesetzt, das Internet nach (seriösen) Statistiken zu durchforsten.</p>
<h2>Herbst der Reformen</h2>
<p>Die Koalition hat den &#8218;Herbst der Reformen&#8216; angekündigt, und als erstes soll das Bürgergeld generalüberholt werden.</p>
<blockquote><p>Wir sind sehr, sehr weit mit der Bürgergeldreform Teil eins, die jetzt im Herbst, wahrscheinlich jetzt im Oktober, das Licht der Öffentlichkeit erblickt &#8211; wahrscheinlich in den nächsten ein, zwei Wochen.<br />
© <a href="https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/linnemann-cdu-buergergeld-einsparung-berlin-direkt-100.html">Carsten Linnemann, CDU-Generalsekretär</a></p></blockquote>
<p>Das reicht von Symbolischem – der freundliche Name Bürgergeld soll weg und durch das etwas sperrige &#8218;Grundsicherung für Arbeitssuchende&#8216; ersetzt werden – über Selbstverständlichkeiten – Sozialbetrug wird konsequent verfolgt – hin zu konkreten Kürzungen: Regelsatz einfrieren, Sanktionen bei unentschuldigtem oder mehrmaligem Fernbleiben von Terminen, (bisheriges: Schon-)  Vermögen wird angerechnet, bei Überschreiten des Mietendeckels oder der zulässigen Quadratmeterzahl muss sofort eine kleinere Wohnung gesucht werden etc.</p>
<p>Unterm Strich soll eine Einsparung in der Größenordnung von 5 bis 7 Mrd. Euro stehen (die frühere Einschätzung 10 Mrd. erwies sich bei nochmaligem Kalkulieren anscheinend als zu optimistisch angesetzt, weshalb man sie vorerst fallen ließ).<a href="https://www.focus.de/politik/deutschland/merz-einigung-beim-buergergeld-sehr-nah-so-soll-es-kuenftig-heissen_c20e202f-761e-4ad9-8cac-bfc5482a7aaf.html"> Kanzler Merz macht folgende Gleichung auf:</a> 100.000 Bezieher raus = 1.5 Mrd. Euro gespart. Um auf die o.g. Zielgröße zu kommen, müssen also 3-500.000 Empfänger das System verlassen.</p>
<p>Nun klingt das alles erst mal positiv: 5-7 Mrd. sparen, 300.000 Menschen sofort von der ALG2-Hängematte runterwerfen, die freiwerdenden Ressourcen auf die Vermittlung des Rests konzentrieren, die Verweildauer in staatlicher Alimentierung so kurz als möglich gestalten. Alle sind glücklich: die CDU, weil sie eins ihrer zentralen Wahlversprechen erfüllt, die Regierung, weil sie Einigkeit und Handlungsfähigkeit beweist und das Volk, weil den Sozialschmarotzern endlich der Geldhahn zugedreht wird. Bei näherer Betrachtung gerät man jedoch ins Grübeln und bemerkt, wie kleinmütige Gedanken vom Zwerchfell in die Zwischenhirnrinde hochkriechen:<br />
(a) 300.000 von 4 Millionen sind 7.5 Prozent<br />
(b) 5-7 Mrd. entsprechen 10-14 (in Bezug aufs Bürgergeld), bzw. 2.5-3.5 (in Relation zum Etat des Arbeitsministeriums) oder gar nur 1-1.4 Prozent (in Blickrichtung aufs gesamte Bundesbudget)<br />
(c) v.a. was passiert mit den 3.5 Mio. Erwerbsfähigen, die nach dem Herbst der Reformen weiterhin im ALG2-Bezug verbleiben?</p>
<p>Zu verzagt gedacht, Herr Autor, sagen Sie? Irgendwo muss man anfangen. Und dieser Anfang besteht halt immer in einem ersten Schritt.<br />
Mag sein, antworte ich. Jedoch fehlt mir bei all der Sparerei ein schlüssiges Konzept, wie man diese Menschen wieder in (auskömmlich) bezahlte Arbeit bringt. Nur 3-500.000 aussortieren kann der Weisheit letzter Schluss wahrlich nicht sein. Zumal die prognostizierte Ersparnis für den Bund ja jetzt auch kein großer Wurf ist. Okay, okay, Kleinvieh macht auch Mist; sehe ich ein.</p>
<h2>Strengt euch (mehr) an!</h2>
<blockquote><p>Atalay: „Also, es wird schwieriger für diejenigen, die sich nicht anstrengen sozusagen.”<br />
Merz: „Das könnte die Überschrift sein.”<br />
Atalay: „Also die Überschrift: Strengt euch an&#8230;!”<br />
Merz: „&#8230; dann helfen wir. Und wenn nicht, dann gehen wir davon aus, dass ihr die Hilfe des Staates nicht braucht. [&#8230;] Wir wollen ja wirklich denen helfen, die die Hilfe brauchen. Und wir wollen vor allem dafür sorgen, dass sie zurück in den Arbeitsmarkt kommen. Da müssen sie hin. Und wir müssen einfach die Zahl derer, die im jetzigen Bürgergeld sind, deutlich reduzieren.”<br />
© <a href="https://www.rtl.de/news/buergergeld-klartext-von-kanzler-friedrich-merz-wer-sich-nicht-anstrengt-braucht-die-hilfe-des-staates-nicht-id6771160.html">RTL: Wer sich nicht anstrengt, braucht „die Hilfe des Staates nicht”</a></p></blockquote>
<p>Und hier gelangen wir nun an den Punkt, an dem es spannend wird = was plant die Regierung perspektivisch, um die Arbeitsvermittlung zu beschleunigen? Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht; was aber vllt. daran liegt, dass bis auf die altbekannten Floskeln wie &#8222;Wirtschaftsmotor muss rasch angeworfen werden&#8220;, &#8222;(Unternehmens-) Steuern runter &amp; Energiekosten senken!&#8220;, &#8222;Arbeit muss sich wieder lohnen&#8220; diesbezüglich von der Politik wenig kommt. Bis der Wirtschaftsmotor erneut auf Hochtouren läuft (unter der optimistischen Voraussetzung, die Trumpschen Zölle lassen das überhaupt zu), sind vermutlich 3 Millionen der heutigen Bürgergeld-Erwerbsfähigen entweder in Rente oder liegen unter der Erde. Was könnte also schnell und konkret getan werden, um (Dauer-) Arbeitslosen zu sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen zu verhelfen?</p>
<p><strong>3 Vorschläge:</strong><br />
(1) Zielgerichtete Fortbildungsmaßnahmen in Absprache mit den Betrieben (der Deal lautet: Arbeitsagentur/Jobcenter übernimmt die Finanzierung der Schulung; im Gegenzug verpflichtet sich das Unternehmen, den nun qualifizierten Kandidaten auch tatsächlich einzustellen)<br />
(2) Regionale Zumutbarkeit lockern: notfalls muss 50km (one way) zum Arbeitsplatz gependelt werden<br />
(3) Mehr Wechselbereitschaft: weshalb sollte ein arbeitsloser Schreinergeselle nicht alternativ im Fassadenbau beschäftigt werden, oder ein Industriearbeiter (nach entsprechender Umschulung) sein zukünftiges Glück im Handwerk finden?</p>
<p>Wovon ich persönlich wenig halte, sind Sachen wie: betriebsbedingt entlassener und aufgrund seines fortgeschrittenen Alters (Mitte 50) dauerarbeitsloser Akademiker wird via Zeitarbeitsfirma in Call Center transferiert (im Bekanntenkreis schon erlebt) … solch ein doppeltes Downgrading (beruflich u finanziell) führt in der Konsequenz zu überbordendem Alkoholkonsum, weshalb man diesen Bekannten mittlerweile häufiger in der Suchtklinik als am Arbeitsplatz antrifft.</p>
<p><strong>Achtung</strong>: Wir sprechen hier einzig über die Mikroebene. Soll heißen: Wir versuchen, die offenen Stellen (aktuell 600-700.000 in Deutschland) möglichst rasch aus dem Heer der Bürgergeldempfänger zu bestücken. Selbst, wenn das zu 100 Prozent gelänge, verblieben jedoch weiterhin mehr als 2 Millionen Menschen ohne Arbeit -&gt; wohin mit denen? Sollen die geduldig auf das Anspringen der Konjunktur warten?</p>
<p>Die Politik kommt deshalb nicht drumherum, sich Gedanken über die Aufstockung des zweiten Arbeitsmarktes zu machen und muss wahrscheinlich sogar den öffentlichen Sektor vergrößern, wenn sie das Problem (Dauer-) Arbeitslosigkeit konsequent lösen möchte. Widerspricht der liberalen Wirtschaftslehre. Weiß ich. Vor die Wahl gestellt, einer ökonomischen Doktrin zu widersprechen und Menschen in Arbeit zu bringen, entscheide ich mich für die zweite Möglichkeit.</p>
<h2>Zuvorderst Symbolpolitik</h2>
<p>Wollen wir am Ende dieser Kolumne festhalten:<br />
(A) Es gibt ungefähr 5x so viele Menschen, die Arbeit suchen als offene Stellen<br />
(B) Die Vermittlung aus ALG2 heraus gestaltet sich oft schwierig (z.B. Arbeitsstelle räumlich zu weit entfernt, Bewerber möchte sich beruflich nicht verschlechtern, es gibt schlichtweg keinen passenden Job)<br />
(C) Der weitaus größte Teil der Bezieher ist unverschuldet (dauer-) arbeitslos und würde liebend gerne wieder arbeiten (unter der Voraussetzung, der neue Job ist zumutbar)<br />
(D) Regelsatz plus Miete plus Heizung &amp; Nebenkosten stellen das Existenzminimum sicher<br />
(E) Sozialbetrug (Schwarzarbeit, Verschweigen von Vermögen u.ä. ) ist auch heute schon strafbar.</p>
<p>Die geplanten Sanktionen/Kürzungen – so sie vor Gericht bestehen – mögen in Einzelfällen opportun sein, dürfen aber auf keinen Fall dazu führen, dass man eine der ärmsten Bevölkerungsgruppen unter den Generalverdacht stellt, es sich in der sozialen Hängematte bequem zu machen und generell arbeitsscheu zu sein. Dem widersprechen sämtliche Erfahrungen, die ich in den vergangenen 20 Jahren zum Thema Arbeitslosigkeit im Freundes- &amp; Bekanntenkreis gesammelt habe. Niemand gammelt gerne 24/7 zu Hause auf dem Sofa rum. Alle möchten arbeiten, haben aber nach 200 abgelehnten Bewerbungen oft den Glauben ans System verloren und ertränken den Frust in Alkohol. Die Klugen treiben stattdessen Sport, um sich, falls ein Wunder eintreten sollte, und sie bei der 201sten Bewerbung ne Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen, fit zu halten. Sind aber nun mal nicht alle klug. Die Korrelation zwischen (Dauer-) Arbeitslosigkeit und Alkoholismus/Suchtklinik ist eng.</p>
<p>Ob die Leistungen gem. Zweitem &amp; Drittem Sozialgesetzbuch jetzt ALG 2, Hartz 4, Bürgergeld oder Grundsicherung genannt werden, ist ein Nebenkriegsschauplatz. Ich mag den von der Ampel eingeführten Terminus &#8218;Bürgergeld&#8216; ganz gerne, weil er freundlich anmutet, kann aber ebenfalls mit Grundsicherung gut leben. Für die Empfänger ist der Inhalt (pünktliche Zahlung) eh wichtiger als das Etikett. Ob der neue Name auch frischen Schwung in die Sache bringt iSv. die Vermittlungsquote zieht an, bleibt abzuwarten. Falls ja, wäre das überaus begrüßenswert. Allein mir fehlt der Glaube. Sanktionen &amp; Kürzungen im Verein mit einer konsequenteren Verfolgung von Sozialbetrug werden zwar dazu führen, dass ein kleiner Prozentsatz der Bezieher aus dem System rausfällt, jedoch wird sich für den Rest (98-99 Prozent) nichts ändern, so lange nicht offene Stellen in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen.</p>
<p><strong>Rubrik</strong>: (bisher) mehr ein Reförmchen denn eine Reform aka Symbolpolitik.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/buergergeld-war-gestern/">Bürgergeld war gestern</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Wenn die Blase wieder drückt oder …</title>
		<link>https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/wenn-die-blase-wieder-drueckt-oder/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Aug 2025 12:27:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Fußnoten eines jammernden Boomers]]></category>
		<category><![CDATA[öffentliche Toilette]]></category>
		<category><![CDATA[Rentner]]></category>
		<category><![CDATA[schwache Blase]]></category>
		<category><![CDATA[Senioren]]></category>
		<category><![CDATA[Urinal]]></category>
		<category><![CDATA[WC]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>… warum gibt es in Deutschland so wenig öffentliche (und hygienische!) Toiletten? Kleine WC-Kolumne von Henning Hirsch. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/wenn-die-blase-wieder-drueckt-oder/">Wenn die Blase wieder drückt oder …</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Die Linke kritisiert hohe Toilettengebühren entlang der Autobahnen. Abhilfe soll die Verstaatlichung bringen.</p>
<p>Die Linke hat gefordert, Autobahnraststätten wieder in staatliche Hand zu überführen. Wie der &#8222;Stern&#8220; berichtet, kritisiert die Partei insbesondere die aus ihrer Sicht überhöhten Gebühren für Toilettenanlagen entlang deutscher Autobahnen.<br />
© <a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_100859700/raststaetten-linke-fordert-verstaatlichung-gegen-toiletten-abzocke-.html">t-online: Linke will Raststätten verstaatlichen</a></p></blockquote>
<p>Ich überlege noch, ob ich diesen Text so beginne: Im August müssen ebenfalls Toiletten herhalten, um das Sommerloch zu füllen … oder doch lieber so: Wenn mit zunehmenden Alter 3 Dinge nachlassen, dann das Gedächtnis, die Libido und die Blase. Als 63-jähriger Noch-nicht-ganz-Rentner weiß ich hier ausnahmsweise mal, wovon ich rede.</p>
<p>Losgelöst von der Widersprüchlichkeit, genug Geld für eine Reise mit dem Auto zu besitzen, um dann an der Raststätte plötzlich zu bemerken, dass der 1 Euro für die Urinalnutzung das Urlaubsbudget sprengt, soll&#8217;s in dieser Kolumne auch gar nicht um die angeblich fehlende Sozialverträglichkeit des WC-Obolus gehen, sondern wir wollen uns stattdessen mit dem traurigen Zustand des öffentlichen Toilettenwesens in unserem Land beschäftigen.</p>
<h2>Mit leerer Blase shoppt es sich besser</h2>
<p>Wie sieht die Realität für einen bspw. <a href="https://texte-zur-sache.de/2023/03/20/fussnoten-eines-jammernden-boomers/">63-jährigen Noch-nicht-ganz-Rentner</a> aus dem Bonner Süden aus, sobald er beabsichtigt, die eigenen 4 Wände für einen <a href="https://www.koeln.de/">Halbtagestrip nach Köln</a> zu verlassen? Einfach ins Auto setzen und munter losfahren, ist in diesem Alter nicht mehr. So ein Ausflug muss schon minutiös geplant werden. Der Noch-nicht-ganz-Rentner sollte zum einen darauf achten, dass seine Blase komplett entleert ist, in etwa hochrechnen, wie viele Toilettengänge innerhalb der nächsten Stunden bevorstehen und sich klugerweise vorab darüber Gewissheit verschaffen, welche Anlaufstellen er im Bedarfsfall ansteuern kann.</p>
<p>Denn, wenn eines in diesem Land sicher ist, dann die Tatsache, dass aushäusiges Urinieren ein Abenteuer darstellt. Fangen wir mit dem angenehmsten Fall an: Sie sind in Köln zum Essen verabredet. Mittelpreisiges Restaurant, mediterrane Küche, nach 1 Flasche Mineralwasser, 1 Viertelliter Valpolicella classico plus 2 Espressi drückt die Blase mittlerweile sehr, Sie entschuldigen sich kurz bei Ihrem Gegenüber, fragen die nette Bedienung nach dem Weg (häufig geht&#8217;s ne enge Treppe runter in den Keller), öffnen die Tür mit dem zu Ihnen passenden Identitäts-Symbol, zwängen sich am Waschbecken vorbei und hoffen, dass der Gast vor Ihnen den Ort in einem halbwegs akzeptablen Zustand zurückgelassen hat. Im Anschluss setzen Sie sich entweder auf die nicht mehr ganz taufrische Klobrille (der Lack blättert an zwei Dutzend Stellen ab) oder verrichten Ihr (kleines) Geschäft im Stehen. Dann zurück ans Waschbecken, wo Sie zwar ein paar Tropfen aus einem verrosteten Seifenspender rausquetschen können, jedoch am Handtuch scheitern, weil das so aussieht, als sei es das letzte Mal vor 14 Tagen gewechselt worden. Also die Finger an der Hose abstreifen, die Treppe zurück nach oben, zahlen (Trinkgeld für die nette Bedienung nicht vergessen. Die kann ja nichts fürs 14 Tage alte Handtuch), sich vom Gegenüber verabschieden (mit trockenen Händen, dafür jedoch leicht nassen Hosenbeinen), ins Auto setzen und während der Rückfahrt aufs eigene Badezimmer freuen.</p>
<p>Wenn das der angenehme Fall war – was bedeutet dann unangenehm, fragen Sie mich nun nicht ganz zu Unrecht? Der unangenehme Fall – und das ist der weitaus häufigere – besteht im normalen Einkaufsbummel. Wenn man eben nicht mal schnell die Treppe in einem mittelpreisigen Restaurant runterlaufen kann, sondern bei Harndrang vor folgender Überlegung steht: Schaffe ich es rechtzeitig zurück nach Hause (dagegen sprechen einige Faktoren: von der Kölner Innenstadt bis in den Bonner Süden dauert es Minimum 1 Stunde – wahrscheinlich wg. des gleich einsetzenden Feierabendverkehrs länger –, das, was ich besorgen wollte, habe ich noch nicht gefunden – Mission also vorzeitig abbrechen?, u.v.a. die 63-jährige Blase hält nicht mehr das, was sie mit 40 noch locker hielt), oder muss ich mich gezwungenermaßen nach Alternativen zum heimischen Klo umsehen? Die Ausweich-WCs können sein/liegen:<br />
(1) beim Herrenbekleider (nicht: -bestatter): sind zumeist nur fürs Personal vorgesehen<br />
(2) im McDonald&#8217;s: Hunger auf ein BigMac-Menü verspüre ich leider keinen<br />
(3) in den Systembäckereien: hier reicht zumeist 1 Tasse Kaffee, um den Schlüssel für die Toilette zu erhalten.</p>
<h2>Gute Nerven von Vorteil beim Besuch öffentlicher Toiletten</h2>
<p>Egal, ob man seinem Harndrang in (2) oder (3) nachgibt: angenehm ist das, was einen hinter der Tür erwartet, zumeist nicht. Defekte und übergelaufene Urinale bestimmen das Bild, die Boxen mit den Einzeltoiletten betritt man tunlichst nur dann, wenn es überhaupt nicht mehr anders geht, Seife ist Glückssache, und die Papierhandtücher sind zumeist alle, weil irgendein Bekloppter 100 Stück auf einmal aus dem Spender rausgezerrt hat (und das Personal nur 1x/täglich auffüllt). Türgriff anfassen verboten, weil man sich das vorherige Händewaschen dann auch hätte sparen können. Wieder draußen auf der Treppe kann von Flach- auf Normalatmung umgestellt werden. Beim Verlassen des Lokals gehen einem Sachen durch den Kopf wie: Hoffentlich sieht es in der Küche hygienischer als auf dem Gäste-WC aus, u/o ich hätte das belegte Brötchen eben besser nicht gegessen. Vorausschauende Menschen haben Sagrotan im Handschuhfach des Autos deponiert, mit dem sie sich vor der Rückfahrt bis zum Ellenbogengelenk desinfizieren.</p>
<p>Okay, dass Toilettenbesuche bei McDonald&#8217;s und in Systembäckereien nicht ohne sind, wissen wir jetzt; aber was ist mit (4) der guten alten, von der Kommune betriebenen, öffentlichen Toilette? Wo ist die geblieben?</p>
<p>Ja, wo ist die geblieben? Das frage ich mich auch oft, wenn ich durch unsere Innenstädte schlendere. In Köln und Bonn ist es einfacher, einen Straßendealer ausfindig zu machen, als ein kommunales WC zu entdecken. Es gibt sie vereinzelt noch; allerdings sollte man tunlichst über 3 Eigenschaften verfügen, bevor man sie betritt:<br />
(a) robuster Magen<br />
(b) stabiles Immunsystem<br />
(c) generell: gute Nerven.</p>
<p>Das, was wir in (2) und (3) als unangenehm empfanden, tritt bei (4) potenziert auf -&gt; Augenlicht auf unscharf dimmen, Aufhören zu atmen, NICHTS anfassen, die Einzelboxen NICHT betreten (für Frauen natürlich schwierig), nicht länger als unbedingt nötig verweilen, Seife (eh nicht vorhanden) &amp; Wasser (an den Hähnen nisten 1 Milliarden Bakterien &amp; Viren) sind egal, Türklinke mit dem bedeckten Unterarm öffnen, SCHNELL zum Auto: dort die komplette Sagrotanflasche über die Hände geben und die Arme damit bis zum Schulteransatz einreiben. Zurück zu Hause 1 Viertelstunde unter die Dusche und prophylaktisch Vomex auf dem Nachttisch deponieren.</p>
<h2>Höchste Zeit für mehr (saubere) Klos!</h2>
<p>Das ist aber VIEL Aufwand, nur um mal eine öffentliche Toilette zu frequentieren, meinen Sie? Ja, das ist verdammt viel Aufwand, antworte ich; aber Sie hätten ja auch weniger trinken oder Ihren Einkaufsbummel virtuell durchführen können, statt mit prall gefüllter Blase durch die Kölner Innenstadt zu latschen.</p>
<p>Da ich jetzt selber gleich ins Bad muss (sitze seit 8h am Schreibtisch und habe 5 Tassen Kaffee intus), wollen wir so langsam ans Ende dieser Kolumne kommen und fürs Erste festhalten:<br />
(A) Toilettengänge jenseits der eigenen 4 Wände sind ein Wagnis<br />
(B) Das öffentliche WC-Netz ist schwächer ausgebildet als der ÖPNV im Bonner Süden zw. Mitternacht und 5h morgens<br />
(C) Faustregel: je öffentlicher, desto verdreckter<br />
(D) Das Risiko, sich irgendwas auf ner öffentlichen Toilette einzufangen, steigt mit zunehmendem Alter exponentiell an.</p>
<p>Es wäre also ne Menge gewonnen, wenn unsere kommunalen Entscheider beim Stichwort &#8222;Infrastruktur&#8220; nicht einzig an vierspurigen Straßenausbau &amp; superschnelles DSL an jedem gottverdammten Winkel der Republik dächten, sondern ebenfalls Mittel für eine flächendeckende Grundversorgung mit schnell erreichbaren &amp; hygienischen Toiletten bereitstellten. Speziell Wähler mit schwacher Blase würden ihnen danken (und die werden aufgrund der Demografie immer mehr).</p>
<p>Wer also möchte, dass sich auch Ältere in unsere Innenstädte trauen (und dort den lokalen Einzelhandel stützen), ohne dass gleichzeitig das Wildpinkeln in den Grünanlagen überhandnimmt, der muss folglich in das <a href="https://www.toilette-in-der-naehe.de/">öffentliche WC-Wesen</a> investieren.</p>
<p>Jetzt wird es höchste Zeit für mich, den Schlusspunkt zu setzen, sonst schaffe ich es nicht mehr bis aufs eigene Klo, sondern muss mich vom Balkon runter erleichtern.</p>
<p>Rubrik: Der öffentliche Toilettengang war immer schon ein Abenteuer. Aber früher gab&#8217;s definitiv mehr Möglichkeiten, es gratis zu tun.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/wenn-die-blase-wieder-drueckt-oder/">Wenn die Blase wieder drückt oder …</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Lasst die Leute länger arbeiten!</title>
		<link>https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/lasst-die-leute-laenger-arbeiten/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Jul 2025 14:39:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Fußnoten eines jammernden Boomers]]></category>
		<category><![CDATA[DRV]]></category>
		<category><![CDATA[Katharina Reiche]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensarbeitszeit]]></category>
		<category><![CDATA[Renteneinrittsalter]]></category>
		<category><![CDATA[Rentenkasse]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Wirtschaftsministerin schlägt vor, länger zu arbeiten, um so die marode Rentenkasse zu entlasten, und erwartungsgemäß regen sich alle darüber auf. Das wiederum versteht unser Kolumnist Henning Hirsch nicht, der gerne bis zum 75-sten Lebensjahr am Schreibtisch sitzen würde unter der Voraussetzung, dass er vorher nicht zwangsverrentet wird.</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Beim Thema Rente hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sich klar positioniert: Die Deutschen müssen ihrer Meinung nach länger und mehr arbeiten. &#8222;Der demografische Wandel und die weiter steigende Lebenserwartung machen es unumgänglich: Die Lebensarbeitszeit muss steigen&#8220;, sagte die CDU-Politikerin in einem Interview mit der &#8222;Frankfurter Allgemeinen Zeitung&#8220;. &#8222;Es kann jedenfalls auf Dauer nicht gut gehen, dass wir nur zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen&#8220;, so Reiche.<br />
[…]<br />
Scharfe Kritik an ihren Aussagen kommt nun vom CDU-Sozialflügel. CDA-Bundesvize Christian Bäumler sieht Reiche als Fremdkörper in der Bundesregierung. Ihre Forderungen hätten keine Grundlage im Koalitionsvertrag. &#8222;Wer als Wirtschaftsministerin nicht realisiert, dass Deutschland eine hohe Teilzeitquote und damit eine niedrige durchschnittliche Jahresarbeitszeit hat, ist eine Fehlbesetzung&#8220;, sagte er.<br />
<a href="https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_100839146/rente-cdu-sozialfluegel-nennt-wirtschaftsministerin-reiche-fehlbesetzung-.html">© t-online: CDU-internes Zerwürfnis. &#8222;Fehlbesetzung&#8220; – Scharfe Kritik an Reiche</a></p></blockquote>
<p>Jetzt mal ganz ehrlich – was macht der Normalo-Deutsche (m/w/d), sobald er das Rentenalter erreicht hat?</p>
<p>Er/sie/divers schläft die ersten 3 Monate morgens länger, räumt zu Hause endlich mal ordentlich auf, streicht die Wände neu, mäht 2x/Woche den Rasen, verabredet sich alle 14 Tage mit seinen Rentnerfreunden*innen zum Rentner-Brunch in einem Lokal, das mit Rentner-Rabatten wirbt. Manche, die was gespart haben, kaufen sich ein Wohnmobil und touren durch Europa; andere fliegen 5x/Jahr auf den Ballermann (in die Ecke, die für Senioren reserviert ist). Einige versuchen sich an ihren Memoiren, weil ihr Leben so superspannend war, dass man es unbedingt der breiten Öffentlichkeit mitteilen muss (davon kommen allerdings 95 Prozent nicht über Seite 20 hinaus; die restlichen 5 müssen im Eigenverlag veröffentlichen). Eine kleine Rentner-Avantgarde versucht sich an ausgefallenen Hobbies wie Biohacking, Geocaching, Gin Tasting, veganes Bier brauen (die beiden Letztgenannten sind auf Dauer nicht gut für die Leber) oder treten einem Paintball-Club bei. ALLE gehen recht schnell ihren Kindern auf die Nerven, weil sie die jetzt ständig anrufen, besuchen wollen und sich ungefragt in die Erziehung der Enkel einmischen.</p>
<p><strong>Zwischenfazit 1</strong>: Der Rentner nervt.</p>
<p>Spätestens nach 5 Jahren, sobald das eigene Haus kernsaniert, der Rasen totgemäht (oder alternativ in eine Steinwüste verwandelt), die Figur aufgrund von zu viel Rentner-Brunch aus allen Nähten platzt, die eigenen Kinder sofort auflegen, sobald der Opa anruft, und die Balearen einen Einreisestopp für deutsche Senioren beschließen, treten wir in Phase 2 des schönen Rentnerlebens ein. Diese wird fortan bestimmt durch häufige Arztbesuche: den wöchentlichen Gang zum Allgemeinmediziner, weil die Zipperlein zunehmen (der Rücken, die Knie, Kurzatmigkeit, Libido &amp; Verdauung sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren, mann kann beim Pinkeln – falls Mann das noch im Stehen tut – seine Zehen nicht mehr sehen, die Hämorrhoiden jucken schlimmer als 20 Moskitobisse etc.) sowie (möglichst unentdeckt) zum Psychologen – am besten ein Fachtherapeut mit Spezialisierung auf Geriatrie –, um mit dem über so Sachen wie Altersfrust, Alterszorn, depressive Schübe, suizidale Gedanken u.ä. zu reden. Bewirkt v.a. durch 1 Auslöser = galoppierende Fadheit.</p>
<p><strong>Zwischenfazit 2</strong>: Das Rentnertum verursacht Krankheiten, die der Mensch, als er noch der arbeitenden Bevölkerung angehörte, nur vom Hörensagen kannte.</p>
<p>Trotz des bekanntermaßen rapide einsetzenden körperlichen &amp; geistigen Verfalls, der mit dem plötzlichen Ausscheiden aus dem Berufsleben einhergeht, beharren dennoch 99 Prozent der arbeitenden Bevölkerung störrisch darauf, pünktlich am Stichtag ihren Bürosessel zu räumen und sich die verbleibendenden Lebensjahre – die dank moderner Medizintechnik und viel Pharmazie weitere 20 bis 30 betragen können – mit gepflegter Langeweile zu vertreiben.</p>
<p><strong>Zwischenfazit 3</strong>: in unseren westlichen Industrieländern wird es alsbald zugehen wie auf der Krankenstation eines Altersheims.</p>
<p>Vor diesem deprimierenden Hintergrund ist es schleierhaft, weshalb der naheliegende Vorschlag unserer Wirtschaftsministerin, <a href="https://www.zeit.de/arbeit/2025-07/katherina-reiche-arbeitszeit-laenger-rente">die Lebensarbeitszeit um xy (bspw. 5) Jahre zu verlängern, auf solch großen Widerstand stößt</a>. Zum einen entlastet das sofort die Rentenkasse, verschont des Weiteren die junge Generation davor, die Hälfte ihres Einkommens für Sozialbeiträge zu verpulvern und bewahrt zum anderen ne Menge Menschen vor den o.g. rentenbedingten Krankheiten.</p>
<p>Wir sollten deshalb in einem ersten Schritt die Leute länger arbeiten lassen, die das freiwillig oder sogar gerne tun würden (ich persönlich hätte kein Problem damit, bis 75 am Schreibtisch zu sitzen). Insofern sich genügend Teilnehmer melden, um einen spürbaren Entlastungseffekt zu bewirken = fein. Falls nein, dann muss im zweiten Schritt über eine gesetzliche Regelung, das Renteneintrittsalter spürbar anzuheben, nachgedacht werden. Aber eventuell reicht Freiwilligkeit ja bereits aus. Das wäre dann für alle Betroffenen (die Gruppe, die nicht mit 65 zwangsverrentet werden möchte und diejenigen, die das letzte Viertel oder Drittel ihres Lebens lieber der Pflege ihres Vorgartens widmen wollen) die erfreulichste Lösung. Unsere Kinder &amp; Enkel werden uns nicht nur dafür dankbar sein, wenn wir vom alten Diesel auf einen flotten Elektroroller umsteigen, um so den individuellen CO2-Fußabdruck zu optimieren, sondern sie fänden es ebenfalls super, falls wir ihnen durch unsere Bereitschaft, länger zu arbeiten, ein bankrottes Rentensystem und explodierende Sozialbeiträge ersparen.</p>
<p><strong>Fazit</strong>: <a href="https://texte-zur-sache.de/2021/08/13/ich-bin-ein-boomer-wer-holt/">Wer 100 werden (und nen solide finanzierten Lebensabend verbringen) will</a>, muss halt in der Konsequenz ein paar Jahre mehr malochen.</p>
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		<title>Wer hat Angst vorm Älterwerden?</title>
		<link>https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/wer-hat-angst-vorm-aelterwerden/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Apr 2023 09:33:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Fußnoten eines jammernden Boomers]]></category>
		<category><![CDATA[Alter]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
		<category><![CDATA[Boomer]]></category>
		<category><![CDATA[Umfrage]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>An einer Umfrage zum Älterwerden nahm Henning Hirsch teil und sagt am Ende: Wenn alle Stricke reißen, kann man sich mit 70 immer noch selbst die Kugel geben. Die aktuelle Jammerboomer-Kolumne. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/wer-hat-angst-vorm-aelterwerden/">Wer hat Angst vorm Älterwerden?</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Seit einiger Zeit fragt mich DIE ZEIT in Facebook täglich <a href="https://www.facebook.com/114803848589834/posts/pfbid024DmhK5qBx4FiKzyhL5FEYSj1Z8NiDxhTkZdsGkyWSzYTPJufRrpmMebs43WfH4WDl/">Haben Sie Angst vorm Älterwerden?</a> und überschreibt das mit „die große Umfrage“. Als ich den Link gestern endlich anklickte, rieb ich mir verwundert die Augen, denn ich entdeckte genau 3 Fragen:</p>
<p>(1) Haben Sie Angst vorm Älterwerden?<br />
(2) Was macht Ihnen am Älterwerden am meisten Angst?<br />
(3) Was würden Sie im Alter gerne tun?</p>
<p>Viele Fragen sind das ja nicht bzw. große Umfrage ist eigentlich was anderes, dachte ich und machte mich dann daran, das Ganze nach bestem Wissen zu beantworten. An dieser Stelle will ich, damit der Leser der Kolumne meine Antworten besser einsortieren kann, erwähnen, dass ich vor einigen Wochen meinen 61sten Geburtstag feierte. Wer des Rechnens mächtig ist, kommt bei mir also unschwer auf den März als Geburtsmonat und <a href="https://www.n-tv.de/leute/1962-wurde-die-Welt-Pop-Beatles-und-Minirock-Kubakrise-und-Vatikanisches-Konzil-article7098281.html">1962 als Geburtsjahr</a>. Hohe Zeit der Boomer und Jahr, in dem u.a. die Kubakrise und die Unabhängigkeit Algeriens stattfanden, der Minirock gelangte aufs Cover der Vogue, die Beatles starteten mit „Love me do“ ihre Weltkarriere, Andy Warhol stellte Tomatensuppendosen in Los Angeles aus, während ein paar Blocks entfernt Marilyn Monroe ihren letzten Seufzer tat. Verdammt lang her, sagen Sie? Ja, das ist verdammt lang her.</p>
<p>Aber nun der Reihe nach zu den o.g. 3 Fragen:</p>
<h2>Haben Sie Angst vorm Älterwerden?</h2>
<p>DIE ZEIT gibt die Antwortmöglichkeiten direkt vor: ja, manchmal, nein, ich weiß nicht. Das ist praktisch denke ich, und dann denke ich, was zur Hölle bedeutet „ich weiß nicht“. Also entweder habe ich Angst oder nicht. Wie kann man/frau denn nicht wissen, ob man (manchmal) Angst hat? Ist das schon ein Hinweis auf frühzeitig einsetzende Verkalkung, die heute anders bezeichnet wird? Wie genau, weiß ich nicht, aber Verkalkung sagt man heute auf jeden Fall nicht mehr. Ist vermutlich politisch unkorrekt u/o zu wenig sensibel, wenn man das sagt. Ich wiederum stelle bei mir, seitdem ich die 50 überschritten habe, eine galoppierende Tendenz zu zunehmender Vergesslichkeit fest, was ich aber in Blickrichtung auf die dämlichen Kommentare, die unter meinen Kolumnen stehen, mittlerweile als Geschenk ansehe. Ich les die und habe 5 Minuten später schon wieder vergessen, was da an Gemeinheit drinstand, was mir erspart, mich tagelang darüber ärgern zu müssen. Verkalkung – oder wie auch immer man das heute nennt – muss also nicht immer schlecht sein.</p>
<p>Labern Sie nicht so viel rum, wie lautet Ihre Antwort auf die Frage, unterbrechen Sie mich an dieser Stelle? Danke für den Hinweis, hätte ich beinahe vergessen. Meine Antwort lautet: Ich kann’s eh nicht ändern, also habe ich davor auch keine Angst. Das ständige Älterwerden fuckt mich zwar hin und wieder ordentlich ab – z.B. wenn ich morgens in den Badezimmerspiegel schaue und mich über das Bild erschrecke, das ich da sehe bzw. denke, das kannst unmöglich du sein –; aber das ist nicht dasselbe, wie Angst haben.</p>
<h2>Was macht Ihnen am Älterwerden am meisten Angst?</h2>
<p>Auch hier sind die Antwortmöglichkeiten praktischerweise vorgegeben: Einsamkeit, Ungewissheit, Gesundheitszustand, Finanzielle Situation, Etwas anderes, Gar nichts.</p>
<p>Streng genommen dürfte, wenn ich bei (1) „keine Angst“ anklicke, Frage (2) gar nicht mehr erscheinen. Aber geschenkt, es ist eine Umfrage in Facebook, da braucht man es mit Meinungsforschungslogik nicht allzu genau zu nehmen. Wenn wir jetzt mal so tun, als hätte ich oben „(ein bisschen) Angst“ angekreuzt, dann würden für mich prozentual zutreffen:</p>
<p>(a) <a href="https://texte-zur-sache.de/2024/09/01/aufbruch-aus-der-einsamkeit/">Einsamkeit</a>: 0 (bin froh, wenn ich meine Ruhe habe)<br />
(b) Ungewissheit: 0 (wenn 1 nun mal ungewiss ist, dann ist es die Zukunft)<br />
(c) Gesundheitszustand: 20 (bloß kein langes Siechtum. Möge mich, wenn es irgendwann soweit ist, ein schneller Tod ereilen)<br />
(d) finanzielle Situation: 20 (meine Hin-und-wieder-Sorge = die Inflation wird die schmale Altersrente auffressen und ich muss, um mich finanziell über Wasser zu halten, bis ans Lebensende Kolumnen, die pro Zeile abgerechnet werden, schreiben).</p>
<p>Bei „etwas anderes“ könnte ich hinzufügen: ich werde alsbald nicht mehr in der Lage sein, mit all den technischen Neuerungen Schritt zu halten und benötige dann Hilfe beim Bedienen meines, das komplette Leben überwachenden, Handys oder muss den ADAC anrufen, weil ich nicht weiß, wie ich mein selbstfahrendes Auto starte. Und – meine absolute Horrorvision, seitdem ich in den 80ern „Terminator“ gesehen habe – ich sorge mich ab und an davor, dass die Maschinen intelligenter als wir Menschen werden und die Kontrolle übernehmen. Speziell bei meinem Smartphone bin ich mir oft unsicher, wer von uns beiden nun der Schlauere ist, und so Sachen wie Alexa &amp; Co. kommen mir eh nicht ins Haus. Falls irgendwann mal sämtliche technische Expertise bei mir den Bach runtergeht und sie mir deshalb alle Geräte wegnehmen, damit ich keinen Unsinn mehr anstelle, wär’s auch nicht weiter dramatisch. Dann wäre endlich Ruhe mit Facebook und WhatsApp.</p>
<p>Vor anderen Entwicklungen, vor denen sich manche Boomer sorgen, sorge ich mich nicht. Bspw. die nervige Genderei oder die aus dem Ruder laufende Sensitivität einiger Bevölkerungskreise, die schon Amok laufen, wenn man in einem Text Zigeunersoße schreibt. Ich halte das für temporäre Zeitgeisterscheinungen. Wird sich beides nicht durchsetzen, weil die breite Masse es ablehnt, und deshalb irgendwann totlaufen. Und falls es sich wider Erwarten doch nicht totläuft, werde zumindest ich tot sein, bevor es sich flächendeckend ausbreitet. Hauptsache, auf meinem Grabstein wird nichts gegendert. Alles andere ist mir wurscht.</p>
<h2>Was würden Sie im Alter gerne tun?</h2>
<p>Die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten lauten:<br />
 Reisen oder Ausflüge machen<br />
 Studieren oder eine Ausbildung machen<br />
 Kochen, Gartenarbeit oder Handwerk<br />
 Kreativ tätig sein<br />
 Lesen<br />
 Etwas anderes<br />
 Ich weiß nicht.</p>
<p>Wer unternimmt nicht gerne Reisen und Ausflüge? Bis auf chronische Stubenhocker tut das eigentlich jeder. Wenngleich ich bei mir mit zunehmendem Alter die Tendenz feststelle, dass mich Fernreisen zu exotischen Zielen nicht mehr groß reizen, sondern 10 Tage Lago Maggiore im Sommer, 1 Woche Skifahren im Winter und zwischendurch ein 48-Stunden-Trip nach Amsterdam den Ich-muss-mal-raus-aus-meiner-gewohnten-Umgebung-Zweck genauso gut erfüllen. Studieren oder eine Ausbildung machen, möchte ich ü65 auf gar KEINEN Fall. Kochen, Gartenarbeit und Handwerk sind jetzt alle 3 eher nicht so mein Ding. Bin froh, dass ich ne Mikrowelle und nen Balkon statt Garten habe. „Kreativ tätig sein“ ist ein weites Feld. Ob regelmäßig Kolumnen-tippen da rein fällt, weiß ich nicht. Manchmal träume ich davon, im Alter einen Roman zu Papier zu bringen. Also einen Roman, der auch veröffentlicht wird und nicht nur meiner Selbstbeschäftigung dient. Aber so ein Projekt setzt einerseits ne Geschichte, die es wert ist, auf ein paar hundert Seiten erzählt zu werden und andererseits ne Menge Sitzfleisch voraus. Schau’n wir mal, ob mir dazu im alsbald beginnenden Rentenalter was Gescheites einfällt. Falls nein, dann bleibt mir ja immer noch die oben vorgeschlagene Option „Lesen“. Gibt circa 5000 spannende Bücher, die ich noch nie gelesen habe und weitere 500 Bücher, die ich ein zweites Mal lesen möchte. Ob ich die alle bis zu meiner Grablege schaffen werde, bezweifele ich jedoch.</p>
<p>Bei „etwas anderes“ könnte ich noch hinzufügen: Die Frau fürs Leben(sende) finden. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich die finde, taxiere ich auf unter 10 Prozent -&gt; Singles sterben einsam.</p>
<h2>Resümee</h2>
<p>Die Befragung ist zwar vom Grundsatz her richtig – unsere Bevölkerung vergreist ja immer mehr –, verbleibt aber viel zu sehr im Oberflächlichen. Natürlich haben einige von uns Boomern Angst vorm Älterwerden; jedoch dürfte es sich hierbei nicht um eine generelle „große“ Angst, sondern vielmehr um einen Flickenteppich kleinerer Ängste handeln. Aus meiner Beobachtung heraus stehen folgende 3 Sorgen im Vordergrund:<br />
(A) ich bin Single -&gt; wie lange werde ich gesundheitlich in der Lage sein, mich um mich selbst zu kümmern?<br />
(B) sobald ich mich nicht mehr um mich kümmern kann -&gt; wer tut es alternativ bzw. muss ich dann in ein 4-Bettzimmer in ein Altersheim?<br />
(C) kann ich irgendwann selbstbestimmt auf den Stoppschalter drücken, oder befinde ich mich am Ende hilflos in den Händen von Ärzten, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen?</p>
<p>Mit 61 lag man im 19ten Jhrd. oft schon 1 (oder 2) Meter tief unter der Erde. Als mein Großvater 1978 seinen 80sten Geburtstag im großen Rahmen feierte, sprach er von einem biblischen Alter, das nicht vielen vergönnt sei. Heute, wo wir alle Minimum 90 werden wollen, jedoch mit 70 kaum noch in der Lage sind, ohne Atemgerät 2 Treppen hochzulaufen und mehr künstliche Gelenke als normale Knochen im Körper haben, stellt sich zudem Frage (D): Wie sollen Gesundheits- und Pflegekosten für die partout nicht sterben wollenden Senioren auf Dauer bezahlt werden? Ich habe da kein gutes Gefühl, wenn ich mir die Form der deutschen Bevölkerungspyramide anschaue. Das wird, vor dem Hintergrund der chronisch wenig Geburten in unserem Land, nicht ewig funktionieren. Glücklich sind diejenigen, die Familien haben, die sich im Alter um sie kümmern werden.</p>
<p>Ich persönlich schwanke deshalb für meine ü70-Phase zwischen 3 Lösungsmöglichkeiten:<br />
(1) ich pendele zwischen den Gästezimmern meiner 3 Kinder und kümmere mich im Gegenzug darum, dass die Enkel lesen &amp; schreiben lernen (und sich v.a. sportlich betätigen)<br />
(2) Einzug in eine Alters-WG mit früheren Schulkumpels (m/w/d)<br />
(3) ich besorge mir 1 Flasche guten Whisky, lege Musik auf (z.B. was von den alten Genesis; also vor Phil Collins), trinke die Pulle in Ruhe aus und jage mir im Anschluss 1 Kugel durch den Kopf (diese Variante wäre volkswirtschaftlich gesehen die vernünftigste).</p>
<p>Was ich aber ü70 auf gar KEINEN Fall mehr tun werde = Kolumnen tippen.</p>
<p><strong>PS.</strong> dass es der ZEIT primär darum geht, mich in ein Abo reinzuziehen, habe ich schon verstanden. Ganz so senil, wie einige es nach dem Lesen dieses Textes wahrscheinlich vermuten, bin ich ja mit 61 nun noch nicht.<br />
<strong>PPS.</strong> während ich diese Kolumne schrieb, verschwand die Umfrage plötzlich wie von Geisterhand ferngesteuert von meinem Monitor und jetzt finde ich sie leider nicht mehr wieder = die ersten Anzeichen sind also schon da, dass 61-jährige mit der Technik ab und an heillos überfordert sind.<br />
<strong>PPPS.</strong> 3 Stunden später ist die Umfrage wieder da, und ich kann weiter oben im Text endlich den Link setzen. Wo auch immer die zwischenzeitlich abgeblieben war. Gut, dass man solche Dinge im Alter gelassener sieht und den Laptop nicht in spontaner Wut voreilig aus dem Fenster schmeißt.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Voll cringe!</title>
		<link>https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/voll-cringe/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Mar 2023 16:00:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Fußnoten eines jammernden Boomers]]></category>
		<category><![CDATA[Comedians]]></category>
		<category><![CDATA[Dieter Nuhr]]></category>
		<category><![CDATA[Humor]]></category>
		<category><![CDATA[Jan Böhmermann]]></category>
		<category><![CDATA[Lisa Eckhart]]></category>
		<category><![CDATA[ZDF]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Teilweise zum Fremdschämen fand Henning Hirsch die Sendung „Nuhr im Zweiten“ und sagt: Intellektuelle Überheblichkeit ist nicht gleichbedeutend mit feinsinnigem Humor. Die aktuelle Jammerboomer-Kolumne.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/voll-cringe/">Voll cringe!</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Hast du dir am Freitagabend die Böhmermann-Parodie auf Nuhr angesehen, fragt mich die Chefredaktion.<br />
Ne, da hab ich mir nen koreanischen Serienkiller-Film angeschaut; der war gar nicht schlecht, schreibe ich zurück.<br />
Macht nichts, gibt’s in der Mediathek.<br />
Und dann soll ich was drüber schreiben?<br />
Klar, andernfalls bräuchtest du dir die Sendung ja nicht in der Mediathek anzusehen. Und beeil dich ausnahmsweise mit dem Schreiben. Der Beitrag soll heute Abend raus.<br />
HEUTE ABEND?<br />
Ja!<br />
+++</p>
<p>Um es vorneweg zu sagen:<br />
(a) ich schau mir deutsche Comedy recht selten an (weil ich sie, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, überwiegend als langweilig empfinde)<br />
(b) die Sendung <a href="https://www.zdf.de/">Nuhr im Zweiten</a> habe ich mir nachträglich in der Mediathek angesehen.</p>
<p>Um 1 Sendung zu beurteilen, reicht es aus, diese 1 Sendung angeschaut zu haben, weshalb (a) im Zusammenhang mit dieser Kolumne unwichtig ist.<br />
+++</p>
<h2>Was war geschehen?</h2>
<p>Jan Böhmermann nutzt den Freitagabend-Platz im ZDF, um seine Sendung <a href="https://www.zdf.de/comedy/zdf-magazin-royale">Magazin Royale</a> komplett der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=pu1OXj70JJU">Persiflage seines Satire-Kollegen Dieter Nuhr</a> zu widmen. Zusätzlich treten auf (Parodien von): Lisa Eckhart, Luke Mockridge, Abdelkarim Zemhoute* und irgendein Kleinstadt-Komödiant, den ich auf die Schnelle (Text soll heute noch raus!) jedoch nicht recherchiert bekomme. Alles, was die 5 Parodie-Spezialisten in den 30 Minuten von sich geben, beruht auf Originalzitaten der Parodierten. Das Publikum klatscht teils wie wild, bricht in lautes Gelächter aus, Tränen der Freude rinnen manchen über die Wangen. Endlich werden Nuhr &amp; Co. demaskiert!</p>
<p>[* EDIT: im Nachgang erreichte mich ein Leserbrief, dessen Schreiber darauf hinwies, dass es sich bei der Persiflage nicht um den o.g. Abdelkarim Zemhoute, sondern Özgür Cebe handelt. Die Erwähnung des Erstgenannten gründet auf einem <a href="https://www.spiegel.de/kultur/tv/jan-boehmermann-parodiert-dieter-nuhr-a-628dffd8-8f75-4390-aeca-afc469b4cfb1">Beitrag des SPIEGELs.</a>]</p>
<p>Und bei mir, dem Jammer-Boomer-Kolumnisten, welches Gefühl beherrscht mich, während ich mir das „Spektakel“ ansehe? Ich weiß nicht, wie ich es korrekt beschreiben soll. Ist was Diffuses, oszilliert zwischen „lustig ist was anderes“, Fremdscham und „Kollegenschelte finde ich eigentlich Scheiße“.</p>
<p>Wenn wir die Parodie sezieren – was wir hier nur grob und oberflächlich tun werden, denn bei diesem Text handelt es sich um eine Kolumne und nicht einen Fachaufsatz zum Thema „Welche Faktoren bestimmen den deutschen Humor?“ –, lassen wir uns am besten von meinen oben genannten 3 Gefühlen leiten:</p>
<h2>Lustig ist was anderes</h2>
<p>ICH habe mich in den 30 Minuten nur mäßig unterhalten gefühlt und dachte oft: DIESER Satz reicht aus, um ihn zu persiflieren? Gibt’s da nichts Gravierenderes, was man durch den Kakao ziehen kann? Ist man heutzutage schon parodierenswert, wenn man sich kritisch zum Gendern und zu fluiden Geschlechtsidentitäten äußert? Wenn man die neue feministische Außenpolitik aufs Korn nimmt? Was war an dem türkischstämmigen Comedian derart verkehrt, dass er ne linke Persiflage verdient? <a href="https://texte-zur-sache.de/2020/08/18/der-kalauer-der-unbedingt-ne-satire-sein-moechte/">Gänzlich schizophren wird das Ganze bei Lisa Eckhart.</a> Die ist ja ein Liebling vieler deutscher Linksliberaler. Warum muss sie dann als Zerrbild einer rechten Kabarettistin herhalten? Weil sie vor einigen Jahren gezielt antisemitische Klischees bediente (was ihr die Linke aber großenteils durchgehen ließ), oder aber weil sie jetzt Witze über Männer reißt, die sich zu Feministen erklären (ein Feld, bei dem die identitätsfixierte Fraktion keinen Spaß versteht)? Man muss kein Jammer-Boomer sein, um hier ein linkes Humor-Dilemma zu erkennen. Über Luke Mockridge und den anderen Komiker lohnt es nicht, mehr als 1 Satz dazu zu schreiben: zu banal, zu platt ist deren Klamauk, als dass er es auch nur ansatzweise wert wäre, ihn mittels einer Parodie zu adeln.</p>
<h2>Voll cringe</h2>
<p>Fremdscham – neudeutsch-denglisch auch Cringe genannt – überkam mich v.a. beim Publikum. Wie kann man darüber bloß so in Wallung geraten, dachte ich. Waren die Leute auf Glücksdroge, kriegten die Geld fürs Applaudieren, war das ne Nordkorea-mäßig orchestrierte Veranstaltung oder reicht dem mitteleuropäischen Zuschauer echt so ne fade Performance, um sich vor Lachen zu schütteln? Um es an dieser Stelle noch schlimmer zu machen: einige der Originalsätze von Nuhr und Eckhart fand ich wirklich ganz witzig, während ich deren Persiflage als typisch deutsch iSv. ernsthaft um Humor bemüht, aber halt trotzdem nicht lustig, einstufte. Aber was versteht ein Jammer-Boomer schon von Humor?</p>
<p>+++<br />
Kurzer <strong>Einschub</strong> an dieser Stelle: ich fand bspw. gestern Abend auf Netflix sehr lustig, als sich Wednesday (ein Mitglied der Addams Familie) dermaßen über die Blödheit ihrer Mitschüler aufregte, dass sie denen beim Schwimmsport Piranhas ins Becken warf, womit sie ein kleines Blutbad anrichtete. Ohne übrigens Rücksicht darauf zu nehmen, ob sich sensible Zuschauer durch das (kleine) Blutbad verletzt fühlen könnten. Da musste ich grinsen (merke: männliche Boomer schmunzeln nicht. Ist ein Verb, das man als Autor nicht nutzen sollte. Und falls man es doch tut, dann tunlichst nur bei Frauen. Einen schmunzelnden Kerl kann niemand erstnehmen. Selbst linksliberale Frauen nehmen einen schmunzelnden Mann nicht Ernst).<br />
+++</p>
<h2>Kollegenschelte ist Scheiße</h2>
<p>Ja, ist sie. Und natürlich ist eine Parodie nichts anderes als eine Sonderform der Schelte – du ewig gestriger rechter/konservativer Comedian sagst politisch derart unkorrekte Sachen in deiner Show, dass wir guten Linken nicht drumherum kommen, dich auf die Schippe zu nehmen. Kann man natürlich tun – also Kollegen dissen. Ist ja schließlich nicht qua Gesetz verboten. Wenn wir damit mal anfangen – weshalb nicht auch: Fußballreporter Meier wirft Fußballreporter Müller vor, von Fußball keine Ahnung zu haben? Nachrichtensprecherin Schulze beklagt, dass Nachrichtensprecherin Seifert keine schöne Stimme hat, wenn sie die Nachrichten vorliest. 5-Sterne-Koch Großmann berichtet vor laufender Kamera, dass 4-Sterne-Koch Mittelmann deshalb keinen 5ten Stern erhält, weil er zu billige Zutaten in seinen Speisen verwendet. Und, mein aktueller Liebling, Kolumnist B (oder C oder X oder Y. Suchen Sie sich einen Buchstaben aus) erklärt, dass Kolumnist H vom Kolumnenschreiben keinen blassen Schimmer hat etc. etc. Hat was von Rapper-Beef oder Hip-Hop-Battle. Dem Publikum gefällt das. Das Publikum muss aber auch nicht in den Ring. Das begnügt sich mit Voyeurismus, hämischen Zwischenrufen und Daumen rauf/runter. Ich persönlich halte Kollegenschelte für schlechten Stil und lasse davon, auch wenn es mich bei mancher Kolumne manchmal juckt, die juckenden Finger tunlichst weg von der Tastatur und kratze mich stattdessen lieber zwischen den Beinen.</p>
<p>Um zum Schluss zu kommen – denn mehr als maximal 1000 Wörter ist die jüngste Böhmermann-Sendung nicht wert –: ICH fand’s überwiegend peinlich. Wenn einem humoristisch echt nichts mehr einfällt, als seinen Kollegen an deren Comedian-Beine zu pinkeln – oh weh! Die Skriptschreiber scheinen geistig erschöpft zu sein. In diesem Fall rate ich zu ner mehrmonatigen Auszeit wahlweise auf einer unbewohnten thailändischen Insel oder im australischen Outback, um da in der Abgeschiedenheit wieder zu Kräften u.v.a. auf neue pfiffige Ideen zu kommen.</p>
<p>Zumal durch die Persiflage ja der Eindruck erweckt wird, es gibt guten (Böhmermann) und bösen (Nuhr) Humor. Was für eine Scheiße ist das denn? Wer bestimmt, was guter Humor ist – das ZDF mit seinem Magazin Royale? Die linksliberale Intelligenz, die schon bei Lisa Eckharts Kokettieren mit antisemitischen Klischees meilenweit daneben lag? Warum dürfen keine Witze über Klimaaktivisten gemacht werden? Weil’s aus dem Blickwinkel der Zeitgeistavantgarde politisch unkorrekt ist? Um Gottes Willen! Ne Menge Jokes sind unkorrekt. Um nicht zu sagen: 90 Prozent des weltweiten Humors lebt von seiner politischen Unkorrektheit. Wer das nicht mag, verabredet sich halt nur noch mit den 10-Prozent-Resthumor-Gleichgesinnten.</p>
<p>Ich empfinde das, was Jan Böhmermann am vergangenen Freitagabend getan hat, als zutiefst unkollegial, hart an der Grenze, dass ich mir ihn in Zukunft nicht mehr ansehen werde (um jetzt noch ein bisschen Verwirrung am Ende der Kolumne zu stiften: inhaltlich stimme ich weit öfter mit ihm als Dieter Nuhr überein. Aber diese penetrant zur Schau getragene intellektuelle Überheblichkeit geht mir doch stark auf den Sack).</p>
<p><strong>PS.</strong> sollte es sich um ein abgekartetes Spiel zwischen Böhmermann und Nuhr handeln – wie bereits einige Facebook-Eingeweihte hinter vorgehaltener Hand raunen –, um mittels gegenseitigen Persiflierens die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben, will ich das Voranstehende natürlich nicht gesagt haben und behaupte in meiner nächsten Kolumne was anderes.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/voll-cringe/">Voll cringe!</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Die Kolumne, von der manche irrtümlich glaubten, dass ich wie Bukowski schreibe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Mar 2023 07:00:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Fußnoten eines jammernden Boomers]]></category>
		<category><![CDATA[Charles Bukowski]]></category>
		<category><![CDATA[Der Mann mit der Ledertasche]]></category>
		<category><![CDATA[Gedichte]]></category>
		<category><![CDATA[Hank Chinaski]]></category>
		<category><![CDATA[Trivialliteratur]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://diekolumnisten.de/?p=26952</guid>

					<description><![CDATA[<p>Niemand kann schreiben wie Charles Bukowski; daran ändern auch ein paar Schwänze und Titten im Text nichts. Die neue Jammer-Boomer-Kolumne von Henning Hirsch. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/die-kolumne-von-der-manche-irrtuemlich-glaubten-dass-ich-wie-bukowski-schreibe/">Die Kolumne, von der manche irrtümlich glaubten, dass ich wie Bukowski schreibe</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Hast du die Kommentare unter deiner letzten Kolumne gelesen, will die Chefredaktion von mir wissen.<br />
Ja, habe ich.<br />
Du musst dich da mehr zügeln.<br />
ICH muss mich mehr zügeln?<br />
Das ist zu hart, was du manchen Kommentatoren antwortest.<br />
Auf einen groben Klotz ein grober Keil oder so ähnlich. Hätte meine Großmutter mütterlicherseits dazu gesagt.<br />
Mich interessiert nicht, was deine Großmutter mütterlicherseits dazu gesagt hätte. ICH sage: ZÜGELE dich!! Wir sind ein seriöses Medium und beleidigen unsere Leser nicht.<br />
Gilt das auch für dämliche Leser?<br />
JA, auch für die gilt das!<br />
Okay, okay, ich hab’s verstanden.</p>
<p>Schreib was über Bukowski.<br />
Warum? Da gibt’s aktuell kein Jubiläum. Also keinen konkreten Anlass.<br />
Weil von den Kommentatoren ein paar Mal Bukowski unter deiner letzten Kolumne erwähnt wurde. Deshalb.<br />
Das reicht als Grund?<br />
Ja, das reicht. Und dieses Mal weniger Schwänze und Titten. Damit hattest du es in deinem letzten Text übertrieben.<br />
Manchmal echt schwer, es euch Recht zu machen.<br />
Jammer nicht, sondern setz dich dran. Schaffst du das bis Sonntag?<br />
Ich versuch’s.</p>
<h2>Titten &amp; Schwänze machen noch keinen Bukowski</h2>
<p>Ich nehm mir also nochmal <a href="https://texte-zur-sache.de/2023/03/22/fluide-geschlechterrollen-und-identitaets-gaga/">meine letzte Kolumne</a> vor und überfliege die darunter stehenden Kommentare. Ich entdecke insgesamt 7 Sätze, in denen das Wort Bukowski vorkommt:</p>
<p> Erinnert mich irgendwie an Die Taschenbücher von Charles Bukowski<br />
 Ganz entfernt an Bukowski<br />
 Bukowski war ein versoffenes Arschloch. Aber er war etwas was man HH nicht sagen kann &#8211; offen für alles<br />
 Bukowski lässt grüßen<br />
 du tust Bukowski Unrecht<br />
 Bukowski war ein Genie seiner Zeit<br />
 Nicht jeder, der Titten und Ärsche schreibt, ist ein verkannter Bukowski.</p>
<p>Alles ein bisschen richtig, aber alles auch völlig verkehrt.<br />
Fangen wir der Reihe nach an.</p>
<blockquote><p>Erinnert mich irgendwie an Die Taschenbücher von Charles Bukowski.<br />
Bukowski lässt grüßen.<em><br />
</em></p></blockquote>
<p>Wahrscheinlich, weil ich 7x Titten und 9x Schwanz in dem kleinen Text untergebracht habe (ein Kommentator hatte sich die Mühe gemacht, das durchzuzählen). Des Weiteren kam eine Transe drin vor und ich berichtete davon, wie wir – also die Transe und ich – uns nach einer langen Partynacht im Hochsommer 1982 gegenseitig die Schwänze lutschten.</p>
<p>Ob das schon Bukowski ist?<br />
Ja und nein.<br />
Von seinem Schwanz – den er, um nicht immer Schwanz zu sagen, was auf Dauer dann nämlich ermüdend wirkt, abwechselnd auch Ding und Prügel nennt – und Titten berichtet er viel in seinen Stories. So viel, dass mir als Leser mitunter Zweifel kommen, ob er tatsächlich so viele verschiedene Titten zu Gesicht bekommen hat, wie er in seinen Geschichten behauptet. Denn wenn mal eins bei einem Schriftsteller quasi ein Naturgesetz ist, dann die Tatsache, dass er VIELE Stunden ALLEINE am Schreibtisch sitzt und Buchstabe auf Buchstabe in seine Tastatur reinhämmert. Aus den Buchstaben formen sich Worte, die reihen sich zu Sätzen, die häufen sich zu Passagen, bis dann endlich ein Stapel Papier mit ner fertigen Geschichte drin (oder: drauf) sich vor dem Autor türmt. Einen Schreiber erkennt man zum einen an seiner Kurzsichtigkeit und zum anderen an den Schwielen an seinem Hintern. Zwischen all den Worten und Geschichten bleibt echt nicht viel Zeit für ständig neue Titten. Die Quantität der sich in seinem Bett abwechselnden Frauen ist was, das ich bei Bukowski immer schon leicht in Zweifel gezogen habe. Aber vielleicht stimmt’s auch und meine Zweifel sind falsch oder entspringen bloß meinem Neid auf sein ausuferndes Sexleben. Wobei ich, seitdem ich die 50 überschritten habe, ganz froh bin, dass der Sexualtrieb jetzt nicht mehr der stärkste meiner Triebe ist und abgelöst wurde von der Hantelbank im Fittie und Facebook.</p>
<p>Ne Story mit ner Transe kenne ich übrigens nicht von Bukowski. Wobei ich zugegebenermaßen viele, aber nicht alle, Stories von ihm kenne. Eventuell gibt’s doch eine, die ich auch schon mal gelesen habe. Falls ja, dann hab‘ ich die Bukowski-Transen-Story jedoch wieder vergessen. Ebenfalls das, also das Vergessen, passiert mir, seitdem ich die 50 überschritten habe, ständig.</p>
<p>Also: nur, weil in einem Text 9x Schwanz + 7x Titten + 1 Transe vorkommt, ist es noch kein Bukowski.</p>
<h2>Man kann gute Autoren nicht plagiieren</h2>
<blockquote><p>Ganz entfernt Bukowski.<br />
Du tust Bukowski Unrecht.<br />
Bukowski war ein Genie seiner Zeit.<br />
Nicht jeder, der Titten und Ärsche schreibt, ist ein verkannter Bukowski.</p></blockquote>
<p>Alle 4 Kommentare sind Binsen, treffen aber zu. Man kann einen Autor nicht plagiieren. Das gelingt vielleicht für die Textlänge von zwei, drei Seiten; aber niemand schafft das ne komplette Geschichte oder gar einen Roman lang. Der Stil eines Autors ist unverwechselbar und macht das Abkupfern unmöglich. Zumindest für die guten Schriftsteller gilt das. Versuchen Sie mal, einen Henry Miller oder einen Raymond Carver zu kopieren. Länger als 1 Seite werden Sie das nicht durchhalten. Und an dieser 1 Seite werden Sie LANGE sitzen und die Experten werden trotzdem merken, dass es sich um eine mittelmäßige Fälschung handelt. Wenn Sie also unbedingt was kopieren wollen, dann kaufen Sie sich ne Fahrkarte nach Paris, setzen sich im Louvre vor die Mona Lisa und malen die ab. Ist einfacher, als den Stil von Bukowski zu imitieren.</p>
<p>Was man tun kann – sich als Schreiber von seinen Inhalten inspirieren lassen. In <a href="https://www.kiwi-verlag.de/buch/charles-bukowski-mann-mit-der-ledertasche-9783462034301">Der Mann mit der Ledertasche</a> (im Original: Post Office) – seinem Roman-Erstling – geht’s ja nicht nur um Schwänze, Titten, Geschlechtsverkehr, Jeden-Abend-saufen-bis-die-Lichter-ausgehen und Wetten auf der Pferderennbahn; zusätzlich nimmt die Schilderung des monotonen Arbeitsalltags im Innendienst der US-amerikanischen Post großen Raum in diesem Buch ein. Wenn man den Innendienst der US-Post der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit den heutigen Billiglohn-Jobs im Hartz4-Deutschland vergleicht (z.B. der Arbeit in einem Callcenter), bemerkt man, dass es zahlreiche Parallelen gibt. Aus Pferderennbahn macht man 1-Euro-Wettbüros (Huren, Geschlechtsverkehr und Saufen waren vor 60 Jahren dasselbe wie heute) und schon hat man die Originalstory einzig durch Veränderung der Schauplätze auf den aktuellen Stand gebracht. Und kann diese „neue“ Geschichte in seinen eigenen Worten erzählen = erinnert ganz entfernt an Bukowski.</p>
<p>+++<br />
Kurzer Einschub an dieser Stelle zum Kommentar „Bukowski war ein Genie seiner Zeit“. Ohne jetzt lang und breit darüber zu philosophieren, was ein Genie ausmacht (dazu gibt’s mehr Definitionen als Genies in Facebook), fällt auf, dass der Schreiber die Einschränkung „seiner Zeit“ hinterhergeschoben hat. Wäre er also nach den Maßstäben der heutigen, politisch SEHR korrekten, Zeit nicht mehr als Genie zu betrachten? Ist das Wesen eines Genies jedoch nicht u.a. dadurch bestimmt, dass es zeitlos ist? Oder wäre bspw. das renaissancistische (dieses Adjektiv musste ich googlen) Universalgenie Leonardo da Vinci im März 2023 gar kein Genie mehr? Geniestatus also mittlerweile nur noch mit Verfalldatum? Ich hege, was die Vergänglichkeit angeht, große Zweifel und gehöre zur Fraktion „1x Genie, dann auf ewig Genie“. Gehe deshalb sparsam mit diesem Begriff um und sage in Bezug auf Bukowski auch nur, dass er ne verdammt gute Schreibe hatte und ich ihn echt gerne lese. Ob ne verdammt gute Schreibe gleichbedeutend mit Genie ist, mögen diejenigen beurteilen, die sich berufsmäßig mit Genie-Definitionen beschäftigen. Vorgezogenes PS. es ging diesem Kommentator natürlich nur vordergründig darum, Bukowski den Geniestatus zu gewähren (wenn auch limitiert auf seine Zeit), sondern vielmehr, ihn meiner letzten Kolumne abzusprechen. Und auch das ist natürlich eine Binse, denn wenn meine Texte 1 NICHT sind, dann genial. Hin und wieder sind sie ganz vergnüglich – zumindest ich vergnüge mich beim Tippen –, aber das ist von Genie genauso weit entfernt wie mein aktueller körperlicher Zustand von Arnold Schwarzenegger, als der in „Conan, der Barbar“ mitspielte. Ende des kurzen Einschubs.<br />
+++</p>
<h2>Sind alle Säufer zwangsläufig Arschlöcher?</h2>
<blockquote><p>Bukowski war ein versoffenes Arschloch. Aber er war etwas was man HH nicht sagen kann &#8211; offen für alles.</p></blockquote>
<p>Über diesen Satz (ja ja, es sind 2) habe ich länger nachdenken müssen. Obwohl in klaren Worten formuliert, ist mir der dahintersteckende Sinn nicht ganz klar. Es gibt für Satz 1 nämlich 2 Deutungsweisen:</p>
<p>(a) versoffen &amp; Arschloch gehören zusammen. D.h. jemand, der säuft, mutiert zwangsläufig zum Arsch<br />
(b) versoffen und Arschloch stehen nur zufällig (bzw. individuell auf seine Person bezogen) nebeneinander, sind aber ansonsten als 2 separate Phänomene zu betrachten. Man kann also – wenn man nicht Bukowski heißt – zwar saufen, ohne ein Arsch zu sein und es gibt zusätzlich noch die Variante des nicht-trinkenden Arschlochs.</p>
<p>Mal völlig losgelöst davon, dass die obige Behauptung für Bukowski nicht durchgängig zutrifft – in den 80er Jahren wurde er trocken –, wäre sie in Variante (a) zudem Blödsinn. Denn ich kenne ne Menge recht netter Säufer und ich kenne zudem jede Menge nicht-trinkender Arschlöcher. Und glauben Sie mir – wenn ich von 1 Ahnung habe, dann vom Trinken, von Alkoholikern und von Arschlöchern. Die Mehrzahl der Säufer ist friedlich und will ihre Ruhe haben. Zu dieser Gruppe gehörte ganz sicher auch Charles Bukowski. Denn ohne Ruhe hätte er nie seine VIELEN Kurzgeschichten, Gedichte und Romane schreiben können. Er war also hundertpro nicht der Trinker, der ständig auf Krawall gebürstet seine Umwelt schikaniert und Frauen verprügelt. In der Realität wird er ein zurückgezogen lebender, leicht menschenscheuer Mann gewesen sein, der am liebsten vor seiner Schreibmaschine saß und die größte Befriedigung darin empfand, wenn ihm ein neuer Text gut gelungen war.</p>
<p>Nun kann aber die Typisierung „Arschloch“ von der Kommentatorin auch dahingehend gemeint gewesen sein, dass sie mit den Inhalten seiner Stories nicht d’accord geht. Zu viel Schmuddelsex drin, zu viele obszöne Worte, zu viel Trinkerei, zu viel Gewette auf Pferde. Ein Frauenbild, das zu wünschen übrig lässt plus eine politische Einstellung, die man nicht exakt verorten kann, was vor allem Linke überhaupt nicht mögen. Linke lesen am liebsten linke Autoren. Und wenn sie mal versehentlich nen konservativen Autor lesen und den, weil sie nicht wissen, dass der eigentlich konservativ ist, gut finden, werden sie ihn sofort verleugnen, sobald ihnen einer steckt, dass sie nen konservativen Autor in den Händen gehalten haben. Linke sind da simpel gestrickt (sie selbst würden das als ideologisch-gefestigt bezeichnen), weshalb ihnen in der Konsequenz ne Menge guter Literatur von konservativen Autoren durch die Lappen geht. Als ich in einer Gruppentherapie in der Suchtklinik Andernach, wo ich nach einem vorangegangenen Besäufnis in Koblenz mal wieder zum Entzug gestrandet war, anregte, eine kleine Exkursion zum 500 Meter entfernt liegenden Geburtshaus von Bukowski zu unternehmen, wurde dieser Vorschlag von der Psychologin mit dem Satz „Der ist doch bloß ein Autor von Trivialliteratur“ abgelehnt. Stattdessen machten wir im Anschluss irgendwas mit Speckstein.</p>
<h2>TRIVIALLITERATUR!!</h2>
<p>Was ist das überhaupt? Warum ist Bukowski trivial, Thomas Mann hingegen nicht? Geht’s da um die verwendeten Wörter, die Länge der Sätze, die Leichtigkeit bzw. Mühsal, die man beim Lesen empfindet? Gilt die Formel: anstrengend zu lesen + überwiegend langweiliger Inhalt -&gt; es muss sich um Hochliteratur handeln? Falls dem so sein sollte, dann bevorzuge ICH eindeutig das Triviale. 5 Seiten Thomas Mann hatten auf mich immer schon dieselbe sedierende Wirkung wie 1 Flasche Rotwein. Während ich „Der Mann mit der Ledertasche“ in einem Rutsch durchlesen kann.</p>
<p>Aber zurück zum versoffenen Arschloch. Denn dieser Einwand ist ja, wenn wir vom unter Alkoholeinfluss prügelnden (was er nicht getan hat) zum aufgrund literweise Bier und Schnaps völlig enthemmt formulierenden Autor weiterziehen, nicht völlig von der Hand zu weisen. Bukowski hat politisch komplett unkorrekt geschrieben. Speziell sein Frauenbild müsste heutigen Feministinnen den Blutdruck in die ungesunde Höhe von 180 zu 120 schnellen lassen, bevor sie sich mit Benzinkanistern bewaffnet in die Büchereien begeben, um dort seine Romane zu verbrennen. Die Frauen kommen echt nicht gut weg in seinen Geschichten: irgendwas ist immer verkehrt an denen. Zu dauerhafter Liebe ist er – zumindest sein Alter Ego Hank Chinaski – nicht fähig. Es reicht für Sex und gemeinsames Trinken, aber nie hat eine Beziehung auch nur die leiseste Aussicht auf länger anhaltenden Erfolg. Alles währt kurz, ständig werden die Partnerinnen gewechselt und am Ende bleibt der Protagonist alleine vor seiner Schreibmaschine zurück. Was dieses deprimierende Bild abmildert, ist die Fähigkeit des Autors zur Selbstironie. Er sucht die Fehler vor allem bei sich und ist zudem in der Lage, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Nichtsdestotrotz treibt einem die schiere Anzahl der Bettgeschichten – ob die nun alle tatsächlich passiert sind oder in weiten Teilen seiner Fantasie entspringen, ist hier nebensächlich – mitunter den Angstschweiß auf die Stirn. Gut, dass AIDS damals kein Thema war, denkt man als in den 60er Jahren geborener Leser, sonst hätte HIV meinen Lieblingsautor höchstwahrscheinlich frühzeitig dahingerafft. Denn von Kondomen und Verhütung hielt er anscheinend nicht allzu viel. Zumindest erwähnt er solche Vorsichtsmaßnahmen so gut wie nie.</p>
<h2>Frauenbild lässt stark zu wünschen übrig</h2>
<p>Wenn sich jetzt noch zusätzlich zum misogynen Frauenbild herumspricht, dass Bukowski in der Jugend Sympathien für den Faschismus äußerte, ihm linksliberale Intellektuelle noch mehr auf den Sack gingen als republikanisch wählende Rednecks und er, wenn er von Schwarzen spricht, oft das böse N-Wort verwendet, würde sich heute kein Verlag mehr finden, der seine Manuskripte 1 zu 1 abdruckt. Ohne STRENGES Lektorat hätte er im politisch hyperkorrekten Literaturbetrieb keine Chance. Dabei leben seine Texte natürlich jenseits des Inhalts (also der erzählten Story) ganz stark von der politisch unkorrekten Sprache. Ob er in seiner Jugend mit dem Faschismus sympathisierte – drauf geschissen. Was er von linksliberalen Intellektuellen hält – wahrscheinlich dasselbe wie ich. Ob er das N-Wort nutzt: muss man nicht tun, er hat’s aber getan. Und hatte an 1 Tag im Post-Innendienst vermutlich mehr freundschaftlichen Kontakt mit Afroamerikanern als der deutsche linksintellektuelle Durchschnittsleser im gesamten Leben. Und sein Frauenbild – oh jeh, das ist schlimmer als meins. V.a. an der Austauschbarkeit, der Beliebigkeit störe ich mich. Kommt einem nicht irgendwann der Gedanke, dass Quantität auf Dauer nicht glücklich macht? Was bringt der 10.000ste Orgasmus mit der 1000sten Frau, wenn man nicht in der Lage ist, 1 davon rauszupicken, von der man sich vorstellen kann, gemeinsam mit ihr alt zu werden? Bzw. ist es dann nicht schlauer, sich seine eigene Beziehungsunfähigkeit einzugestehen und ins Zölibat zurückzuziehen? Wobei wir hier von der fiktiven Figur Hank Chinaski reden. Der reale Charles Bukowski hatte zwei länger anhaltende Partnerschaften. Aber auch beim vordergründig misogynen Hank schimmert oft durch, dass er ein nach Liebe Suchender ist. Er sie jedoch aus diversen Gründen nie findet. Die Ruppigkeit ist vor allem Selbstschutz aus ständiger Sorge vor dem Verlassenwerden – ein Schicksal, das ihn wie eine Self fulfilling prophecy in beinahe schon monoton zu nennender Frequenz alle paar Wochen aufs Neue ereilt.</p>
<h2>Gedichte als Ausweg aus der schriftstellerischen Geschwätzigkeit</h2>
<p>Dass Bukowski ein hervorragender Schriftsteller ist bzw. war – das steht für mich als Boomer fest, seit ich das erste Buch von ihm Anfang der 80-er Jahre in den Händen hielt. Ich hab damals direkt 3 Romane von ihm hintereinander gelesen. Dann stellte sich ein gewisser Sättigungsgrad ein, weil er begann, sich zu wiederholen. Was viele Autoren tun. Man kann ja nicht jeden Tag was völlig Neues aufs Papier zaubern. Aber nach 3 Büchern war mein Bedarf an Schwänzen, Titten, saufen, bis der Rettungswagen kommt, Pferdewetten und Schilderungen des Lebens am Rande der Gesellschaft erst mal gedeckt. In den 90-er Jahren kaufte ich mir ein paar Bände seiner Kurzgeschichten und in den 2000-ern kamen die Gedichte hinzu. Mit den Letztgenannten fremdelte ich anfangs, denn ich dachte: nicht alles, was im Schüttelsatz daherkommt, ist zwangsläufig Poesie. Ein Mitpatient erklärte mir im Raucherzimmer einer Suchtklinik, dass man sich darauf einlassen müsse (eigentlich eine Binse), dann würden einem die Gedichte irgendwann am besten gefallen. Und da man in nem Alkoholentzug außerhalb der täglichen Gruppentherapie vor allem eins hat – nämlich massig Zeit, ließ ich mich 14 Tage lang darauf ein. Und ja, der Mitpatient hatte Recht gehabt: die Schüttelsatz-Gedichte von Bukowski fingen an, mich zu faszinieren. Weil da viel Wahres auf knappem Raum konzentriert war. Jahre später entdeckte ich eine Aussage von Bukowski dazu – die ich, weil ich nicht mehr weiß, wo ich die gefunden habe, hier bloß noch sinngemäß wiedergebe: „Meine Gedichte sind mir von allen Texten die liebsten, weil ich gezwungen bin, mich kurz zu fassen und jede Geschwätzigkeit vermeide.“ Ja, so ist es! Romane sind geschwätzig und Kolumnen sind es sowieso. Die Kurzgeschichte ist ein Hybrid, Bloß das Gedicht schafft es, eine Sache präzise und knapp auf ihren wesentlichen Kern zu reduzieren. Der Gedanke gefiel mir außerordentlich. Seitdem lese ich abends oft Gedichte, schreibe aber selbst so gut wie keine. Ich bin halt ein notorisch geschwätziger Kolumnist.</p>
<h2>Moralischer Spagat der Facebook-Zeitgeistavantgarde</h2>
<p>Was mich oft erstaunt, ist die Wertschätzung, die Bukowski bei der linksliberalen Facebook-Zeitgeistavantgarde erfährt. Er schreibt ja durchgängig so, dass er nicht nur Radikal-Feministinnen die Zornesröte ins Gesicht treiben müsste. Hätte man vor einigen Jahren 1 seiner Gedichte an die Außenwand der Berliner Uni gehängt (statt die stinklangweilige Frauen-sind-wie-Blumen-Poesie), ohne drunter zu erwähnen, dass es von ihm stammt – die Studenten hätten nicht bloß die sofortige Entfernung gefordert, sondern in einem Aufwasch gleich noch den Rektor und den Hausmeister gelyncht. Dieselben Leute, die im virtuellen Raum Amok laufen, sobald sie da Zigeunerschnitzel und Mohren-Apotheke lesen, drücken bei Hank beide Augen zu, streicheln verträumt über ihren Hoden und sagen dann so Sachen wie: „Bukowski war ein Prophet des anderen Amerika.“ Verstehen Sie das? Ich tu’s nicht. Aber ich bin auch kein linksliberaler Intellektueller.</p>
<p>Ich kann mir diesen moralischen Spagat nur so erklären, dass die Zeitgeist-Avantgarde ihn zum einen mag, weil er seit knapp 30 Jahren unter der Erde liegt und man zum anderen bei ihm die Vulgarität und das Obszöne als reine Stilmittel ansieht, mit deren Hilfe der Autor einen tieferen Inhalt transportiert. Das stimmt, aber ist trotzdem nur die halbe Wahrheit. Gibt ne Menge Stories von Bukowski, die sind einfach nur vulgär, bar jeder dahinterstehenden Botschaft. Es sei denn, man interpretiert die Depression, die den Protagonisten pünktlich nach jedem Orgasmus überkommt, bereits als bedeutsame tiefenpsychologische Erkenntnis. Ansonsten tut Bukowski das, was jeder gute Schriftsteller am liebsten macht: er hämmert spontan eine Geschichte in die Tastatur, ohne sich vorher großartig Gedanken über darin eventuell zu transportierende Botschaften zu machen und erfreut sich an seiner Fähigkeit, Worte so aneinanderzureihen, dass der Leser sich dadurch unterhalten fühlt. Wenn das trivial ist – von mir aus. Erfrischender als vieles von dem, was die deutsche Schriftstellerzunft hervorbringt, ist es allemal.</p>
<p>Um ihn richtig zu verstehen, muss man wahrscheinlich selbst Alkoholiker sein. Dann kann man seine chronische Menschenscheu (was nicht dasselbe wie Misanthropie ist), die Unfähigkeit, sich auf längere Beziehungen einzulassen, die ständige Flucht in Bier &amp; Schnaps, das Hinübergleiten in Parallelwelten (bei ihm die Symphonien von Mahler), die Verachtung dem Dasein gegenüber – ohne allerdings Selbstmord als Ausweg zu wählen, weil sich ein letzter Funke Verstand doch beharrlich am Überleben festklammert – aufgrund eigener, ähnlich gelagerter Gefühle gut nachvollziehen. Und während des Rausches wird dem Trinker bewusst, dass all sein Tun eitel und nichtig ist. Wie winzig und irrelevant wir aus dem Blickwinkel des Universums doch sind: Weltraum-Amöben, die niemand vermisst, wenn unser Planet uns eines Tages um die Ohren fliegt.</p>
<p>Stünde Bukowski morgen aus dem Grab auf und wir legten ihm seine Bücher zur Überarbeitung (z.B. das böse N-Wort ausmerzen) vor, dann würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen: Verbrennt alles und behaltet bloß 1 Dutzend Gedichte. Der ganze Rest war eitles Geschwätz. Und jetzt entschuldigt mich bitte; ich habe Durst und will mir ordentlich einen hinter die Binde kippen, denn in der Säuferhölle gibt’s leider nichts zu trinken.</p>
<p>Lassen Sie uns zum Schluss dieser Jammer-Boomer-Kolumne ein paar Sachen festhalten:<br />
 Bukowski ist vom Standpunkt des heutigen Zeitgeistes aus betrachtet völlig unkorrekt<br />
 Seine Leserschaft wird überwiegend männlich sein (altersmäßig möchte ich mich nicht festlegen. Vermutlich mehr Boomer als Generation Z)<br />
 Er ist einer der schärfsten Beobachter der dunklen Seiten des American way of lifes und der dazugehörigen Abgründe der menschlichen Natur, den ich kenne (und damit wir als Deutsche nicht sofort wieder in unseren Reflex „klar, die bösen Amis“ verfallen: es gibt selbstverständlich auch genügend dunkle Seiten unserer eigenen Lebensweise)<br />
 Bukowski gehört zu den Top-5-Autoren des US-Literaturbetriebs des 20sten Jahrhunderts<br />
 Dass er jahrzehntelang zu viel getrunken hat, hat seiner Schaffenskraft nicht groß geschadet. Sein Œuvre ist echt enorm<br />
 Und – um den Bogen zurückzuschlagen zum Ausgangspunkt dieser Kolumne: NIEMAND kann ihn kopieren.</p>
<h2>Ein paar Lesetipps</h2>
<p>Hier der guten Ordnung halber noch seine Romane in chronologischer Reihenfolge (in Klammern dahinter, wie ich sie ranke):<br />
 Post Office/ <a href="https://www.kiwi-verlag.de/buch/charles-bukowski-mann-mit-der-ledertasche-9783462034301">Der Mann mit der Ledertasche</a> (1)<br />
 Factotum/ <a href="https://www.dtv.de/buch/faktotum-12387">Faktotum</a> (5)<br />
 Women/ <a href="https://www.amazon.de/Das-Liebesleben-Hy%C3%A4ne-Fortsetzungsnummer-Dezember/dp/B015YM95Q8/ref=sr_1_4?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=1323XQ22H3OTI&amp;keywords=das+liebesleben+der+hy%C3%A4ne&amp;qid=1679762447&amp;s=books&amp;sprefix=das+liebesleben+der+hy%C3%A4ne%2Cstripbooks%2C102&amp;sr=1-4">Das Liebesleben der Hyäne</a> (4)<br />
 Ham on Rye/<a href="https://www.amazon.de/Das-Schlimmste-kommt-noch-Literatur/dp/3423123869"> Das Schlimmste kommt noch</a> (2)<br />
 <a href="https://www.dtv.de/buch/hollywood-12390">Hollywood</a> (6)<br />
 Pulp/ <a href="https://www.kiwi-verlag.de/buch/charles-bukowski-pulp-9783462043136">Pulp – ausgeträumt</a> (3)</p>
<p>Als Einstieg in seine Kurzgeschichten empfehle ich: <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/charles-bukowski-fuck-machine-9783104910598">Fuck Machine</a> (entnommen aus dem größeren Band: Erections, Ejaculations, Exhibitions and General Tales of Ordinary Madness). Und wer wissen will, was für Gedichte der alte Mann aus East Hollywood schrieb, dem sei <a href="https://www.maroverlag.de/prosa/9-gedichte-die-einer-schrieb-bevor-er-im-8-stockwerk-aus-dem-fenster-sprang-9783875120974.html">Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang</a> ans Herz gelegt.</p>
<p>Und nun möchte ich mit diesen 2 Zitaten schließen:</p>
<blockquote><p>Neulich Abend habe ich mit einem Freund getrunken, der meinte, oder vielleicht sagte ich es auch selbst: „Es ist schwer, den Geruch der eigenen Kacke nicht zu mögen“. Wir unterhielten uns darüber, wie wir nach getaner Arbeit unsere Haufen betrachten und der Anblick uns mit Stolz erfüllt.<br />
© Bukowski über Bukowski, in: <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/charles-bukowski-held-ausser-betrieb-9783596905232">Held außer Betrieb, Stories und Essays 1946 bis 1992</a></p>
<p>Er schaufelte sich Kohle in den Schädel und Diamanten sprühen aus seinen Fingern.<br />
© Tom Waits (auf dem Buchdeckel von: Held außer Betrieb)</p></blockquote>
<p>+++</p>
<p><strong>Charles Bukowski</strong><br />
* 16. August 1920 als Heinrich Karl Bukowski in Andernach; † 9. März 1994 in San Pedro, Los Angeles.</p>
<p>C.B. wuchs während der Wirtschaftskrise in Los Angeles auf. Schon als Kind ein Außenseiter, fand er früh Halt bei Literatur und Alkohol. Unzählige schlecht bezahlte Jobs und ein Leben in billigen Absteigen, erste Short Story mit 24, lebensgefährliche Magenblutung mit 35. Erst mit 50 konnte er vom Schreiben leben, wurde auch in Deutschland Kultautor. Seit seinem Tod wird weiter aus dem Nachlass veröffentlicht, <a href="https://www.alg.de/mitglied/charles-bukowski-gesellschaft">eine literarische Gesellschaft, die seinen Namen trägt, gegründet</a> und sein alter Hinterhof zum Kulturerbe erklärt. Heute ist Bukowski ein moderner Klassiker.<br />
© Kurz-Cv in: Held außer Betrieb</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/die-kolumne-von-der-manche-irrtuemlich-glaubten-dass-ich-wie-bukowski-schreibe/">Die Kolumne, von der manche irrtümlich glaubten, dass ich wie Bukowski schreibe</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Fluide Geschlechterrollen und Identitäts-Gaga</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Mar 2023 15:36:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Fußnoten eines jammernden Boomers]]></category>
		<category><![CDATA[Boomer]]></category>
		<category><![CDATA[fluid]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlecht]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[nicht-binär]]></category>
		<category><![CDATA[transsexuell]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Früher gab’s 2 Geschlechter zzgl. ein paar Sonderfälle und man kam damit auch durchs Leben. Verwundert über mittlerweile 60 Identitäten zeigt sich Jammer-Boomer Henning Hirsch in seiner neuen Kolumne.  </p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wir brauchen nen neuen Text von dir, schickt mir der Chefredakteur ne WhatsApp.<br />
Was für nen neuen Text, ich hab erst vorgestern nen Text eingereicht, schreibe ich zurück.<br />
Der war langweilig.<br />
WAS: LANGWEILIG?<br />
Ja, langweilig.<br />
Okay, dann war der eben langweilig. Wurde auch nur auf Seite 17 abgedruckt.<br />
Was ist nun mit deinem neuen Text?<br />
Bis wann braucht ihr den?<br />
Heute Abend.<br />
HEUTE ABEND?<br />
Ja!!<br />
Dieses Mal auf Seite 1 platziert?<br />
Wie immer: Seite 17. Seite 1 ist für die seriösen Sachen.<br />
Die Sachen, die Heinrich schreibt?<br />
Zum Beispiel die Sachen, die Heinrich schreibt.<br />
Und ich muss immer auf die 17?<br />
Was hast du gegen die 17? Ist ne Zahl wie jede andere auch.<br />
Die 1 ist besser.<br />
Du kommst NICHT auf die 1! Verstanden?<br />
Okay, ich hab’s verstanden.<br />
Dann setz dich jetzt hin und fang an zu schreiben. Bei deinem lahmen Tempo wird das sonst nichts mehr mit heute Abend. Und bitte nicht so langweilig wie beim letzten Mal. Bring ruhig mehr Titten und Schwänze rein. Davon hast du doch Ahnung. Aber immer dran denken: unsere Abonnenten*innen wollen NICHTS OBSZÖNES lesen.<br />
Ich überleg mir was.</p>
<h2>Fluide Schwänze &amp; Titten</h2>
<p>Ich lieg derweil im Fittie auf der Hantelbank, starre auf ein paar wohlgeformte Ärsche (m/w/d) und überlege, wie ich den Anfang dieser gottverdammten Kolumne, in die ich nicht-obszöne Titten und Schwänze einbauen soll, formuliere. Da stolpere ich zufällig in meinem Tablet, das ich immer ins Fittie mitschleppe, über einen Warum-die-80er-gerade-so-im-Trend-sind-Text, in dem ich folgenden Satz entdecke: „Junge Leute sind nun und damals in fluiden Geschlechterzuschreibungen unterwegs“, und ich denke: danke, du wunderbarer Warum-die-80er-gerade-so-im-Trend-sind-Text, denn jetzt weiß ich, woran ich die Sache – die mal wieder auf Seite 17 abgedruckt werden wird – aufziehe: fluide Geschlechterzuschreibungen – eine sprachlich herausragende Begrifflichkeit. Der Quecksilber-T-1000 aus Terminator 2 poppt vor meinem geistigen Auge auf und wird dort abgelöst von einer Flaschengeistin, die mir jeden sexuellen Wunsch erfüllt, bevor sie sich in einen Flaschengeist verwandelt, der nun meiner 85-jährigen Nachbarin deren sexuelle Wünsche von den welken Lippen abliest. Fluid, alles fließt, löst sich auf, setzt sich wieder neu zusammen. Aus Schwänzen werden Titten, aus den Titten formen sich Schwänze, die wiederum zu wohlproportionierten Ärschen (m/w/d) im Fittie mutieren. Herrlich! Gut gelaunt wuchte ich noch ein paar Hanteln in die Höhe und gehe dann nach Hause, um mich an die neue Kolumne zu setzen.</p>
<h2>Gute alte Zeit mit 2 Identitäten zzgl. ein paar Sonderfälle</h2>
<p>Als ich das grelle Licht im Kreißsaal einer Bonner Geburtsklinik erblickte – das war 1962, dem Jahr, in dem Christa Speck Playmate of the Year des Playboys wurde –, gab’s exakt 2 Geschlechter: Frauen und Männer. Okay, Zwitter gab’s auch, aber das waren echt wenige, und kaum jemand kannte einen von denen persönlich. Mein Vater nannte die Hermaphroditen. Keine Ahnung, weshalb er das tat. Wahrscheinlich, weil es sich intellektueller als Zwitter anhört. Aber persönlich kannte der auch keinen Hermaphroditen. Falls doch, dann hat er uns zu Hause nichts davon erzählt. Ich wuchs also in den 60er- und 70er-Jahren wohlbehütet in einer 2-Geschlechter-Umgebung – mit gelegentlicher Erwähnung von Zwittern, die jedoch keiner persönlich kannte – auf. Alles klar strukturiert: Jungs spielten Fußball und wollten Astronaut werden, die Mädchen spielten mit Puppen (Anfang der 70er hießen die Barbie und Ken) und träumten davon, Karriere in Hollywood, oder zumindest bei der Bavaria-Film zu machen. Kann man als Angehöriger der Generation Z (oder X oder Y) Scheiße finden, uns hat’s damals aber trotzdem gefallen. Keiner von uns wurde übrigens Astronaut oder Hollywoodstarlet, sondern wir arbeiten in stinklangweiligen Berufen wie Marktforscher, Insolvenzanwalt, Personalberater, Zahnärztin und PR-Expertin oder gar als Kolumnist*in; aber auch das ist okay.</p>
<h2>High Heels und Transen</h2>
<p>Anfang der 80-er lernte ich in einer Disco meine erste Transe kennen. Also ne Transe, die operativ schon was hatte an sich machen lassen. Es gab ja noch die Transen, die bloß Frauenkleider trugen, aber wenn sie die auszogen, klar und deutlich als Männer erkennbar blieben. Wir bezeichneten beide Varianten als Transen, was heutzutage politisch höchst unkorrekt ist, aber damals keinen interessierte. Die zweitgenannte Variante, also diejenigen, die abends gerne Frauenkleider trugen, fand man entweder in Varieté-Shows (da waren sie aus der Sicht des Bürgertums okay) oder etwas abseits gelegen am Rande des Straßenstrichs, wo sie Familienvätern die Schwänze lutschten (was aus der Sicht des Bürgertums eher nicht okay, aber halt auch nicht verboten war. So’n sexueller Grauzonenbereich). Manche verkleideten sich auch an Karneval als Frauen; waren aber in der Regel froh, wenn Karneval wieder vorbei war und sie die unbequemen Frauenkleider in die Truhe mit den anderen Kostümen zurücklegen konnten. Wer jemals als Mann versucht hat, auf High Heels zu balancieren (ich hab das mal Ende der 70-er für EINEN Faschingsabend ausprobiert), weiß, wovon ich rede. Aber hier soll’s jetzt nicht um Männer in Frauenklamotten, sondern um diejenigen gehen, die wirklich ihr Geschlecht wechseln wollen. Und so einen habe ich Anfang der 80-er in einer Kölner Disco kennengelernt.</p>
<p>Als sich unsere Wege gegen 2 Uhr nachts kreuzten, war ich nicht mehr ganz nüchtern. Es war die hohe Zeit der klebrig-bunten Cocktails, und es war die Zeit vor AIDS, als man noch, ohne vorher viel drüber nachzudenken, spontan miteinander in die Kiste stieg, ohne am Morgen danach panisch zum Urologen zu rennen, um sich dort auf HIV durchchecken zu lassen. Die am häufigsten verbreiteten Geschlechtskrankheiten waren Tripper und Sackflöhe. Beides ärgerlich, wenn es einen erwischte, aber nicht lebensbedrohlich. Er bzw. sie – wir nennen ihn im Folgenden: Deborah – saß plötzlich an der Bar auf dem Hocker neben mir (vor mir mein 5ter klebriger Cocktail) und lächelte mich an. Leicht benebelt von Mai Tai und Batida Kirsch erschien mir Deborah an diesem Abend als die schönste Frau, der ich jemals begegnet war. Sie zog mich auf die Tanzfläche, wir schwoften ein bisschen zu <a href="https://www.youtube.com/watch?v=uY4cVhXxW64">Just an illusion</a> und <a href="https://www.youtube.com/watch?v=K-WrzSjcK3I">Nur geträumt</a>, es wurde eng und enger, ich spürte ihre circa 3 Meter lange Zunge tief in meinem Gaumen und in meinen Ohren. Wir landeten dann wieder an der Theke, wo sie mir den Unterleib massierte, während ich meine Nase tief in ihr Dekolleté fallen ließ, denn nach dem siebten Mai Tai war ich doch stark anlehnungsbedürftig.</p>
<h2>Nach 7 Mai Tai in ner fremden Kiste</h2>
<p>Eine Stunde später fand ich mich in einer Wohnung im 12ten Stock einer Kölner Hochhaussiedlung wieder, lag nackt neben Deborah und stellte erstaunt fest, dass sie neben ihren prachtvollen Titten auch einen enormen Schwanz besaß. Ein paar Sekunden ergriff Fluchtinstinkt von mir Besitz, der jedoch kurz danach von Neugier abgelöst wurde. Ich dachte pragmatisch: nun bist du schon mal hier gestrandet, dann mach jetzt auch das Beste aus der Situation. Ohne hier ins Detail gehen zu wollen (das würde mir die Redaktion eh wieder aus dem Text rausstreichen) – es war Sex der etwas anderen Art. Zumindest damals für mich, der ich bisher bloß XX-mit-XY-GV kannte. Nach 7 bunten Cocktails war mit mir in dieser Nacht ohnehin nicht mehr allzu viel los, mehr als 1 Nummer schaffte ich nicht. Am nächsten (späten) Morgen hatte Deborah ein Frühstück vorbereitet, nannte mich ihr kleines Schätzchen und sagte, dass wir 2 ein Traumpaar abgeben. Ich sagte erst mal nichts und trank stumm meinen Kaffee. Wir ließen uns dann gemeinsam ein paar Wochen durchs Kölner Partyleben treiben, lagen nachts in ihrem Bett (ich wohnte noch bei meinen Eltern) und rubbelten und lutschten uns gegenseitig die Schwänze und poppten uns ab und an in unsere – Anfang der 80er noch sehr wohlproportionierten – Ärsche. Deborah war echt schwer verliebt, während ich – Kind konservativer Eltern und Gefangener bürgerlicher Erziehung – meine Gefühle stark runterdimmte. Es durfte nicht sein, was nicht sein konnte (oder umgekehrt). Allein der Gedanke, Deborah irgendwann meiner Familie vorzustellen, ließ mir den Angstschweiß auf die Stirn treten. Nach etwas mehr als 1 Monat beendete ich deshalb die Sache. Deborah weinte und warf mir Worte wie Schuft und Lügner an den Kopf („du Hurensohn“ war damals noch nicht erfunden), ich spürte leichte Gewissensbisse, war aber unterm Strich froh, mit nem halbwegs schlanken Schuh aus der Nummer rausgekommen zu sein, denn eine gemeinsame Zukunft mit einer Transe lag im Hochsommer 1982 weit jenseits meiner Vorstellungskraft, ungefähr so weit entfernt wie der am äußeren Rand der Star-Wars-Galaxis gelegene Planet Tatooine von Köln-Ehrenfeld (der Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin). Heute würde ich das vielleicht anders sehen; aber heute treibe ich mich nicht mehr in Kölner Diskotheken rum und lerne folglich keine Transen mehr kennen.</p>
<h2>Heute ist alles beliebig, inkl. der geschlechtlichen Identität</h2>
<p>Warum ich das erzähle?<br />
Zum einen habe ich damit die Vorgabe der Chefredaktion, <a href="https://texte-zur-sache.de/2017/07/21/das-wiedersehen/">Titten &amp; Schwänze im Text unterzubringen</a>, erfüllt. Zum anderen steckte hinter dem, was Deborah mit sich hat machen lassen (Hormonbehandlung, operative Eingriffe, dutzende Beratungsgespräche mit Ärzten, Psychologen und Behördenmitarbeitern) der UNBEDINGTE Wunsch, von einem zum anderen Geschlecht zu wechseln. Was für ein eiserner Wille ist notwendig, um das alles durchzustehen. Dafür hatte Deborah schon damals meine vollste Hochachtung. Ich selber fühlte mich in meinem männlichen – seit ich die 50 überschritten habe, leider galoppierend dahinwelkenden – Body zwar immer ganz gut aufgehoben, kann jedoch nachvollziehen, dass es für einige eine Qual bedeutet, im falschen Körper geboren zu sein und sie deshalb große Anstrengungen unternehmen und sogar bereit sind, Schmerzen zu erdulden, um nach einigen Jahren endlich zur Frau (oder zum Mann) zu werden. Diesen Menschen bezeuge ich allergrößten Respekt.</p>
<p>Wenig Respekt habe ich hingegen vor der neuzeitlichen Variante der Identitätszuschreibung: dem Fluiden. <a href="https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/geschlechter-liste-alle-verschiedenen-geschlechter-und-gender-arten-bei-facebook-13135140.html">60 (SECHZIG!!) Möglichkeiten listet Facebook mittlerweile auf</a>, wenn man beim Geschlecht auf den Knopf „benutzerdefiniert“ drückt. Von A wie androgyn über genderqueer und intergeschlechtlich bis hin zu transfeminin und XY-Frau reicht die Identitäten-Palette. Ganz besonders gut gefällt mir der sogenannte nicht-binäre Zustand:</p>
<blockquote><p>Dieser Begriff umfasst eine Sammelbezeichnung für Geschlechtsidentitäten aus dem Transgender-Spektrum, die sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich identifizieren und sich als außerhalb der zweigeteilten, binären Geschlechterordnung verstehen.<br />
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nichtbin%C3%A4re_Geschlechtsidentit%C3%A4t">© Wikipdia zum Schlagwort nicht-binär</a></p></blockquote>
<p>Na, wenn das nicht super ist. Heute fühle ich mich als Mann, morgen bin ich eine Frau, übermorgen verkleide ich mich als Transe und am Wochenende mutiere ich zum hermaphroditen Alien, der sich selbst befruchtet. Als Angehöriger der Minderheit der Nicht-binären kann ich mein Geschlecht häufiger wechseln als der Hirsch seine Unterhosen. Und für jeden Aggregats- (pardon: Identitäts-) Zustand benötigen wir separate Toiletten und separate Erwähnungen in behördlichen Schreiben. Und Witze dürfen die Nicht-nicht-binären darüber selbstverständlich auch keine reißen. Die würden die sensiblen Fluid-Seelen nur unnötig verletzen. Denn verletzlich bis hin zu 24/7 verletzt sind wir heute alle sowieso. Zumindest der Teil von uns, der auf Achtsamkeit und Anstand hält. Als Jammer-Boomer gehöre ich da natürlich nicht zu, kann aber dafür das schreiben, was Sie zwar manchmal insgeheim denken, sich jedoch nicht zu sagen trauen. Und keine Sorge: ich proklamiere keine Sonderrechte für meine Gruppe und Witze darf man über Jammer-Boomer jederzeit gerne machen.</p>
<p>Wer unsicher ist, welchem Geschlecht er seelisch angehört (körperlich steht es ja in 99.99% der Fälle seit Geburt fest), der möge die Mühe auf sich nehmen und sich psychologische Unterstützung suchen. Je nachdem, wie groß der Wunsch nach Veränderung tatsächlich ist, müssen dann im Nachgang therapeutische und medizinische Schritte erfolgen. Ist ein langwieriger Vorgang; dauert ein paar Jahre, bis man vom Mann zur Frau (oder umgekehrt) mutiert. Das ganze Procedere erfordert VIEL Kraft. Aber nur so kann man das ernsthaft machen und verlangen, von anderen ernstgenommen zu werden.</p>
<p>Der ganze Rest mit den aktuell 60 fluiden Identitäten ist hingegen der modernen Beliebigkeit geschuldeter Zeitgeist-Unfug aka virtuelles Facebook-Gaga, dem man als Hetero-Boomer nur mit stillem Kopfschütteln begegnen kann. Oder, wenn Sie keine Angst vor Shitstorms haben – schreiben Sie was drüber. Dann wird aber „du bist halt ein Boomer“ noch das Freundlichste sein, was Ihnen die Facebook-Zeitgeist-Avantgarde erwidern wird.</p>
<p><strong>PS.</strong> Ich hatte mal ein Date mit einer Sapiosexuellen, die nach einer vierstündigen Unterhaltung, die einem mittelschweren IQ-Test glich, meinte, ich sei leider nicht ihr Typ, weil nicht schlau genug. Ich trug’s mit Fassung, weil selbst, wenn ich schlau genug für sie gewesen wäre, hätt’s trotzdem keinen Sex gegeben. Sie wollte es partout ausschließlich platonisch. Aber das ist eine neue Geschichte.</p>
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		<title>Fußnoten eines jammernden Boomers</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Mar 2023 13:56:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Fußnoten eines jammernden Boomers]]></category>
		<category><![CDATA[Boomer]]></category>
		<category><![CDATA[Fußnote]]></category>
		<category><![CDATA[Humorlosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Rubrik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hat sich einen neuen Namen für seine Rubrik ausgesucht – Kolumnist Henning Hirsch macht aus der Boomer-Not eine Tugend und schreibt fortan Fußnoten. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/fussnoten-eines-jammernden-boomers/">Fußnoten eines jammernden Boomers</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Alle paar Jahre wird es Zeit, die Rubrik, unter der man seine Texte veröffentlicht, zu überprüfen, ob die noch zeitgemäß ist. Gestartet bin ich 2017 bei den Kolumnisten mit <a href="https://texte-zur-sache.de/2017/07/21/das-wiedersehen/">Bei Hank im Wohnzimmer</a> und berichtete von meinen (leider nur) fiktiven Treffen mit dem König der US-amerikanischen Untergrundliteratur <a href="https://www.maroverlag.de/biographien/235-das-leben-des-charles-bukowski-9783875124941.html?srsltid=AfmBOoqFfwlzXCHtXgdoNC7A09Z0X69aHIJnJEOgIs_Yx7H4gRxM8OKK">in dessen kleinem Bungalow in East Hollywood</a>, wo wir gemeinsam den illegalen Grenzübertritt der Tochter seiner mexikanischen Haushaltshilfe Conchita planten. Für ihn musste ich zwischendurch immer wieder im Supermarkt Bier und Whiskey besorgen, während ich bei Coke Zero und Kaffee blieb, weil ich 2017 bereits überzeugter Abstinenzler war und mir selbst ein Treffen mit meinem Lieblingsschriftsteller es nicht wert erschien, rückfällig zu werden; was Hank abwechselnd erzürnte, „Trink was mit mir, du elender Hurensohn!“, und ihn beschämte, „Ich wär froh, wenn ich von dem Fusel endlich loskäme“. Im Anschluss schrieb ich ein Dutzend Kolumnen, wie man ans Saufen kommt, was beim Saufen mit einem passiert und – in diesem Zusammenhang am wichtigsten – wie man vom Saufen wieder wegkommt. Dann wechselte ich das Genre und konzentrierte mich auf die Themen, die täglich in Facebook so reinflattern mit Schwerpunktsetzung auf Shitstorms. Ich labelte deshalb den Rubriknamen um und firmierte fortan unter: Aus der digitalen Hölle.</p>
<h2>Aus der Boomer-Not eine Tugend machen</h2>
<p>Vor ein paar Tagen befand ich mich in einer kleinen Diskussion – selbstverständlich in Facebook. Twitter, Instagram, Telegram, Tiktok, und wie die anderen Plattformen noch so heißen, nutze ich nicht. Und im realen Leben gibt’s diese Diskussionen ohnehin nicht. Zumindest nicht mit den Menschen, mit denen ich verkehre – über das spannende Thema „Moralischer Anstand und Achtsamkeit in den sozialen Medien“ und mir wurde bereits nach meinem Kommentar Nummer 2 die Debattenfähigkeit abgesprochen, weil ich als alter weißer Mann (vulgo Boomer) weder über das notwendige Einfühlungsvermögen noch über die geistige Fähigkeit verfüge, um mich in gebührender sittlicher Reife dazu äußern zu dürfen. Und ich dachte spontan: Weshalb aus <a href="https://www.netzwelt.de/abkuerzung/177324-bedeutet-boomer-erklaerung-verwendung.html">meiner Boomer-Not</a> keine Tugend und das zu meinem neuen Kolumnisten-Merkmal machen? „Fußnoten eines jammernden Boomers“ klingt zwar nicht ganz so sexy wie das Original „Notes of a dirty old man“, aber mir gefällt mein Plagiat trotzdem recht gut. Zumal wir im prüden Facebook ohnehin nicht allzu dirty schreiben dürfen und ein Plagiat von Bukowski für die zumeist bis hierhin schon gar nicht mehr mitlesende Kundschaft in den sozialen Medien echt ausreicht. Alles andere wäre Perlen vor die Säue werfen. Denn egal, was man schreibt: zu 90 Prozent erntet man dämliche Kommentare dafür. Wobei dämlich eigentlich nicht weiter schlimm ist. Ich schreib ebenfalls oft dämliche Kommentare. Was weitaus schlimmer ist: die überwiegende Anzahl der heutigen Kommentare kommt völlig unlustig daher. Und diese galoppierend zunehmende Humorlosigkeit deprimiert mich manchmal wirklich.</p>
<h2>Neue deutsche Humorlosigkeit</h2>
<p>Nie war ein Zeitalter derart spaßbefreit wie das, was wir heute in Facebook &amp; Co. zu lesen bekommen. Nun war ja der deutschsprachige Raum noch nie bekannt dafür, eine Hochburg des feinsinnigen Humors zu sein. Man war früher über kleine Sachen wie Loriot, Didi Hallervorden und Heinz Erhardt schon froh und wusste als Rheinländer, dass es im Abstand von 52 Wochen immer mal wieder ne ganz lustige Büttenrede zu hören gibt. Aber das halt zu ner Zeit, als Büttenreden noch nicht auf ihre politische Korrektheit hin überprüft wurden. Als man noch nicht jeden Comedian (die damals nicht Comedians genannt wurden und von denen es auch viel weniger als heute gab, wo wir von einer Comedian-Plage heimgesucht werden) dahingehend analysierte, ob er in seinem Vortrag eventuell irgendeiner Minderheit an den Karren gepisst haben könnte. Und von diesen Minderheiten gibt’s ja plötzlich mehr als Stechmücken an der Adria, als ich dort in den 70-er Jahren mit meinen Eltern auf nem Campingplatz in Riccione in Urlaub war. Täglich melden sich neue Minderheiten und fordern als erstes, dass man keine Witze über sie machen darf, bevor sie als zweites eine neue Bezeichnung für sich präsentieren und als drittes Sonderrechte proklamieren. Wer weiterhin die alte Bezeichnung verwendet (egal, ob gedankenlos oder mit voller Absicht) ist bestenfalls ein Boomer – wobei Boomer in diesem Zusammenhang als Synonym für ewiggestrig, hart an der Schwelle zur Demenz, steht –, wenn ihm nicht Sexismus, Misogynie oder gar Rassismus um die Ohren gehauen werden.</p>
<h2>Superschlimm ist oft noch nicht mal mittelschlimm</h2>
<p>Nun kann man natürlich darüber diskutieren, ob etwas mehr moralischer Anstand und Achtsamkeit uns nicht allen gut zu Gesicht ständen. Und mir als Kolumnist ganz besonders. Aber ich geb’s unumwunden zu: mit meinem moralischen Anstand war’s noch nie zum Besten bestellt. Was andere superschlimm finden, kratzt mich häufig wenig und bei näherer Betrachtung entpuppen sich viele angeblich superschlimme Sachen dann doch als maximal mittelschlimm. Und mittelschlimme Sachen gibt’s echt viele auf diesem Planeten, weshalb es nicht lohnt, sich über jede mittelschlimme Sache aufzuregen. Zumindest Boomer sollten das nicht tun, denn ständige Aufregung treibt den Blutdruck nach oben und ist auf Dauer schlecht für die Gesundheit. Die vernünftigere Einstellung ist es deshalb, dass einem viele Sachen, wenn sie einen nichts angehen, egal sein sollten. Wie die Welt ohnehin eine bessere – auf jeden Fall eine weniger aufgeregte – wäre, wenn wir uns primär mit dem beschäftigten, was uns persönlich angeht und vor allem, wovon wir was verstehen. Kolumnisten haben von nix Ahnung und schreiben trotzdem was darüber, wenden Sie jetzt ein? Stimmt, aber deshalb nennen wir unsere Texte ja auch Kolumnen und nicht Fachaufsätze. Und wenn wir nichts mehr schreiben, gäb’s für Sie von heute auf morgen nichts mehr, worüber Sie sich aufregen können. Dann würde Ihnen sicher was fehlen.</p>
<p>Okay, dass Sie auf moralischem Anstand pfeifen, wissen wir nun, Herr Hirsch, aber was ist mit der Achtsamkeit, wie halten Sie es mit der? Sagen Sie immer ungefragt jedem Ihre Meinung ohne Rücksicht auf dessen Gefühle? Ich kann Sie beruhigen: tue ich nicht. Früher nannte man das Höflichkeit. Und darauf, also höflich mit seinen Mitmenschen umgehen – darauf legten meine Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder großen Wert. Wenn Sie sich also durch eine meiner Kolumnen auf den Schlips getreten oder ins Dekolleté gegrapscht fühlen sollten, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass ich Sie ebenfalls im realen Leben treten oder begrapschen würde. Wobei wir uns im realen Leben ohnehin nie begegnen würden, weil ich als Eigenbrötler eher zurückgezogen lebe und mich mit Menschen, die ständig was von moralischem Anstand und Achtsamkeit faseln, eh nicht treffe. Das heißt: unser Kontakt beschränkt sich aufs rein Virtuelle. Und das ist für beide Seiten das Vernünftigste.</p>
<h2>Kolumnen sind auch nur Fußnoten</h2>
<p>Um zum Ende zu kommen – denn Kolumnen sollten nicht allzu lang sein –, halten wir für heute 2 Dinge fest:<br />
<img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/25aa.png" alt="▪" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />Noch nie in der langen Geschichte der deutschen Humorlosigkeit ging es bei uns derart humorlos zu wie seit dem Tag, als gefordert wurde, dass all unsere Texte und Reden stets den Ansprüchen von moralischem Anstand und Achtsamkeit genügen müssen (die Kulmination dieser Humorlosigkeit entdeckt man meist in den Kommentaren, die unter den Kolumnen stehen)<br />
<img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/25aa.png" alt="▪" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />Der Hirsch hat sich einen neuen Namen für seine Rubrik ausgedacht (ja ja, von Bukowski plagiiert): Fußnoten eines jammernden Boomers (Fußnoten deshalb, weil das, was ich schreibe, echt nicht wichtiger ist).</p>
<p>Das war’s fürs erste.<br />
Weitere Boomer-Kolumnen in Vorbereitung.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/fussnoten-eines-jammernden-boomers/fussnoten-eines-jammernden-boomers/">Fußnoten eines jammernden Boomers</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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