Kategorie: Henning Hirsch: Der ComiXjunkie

  • Bevor Star Wars kam, war Valerian schon lange da

    Bevor Star Wars kam, war Valerian schon lange da

    „Wir schreiben das Jahr 2720. Galaxity ist die Hauptstadt der Erde und des gesamten irdischen Machtbereichs in der Galaxie.“

    Mit diesem Satz beginnt 1967 eine der ungewöhnlichsten Science-Fiction-Sagas der Comicgeschichte. Kein Knall, kein Angriff einer außerirdischen Flotte, kein Held mit Superkräften. Stattdessen eine nüchterne Beschreibung einer fernen Zukunft: Die Menschheit hat die Grenzen des eigenen Planeten längst überwunden, Zeitreisen sind möglich, unbekannte Welten warten darauf, entdeckt zu werden.

    Und irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft sind zwei Agenten unterwegs, die im Auftrag des Raum-Zeit-Service das Gleichgewicht der Geschichte bewahren sollen: Valerian und Laureline.

    Eine Serie, die in Deutschland viele Leser allerdings zunächst unter einem anderen Namen kennenlernten: Valerian und Veronique. Warum aus der französischen Laureline eine deutsche Veronique wurde, gehört zu den zahlreichen Kuriositäten der deutschen Comicgeschichte.

    Vom Jugendzimmer ins Weltall

    Meine erste Begegnung mit den beiden Raumzeitagenten fand Anfang der 70er Jahre statt, als die Serie im Magazin ZACK erschien. Damals war die Welt der Comics noch eine andere. Man wartete eine Woche auf die nächste Fortsetzung, verschlang die großformatigen Seiten und ließ sich von Zeichnungen verführen, die größer waren als die eigene Fantasie.

    Heute wirkt das fast altmodisch.
    Damals war es Magie.

    Denn Valerian war kein Comic, den man einfach las und wieder weglegte. Diese Welten blieben im Kopf. Die fremden Wesen, die gigantischen Städte, die unbekannten Planeten – alles fühlte sich an wie eine Einladung, selbst durch das Universum zu reisen.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Zwei Freunde, zwei Talente, ein Universum

    Dass Valerian & Laureline überhaupt entstehen konnte, ist fast so ungewöhnlich wie die Geschichten selbst.

    Pierre Christin und Jean-Claude Mézières wurden beide 1938 geboren und lernten sich bereits als Kinder kennen – in einer denkbar ungewöhnlichen Situation. Während des Zweiten Weltkriegs saßen die beiden Jungen in einem Luftschutzkeller im Osten von Paris, während allierte Bombenangriffe die, von der Wehrmacht besetzte, Stadt erschütterten. Aus dieser ersten Begegnung entwickelte sich eine Freundschaft, die Jahrzehnte später zur Geburtsstunde einer der bedeutendsten europäischen Science-Fiction-Serien führen wird.

    Nach dem Krieg gingen die beiden zunächst unterschiedliche Wege. Pierre Christin interessierte sich für Literatur, Politik und gesellschaftliche Zusammenhänge. Er studierte an der Sorbonne und wurde später Professor für Journalismus und Kommunikation. Seine große Stärke lag in den Geschichten: in den Ideen, den politischen Hintergründen und den Fragen, die hinter den Abenteuern standen.

    Jean-Claude Mézières dagegen fand seine Heimat im Zeichnen. Er besuchte das Institut des Arts Appliqués in Paris und entwickelte früh eine besondere Leidenschaft für Comics und Illustration. Wie viele Künstler seiner Generation zog es ihn in den 60er Jahren in die USA. Dort arbeitete er unter anderem als Illustrator und lernte die amerikanische Comic- und Popkultur aus nächster Nähe kennen.

    Der entscheidende Moment kam Mitte der 60er Jahre. Beide hielten sich unabhängig voneinander in den Vereinigten Staaten auf und verabredeten sich für ein Treffen am Großen Salzsee in Utah. Dort entstand die Idee, gemeinsam eine Science-Fiction-Serie zu entwickeln. Die Inspirationen waren vielfältig: klassische Science-Fiction-Filme wie „Alarm im Weltall“ („Forbidden Planet“), „Metaluna IV antwortet nicht“ („This Island Earth“), die fantastische Welt von „Barbarella“ sowie die Romane von Autoren wie Isaac Asimov, Alfred E. van Vogt und John Wyndham.

    Doch Christin und Mézières kopierten ihre Vorbilder nicht. Sie entwickelten etwas Eigenständiges. 1967 erschien in der französischen Comiczeitschrift „Pilote“ die erste Geschichte „Schlechte Träume“. Was zunächst wie ein klassisches Weltraumabenteuer beginnt, entwickelt sich im Lauf weniger Jahrezu einer intelligenten Mischung aus Science-Fiction, Gesellschaftskritik, Satire und philosophischer Betrachtung.

    Christin lieferte die komplexen Welten und die politischen Untertöne. Mézières gab diesen Welten ein unverwechselbares Gesicht. Seine Zeichnungen waren gleichzeitig futuristisch und lebendig. Seine Städte wirkten nicht wie sterile technische Konstruktionen, sondern wie gewachsene Organismen. Seine Außerirdischen waren nicht einfach Monster oder exotische Staffage, sondern eigenständige Kulturen mit individuellen Formen, Lebensweisen und Geschichten. Gemeinsam erschufen die beiden Freunde über vier Jahrzehnte mehr als zwanzig Abenteuer von Valerian und Laureline. Eine bemerkenswerte Zusammenarbeit: ein Autor, der über die Zukunft nachdachte, und ein Zeichner, der ihr ein Gesicht gab.

    Oder anders gesagt: Pierre Christin erfand die Fragen.
    Jean-Claude Mézières zeigte uns die Welten, in denen sie gestellt wurden.

    Chronologie einer außergewöhnlichen Saga

    Christin und Mézières erweiterten den Handlungsraum der Serie über vier Jahrzehnte hinweg. Insgesamt entstanden mehr als zwanzig Abenteuer, in denen sich nicht nur die Figuren veränderten, sondern auch die gesamte Erzählweise.

    Die frühen Geschichten waren noch stark vom klassischen Abenteuercomic geprägt.

    Im ersten Abenteuer „Schlechte Träume“ (1967) lernen wir Valerian kennen, einen Raumzeitagenten aus dem 28. Jahrhundert. Während seiner Mission verschlägt es ihn ins mittelalterliche Frankreich des Jahres 1000. Dort trifft er auf Laureline, ein Bauernmädchen, das ursprünglich nur eine Nebenfigur sein sollte – und später zur zweiten Hauptfigur der Serie wird. Schon hier zeigt sich eine Idee, die Valerian später auszeichnen wird: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind keine getrennten Welten. Alles hängt miteinander zusammen.

    Mit „Die Stadt der tosenden Wasser“ (1968) entwickelt sich die Serie deutlich weiter. Die Geschichte führt die Leser in ein zerstörtes New York des Jahres 1986. Nach einer Katastrophe steigt der Meeresspiegel, ganze Kontinente verschwinden, die Zivilisation zerbricht. Was heute angesichts von Klimawandel und Umweltkrisen erstaunlich aktuell wirkt, war damals eine visionäre Dystopie. Valerian und Laureline müssen verhindern, dass ein Eingriff in die Vergangenheit die Entstehung ihrer eigenen Gegenwart unmöglich macht.

    Mit dem dritten Album „Im Reich der tausend Planeten“ (1969) verlässt die Serie endgültig die Erde. Es beginnt die kosmische Phase von Valerian. Syrtis Magnificus, ein gigantisches Reich aus unzähligen Welten, wird zum Schauplatz eines Abenteuers, das weniger an klassische Weltraumschlachten erinnert als an eine Mischung aus Fantasy, orientalischem Märchen und politischer Allegorie. Hier zeigt sich erstmals die ganze Stärke von Mézières’ Zeichenkunst: fremdartige Kulturen, bizarre Wesen, fantastische Landschaften – eine Galaxis, die nicht wie eine sterile Zukunft wirkt, sondern lebendig und voller Überraschungen.

    Auf Syrtis Magnificus zeigten Christin und Mézières, dass Science Fiction nicht nur aus Raumschlachten besteht. Szenen wie der schwebende Blumenregen gehören bis heute zu den poetischsten Momenten der europäischen Comicgeschichte.
    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Die Serie wird erwachsen

    In den folgenden Jahren lösen sich Christin und Mézières zunehmend vom reinen Abenteuerformat.

    „Das Land ohne Sterne“ (1972) führt die Helden auf einen Planeten, der von zwei verfeindeten Gesellschaften beherrscht wird. Schon hier geht es nicht mehr nur um Action, sondern um politische Systeme, Ideologien und die Frage, ob Konflikte zwischen Kulturen zwangsläufig sind.

    Mit „Willkommen auf Alflolol“ (ebenfalls: 1972) gelingt einer der großen Klassiker der Reihe. Die Geschichte erzählt von einem Volk, das nach langer Abwesenheit auf seinen ursprünglichen Heimatplaneten zurückkehrt – nur um festzustellen, dass Menschen ihn inzwischen wirtschaftlich nutzen. Eine Science-Fiction-Geschichte über Kolonialismus, Vertreibung und die Frage, wem ein Planet eigentlich gehört.

    Es ist bemerkenswert, wie früh Valerian Themen aufgreift, die Jahrzehnte später zum festen Bestandteil moderner Science-Fiction werden.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Die politische Phase

    In den 70er und 80er Jahren wird Valerian immer komplexer.

    „Botschafter der Schatten“ (1975) gilt vielen Fans als einer der Höhepunkte der gesamten Serie. Auf der Raumstation Point Central (so was wie die UN der gesamten Galaxie) treffen Vertreter zahlloser Spezies zusammen. Ein politischer Anschlag bedroht das fragile Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Völkern. Was zunächst wie ein klassisches Kriminalabenteuer im All wirkt, entpuppt sich als kluge Parabel über Diplomatie, Vorurteile und die schwierige Suche nach Verständigung.

    Gerade solche Geschichten unterscheiden Valerian von vielen anderen Science-Fiction-Werken. Während Star Wars den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse inszeniert, interessiert sich Valerian für die Grauzonen dazwischen.

    Nicht jeder Fremde ist ein Feind.
    Nicht jede Zivilisation hat die gleiche Vorstellung davon, was Fortschritt bedeutet.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Der große Bruch: Galaxity verschwindet

    Einen dramatischen Wendepunkt bildet der Zyklus um die Zukunft der Erde.

    In „Die Geister von Inverloch“ und „Der Zorn der Hypsis“ (1984/85) steht plötzlich nicht mehr irgendein ferner Planet im Mittelpunkt, sondern die eigene Heimat der Helden. Die Erde und Galaxity geraten in eine existenzielle Krise.

    Der Raum-Zeit-Service, Symbol der menschlichen Kontrolle über Zeit und Raum, beginnt zu zerfallen. Ausgerechnet die Agenten, die Jahrzehnte lang für die Stabilität der Geschichte gearbeitet haben, müssen erkennen, dass ihre eigene Welt nicht unantastbar ist.

    Diese Entwicklung macht die Serie ungewöhnlich erwachsen. Die Zukunft ist nicht automatisch besser als die Gegenwart. Auch hochentwickelte Zivilisationen können scheitern.

    Galaxity, die Hauptstadt der Erde im 28. Jahrhundert, bildet den Ausgangspunkt der Abenteuer von Valerian und Laureline. Von hier aus beginnt eine der außergewöhnlichsten Science-Fiction-Sagas der Comicgeschichte.
    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Eine Saga über Veränderung

    In den späteren Alben wird Valerian endgültig zu einer Geschichte über Verlust und Neubeginn.

    Die Figuren sind nicht mehr dieselben wie am Anfang. Valerian und Laureline werden älter, ihre Beziehung verändert sich, die Grenzen zwischen Held und Beobachter verschwimmen. Die großen Weltenrettungen treten zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen geht es um Identität, Erinnerung und die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält.

    Deshalb funktioniert die Serie noch heute.
    Denn hinter all den Raumschiffen, Aliens und Zeitreisen steckt immer eine sehr menschliche Geschichte.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Als Hollywood nach Frankreich blickte

    Wer heute alte Valerian-Alben durchblättert, erlebt ein merkwürdiges Déjà-vu. Da tauchen Raumstationen auf, die an Coruscant erinnern. Riesige Handelsmetropolen voller fremder Spezies. Piloten in schnittigen Gleitern. Maskierte Gestalten, deren Silhouetten verdächtig vertraut wirken. Händler mit langen Ohren und grotesken Gesichtern. Eine Prinzessin mit Frisur, die Leia gut gestanden hätte. Und ein in einer harten Masse konservierter Held – Jahre bevor Han Solo in Karbonit eingefroren wurde.

    Natürlich wäre es vermessen zu behaupten, George Lucas habe Star Wars einfach bei Pierre Christin und Jean-Claude Mézières abgeschrieben. Lucas nannte als Einflüsse immer wieder die Flash-Gordon-Serials, Akira Kurosawa oder Joseph Campbells Heldenmythos. Doch ebenso wenig lässt sich übersehen, dass die französischen Valerian-Alben bereits seit 1967 Bilder und Ideen präsentierten, die Jahre später in der weit, weit entfernten Galaxis erstaunlich vertraut wirkten. Comic-Historiker und Filmjournalisten haben diese Parallelen immer wieder herausgearbeitet – von der Architektur futuristischer Metropolen über einzelne Figurenentwürfe bis hin zu Raumschiffen und ikonischen Szenen. Eine offizielle Bestätigung blieb zwar aus, doch die Übereinstimmungen sind zahlreich genug, um zumindest von einer bemerkenswerten visuellen Verwandtschaft zu sprechen.

    Noch deutlicher ist der Einfluss auf Luc Besson. Der französische Regisseur war bekennender Valerian-Fan und träumte jahrzehntelang davon, die Serie zu verfilmen. Weil die Tricktechnik der 1980er und frühen 1990er Jahre dafür noch nicht ausreichte, verwirklichte er zunächst eine Art Fingerübung: Das fünfte Element. Jean-Claude Mézières selbst entwarf dafür Konzeptzeichnungen und arbeitete am visuellen Design des Films mit. Wer sich beide Werke anschaut, erkennt sofort die Familienähnlichkeit: die schwindelerregenden Megastädte, die überfüllten Flugkorridore, die Vielfalt außerirdischer Kulturen und die Vorstellung einer Zukunft, die nicht steril, sondern chaotisch, laut und voller Leben ist.

    Zwanzig Jahre später erfüllte sich Besson schließlich seinen Lebenstraum und verfilmte mit Valerian – Die Stadt der tausend Planeten das Werk seiner Jugend. Visuell war der Film oft atemberaubend. Manche Einstellungen wirkten, als hätten sich Mézières‘ Zeichnungen direkt von den Comicseiten gelöst. Doch genau darin lag auch das Problem. Besson gelang es zwar, die Bildgewalt der Vorlage einzufangen, nicht aber ihren Geist. Die intelligente Mischung aus Abenteuer, Gesellschaftskritik und feinem Humor wich einem Effektfeuerwerk, das zwar staunen ließ, emotional aber erstaunlich kühl blieb. Hinzu kam eine für viele Zuschauer wenig überzeugende Chemie der beiden Hauptdarsteller. So entstand ein Film, der das Auge überwältigte, das Herz der Comicfans jedoch nur selten erreichte.

    Doch der Einfluss Valerians endet nicht bei Lucas und Besson, Auch James Camerons Avatar erinnert in seiner Vorstellung fremder, ökologisch geprägter Welten und eigenständiger außerirdischer Kulturen an Ideen, die Christin und Mézières Jahrzehnte zuvor ersonnen hatten. Ebenso finden sich Spuren von Galaxity in modernen Space Operas, deren Stärke weniger in Raumschlachten als im Worldbuilding liegt – in der Kunst also, glaubwürdige Zivilisationen zu erschaffen, die weit über bloße Kulissen hinausgehen. Ob bewusst oder unbewusst: Viele Bilder, die wir heute für typisch Science Fiction halten, tauchten zuerst in den Panels von Jean-Claude Mézières auf.

    Valerian hat das Space-Opera-Genre nie so dominiert wie Star Wars. Geprägt hat die Serie es dennoch. Viele ihrer Ideen sind längst Teil unseres kollektiven Bildgedächtnisses geworden – so selbstverständlich, dass ihr Ursprung oft vergessen wird.

    Bild „Star Wars“ von AdisResic! auf Pixabay

    Mehr als nur ein Comic

    Das größte Verdienst ihrer Schöpfer besteht jedoch darin, gezeigt zu haben, dass gute Science Fiction nicht allein von Technik lebt.

    Sie lebt von Neugier, Fantasie und dem Mut, sich auf das Unbekannte einzulassen.
    Sie lebt von Ideen.Von der Vorstellung, dass hinter dem nächsten Stern eine neue Geschichte wartet. Dass Fremde nicht automatisch Bedrohungen sind. Dass Zukunft nicht nur aus Maschinen besteht, sondern aus Menschen.

    Valerian & Laureline war nie die lauteste Science-Fiction-Saga.
    Aber sicher eine der klügsten.
    Und wer heute eines der alten Alben aufschlägt, merkt schnell: Manche Zukunftsvisionen altern nicht.
    Sie warten einfach darauf, wieder neu entdeckt zu werden.
    +++

    STECKBRIEF

    Originaltitel: Valérian et Laureline (bis 2007: Valérian, agent spatio-temporel)

    Genre: Science Fiction, Space Opera, Zeitreise, Abenteuer

    Schöpfer:
    Pierre Christin (*1938) – Szenario und Text
    Jean-Claude Mézières (1938–2022) – Zeichnungen

    Erstveröffentlichung: 9. November 1967 in der französischen Comiczeitschrift Pilote

    Abschluss der Hauptserie: 2010 (L’OuvreTemps)

    Umfang: 23 reguläre Alben (1967–2010) sowie mehrere Kurzgeschichten, Sonderbände und Begleitpublikationen

    Originalverlag: Dargaud (Frankreich)

    Deutsche Veröffentlichungen
    ZACK (ab 1972): Erste deutschsprachige Veröffentlichung als Fortsetzungscomic.
    Koralle-Verlag: Erste Alben in deutscher Sprache.
    Carlsen Verlag: Ab den frühen 1980er Jahren nahezu vollständige Veröffentlichung der Reihe; später Hardcover-Neuausgaben sowie die Gesamtausgabe.
    Splitter Verlag: Seit 2017 hochwertige Valerian & Veronique – Ultimative Edition in großformatigen Sammelbänden mit umfangreichem Bonusmaterial.

    Deutscher Serienname:
    Ursprünglich Valerian & Veronique – obwohl die weibliche Hauptfigur im französischen Original Laureline heißt. Erst spätere Ausgaben übernahmen den Originalnamen.

    Auszeichnungen (Auswahl):
    Mehrfach ausgezeichnet beim Festival International de la Bande Dessinée d’Angoulême
    Jean-Claude Mézières erhielt 1984 den Grand Prix de la Ville d’Angoulême, die höchste Ehrung des europäischen Comicfestivals.

    Verfilmung:
    Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (Valerian and the City of a Thousand Planets, 2017)
    Regie: Luc Besson
    Mit Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Rihanna und Ethan Hawke.

    Bedeutung:
    Valerian & Laureline zählt zu den einflussreichsten europäischen Science-Fiction-Comics. Die Serie prägte Generationen von Zeichnern, Autoren und Filmemachern und gilt als wichtiger visueller und erzählerischer Wegbereiter moderner Science-Fiction-Filme wie Star Wars oder Das fünfte Element.
    +++

    Sämtliche Abbildungen: © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – Valerian & Veronique. Gesamtausgabe Band 1. © Dargaud 2009 sowie Valerian & Veronique. Sammelband 1. © Dargaud 2007 / © Carlsen Verlag GmbH 2011. Abdruck sämtlicher Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags.

  • Corto Maltese – ZACKs stiller Held

    Corto Maltese – ZACKs stiller Held

    An regnerischen Tagen stöbere ich mitunter in den Comics meiner Kindheit und Jugend, die bei mir 3 Regalreihen füllen. Also den Comics, die diverse Umzüge und durch Wasserrohrbrüche verursachte Schäden überlebt haben. Fronleichnam – für Nicht-Katholiken an dieser Stelle kurz erklärt: das sog. Hochfest des Leibes und Blutes Christi, das auf eine Vison der heiligen Juliana von Lüttich (13. Jhrd.) zurückgeht– war wettertechnisch recht durchwachsen, weshalb ich den ursprünglich geplanten Spaziergang durchs Siebengebirge verwarf und mich stattdessen dem Regal mit den Comics näherte und wahllos eine ältere Ausgabe des Magazins ZACK herauszog, in dem unter anderem die Fortsetzungsgeschichte Corto Maltese: Südseeballade von Hugo Pratt abgedruckt ist.

    Sofort poppten Erinnerungen auf: Rasen des Nachbarn gemäht, den Lohn (3 Mark) hälftig für Colafläschchen & Lakritz und die neueste Ausgabe ZACK verausgabt. Zu Hause im Heft geblättert: Mit Bruno Brazil und Luc Orient gestartet, um mich dann über Leutnant Blueberry und Valerian zu Mick Tangy vorzuarbeiten. Das Beste hob ich mir für den Schluss auf: Corto Maltese.

    Der Fin de Siècle-Globetrotter ist kein Held, der einen bestimmten Ort sucht. Er bleibt unterwegs, folgt dem Horizont, verschwindet nach jedem Abenteuer wieder hinter der nächsten Küstenlinie. Diese Unrast macht ihn bis heute einzigartig. Grund genug, einen Blick auf die Figur und ihren Schöpfer zu werfen. Beginnen wir mit dem kreativen Kopf der Reihe:

    Als gute Comics noch Comics, und nicht Graphic Novel, hießen

    Hugo Pratt (eigentlich: Ugo Eugenio Prat) wurde 1927 im italienischen Rimini geboren und wuchs in Venedig auf – einer Stadt, die mit ihren Häfen, Seefahrern und Geschichten aus aller Welt kaum passender zu seinem späteren Werk hätte sein können. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs prägten ihn früh. Nach dessen Ende arbeitete er zunächst als Comiczeichner in Italien, bevor er mehrere Jahre nach Buenos Aires übersiedelte. Dort entwickelte er gemeinsam mit dem Autor Héctor Germán Oesterheld seinen unverwechselbaren Stil weiter.

    Pratt war Zeit seines Lebens ein Reisender. Er lebte und arbeitete unter anderem in Argentinien, England, Frankreich und der Schweiz, bereiste Afrika und Südamerika und sammelte historische Stoffe mit der Neugier eines Abenteurers. Viele seiner Geschichten speisen sich aus diesen Erfahrungen. 1967 schuf er schließlich mit Corto Maltese jene Figur, die ihn weltberühmt machen sollte: einen Seemann ohne festen Heimathafen, der seinem Schöpfer in vielem erstaunlich ähnlich war.

    Pratt starb 1995 in Lausanne. Sein Werk gilt heute als Meilenstein des europäischen Comics und hat Generationen von Zeichnern und Autoren beeinflusst – deren Arbeiten man heute kaum noch schlicht „Comic“ nennen würde, sondern bevorzugt als Graphic Novels bezeichnet.

    Ein radikal neuer Held

    Als Hugo Pratt 1967 die erste Corto-Maltese-Geschichte veröffentlichte, ahnte wohl niemand, dass daraus eine der bedeutendsten Figuren der europäischen Comicgeschichte werden würde. Die Erzählung Die Südseeballade (Una Ballata del Mare Salato) erschien zunächst als Fortsetzungsserie und unterschied sich radikal von vielem, was damals im Abenteuercomic üblich war.

    Der Held trat nicht als strahlender Sieger auf. Als die Leser Corto Maltese erstmals begegnen, treibt er gefesselt auf einem Floß im Pazifik. Bereits dieser Auftritt verrät viel über die Figur: Corto ist kein Eroberer, sondern ein Überlebender. Er wird von den Ereignissen nicht beherrscht, sondern lässt sich durch sie hindurchtragen – mit einer Mischung aus Gelassenheit, Ironie und Unabhängigkeit.

    Pratt schuf seinen Helden aus vielen Quellen. Da war die romantische Tradition der großen Abenteuerliteratur von Autoren wie Robert Louis Stevenson, Joseph Conrad und Jack London. Da waren aber auch historische Berichte über Seefahrer, Entdecker, Revolutionäre und Glücksritter, die Pratt sein Leben lang sammelte. Hinzu kamen eigene Reiseerfahrungen und seine Faszination für Kulturen, die sich an den Rändern großer Imperien entwickelten.

    Corto Maltese selbst ist eine Figur zwischen den Welten. Geboren 1887 auf Malta als Sohn eines britischen Seemanns und einer andalusischen Mutter mit Roma-Wurzeln, besitzt er keine eindeutige nationale Identität. Das macht ihn zu einem idealen Begleiter durch die Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts. Er gehört keiner Nation vollständig an, keinem politischen Lager und keiner Ideologie. Er bewegt sich durch die Geschichte wie ein unabhängiger Beobachter, der sich seine Freiheit um jeden Preis bewahren will.

    Die Abenteuer spielen vor dem Hintergrund realer historischer Ereignisse. Corto begegnet Revolutionären, Spionen, Kolonialbeamten, Piraten und Dichtern. Er reist durch den Pazifik, die Karibik, Südamerika, Afrika, China, Irland und Sibirien. Immer wieder kreuzen tatsächliche historische Persönlichkeiten seinen Weg. Pratt verknüpft Fakten und Fiktion so geschickt, dass die Grenzen oft verschwimmen. Wer Corto Maltese liest, bewegt sich durch eine Welt, in der Legenden und Geschichte gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

    Besonders bemerkenswert ist dabei der historische Blick des Autors. Pratt interessierte sich weniger für die großen Sieger der Geschichte als für ihre Randfiguren: Seeleute, Exilanten, Rebellen, Abenteurer und Heimatlose. Seine Geschichten spielen häufig in den letzten Jahren des europäischen Kolonialzeitalters, einer Epoche, in der alte Gewissheiten zerfielen und neue Konflikte entstanden. Corto Maltese ist Zeuge dieser Veränderungen, ohne sich jemals vollständig von ihnen vereinnahmen zu lassen.

    Darin liegt bis heute die Faszination des Charakters. Während viele Comic-Protagonisten für bestimmte Werte oder Weltbilder stehen, verkörpert Corto Maltese vor allem eines: die Freiheit des Einzelnen. Er kämpft nicht für Ruhm, Macht oder Vaterland. Er folgt seiner Neugier, seinem Gerechtigkeitsempfinden und gelegentlich auch einfach dem Wind. Vielleicht wirkte er deshalb auf viele junge Leser des Magazins ZACK so anders als die übrigen Helden ihrer Comicwelt. Er war kein Sieger, sondern ein Suchender – und seine Abenteuer waren weniger actiongetriebene Stories als Reisen durch die verborgenen Winkel der Weltgeschichte.

    Die Südseeballade: Geburt einer Legende

    Die erste Begegnung mit Corto Maltese ist ebenso ungewöhnlich wie die Figur selbst: Gefesselt auf einem Floß dümpelt er in den unendlichen Weiten des Pazifiks, wo ihn der skrupellose Pirat Rasputin aus dem Meer fischt. Vor dem Hintergrund der Friktionen unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg entspinnt sich ein vielschichtiges Abenteuer zwischen Freibeutertum, Kolonialpolitik und persönlichen Loyalitäten. Im Mittelpunkt stehen auch die jungen Cousins Pandora und Cain Groovesnore, die unfreiwillig in die Machenschaften des geheimnisvollen „Mönchs“ geraten. Was als Südseeabenteuer beginnt, entwickelt sich zu einer melancholischen Erzählung über Macht, Freundschaft und den Verlust von Unschuld.

    Unter dem Zeichen des Steinbocks: Südamerika voller Geheimnisse

    In seiner zweiten großen Reise verschlägt es Corto nach Südamerika und in die Karibik. Gemeinsam mit dem exzentrischen Professor Jeremiah Steiner begleitet er den jungen Tristan Bantam auf der Suche nach dem sagenhaften versunkenen Kontinent Mu. Die Reise führt durch die Guayanas, nach Brasilien und auf die Inseln der Karibik. Dabei gerät Corto in Erbstreitigkeiten, politische Intrigen, Revolten und Voodoo-Mysterien. Die eigentliche Handlung tritt dabei oft hinter die surreale Atmosphäre zurück: Pratt zeichnet ein faszinierendes Bild eines Kontinents voller Legenden, kultureller Vielfalt und historischer Bruchlinien.

    Immer ein Stück weiter: Freiheit als Kompass

    Die dritte Abenteuer führt Corto Maltese erneut durch die Karibik und entlang der Küsten Mittel- und Südamerikas. Revolutionäre, Schmuggler, gescheiterte Idealisten und Verfolgte kreuzen seinen Weg. Anders als klassische Abenteuerhelden verfolgt Corto dabei selten ein konkretes Ziel. Er hilft, vermittelt, verschwindet wieder und gerät immer neu in die Strömungen der Geschichte. Die einzelnen Episoden wirken wie lose verbundene Reiseerzählungen, doch sie kreisen alle um dasselbe Thema: die Suche nach Freiheit in einer Welt voller politischer Umbrüche und persönlicher Schicksale. Hier wird besonders deutlich, dass der Maltese weniger ein Held als ein Wanderer durch die Randzonen der Weltgeschichte ist.

    Als der Wind nachließ

    Über fast drei Jahrzehnte hinweg schickte Hugo Pratt seinen Seemann durch die Häfen, Krisengebiete und Legenden der Welt am Anfang des 20-sten Jahrhunderts. Insgesamt entstanden rund drei Dutzend Geschichten, anfänglich kurze Episoden entwickelten sich zu umfangreiche Alben, und aus einer zunächst ungewöhnlichen Comicfigur wurde eine Ikone der europäischen Comickultur.

    1992 erschien mit die letzte Odyssee aus der Feder Pratts. Drei Jahre später, 1995, starb der Zeichner 68-jährig am Ufer des Genfer Sees. Mit ihm endete auch jene einzigartige Verbindung aus Abenteuerroman, Geschichtserzählung und gezeichneter Poesie, die Corto Maltese geprägt hatte.

    Für die Leser des Magazins ZACK war das jedoch nie wirklich ein Abschied. Die Geschichten blieben im Regal, zwischen vergilbten Heften und Erinnerungen an eine Zeit, in der man Woche für Woche gespannt auf die nächste Fortsetzung wartete. Wer heute wieder zu Corto Maltese greift, begegnet deshalb nicht nur einem Comichelden. Er begegnet einem Stück eigener Vergangenheit – und einem Erzähler, der gezeigt hat, dass Comics weit mehr sein können als triviale Unterhaltung.

    Das Vermächtnis von Hugo Pratt liegt vor allem darin, dass seine Geschichten die Welt nicht erklären sollten. Sie wollten Lust machen, sie zu entdecken. Und irgendwo hinter dem nächsten Horizont segelt Corto Maltese noch immer weiter – mit schief sitzender Schirmmütze, einem ironischen Lächeln und dem festen Vorsatz, sich von niemandem vereinnahmen zu lassen.
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    Lesen Sie auch: Der partout nicht sterben wollende Gallier – zum 60sten einer Comic-Ikone


    Asterix wird 60 und wäre besser bereits mit 18 abgetreten. Ein nostalgischer Rückblick auf einen Comic-Helden seiner Jugend von Kolumnist Henning Hirsch. (21. Okt. 2019)

  • Der neue Asterix: Gelingt Fabcaro die qualitative Kehrtwende?

    Der neue Asterix: Gelingt Fabcaro die qualitative Kehrtwende?

    Es gibt ein paar Sachen, die einen Boomer vom Tag der Geburt bis zur Stunde seines Todes begleiten. Dazu gehören Coca Cola, Nutella, der Sportteil der BILD (in meinem Fall wäre das der Kölner Express), die 20h-Tagesschau, Star Wars (ja ja, ich weiß, das kam erst ein paar Jahre nach meiner Geburt ins Kino), James Bond und die Geschichten von einem kleinen, unbeugsamen gallischen Dorf, in dem schrullige Charaktere wie Asterix und Obelix leben. Diese Dinge sind irgendwie unkaputtbar und das ist tröstlich, denn als Boomer spürt man (ich) mittlerweile schon, wie der Zahn der Zeit unbarmherzig an einem nagt. Mit einem (alten) Asterix auf den Knien friedlich einschlafen – das wäre nicht die schlechteste Art und Weise, um den Planeten (und Facebook) zu verlassen.

    Asterix hieß anfangs Siggi

    Asterix ist sogar noch älter als ich: Die erste Erzählung („Der Gallier“) erschien 1959 in der Jugendzeitschrift Pilote (Dargaud). Damals noch als Fortsetzungsstory, also häppchenweise. In der uns bekannten Album-Form kam Asterix in den späten 60-ern auf den Markt. In Deutschland anfangs in anderer Reihenfolge als in Frankreich, weshalb bei uns „Kleopatra“ als Nr. 2 firmiert, während sie im Original an 6ster Stelle rangiert. Ab Nummer 8 „Bei den Briten“ stimmen dann deutsche und französische Chronologie überein. Der Time lag bis zur Übersetzung betrug in der Anfangszeit 5, in den 70-ern 2 bis 3 Jahre. Ab den 80-ern landeten frz. und deutsche Version nahezu zeitgleich in den Verkaufsregalen. In Deutschland druckte als Erster Rolf Kauka „Asterix“ in seinen Fix & Foxi-Heften ab. Er taufte dafür die beiden Helden in Siggi & Babarras um und übersetzte das Original teilweise SEHR frei ins Deutsche, was ihm Ärger mit Dargaud einbrachte und schließlich zum Lizenzentzug führte. 1967 übernahm dann der Stuttgarter Verlag Ehapa, der die jeweiligen Geschichten als Ganzes in Alben zusammenfasste und nun die korrekten Namen Asterix & Obelix verwendete.

    2 Epochen

    Wir unterscheiden in 2 Epochen:
    (I) Die Texte stammen von Goscinny (1959-1979)
    (II) Andere Autoren versuchen es: hier kann man nochmal differenzieren in: Uderzo, Jean-Yves Ferri und Fabrice Caro aka Fabcaro (1980 bis heute).

    Der letzte Band, an dem Goscinny vor seinem viel zu frühen Tod mitwirkte, war „Bei den Belgiern“, lfd. Nr. XXIV (= 24). Die bereits 1 Jahr danach erschienene Story „Der große Graben“ stammte zeichnerisch und inhaltlich aus den Federn (er wird vermutlich mehrere dafür benutzt haben) Uderzos. Der praktizierte das – also Zeichnen & Schreiben in Personalunion – bis ins späte Rentenalter, woraus insg. 10 Alben resultierten. Ab 2013 gab’s dann wieder 2 getrennte Aufgabenfelder: Jean-Yves Ferri textete und Didier Conrad produzierte die Bilder. 2022 tauschte man Ferri in Fabcaro aus (Conrad blieb). Mit „Die weiße Iris“ (seit ein paar Tagen erhältlich) sind wir mittlerweile bei Nummer XL angelangt (was 40 – und nicht extra large – bedeutet. Die, die Latein in der Schule hatten, wissen das. Für die anderen schreibe ich es hier nochmal hin = 40).

    Es gilt die Faustformel = die Geschichten, an denen René Goscinny mitgewirkt hat, sind überwiegend witzig und intelligent, danach fällt die textliche Qualität drastisch ab und erreicht zwischenzeitlich Micky-Maus-Niveau. Also: die Bände 1 bis 24 sind ein Muss für Comic-Fans; die Nummern 25-39 braucht man hingegen nicht gelesen zu haben. Selbst mittelmäßige Goscinny-Erzählungen (z.B. „Die große Überfahrt“ und „Obelix GmbH & Co. KG“) sind immer noch um den Faktor 10 Wildschweine amüsanter als alles, was ab Nummer XXV (25) präsentiert wird.

    Das soll jetzt erstmal mit Asterix-Historie reichen. Wer’s genauer wissen will, dem empfehle ich die Kolumne Der partout nicht sterben wollende Gallier, die ich 2019 anlässlich des 60sten Geburtstags des gallischen Nationalhelden schrieb.

    70-er Jahre: fieberhaftes Warten auf die Neuerscheinung

    Wie weiter oben bereits gesagt: als typischer Boomer bin ich mit Asterix (und Coca Cola und Star Wars) groß geworden. Asterix war nicht der erste Comic (meine Eltern nannten die „Witzhefte“), den ich in der Hand hielt. Das waren Donald Duck, Fix & Foxi und Bessy (handelte von einem Jungen und seinem Hund, die jede Woche ein neues Abenteuer zu bestehen hatten). Der kleine Gallier dürfte dazugekommen sein, als ich X (pardon: 10) Jahre alt war, also MCMLXXII (wenn Sie es schaffen, das eigenständig in eine arabische Zahl umzuwandeln, dann schreiben Sie mir gerne. Als Belohnung winkt 1 Gratis-Kolumne). Übrigens ein Jahr, in dem 3 Asterix-Bände kurz hintereinander getaktet in den deutschen Kiosken landeten: Arvernerschild, Olympische Spiele und Kupferkessel (lfd. Nrn. XI, XII, XIII). Alle 3 = Meisterwerke der franko-belgischen Comic-Kunst. Ich war sofort fasziniert und schockverliebt (das zweite Verb habe ich von einem deutschen Fußballtrainer geklaut) und besorgte mir peu à peu die zehn Vorgängeralben. Die kosteten damals 3 Mark Vllt. auch 3 Mark 50. Irgendwo in dieser Preisspanne), was ich mir von meinem Taschengeld leisten konnte. Notfalls mähte ich den Rasen vom Nachbarn und wusch das Auto vom anderen Nachbarn. Auch diese zehn Vorgänger-Bände waren allesamt super; um Nuancen heraus stachen „Kleopatra“ und „Legionär“. Ich mutierte binnen Tagen vom Donald-Duck- zum Asterix-Junkie und erwartete sehnsüchtig Album XIV „In Spanien“. Dieses Fieber – am Tag des Erscheinens bereits um 7h morgens vor dem Kiosk wartend, dass der endlich öffnet – hielt ein paar Jahre an. Ich schätze mal bis „Das Geschenk Cäsars“; danach flaute es allmählich ab und erlosch vollends mit „Der große Graben“. Ich probierte es nochmal mit „Obelix auf Kreuzfahrt“ gefolgt von „Bei den Pikten“ und schrieb vor einigen Jahren eine – nicht allzu wohlwollende – Rezi über „In Italien“. Danach war das Kapitel „Asterix“ für mich eigentlich abgeschlossen. Mein Eindruck, dass eine in den ersten zwanzig Jahren ihres Bestehens gute Serie durch ständige Fortsetzung totgeritten wird, und Goscinny, würde er „Asterix plaudert in der Schule“ im Texter-Himmel in die Hände bekommen, zornentbrannt von seiner Wolke herabsteigt und seinen ehemaligen Kollegen Uderzo mit einem Bleistift ersticht, wurde auch nach dem Wechsel zu Ferri nicht besser. Asterix war auf Disney-Niveau angelangt und diente bloß noch dazu, als Cash Cow gemolken zu werden. Aber weshalb sollte es dem Gallier da anders ergehen als Star Wars? Ich persönlich war mit Asterix durch. Mehr als die 24 Goscinny-Abenteuer hätte es für mich nicht geben müssen.

    Als die Legionäre müde wurden, und den Generälen die Ideen ausgingen

    Neugierig geworden durch positive Beurteilungen von ein paar (Boomer-) Facebook-Bekannten, die, was Comics und Filme angeht, einen ähnlichen Geschmack wie ich aufweisen und die Sachen wie, „bester Asterix seit Jahren“, „echt witzig“, „habe mehrmals laut gelacht“ und „Fabcaro ist der neue Goscinny“ schrieben, fuhr ich gestern kurz entschlossen zum Kiosk und kaufte dort (das letzte) Exemplar Die weiße Iris. Abends setzte ich mich dann aufs Sofa (für Halloween-Partys bin ich mittlerweile zu alt, und aus Horror-Kürbissen mache ich mir eh nicht allzu viel) und las mir die Geschichte durch.

    Die ist schnell erzählt: Julius Cäsar ist besorgt über die lasche Moral seiner Legionäre und ärgert sich weiterhin darüber, dass er das kleine gallische Dorf nicht ins Römische Imperium eingliedern kann. Da Asterix & Co. aufgrund des von Miraculix gebrauten Zaubertranks körperlich unbesiegbar sind, muss eine andere Strategie her. Den versammelten Generälen & Senatoren fällt nichts Gescheites ein, da springt der kaiserliche (ja ja, Cäsar war noch kein offizieller Kaiser. Das war erst Augustus oder gar Tiberius. Aber wollen wir uns an dieser Stelle bitte nicht in Kleinigkeiten verlieren) Hof-Psychologe Visusversus auf und erläutert seinen Plan = Infiltration, Ablenkung, Verwirrung stiften und allmähliche Verweichlichung mit dem Ziel, den Feind von der Vorteilhaftigkeit der freiwilligen Unterwerfung zu überzeugen. Cäsar willigt mangels erfolgversprechender Alternativen zähneknirschend ein, Visusversus reist ab Richtung Armorica (der Teil Galliens, wo Asterix & Obelix leben), stellt sich im Lager Babaorum (das zweite Lager von links gesehen, wenn man sich dem Dorf von Süden nähert) vor und macht sich sofort ans (Verwirrungs-) Werk. Mehr soll nicht verraten werden, sonst heißt es noch, ich würde spoilern.

    Ganz neu ist die Story nicht

    Ja, Fabcaro gelingt ein (kleiner) qualitativer Quantensprung im Vergleich zu Uderzo und Ferri. Die Geschichte liest sich streckenweise wirklich witzig. Wenngleich die Story streng genommen ein Remake darstellt. Boomer erkennen darin unschwer Anleihen aus „Streit um Asterix“ (Bd. XV) und „Die Trabantenstadt“ (Nr. XVII). Visusversus ist nichts anderes als die akademische Version von Tullius Destructivus, der bereits vor 50 Jahren (unsere Zeitrechnung, nicht die von Asterix) vergeblich versuchte, die Dorfbewohner mittels Falschinformationen zu entzweien und so ihre Kampfunfähigkeit zu bewirken. In Trabantenstadt stand dann die Heranführung an die (römische) Zivilisation (-> Verweichlichung) im Vordergrund. In beiden Fällen erwiesen sich die Gallier (also die, die im kleinen Dorf von Asterix leben) als zwar zeitweilig verführbar, aber letzten Endes doch wertkonservativ (ein anderes Wort fällt mir auf die Schnelle für diesen beharrenden Charakterzug nicht ein) und resistent gegen die vielfältigen Verlockungen des Weltreichs. „Die weiße Iris“ knüpft nahtlos an diese zwei Vorläufergeschichten an und ist inhaltlich mehr ein Aufguss als was Neues.

    Fabcaro hält uns den Spiegel vor: Soldaten, die nicht mehr kämpfen, sondern diskutieren wollen, Psychologen, die uns mit Kalenderweisheiten beglücken, Sensible (Sensitive?), die jedes Wort 3x prüfen, bevor sie es aussprechen, damit niemand durch Unbedachtes erschrickt, verbale Verrenkungen, um Minderheiten korrekt zu adressieren, Quacksalber, die neue Ernährungsmethoden propagieren, künstlerische Avantgarde, die die intellektuelle Deutungshoheit für sich beansprucht und mittendrin im 24/7 um sich selbst kreißenden Pariser (pardon: Lutetia) Rummel unsere 2 bodenständigen Gallier Asterix & Obelix (plus der dieses Mal schwermütige Majestix). Am Ende, so viel sei dann doch noch gespoilert, verliert mal wieder Cäsar, Visusversus wird auf eine Galeere geschickt (nettes Wiedersehen mit den Piraten), und die Dorfbewohner feiern ein ausgelassenes Fest (klar, Troubadix geknebelt und an einen Baum gefesselt) -> ist mitunter echt lustig, aber leider ebenfalls keine neue Idee: Ähnliches kennt man bereits aus „Der Kupferkessel“. Auch da wurden Zeitgeist-Kapriolen (der frühen 70-er Jahre) aufs Korn genommen.

    Goscinny bleibt unerreicht

    Ich tue mich ein bisschen schwer, „Die weiße Iris“ abschließend zu beurteilen. Versuchen tue ich es natürlich dennoch:
     ja, ist besser als alles, was seit „Der große Graben“ erschienen ist
     erreicht aber nicht das Niveau der guten Goscinny-Geschichten
     für mich eher Remake/Aufguss als was Neues
     mit den Kalendersprüchen wird es für meinen Geschmack etwas übertrieben.

    Von mir gibt’s dafür 7 Punkte (z.Vgl. „Kleopatra“ = 10, „Trabantenstadt“ = 9, „Die Odyssee“ = 3, „In Italien“ = 4).

    Und ansonsten sage ich das, was ich bei Endlos-Serien (Star Wars, James Bond, 2 & half men, Shameless) immer sage: Kommt irgendwann zum definitiven Finale! Lasst den Helden sterben oder auf einem Pferd in die Prärie reiten oder mit einem Mikro-Raumtransporter in eine weit entfernte Galaxie entschwinden, oder was auch immer sonst als Schlusssequenz denkbar ist. Aber hängt nicht immer wieder eine weitere Folge dran. Denn erfahrungsgemäß wird es, sobald der Zenit erreicht ist (das war bei Asterix = „Bei den Olympischen Spielen“, Bd. XII), schwer, das hohe Niveau zu halten. Bereits die späten Goscinny-Stories (Nrn. XIII bis XXIV) fielen im Vergleich zu den Vorgängern qualitativ ab und spätestens mit „Bei den Belgiern“ war die Erzählung an ihr Ende gelangt. Danach folgte nur noch inhaltliche Trivial-Ware. Den hohen Standard der Alben 1 bis 24 (oder gar 1 bis 12) wird auch Fabcaro nicht wiederherstellen können.

  • Der partout nicht sterben wollende Gallier – zum 60sten einer Comic-Ikone

    Der partout nicht sterben wollende Gallier – zum 60sten einer Comic-Ikone

    Asterix wird 60, obwohl er bereits mit 18 hätte sterben müssen.

    Aber der Reihe nach: im Herbst 1959 taten sich Autor René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo zusammen und schufen eine der bis auf den heutigen Tag erfolgreichsten Comicfiguren weltweit: den kleinen, pfiffigen, und – sobald er Zaubertrank intus hatte – ein paar Stunden lang unbesiegbaren Gallier Asterix. Gemeinsam mit Kumpel Obelix frönt er exakt zwei Hobbies: Wildschweine jagen und Römer verprügeln. Beim Kuss einer schönen Frau – Falballa oder Kleopatra – wird er kurz schwach und erfüllt der Dame im Anschluss jeden Wunsch. Im Gegensatz zu Obelix käme er jedoch nie auf die Idee, sich länger als maximal eine Stunde zu verlieben. Er ahnt die auf die rosarote Phase folgende Gefahr der lebenslangen Unfreiheit voraus, hat um sich herum genügend Maulhelden à la Majestix, Automatix, Methusalix und Fischverleihnix versammelt, die zu Hause bei ihren dominanten Frauen Nullkommanix zu melden haben, und ihm so als täglich abschreckende Beispiele für die Fesseln des Ehelebens dienen, ist deshalb schlau genug, notorischer Single zu bleiben und bevorzugt sowieso Herrenabende mit dem Druiden Miraculix und best buddy Obelix. Hin und wieder geht er in geselliger (Männer-) Runde ein paar Cervisia heben. Aufgrund des nie zu sättigenden Expansionshungers Cäsars, der nicht ruht, bevor er nicht auch noch das letzte freie gallische Dorf unterworfen hat, ist Asterix ohnehin 24/7 damit beschäftigt, sein kleines Gemeinwesen vor den Klauen der stets sprungbereiten Wölfin zu schützen, sodass ihm für Dates und amouröse Abenteuer schlichtweg die Zeit fehlt. Asterix ist Held und Anti-Held in einer Figur, hat mitunter mehr von Donald Duck als von Batman, was den kleinwüchsigen schnauzbärtigen Gallier so sympathisch macht.

    Kongeniales Duo: Goscinny & Uderzo

    Nach einem etwas holprigen Auftakt mit „Asterix der Gallier“, in dem man jedoch schon viele der in den Folgejahren immer wieder auftretenden Charaktere kennenlernt, wirkt der Nachfolger „Die goldene Sichel“ zeichnerisch und textlich schon weitaus reifer. Es folgten: Die Goten, Gladiator, Tour de France, Kleopatra, Kampf der Häuptlinge, Briten, Normannen, Legionär (1). Allesamt Klassiker der franko-belgischen Comic-Kultur. Als Kinder fieberten wir dem Erscheinungsdatum des nächsten Albums entgegen, waren bereit, das Taschengeld eines Monats für die neueste Story zu investieren. Bis hin zu Band 20 (auf Korsika) wurden unsere Erwartungen nie enttäuscht. Danach bröckelte Goscinnys Kunst, eine spannende Geschichte zu erzählen. Der Wortwitz, der die ersten zwanzig Ausgaben ausgezeichnet hatte, wiederholte sich jetzt oft, wurde flacher. Nachdem das Piratenschiff zum 15ten Mal – begleitet vom Zitat „Auri sacra fames (verfluchter Hunger nach Gold)“ versenkt worden war, kannte man Vorgang und Spruch und dachte: Wie wär’s mal zur Abwechslung mit glücklichen Seeräubern? Cäsar, dessen sporadisches Erscheinen den einzelnen Episoden den notwendigen imperialen Glanz verlieh, nutzte sich mit jedem weiteren Auftritt immer mehr ab, sodass Asterix in Folge 22 (Die große Überfahrt) bereits gen Nordamerika in See stechen musste, um mal was grundlegend Neues zu erleben. Trotz allmählich sinkender Qualität blieb die Treue der Fans jedoch unerschütterlich.

    Qualitativer Absturz nach dem Tod des Texters

    Während der Arbeit für Band 24 (bei den Belgiern, 1977) starb Goscinny leider viel zu früh. Die Episode wurde noch zu Ende geführt, im darauf folgenden Jahr veröffentlicht, und man spürte als Leser zum letzten Mal wehmütig den Abschiedshauch des großen Texters. Und spätestens damit hätte man es bewenden lassen sollen. Stattdessen verfiel nun Uderzo auf die Schnapsidee, Storytelling, textliche Feinarbeit und Zeichnungen in Personalunion zu übernehmen, anstatt zumindest einen neuen Autor auszuprobieren. Es geschah, was oft geschieht, wenn der Geist von Bord geht und der Handwerker ohne Architekt weiter werkelt: es kommt Murks heraus. Nummer 25 (Der große Graben) war literarisch gesehen ein großer Reinfall. Die Texte nur noch halb so gut wie zwei Jahre zuvor bei den Belgiern und schon Lichtjahre entfernt von Perlen wie „Olympische Spiele“ und „Streit um Asterix“. Drei Ausgaben später (im Morgenland) hatte die Serie bereits Micky-Maus-Niveau erreicht. Und von diesem textlichen Tiefpunkt hat sich Asterix bis heute nicht erholt. Eine Zeit lang hoffte man als Fan der ersten Stunde noch auf Besserung, schöpfte Hoffnung, als ein frisches Gespann das Kommando übernahm: Jean-Yves Ferri (Text) und Didier Conrad (Illustration). Der erste Band (lfd. Nr. 35) „Bei den Pikten“ des neuen Duos knüpfte allerdings dort an, wo Uderzo mit „Asterix und Obelix feiern Geburtstag“ aufgehört hatte: textliche Ödnis. Fade Story, platte Witze, garniert mit Wiederholungen altbekannter Sequenzen. Zu allem Überdruss zeichnet Conrad auch weniger detailfreudig als Uderzo, sodass Asterix nun ebenfalls bei den Illustrationen auf Walt-Disney-Level schrumpft. Die letzte, vor zwei Jahren im Vorfeld von der Presse stark hochgejubelte Episode „In Italien“ hielt den Erwartungen mal wieder nicht stand, reihte sich nahtlos ein in die seit „Der große Graben“ zum Standard gewordenen Banalitäten und Trivialitäten. Vom in Kürze auf den Markt kommenden Jubiläumsband anlässlich des 60sten Geburtstages „Die Tochter des Vercingetorix“ verspreche ich mir deshalb wenig Erheiterndes. Als Comic-Junkie werde ich das Album trotzdem kaufen, es vermutlich stirnrunzelnd ob all der Plattitüden durchblättern und beim Verstauen in meinem Kellerregal nostalgisch daran denken, was für eine gute Story „Der Arvernerschild“, in der Vercingetorix zum ersten Mal gehuldigt wurde, doch gewesen war. „Alesia? Ich kenne kein Alesia!“

    Werd‘ bitte nicht mehr 70!

    Mit Asterix passiert das, was auch mit Star Wars geschieht: Die Reihe wird zu Schanden geritten bzw. so lange gemolken, bis auch der letzte Euro aus ihr rausgesaugt worden ist. Der leider viel zu frühe Tod Goscinnys hätte das Ende des Projekts bedeuten müssen. Es war, vom qualitativen Standpunkt aus betrachtet, ein kompletter Nonsenseinfall dem, sicher begnadeten, Zeichner Uderzo nun auch noch die Textarbeit zu überlassen. Vom abrupten Sturz in den Großen Graben hat sich die Serie nie mehr erholt. Wäre Asterix gemeinsam mit Goscinny gestorben, hätte es ihn zwar bereits mit 18 erwischt, aber er wäre ruhmreich auf seinem literarischen Höhepunkt abgetreten. So bleibt zum 60sten nicht viel mehr – in Abwandlung der Schlussszene – zu sagen als: „Nein, ihr werdet nicht mehr singen!“ oder: „Macht bitte nicht weiter bis zum 70sten!“ Irgendwann muss Schluss sein mit dem kleinen Dorf, seinen kauzigen Bewohnern, den Wildschweinen und den ständig Prügel beziehenden Römern. Von den immerfort kenternden Piraten ganz zu schweigen.

    Ich schließe mit einem Zitat aus dem Arvernerschild: „Bis repetita non placent! (Wiederholungen gefallen nicht)“ und werde heute Abend in meiner Asterix-Kiste wühlen auf der Suche nach „Kleopatra“. Denn die hatte nicht nur eine hübsche Nase, sondern war ein intelligent gemachter und vergnüglich zu lesender Comic.

    ENDE
    ———-
    (1) Das ist die französische Reihenfolge. In Deutschland, wo Asterix erst 1968 startete, wurden die ersten zehn Alben teils abweichend nummeriert

  • Der ComiXjunkie. Heute: Asterix in Italien

    Der ComiXjunkie. Heute: Asterix in Italien

    Asterix in Italien

    Band XXXVII

    »Wir brauchen dringend Stoff für die bunte Seite«, meinte Heinrich auf der letzten Redaktionskonferenz.
    »Was schwebt dir da vor?«, fragte Ulf.
    »Na, zum Beispiel der neue Asterix. Alle reden drüber. Aber wir haben bisher nichts dazu gebracht. Wer meldet sich freiwillig?«
    Alle blickten nach unten und taten plötzlich sehr beschäftigt mit ihren Notizblöcken und Smartphones. »Henning ist eigentlich unser Mann fürs Triviale«, meldete sich Ulf zu Wort. Ein halbes Dutzend Paar Augen richteten sich nun auf mich.
    »Okay, okay, ich tue es«, willigte ich ein. »Deadline?«
    »Morgen«, sagte Heinrich.
    »War klar«, antwortete ich.

    Wegen Feiertag waren alle Kioske geschlossen, und ich fuhr zur Bonner Bahnhofsbuchhandlung, um mir den Band dort zu besorgen. Prangte mir schon in riesigen Lettern im Schaufenster entgegen: Asterix in Italien. Laufende Nummer 37 der Reihe. Ich setzte mich in ein Café, bestellte einen Cappuccino, begann in den Seiten zu blättern, tauchte ein in die mir seit Kindheit wohlvertrauten bunten Bilder und Sprechblasen, ließ mich hineinziehen in  die immer gleiche Geschichte von Ränke schmiedenden, dekadenten  Römern und anfangs naiven, am Ende aber stets aufgrund der Cleverness von Asterix und der Stärke von Obelix erfolgreichen Gallier, deren kleines Ökodorf den kompletten Gegenentwurf zur durchkommerzialisierten Weltmetropole am Tiber darstellt, seufzte wehmütig, sobald ich eine Reminiszenz an frühere Ausgaben erkannte und legte das Heft eine Stunde und zwei Cappuccini später wieder vor mich auf den Tisch. War Nr. 37 nun eine gelungene Ausgabe oder nicht?

    Was soll man als Kritiker über eine Serie schreiben, die man bereits Mitte der 80er Jahre abgehakt hatte? Beginne ich mit dem Positiven: die Zeichnungen von Didier Conrad erreichen durchgängig die Qualität Uderzos. Auch mit geübtem Auge lassen sich keine Unterschiede erkennen. Haptik wie gewohnt, Preis mit 6.90€ – bei 46 Seiten – fürs Softcover völlig okay. Story gefällig, kann man in einem Rutsch durchlesen. Ich hatt’s mir nach den Tiefpunkten Nr. 30 (A. & Maestria) und Nr. 32 (A. plaudert aus der Schule) deutlich schlimmer vorgestellt.

    Antike Schlaglöcher und eine korrupte Verwaltung

    Worum geht’s in Nr. 37? Der für den Bereich Verkehrswesen im römischen Reich zuständige Senator Lactus Bifidus soll in einem Ausschuss erklären, weshalb sich das Wegenetz im Kernland Italien in desaströsem Zustand befindet. Seine Kollegen bezichtigen ihn der Unterschlagung von Steuergeldern. Um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, schlägt Bifidus die Organisation eines Wagenrennens vor, das von Nord nach Süd  über den gesamten Stiefel führt, um somit der Bevölkerung und dem misstrauischen Senat zu demonstrieren,  dass die Straßen in weit besserem Zustand sind, als seine politischen Gegner böswillig behaupten. Cäsar bekommt Wind von der Sache und regt eine Erweiterung des Teilnehmerfelds auf alle Völker der von der Wölfin beherrschten Welt an. Allerdings unter der Voraussetzung, dass am Ende ein Römer gewinnen muss.  Unsere beiden Helden erfahren natürlich von dem in Kürze bevorstehenden Großereignis, kaufen eine gallische Sportkarosse und machen sich auf zum Startpunkt des antiken Giro d’Italia: Monza. Dort haben sich rund zwei Dutzend Wagenlenker aus sämtlichen Regionen des Imperium eingefunden. U.a. der als unbesiegbar geltende Lokalmatador Caligarius, der mit goldener Maske antritt, samt Copilot Bleifuß. Das Rennen startet sofort und führt über die Stationen Venedig, Parma, Florenz, Siena, mit längerem Zwischenstopp am Tiber bis zum Zielort Neapel. Zwischendurch wird natürlich von den Römern auf Teufel komm raus getrickst: Schilder weisen in die falsche Richtung, Räder werden angesägt, Öl auf der Straße verteilt, langwierige Verkehrskontrollen für sämtliche ausländischen Gespanne durchgeführt. Das Feld der Teilnehmer lichtet sich bedenklich. Caligarius rast derweil von einem  Etappensieg zum nächsten. Misstrauisch geworden, stellt Asterix den Römer, reißt ihm den Helm vom Kopf und erfährt vom abgefeimten Spiel, hinter dem Senator Bifidus als Planer und Bleifuß als sein Vollstrecker stecken. Obelix zerstört das Gefährt, Caligarius bleibt als Häufchen Elend am Straßenrand zurück. Nun eilen unsere Gallier dem Sieg entgegen, als sie plötzlich an den Hängen des Vesuvs vom Mann mit der goldenen Maske überholt werden. Wie konnte das geschehen? … mehr erzähle ich nicht, denn ich will den potenziellen Band 37-Käufern ja nicht alles vorher verraten.

    Müder Abklatsch einer alten Story

    Liest sich munter wie ein Donald-Duck-Abenteuer. ABER – und an dieser Stelle muss ein großgetipptes Aber erfolgen – der Story mangelt es an zwei wichtigen Zutaten: Witz und Originalität. Das Ganze gab’s nämlich schon mal: Band 6, Tour de France (in Deutschland erschienen 1970; im frz. Original 1965 als lfd. Nr. 5). Ich krame das Heft aus einem Umzugskarton hervor, nehme es nach gefühlt dreißig Jahren zum ersten Mal wieder in die Hand. WAS für ein Unterschied! Goscinny war im Genre (Semi-) Funnies ein Comictextriese, prägte mit seiner Handschrift Serien wie Umpah-Pah, Lucky Luke, Isnogud und natürlich Asterix, die ohne seinen feinen Humor über Micky-Maus-Niveau nie hinausgelangt wären. Asterix nahm, vom leicht hölzernen Start mit „Der Gallier“ (1961) mal abgesehen, sofort in Band 2 „Die goldene Sichel“ (in Frankreich veröffentlicht 1962, Deutschland: 1970 als Nr. 5) gehörig Fahrt auf. Es folgten Kracher wie: Kleopatra, Legionär, Arvernerschild, Der Seher, um nur einige der Highlights von insgesamt 24 sehr guten bis hin zu hervorragenden Alben aufzuzählen.

    Unvergessen die Bonmots:
    „Die spinnen die Römer“ (in jedem Heft)
    „Sie hat einen schwierigen Charakter, aber eine hübsche Nase“ (über Kleopatra)
    „Warum Cäsar geben, was wir selbst behalten können?“ (bei den Belgiern)
    „Zeit ist Sesterz“ (A. und die Normannen)
    „Mit den Römern ist es wie mit den Austern: allzu viele sind ungesund“ (Tour de France)
    „Das ist ein Essen für die Goten!“ (als Legionär)
    „Ich erzähl ihm von Ruhm, und der kommt mir mit Pilzen“ (Arvernerschild).

    Wer erinnert sich nicht an die Running gags:
    • Die Fesselung von Troubadix vor dem Schlussbankett, damit dieser nicht singt
    • Die Diskussionen zwischen Automatix und Fischverleihnix über den Frischegrad der vom Zweitgenannten angebotenen Produkte
    • Die Eifersuchtsszenen des Methusalix
    • Der Sekundenschlaf eines der beiden Träger von Majestix, woraufhin der Häuptling vom Schild fällt
    • Das Versenken des Piratenschiffs
    • „Wer ist dick? Ich sehe keinen Dicken. Du etwa Asterix?“

    Die sparsam, aber regelmäßig, eingeflochtenen lateinischen Sprüche versöhnten uns mit dem drögen „de bello gallico“, den wir gerade in der Mittelstufe durchnahmen.

    Dieses kunstvolle Gebilde, in dem Text und Illustrationen millimetergenau aufeinander abgestimmt waren, bröckelte bereits mit dem ersten Album, das nach Goscinnys Tod erschien: Der große Graben (1980, Nr. 25), um dann in beängstigender Schnelligkeit von Heft zu Heft weiter an textlicher Qualität einzubüßen, bis die Serie Ende der 80er Jahre auf der Talsohle des Fix- & Foxi-Niveaus angelangt war, von dem sie sich nicht mehr erholte, solange Uderzo in Pesonalunion für Bilder und Text verantwortlich zeichnete.

    Goscinnys Witz bleibt unerreicht

    Seit Nr. 35 (bei den Pikten) haben sich zwei neue Künstler der dahinsiechenden Reihe angenommen: Didier Conrad (Zeichnungen. Bekannt durch die Serie: Helden ohne Skrupel) und Jean-Yves Ferri (Text. Publizierte vorher vorwiegend im französischsprachigen Raum). Während Conrad scheinbar mühelos Uderzo kopiert, erkennt man bei Ferri, dass im Genre Funnies niemand mehr den Wortwitz Goscinnys erreicht. Neben dem gigantischen Altmeister wirken sämtliche Schüler wie Zwerge, bestenfalls durchschnittlich begabte Handwerker. Die Mittelmäßigkeit zieht sich zäh wie ein ausgelutschter Kaugummi durch den gesamten Band 37. An Stellen wie „Das war nun wirklich nicht nötig, sich massakrieren zu lassen, nur um hierher zurückzukehren“ (ein Legionär zum anderen vor dem Lazarettzelt im Lager Kleinbonum) in Nr. 6, bei denen man auch heute noch herzhaft lachen kann, herrscht in „Asterix in Italien“ stattdessen Humor à la Deutsche Comedians in einer ZDF-Spendengala vor: bemüht, aber nicht lustig.

    Die Macher wollen zu viel gleichzeitig: Parallelen zum heutigen Zeitgeschehen aufzeigen, Figuren aus alten Bänden einflechten, uns durch jede Stadt der Apenninenhalbinsel führen (ganz überflüssig bei Venedig, das damals noch nicht existierte), eine Mischung aus antiker Formel 1 und Giro d’Italia kredenzen, erklären, dass es einen Unterschied zwischen Italikern und Römern gab, Cäsar auf Teufel komm raus integrieren und was ihnen sonst noch auf jeder Seite so an vordergründig Innovativem einfiel. Aber bei all diesen tausend Mosaiksteinen verlieren sie das Wichtigste aus dem Auge: nämlich eine gute Geschichte zu erzählen. Weniger wäre hier wirklich mehr gewesen. Ständig erscheinen neue Personen auf der Bildfläche. Die Charaktere bleiben deshalb oberflächlich. Es ist eine durchschnittliche Comicstory, wie sie auch aus dem Hause Disney stammen könnte. Flott gezeichnet, hastig erzählt, die Szenerie wechselt im Sekundentakt. Erinnert von der Vorgehensweise her an Fluch der Karibik. Man schaut es an, fühlt sich während der 90 Minuten ganz gut unterhalten, schaltet aus und vergisst die Handlung sofort wieder. Diese bittere Erkenntnis gilt leider für sämtliche Asterixalben, die nach dem Tode Goscinnys auf den Markt geworfen wurden. Nr. 37 macht da keine Ausnahme. Das Publikum schmunzelt und applaudiert aus Freundlichkeit. Zu mehr reicht es nicht.

    Asterix liegt auf der Intensivstation und wird dort künstlich am Leben erhalten

    Als trauriges Fazit bleibt zu sagen, dass die beiden Helden mittlerweile nicht nur stark angestaubt wirken, sondern sich auch längst überlebt haben und schon seit vielen Jahren auf dem Friedhof der Comicgeschichte ruhen müssten. Es ist jedoch wie bei James Bond: der Patient will einfach nicht sterben. Ständig wird eine neue Folge rausgehauen und die altersschwache Kuh solange gemolken, bis sie völlig ausgesaugt und ihres letzten Fitzelchens Attraktivität beraubt vom Verlag den Gnadenschuss erhält.  Vielleicht hilft ein kompletter Relaunch: Beibehaltung des Settings, jedoch andere Protagonisten, frische Zeichnungen und neue Texte. Den Wortwitz des Altmeisters kann man nicht kopieren; es trotzdem probieren zu wollen, ist eine Mission impossible. Das Klügste wäre gewesen, die Reihe mit Band 24 (bei den Belgiern) – die letzte Nummer für die Goscinny textete – zu stoppen. Alles, was danach kam, erreichte nie mehr auch nur annähernd den vorherigen Qualitätsstandard. Es geschah nun das, wogegen die gallischen Helden stets ankämpften: vollständige Kommerzialisierung der Marke: Filme, Asterixfunpark, Fanartikel, Übersetzung in zahlreiche Sprachen bei gleichzeitiger Nivellierung des Produkts auf Disney-Level. Fehlt noch ein Asterix-Musical, um das Grauen perfekt zu machen. Man kann der Serie bloß wünschen, dass sie spätestens mit Nr. 40 eingestellt und nicht bis Nr. 100 vollends zu Schanden geritten wird. Goscinny würde im Grab rotieren, wenn er lesen müsste, was sein früherer Kompagnon Uderzo aus dem einstigen Flagschiff-Comic gemacht hat. Der ist mittlerweile so tief im Morast der Banalität versunken, dass auch das neue Duo (die Herren gehen übrigens beide stramm auf die 60 zu) ihn da nicht mehr wird rausziehen können.

    Leseempfehlung „Asterix in Italien“: 4 von 10 möglichen Punkten bis hin zu: man verpasst nichts, wenn man es nicht tut. Eventuell was für Nostalgiker, die sich an den Bildern mehr erfreuen als am Text. Ich werde das Heft nun in einen Karton im Keller legen, wo es vergilbt und irgendwann zu Staub zerfällt, denn ich werde es hundertpro nicht nochmal in die Hand nehmen.

  • Der ComiXjunkie (1)

    Der ComiXjunkie (1)

    Valerian & Veronique

     

    Science Fiction ist eine wunderbare Möglichkeit, der Realität zu entfliehen
    Pierre Christin

    Im Reich der 1000 Planeten

    »Du bist doch Comic-Junkie?«, erkundigt sich Ulf bei mir auf der letzten Redaktionssitzung.
    »Warum?«, antworte ich vorsichtig, weil nach solchen Fragen erfahrungsgemäß Arbeit verteilt wird.
    »Dann schreib darüber doch mal was.«
    »Dir schwebt bestimmt schon was vor, oder?«
    »Du kennst Valerian, den neuen Film von Luc Besson?«
    »Klar.«
    »Und hast auch ein, zwei der Alben gelesen?«
    »ALLE 22.«
    »Fein, also bist du genau der Richtige, dazu eine Rezi zu tippen.«

    Zurück zu Hause krame ich die Sammlung aus einem Umzugskarton hervor: Valerian & Veronique (V&V) In der Hardcover-Ausgabe des Carlsen Verlags: jeweils drei Erzählungen in einem Band zusammengefasst. Eine meiner Lieblingslektüren aus Kindheit und Jugend. Das erste Mal kennengelernt hatte ich den Raumzeitagenten im Jahre 1972, als die Geschichte „Stadt der tosenden Wasser“ im damals neuen Magazin ZACK abgedruckt war, und ich die Serie, die sich über zehn Ausgaben hinzog, geradezu verschlang. Chronologisch korrekt ging es allerdings fünf Jahre zuvor in der von René Goscinny geleiteten, französischen Comiczeitung Pilote los: „Schlechte Träume“; und zwar mit diesen Einstiegssätzen:

     

    Wir schreiben das Jahr 2720. Galaxity ist die Hauptstadt der Erde und des gesamten irdischen Machtbereichs in der Galaxie.

    Arbeit hat für die meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Nur einige hundert Raumzeitagenten und Technokraten des Raum-Zeit-Service sind noch aktiv.

    Die Raumzeitmaschine ermöglicht sowohl Reisen über riesige Distanzen als auch Sprünge in der Zeit. Dennoch ist zu Beginn des 28sten Jahrhunderts noch nicht das komplette Universum erforscht, entdecken die Agenten ständig neue Sonnensysteme und stoßen dabei auf unbekannte Lebensformen.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Autor und Zeichner: seit Kindheit befreundet

    Pierre Christin (*1938, Text) und Jean-Claude Mézières (*1938, Zeichnungen) lernen sich als Kinder in einem, im Osten von Paris gelegenen Luftschutzkeller kennen, während die Stadt im Sommer 1944 bombardiert wird. Nach dem Krieg trennen sich ihre Wege: Christin studiert Politologie und Literatur an der Sorbonne, Mézières besucht das Institut des Artes Appliquès. Mitte der 60er Jahre beschließen beide unabhängig voneinander, ein Auslandsjahr in den USA einzulegen und verabreden sich Monate später in Salt Lake City am Rande des Großen Salzsees für einen Erfahrungsaustausch. In diesen Tagen wird die Idee geboren, eine Science-Fiction-Geschichte in Comicform zu erzählen. Pate standen unter anderem Filme wie „This Island Earth“, „Forbidden Planet“ „Barbarella“ sowie Romane von Isaac Asimov, Alfred E. van Vogt, Jack Vance und John Wyndham. Christin und Mézières kehren nach Frankreich zurück, üben ein Jahr lang mit gezeichneten Short Stories, bevor 1967 ihr Valerian-Erstling in Pilote erscheint und ihnen sofort zum Durchbruch verhilft. Weitere 21 Erzählungen folgen bis 2007.


    Pierre Christin – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg


    Jean-Claude Mézières – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Start der Serie im Summer of love

    In „Les mauvais rêves (Schlechte Träume)“ wird Valerian weit zurück in die Vergangenheit katapultiert – ins mittelalterliche Frankreich im Jahr 1000 –, um dort den flüchtigen Traumaufseher Kombul zu stellen. Der plant, Hexen und Dämonen nach Galaxity zu importieren, Chaos zu verursachen, einen Umsturz herbeizuführen und sich zum Alleinherrscher der Erde krönen zu lassen. Bei der Suche erfährt Valerian Unterstützung vom Bauernmädchen Laureline [kein Mensch kann einem heute noch erklären, warum sie in der deutschen Version in Veronique umgetauft wurde]. Sie begleitet ihn beim Zeitsprung zurück in die Moderne, erhält einen Crashkurs unter der sogenannten Gedankenhaube und fungiert von nun an als seine neue (Agenten-) Partnerin. Die Figuren in „Schlechte Träume“ sind noch im Funnystyle gezeichnet, die Erzählung verläuft linear und ein bisschen simpel. Aber man lernt hier die für die ersten Folgen wichtigen Akteure kennen: Valerian, Veronique, Kombul und den Obersten Technokraten.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Band 2, der zwölf Monate später erscheint, ist da schon ein ganz anderes Kaliber: „Die Stadt der tosenden Wasser“. New York im Jahre 1986; am Nordpol explodiert ein Depot mit Wasserstoffbomben, Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt an, Städte und Länder versinken, das Ende der Zivilisation des 20sten Jahrhunderts. Danach drei Säkula finstere Epoche, bis sich gegen 2300 die Moderne aus der Dunkelheit herausschält. Wer mit dem Wissen Kombuls ins Jahr 1986 zurückreist, kann dort den Verlauf der Geschichte drastisch verändern und Galaxity gar nicht erst entstehen lassen. Für Valerian und Veronique beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr. Sie jagen Kombul durch die überfluteten und von dschungelartiger Vegetation überwucherten Straßen New Yorks. Mit etwas Fantasie ähneln die Bilder denjenigen im Blockbuster „Die Klapperschlange“, in dem Snake Plissken (Kurt Russell) durch das apokalyptische Gewirr im Big Apple hetzt. Wobei der Comic zehn Jahre vor dem Film entstand.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    1967/68 gezeichnet, vom Summer of love inspiriert, ähneln viele Figuren Hippies. Ein Wissenschaftler trägt das Gesicht von Jerry Lewis, ein Revolutionär das des Jazzkomponisten Sun Ra. Die Konturen der beiden Protagonisten werden in Band 2 schärfer, nehmen nun halbreale Züge an.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    In Teil 3 der Saga „Im Reich der tausend Planeten“ (1969 veröffentlicht) plötzlich ein gewaltiger Sprung: weg von der Erde mitten hinein in die unendlichen Weiten des Universums – Syrtis Magnificus. Hier kann der Autor seiner Fantasie endlich freien Raum lassen, der Zeichner neue Formen und Farben ausprobieren. Ganz stark die Szene, als V & V in einem Wasserfall herunterregnender Blumen stehen, bevor der Boden unter ihren Füßen wegbricht, und sie sich gegen eine Urweltschlange zur Wehr setzen müssen.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    In einer weit entfernten Galaxie steht ein Stern im Zentrum eines unermesslichen Sonnensystems. Es ist Syrtis Magnificus, Mittelpunkt des Reiches der tausend Planeten.

    Das viele Jahrhunderte wohlhabende Reich verfällt zunehmend. Der Herrscher hat sich in seinen Palast zurückgezogen, zeigt sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Die Kundigen – eine mysteriöse Priesterkaste – übernehmen die Regierungsgeschäfte. Die einst mächtige Kaufmannsgilde, die nun ein Schattendasein fristet, bittet die zwei Raumzeitagenten um Unterstützung. Die Geschichte erinnert ans alte Ägypten, als die Amunpriester einige Jahrzehnte lang die Geschicke des Landes lenkten, und die Rolle des Pharaos sich aufs Repräsentative beschränkte, bis das Pendel wieder umschlug, und die weltliche Gewalt zurück in die Hände des Königs wanderte.

    „Im Reich der tausend Planeten“ ist ein richtiger Comicklassiker mit einer wunderschönen Poesie. In der spannenden Atmosphäre fremdartiger Kulturen, Rassen und Religionen gelingt Mézières die glaubwürdige Darstellung sowohl von schmutzigen Gassen wie von prächtigen Palästen. Christin dagegen kann mit einer Vielzahl toller Wortschöpfungen glänzen. Ihm haben wir die Namen der Schamlis, Spiglis oder Bluxte zu verdanken, und er ist der Erfinder der lebenden Steine von Arphal.
    © Stan Barets

    Aktuelle Verfilmung: eher für Kinder geeignet

    Die aktuelle Verfilmung von Luc Besson mit dem leicht anderslautenden Titel „Die Stadt der tausend Planeten“ ist leider Gottes bloß ein müder Abklatsch des Originals. Zum einen quirlt der Drehbuchautor Fragmente verschiedener Bände zu einem grellbunten und Sodbrennen verursachenden Cocktail zusammen; zum anderen erliegt der Regisseur der Versuchung, Bilder und Spezialeffekte in den Vordergrund zu stellen; bei gleichzeitiger Vernachlässigung des Storytellings. So sitzt man zwei Stunden im Kino, denkt, wann nimmt der Streifen endlich Fahrt auf, wundert sich über die Fehlbesetzung der männlichen Hauptrolle [ein Milchbubi statt eines kernigen Zeitraumagenten], das Theater mit den militärischen Rängen, die es im Comic-Valerian überhaupt nicht gibt und hofft, dass es irgendwann nochmal spannend wird. Vergeblich, denn der Film plätschert ideenlos bis zum dümmlichen Finale vor sich hin. Besonders fatal ist es, dass die intelligente Handlung des Originals von Besson auf Walt-Disney-Niveau geschrumpft wird. Selbst vor dem Einsatz von Weltraum-Teletubbies und Plagiatszenen aus dem „5ten Element“ schreckt er nicht zurück. Der Schwertkampfauftritt à la Luc Skywalker auf Speed ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Fazit: „Stadt der tausend Planeten“ ist eher was für Kinder, die nach „Die Schöne und das Biest“ einen neuen Nervenkitzel suchen und nicht für erfahrene Comicjunkies geeignet.

    Parallelen zwischen V&V und Star Wars

    Interessanter als Bessons kraftlose Adaption sind die Anleihen, die George Lucas bei Valerian gemacht hat. In Star Wars wimmelt es von Figuren und Kostümen, die Christin und Mézières viele Jahre vorher entworfen hatten: die Bandbreite reicht dabei von Prinzessin Leias Kostümen, die sie in Veroniques Kleiderschrank ausgeliehen zu haben scheint, über die Gesichtsverbrennungen und die Maske von Darth Vader (wie bei den Kundigen im „Reich der tausend Planeten“), das Einfrieren von Han Solo (ebenfalls in den „tausend Planeten“), die Konturen des Schrotthändlers Watto (die Shinguz aus dem Band „Botschafter der Schatten“) bis hin zum identischen Design der Raumschiffe. Christin und Mézières haben also in Teilen die Blaupause für die erfolgreichste SciFi-Saga Hollywoods geliefert. Im Unterschied zu Besson erzählt Lucas allerdings eine überzeugende Geschichte, sodass die Ähnlichkeiten einiger Figuren eher das Vergnügen des Wiedererkennens denn Kopfschmerzen bereiten. Obwohl Star Wars seiner eigenen Handlung folgt, glaubt man doch an manchen Stellen, Ideen aus V & V aufblitzen zu sehen. So sind beispielsweise die beiden künstlichen Städte Central City und Coruscant nahezu identisch gestaltet. Bei genauerer Betrachtung lassen sich noch zahlreiche weitere Parallelen entdecken, deren Erörterung in diesem kurzen Beitrag jedoch zu weit führen würde.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    V & V ist ein Comiczyklus, den man sowohl als Jugendlicher als auch ü40 in die Hand nehmen kann. Christin und Mézières haben Pionierarbeit in Sachen SciFi-Storytelling, Figurenentwicklung und Weltraumszenerie geleistet.  Die Erzählung genießt man am besten als Gesamtwerk, die Bände lassen sich aber auch einzeln gut lesen. Die Folgen bauen zwar aufeinander auf, es ist jedoch nicht zwingend notwendig, die Vorgeschichte zu kennen. Die Handlungen sind stets in sich abgeschlossen. Die Protas wurden im Lauf der Jahre erwachsen, nehmen ständig realere Züge an. Bis hin zu dem Vorwurf, dass Veronique mittlerweile zu sexy und Valerian zu muskulös wirken. Mich stört das nicht; ganz im Gegenteil: die beiden erscheinen dadurch menschlicher. Die Saga  bleibt durchgängig intelligent und aufregend, und man fiebert bis zum Finale mit, ob die Erde nach der Zerstörung des Raum-Zeit-Service ein weiteres Mal von den zwei Helden gerettet werden kann.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Sämtliche Bilder mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags