Kategorie: Im Interview

  • Wolfgang Kubicki: Wir brauchen eine Stärkung der Debattenkultur

    Wolfgang Kubicki: Wir brauchen eine Stärkung der Debattenkultur

    Jörg Friedrich: Herr Kubicki, in Blogs, auf Social-Media-Plattformen und auf den Online-Portalen der großen Zeitungen, überall im Internet findet inzwischen eine Debatte zu den großen Themen unserer Gesellschaft statt. Welche Chancen sehen Sie in der „Demokratisierung der Debatte“, wie wir sie in der Online-Welt seit ein paar Jahren erleben?

    Wolfgang Kubicki: Da sehe ich aktuell noch mehr Schatten als Licht. Denn es muss in der Vergangenheit ja einen Grund gehabt haben, warum Kommentatoren, beispielsweise in den Printmedien, dafür bezahlt wurden, ihre Meinung auf einer gewissen fachlichen Grundlage öffentlich zu verbreiten. Was wir derzeit erleben, ist leider viel zu häufig eine Verflachung der öffentlichen Debatte, wenn in Online-Portalen eher die Phrase und das Vorurteil als das Argument die Diskussion dominiert. Insofern klingt für mich der Begriff „Demokratisierung der Debatte“ ein wenig nach Schönfärberei: Heißt das nicht auch, dass die vielzählig auftretenden Pöbeleien und Anfeindungen im Netz ein hinzunehmender Bestandteil einer Demokratisierungskultur wären? Das wäre dann mit Sicherheit kein Fortschritt.

    Ich muss außerdem feststellen, dass die Aussicht für jedermann auf Teilhabe am Diskussionsprozess nicht dazu geführt hat, dass das allgemeine Interesse an Politik zugenommen hat. Denn die Wahlbeteiligung sinkt kontinuierlich. Um dieses Problem zu bekämpfen, brauchen wir eine Stärkung der Debattenkultur in den Parlamenten. Das wäre aber ein anderes Thema.

    JF: Aber auch interessant. Zumal die Debattenkultur in den Parlamenten, vor allem aber auch die in den Talkshows, in denen sich Parlamentarier ja genauso oft treffen wie im Plenum, auf die gesamte öffentliche Debatte ausstrahlt. Wie sähe denn eine gestärkte politische Debatte unter Parlamentariern für Sie aus?

    WK: Eine gestärkte politische Debatte fände wieder hauptsächlich in den Parlamenten statt. Ich kann mich noch gut an die großen Debatten im Deutschen Bundestag – zum Beispiel über die Neue Ostpolitik – erinnern, die live im Fernsehen übertragen wurden und über die man in der Familie oder im Freundeskreis anschließend kontrovers diskutiert hat. Man hatte zudem bei gestandenen Politikern wie Frank Josef Strauß, Herbert Wehner oder Wolfgang Mischnick noch den Eindruck, dass es wirklich um die Sache geht. Die heutige Debattenkultur im Bundestag empfinden viele Menschen zu Recht nur noch als kühl. Der Eindruck ist fatal, dass die Parlamentsreden lästiges Beiwerk sind und schon längst gefällte Entscheidungen damit rhetorisch umhüllt werden. Wir müssen wieder dazu kommen, dass sich das bessere Argument im parlamentarischen Ringen um die beste Lösung durchsetzen kann.

    JF: Die Debatte im Netz lebt von den Artikeln, Kolumnen und Postings der Autoren, aber auch von den Kommentaren der Leser. Sowohl die einen als auch die anderen sind in der Veröffentlichung ihrer persönlichen Meinungen oft nicht zimperlich. Wo sollten die „Grenzen des Erlaubten“ liegen?

    WK: Die Grenzen sind bereits heute gesetzlich festgelegt – z.B. wenn es um Beleidigungen, Verleumdungen oder üble Nachrede geht. Wichtig ist, dass Übertretungen dieses gesetzlichen Rahmens konsequent verfolgt werden. Abgesehen davon können wir aber feststellen, dass die überschießende Energie, die in Online-Debatten manchmal an den Tag gelegt wird, häufig in der direkten politischen Auseinandersetzung fehlt.

    JF: Einen Mangel an überschießender Energie kann man bei öffentlichen Auftritten von politischen Mandatsträgern doch eigentlich nicht feststellen! Viele beklagen doch gerade die überschießende Unsachlichkeit der Diskussion. Wo sehen Sie da einen Mangel?

    WK: Wir müssen hier klar unterscheiden zwischen der Energie, die von vielen Mandatsträgern in die persönliche Repräsentation gesteckt wird und der Energie, die aufgewendet wird, um die Lösung einer schwierigen politischen Streitfrage mit Argumenten zu untermauern. Im erstgenannten Fall liegt das Ausweichen in die Unsachlichkeit nahe. Im letztgenannten Fall ist Sachlichkeit die unverrückbare Bedingung.

    JF: Überwiegt in Ihren Augen im Moment das Konstruktive oder das Destruktive in den Online Debatten? Wie kann das Konstruktive befördert werden?

    WK: Es kommt auf das entsprechende Medium an: In manchen ist das Destruktive stärker, während viele andere die öffentliche Debatte durchaus befruchten und – etwas technisch ausgedrückt – einen wirklichen Mehrwert bringen. Klar ist allerdings, dass wir es im Internet mit einem sozusagen „anarchischen Kommunikationsraum“ zu tun haben, bei dem alles erlaubt ist, was sich im weiten Schutzbereich von Artikel 5 Grundgesetz bewegt. Und in dem verfassungsrechtlich garantierten Bereich der Meinungsfreiheit ist vieles denkbar, was letztlich destruktiv auf eine Debatte wirken kann. Vor diesem verfassungsrechtlichen Hintergrund bleiben uns eigentlich nur Appelle an die Vernunft eines jeden Einzelnen, wenn wir wollen, dass konstruktive Beiträge in eine Debatte eingebracht werden.

    JF: Was bedeutet für Sie „Professionalität“ auf Debatten-Plattformen?

    WK: Professionalität heißt für mich, dass in Kenntnis der Möglichkeiten und Schwächen des entsprechenden Mediums die Möglichkeiten ausgeschöpft und Fehler vermieden werden. Gerade im Online-Bereich haben wir den großen Vorteil, dass Informationen schnell und weltumspannend verbreitet werden können. Bei einer solch enormen Reichweite wäre es gut, wenn diese Informationen dann auch stimmen.

    JF: Was sind die großen Themen der Debatte heute? Und welche Themen sollten langfristig debattiert werden?

    WK: Ich glaube nicht, dass sich die Themen on- und offline so wahnsinnig voneinander unterscheiden. Aktuell kommen wir weder im Netz noch bei den klassischen Medien an dem großen Flüchtlingsthema vorbei. Diese Frage wird uns auch die kommenden Monate und Jahre beschäftigen, wenn es um die Bewältigung der Integrationsaufgabe geht. Hier kann die Diskussion über konstruktive Lösungen schon heute nicht schaden.

    JF: Das Thema „Flüchtlinge“ ist in der Tat unübersehbar. Es ist andererseits ein weites Feld. Was muss da Ihrer Meinung nach debattiert werden?

    WK: Im Grunde genommen alles, was mit der Integration der Flüchtlinge zu tun hat. Vor allem muss es darum gehen, wie wir den Spagat hinbekommen zwischen unserer humanitären Verpflichtung, die sich aus dem Grundgesetz ableitet, und den steigenden administrativen, wirtschaftlichen und innenpolitischen Anforderungen, die wir durch die hohe Zahl an Flüchtlingen zu bewältigen haben. Diese Diskussion wird in jedem Fall kontrovers geführt werden – aber das ist ja die Bedingung dafür, dass wir am Ende zu einer umsetzbaren Lösung kommen.

     

    Wolfgang Kubicki ist Stellvertretender Vorsitzender der FDP und Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein.

  • Thomas Vašek: Experiment Online-Debatte

    Thomas Vašek: Experiment Online-Debatte

    Jörg Friedrich: Herr Vašek, Sie haben in den vergangenen Monaten mit Ihrem Hashtag #SchlussMitHeidegger in Hohe Luft und bei Facebook selbst eine große Online-Debatte ausgelöst und befeuert. Welche neuen Chancen sehen Sie in solchen Debatten?

    Thomas Vašek: Für mich sind Online-Debatten immer Experimente. Was kann man im digitalen Raum machen, wie reagieren die Leute? Das Netz ist zunächst mal für mich ein faszinierendes Forum für eine Philosophiezeitschrift, etwas auszuprobieren, weil wir schnell sehen, wie die Leser reagieren. Diese Reaktionen haben Online Besonderheiten, die man aus Print nicht kennt.

    Im Fall der Heidegger-Debatte gab es ja zunächst den Beitrag von mir im Heft. Dann hat sich die Frage gestellt, was kann man damit online machen. Spontan kam die Idee, mit dem Hashtag eine kleine Aktion zu starten. Das Schöne ist, dass es auf diese Weise möglich war, das Heidegger-Thema ganz schnell und auf eine provokative Art und Weise in den philosophischen Netz-Diskurs hineinzuschießen. Man konnte die Reaktionen in Echtzeit beobachten: Verstörung, Irritation, Ablehnung, denken Sie an Ihre eigene negative Reaktion bei Facebook. Das Tolle war, dass wir damit ganz schnell eine Provokation auslösen konnten, die wir in Print nicht hätten erreichen können.

    JF: Aber schadet nicht diese Schnelligkeit, die online möglich ist und auch erwartet wird, der Tiefe der philosophischen Debatte?

    TV: Das ist ein sehr guter Punkt. Ich hatte ja gesagt, für mich sind diese Online-Debatten Experimente, aus denen man auch lernt. Ich würde so einen Hashtag wie #SchlussMitHeidegger heute wohl nicht mehr machen, aufgrund dieser Erfahrungen. Das heißt nicht, dass es verkehrt war, es hat etwas ausgelöst, es hat Reaktionen provoziert. Aber Sie haben völlig Recht, dass gerade bei philosophischen Themen durch das Provokative und den Zwang zur Schnelligkeit auch die Gefahr besteht, dass eine wirkliche Diskussion erschwert wird.

    Im Prinzip steckt in Online-Plattformen im Netz für die Philosophie aber das Potenzial, die Athenische Agora wiederzubeleben. Das sage ich nicht, weil es gut klingt. Allerdings gibt es eben auch Einschränkungen.

    JF: Sie haben in der Heidegger Debatte ja eine Kombination aus Beiträgen von Experten und Online-Diskussionen gewählt.

    TV: Es gab in der Heidegger-Debatte ja zuerst den längeren Beitrag von mir und dann einige Monate später einen Schwerpunkt im Heft rund um die Siegener Tagung. Da hat sich gezeigt, dass es für eine zweimonatig erscheinende Zeitschrift wie Hohe Luft ganz schwierig ist, eine solche Diskussion nur im Print zu führen. Schon zum ersten Beitrag gab es eine Vielzahl von Kommentaren, das hat sich dann noch verstärkt rund um die Siegener Tagung. Es gab einen großen Bedarf, auch von Fachleuten, sich zu Heidegger zu äußern. Im Print haben wir nur eine begrenzte Seitenzahl. Außerdem interessiert das Thema Heidegger zwar viele, aber doch nicht alle Leser.

    Wir haben uns deshalb entschieden, nur einen Teil der Beiträge im Print zu bringen, und auch die mit einem deutlichen Verweis auf die Online-Diskussion. Viele Beiträge haben wir nur online veröffentlicht. Die Hoffnung war, dass die Leser, die sich dafür interessieren, die Diskussion online weiter verfolgen, verbunden mit der Möglichkeit, online einen argumentativen philosophischen Schlagabtausch zu führen. Das funktioniert bis zum heutigen Tage ganz gut. Ich habe hier schon wieder die neueste Antwort von Richard Wolin auf das Interview mit dem Verleger Klostermann – da müssen wir schon aufpassen, dass man es nicht übertreibt. Aber die Dynamik, die man da erzeugen kann, ist schon toll. Das fordert die Philosophen, die Fachleute, natürlich auch. Man kann sich für das Verfassen eines gediegenen Beitrags nicht zwei Monate Zeit lassen. Das ist etwas Neues. Wenn etwa Sidonine Kellerer auf Trawny reagiert oder umgekehrt, dann haben die Leute die Möglichkeit, schnell zu reagieren, anderseits eben auch den Druck, das zu tun.

    JF: Nun kann man natürlich fragen, ob das der philosophischen Debatte gut tut. Heidegger ist ein Thema, das uns seit Jahrzehnten beschäftigt und das uns noch lange beschäftigen wird. Da kommt es doch auf zwei Monate nicht an! Ist es wirklich notwendig, da so ein Tempo reinzubringen, wie es in einer Online-Debatte zwangsläufig entsteht?

    TV: Ja, gut, ich kann Sie schon verstehen. Meine Antwort hat zwei Teile. Die journalistische Antwort auf Ihre Frage ist: Das Thema ist nun mal aktuell und wenn Sie im Netz die Möglichkeit haben, etwas dazu zu machen, sehe ich keinen Grund, der dagegen spricht.

    Das zweite ist das Grundsätzlichere, das auch über die Heidegger-Diskussion hinausgeht. Die Geschwindigkeit des Netzes verbunden mit der sofortigen und universellen Verfügbarkeit der Artikel, die nun nicht in irgendwelchen schwer zugänglichen Fachzeitschriften stehen, sondern im Netz für jeden einsehbar sind, erzeugt natürlich einen Druck. Ich gebe Ihnen völlig Recht, dass darin auch ein gewisses Risiko liegt.

    Ich will Ihnen aber sagen, dass das auch in der Eigenverantwortung der Akteure liegt, sich auf diese Schnelligkeit einzulassen oder das eben nicht zu tun. Peter Trawny etwa hat sich entschlossen, auf den polemischen Beitrag von Sidonine Kellerer nicht zu reagieren, obwohl wir es ihm angeboten haben. Richard Wolin hingegen reagiert sofort darauf. Da muss eben jeder selbst entscheiden, was für ihn angemessen ist. Das ist auch ein psychologisches Problem. Und die Intellektuellen, die Philosophen insbesondere, waren es eben bisher auch nicht so gewohnt, mit ihren Beiträgen so exponiert zu sein. Wenn etwa der Verleger Klostermann jetzt im Netz seine Heidegger-Ausgabe verteidigt und damit aber auch angreifbar wird für jeden, der da draufklickt und meint er hätte was dazu zu sagen.

    JF: Das kann ja durchaus auch der Lebensnähe der Philosophie förderlich sein, wenn man so herausgefordert wird.

    TV: Ja, das glaube ich schon. Dieser Druck, der da entsteht, hat eben eine negative und eine positive Seite. Es entsteht auch ein Druck, sich anders, verständlicher, klarer auszudrücken, als man das in einer Fachpublikation tun würde. Außerdem sind die Beiträge im Netz ja auch deutlich kürzer, weil die Leute wissen – das ist jedenfalls die allgemeine Überzeugung – das Artikel im Netz nicht zu lang sein dürfen. Das zwingt die Diskutanten dazu, sich kurz und prägnant auszudrücken und auf die 50 Fußnoten, die sie gern gemacht hätten, zu verzichten.

    JF: Gutes Stichwort: Wir machen ja hier ein Interview, das online veröffentlicht wird. Deshalb müssen auch wir uns kurz und prägnant halten. Letzte Frage. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigen Themen, die in der Online-Debatte jetzt und in Zukunft eine Rolle spielen werden?

    TV: Es wird Sie nicht überraschen, wenn sage, dass das Flüchtlingsthema ganz weit vorne steht. Philosophisch heißt das, dass wir über das Fremde und das Eigene, über Identität und Toleranz diskutieren müssen.

    Das andere ist, dass wir selbstreflexiv im Netz über das Netz diskutieren müssen. Wie kriegen wir den Hass, vor allem den Fremdenhass aus dem Netz raus? Welche Funktion hat das Netz überhaupt? Es wird sich die Frage stellen, in welche Richtung wir solche Diskussionen auf zivilisiertem Niveau führen.

    Weiterhin wird uns die Digitalisierung aller Lebensbereiche beschäftigen. Das ist ja auch ein Thema, das Sie umtreibt…

    JF: Abschließend: Wir werden diese Debatten sicherlich auch bei DieKolumnisten führen, wie denken Sie über eine Plattform, die Debatte zu ihrem Schwerpunkt macht?

    TV: Online-Debatte ist ja vor allem auch eine Sache, die Spaß macht. Den Spaßfaktor darf man nicht unterschätzen. Deshalb freue ich mich über das Entstehen dieser Plattform. Man hat ja bei Online-Debatten immer den Eindruck, dass sich da richtig was tut. Erinnern Sie sich an unsere Facebook-Diskussion über Heidegger, auch wenn nur 10 Leute dabei waren, man wartet immer gebannt auf die Reaktion des anderen. Das kann richtig Spaß machen.

    Thomas Vašek ist Chefredakteur der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft.

    Die hier erwähnten Beiträge zur Heidegger-Debatte von Thomas Vašek, Sidonine Kellerer, Peter Trawny und Richard Wolin kann man auf der Homepage von Hohe Luft nachlesen.