Kategorie: Literatur

  • Die Magie des ersten Satzes

    Die Magie des ersten Satzes

    Nachdem Sören Heims Beitrag „Die Austreibung der Schönheit“, in der er die Reduktion der Sprache auf die reine Informationsvermittlung beklagt, am vergangenen Wochenende auf großes Interesse bei den Lesern stieß und im Anschluss kontrovers über die optimale Länge von Sätzen und den vibrierenden Sound einzelner Textpassagen diskutiert wurde, hatte ich das Thema für meine neue Kolumne gefunden: die Magie des ersten Satzes.

    Vor einigen Jahren trieb ich mich mehr in Autorenforen als in Facebook rum. Dort stellen Nachwuchs- und Hobbyschriftsteller Kurzgeschichten und Gedichte vor und lassen ihre (Mach-) Werke von anderen Usern beurteilen. Gibt dabei Rechtschreibungs-, Grammatik-, Füllwort-, Inhalts-, Logik- und Spannungsexperten. Die Bandbreite der Bewertungen reicht von „Super. Du findest bestimmt einen Verlag“ über „noch bist du nicht so weit. Stete Übung macht den Meister“ bis hin zu „kompletter Schrott“ oder „tu uns bitte allen einen Gefallen und lade keine neuen Stories von dir hoch“. Ein harter, teils grausamer, aber unterm Strich lehrreicher Ausleseprozess. Neben den beiden Hauptrubriken Prosa und Lyrik existiert ein weiterer Bereich: Kreatives Schreiben. Hier wird so spannenden Fragen wie „Kann mir jemand dabei helfen, eine Fantasywelt zu entwickeln?“ oder „Wie viele Wörter hast du heute aufs Papier gebracht?“ nachgegangen. Eines Morgens stand da folgende Behauptung zu lesen: „Ich lasse mich bei der Auswahl eines Romans einzig vom ersten Satz leiten. Ist der sexy, dann kaufe ich das Buch; andernfalls stelle ich es sofort ins Regal zurück“. Daraus resultierte eine der längsten Diskussionen in dieser – an ausufernden Debatten wahrlich nicht armen – Schreibwerkstatt. Schnell standen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber: die Befürworter der Ausgangsthese, die sich auf die Erste-Satz-Magie versteiften und die Gegner, die die Ad-hoc-Entscheidung nicht nur für unsinnig, sondern sogar als Frontalangriff auf das Wesen der Belletristik ansahen.

    Ich gehörte anfangs zu den Opponenten, empfand die Erste-Satz-Dogmatik als engstirnig bis hin zu realitätsfremd, freundete mich jedoch im Lauf der Monate immer stärker mit der Position der Befürworter an. Ein attraktiver Einstiegssatz hat ja was. Von der Funktion her ähnelt er einem bunten Plakat, das uns zu einem Museumsbesuch überreden, einem spannenden Trailer, der mich ins Kino lotsen soll, David Beckham mit entblößtem Oberkörper, der mir ein After Shave andrehen, einer barbusigen Blondine im schummrigen Kontakthof des Bordells, die mich gleich um 200 Euro erleichtern will, der Frau, der wir nach zehn Sekunden verfallen und bereits beim ersten Date einen Heiratsantrag stellen. Bei allen fünf Beispielen wissen wir nicht, ob das Produkt den im Teaser vorgegaukelten Erwartungen entspricht. Eventuell ist der Film todlangweilig, das Rasierwasser riecht nach gegorenem Moschus, die Hure entpuppt sich im Neonlicht ihres Zimmers als alt und habgierig, die blitzgeheiratete Angebetete macht uns das Leben bis zur nächsten Scheidung richtig sauer. Trotzdem lassen wir uns oft aufgrund eines Spontaneindrucks zum Kauf animieren. Warum sollte dieses Phänomen nicht auch für Romane gelten?

    Ich durchforstete die kleine Bibliothek in meinem Wohnzimmer auf der Suche nach Büchern mit sexy Einstiegssätzen – Sätze, die sofort ins Auge springen und dem Leser suggerieren: in dieser Art wird es bis zum finalen Punkt auf der letzten Seite weitergehen – und wurde tatsächlich fündig. Im Folgenden eine Auswahl attraktiver Einleitungen. Und zwar allesamt aus Romanen, die mich derart in ihren Bann zogen, dass ich sie binnen weniger Tage und Nächte nahezu rauschartig, dabei Essen, Trinken und Körperhygiene vergessend, durchlas.

    Preisgekrönte Sätze

    Beginnen möchte ich mit einem prämierten Beispiel: „Ilsebill salzte nach“. Der Anfang des „Butt“ von Günter Grass war gemäß einem im Jahre 2007 gefällten Urteil der Experten von Initiative Deutsche Sprache sowie Stiftung Lesen der schönste Einstiegssatz der deutschsprachigen Literatur. Und ich fragte mich damals – und tue es heute noch – warum? Was um Himmelswillen ist an diesem Satz attraktiv, abgesehen davon, dass er leicht verständlich ist? Ich finde ihn komplett fade. Was übrigens für den gesamten „Butt“ gilt, weshalb ich ihn damals nach dreißig Seiten wieder beiseite legte. Großartig hingegen Kafkas Start in „Die Verwandlung“: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Belegte aus Gründen, die niemand außer den oben genannten Fachleuten kennt, nur Rang 2. Vielleicht weil Grass damals noch lebte, Kafka jedoch schon lange tot war. Auf Platz 3 landete Siegfried Lenz: „Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging.“ (So zärtlich war Suleyken). Ganz okay, aber sexy geht anders.

    Aus meinem Bücherregal gegriffen

    Nun aber endlich zu den Romanen in meinem Bücherregal.

    Während ich schreibe, bricht die Dunkelheit herein, und die Leute gehen zum Abendessen.
    Henry Miller: Stille Tage in Clichy

    Leicht melancholischer Start in einen kurzen Roman, 1956 in der englischen Originalfassung „Quiet days in Clichy“ erschienen. Spielt im Paris des Jahres 1933. Die Geschichte erzählt von den schriftstellernden Bohemiens Carl und Joey, die ein ausschweifendes Leben führen. Ihr weniges Geld geben sie am liebsten für Nutten und Partys aus. Gilt als Meilenstein der erotischen Literatur. Aufgrund des teils pornografischen Inhalts in den USA erst 1965 und in Deutschland 1968 veröffentlicht.

    Dieses schreibe ich, Sinuhe, der Sohn Senmuts und seines Weibes Kipa – nicht um die Götter Kemets zu preisen, denn der Götter bin ich überdrüssig –, nicht um Pharaonen zu verherrlichen, denn auch ihrer Taten bin ich müde; sondern um meiner selbst willen schreibe ich es.
    Mika Waltari: Sinuhe der Ägypter (1948)

    DER Ägyptenroman schlechthin. Erzählt vom Leben des Arztes Sinuhe, der, aus bescheidenen Verhältnissen stammend, bis zum Leibarzt des Ketzer-Pharaos Echnaton aufsteigt, bevor er von den Amun-Priestern den Auftrag erhält, den König zu vergiften. Verbittert zieht er sich in die Einsamkeit der Wüste zurück und kritzelt dort in jahrelanger Arbeit seine Geschichte auf hunderte Papyrusrollen.

    Achtzig Jahre nach dem Tod ihres Propheten Mohammed hatten die Moslems ein Weltreich aufgebaut, welches sich von der indischen Grenze ununterbrochen durch Asien und Afrika die südlichen Gestade des Mittelmeers entlang bis zur Küste des Atlantischen Ozeans dehnte.
    Lion Feuchtwanger: Die Jüdin von Toledo (1955)

    Von den vielen guten historischen Romanen Feuchtwangers sticht die Jüdin von Toledo wegen der bittersüßen Love Story, die sich zwischen Raquel und dem kastilischen König Alfonso entwickelt, nochmals heraus. Als Raquel vom wütenden Mob erschlagen wird, wandelt sich der trauernde Herrscher vom Kriegsherrn zum friedliebenden Landesvater.

    Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer.

    So startet Heinrich Mann in das Epos Die Jugend des Königs Henri Quatre. Erzählt wird in zwei Bänden (Nr.2.: Die Vollendung des Königs Henri IV) der Werdegang des Herzogs von Bourbon, der als Protestant im letzten Viertel des 16ten Jahrhunderts auf den französischen Thron gelangen will. Diesen kann er jedoch erst besteigen, als er zum Katholizismus konvertiert. Seine Einsicht, „Paris ist eine Messe wert“, wird auch heute noch zitiert, wenn man eine überraschende 180-Grad-Kehrtwende in Angelegenheiten der Politik und des Glaubens mit einem Bonmot umschreiben möchte. Erschienen 1935.

    Ich war 50 und hatte seit vier Jahren keine Frau mehr im Bett gehabt.
    Charles Bukowski: Das Liebesleben der Hyäne (1978)

    „Was Sie schreiben, ist so roh und direkt. Wie ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf. Und doch steckt so viel Humor und Zärtlichkeit dahinter“, sagte die Kritikerin, als sie den Roman studiert hatte.
    „Yeah“, antwortete Bukowski.

    Der Morgen dämmerte. Der große Caddy schoss durch die Straßen der Stadt. Meine fünf Huren schnatterten wie eine Horde betrunkener Affen.
    Iceberg Slim: Pimp

    Hier ausnahmsweise drei Sätze. Icebergs Slims – im Gefängnis getippte – Lebensbeichte. Die ungeschminkte, grausame Story eines Zuhälters, der seine Mädchen auf den Straßenstrich schickt. Veröffentlicht 1969; diente als Vorlage für zahlreiche Rap- und Hip-Hop-Texte.

    Mein Chef sagte mir: „Ich behalte Sie nur aus Rücksicht auf Ihren ehrenwerten Herrn Vater, sonst wären Sie schon längst hinausgeflogen.“
    Anton Tschechow: Der Taugenichts (1890)

    Eine der vielen schönen Novellen Tschechows, in denen er die Flucht eines Sohns aus gutbürgerlicher Familie aufs Land schildert. Als er glaubt, endlich alle einengenden Konventionen hinter sich gelassen zu haben, verlässt ihn seine Frau, und er kehrt reumütig in die Stadt zurück.

    Ein grauer gedrungener Bau, nur vierunddreißig Stockwerke hoch.
    Aldous Huxley: Schöne neue Welt (1932)

    Eine Wohlstandsgesellschaft im Jahre 632 nach Ford. Unruhe, Elend und Krankheit sind überwunden. Eine totalitäre Herrschaft mit einer strengen Drei-Klassen-Gesellschaft garantiert genormtes Glück. Jede Form von Individualismus wird als asozial gebrandmarkt. Eines der wenigen Pflichtbücher im Schulunterricht, das ich mit Begeisterung las.

    Wenn ihr das wirklich hören wollt, dann wollt ihr wahrscheinlich als Erstes wissen, wo ich geboren bin und wie meine miese Kindheit war und was meine Eltern getan haben und so, bevor sie mich kriegten, und den ganzen David-Copperfield-Mist, aber eigentlich ist mir gar nicht danach, wenn ihr’s genau wissen wollt.
    J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen (1951)

    Braucht man nichts weiter drüber zu sagen. Kennt jeder. Und wer von diesem Roman bisher tatsächlich noch nichts gehört hat, sollte ihn sich spätestens jetzt sofort besorgen.

    Das Städtchen Holcomb liegt auf der Weizenhochebene von West-Kansas, eine weite einsame Gegend, die selbst für die anderen Kansaner hinter dem Mond liegt.
    Truman Capote: Kaltblütig (1965)

    Beruht auf einer wahren Geschichte: eine dreiköpfige Familie wird bei einem Raubüberfall ermordet. Die zwei männlichen Täter werden schnell gefasst und zum Tode verurteilt. Der Autor besucht die beiden regelmäßig in ihren Zellen, führt zahlreiche Interviews mit ihnen und begleitet sie bis zum Galgen. Aus diesen Notizen entstand der erste sogenannte Tatsachenroman der Weltgeschichte.

    Mittlerweile war klar, dass die Zeiten des Wassers vorbei waren, erinnerte sich der alte Qfwfq; die Zahl derjenigen, die sich entschlossen, den großen Schritt zu tun, wurde immer größer, es gab kaum noch eine Familie, die nicht einen ihrer Lieben auf dem Trockenen hatte, und alle erzählten sich Wunderdinge vom Leben dort und holten ihre Verwandten nach.
    Italo Calvino: Das Gedächtnis der Welten/ Bd. 1 der Cosmicomics (1965)

    Fantastische Geschichte der Entstehung des Lebens von seinen Anfängen im Ozean über die Zwischenstation Amphibien und Dinosaurier bis hin zu den ersten rattenartigen Säugern. Und immer mittendrin der unsterbliche Held mit dem unaussprechlichen Namen: Qfwfq.

    Zum ersten Mal traf ich Neal, kurz nachdem mein Vater gestorben war … ich hatte gerade eine schwere Krankheit hinter mir, von der ich nicht groß reden will, bloß dass sie mit dem Tod meines Vaters zu tun hatte und mit dem scheußlichen Gefühl, dass alles tot war.
    Jack Kerouac: On the Road (1958)

    In der Urfassung 1951 binnen drei Wochen auf eine vierzig Meter lange Papierrolle getippt. Atemloser Bericht vom Leben eines Hobos: Natur, Drogen, Jazz und Sex bestimmen die Handlung. Ständig auf der Suche nach Glück. Freiheit, der großen Liebe und der ultimativen Party. Meilenstein der Beat-Literatur.

    Erster Satz: wichtig, aber für sich alleine nicht kaufentscheidend

    Das war nun ein Dutzend willkürlich zusammengestellter Kostproben aus meinem Bücherregal für magische erste Sätze, die den Leser mühelos in den Roman hineinziehen, und bei denen die nachfolgende Handlung qualitativ und vom Spannungsaspekt her auch das hält, was auf Seite 1 versprochen wird. Die Geschmäcker sind unterschiedlich: das was mich in Schwärmerei versetzt, bewirkt bei anderen vielleicht nur ein müdes Lächeln oder gar ein Gähnen. Es existieren tausend weitere Beispiele für attraktive Einstiege. Und natürlich stoppt auch niemand nach der ersten Zeile eines Buchs. Das Auge überfliegt eine Drittel bis halbe Seite, bevor im Gehirn die Entscheidung „weiterlesen oder weglegen“ getroffen wird. Das wissen auch die Anhänger der Sexy-Satz-These. Die Auswahl eines Romans geschieht in der Regel anhand der Kriterien: Genre, kenne ich den Autor?, ist es eine Empfehlung eines Freundes?, steht das Buch in einer Bestsellerliste?, Klappentext, Studium Seite 1 und einer zufällig ausgewählten Passage im Mittelteil. Auf diesen Parametern fußt die Kaufentscheidung. Trotzdem ist die Beschäftigung mit dem Startsatz aus Autorensicht sinnvoll. Denn falls dieser bereits mit der 08-15-Schablone fabriziert wurde, wird auch der Rest des Textes Standardware sein.

  • Der ComiXjunkie (1)

    Der ComiXjunkie (1)

    Valerian & Veronique

     

    Science Fiction ist eine wunderbare Möglichkeit, der Realität zu entfliehen
    Pierre Christin

    Im Reich der 1000 Planeten

    »Du bist doch Comic-Junkie?«, erkundigt sich Ulf bei mir auf der letzten Redaktionssitzung.
    »Warum?«, antworte ich vorsichtig, weil nach solchen Fragen erfahrungsgemäß Arbeit verteilt wird.
    »Dann schreib darüber doch mal was.«
    »Dir schwebt bestimmt schon was vor, oder?«
    »Du kennst Valerian, den neuen Film von Luc Besson?«
    »Klar.«
    »Und hast auch ein, zwei der Alben gelesen?«
    »ALLE 22.«
    »Fein, also bist du genau der Richtige, dazu eine Rezi zu tippen.«

    Zurück zu Hause krame ich die Sammlung aus einem Umzugskarton hervor: Valerian & Veronique (V&V) In der Hardcover-Ausgabe des Carlsen Verlags: jeweils drei Erzählungen in einem Band zusammengefasst. Eine meiner Lieblingslektüren aus Kindheit und Jugend. Das erste Mal kennengelernt hatte ich den Raumzeitagenten im Jahre 1972, als die Geschichte „Stadt der tosenden Wasser“ im damals neuen Magazin ZACK abgedruckt war, und ich die Serie, die sich über zehn Ausgaben hinzog, geradezu verschlang. Chronologisch korrekt ging es allerdings fünf Jahre zuvor in der von René Goscinny geleiteten, französischen Comiczeitung Pilote los: „Schlechte Träume“; und zwar mit diesen Einstiegssätzen:

     

    Wir schreiben das Jahr 2720. Galaxity ist die Hauptstadt der Erde und des gesamten irdischen Machtbereichs in der Galaxie.

    Arbeit hat für die meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Nur einige hundert Raumzeitagenten und Technokraten des Raum-Zeit-Service sind noch aktiv.

    Die Raumzeitmaschine ermöglicht sowohl Reisen über riesige Distanzen als auch Sprünge in der Zeit. Dennoch ist zu Beginn des 28sten Jahrhunderts noch nicht das komplette Universum erforscht, entdecken die Agenten ständig neue Sonnensysteme und stoßen dabei auf unbekannte Lebensformen.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Autor und Zeichner: seit Kindheit befreundet

    Pierre Christin (*1938, Text) und Jean-Claude Mézières (*1938, Zeichnungen) lernen sich als Kinder in einem, im Osten von Paris gelegenen Luftschutzkeller kennen, während die Stadt im Sommer 1944 bombardiert wird. Nach dem Krieg trennen sich ihre Wege: Christin studiert Politologie und Literatur an der Sorbonne, Mézières besucht das Institut des Artes Appliquès. Mitte der 60er Jahre beschließen beide unabhängig voneinander, ein Auslandsjahr in den USA einzulegen und verabreden sich Monate später in Salt Lake City am Rande des Großen Salzsees für einen Erfahrungsaustausch. In diesen Tagen wird die Idee geboren, eine Science-Fiction-Geschichte in Comicform zu erzählen. Pate standen unter anderem Filme wie „This Island Earth“, „Forbidden Planet“ „Barbarella“ sowie Romane von Isaac Asimov, Alfred E. van Vogt, Jack Vance und John Wyndham. Christin und Mézières kehren nach Frankreich zurück, üben ein Jahr lang mit gezeichneten Short Stories, bevor 1967 ihr Valerian-Erstling in Pilote erscheint und ihnen sofort zum Durchbruch verhilft. Weitere 21 Erzählungen folgen bis 2007.


    Pierre Christin – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg


    Jean-Claude Mézières – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Start der Serie im Summer of love

    In „Les mauvais rêves (Schlechte Träume)“ wird Valerian weit zurück in die Vergangenheit katapultiert – ins mittelalterliche Frankreich im Jahr 1000 –, um dort den flüchtigen Traumaufseher Kombul zu stellen. Der plant, Hexen und Dämonen nach Galaxity zu importieren, Chaos zu verursachen, einen Umsturz herbeizuführen und sich zum Alleinherrscher der Erde krönen zu lassen. Bei der Suche erfährt Valerian Unterstützung vom Bauernmädchen Laureline [kein Mensch kann einem heute noch erklären, warum sie in der deutschen Version in Veronique umgetauft wurde]. Sie begleitet ihn beim Zeitsprung zurück in die Moderne, erhält einen Crashkurs unter der sogenannten Gedankenhaube und fungiert von nun an als seine neue (Agenten-) Partnerin. Die Figuren in „Schlechte Träume“ sind noch im Funnystyle gezeichnet, die Erzählung verläuft linear und ein bisschen simpel. Aber man lernt hier die für die ersten Folgen wichtigen Akteure kennen: Valerian, Veronique, Kombul und den Obersten Technokraten.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Band 2, der zwölf Monate später erscheint, ist da schon ein ganz anderes Kaliber: „Die Stadt der tosenden Wasser“. New York im Jahre 1986; am Nordpol explodiert ein Depot mit Wasserstoffbomben, Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt an, Städte und Länder versinken, das Ende der Zivilisation des 20sten Jahrhunderts. Danach drei Säkula finstere Epoche, bis sich gegen 2300 die Moderne aus der Dunkelheit herausschält. Wer mit dem Wissen Kombuls ins Jahr 1986 zurückreist, kann dort den Verlauf der Geschichte drastisch verändern und Galaxity gar nicht erst entstehen lassen. Für Valerian und Veronique beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr. Sie jagen Kombul durch die überfluteten und von dschungelartiger Vegetation überwucherten Straßen New Yorks. Mit etwas Fantasie ähneln die Bilder denjenigen im Blockbuster „Die Klapperschlange“, in dem Snake Plissken (Kurt Russell) durch das apokalyptische Gewirr im Big Apple hetzt. Wobei der Comic zehn Jahre vor dem Film entstand.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    1967/68 gezeichnet, vom Summer of love inspiriert, ähneln viele Figuren Hippies. Ein Wissenschaftler trägt das Gesicht von Jerry Lewis, ein Revolutionär das des Jazzkomponisten Sun Ra. Die Konturen der beiden Protagonisten werden in Band 2 schärfer, nehmen nun halbreale Züge an.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    In Teil 3 der Saga „Im Reich der tausend Planeten“ (1969 veröffentlicht) plötzlich ein gewaltiger Sprung: weg von der Erde mitten hinein in die unendlichen Weiten des Universums – Syrtis Magnificus. Hier kann der Autor seiner Fantasie endlich freien Raum lassen, der Zeichner neue Formen und Farben ausprobieren. Ganz stark die Szene, als V & V in einem Wasserfall herunterregnender Blumen stehen, bevor der Boden unter ihren Füßen wegbricht, und sie sich gegen eine Urweltschlange zur Wehr setzen müssen.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    In einer weit entfernten Galaxie steht ein Stern im Zentrum eines unermesslichen Sonnensystems. Es ist Syrtis Magnificus, Mittelpunkt des Reiches der tausend Planeten.

    Das viele Jahrhunderte wohlhabende Reich verfällt zunehmend. Der Herrscher hat sich in seinen Palast zurückgezogen, zeigt sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Die Kundigen – eine mysteriöse Priesterkaste – übernehmen die Regierungsgeschäfte. Die einst mächtige Kaufmannsgilde, die nun ein Schattendasein fristet, bittet die zwei Raumzeitagenten um Unterstützung. Die Geschichte erinnert ans alte Ägypten, als die Amunpriester einige Jahrzehnte lang die Geschicke des Landes lenkten, und die Rolle des Pharaos sich aufs Repräsentative beschränkte, bis das Pendel wieder umschlug, und die weltliche Gewalt zurück in die Hände des Königs wanderte.

    „Im Reich der tausend Planeten“ ist ein richtiger Comicklassiker mit einer wunderschönen Poesie. In der spannenden Atmosphäre fremdartiger Kulturen, Rassen und Religionen gelingt Mézières die glaubwürdige Darstellung sowohl von schmutzigen Gassen wie von prächtigen Palästen. Christin dagegen kann mit einer Vielzahl toller Wortschöpfungen glänzen. Ihm haben wir die Namen der Schamlis, Spiglis oder Bluxte zu verdanken, und er ist der Erfinder der lebenden Steine von Arphal.
    © Stan Barets

    Aktuelle Verfilmung: eher für Kinder geeignet

    Die aktuelle Verfilmung von Luc Besson mit dem leicht anderslautenden Titel „Die Stadt der tausend Planeten“ ist leider Gottes bloß ein müder Abklatsch des Originals. Zum einen quirlt der Drehbuchautor Fragmente verschiedener Bände zu einem grellbunten und Sodbrennen verursachenden Cocktail zusammen; zum anderen erliegt der Regisseur der Versuchung, Bilder und Spezialeffekte in den Vordergrund zu stellen; bei gleichzeitiger Vernachlässigung des Storytellings. So sitzt man zwei Stunden im Kino, denkt, wann nimmt der Streifen endlich Fahrt auf, wundert sich über die Fehlbesetzung der männlichen Hauptrolle [ein Milchbubi statt eines kernigen Zeitraumagenten], das Theater mit den militärischen Rängen, die es im Comic-Valerian überhaupt nicht gibt und hofft, dass es irgendwann nochmal spannend wird. Vergeblich, denn der Film plätschert ideenlos bis zum dümmlichen Finale vor sich hin. Besonders fatal ist es, dass die intelligente Handlung des Originals von Besson auf Walt-Disney-Niveau geschrumpft wird. Selbst vor dem Einsatz von Weltraum-Teletubbies und Plagiatszenen aus dem „5ten Element“ schreckt er nicht zurück. Der Schwertkampfauftritt à la Luc Skywalker auf Speed ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Fazit: „Stadt der tausend Planeten“ ist eher was für Kinder, die nach „Die Schöne und das Biest“ einen neuen Nervenkitzel suchen und nicht für erfahrene Comicjunkies geeignet.

    Parallelen zwischen V&V und Star Wars

    Interessanter als Bessons kraftlose Adaption sind die Anleihen, die George Lucas bei Valerian gemacht hat. In Star Wars wimmelt es von Figuren und Kostümen, die Christin und Mézières viele Jahre vorher entworfen hatten: die Bandbreite reicht dabei von Prinzessin Leias Kostümen, die sie in Veroniques Kleiderschrank ausgeliehen zu haben scheint, über die Gesichtsverbrennungen und die Maske von Darth Vader (wie bei den Kundigen im „Reich der tausend Planeten“), das Einfrieren von Han Solo (ebenfalls in den „tausend Planeten“), die Konturen des Schrotthändlers Watto (die Shinguz aus dem Band „Botschafter der Schatten“) bis hin zum identischen Design der Raumschiffe. Christin und Mézières haben also in Teilen die Blaupause für die erfolgreichste SciFi-Saga Hollywoods geliefert. Im Unterschied zu Besson erzählt Lucas allerdings eine überzeugende Geschichte, sodass die Ähnlichkeiten einiger Figuren eher das Vergnügen des Wiedererkennens denn Kopfschmerzen bereiten. Obwohl Star Wars seiner eigenen Handlung folgt, glaubt man doch an manchen Stellen, Ideen aus V & V aufblitzen zu sehen. So sind beispielsweise die beiden künstlichen Städte Central City und Coruscant nahezu identisch gestaltet. Bei genauerer Betrachtung lassen sich noch zahlreiche weitere Parallelen entdecken, deren Erörterung in diesem kurzen Beitrag jedoch zu weit führen würde.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    V & V ist ein Comiczyklus, den man sowohl als Jugendlicher als auch ü40 in die Hand nehmen kann. Christin und Mézières haben Pionierarbeit in Sachen SciFi-Storytelling, Figurenentwicklung und Weltraumszenerie geleistet.  Die Erzählung genießt man am besten als Gesamtwerk, die Bände lassen sich aber auch einzeln gut lesen. Die Folgen bauen zwar aufeinander auf, es ist jedoch nicht zwingend notwendig, die Vorgeschichte zu kennen. Die Handlungen sind stets in sich abgeschlossen. Die Protas wurden im Lauf der Jahre erwachsen, nehmen ständig realere Züge an. Bis hin zu dem Vorwurf, dass Veronique mittlerweile zu sexy und Valerian zu muskulös wirken. Mich stört das nicht; ganz im Gegenteil: die beiden erscheinen dadurch menschlicher. Die Saga  bleibt durchgängig intelligent und aufregend, und man fiebert bis zum Finale mit, ob die Erde nach der Zerstörung des Raum-Zeit-Service ein weiteres Mal von den zwei Helden gerettet werden kann.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Sämtliche Bilder mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

  • Waltari lesen (2)

    Waltari lesen (2)

    Der Mann, der Pate stand für eine Rockband und einen Asteroiden

    Turms der Unsterbliche

    »Jetzt wissen wir, was ein Waltari ist«, sagten sie auf der letzten Redaktionssitzung, die dieses Mal in Heinrichs Gartenlaube stattfand. »Hat der denn noch mehr als den Sinuhe geschrieben? Ein Roman alleine reicht nicht aus, um als Stern am Himmel der Histo-Autoren zu gelten.«
    »Klar«, antwortete ich, »bestimmt ein Dutzend.«
    »Dann tipp eine weitere Rezi bis Mittwochabend«, lautete der neue Auftrag an mich.
    »Immer dieser Zeitstress. Ich gebe Gas.«
    »Tu das.« Mit diesen Worten endete unsere wöchentliche Konferenz.


    Mika Waltari im Jahr 1935 
    (Quelle: Wikipedia. Foto gemeinfrei)

    Die bereits ihren Zeitgenossen etwas unwirklich erscheinenden Etrusker

    Welchen Roman sollte ich nun auswählen? Ich erinnerte mich daran, dass ein Facebookfreund mir den Turms ans Herz gelegt hatte. Ich durchforstete mein kleines Bücherregal und entdeckte dort – eingezwängt zwischen Geschichte der O und dem alten Schulatlas von Diercke – die Etruskerstory in einer Weltbild-Verlagsausgabe von 1995. Gekauft vermutlich bei einem Flohmarktbesuch vor vielen Jahren. Ich schlage die leicht vergilbten Seiten auf und freue mich bereits über den ersten Satz:

    Ich, Lars Turms, der Unsterbliche, erwachte dem Frühling entgegen und sah, dass die Erde zu grünen begonnen hatte.

    Sofort erinnere ich mich an den Rest der Erzählung, denn wie nahezu alle Romane Waltaris habe ich auch diesen bestimmt schon drei Mal gelesen.

    Mittelmeerantike an der Wende des sechsten zum fünften vorchristlichen Jahrhundert. Griechische Hochblüte in Athen, Korinth, Theben und Süditalien; das persische Großreich hat sich Ionien einverleibt und bedroht das griechische Mutterland; in Tunesien sitzen die phönizischen Karthager, die sich vor allem für freie Handelswege interessieren, Rom entwächst langsam den Kinderschuhen  und  testet die Schlagkraft seiner Nachbarn. Nördlich der immerfort hungrigen Wölfin stoßen wir auf eine Kultur, von der man lange gar nicht so genau wusste, ob es sie überhaupt jemals gegeben hatte, und die bis zu ihrem Ende stets etwas unwirklich blieb: die Etrusker.

    Die eine Theorie besagt, dass sie um 1000 vuZ von Kleinasien herkommend in Mittelitalien einsickerten. These 2 lässt dieses Volk autochthon – also: aus sich selbst heraus an Ort und Stelle – entstehen. Ihre Sprache, soweit man sie bisher rekonstruieren konnte, ähnelt einem auf der Insel Lemnos gesprochenen Idiom; die Schrift – von rechts nach links geschrieben – basiert auf dem griechischen Alphabet. Sie gründeten Stadtstaaten, die miteinander einen heiligen Zwölfbund schlossen. Die wichtigsten hießen: Veji, Tarquinia, Arezzo, Perugia, Cortona und Clusium. Die Blütezeit dauerte von 600 bis 480 vuZ.  Danach Niedergang und ständige Territorialverluste an Rom. 79 vuZ kapitulierte als letzte Stadt Volterra; Etrurien hörte auf zu existieren und ging im Imperium Romanum auf.

    Kleine Odyssee von Ionien bis Sizilien

    Turms wird als Kind von Clusium (heute: Chiusi. Provinz Siena) nach Milet verschleppt, wo er beim Philosophen Heraklit in die Schule geht, bevor er aufgrund eines Blitzschlags, den er wie durch ein Wunder überlebt, sein Gedächtnis verliert und sich beim Erwachen aus der Ohnmacht nicht mehr an seine etruskischen Wurzeln erinnern kann. Von nun an glaubt er sich als einen gebürtigen Ionier, dem die Geister der Vergangenheit allerdings hin und wieder in seinen Träumen erscheinen. Er nimmt am Aufstand der Lydier gegen die persische Besatzung teil – der niedergeschlagen wird –, steckt dabei versehentlich einen Tempel in Brand und muss das Land fluchtartig verlassen. Seine kleine Odyssee führt ihn über zahlreiche ägäische Inseln, mit Zwischenstopp auf dem griechischen Festland schließlich nach Sizilien: Drehkreuz des antiken Fernhandels, bereits im 5ten vorchristlichen Jahrhundert Kornkammer und heißumkämpfte Grenze der Einflusssphären zweier Großmächte: Griechenland und Karthago, die dort beide Stützpunkte unterhalten. Die einheimische Bevölkerung wird entweder von fremden Statthaltern regiert, oder ist ins unwegsame Inland geflüchtet. Turms strandet in Himera: an der Nordküste gelegene dorische Kolonie. Hier beginnt nun die eigentliche Geschichte.

    Wir aber starrten vor Schmutz, stanken und waren krank, vom Salzwasser zerfressen, mit Quetschwunden übersät und so erschöpft, dass wir Trugbilder in Form von gehörnten Seeungeheuern und Nymphen des Poseidon sahen. Als wir endlich den blauen Schatten des Festlandes im Westen entdeckten und von der Wirklichkeit der nahen Küsten überzeugt waren, brachen wir in Tränen aus, und die Männer begannen zu fordern, dass Dionysios an der nächstliegenden Küste an Land gehen sollte, gleichgültig, ob es Afrika oder Italien wäre, ob es von Karthagern oder Griechen bewohnt sei.

    In Himera lernt Turms Kumpel Dorieus eine wohlhabende Witwe kennen, die die beiden jungen Männer bei sich aufnimmt. Schnell werden Hochzeitspläne geschmiedet, die von den Priestern der Aphrodite im Tempel zu Eryx (heute: Erice am äußersten Westzipfel der Insel) besiegelt werden sollen. Turms lernt dort das bildhübsche Medium der Göttin kennen, verliebt sich in die Dame und entführt sie nach Himera. Der frischvermählte Dorieus bekommt einen Höhenflug, hält sich plötzlich für den Urenkel des Herakles, finanziert mit dem Vermögen der Witwe eine kleine Armee und bricht zur Eroberung der Nachbarstadt auf. Die Sache scheitert, Dorieus stirbt, Turms und Arsinoe – die frühere Priesterin der Aphrodite – fliehen ins Landesinnere, wo sie einem Stamm Sikanen – Ureinwohner – in die Hände fallen und die nächsten fünf Jahre in bescheidenen Verhältnissen in der sizilischen Wildnis verbringen. Turms, der ohnehin schon über die Gabe des Zweiten Gesichts verfügt, lässt sich von Schamanen in die Geheimnisse der Naturpharmazie einweihen. Arsinoe bringt einen Sohn zur Welt. Vater ist allerdings nicht Turms sondern Dorieus. Zwei Jahre später wird eine Schwester geboren. Ein griechischer Händler, der bei den Sikanen Waffen gegen Felle eintauscht, überredet Arsinoe, mit ihm in die Zivilisation zurückzukehren. Turms erklärt sich einverstanden, will aber nach Norden in Richtung Etrurien aufbrechen, während Arsinoe dem Griechen nach Ionien folgen möchte. Es entbrennt ein Streit, die beiden trennen sich, Turms besteigt wutentbrannt ein Schiff, betrügt auf der Überfahrt zum ersten und einzigen Mal seine Frau mit dem Hausmädchen Hannah und landet einige Wochen später in Ostia, wo er erstaunt feststellt, dass Arsinoe ihn dort bereits erwartet.  Es beginnt jetzt der römische Abschnitt des Romans.

    Dann sah ich mit eigenen Augen die Hügel Roms, die auf ihren Gipfeln entstandenen Dörfer, die Mauer, die Brücke und einige Tempel. Die Brücke war geschickt aus Holz gebaut, und die längste Brücke, die ich jemals gesehen, wenn auch eine Insel im Fluss sie stützte. Die Etrusker hatten sie gebaut, um ihre durch den Strom getrennten unzähligen Städte durch Landwege zu verbinden. Die Römer hielten diese Brücke für so wichtig, dass ihr oberster Priester noch den aus der Zeit der Etrusker überlieferten Titel Oberbrückenbauer führte. Die Rohheit der Sitten beweist vermutlich am besten die Tatsache, dass die Römer die Instandhaltung der Brücke ihren obersten Priestern übertrugen, wenn auch die Etrusker mit dem Namen Brückenbauer einen Mann meinen, der ein Mittler zwischen den Menschen und den Göttern war. Die Holzbrücke war lediglich das äußere Symbol der unsichtbaren Brücke. Aber die Römer verstanden alles, was die Etrusker sie lehrten, wörtlich.

    Die stets hungrige Wölfin

    Rom um 485 vuZ: junge Republik, der letzte König (ein Etrusker) 25 Jahre zuvor vertrieben, Auseinandersetzungen zwischen Aristokratie und Plebejern bestimmen das Geschehen. Stadtstaat mit eng begrenzter Herrschaftsfläche. Ständig bedroht von Volskern, Sabinern und Veji. Patriarchalische Gesellschaftsform, die Aristokraten mit ihrem Pflichtgefühl ähneln preußischen Landjunkern, (nach außen hin) hohe Moralstandards, drakonische Strafen drohen bereits bei kleinen Gesetzesverstößen, Geringschätzung von Kultur und Bildung, Misstrauen gegenüber Fremden, andauernder latenter Kriegszustand. Unsere beiden Protagonisten finden Unterschlupf bei einem verwitweten Senator. Turms unterrichtet die Kinder in Griechisch, Arsinoe begleitet den Alten auf dessen Geschäftsreisen. Da der Held keinerlei Anstalten zeigt, Karriere machen zu wollen, sondern sich mit dem Job des Hauslehrers begnügt, kommt es, wie es kommen muss: Arsinoe entscheidet sich für den Senator, verlässt Turms und verkauft kurz vorher Hannah an einen phönizischen Sklavenhändler.

    Wenn sie lieber Reichtum, Sicherheit und eine gehobene Stellung in Rom an der Seite eines freundlichen Greises statt meiner wählte, warum sollte ich ihre Ruhe stören? Der Krug war zerschlagen und der Wein ausgelaufen.

    Turms kehrt gemeinsam mit der kleinen Tochter Misme Rom den Rücken und wandert Richtung Norden. In Veji taucht er ein in die Welt der Etrusker, die ihn sofort als einen der ihren erkennen.

    Die geheimnisvoll wunderbaren und mit warmen Farben bemalten Tonfiguren auf dem Tempeldach stellten Artemis dar, wie sie ihren Hirsch gegen Herakles verteidigt. Die anderen Götter hatten sich mit ihren göttlichen Gesichtern lächelnd um sie versammelt, um diesem Kampf zuzusehen. Ich stieg die Treppe empor und trat durch den Säulengang und das Tor ein. Ein schläfriger Tempeldiener bespritzte mich mit seinem Weihwasserwedel. Immer sicherer wurde in mir das Gefühl, dass ich den gleichen Augenblick schon einmal erlebt hatte.

    Heimkehr nach Etrurien

    Wir sind jetzt im letzten Viertel der Erzählung angelangt: Turms langsames Begreifen, dass seine Wiege nicht in Ionien sondern in der Toscana stand. Xenodotos, der griechische Händler erscheint plötzlich wieder auf der Bildfläche, entpuppt sich als persischer Spion und überzeugt Turms und dessen etruskische Freunde davon, sich gemeinsam mit den Karthagern der von Xerxes gegen Athen geschmiedeten Allianz anzuschließen. Der als Schlacht von Himera – 480 vuZ – in die Geschichtsbücher eingegangene Versuch, Sizilien den Griechen zu entreißen, scheitert. Die Phönizier müssen sämtliche Stützpunkte auf der Insel räumen, die Etrusker verlieren ihre Flotte. Der gleichzeitige persische Vormarsch im griechischen Mutterland gerät bei den Thermopylen ins Stocken. An dieser Stelle weht kurz ein Hauch von Weltgeschichte durch den Roman. Turms schlägt sich bis nach Rom durch, wird dort verhaftet und wegen angeblicher Spionage zum Tode verurteilt. In letzter Minute rettet ihn die mittlerweile ergraute Arsinoe und verhilft ihm zur Flucht. Vorher gesteht sie ihm, dass weder Sohn noch Tochter von ihm stammen, während das verkaufte Hausmädchen seinen Samen im Leibe trug. Gebrochenen Herzens kehrt er nach Etrurien zurück, wo er in Clusium als seit vierzig Jahren vermisster Erbe des kürzlich verstorbenen Königs bereits erwartet und von der Bevölkerung frenetisch gefeiert wird. Die Priester hatten die Wiederkunft des verlorengegangenen Sohns schon seit langem vorhergesagt.

    »Unser Augur begrüßte dich bereits bei deiner ersten Ankunft in Rom, deutete dir die Omina und gab sie den Geweihten bekannt. Von der Insel, vom obersten Blitzpriester, erhielten wir die Nachricht, dass du ankämst. Der Blitz schlug aus Freude über deine Ankunft einen geschlossenen Kreis für dich. Sage, bist du unser neuer Lukumo?«

    Der Held beansprucht jedoch keinerlei weltliche Gewalt, will sich nicht mit Tagespolitik beschäftigen, sondern begnügt sich mit dem Amt des obersten Priesters und Repräsentanten der Stadt. Während Rom langsam von Süden her in Etrurien vordringt, erlebt Clusium unter Turms milder Regentschaft seine letzte Blüte.

    Melancholischer Grundton und immerwährende Liebe

    Mit Turms zeichnet Waltari einen anderen Helden, als es der Sinuhe war. Der Ägypter Arzt und als solcher vor allem auf das vertrauend, was er sehen und anfassen konnte. Der Etrusker bereits in jungen Jahren mit den Gaben der Prophezeiung und des Entfesselns von Wind – sehr nützlich bei seinen vielen Schiffsreisen – vertraut, ist halb Krieger, halb Mystiker. Beide lieben unglücklich, sind am Schluss alleine – Sinuhe in der Verbannung, Turms in seinem Palast – und bringen in jahrelanger Arbeit ihre Lebensgeschichte zu Papier. Da Waltari den auktorialen Stil – also: die Ich-Form – wählt, müssen die Protagonisten notgedrungen am Ende ihres Lebens viel Zeit mit sich selbst verbringen. Andernfalls hätten die Berichte ja nicht entstehen können. Als studierter Theologe stellt der Autor immer wieder die Frage nach den letzten Dingen. Im Turms klingt sie so:

    Aber ich bin des Gefängnisses meines Körpers überdrüssig und müde, und der anbrechende Tag ist der helle Tag meiner Befreiung … während der Todesschweiß mir auf der Stirn perlt, während die schwarzen Schleier des Todes vor meinen Augen flattern, muss ich mir die Tänze der Götter ansehen und am Göttermahl vor den Augen meines Volks teilnehmen. Dann erst wird der Vorhang geschlossen. Ich bleibe allein, um den Göttern zu begegnen und den Wein der Unsterblichkeit zu trinken … aber mehr als nach ihnen sehne ich mich nach meiner himmlischen Beschützerin. Als Lichtgestalt, als Feuergestalt wird sie ihre Flügel über mich breiten und den Atem aus meinem Mund küssen. In jenem Augenblick wird sie endlich ihren Namen mir ins Ohr flüstern, und ich werde sie erkennen … dann werden meine Ruhe und Vergessen kommen. Ein Jahrhundert, ein Jahrtausend, das ist gleichgültig. Einmal werde ich wiederkehren, ich, Turms, der Unsterbliche.

    Sinuhe befindet sich von Anfang bis Ende an den Hotspots der damaligen Weltgeschichte, ist den Mächtigen nahe, während Turms sich in der Peripherie aufhält. Sizilien ist nicht Ägypten, Rom damals noch ein unbedeutender Fleck auf der Landkarte, Etrurien hat den Höhepunkt seiner Macht bereits überschritten. Die Grundmelodie im Turms ist deshalb oft melancholisch, streckenweise morbide, der Held wird im Abstand einiger Monate von Todessehnsucht übermannt. Die zwei Jahrzehnte anhaltende Liebe zu Arsinoe, die ihn betrügt, sobald er das Haus verlässt, hat was. Als er sich endgültig von ihr trennt, rührt er im Nachgang nie mehr eine andere Frau an.

    Wie bei jedem seiner historischen Romane betrieb Waltari auch hier ein intensives Quellenstudium, sodass der Leser einen hervorragenden Einblick in die antike Welt des fünften vorchristlichen Jahrhunderts erhält. Wir begegnen Heraklit aus Milet, dem Feldherrn Hamilkar aus Karthago, den sizilischen Tyrannen Gelon und Theron, dem römischen Patrizier Coriolanus sowie dem etruskischen König Lars Porsenna. Interessant sind die fließenden Übergänge zwischen griechischer, römischer und etruskischer Götterwelt. So lässt Waltari die Aphrodite durch Arsinoe ins sittenstrenge Rom importieren, wo sie als Venus ins lokale Pantheon aufgenommen wird. Turms hingegen glaubt einzig an EINE Göttin, die sich allerdings in unterschiedlichen Erscheinungsformen zeigt.

    Schön ist die Idee, Turms zu Beginn des Romans ein Gefäß mit glattpolierten Kieseln in die Hand zu drücken, aus dem er für jedes neue Kapitel einen Stein entnimmt. Mit dem letzten Kiesel enden Buch und Leben des Helden.

    Für alle Historienfans ist auch dieser Roman ein Muss. Flott geschrieben, gute Mischung aus Abenteuer, Liebe, Tragödie und Suche nach den Dingen hinter den Dingen. Nie langweilig. Kann man an einem Wochenende – Voraussetzung: man tut nichts anderes – in einem Rutsch durchlesen.

    Das finnische Original (1955): Turms kuolematon.
    Ins Deutsche übertragen von: Wini v. Werner.

    PS. die Sache mit dem Hausmädchen Hannah geht gut aus. Sie wird aus den Fängen des Sklavenhalters befreit und reist viele Jahre später nach Clusium, wo sie Turms – der bereits als Lukomon (König) regiert – seinen Sohn vorstellt.

    In Teil 3 unternehmen wir einen Zeitsprung ins Zeitalter der Reformation und begegnen dort Karl V, Luther, Paracelsus und einer Hexe: Michael der Finne.

    Hier geht es zurück zu Teil 1

  • Von Kolumnisten und Pferdewetten – Kapitel 5

    Von Kolumnisten und Pferdewetten – Kapitel 5

    »Wie geht die Geschichte mit Javier weiter?«, frage ich, »Hast du ihn abblitzen lassen, oder war sein Werben erfolgreich?«

    »Er hat mich ins Tokyo Hibachi eingeladen.«

    »Ist das ein guter Laden? Habe keine Ahnung. Bin nicht so oft in L.A.«

    »Ein überteuerter Schuppen für Vorstadtzuhälter und Touristen aus der Provinz, die Fischstäbchen mit Sushi verwechseln«, ätzt Hank, während er eine Flasche Wein entkorkt.

    »War bestimmt nicht billig«, sage ich. »Konnte Javier denn die Rechnung bezahlen?«

    »Natürlich! Er war ja durchaus wohlhabend. Fuhr mit einem niegelnagelneuen Ford Shelby vor.«

    »Du hast also erstmal keinen Verdacht geschöpft?«

    »Ich war zu Anfang, als ich ihn im Fahrstuhl kennenlernte, zugegebenermaßen misstrauisch. Wer ist das nicht bei einem Mexikaner? Aber er sprach nahezu akzentfreies Englisch, immer elegant gekleidet, auf Hochglanz polierte Schuhe, weiße Zähne, gepflegte Hände, tadellose Manieren. Ging drei Mal mit mir aus, bevor wir nach dem Besuch von High School zum ersten Mal bei ihm auf dem Sofa landeten, wo wir harmlos wie Teenager ein bisschen aneinander rumfummelten.«

    »High School?«

    »Ein superdämliches Musical. Von allen Musicals, die ich kenne, das dämlichste. Mir unbegreiflich, dass ich mich mit einer Frau, die auf solch einen musikalischen Dreck abfährt, einmal die Woche in meiner Wohnung treffe.« Hank schüttelt seinen riesigen Kopf wild hin und her, spielt den Entrüsteten.

    »Typ Gentleman der alten Schule«, sage ich.

    »Typ elender Schmierlappen«. Hank wieder.

    »Ja, ich habe mich blenden lassen. Ich war damals so naiv.«

    »Du warst nie naiv«, sagt Hank, »hattest vielmehr gehofft, du würdest dir einen solvent-potenten Latino-Millionario angeln. Berechnend nennt man so ein Verhalten da, wo ich herkomme.«

    »Er sah wirklich hollywoodmäßig aus«, seufzt Betsy. »Wie hätte ich ahnen können, dass sich hinter Javiers hoher, kluger Stirn dieses ungeheure Ausmaß an Verkommenheit verbirgt?«

    »Du warst damals schon das dumme Landhuhn aus Iowa, das du immer noch bist. Allerdings jünger und knackiger. Nicht so eine aufgetakelte, dicke Henne wie heute.«

    »Hank, lass das. Du siehst doch, wie sehr ihr die Geschichte mit Javier noch an die Nieren geht.« Ich habe Null Bock auf Zoff zwischen Buk und seiner Mittwochabendbraut.

    »Er ist eifersüchtig auf Javier«, sagt Betsy.

    »Ich bin was? Mach dich nicht lächerlich.«

    »Doch, eifersüchtig bist du, weil Javier im Gegensatz zu dir charmant und ein hervorragender Liebhaber war.«

    »Warum bist du dann nicht bei ihm geblieben? Das hätte dir und mir eine Menge Kopfschmerzen erspart.«

    »Wird Betsy uns gleich erzählen.« Ich versuche, den Druck im Kessel, der beim Thema Javier langsam aber stetig ansteigt, gering zu halten. »Einen Job und gültige Papiere hatte er?«

    »Ja«, antwortet Betsy, »habe ich mir alles zeigen lassen.«

    »Was machte er?«

    »Key Account Manager bei einem großen Versicherungsmakler. Schwerpunkt: Brandschutz für Gewerbeimmobilien. Er kümmerte sich um den Vertrieb in Lateinamerika.«

    »Klingt nicht schlecht«, sage ich.

    »Riecht nach Betrug und Brandstiftung«, ergänzt Hank.

    »Was von beiden trifft zu, Betsy?«, frage ich. »Javier war ein Ehrenmann, der dir das Herz gebrochen hat oder ein Hochstapler à la Felix Krull?«

    »???«

    »Eine Figur aus einem Roman von Thomas Mann. Warum bist du nur so unglaublich ungebildet? … ein Kerl wie Raymond Fernandez in Lonely Heart Killers. Den kennst du, oder?« Jetzt bin ich erstaunt, dass Bukowski Filme mit John Travolta anschaut.

    »Javier hat doch keine Frauen umgebracht.«

    Bevor Betsy mit ihrer Geschichte fortfahren kann, werden wir durch ein Klopfen unterbrochen. »Jemand da?«, ruft eine männliche Stimme vom Flur aus in Hanks Apartment hinein.

    »Klar, bin ich da. Sonst stünde die Tür ja nicht sperrangelweit offen.«

    »Ich bringe euch die Burritos.« Joey taucht plötzlich im Wohnzimmer auf. Klein und gedrungen, reicht mir kaum über die Schultern. Wirkte hinter der Theke in seinem Kiosk größer, geht es mir durch den Kopf.

    »Der Chef persönlich liefert abends das Junkfood aus.« Hank will aufstehen, schafft es nicht, bleibt sitzen. »Hat dein pakistanischer Hilfskoch Schiss gekriegt, als er meinen Namen hörte?«

    »Wir haben heute alle Hände voll zu tun. Die ganze Stadt ordert Burritos. Kamal kommt nicht weg vom Telefon.«

    »Die ganze Stadt will DEINE Burritos? Mach dich nicht lächerlich. Die schmecken bestenfalls mittelmäßig, häufig sogar richtig mies. Hast du an den Tequila gedacht?«

    »Welchen Tequila? Steht nichts von auf dem Bestellzettel.«

    »Joey, mach uns beide nicht unglücklich. Die Burritos kannst du sofort im Klo runterspülen, wenn du den Schnaps nicht dabei hast.« Hank stützt sich mit beiden Armen auf die Tischplatte, stemmt seine hundert Kilo nach oben, schwankt ein bisschen, bleibt aber aufrecht, geht auf Joey zu, baut sich vor dem auf.

    »Ist doch nur ein Scherz, Hank. Klar habe ich an den Tequila gedacht.« Joey packt in die große Plastikbox, die er in der rechten Hand trägt und fingert die Burritos und den Schnaps heraus.

    »Die Hausmarke, du Gauner?«

    »Natürlich. Eine andere trinkst du doch nicht.«

    »Jose, Jose, für einen kurzen Augenblick dachte ich, du willst unsere Freundschaft aufs Spiel setzen.« Hank öffnet den Drehverschluss und genehmigt sich einen kräftigen Schluck direkt aus der Flasche.

    »Joey heißt Jose?«, frage ich.

    »Joey ist sein amerikanisierter Name.«

    »Auch Mexikaner?«

    »Mexikaner, Nicaraguaner, Kolumbianer, San Salvadorianer wie alle in dieser Straße. Die einzigen Nicht-Latinos in gesamt East-Hollywood sind Betsy, ich und der alte Bob, der den Schuhladen an der Romaine, Ecke Mariposa betreibt. Der ganze Rest mittlerweile Tacos. America quo vadis?«

    »Hank, du übertreibst mal wieder«, sagt Betsy, während sie ihren Burrito mit Messer und Gabel in kleine Teile zerlegt.

    »Natürlich übertreibe ich. Aber nur durch diese Zuspitzung wird Henning die Dramatik der aktuellen Situation verstehen. Diese verdammten europäischen Liberalen leugnen doch, dass überhaupt ein Migrationsproblem besteht. Und wenn sie damit konfrontiert werden, erzählen sie was von größeren Anstrengungen, die die einheimische Bevölkerung unternehmen muss, um all die Fremden hier zu integrieren. Dabei wollen die meisten von euch doch gar nicht so sein wie wir, oder Joey?«

    »Joey wahrscheinlich schon. Sonst würde er sich nicht Joey nennen«, sage ich.

    »Okay, Joey ist ein schlechtes Beispiel. Aber Kamal , seine pakistanische Allzweckwaffe, der trabt, wenn er mit dem Job fertig ist, den er ja nun mal ausüben muss, um seine riesige, sich im Neun-Monats-Rhythmus reproduzierende Familie durchzufüttern, sofort nach Hause, erstmal seine Alte verprügeln und dann in die Moschee, um dort mit seinen Kumpels einen Terroranschlag auszubaldowern.«

    »Kamal ist ein nicht praktizierender Hindu aus der Kaste der Unberührbaren und SEHR liebevoller Ehemann und Familienvater. Das weißt du, Hank.« Joey redet mit sanfter Stimme, nahezu liebevoll auf Bukowski ein. Ich empfinde mit einem Mal Sympathie für den amerikanisierten Mexikaner.

    »Wollen Sie sich einen Moment zu uns gesellen, Jose?«, frage ich ihn.

    »Bin heute Abend wirklich superbusy. Sind noch ein Dutzend Bestellungen in der Pipeline, die ich ausliefern muss. Ein anderes Mal gerne.«

    »Die Burritos haben Zeit. Taugen eh bloß als Futter für rumstreunende Köter. Los, setz dich zu uns!« Hank drückt Joey runter auf einen Stuhl. »Mein Freund Henning ist ein berühmter Journalist, der in Deutschland für die Kolumnisten schreibt.«

    »Was sind Kolumnisten? Irgendeine extreme politische Sekte? Damit möchte ich nichts zu tun haben. Ich bin Demokrat.« Jose schaut mich skeptisch von der Seite an.

    »Ähnlich wie Zeitungskommentatoren, aber schlauer«, antwortet Hank. »Und sie arbeiten gratis, was bei uns in Kalifornien ein triftiger Grund wäre, sie psychologisch untersuchen zu lassen.«

    »Gratis?« Joeys Augen weiten sich, er starrt mich jetzt an wie einen armen Irren.

    »Alles halb so wild«, sage ich. »Wir betreiben das als Hobby. So wie Hank zum Pferderennen geht. Soll Spaß machen.«

    »Pferdewetten sind kein Spaß, sondern ein todernstes Geschäft«, brummt Hank.

    »Dann eben kein Pferdewettenvergleich. Ist doch jetzt auch völlig egal. Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen, Jose, wenn Sie mir aus erster Hand über Ihre Erfahrungen mit der Integration hier berichteten. Dauert auch nicht lange. In einer Stunde bin ich durch mit meinen Fragen. Dann entlassen wir Sie in die Freiheit, zurück zu Ihren Burritos.«

    »Was habe ich davon? Wir können uns nicht alle ein zeitaufwändiges Hobby wie Sie leisten.«

    »Die amerikanische Geschäftstüchtigkeit haben Sie ja schon prima verinnerlicht. Ich biete Ihnen an, dass ich Sie an prominenter Stelle zitiere und ein Foto von Ihnen in Ihrem Laden mitten im Text platziere.«

    »Wie hoch ist die Auflage?«

    »Ist eine Online-Publikation. Kann also weltweit gelesen werden.«

    »Auch in East-Hollywood?«

    »Klar. Speziell in East-Hollywood. Werbeeffekt für Joeys Tacodienst dürfte groß sein. Und das alles für sechzig Minuten, die Sie investieren.«

    »Okay, ich mach’s. Aber bitte sagen Sie „du“ zu mir.«

    »Kein Problem. Lass uns zum „du“ wechseln. Das lockert unser Frage-Antwort-Spiel sofort auf … Jose, ich darf dich doch bei dem Namen nennen, auf den du getauft wurdest, oder? Jose, du bist erste oder zweite Generation?«

    »Erste. Aber schon als Kind in die USA gekommen. Mitte der 70er Jahre.«

    »Joey gehört noch der Generation an, die nachts durch den Rio Grande geschwommen ist, um ins gelobte Land zu gelangen«, unterbricht Hank. »Heute werden sie in LKW-Ladungen angekarrt. Jede Stunde überqueren hunderte Bohnenfresser die Grenze. So schnell kannst du die gar nicht einfangen und zurückbefördern, wie sie hinter deinem Rücken wieder reinschleichen.«

    »Du bist also ein Befürworter der großen Mauer?«, frage ich.

    »Ach die Mauer ist ein Riesenhaufen Scheiße. Ausgeheckt von einem Bauunternehmer, der nun unser Präsident ist, um ein Megakonjunkturprogramm aufzulegen. Nützt einzig und alleine der Bauindustrie. Wird aber das eigentliche Problem Nullkommanull lösen.«

    »Warum?«

    »Weil die Mexikaner und ihre Schleuser, die sie korrekterweise als Kojoten bezeichnen, denn nichts anderes sind diese Menschenhändler: armselige Kojoten, clever agieren. Sie werden drüber wegfliegen, in Massen an Fallschirmen abspringen wie damals unsere Jungs in der Normandie, Tunnel drunter durch buddeln, mit Schiffen an den Stränden landen, uns überfluten und in nicht allzu ferner Zukunft mit ihrer schieren Masse erdrücken. Sie sind so erfindungsreich, wenn es darum geht, ihr von Drogenkrieg und Korruption zerfressenes Land zu verlassen, dass ich manchmal glaube, es ist vernünftiger, die Schlagbäume komplett hochzuziehen und abzuwarten, was dann passiert, als sich jeden Tag aufs Neue über diesen Wahnsinn aufzuregen.«

    »Wie kommt Hackfleisch in meinen Burrito? Ich hatte ausdrücklich einen Vegetariano bestellt. Das kann ich nicht essen. Mir wird es speiübel«, kreischt plötzlich Betsy.

    Im nächsten Teil wird die Geschichte mit Javier endlich aufgelöst, und Jose stellt uns seinen Cousinen vor.

  • Die pakistanische Burrito-Hotline – Kapitel 4

    Die pakistanische Burrito-Hotline – Kapitel 4

    Betsy ist von unserem Gerede wach geworden, hat sich einen von Hanks alten Pyjamas angezogen und setzt sich zu uns an den Tisch. »Ich habe mordsmäßigen Hunger, Jungs. Hat jemand von euch Lust auf leckere Burritos?«, fragt sie.

    »Ich kann gerne was für uns bestellen«, biete ich an. »Gibt’s hier einen Lieferservice?«

    »Einen? Zweihundert. Jeder Mexikaner in dieser Straße betreibt Minimum drei Tacodienste«, sagt Hank und drückt mir einen Stapel bunter Flyer, die aus der Küche geholt hat, in die Hand.

    »Wunderbar. Welchen nehmen wir?«

    »Die besten Burritos macht Joeys Cousin aus Tijuana.«

    »Der alte Eduardo. Nur noch ein funktionierendes Auge, drei steife Finger und zieht das rechte Bein nach. Aber wie man einen verdammt guten Burrito zubereitet , das weiß er. Für mich den Diablo vegetariano, Kingsize. Mit extra viel Chili.«

    »Den nehme ich ebenfalls. Und du Hank?«

    »Ich probiere bei euch. Mir reichen heute ein, zwei Bissen.«

    »Irgendwas dazu? Salat, ein Dessert?«

    »Er soll uns eine Pulle Tequila einpacken. Und zwar den für die Stammkunden, nicht den selbstgebrannten Fusel, mit dem er seine eigenen Landsleute schleichend vergiftet.«

    Betsy kritzelt die Nummer auf den Rand der Sportseite der Tageszeitung von gestern, ich tippe die Ziffern in mein Handy, lasse zwanzig Mal klingeln, bis endlich jemand am anderen Ende an den Apparat geht.

    »Joeys Lieferservice«, meldet sich eine Stimme, die nicht Joey gehört. Klingt eher indisch als mexikanisch.

    »Ich möchte zwei Burritos bestellen«, sage ich.

    »Bitte die Zahl wiederholen.«

    »ZWEI!«

    »Danke für Ihre Mithilfe. Zwei Burritos. Welche?«

    »Diablo vegetariano. Kingsize.«

    »Bitte wiederholen Sie den Namen.«

    »Diablo vegetariano Kingsize!«

    »Danke für Ihre Mitarbeit. Mit extra Zwiebeln und Bohnen?«

    »Keine Sonderwünsche. So wie Sie die normalerweise im Angebot haben.«

    »Bitte wiederholen Sie Ihre Sonderwünsche.«

    »KEINE! Oh, warten Sie: mit extra viel Chili.«

    »Also mit extra Chili. Danke. Noch eine weitere Bestellung? Wir haben heute hausgemachten Zitronenpudding im Angebot.«

    »Eine Flasche Tequila.«

    »Bitte wiederholen.«

    »TEQUILA!«

    »Danke. Welchen?«

    »Den für Stammkunden.«

    »Sind Sie Inhaber eines VIP-Ausweises?«

    »Hank, der Mann vom Lieferservice fragt, ob du einen VIP-Ausweis besitzt.«

    »Wozu brauche ich den beschissenen Ausweis?«

    »Für den Tequila.«

    »Ist das Joey am Telefon? Richte ihm aus, dass ich seinen Ausweis letzte Woche aus Verzweiflung über seine Habgier zerrissen, unter meine Cornflakes gemischt und runtergewürgt habe.«

    »Ist nicht Joey, irgendein Mitarbeiter, der dich vermutlich nicht kennt.«

    »Das pakistanische Ölauge? Sag ihm, dass der Schnaps für mich ist. Und dass er mit der Lieferung nicht trödeln soll, sonst besuche ich ihn nämlich gleich in seinem Bretterverschlag, den er hochtrabend Call Center nennt, und hole mir die Pulle persönlich ab.«

    »Der Tequila ist für Mister Bukowski«, sage ich. Fünf Sekunden lang Schweigen, dann: »Sie sind ein Freund von Mister Bukowski?«

    »Ja, stehe direkt neben ihm. Möchten Sie ihn sprechen?«

    »Nein nein! Ich wiederhole Ihre Bestellung: zwei Burritos Diablo vegetariano, Kingsize, extrascharf und eine Flasche Tequila.«

    »Den guten«, ergänze ich.

    »Natürlich den guten.«

    »Wie lange wird das in etwa dauern?«

    »40 Minuten. Wir beeilen uns.«

    »Adresse haben Sie?«

    »5124 De Longpre Avenue.«

    »Und bei Bukowski klingeln.«

    »Mister Bukowski hat kein Klingelschild. Aber wir kennen seine Wohnungstür. Wer zahlt?«

    »Ich.«

    »Bar oder Kreditkarte?«

    »Gerne bar.«

    »Danke für Ihre Bestellung, und dass Sie sich für Joeys Tacodienst entschieden haben«, nuschelt der Pakistaner und legt auf.

    »In vierzig Minuten können wir essen«, sage ich.

    »Bis dahin bin ich verhungert«, jammert Betsy.

    »Du bist ein gefräßiges Luder«, meint Hank. Dann geht er zum Regal, sucht in seinem uralten Radio nach dem Klassiksender, und wir hören das zweite Pianokonzert von Rachmaninoff mit Anna Federova am Flügel und Martin Panteleev als Dirigent.

    »Schauderhafte Mucke«, schimpft Betsy, »kannst du nicht mal was Fröhliches auflegen?«

    »Sei still!«, antwortet Hank.

    »Er ist so ein Griesgram. Und es wird ständig schlimmer mit ihm.« Betsy schaut in meine Richtung, möchte, dass ich ihr beipflichte.

    »Ich mag die Russen«, sage ich.

    Wir sitzen nun schweigend zu dritt am Tisch, lauschen Federovas virtuosem Spiel, Hank und Betsy trinken süßen Müller-Thurgau, ich transpiriere, weil die Klimaanlage nicht funktioniert, die Fenster wegen des ohrenbetäubenden Straßenlärms geschlossen sind, und die Raumtemperatur deshalb gefühlte fünfzig Grad beträgt. Nach zehn Minuten knarzt das Radio, wird leiser, hat Aussetzer, bis es kurz danach völlig verstummt.

    »Drecktsteil«, flucht Hank.

    »Kauf dir mal ein neues«, meint Betsy.

    »Wollen wir mit dem Interview weitermachen?«, frage ich.

    »Von mir aus«, brummt Hank, »wo waren wir stehengeblieben?«

    »Wir sprachen über die Behandlung der Mexikaner hier und die der Flüchtlinge bei uns in Europa. Dass wir da viele Parallelen sehen.«

    »Ist das eine exklusive Unterhaltung zwischen euch zwei Supergehirnen, oder darf ich als Frau, die ihren gesunden Menschenverstand noch nicht versoffen hat, auch meinen Senf dazu geben?«

    »Betsy, klar mich interessiert ebenfalls dein Standpunkt.«

    »Tut er nicht«, sagt Hank.

    »Doch, er will auch meine Meinung hören.«

    »Ich schalte die Diktierfunktion jetzt wieder an, und dann können wir sofort loslegen. Also Betsy, wie ist das für dich mit den Mexikanern?«

    »Es gibt zu viele von ihnen.«

    »Das sagte Hank vor einer Stunde ebenfalls.«

    »Er sagt vieles, wenn der Tag lang ist. Aber er meint es nicht so. Hank liebt die Tacos genauso wie die Spaghettis und die Reisfresser.«

    »Ist er nicht ein bekennender Menschenhasser?«

    »Alles bloß Fassade. Tief drinnen ist er ein Sensibelchen, das nach außen gerne den harten Mann markiert, aber jedem bei ihm anklopfenden Schnorrer sein letztes Hemd schenken würde.«

    »Das ist ja nicht unsympathisch«, sage ich.

    »Hey, wenn ihr dummes Zeug über mich quatschen wollt, geht nach draußen auf den Flur. Ich will das nicht hören.« Hank springt auf, läuft vom Tisch zur Wand, zurück zum Tisch, Wand, dann wieder Tisch, er lässt sich auf den Stuhl fallen, seufzt, das alte Möbel ächzt.

    »Du hast Recht. Wir wollen ja nicht über dich, sondern über die Mexikaner reden.« Ich schaue kurz zur Decke, weil ich leicht genervt bin.

    In der jetzigen Dreierkombi wird es eine Ewigkeit dauern, bis ich das Interview im Sack habe. Innerlich fluche ich, dass sich die zickige Betsy mit an Bord befindet, lasse mir meinen Unmut aber hoffentlich nicht anmerken. Ich werde nachher in der Redaktion anrufen und um ein paar Tage Aufschub bitten. Kann ja niemand von mir ernsthaft verlangen, dass ich mal kurz nach L.A. fliege, unangemeldet bei Bukowski aufkreuze, ihn sofort am ersten Abend interviewe und zwei Stunden später einen fertigen Artikel nach Hause schicke. Falls sie das glauben, dann sind sie bei den Kolumnisten noch verrückter als ich es befürchtet hatte, bevor ich den Job annahm.

    »Es gibt also zu viele Mexikaner in L.A.«, sage ich.

    »Natürlich«, schreit Betsy und schlägt dabei kräftig mit der Faust auf die Tischplatte.

    »Unterstellen wir mal, dass es sich tatsächlich so verhält – Hank meinte vorhin, dass 99% von ihnen friedliche Menschen sind, die rund um die Uhr arbeiten. Worin also besteht das Problem mit den Mexikanern?«

    Betsy überlegt einige Sekunden lang, schaut dann erst mich, dann Hank, dann wieder mich an, räuspert sich und sagt: »Sie sind unehrlich. Ja, unehrlich sind sie. Das ist es, was mich am meisten stört.«

    »???«

    »Ich kannte mal einen aus Juarez, der sich Javier nannte und mir schöne Augen machte. Ein bildhübscher Kerl, Typ Antonio Banderas. Im selben Stockwerk wie ich, schräg gegenüber. Allerdings nicht in diesem abgefuckten Stadtteil East Hollywood, sondern in Westlake , wo ich früher gelebt habe.«

    »Das muss lange her sein, Baby«, meint Hank, »du wohnst doch schon seit einer Ewigkeit hier.«

    »Elf Jahre«, antwortet Betsy. »Wollt ihr die Geschichte mit Javier nun hören oder nicht?«

    »Doch, ist spannend«, sage ich.

    »Also, Javier ist vom ersten Tag an scharf auf mich, wirft mir vieldeutige Blicke zu, hält die Türen auf, schleppt meine Einkäufe nach oben, redet mich stets mit Mademoiselle an, fährt voll auf mich ab.«

    »Und?«

    »Ich ignoriere ihn, tue so, als ob er Luft für mich sei.. Er ist ein Taco, wenn auch ein verdammt gut aussehender, ich bin die dritte Tochter einer nicht unvermögenden Familie aus Cedar Rapids, Iowa Das gehört sich nicht, da zu schnell Interesse zu signalisieren.«

    »Verstehe ich. Und dann?«

    »Na ja, er lässt nicht locker, schickt mir Blumen, macht mir tausend Komplimente, wenn wir uns im Lift oder draußen auf der Straße treffen, schreibt kleine Liebesgedichte, die er unter meine Fußmatte klemmt, fragt mich hundert Mal, ob wir zusammen ausgehen wollen. Das komplette Programm.«

    »Und: seid ihr?«

    »Ich habe ihn zwei Wochen lang zappeln lassen.«

    »So lange? Glaube ich kein Wort von«, unterbricht Hank den Redeschwall. »Maximal 48 Stunden, dann lagst du mit dem Mariachi in der Kiste.«

    »Vielleicht war’s auch nur eine Woche«, zischt Betsy, »das ist superlange her, und ich erinnere mich jetzt nicht mehr an jedes Detail. Das ist doch auch nicht so wichtig, oder?«

    »Ist es nicht«, sage ich.

    Im nächsten Teil bringt Joey die Burritos höchstpersönlich vorbei, und Betsy bricht beim dramatischen Finale der Geschichte mit Javier in Tränen aus.

    Hier geht’s zurück an den Anfang der Geschichte: Das Wiedersehen 

    Empfohlene Literatur:
    Der Mann mit der Ledertasche
    Faktotum

  • Die dicke Betsy – Kapitel 2

    Die dicke Betsy – Kapitel 2

    Als ich gegen kurz nach acht zurückkehre, steht die Tür von Hanks Apartment sperrangelweit offen. Von drinnen höre ich Tschaikowskys 5te und eine tiefe Frauenstimme:

    »Kommt dein Kumpel noch, oder lässt du mich hier heute Abend verdursten?«

    Ich zögere einen Augenblick, dann trete ich ein. Hank immer noch im Bademantel auf dem Sofa, jetzt allerdings mit T-Shirt und Unterhose darunter, neben ihm eine 60jährige Brünette, die ich auf 85 Kilogramm taxiere, mit speckiger Baseballkappe auf dem Kopf, die sie weit nach hinten gezogen hat, sodass ich die tiefen Furchen auf ihrer Stirn trotz fett aufgetragenen Make-ups erkenne. »Ich bin Henning«, stelle ich mich ihr vor, »der Kumpel, auf den ihr wartet.«

    »Hast du was zu Trinken mitgebracht?«, fragt sie und mustert mich dabei von oben bis unten. Ich stelle zwei Flaschen Weißwein auf den Tisch. »Viel ist das nicht«, sagt Hank.

    »Ich weiß, aber wir wollen ja ein Interview führen und uns nicht die Birne zuknallen.«

    »Du gibst ihm ein Interview?« Die Brünette tut erstaunt. »Hast du mir gar nichts von erzählt. Zu welchem Thema?«

    »Ich habe ein paar politische Fragen zusammengestellt, die ich gerne mit Hank diskutieren möchte.«

    »Politik finde ich superspannend.« Sie klatscht erfreut in die Hände.

    »Du hast Null Ahnung von Politik, Betsy. Willst nur gratis mit uns saufen«, sagt Hank und entkorkt die erste Pulle. »Was ist das für ein Zeug?«

    »Müller-Thurgau.«

    »Den mag ich gerne.«

    »Weiß ich.«

    »Lass mich mal probieren«, sagt Betsy.

    »Ein Glas und dann verschwindest du. Wir wollen uns gleich ernsthaft unterhalten.« Hank’s Stimmung scheint nicht die beste zu sein. Entweder ist sein Pegel zu weit abgefallen, oder Betsy hat ihn zu lange hingehalten.

    »Ich will aber bleiben. Wenn du mich jetzt wegschickst, brauchst du mir nachher nicht wieder was vorzuheulen, dass du dich einsam fühlst«, mault sie.

    »Stört dich das?«, fragt mich Hank.

    »Alles okay für mich.« Ich war innerlich darauf eingestellt gewesen, Hank heute Abend nicht solo anzutreffen. Am späten Nachmittag überkommt ihn regelmäßig der Blues, und er ruft dann kreuz und quer seine Frauen an, bis er eine auftreibt, die ihm spontan Gesellschaft leistet. Sobald er ihnen sein Säuferleid geklagt und sie gevögelt hat, schickt er sie wieder nach Hause. Nicht weil er ein Chauvinist ist, sondern einzig aus dem Grund heraus, dann in Ruhe schreiben zu können. Und das kann man am besten alleine. Sobald eine Braut hinter dir auf dem Sofa wartet oder nackt auf der Tastatur sitzt, ist es aus mit der Schaffenskraft. Das heißt, Betsy würden wir spätestens bis Mitternacht quitt sein, denn dann wird Hank sie vor die Tür setze. Solange halte ich es mit ihr aus.

    »Und du, trinkst du nichts?«, fragt sie, während sie sich einen großen Schluck vom Müller-Thurgau genehmigt.

    »Hab’s mir abgewöhnt«, antworte ich. »Besser für meine Leber und die Konzentration.«

    »Da solltest du alter Spritkopp dir eine Scheibe von abschneiden«, giftet Betsy in Richtung Hank.

    »Wenn dir was nicht passt, kannst du auch sofort verschwinden. Zwingt dich keiner hier zu bleiben.«

    »Du wirst im Alter immer unausstehlicher.«

    Vor mir läuft ein kleines Theaterstück ab. Sie will partout nichts verpassen, spielt aber die Rolle der Ich-kann-jederzeit-nach-Hause-gehen-und-mich-mit-einem-anderen-Kerl-vergnügen-Braut. Er tut so, als ob er sie rauswerfen will, würde dann aber auf seinen Abendfick verzichten, sodass uns allen klar ist, dass wir in den kommenden drei, vier Stunden zu dritt in Hanks Wohnzimmer beisammen bleiben werden.

    Eine Flasche ist geleert, die zweite bereits zur Hälfte durch Betsys Speisröhre gelaufen, die einen ordentlichen Zug am Leib hat. »Ich geh zu Joey und besorge neuen Vorrat«, sage ich. »Irgendein spezieller Wunsch?«

    »Spendabler Typ, dein kleiner deutscher Freund. Nicht so knickrig wie du«, giftet sie.

    »Wir bleiben beim Wein. Aber die liebliche Sorte. Nicht so was Saures, mit dem wir uns die Magenschleimhaut verätzen. Und für die Lady ein paar Süßigkeiten.«

    »Du auch was zu Essen, Hank?«, frage ich.

    »Nein, bin pappsatt.«

    »Wovon denn? Seit ich hier bin, hast du keinen einzigen Bissen zu dir genommen«, sagt Betsy.

    »Bin nicht hungrig.« Wie bei allen Hardcoretrinkern hat der Alkohol für Hank mittlerweile die feste Nahrung ersetzt. Wenn man lange säuft, verspürt man oft einen richtigen Ekel auf alles, was nicht flüssig ist.

    »Sechs Flaschen Wein. Falls möglich lieblich. Und fünf Schokoriegel«, sage ich zu Joey und gebe ihm Zeichen, die für mich zu holen, denn ich bin zu faul, um mir das alles in seinen Regalen zusammenzusuchen. Da ich Sofortzahler bin, genieße ich in seinem Kiosk eine VIP-Behandlung.

    »Hat Hank Besuch?«

    »Warum?«

    »Weil er nie Schokoriegel kauft. Oder futtern Sie die alle?«

    »Jap, Besuch.«

    »Die dicke Betsy?«

    »So heißt Sie, glaube ich. Habe mir den Namen nicht gemerkt.«

    »Ist sein Mittwochabendfick. Aber ausschließlich mittwochs. Öfter erträgt er sie nicht. Wohnt einen Block entfernt. Wenn sie blau ist, muss er immer ein Taxi bestellen, weil die Alte dann nicht mehr geradeaus laufen kann, und Hank ums Verrecken nicht will, dass sie bei ihm über Nacht bleibt.«

    »Mag sein. Noch ist alles im grünen Bereich.«

    »Will Ihnen einen guten Tipp geben, weil Sie mir sympathisch sind: Betsy wird oft verbal aggressiv bis hin zu handgreiflich. Dann ist es vernünftig, wenn Sie Hank die Prügel einstecken lassen. Und bloß nicht dazwischengehen. Dann fangen Sie sich von beiden was ein.«

    »Danke für den Hinweis«, sage ich. »Werd schon auf mich aufpassen.«

    Joey stopft Wein und Schokoriegel in zwei braune Papiertüten, ich lege einen Fünfziger auf die Theke. »Schreiben Sie mir den Rest gut. Werde in den nächsten Tagen öfter vorbeikommen.«

    Auf dem Rückweg trödele ich, um Hank und Betsy noch ein paar Minuten Zeit zu geben. Als ich das Apartment betrete, ist das Wohnzimmer verwaist, Grabesruhe. Ich stelle die Tüten auf den Küchentisch und rufe: »Hank, der Nachschub ist da. Aber zieh dir um Himmelswillen was an.« Es ist nicht nett von mir, den Trinker mit Alkohol zu ködern. Aber anders werde ich ihn nicht aufs Sofa bekommen, und ich will auf jeden Fall heute noch mit dem Interview starten.

    »Bring mir ein Glas ans Bett«, grunzt er aus dem Schlafzimmer.

    »Liegst du alleine drin?«

    »Natürlich nicht.«

    »Die Flaschen habe ich in den Kühlschrank getan. Musst schon aufsteh’n, wenn du was haben willst.«

    »Hatte dich gar nicht als derart sexuell verklemmt in Erinnerung«, sagt er und stürzt zwei Wassergläser Wein in sich rein. Er ist nun völlig nackt und trotz seines selbstzerstörerischen Lebenswandels kann ich immer noch die Muskeln des früheren Amateurboxers unter der faltigen Haut erkennen.

    »Lass uns langsam loslegen. Wird sonst zu spät für eine vernünftige Unterhaltung.« Ich tippe auf meine Armbanduhr.

    »Hat dieses Scheißinterview nicht bis morgen Zeit?«

    »Nein. Ich muss morgen den ersten Text abliefern. Sonst feuern sie mich.«

    »Sei doch froh, wenn sie dich rauswerfen. Die zahlen dir doch eh nichts …. hast du an Betsy’s Süßigkeiten gedacht?«

    »In der Tüte vor dir.«

    »Bringe ich ihr, und dann können wir von mir aus starten.«

    »Du weißt, dass ich kein Snickers esse. Vertrage die Erdnüsse nicht«, höre ich Betsy’s knatschige Stimme aus dem Schlafzimmer.

    »Ich weiß es, aber Henning wusste es nicht. Musst du beim nächsten Mal eben eine konkrete Bestellung aufgeben.«

    »Sag ihm, er soll nochmal loslaufen.«

    »Sag’s ihm selber. Und nun sei leise, weil wir mit dem Interview beginnen.«

    Hank kehrt nach einigen Minuten zurück und hat sich in Schale geworfen: Hemd, Anzug, Schuhe, allerdings eine schwarze und eine graue Socke.

    »Wow!«, pfeife ich leise. »Krawatte hast du keine?«

    »Wir wollen es am ersten Abend nicht direkt übertreiben. Welche Themen hast du auf deiner kleinen Liste notiert? Ich bin dafür, wir fangen mit was Einfachem an und steigern uns im Laufe des Abends.«

    »Komplett in Ordnung für mich. Macht’s dir was aus, wenn ich unser Gespräch aufzeichne? Für mich bequemer, als alles mitzuschreiben.« Ich lege mein Smartphone auf den Tisch und verkabele es mit einem winzigen, externen Mikrofon.

    »Mit dem Handy?« Er schaut mich verwundert an.

    »Die Dinger sind mittlerweile Allzweckwaffen. Habe eine Diktier-App installiert.«

    »Eine was?«

    »Diktier-App. Ein digitales Diktafon.«

    »Süße, Henning hat eine Diktier-App mitgebracht. Hast du davon schon mal was gehört?« Aus dem Schlafzimmer erfolgt keine Reaktion. Seine Mittwochabendbraut ist nach Wein, Sex und den Idaho-Spud-Riegeln – waren zwei in der Tüte gewesen. Übrigens nur ein Snickers – eingeschlafen. Ich bin ganz froh darüber, dass ich mit Hank alleine starten kann. Reicht völlig, wenn Betsy erst in zwei Stunden dazukommt.

    »Ich klicke nun auf „on“. Du bist bereit?«

    »Quatsch nicht so viel«, sagt Hank. »Wir könnten schon längst zur Hälfte fertig sein.«

     

    Im nächsten Teil geht’s endlich los mit dem Interview, und Hank erzählt vom Leben der Mexikaner in Südkalifornien. Halt das, was er von ihrem Leben so mitbekommt.

    Empfohlene Literatur:
    Der Mann mit der Ledertasche
    Faktotum

  • Das Wiedersehen – Kapitel 1

    Das Wiedersehen – Kapitel 1

    Ich sitze im Wohnzimmer eines kleinen Bungalows in East Hollywood, 5124 De Longpre Avenue. Zwölf Uhr mittags, der Kerl auf dem Sofa gegenüber schnarcht und schläft seinen Rausch von gestern Nacht aus. Er sitzt nahezu aufrecht, Kopf auf die Brust gesunken, geöffneter Bademantel, keine Unterhose, ich kann seine riesigen Klöten erkennen. In der Küche suche ich nach was zu Trinken; im Kühlschrank bloß leere Schnapspullen und Bierdosen, ein verschimmeltes Stück Käse. »Dasselbe traurige Bild wie immer in diesem Laden«, fluche ich.

    »Steh auf, Mann!«, sage ich. »Bin doch nicht den weiten Weg von Europa gekommen, um dir beim Pennen zuzusehen.«

    »Hau ab!«, krächzt er. Ich fahre ihm mit einem nassen Handtuch durchs Gesicht.

    »Bist du völlig übergeschnappt?«, schreit er nun.

    »Komm endlich in die Gänge und dusch dich«, sage ich. »Du siehst Scheiße aus und riechst unangenehm.«

    »Ich kenne nur einen Motherfucker, der diesen komischen Akzent spricht: mein Kumpel Henning aus Germany. Bist du es tatsächlich, oder habe ich eine Wahnvorstellung?«

    »Keine Sorge. Ich bin’s.«

    »Wie bist du reingekommen?«

    »Durch die Tür. Stand offen.«

    »Sie werden mir nochmal die komplette Bude leerräumen, wenn selbst ein Amateur wie du hier einfach so reinspaziert.«

    »Was sollen die Einbrecher mitnehmen: deinen Müll?«

    »Hol mir einen Drink aus der Küche!«

    »Nix da. Alles leergesoffen.«

    »Besorg was an der Ecke bei Joey. Sag ihm, dass Hank dich schickt. Dann weiß er schon Bescheid.«

    Joeys Laden sieht nicht viel einladender aus als Hanks Wohnzimmer. Kiosk spezialisiert auf Trinker und Zehndollar-Huren. Vier Regalreihen vollgestopft mit Fusel, Haargel und Billig-Make-up. Ich greife einen Sixpack Budweiser und eine Flasche Bourbon, für mich zwei Flaschen Coke Zero. Frage an der Kasse, ob’s Schinken-Käse-Sandwiches gibt. »Für Hank?«, will der untersetzte Typ mit Halbglatze und verwaschenem T-Shirt wissen, der bestimmt Joey ist. »Für mich«, antworte ich. »Ist ja gut«, sagt er und schaut mich misstrauisch an. »Willst du trotzdem seinen Deckel übernehmen?«

    »Wie viel?«

    »Mit dem Zeug von heute ein Hunderter.«

    »Okay.« Ich lege zwei Fünfziger auf den Tresen und gehe zurück in Hanks Wohnung. Auf der Straße L.A.-Sommerwetter: heiß, die Sonne versteckt sich hinter einem schmierigen Dunstschleier, Geruch von verschmortem Gummi und verbranntem Rasen liegt in der Luft. Nicht die beste Zeit für eine Stippvisite; ich mag die Stadt im Frühling lieber. Aber man kann sich seine Termine nicht immer frei auswählen.

    »Hat dir der habgierige Gauner Joey was verkauft?«, empfängt mich Hank, der mittlerweile geduscht hat, aber wieder in seinem alten Bademantel steckt.

    »Zieh dir was anderes an!«

    »Warum? Was ist verkehrt mit dem Dress?«

    »Das Teil ist scheußlich, und du bist darunter nackt.«

    »Bist du auf deine alten Tage zum Klemmhoden mutiert?«

    »Dann bleib eben so wie du bist«

    »Was willst du von mir?«, fragt er und zwingt sich dabei die zweite Dose Bud rein. Er japst nach Luft, läuft dunkelrot im Gesicht an, einen Augenblick lang befürchte ich, dass er abnippelt. Dann rülpst er laut, schüttet ein Wasserglas Bourbon hinterher, seine Gesichtszüge glätten sich, er lächelt. Das Problem aller Säufer: morgens den Pegel wieder auffüllen.

    »Ich will dich interviewen.«

    »Bist du jetzt Journalist geworden?«

    »So was ähnliches.«

    »Und zahlt Sowasähnliches auch für ein Gespräch mit einem berühmten Autor, wie ich einer bin?«

    »Wir sind ein Start-Up, noch in der Experimentierphase. Jeder von uns arbeitet gratis.«

    »Für lau mach ich nix mehr.« Die sechs Dosen Bier sind weggeputzt, Hank gähnt.

    »Du wirst dich doch jetzt nicht schon wieder hinlegen?«

    »Warum nicht? Heute ist, wenn ich richtig liege, Mittwoch. Ein Scheißtag, an dem man sich eigentlich nur besaufen und schlafen kann.«

    »Ich war vergangene Woche in Andernach«, sage ich.

    »Du warst in Andernach? Was hast du da gemacht?«

    »Einen Kumpel in der Entzugsklinik besucht.«

    »In Andernach gibt’s eine Entzugsklinik?«

    »Witzigerweise nur 400 Meter von deinem Geburtshaus entfernt. Der Stadtplaner scheint Humor zu haben.«

    »Hast du dir das auch angeschaut?«

    »Jap.«

    »Und?«

    »Hängt eine Plakette dran: hier wurde 1920 Charles Bukowski geboren.«

    »Mehr nicht?«

    »Das Erdgeschoss hat vor einigen Jahren ein Karnevalsshop angemietet. Der öffnet allerdings nur, wenn du vorher anrufst und einen Termin vereinbarst.«

    »So ein Mardi-Gras-Ding wie in New Orleans?«

    »Geht in die Richtung. In Andernach verkaufen sie allerdings Uniformen, wie sie die Soldaten im 18ten Jahrhundert trugen und weiße Perücken.«

    »Hört sich Kacke an.«

    »Ist es auch.«

    »Wusstest du, dass ich 1978 in Andernach zu Besuch war und dort eine hervorragend besuchte Lesung gehalten habe?«

    »Hast du mir schon mal von erzählt.« Die Lesung hatte zwar in Hamburg stattgefunden, aber solche Details sind im Moment nicht wichtig. Will hier auf keinen Fall klugscheißend rüberkommen.

    »Und der Weißwein war super. Habe damals den gesamten Vorrat des Hotels leergesoffen. Bis sie mir mit den Bullen drohten, wenn ich nicht damit aufhöre.« Hanks Augen schimmern. Wie alle alten Säufer ist er ein Romantiker und sentimental.

    »Und, hast du damals aufgehört?«

    »Natürlich nicht. Habe den Manager angeschrien, dass man mit dem berühmtesten Sohn der Stadt so nicht umgeht und mir den Wein dann von der nächsten Tankstelle anliefern lassen. Das waren schöne Tage in der Heimat.« Mit Andernach habe ich ihn an den Eiern gepackt. Den Vater hatte er gehasst. Aber an seine Mutter, die vom Mittelrhein stammte, hegt er zärtliche Erinnerungen. Andernach ist mein Türöffner in Hanks Apartment.

    »Bekomme ich nun das Interview oder nicht?«, frage ich.

    »Du selbst verdienst auch nichts dran? Oder versuchst du mich über den Tisch ziehen?«

    »Keinen müden Cent. Habe sogar den Flug selbst bezahlt.«

    »Das soll ich glauben?«

    »So wahr ich hier sitze.«

    »Warum machst du so‘ nen Scheiß? Gratisschreiben ist ja noch dämlicher, als sich eine enge Deadline aufschwatzen zu lassen. «

    »Ist eine Ich-hab’s-einem-Kumpel-versprochen-Nummer.«

    »Kenne ich. Das sind die schlimmsten Nummern. Wenn’s gut läuft, klopfen sie dir freundlich auf die Schulter. Und falls es schlecht ausgeht, musst du dir auch noch Vorwürfe anhören. Ich mach sowas schon seit vielen Jahren nicht mehr.«

    »Ich eigentlich auch nicht. Hab mich hinreißen lassen und komm jetzt nicht mehr raus aus der Sache. Was kostet es dich schon, Hank? Wir quatschen ein bisschen, ich kritzel ein paar Notizen in meinen Block und versuche, daraus was Lesbares zusammenzubasteln. Mir tätest du damit einen Riesengefallen.«

    »Okay, ich tu’s. Unserer alten Freundschaft wegen, und weil du in Andernach warst.«

    »Danke! Wann legen wir los?«

    »Ich leg mich jetzt zwei, drei Stunden aufs Ohr. Entweder am frühen Abend oder morgen.«

    »Früher Abend passt wunderbar.«

    »Da hat’s jemand aber eilig. Wie heißt das Blatt, für das du schreibst?«

    »Die Kolumnisten.«

    »Kommunisten?«

    «KOLUMNISTEN.«

    »Besser. Kommunisten gebe ich nämlich keine Interviews.«

    »Warum das denn?«

    »Geizige Typen. Die letzte Kommunistin, mit der ich was hatte, ließ immer mich löhnen, obwohl sie auf drei abbezahlten Immobilien und vier fetten Festgeldkonten saß. Die Kohle aber immer schön beisammenhalten. Geldgeiles Luder. Und die davor war auch nicht besser. Mir sind Republikanerinnen mittlerweile die liebsten. Wenn du denen den Patrioten vorspielst, übernehmen sie jede Rechnung, und im Bett sind diese Damen auch nicht verkehrt.«

    »Da hätten wir ja schon ein erstes Thema.«

    »Nymphomane Republikanerinnen?«

    »Die konservative Revolution in den USA.«

    »Klingt kompliziert. Aber von mir aus. Und nun lass mich pennen.» Bier und Bourbon sind geleert, Hanks mächtiger Kopf knickt nach links weg, er schnarcht. Bademantel geöffnet, ich blicke wieder auf seine Klöten. Dasselbe Bild wie vor zwei Stunden.

    Ich stehe auf und gehe zu meinem Mietwagen. Ein weinroter Toyota Camry, Baujahr 14. Will zurück ins Hotel und ein paar Runden im Swimmingpool drehen, bevor ich nachher Hank interviewe. Unten fängt mich ein hagerer Kerl in verschwitztem hellblauen Oberhemd ab, der sich als Verwalter der Wohnanlage vorstellt.

    »Sind Sie ein Verwandter von Herrn Bukowski?«

    »Nein, bin ich nicht.«

    »Ein Freund?«

    »Ich würde mich als guten Bekannten bezeichnen.«

    »Könnten Sie sich vorstellen, für ihn die Miete zu übernehmen?«

    »Wieviel ist er im Rückstand?«

    »Drei Raten. Wenn er nicht wenigstens eine davon bis heute Abend begleicht, muss ich ihn am Wochenende vor die Tür setzen. So leid es mir persönlich auch täte; ich mag den saufenden Menschenhasser wirklich gerne. Vor allem, wenn er abends laut Mahler hört. Aber so sind nun mal die Vorschriften.«

    »Ich sehe zu, was ich auf die Schnelle auftreiben kann.«

    »Freunde wie Sie sind Gold wert.« Er verzieht seinen Mund zu einem Grinsen und signalisiert, dass er mich für einen Trottel aus Übersee hält.

    Während ich auf dem Santa Monica Boulevard Richtung Venice fahre, wo ich mich einquartiert habe, überlege ich, dass mich der Spaß mit den Kolumnisten viel Geld kosten wird. Andererseits: wer hat schon das Glück, Hank im Bademantel in dessen Wohnzimmer interviewen zu dürfen, während er sich die nackten Eier krault? Ich werde gleich im Hotel eine kleine Liste der Themen zusammenstellen, über die wir unbedingt reden müssen, damit ich die Reise als Erfolg verbuchen kann. Ob sich der Alte allerdings an das Programm halten wird, hängt stark von den Alkoholvorräten und den Bräuten, die zwischendurch anklopfen werden, ab. Werde mich nachher bei Joey ordentlich eindecken.

    Hier geht’s zur Fortsetzung: Die dicke Betsy

    Empfohlene Literatur:
    Der Mann mit der Ledertasche
    Faktotum