Kategorie: Sport

  • Ciao Mesut!

    Ciao Mesut!

    Nein, man muss das Erdogan-Foto vom Mai nicht gutheißen, wenn man in dieser Sache Partei für Mesut Özil ergreift. Niemand – es sei denn Verwandten in der Türkei droht Ungemach, falls man sich dem Schnappschuss verweigert – ist gezwungen, sich gemeinsam mit einem Autokraten ablichten zu lassen und dem ein handsigniertes Trikot zu überreichen. Von daher war der Termin entweder notwendig – um eben Familie in der Heimat zu schützen – oder aber ein Affront gegen das demokratische Eigenbild des deutschen Fußballs oder, in der abgemilderten Variante, eine Dummheit. Die Wogen der medial angefeuerten Empörung zwischen Garmisch und Flensburg schlugen hoch, die beteiligten Spieler Özil, Gündogan und Tosun gerieten in Erklärungsnot.

    Die Vorgeschichte

    Dem DFB, in seiner Funktion als Sommer-Arbeitgeber während der Vorbereitungsphase für die Weltmeisterschaft in Russland, standen mehrere Optionen der Reaktion offen: (a) die beiden Akteure Ö und G mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendieren (b) eine überzeugende Aussage mit gegebenenfalls nachfolgender reumütiger Entschuldigung einfordern (c) die Aktion zur Privatangelegenheit der Spieler erklären. Man entschied sich für einen Hybrid: Besuch bei BP Frank-Walter Steinmeier zuzüglich kleines Statement von Gündogan. Nachhakende Journalisten wurden mit „Den Fauxpas nicht überbewerten. Wir befinden uns kurz vor dem Turnier“, abgespeist. Es galt die Devise: Augen zu und durch.

    Als nach drei mittelmäßigen und großenteils lustlos abgespulten Partien die WM für die deutsche Mannschaft bereits in der Vorrunde zu Ende war, entluden sich Volkes Zorn und Häme in voller Wucht über Özil. Anstatt den 10er – 2009 U-21 Europa- und Weltmeister 2014 – in Schutz zu nehmen, rührte kein Übungsleiter oder Funktionär auch nur den kleinen Finger, um dem einstigen Vorzeige-Integrationsschüler beizuspringen. Nach einigen Wochen der Grabesruhe dann plötzlich Bierhoff: „Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet.“. Grindel setzt noch einen drauf und fordert per Ultimatum eine tiefschürfende Erklärung vom Spieler.

    Der öffentliche Pranger

    Und hier packt mich nun die Wut. Anstatt offen und ehrlich zuzugeben, „Wir haben durch die Bank weg Fehler gemacht. Und zwar sowohl die Teamleitung als auch die Spieler“ oder alternativ weiter zu schweigen, greift man sich einen heraus, versteigt sich gar zu der Behauptung, das Londoner Treffen hätte große Unruhe ins Team hineingebracht. Was für ein Bullshit!! Als ob Kimmich, Hector und Reus nicht schlafen, essen und trainieren konnten, weil Kollege Mesut Präsident Erdogan die Hand geschüttelt hatte.

    Özil, derart in die Ecke gedrängt, hält ein paar Tage die Füße still und hämmert dann gestern eine dreiteilige Generalabrechnung in die Tastatur. Auch dieser Text ist nicht glücklich gelungen – einer meiner Facebookfreunde bezeichnete das Konvolut als Leberwurstbriefe –: viel zu lang, viel zu vieles miteinander vermischt, keinerlei Eigenkritik. Aber zwei Sätze haben es in sich: „In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren… Gibt es Kriterien, ein vollwertiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle?“

    Verbaler Sprengstoff – Wie lange hält sich Grindel noch?

    Das ist verbaler Sprengstoff. Eine Lunte, die, kaum dass sie angezündet wurde, bereits droht, große Teile der selbstgerechten Funktionärsriege in die Luft zu jagen. Der DFB, der gerne Werbung mit dem Motto „Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit!“ macht, liefert ausgerechnet einen türkischstämmigen Spieler ans Messer? Warum nicht Kroos, weshalb nicht Müller, wo war Hummels? Sie spielten ALLE weit unterhalb ihrer Möglichkeiten. Was war mit der veralteten Ballbesitzstrategie, die zu ermüdendem Schlafwagenfußball führte? Dauernder Veränderung der Startelfformation, Einwechslungen, die Nullkommanichts brachten, guten Stürmern, die man zu Hause ließ? Alles nebensächlich? Die alleinige Schuld fürs Scheitern trägt Özil??

    Was sich in den sozialen Medien und den Leserbriefspalten der Zeitungen über dem Gelsenkirchener an Häme entlud, kann mit einem einzigen Wort beschrieben werden: Alltagsrassismus. Auch ich habe ihn ab und an als Schönwetterspieler tituliert, der in engen Matches gerne abtaucht, die Ärmel nicht hochkrempelt, sich auf seinem unbestreitbaren Talent ausruht. Aber: dasselbe gilt für Kroos. Letztlich gilt es für die gesamte Generation der Nivea- und Nutellakicker. Und dass es diesen stromlinienförmigen Spielertypus gibt – dafür trägt der DFB die Verantwortung.

    Der Fußballforen- und Facebook-Lynchmob schießt sich auf einen – von insgesamt 23 – Akteuren ein und niemand aus der Führungsriege springt ihm bei. Bierhoff und Grindel gießen zusätzlich Öl ins Feuer, geben Özil somit zum Abschuss frei, der um seinen Job bangende Bundestrainer hält sich bedeckt. Das ist erbärmlich.

    Jetzt hat sich der Verband die – vorhersehbare und unnötige – Diskussion „Wie Ernst ist es dir mit dem Kampf gegen den Rassismus?“ ins Haus geholt. Weil der Manager seinen eigenen Hintern aus der Schusslinie bringen will und der Oberfunktionär lieber eitle Pressekonferenzen abhält, statt das persönliche Gespräch mit dem Spieler zu suchen. Grindel und Bierhoff zerdeppern in Rekordzeit, was tausende Vereine in Jahren aufgebaut haben: Fußball als Integrationsprojekt für Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien.

    Und deshalb müssen auf Özil nun schnell die beiden Brandstifter folgen, will der DFB glaubwürdig bleiben. In der Hoffnung, dass endlich ein Profi auf dem Chefsessel des größten Sportverbands der Welt Platz nimmt. Jemand, der Krisenmanagement beherrscht und der im Sinne der Gleichberechtigung ebenfalls Matthäus zur Ordnung ruft, sobald sich der Ehrenspielführer bei Putin einschleimt. Jemand, der sich kritisch zu Austragungsorten wie Katar äußert und der es nicht lustig findet, wenn Beckenbauer behauptet, auf den dortigen Baustellen keine Sklaven gesehen zu haben. Es ist elende Doppelmoral, an Özil ein Exempel zu statuieren und in anderen, ähnlich gelagerten Fällen, inaktiv zu bleiben.

    Ciao Mesut!

    Dem scheidenden Mittelfeldstrategen rufe ich ein wehmütiges „Ciao Mesut!“ hinterher. „Du hast uns ne Menge schöner Momente beschert“. Bester 10er seit Uwe Bein, der im linken kleinen Zeh mehr Ballgefühl besitzt als die meisten seiner Kollegen in zwei Füßen. Mögest du in Zukunft besser beraten werden, dich von Erdogan-Terminen fernhalten und im Herbst deiner Karriere nochmal Erfolge mit Arsenal feiern. Der deutsche Fußball verliert mit dir einen seiner wenigen Künstler.

  • Nach der WM ist vor der EM

    Nach der WM ist vor der EM

    „Nie war mir eine WM egaler als diese“, könnte mein Motto für das heute zu Ende gegangene Mammutturnier in Russland lauten. 32 Mannschaften, acht Vorrundengruppen, 64 Spiele, und ich habe mir davon maximal 25 Prozent reingezogen. Das war 2014 noch ganz anders gewesen: von den ebenfalls 64 Matches hatte ich ganze drei, aufgrund von Spontanschlaf vor dem TV-Gerät, verpasst. Ich weiß auch nicht so genau, woran es dieses Mal lag, dass mich das Fußballfieber nicht derart packte wie vor vier Jahren: am frühen Aus der deutschen Mannschaft, an der seit Jahren stattfindenden Übersättigung mit der Materie, meinem kaum noch zu unterdrückenden Widerwillen gegen die Hyperkommerzialisierung des Events oder den Kopfschmerzen, weil ich wochenlang all die hässlichen Deutschlanddevotionalien erblicken musste, die meinen Sinn für Ästhetik beleidigen. Wahrscheinlich ein Mix aus den vier aufgezählten Gründen, der mir in diesem Sommer den kindlichen Spaß am Rasenballsport verleidete und mich alternativ lieber Filme in Amazon und Netflix anschauen ließen.

    Allez les Bleus!

    Frankreich ist Weltmeister. Ein bisschen glücklich mit einem erschauspielerten Freistoß und einem geschenkten Elfmeter und zugegebenermaßen vom Ergebnis her zu hoch. Die Kroaten waren bis zum Schluss nah dran. Wäre irgendwann um die 80ste herum das 3 zu 4 gefallen, hätte ich der Überraschungself sogar Verlängerung und Sieg zugetraut. So bleibt es dabei: den Titel holt am Ende immer einer der Großen. Der letzte Kleine war Uruguay im Jahr 1950. Seitdem dominieren die Länder mit den starken und zahlungskräftigen Ligen das Turnier (okay, okay: Brasilien ist jetzt nicht so reich wie Spanien, Italien oder Deutschland. Aber es ist eben Brasilien). Didier Deschamps tritt in die Fußstapfen Beckenbauers und Zagallos: Weltmeister sowohl als Spieler als auch als Trainer. Verordnete der L‘Équipe Tricolore eine defensive Grundausrichtung bei gleichzeitig pfeilschnell vorgetragenen Kontern durch die beiden Spitzen Griezmann und Mbappé. Das reichte für Tabellenplatz 1 in der Vorrunde, war das richtige Konzept im superspannenden und auf Messers Schneide balancierenden Achtelfinale gegen Argentinien und ließ die Les Bleus im Anschluss über Uruguay und die als Geheimfavorit eingestuften Belgier triumphieren. Kroatiens Weg war steiniger: zweimal Elfmeterschießen und ein Sieg in der Nachspielzeit gegen England. Das kostete ne Menge Kraft. Zudem ein Tag weniger Ruhepause als der Wettbewerber. Von schwachen Beinen sah man trotzdem nichts im Finale. Die Kicker vom Balkan scheinen zwei Lungen zu besitzen und über ein nie verzagendes Kämpferherz zu verfügen. Selten eine Mannschaft gesehen, die sich so reinwirft und bis zur letzten Sekunde fightet. Die beiden letztgenannten Fähigkeiten galten übrigens früher als typisch deutsche Tugenden. Lang ist’s her.

    Glückwunsch an Frankreich zum zweiten Titel!

    Bei keiner WM lag ich mit meinen Tipps so daneben wie bei dieser. Sowohl im Büro als auch im Bekanntenkreis jeweils Letzter im Tableau geworden. Und das mir, der ich die Spiele seit 1970 schaue und bis vor kurzem noch ehrfurchtsvoll als Orakel vom Mittelrhein bezeichnet wurde. Aber wer prognostiziert schon allen Ernstes, dass Japan gegen Kolumbien gewinnt, der Iran den hochgelobten Portugiesen ein Unentschieden abtrotzt oder Schweden die Mexikaner 3 zu 0 weghaut? Kroatien im Finale – kann man als Hochrisikospekulation natürlich abgeben; aber alte Männer wie ich tun das nicht, sondern vertrauen lieber auf Argentinien, Brasilien und Spanien. Alle drei allerdings auch nicht viel erfolgreicher bei diesem Turnier als das deutsche Team gewesen. Wobei sie schöneren und vor allem einsatzfreudigeren Fußball zelebrierten und nur haarscharf stolperten.

    Aus deutscher Sicht: Turnier des Grauens

    Deutschland hingegen hat die schlechteste WM aller Zeiten gespielt. Als bisheriger Tiefpunkt galt das Ausscheiden im Achtelfinale 1938 gegen die Schweiz. Seitdem war die Runde der letzten 8 das Minimalziel, das erreicht werden musste. 4x der Titel, 4x Vize, 3x Dritter. Die Liste der Triumphe ist lang. Vorzeitige Heimreisen bedeuteten zumeist auch die gleichzeitige Auflösung des Trainervertrags. Weil entweder der Übungsleiter von sich aus einsah, dass er mit seinen Motivationskünsten am Ende war, oder die DFB-Oberen ihn sanft nach draußen bugsierten. Dieses Mal ist alles anders: Der Nivea-Coach glaubt, (nahezu) alles richtig gemacht zu haben, der Manager – der im Falle des Rauswurfs seines wichtigsten Angestellten ebenfalls die Koffer packen müsste – stärkt ihm den Rücken, und die Funktionäre aus der Frankfurter Zentrale haben sich verzockt; keinen Plan B in der Tasche, sodass sie wider besseren Wissens am abgehalfterten Duo Bierhoff & Löw festhalten. Die Satzhülse „In schwierigen Zeiten machen wir uns nicht einfach aus dem Staub“ bedeutet übersetzt nichts anderes als: „Wir möchten unsere gut bezahlten Jobs gerne weiter behalten, weil wir so schnell keine lukrative Anschlussbeschäftigung finden werden“. Das Nicht-Reinemachen wird sich bereits im Herbst bitter rächen, wenn das mittelmäßige deutsche Team in der Nations League – ein neues Turnier im ständig weiter aufgeblähten UEFA-Kalender – auf die Hochkaräter Frankreich und Niederlande trifft und sich dabei saftige Packungen einfängt. Spätestens dann eröffnet die Presse das Feuer auf den Trainer, in dessen Flammen und dilettantischen Löschversuchen sich ebenfalls Manager und Präsident üble Brandwunden zuziehen werden. Völlig zu Recht. Wer zu lange zögert, den entsorgt der Boulevard.

    Die Defizite waren offensichtlich: unfitte Spieler, Gruppenbildung innerhalb der Mannschaft, veraltete Taktik auf dem Platz, ermüdender Schlafwagen-Ballbesitz-Fußball, hunderte – zu nichts führende – Querpässe im Mittelfeld, keine Alphatypen dabei, gute Stürmer gar nicht erst mitgenommen, sondern zu Hause gelassen, vogelwilde Defensive, kein Aufbäumen gegen drohende Niederlagen, die Akteure spulten ein Minimalprogramm ab. Schablonenfußball, der dem Auge wehtat. Und: An den Spielern alleine lag es nicht. Da waren einige Weltklasseleute dabei: Kroos, Boateng, Özil, Neuer. In ihren Vereinen fest gesetzt, die das Kicken sicher nicht mit der Ankunft in Moskau verlernt hatten. Es schien mir primär ein Problem mangelnder Inspiration und Motivation zu sein. Kombiniert mit komischen taktischen Entscheidungen und einer von Match zu Match anders zusammengewürfelten Startelf. Für sowas ist nun mal der Coach zuständig und, falls es nicht hinhaut, in der Konsequenz auch verantwortlich. Weshalb es abenteuerlich anmutet, dass ausgerechnet der Mann, der die aktuelle Misere verschuldet hat, nun ankündigt, er wolle das System grundlegend reformieren. Dafür hatte er doch seit der EM 16 – die ja aus deutscher Sicht ebenfalls nicht richtig rund lief – zwei Jahre Zeit gehabt. Und jetzt weitere sechs? Oh weh! Wobei Löw nach der Gruppenphase der Nations League eh Vergangenheit sein wird.

    Das unselige Foto in London

    Man kann die Geschichte dieser WM nicht schreiben, ohne auf die unglückliche Causa Özil/ Gündogan/ Tosun/ Erdogan einzugehen. Ein Foto aus dem Mai, in dem sich vier lächelnde Männer gegenseitig umarmen und handsignierte Trikots überreichen. Aufgenommen in London anlässlich eines (spontan arrangierten?) Treffens mit dem türkischen Staatschef. Ein Bild, das die deutsche Fußballwelt für einige Tage in ihren demokratischen Grundfesten erschütterte. Kein Außenstehender weiß bis heute so genau, was die beiden Spieler dazu bewegte, dem türkischen Autokraten die Hand zu schütteln und ihn mit „Mein Präsident“ anzuhimmeln. Waren es Verwandte in der Heimat, die es zu schützen galt, war es Eitelkeit oder doch nur Dummheit, oder bewundern die beiden gar den AKP-Vorsitzenden? Das Ganze fällt in die Rubrik: Dinge, die man besser nicht gemacht hätte. Passiert, dumm gelaufen, Shitstorm ertragen, Augen schließen, Ohren zuhalten, eine kleine Erklärung dazu abgeben und danach ins Trainingslager nach Südtirol aufbrechen. Kann man als DFB so akzeptieren oder es eben auch nicht tun. Soll heißen: vernünftiges Krisenmanagement wäre es gewesen, die beiden entweder sofort auszuladen oder von ihnen eine sattelfeste Entschuldigung zu verlangen. Im Falle der zweiten Möglichkeit hätte es danach aber auch wieder gut sein müssen. Ein Foto mit dem türkischen Staatsoberhaupt stellt ja kein Kapitalverbrechen dar.

    Aber der DFB wählte keine der beiden oben genannten Varianten. Stattdessen wurde das Thema kleingeredet, nachhakende Journalisten mit „Schwamm drüber, alles halb so wild“ vertröstet. Die Pfiffe beim Testspiel in Leverkusen zeigten jedoch, dass die Fans mit dieser wachsweichen Vorgehensweise nicht zufrieden waren. Das setzte sich fort mit der unsäglichen Diskussion, dass Özil die Hymne nicht mitsingt, er in engen Matches einfach abtaucht, nicht genug Einsatz für Deutschland zeigt, im Herzen eben ein Türke geblieben sei. Und niemand stellte sich schützend vor ihn. Stattdessen ließ der Verband, der sich gerne mit dem Spruch „Gib Rassismus keine Chance!“ präsentiert, unwidersprochen zu, dass sein einstiger Vorzeige-Integrationsschüler im Boulevard und in den sozialen Medien tagein, tagaus mit Dreck beworfen wurde. Und um dem Ganzen noch die Krone der Peinlichkeit aufzusetzen, schwadroniert Bierhoff 14 Tage nach dem blamablen Aus als Letzter der Vorrundengruppe F darüber, dass es nicht hilfreich gewesen sei, was Özil und Gündogan sich geleistet hätten, ihre Londoner Aktion große Unruhe ins Team hineinbrachte. Man mehr Integrationswillen von ihnen, speziell Özil, verlangen dürfte.

    WAS?? Das fällt ihm nach wochenlangem Schweigen erst jetzt ein? Warum wurde die Angelegenheit nicht im Vorfeld geklärt? Was für ein fadenscheiniges Ablenken vom eigenen Unvermögen! Was für eine ungenügende Ursachenanalyse. Als ob das Erdogan-Foto nun Reus, Kimmich oder Hector um den Schlaf gebracht hätte. Komplette Nonsensbehauptung eines Managers, der das Team ohnehin schon seit langem nicht mehr unter sportlichen Gesichtspunkten, sondern bloß noch als Gewinnmaximierungsverein betrachtet. Özil besitzt im kleinen Zeh, selbst wenn der verstaucht ist, mehr Ballgefühl als der Großteil seiner Mannschaftskollegen in beiden Beinen. War Dreh- und Angelpunkt der Siegertruppe von Rio. Es ist hochgradig unfair und ein Zeichen schwacher Führung, ausgerechnet ihn als Sündenbock für das Kollektivversagen herauszupicken. Weniger Bierhoffs und mehr Özils täten dem deutschen Fußball gut. Dass der farblose Oberfunktionär Grindel kurz danach ins selbe Horn stieß, lässt allerdings kein gutes Ende erahnen.

    Noch 699 Tage bis zur EM

    Die WM ist nach 32 Tagen endlich vorüber. Ob sie nun das beste Turnier aller Zeiten war, wie FIFA-Präsident Infantino im Überschwang der Gefühle und in Vorfreude des in Kürze bevorstehenden Kassensturzes behauptet, sei mal dahingestellt. Ich habe auf jeden Fall einige hochklassige uns spannende Partien gesehen, von denen mir insbesondere Spanien-Portugal, Frankreich-Argentinien, Uruguay-Portugal und die beiden Halbfinals in Erinnerung bleiben werden.

    Jetzt werde ich drei Wochen lang keinen Ball mehr anschauen und mich innerlich auf die Anfang August schon wieder startende neue Saison vorbereiten. Mit meinem FC in Liga 2, wo Partien gegen Bielefeld, Heidenheim und Sandhausen auf uns Kölner warten. Und zwar nicht nur am Wochenende, sondern ebenfalls am Montagabend. Dienstag und Mittwoch gefolgt von der CL, am Donnerstag dann Europa League. Der Fußball der Moderne als 24/7 Dauerspektakel und Umsatzoptimierungsmaschine.

    Noch 699 Tage bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiels der EM 2020. Mit einem bis dahin hoffentlich jungen, unverbrauchtem Team, einem Trainer, der taktisch auf der Höhe der Zeit ist, weniger Nutella & Nivea, und einer Führungsspitze, die ihre Mitarbeiter schützt, anstatt sie der stets blutrünstigen Meute zum Fraß vorzuwerfen.

  • Zu viel Nivea, zu wenig Grasnarbe

    Zu viel Nivea, zu wenig Grasnarbe

    Ja ja, ich geb’s zu: Zuerst wollte ich als Überschrift Niveatrainer hat fertig wählen, weil das kurz und knackig klingt; fand die Headline dann aber doch eine Spur zu hart in Richtung Joachim Löw. Denn er ist als Übungsleiter zwar der Hauptverantwortliche für den sportlichen Offenbarungseid des Ausscheidens in einer einfachen Vorrundengruppe, jedoch beileibe nicht der einzige, der sich und seinen Beitrag zur aktuellen Misere des deutschen Fußballs hinterfragen muss.

    Der Unsinn, dass Weltmeister immer früh ausscheiden

    »Amtierende Weltmeister fliegen doch immer sofort raus«, sagen Sie? »Ist Spanien und Italien auch schon passiert.«
    »Mag sein«, antworte ich. »Ist aber kein unumstößliches Naturgesetz.«
    1958 erreichte das deutsche Team immerhin das kleine Finale, 1978 die zweite Runde, 1994 das VF. Brasilien wiederholte 1962 seinen Triumph von 1958. Ein Kunststück, das Italien 1934 und 38 vorgemacht hatte. England boxte sich 1970 bis ins Viertelfinale durch, wo es unglücklich gegen das deutsche Team den Kürzeren zog. Die Liste der Gegenbeispiele ließe sich mühelos verlängern. Es existiert also keine Regel, die besagt, dass der amtierende Champion vier Jahre später gar nicht erst anzureisen braucht, weil er dann eh sang- und klanglos scheitern wird. Wenn auch 1962 das bisher letzte Mal war, in der die Titelverteidigung gelang, schafften es die Weltmeister von gestern doch zumeist bis in die Runde der Top 8.

    Ein im heimischen Rasenballsport vergleichbares Desaster gab es bisher einzig bei Europameisterschaften: 2004 und 2000 jeweils Vorrundenaus. 2000 wurde aufgrund der spielerischen Defizite einiger Akteure gar der Begriff „Rumpelfußball“ erfunden. 1968 verpasste die deutsche Mannschaft die Quali für die EM, die damals allerdings noch nicht den heutigen Stellenwert besaß und als deutlich weniger prestigeträchtig als die große Schwester WM galt. Auf FIFA-Ebene spielten und kämpften sich deutsche Teams hingegen seit 1934 durchgehend zumindest bis in den Kreis der letzten 16.

    Wer nicht gut spielt, muss wenigstens leidenschaftlich kämpfen

    Das Verb „kämpfen“ bietet das Stichwort, um nun zu den augenscheinlichen Defiziten der 2018er-Mannschaft zu gelangen: gekämpft hat da keiner. Was in Ordnung geht, wenn man so gut spielt, dass der mühselige Fight Mann gegen Mann dadurch überflüssig wird. Aber auch vom bom jogo brasilianischer Prägung waren Kroos & Co. Lichtjahre entfernt. Elendes Hin- und Herpassen, ödes Kreuz- und Quergeschiebe bestimmten weite Teile der drei Matches. Die Partien wurden verwaltet statt gestaltet. Minimalismus gepaart mit Ideenlosigkeit, wo im Mittelfeld Kreativität und Risikofreude gefragt gewesen wären. Und hinten eine Abwehr, die an parallel geschaltete Schwarze Löcher erinnerte. »Für Mexiko, Schweden und Südkorea reicht das normalerweise, wenn man einen Masterplan hat«, meinen Sie? Nein, tut es nicht. Denn diese Teams, die alle drei sicher nicht der Liga der Fußballgroßmächte angehören, rennen bei globalen Turnieren um ihr Leben und verteidigen notfalls mit elf Mann im Strafraum, sprich: nehmen das Ganze ernst und erweisen der WM und ihren Fans den notwendigen Respekt. Verlieren kann man jederzeit. Davor ist keine Mannschaft gefeit. Es kommt aber immer darauf an, wie man verliert. Ob nach großem Kampf oder nach einer Ich-weiß-überhaupt-nicht-was-ich-hier-soll-Nummer. Als ich Jerome Boateng oben auf der Tribüne der Kasan-Arena entdeckte, wusste ich sofort: das wird heute nichts werden. Der Mann saß da als gelangweilter Tourist, schien nicht eine Sekunde mitzufiebern mit seinen unten planlos auf dem Rasen rumstolpernden Kollegen. War in Gedanken bereits in seinem nun halt früher beginnenden Urlaub. Einzelkämpfermentalität, wo unbedingter Teamgeist. notwendig gewesen wäre.

    Wenn ich nun höre, dass einige Spieler aufgrund früherer Triumphe wohl zu satt gewesen seien, frage ich mich, weshalb der DFB mit seinen aberhundert Experten – allen voran der Bundestrainer – dieses Negativphänomen nicht früher erkannt und rechtzeitig vor Turnierbeginn gegengesteuert hat. Was war aus dem Löwschen Mantra „bei mir spielen bloß die Besten“ geworden? Neuer und Boateng beide monatelang verletzt, Özil bei Arsenal oft zweite Wahl, der Müller früherer Tage nicht wiederzuerkennen, der ewige Gomez. Warum wurden die aufgestellt? Aufgrund vergangener Meriten? Da war Löw mit Ballack und Frings strenger. Die sortierte er unbarmherzig aus. Angeblich, weil sie von Fitness und Athletik her für Großturniere nicht mehr taugten, und man sich von Erfahrung alleine nichts kaufen kann. Wenn man dieses Kriterium zugrundelegt, hätte Khedira nicht eine Minute auf dem Rasen stehen dürfen. Der spielte ja teilweise wie mit angezogener Handbremse, und ich rieb mir ungläubig die Augen, ob das live oder doch Zeitlupe war.

    Nutellabrötchen und Niveaschleim

    Von einigen wenigen Akteuren abgesehen grenzte die Vorrundenleistung an Spielverweigerung. Bei einem Club hätte man gesagt: das Team will den Coach loswerden. Aber in der NM herrscht ja ständig Friede, Freude, Nutellabrötchen. Alles wird von einer klebrigen Niveaschleimschicht überzogen, die jede Kritik als Vaterlandsverrat einstuft und unbeantwortet von sich abtropfen lässt. Unbequeme Charaktere werden gar nicht erst in den erlauchten Kreis der nationalen Elitekicker eingeladen mit der Konsequenz, dass wir ein am Reißbrett konzipiertes Spiel serviert bekommen. Die Akteure bloß noch Erfüllungsgehilfen der Laptop-Trainer. Wehe, wenn das theoretisch erdachte System plötzlich versagt. Dann steht ein komplettes Team orientierungslos auf dem Rasen und findet sich ohne Navi dort nicht mehr zurecht. Es wird auch keiner mehr laut und treibt die anderen zu Höchstleistung an. Läuft im Moment nicht so gut? Okay, kann man halt nicht ändern. Schulterzucken, sich in sein Schicksal fügen, abhaken und die eigenen Knochen für die in ein paar Wochen startende Bundesliga schonen. Zweckrational? Ja! Aber für den Fan GRUSELIG anzuschauen. Und für die nicht optimale Kaderauswahl, die mangelnde Motivation sowie die teils vogelwild zusammengewürfelte Startaufstellung und die nicht fruchtenden Einwechslungen ist nun mal der Trainer verantwortlich. Das kann man nicht mit dem Hinweis auf das ähnliche Schicksal anderer Teams relativieren. Zumal Deutschland der einzige Hochkaräter ist, der die Vorrunde nicht überstanden hat.

    Verabschiede dich, wenn du es noch selbst in der Hand hast

    Während die Regel vom stets früh scheiternden Weltmeister offenkundiger Unsinn ist, gibt es jedoch eine zweite Gesetzmäßigkeit, die ins Auge springt – nämlich die der nachlassenden Motivationskünste von Übungsleitern, die den Zenit ihrer Schaffenskraft überschritten haben. Dem ewigen Herberger gelang nach dem 54er-Überraschungscoup kaum noch was Gescheites, weshalb er zehn Jahre später endlich von Helmut Schön beerbt wurde. Unter ihm erlebte der deutsche Fußball seine erfolgreichste Dekade, bevor 1978 ein ähnlich uninspiriertes Team wie die Versager von Kasan in der zweiten (!) Runde der WM vorzeitig die Rückreise antreten musste, und der Mann mit der Mütze seinen Hut nahm. Franz Beckenbauer war da schlauer und trat freiwillig unmittelbar nach dem 1990er Triumph zurück. Keine Ahnung, welcher missionarische Eifer Joachim Löw dazu trieb, mit dem DFB einen Endlosvertrag bis ins hohe Rentenalter zu unterzeichnen. Nach 2014 ging es auf jeden Fall mit dem deutschen Fußball nicht mehr voran, spielerische und taktische Defizite waren bereits bei der EM in Frankreich klar zu erkennen. Statt die Schwachstellen auszumerzen, das Team konsequent zu verjüngen und nicht-stromlinienförmige Spieler (Leroy Sané, Sandro Wagner) mitzunehmen, brach man lieber mit Altbewährtem zur Titelverteidigung auf und erlebte am vergangenen Mittwoch am Ufer der Wolga konsequenterweise das rasche Ende der Mission impossible. Und da es alle geahnt zu haben schienen, regte sich im Nachgang auch niemand großartig darüber auf. Betriebsunfall. Passiert eben hin und wieder. So what?

    Ob ich mich darüber aufgeregt habe? Nein. Es war schlimmer: mir war’s nahezu egal. Als alte Unke hatte ich es nach den verkorksten Testspielen kommen gesehen und die Mannschaft von vornherein für maximal VF-tauglich eingestuft. Nun waren sie halt schon in der Vorrunde ausgeschieden. Okay, aber warum soll ich als Fan mich über was ärgern, was den Großteil der Spieler anscheinend nicht großartig kratzt?

    Kommerzialisierung vergrault die Fans

    Um weiteres Unheil zu vermeiden, rate ich dazu, Herrn Löw in Würden zu verabschieden (er kann sich dann ja endlich mal an einer Clubmannschaft versuchen) und Herrn Bierhoff gleich mit dazu. Die vom Zweitgenannten ständig vorangetriebene Kommerzialisierung der Marke NM geht mir derart auf die Nüsse: sehe bloß noch Nutella, Nivea, Bitburger, Coca-Cola, Nudelsoßen, Visacard etc. etc. Sponsoren, wohin das Auge blickt. Jeder Quadratzentimeter Bande, Trikot und demnächst vermutlich auch Spielerhaut wird an den Meistbietenden verkauft bei gleichzeitigem Gefeilsche um jede Millisekunde der TV-Übertragungsrechte. Komplette Kommerzialisierung eines einstmaligen Arbeiter-Freizeitvergnügens. Wenn ich im Zusammenhang mit Fußball den Begriff Event höre, schüttelt es mich.

    Die Nationalmannschaft benötigt nicht nur dringend einen neuen Trainer, sondern ebenfalls einen Paradigmenwechsel. Weg vom geklonten Querpass-hin-und-her-Schieber, hin zum Ich-krempel-die-Ärmel-hoch-Individualisten, weg von Laptop-und-ich-halte-beim-Reden-die-Hand-vor-den-Mund-Coaches, hin zu Typen mit moderner Spielauffassung, die aber gleichzeitig berücksichtigen, dass es sich beim Fußball um eine schweißtreibende Sache handelt, bei der man hin und wieder auch Kontakt mit der Grasnarbe aufnehmen muss. Weniger Schablone und mehr Siegeswille täten dem deutschen Fußball dringend Not. Und vor allem: weg von der irrigen Idee, ein Spieler sei eine Marke, deren Wert man ständig maximieren muss. Nein, ist er nicht! Er ist ein Mensch, der gekonnt mit dem Ball umgeht und sich deshalb auf das konzentrieren sollte, was er kann: gut und mit Leidenschaft kicken. Die Fans werden es ihm danken.

    Und nun freue ich mich auf (hoffentlich) spannende KO-Partien. Denn der wahre Fan schaut die WM auch dann weiter, wenn das eigene Team (leider) schon ausgeschieden ist.

  • Geht’s raus und spielt’s Fußball!

    Geht’s raus und spielt’s Fußball!

    Als ich schon die CD mit dem Requiem rausgesucht hatte und auf „play“ klicken wollte, erwachte Toni Kroos endlich aus seiner Frühsommerlethargie und schlenzte den Schweden das Ding mit feinem Kunstschuss oben in den rechten Winkel. Die biederen skandinavischen Handwerker, die unserer Elf das (Über-) Leben wirklich schwer gemacht hatten, blickten erst erstaunt hinter sich und dann bedröppelt auf den Rasen. Ich ließ das Requiem Requiem sein, riss beide Arme hoch und brach in Jubel aus. »Nun wird alles gut«, riefen wir aus fünfzig Kehlen. »Die Mannschaft ist im Turnier angekommen.« Aber: Ist das wirklich so, oder drohen jetzt ständige Zitterpartien bis zum frühzeitigen Ausscheiden im Achtel- oder Viertelfinale? In Abhängigkeit vom Ergebnis Mexiko-Schweden sei für Deutschland von Platz 1 bis 3 in Gruppe F noch alles drin. Sollten wir Erster werden, entgehen wir im AF den bärenstarken Brasilianern. Es sei denn, die werden Zweiter in ihrer Gruppe. In diesem Fall würden wir wieder auf sie treffen. Behauptet mein Kumpel Jupp, der sich seit Tagen mit der WM und den damit verbundenen Rechenspielen intensiv beschäftigt. Ich tue das nicht, weil ich denke: das nächste Match ist immer das schwerste, und da es eh ständig anders kommt, als man die Ergebnisse vorher kalkuliert hat. Ich vertraue eher meinem Bauchgefühl, das mich zwar auch oft täuscht; aber zumindest muss ich mich nicht mit all den komplizierten Tabellen und Überkreuzwahrscheinlichkeiten auseinandersetzen.

    1982 startete ebenfalls grauenvoll

    Grottige Vorrunden, nach deren haarscharfem Überstehen das deutsche Team noch sehr weit im Turnier kam, gab’s schon. Ich erinnere mich an die WM 82 in Spanien mit diesen Ergebnissen: Auftaktmatch gegen Algerien 1 zu 2 verloren, darauf folgte ein 4-1-Sieg gegen Chile und im Anschluss das abgekartete Spiel gegen Österreich, das nach früher 1-0-Führung für Deutschland für die restlichen 80 Minuten aus zweikampflosem Rasenschachgeplänkel bestand. Auch in der zweiten Runde wurde es mit 0-0- (England) und 2-1 (Spanien) – Langweilern nicht unbedingt besser. Unvergessen die Kickbox-Einlage Toni Schumachers gegen Frankreichs Patrick Battiston im HF, das die Deutschen knapp im Elfmeter-Showdown für sich entschieden. Endstation erst im Finale, als unseren Kickern eine 1-zu-3-Klatsche von den Italienern verabreicht wurde. »Tu sei Tedesco? …. Rossi, Tardelli, Altobelli«, durfte ich mir in den darauffolgenden Jahren in meinen Sommerurlauben an den Stränden Riminis und Forte dei Marmis ungezählte Male anhören. Dieser Dreiklang hat sich mir für die Ewigkeit ins Gedächtnis eingebrannt.

    Gary Lineker und der verlorengegangene Respekt vor deutschen Teams

    Besteht also Hoffnung, dass auch die 2018er-Mannschaft nun durch den restlichen Wettbewerb marschieren wird? Dabei gemäß der Devise Gary Linekers handelnd: Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer stehen auf dem Feld und jagen einem Ball nach. Und am Ende gewinnt Deutschland. Mal abgesehen davon, dass diese Regel schon früher nicht immer zutraf, jede Menge Ausnahmen kannte – ich erinnere mich an das verlorene Finale 86 gegen Argentinien mit dem damals fulminant dirigierenden Maradona –, frage ich mich bereits seit geraumer Zeit, ob den Jungs eventuell die früheren Kardinaltugenden Siegeswille, Kampf und Effizienz abhandengekommen sind. Deutsche Mannschaften spielten häufig nicht schön, mitunter war es grausam, sich das Gebolze 90 Minuten lang anzuschauen, aber sie fighteten bis zum Umfallen, was man der Schmutzkruste ihrer Trikots und Hosen dann auch ansah. Heute hingegen habe ich oft den Eindruck, dass die Wäsche nach dem Schlusspfiff noch genauso sauber aussieht wie beim Münzwurf. Aber vielleicht täusche ich mich auch. Im Alter lässt die Sehschärfe nach.

    Zu viel Analyse tötet das Spiel

    Die NM hinterlässt bisher einen phlegmatischen Eindruck. Jeder kennt seinen Quadranten, hat vom Trainerstab einen Masterplan in die Hand gedrückt bekommen, die Spielzüge wurden vorher tausendfach einstudiert, exakte Videoanalysen jedes Gegners, stündliche Kontrolle der Laktatwerte. Ernährungsexperten, Psychologen, Physiotherapeuten, Personal Coaches alle mit dabei im Riesentross des DFB. Logiert wird nicht mehr in ordinären Trainingslagern wie weiland 1974 in Malente, sondern in 5-Sterne-Tempeln mit vorher ausgesuchten Spitzenköchen. Mancher Feldzug der Antike war weniger minutiös vorbereitet als die Reise der deutschen Mannschaft zu einem Turnier. Und trotz all dieses Heidenaufwands wirken viele Spieler uninspiriert bis hin zu konzeptlos. Wobei: Konzept wurde ihnen ja schon eins eingetrichtert. Bloß ob dieses Konzept immer hinhaut – darüber scheint sich vorher niemand ernsthafte Gedanken zu machen. Heikel wird es nämlich immer dann, sobald sich das andere Team nicht an die ihm theoretisch zugewiesene Rolle hält: Hoch- und nicht tiefsteht, angreift statt verteidigt (oder umgekehrt), 4-4-2 statt 4-3-3 befolgt, oder was sonst noch alles für Abweichungen möglich sind; sich also einen Dreck um den deutschen Masterplan schert. In diesen Fällen – die sich aus meiner laienhaften Beobachtung heraus mittlerweile häufen – weiß auf dem Platz niemand mehr, wie er mit der neuen Situation umgehen soll. Plan A ist sakrosankt, weshalb es Plan B nicht gibt, und den Akteuren, die allesamt seit früher Jugend in DFB-Nachwuchszentren geschult und schablonisiert wurden, fehlt der Instinkt des Straßenkickers. Der es von klein auf gewohnt ist, dass der Gegner prinzipiell das tut, was keiner der schlauen Analysten vorhergesehen hat, die Ärmel hochkrempelt, auf den unnützen Masterplan pfeift und das macht, was Franz Beckenbauer von seinen Teams forderte: »Geht’s raus und spielt‘s Fußball!« Die gemäß dieser simplen Vorgabe erzielte Erfolgsstatistik des Kaisers war nicht schlecht: 1x Vizeweltmeister 86, HF EM 88, Weltmeister 1990. Und das alles ohne Laptop und Sportprofessoren, die die Laufwege und den Kalorienverbrauch der Spieler aufs Komma genau ausrechnen.

    Deshalb mein Wunsch: weniger Mastergedöns und stromlinienförmige Akteure, mehr individuelle Typen, die sich nicht scheuen, vom Plan abzuweichen und, sobald es Spitz auf Knopf steht, die Ärmel hochkrempeln, die lethargischen Kollegen anschreien und am Ende in dreckverschmierten Klamotten das Feld verlassen.

    Bei Reus mache ich mir Hoffnung, dass er die Rolle des Antreibers einnehmen wird. Der Mann wirkt 90 Minuten lang hochmotiviert, was ich bisher von Kroos, Müller, Gündogan, Khedira und Özil nicht behaupten kann.

    Wo ist der neue Schweinsteiger?

    Nach dem glücklichen Ende der gestrigen Partie fachsimpelte ich noch eine halbe Stunde mit dem Mann neben mir – der ein Schweinsteigertrikot trug, weil er irrtümlich annahm, dass der Münchner immer noch mit dabei ist – über die guten alten Zeiten ohne Masterplan. Ich überlege, in welcher Umzugskiste ich meinen 1974 erworbenen Wolfgang-Overath-Dress verstaut habe. Falls ich in dieses Shirt vierzig Jahre später überhaupt noch reinpasse.

  • Als es noch ständig müllerte

    Als es noch ständig müllerte

    Eigentlich wollte ich eine Kolumne über CR7 schreiben. Niemand spielt, jammert und polarisiert so schön wie der berühmteste Sohn Madeiras. Die drei Dinger, die er gestern Abend seinen spanischen Nachbarn reingehämmert hat, waren schon ne Hausnummer. Er gehört zu der Sorte Fußballer, die alleine ein Match entscheiden können. Viele sind es nicht, die diese Kunst beherrsch(t)en. Messi, Schweinsteiger – bevor er in die amerikanische Operettenliga wechselte –, Zidane, Maradona, Netzer, Overath, Pelé und sicher noch ein Dutzend mehr, die mir aber im Moment nicht einfallen, und wo wir nun bereits in den 70er Jahren angelangt sind: Gerd Müller.

    Was hat der in dieser Aufzählung zu suchen, fragen Sie? Der war doch nur ein kleiner, pummeliger Stürmer, zwar mit einer unglaublichen Spürnase fürs Toreschießen gesegnet, aber ganz sicher kein Spielentscheider. Doch, war er. Hören wir dazu folgende Worte aus dem Mund Franz Beckenbauers:

    Ohne ihn würden wir uns heute noch in der alten Holzhütte aus den 60er Jahren am Trainingsplatz an der Säbener Straße umziehen. Ohne seine Tore stünde der FC Bayern heute nicht da, wo er ist.

    Paul Breitner ergänzt:

    Gerd Müller ist der wichtigste und größte Fußballer, den Deutschland nach 1954 gehabt hat. Gerd Müller ist der FC Bayern, Gerd Müller ist die deutsche Nationalmannschaft. Oder andersrum: Der FC Bayern und die Nationalelf sind das, was sie geworden sind, durch Gerd Müller. Weil er derjenige war, der die Pokale und die Titel gebracht hat – kein anderer.

    Sehe ich genauso.

    So wie man eine Kolumne nicht mit dem Partikel „eigentlich“ beginnen sollte, dürfte ich auch nicht das Ausgangsthema wechseln. Ich tue es aber trotzdem. Und zwar aus folgenden zwei Gründen: Ich habe zum einen vorhin im Magazin der Süddeutschen einen hochinteressanten, aber gleichzeitig tieftraurigen Beitrag über den Bomber der Nation gelesen. Zum anderen will ich anhand des Manns aus dem Ries an die Zeiten des Spiels erinnern, als der Fußball noch nach Männerschweiß, langen, verfilzten Haaren und schwarzen Adidastretern roch, und die Typen, die auf dem Platz herumliefen noch Typen und keine gefönten Playmobilfiguren waren.

    Statistik für die Ewigkeit

    Beginne ich mit der Geschichte vom Müller, Gerd (Abkzg. seines Taufnamens Gerhard). Eigentlich (hier ergibt das Wort Sinn) kennt die jeder, der die 50 überschritten hat und sich von Kindheit an für das Spiel interessiert. Geboren 1945 als fünftes und jüngstes Kind von Johann Heinrich und Christina Karoline Müller. In Nördlingen, dort wo Bayern an Ba-Wü grenzt und bayerisch Schwaben ins Württembergische übergeht. Mit 18 zum FC Bayern, für den er sage und schreibe 15 Jahre durchgängig die Schuhe schnürte, bevor ihn Pál Csernai 1979 erst auf die Bank setzte und dann nach Florida vergraulte. Unglaubliche Erfolgsagenda: 4x Deutscher Meister, 4x Pokalsieger, 1x Europapokal der Pokalsieger, 3x Europapokal der Landesmeister, 1x Weltpokal, Europameister 1972, Weltmeister 1974 (er schoss, nach feinem Zuspiel von Bonhof, aus der Drehung heraus in der 43sten Minute das entscheidende 2 zu 1 gegen die Niederlande), Torschützenkönig bei der WM 1970 mit zehn Treffern (die Turniere damals bestanden aus weniger Partien als die heutigen aufgeblähten Events), 7x erhielt er die Kanone in der Bundesliga ausgehändigt  (in der Saison 1971/ 72 erzielte er bis heute unerreichte 40!! Tore). Seine Statistik in der Nationalmannschaft: 68 Buden in 62 Spielen. Eine Quote für die Ewigkeit.

    Es liegt an seinem niedrigen Körperschwerpunkt, behaupteten die Experten damals; was man, wenn man bösartig ist – was wir hier aber auf keinen Fall sein wollen – auch mit kurzen Beinen übersetzen kann, aber grau ist alle Theorie. Niemand antizipierte den kommenden Ball so exakt wie Müller, keiner – von Ente Lippens mal abgesehen – konnte das Leder derart gekonnt mit dem Hintern annehmen und dann blitzschnell aus der Drehung heraus einnetzen. Ein Jahrhunderttalent, aber eines, das nicht ewiges Talent – wie bspw. Namensvetter Hansi Müller oder Mario Götze – blieb, sondern nach dem Gesellenbrief 1965 – Aufstieg der Bayern in die Bundesliga – ständig lieferte, 365x (!!) in der Buli  traf und mit dem WM-Titel 74 sein Meisterstück abgab.

    Dabei stets bescheiden blieb. Keiner, der in jedes Mikrophon reinplapperte, in jede Kamera lächelte, auf jeder TV-Couch Platz nahm. Das mag auch an seinen, im Gegensatz zu den eloquenten Kollegen Beckenbauer, Maier, Breitner und Hoeneß, geringeren sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten gelegen haben. Jedoch gehörte der Bomber ganz sicher zu jener Sorte Mensch, der trotz all seiner Erfolge das gleißende Rampenlicht lieber meidet, abends gerne zu Hause mit Kumpels schafkopft (Müller war darin genauso gut wie beim Fließbandtoreschießen), als durch die Talkshows der Republik zu tingeln.

    Von ihm stammen zeitlose Sätze wie diese:

    Wenns denkst, is eh zu spät.

    Als Torjäger musst du wissen, wo das Tor steht. Und das habe ich gewusst.

    Ich drehe mich ein wenig und plötzlich war der Ball drin

    Ich habe ihn in seiner aktiven Zeit 5x in Köln spielen sehen. Stehplatz Südkurve, 4 Mark Schülerkarte. 4x gewann der FC, beim letzten Aufeinandertreffen, an dem Müller teilnahm, endete die Partie 1 zu 1, der Bomber erzielte das Tor für die Bayern. Um ihn komplett kaltzustellen, benötigte man oft zwei oder gar drei Verteidiger. Für den FC übernahmen diese schwere Aufgabe damals abwechselnd Zimmermann, Konopka, Weber und Strack. Wie ich es vierzig Jahre später schaffe, mich noch an alle Ergebnisse und die Spielernamen zu erinnern? Ganz einfach: ich recherchiere in der Online-Fußballdatenbank.

    Vom stillen Star zum Pflegefall

    Und jetzt muss ich leider zum traurigen Kapitel seiner Vita kommen: Alkohol und Demenz. Dass er eine Zeit lang (zu) viel getrunken hatte, wusste ich. Dass die Bayern ihn nach dem völlig misslungenen Amerikaabenteuer und Entziehungskur wieder in ihre Reihen aufnahmen und als Cotrainer der Amateurmannschaft beschäftigten, muss man dem Verein hoch anrechnen. Bin mir unsicher, ob die ständig heulenden Dortmunder so sozial mit ihren gefallenen Stars umgehen. Falls doch, dann entschuldige ich mich bereits an dieser Stelle bei allen BVB-Fans, bevor die mir nachher eine Flut von Hasskommentaren hinterlassen. Aber dass Müller seit einigen Jahren dement in einer Pflegeeinrichtung untergebracht und dort völlig von der Öffentlichkeit abgeschirmt ist, war komplett an mir vorübergegangen.

    Sich an nichts mehr erinnern können – was für ein Schicksal mit 70! Meine Mutter ereilte es ebenfalls. Sie war jedoch immerhin schon 80, als sie niemanden mehr erkannte, ihren eigenen Namen vergessen hatte und sich auf dem Flur des Altersheims, in dem sie ihre letzten Jahre verbrachte, nicht mehr zurechtfand. Wir Kinder philosophierten hin und wieder darüber, was schlimmer ist: früh zu sterben oder im Alter bloß noch vor sich hinzudämmern? Eine müßige Frage, die außer Gott – so man an ihn glaubt – und dem Betroffenen selbst – der allerdings nicht mehr fähig ist, seine Gedanken in klare Worte zu packen – niemand von uns beantworten kann. Sie sollten Müller in München ein Denkmal setzen und/ oder das Stadion in ihn umbenennen! Allianzarena klingt ohnehin wie Glasbruch mit Selbstbeteiligung und nicht nach einem kernigen Männersport.

    Fußball war mal ne coole Sache

    Kernig ist das Stichwort für den zweiten Schwerpunkt dieser Kolumne: Wehmut nach der Zeit, als Fußball noch ne schweißtreibende und coole Sache war. Hier muss ich ein bisschen aufpassen. Denn mit meinen Kindern gilt die Verabredung, dass sie mich, falls ich zu oft von der guten alten Zeit schwärme, in einem Seniorenstift anmelden dürfen. Für das ich mich aktuell aber noch ein paar Jahre zu jung finde. Nun war ja früher nicht alles besser und schöner, aber der Fußball war definitiv unterhaltsamer. Ich habe mich an vieles gewöhnt: die bunten Schuhe, Frisuren, die keine Haarschnitte, sondern Kunstwerke oder gar Statements sind, Tattoos, wohin das Auge blickt, die ständigen Übersteiger, Tiki-taka, Gehälter und Transfersummen, die einen mitunter am Sinn des Kapitalismus zweifeln lassen, Eintrittskarten, die dem Preis einer mittelschweren Autoreparatur entsprechen, Söldnertum als Normalzustand und nicht die Ausnahme, der einzelne Fußballer als Marke und nicht mehr als ordinärer Spieler, Berichterstattung und Werbung around the clock etc. etc. Woran ich mich aber nie gewöhnen werde – oder, um aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen, was mir sogar tierisch auf den Sack geht –, sind die vorformulierten Textbausteine, mit denen Spieler und Trainer seit gefühlt dreißig Jahren auf Journalistenfragen antworten. Welch ein standardisiertes, stromlinienförmiges Kauderwelsch. Boh!

    »Ich danke erstmal dem gesamten Team, das mich großartig unterstützt hat«, sagt der Dreifachtorschütze. »Das müssen Sie den Coach fragen. Ich akzeptiere aber selbstverständlich die Entscheidung«, meint der langjährige Stammstürmer, der sich plötzlich auf der Bank wiederfindet. »Wir haben unser Bestes gegeben und unglücklich verloren. Wir lassen uns davon aber nicht unterkriegen«, heißt es nach einer 0-zu-5-Klatsche. Und dann sehe ich zu allem Überdruss seit einigen Tagen auf allen Kanälen auch noch Nivea-Werbung mit Jogi Löw und bin restlos bedient.

    Sprüche aus der Fußballvergangenheit

    Warum reden die Jungs nicht mehr wie in den 70ern und 80ern? Als solche Sätze zu hören waren:

    Ich bin immer noch am überlegen, welche Sportart unsere Mannschaft an diesem Abend ausgeübt hat. Fußball war’s mit Sicherheit nicht.
    © Franz Beckenbauer

    Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben… Den Rest habe ich einfach verprasst.
    © George Best

    Ich bin bis 5 Uhr in meiner Stammkneipe erreichbar
    © Ansgar Brinkmann

    Manni Bananenflanke, ich Kopf, Tor!
    © Horst Hrubesch

    Eine Straßenbahn hat mehr Anhänger als Uerdingen.
    © Max Merkel

    Wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt.
    © Rolf Rüssmann

    Legendäre Wutausbrüche von Spielern und Trainern vor laufender Kamera. Damals zwar nicht Standardrepertoire, aber doch nicht unüblich. Heute hingegen völlig undenkbar. Alle dreimal teflonbeschichtet, von PR-Profis gebrieft und ständig dieselben Worthülsen wiederholend. Textbausteine in Dauerschleife. Stinklangweilig. Ich zappe nach dem Schlusspfiff mittlerweile sofort weiter, weil ich ohnehin schon auswendig weiß, was die Akteure gleich sagen werden. Ätzend dieser globale Verbalkonformismus!

    Okay, okay, ich höre nun auf mit meiner Nörgelei. Übrigens ein typischer Charakterzug älterer, männlicher, misanthropischer Kolumnisten. Ob ich mir die WM ungeachtet all meines Gemeckers trotzdem ansehe? Natürlich tue ich das. Was glauben Sie denn? Ich schaue die Spiele bereits seit 1970. Damals noch im Schwarz-Weiß-Röhrengerät, das wie ein Tabernakel in der Ecke hinten links im Wohnzimmer meiner Eltern platziert war. Wer dieses Mal den Titel holt? Ich tippe auf Brasilien. Ich bin als Orakel auch nicht schlechter als Tintenfische oder Schildkröten.

    PS. Den Text zu CR7 schreibe ich sofort, falls Portugal ins Finale einziehen sollte. Versprochen. Notfalls mich daran erinnern, denn auch mein Gedächtnis ist nicht mehr das allerfrischeste. Danke!

  • Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Die Szene wirkt wie ein Remake des Godfathers: Don Vito Corleone flankiert von seinen drei Söhnen Michael, Santino und Fredo. Nur dass es sich bei der Doublette um den türkischen Präsidenten Erdogan, eingerahmt von den in der Premier League kickenden Spielern Özil, Gündogan und Tosun, handelt. Die vier trafen sich am vergangenen Sonntag in London auf einen kleinen Plausch, schüttelten Hände, überreichten dem Paten handsignierte Trikots und lächelten in die Kamera. So weit, so gut bzw. schlecht.

    Kein Staatsmann ist dem deutschen Facebook-User derart verhasst wie der Herrscher vom Bosporus. Sobald sein Name erwähnt wird, ertönen pawlowartig Schimpfkanonaden, von denen „Erdolf“ und „byzantinischer Despot“ noch zwei der freundlichen darstellen. Jan Böhmermann widmete ihm vor zwei Jahren ein 24 (!!) Verse umfassendes Schmähgedicht, das der Autor dieses Beitrags damals zum Fremdschämen fand. Satire darf bekanntlich alles, und der deutsche Social-Media-Junkie pöbelt ohnehin gerne, solange er sicher ist, dass er für seinen Unflat keinerlei negative Konsequenzen befürchten muss.

    Der Pate und die Nachbarclans

    Natürlich ist das aktuelle Oberhaupt der Osmanen kein lupenreiner Demokrat westlichen Zuschnitts, unterdrückt die Opposition, schränkt die Pressefreiheit ein, hält Wahlen am liebsten dann ab, wenn er sicher ist, sie zu gewinnen, schmeißt Kritiker gerne in den Knast, und führt einen kleinen, schmutzigen Krieg gegen die Kurden. Alles nicht so schön. Klar. Aber im Vergleich zu den Ländern um ihn herum auch nicht großartig anders, als das, was Russland, Saudi-Arabien und Ägypten praktizieren. Der Pate ist in seiner Region wahrlich nicht der einzige Mafioso. Und in der Europäischen Union geht’s östlich der Oder und südlich der Donau ebenfalls nicht immer so pluralistisch-korrekt und weltoffen wie bei uns zu. Ohne dass wir Deutschen deshalb Hasslieder auf Orban und Duda anstimmen.

    Mal ganz kurz zu den Fakten: die Türkei ist NATO-Mitglied und EU-Aufnahmekandidat. Wir überweisen ne Menge Kohle dorthin, damit uns Ankara die Flüchtlinge vom Leib hält und liefern Waffen, die nicht einzig zur Verteidigung des Landes eingesetzt werden. Jedes Jahr verbringen vier bis fünf Millionen Touristen aus Castrop-Rauxel und Schwäbisch-Hall ihren preiswerten Pauschalurlaub an den Stränden der anatolischen Riviera. Das ist aus der Sicht des deutschen Steuerzahlers alles in Ordnung; oder doch nicht?

    Reaktionen in den sozialen Medien

    Aber zurück zum Auslöser der Kolumne: dem Bild des Paten mit seinen drei als Fußballlegionären sehr erfolgreichen Söhnen.

    Wer sich mit einem Despoten ablichtet , bekommt die rote Karte

    Wer sich mit solch einem Diktator fotografieren lässt und auf sein Trikot schreibt, „für meinen Präsidenten“, der hat in unserer Nationalmannschaft nichts zu suchen

    Sollen sie doch in der türkischen NM spielen
    © drei Facebook-Nutzer

    Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag
    © Cem Özdemir

    Herr Gündogan ist ein trauriges Beispiel, wie gering die Identifikation der türkischstämmigen Jugend in Deutschland mit der Wahlheimat ihrer Eltern ist
    © Alice Weidel

    Fußballer sind keine Berufsdiplomaten

    Mal völlig losgelöst vom Unsinn der Forderung, dass Özil und Gündogan das Nationalteam wechseln sollen – denn das ist gemäß FIFA-Statuten gar nicht möglich –, springen zwei Phänomene sofort ins Auge:

    (a) Das mangelhafte Einfühlungsvermögen der Ich-bin-seit-tausend-Jahren-Deutschen gegenüber Mitbürgern mit Migrationshintergrund und zwei Reisepässen
    (b) Die Illusion, dass Fußballspieler im Nebenjob Diplomaten sind

    Özil singt seit Jahren die Hymne nicht mit, gibt’s dann an jeder zweiten Ecke zu lesen. Na und? Haben Beckenbauer, Netzer und Overath ebenfalls nie getan. Und auch ich habe keine Lust auf die pathetisch-altbackenen Zeilen, und schweige, während das Lied der Deutschen im Stadion ertönt. Ich käme auch nicht auf die Idee, bei Songs der Kastelruther Spatzen mitzuträllern. Geschlossene Lippen und ernster Blick müssen ausreichen, ohne gleich als Vaterlandsverräter einsortiert zu werden.

    Was ist eigentlich mit der Meinungsfreiheit in unserem Land? Können wir uns jetzt nicht mehr gemeinsam mit fremden Staatsoberhäuptern auf einem Foto ablichten lassen, ohne ein Berufsverbot befürchten zu müssen? Wo steht überhaupt geschrieben, dass Fußballer leuchtende Vorbilder und Aushängeschilder zu sein haben? Also ich persönlich habe mich nie der Illusion hingegeben, dass Typen wie Wagner und Petersen mich auf dem internationalen Parkett besser als unser Außenminister und dessen Diplomatisches Corps vertreten. Ich bekomme allerdings auch nicht sofort nervösen Schluckauf, wenn Marco Reus ohne Führerschein im Maserati erwischt wird und Kevin Großkreutz in der Lobby eines Hotels in die Blumenrabatte pinkelt. Effenbergs Stinkefinger bei der WM 94 = Pillepalle. So sind sie halt, die jungen Leute.

    Scheinheiligkeit der Diskussion

    Man kann Erdogan als üblen Autokraten einstufen – ob er bereits ein Diktator ist: diese feine Unterscheidung überlasse ich geschulten Politologen –, sich an seiner Art des Auslandswahlkampfs stören, die PR-Aktion als völlig daneben bezeichnen, und den drei Spielern trotzdem das Recht zugestehen, dem Präsidenten die Hand zu schütteln. Kommt ja auch (noch) niemand auf die Idee, Exkanzler Schröder zum Umzug nach Moskau aufzufordern, weil der sich mit dem lupenreinen Demokraten Putin so ausgezeichnet versteht oder Seehofer ins Altersexil nach Budapest zu seinem Kumpel Orban zu verbannen.

    Es ist hochgradig scheinheilig, Ankara als politischen Partner zu hofieren, sich in Antalya mit klebrigen All-inclusive-Cocktails volllaufen zu lassen, und zurück zu Hause auf dem deutschen Sofa sofort wieder gegen dieses Land und die von dort stammenden Migranten vom Leder zu ziehen.

    Fußballer sollten primär nach ihrem Können am Ball und nicht danach, mit wem sie sich zu einem Fototermin treffen, beurteilt werden. Und da befürchte ich, dass Özil sich bei den wichtigen und engen Partien mal wieder unsichtbar machen wird. Was ich ihm dann mehr ankreide als seinen kurzen Flirt mit Erdogan oder die mangelhaften Sangeskünste. Und sollte Gündogan bei der WM ein Tor erzielen, jubeln darüber sicher auch Cem Özdemir und Alice Weidel. Denn in diesem Moment kollektiver teutonischer Freude ist die Herkunft des Schützen dann plötzlich wieder egal.

    Fazit: auch für Nationalspieler türkischer Herkunft gilt die Meinungsfreiheit. Es war deshalb weise von Bundestrainer Löw, sich von der medial aufgeheizten Stimmung nicht beirren zu lassen und Özil und Gündogan am heutigen Tag in den vorläufigen Kader mit aufzunehmen.