Kategorie: Wirtschaft

  • Kevins Traum

    Kevins Traum

    „In der Wirtschaftsordnung, die ich mir vorstelle, gäbe es auch kein Eigentum an Wohnraum mehr“, hatte Jusochef Kevin Kühnert (29) vor ein paar Tagen in einem Interview mit der ZEIT als seinen Traum benannt und wie nicht anders zu erwarten, brach in den sozialen Netzwerken binnen Minuten ein mittelschwerer Shit-Tsunami über ihn herein.

    Beginnend mit:

    Von Venezuela lernen, heißt siegen lernen

    über:

    Ich glaube in ihnen haben sich viele SPD’ler getäuscht Herr Kühnert, sie stehen nicht für die Zukunft der Sozialdemokratie, sondern für die Fortsetzung von 40 Jahren gescheiterter Planwirtschaft und Zentral-Staatlichkeit

    bis hin zu:

    Was soll man von einem erwarten, der nach dem Abitur nie was Richtiges gearbeitet hat und sich seitdem vom Steuerzahler aushalten lässt?

    konnte man hier VIEL Empörung entdecken. Nun sind ja Facebook und Twitter nicht unbedingt für ihren intellektuellen Tiefgang bekannt, weshalb das Bäh-der-Sozialismus-ist-abgrundtief-böse-Geseiere von User Alfred Klappspaten* aus Gelsenkirchen-Buir nicht weiter überrascht. Mich persönlich interessierte deshalb mehr die Reaktion der politischen Klasse.

    Kaum Rückhalt bei den Etablierten

    Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ließ verlautbaren:

    Das ist ein verschrobenes Retro-Weltbild eines Fantasten, der irgendwie mit dem System hier nicht zufrieden ist. Wenn du so einen in der Partei hast, kannst du eigentlich zusperren

    Ins selbe Horn stoßen:

    Ich hätte nie geglaubt, dass unser alter Wahlslogan ‚Freiheit statt Sozialismus‘ noch mal bei einer Wahl so aktuell ist
    © Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU)

    Herr Kühnert zeigt erhebliche Arroganz
    © Linda Teuteberg (FDP)

    #undsoweiterundsokartoffelsalatmitwürstchen.

    Warum der Vorschlag der Enteignung von Miethai-Wohnungsgesellschaften jetzt mehr retro sein soll als die Idee einer dringend notwendigen konservativen Revolution im Land, erschließt sich einem wohl nur, wenn man seit Geburt CSU-Mitglied ist und an zwanzig Klausurtagungen in Kloster Banz teilgenommen hat. Aber unterm Strich überraschen die Äußerungen der Vertreter der bürgerlichen Parteien dann aber doch nicht sonderlich. Mit deren MG-salvenartiger Gegenwehr und danach drei Gottseibeiuns war zu rechnen gewesen.

    Ärgerlicher – zumindest aus der Sicht Kühnerts – sind sicherlich die Reflexe seiner SPD-Parteigenossen:

    Was für ein grober Unfug. Was hat der geraucht? Legal kann es nicht gewesen sein.
    © Johannes Kahrs

    Gott sei Dank liegt meine Juso-Zeit schon über 30 Jahre zurück
    © Olaf Scholz:

    Das ist übrigens die Methode Trump
    © Sigmar Gabriel

    Demokratischer Sozialismus = Glaubensbekenntnis der SPD

    Speziell dem Lordsiegelbewahrer der Schwarzen Null und Bankenversteher Scholz wäre ein Auffrischungsseminar in SPD-Dogmatik bei der Friedrich-Ebert-Stiftung zu wünschen. Denn: Kühnert wiederholt sozialdemokratische Selbstverständlichkeiten:

    Unsere Geschichte ist geprägt von der Idee des demokratischen Sozialismus, einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, in der unsere Grundwerte verwirklicht sind. Sie verlangt eine Ordnung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, in der die bürgerlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Grundrechte für alle Menschen garantiert sind, alle Menschen ein Leben ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt, also in sozialer und menschlicher Sicherheit führen können.
    © Hamburger Programm der SPD von 2007, S. 16

    Und vermutlich ist das, was Kühnert raucht, bekömmlicher als das, was Kahrs konsumiert, bevor er Kommentare in die Twitter-Maske reintippt.

    Dass der keine nationalen Grenzen (aner-) kennende Kapitalismus nicht nur Wohlstand, Frieden und stabile demokratische Verhältnisse gebiert, müsste sich mittlerweile selbst bei den Hardcore-Liberalen der Hayek-Schule rumgesprochen haben. Das globale Sozialprodukt mag zwar ständig wachsen und gedeihen, doch was nützt das jährliche Aufblähen der Torte, wenn ein immer größerer Teil der Esser einen immer kleineren Anteil vom Kuchen erhält, es bei manchen noch nicht mal mehr für regelmäßige Krümel langt? Das sei die Schuld der Armen selbst, meinen Sie? Die müssen eben bis zum Abitur durchhalten und danach was Anständiges studieren, dann wäre die Misere ganz schnell beendet, so lautet seit vielen Jahren das Armutsüberwindungs-Mantra aus der bürgerlichen Ecke. Dieser Vorschlag fällt zum einen in die Kategorie „In the long run we are all dead“, zum anderen ist es ein frommes Märchen, dass jedem von uns in der Realität die gleichen Aufstiegschancen offenstehen. Kinder aus finanzschwachen und bildungsfernen Familien erhalten weitaus seltener Gymnasialempfehlungen als ihre Grundschulklassenkameraden, deren Eltern eine akademische Laufbahn absolviert haben. Zumal eine 100%-Studienquote die Probleme von Arbeitslosigkeit und Schlechtentlohnung nicht lösen würde. So lange es mehr arbeitssuchende Zeitgenossen als Arbeit gibt, so lange wird es auch möglich sein, Jobs, deren Bezahlung knapp das Hartz4-Niveau überschreitet – mitunter sogar unterschreitet –, auszuschreiben. Und diese negative Tendenz wird sich aufgrund zunehmender Ersetzbarkeit des Menschen durch intelligente Maschinen in den kommenden Jahren eher weiter verschlechtern als verbessern.

    Wovon ein Jusochef eben so träumt

    Ich will Sie aber an diesem Sonntagnachmittag nicht mit Bildungspolitik und Horrorzukunftsszenarien langweilen, sondern auf die zwei Kernbilder in Kevins Traum zurückkommen, die da lauten:

    (1) Keine privaten Vermietungen
    (2) Kollektivierung von Großunternehmen

    Er hat im Interview übrigens ne Menge mehr gesagt, aber herausgepickt wurden nun mal die beiden o.g. Forderungen, weshalb ich mich im Folgenden auf die beschränken will.

    Ich bin völlig bei ihm, wenn er ein Grundrecht auf Wohnraum fordert. Es kann nicht sein, dass Menschen – völlig egal, ob sie arbeiten oder gerade von Arbeitslosigkeit betroffen sind – aufgrund explodierender Mieten von Obdachlosigkeit bedroht werden oder sich gar bereits in ihr befinden. Entweder schafft es die private Wirtschaft, Wohnungen in ausreichender Menge – und bezahlbar!! – aus dem Boden zu stampfen, oder aber der Staat muss hier die Grundversorgung sichern. Was er bspw. beim ÖPNV tut, woraus man nun die Schlussfolgerung herleiten könnte, dass ihm der Transport von A nach B wichtiger zu sein scheint, als dass alle seine Bürger ein Dach über dem Kopf haben. Eine der größten Schnapsideen der – an Schnapsideen nicht gerade armen – 80er Jahre war sicher der Verkauf von in kommunalem Eigentum stehenden Wohnungsgesellschaften an private Betreiber. Seinerzeit von den Chronisten auf den Punkt gebracht mit: Wir verramschen unser Tafelsilber. Was der neue Eigentümer damit anstellt, ist uns egal. Der Markt wird’s schon richten.

    Allerdings muss man aus dem Grundrecht auf Wohnen nicht zwingend ableiten, dass ab sofort niemand mehr als EINE Wohnung besitzen darf. Warum sollen wohlhabende Familien und Unternehmen nicht hundert oder tausend(e) Wohnungen im Bestand halten und verwalten dürfen? Welchem Armen ist damit geholfen, wenn ein Reicher einem anderen Reichen kein Appartement/ kein Haus mehr vermieten darf? Das Ein-Wohnung-Paradigma ist ähnlich sinnvoll wie die Ein-Auto- oder Ein-Goldzahn-Theorie.

    VEB BMW -> Trabi

    Anderes Terrain betreten wir bei produzierenden Einheiten. Dass kollektivierte Betriebe effizienter, produktiver, marktgerechter oder auch nur intern demokratisch mitbestimmter agieren als privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen, glauben einzig DDR-Nostalgiker. Welchen Zusatznutzen er im Sinn hat, wenn eine funktionierende Aktiengesellschaft nachträglich in eine (wahrscheinlich weniger gut funktionierende) Genossenschaft umgewandelt wird, hat uns Herr Kühnert im Interview leider nicht verraten. Zumal mir auch nicht klar ist, was die genossenschaftliche Rechtsform sowohl nach Außen als auch nach Innen für Vorteile bringen soll. Die (genossenschaftliche) Volksbank, bei der ich früher mein Sparbuch aufbewahrte, zahlte weder höhere Zinsen für Einlagen, noch vergab sie Kredite zu günstigeren Konditionen, noch erhielten die Mitarbeiter eine bessere Entlohnung oder arbeiteten weniger Stunden pro Woche als ihre Kollegen von der Commerzbank schräg gegenüber. Eine AG in eine Genossenschaft transformieren zu wollen, ist deshalb reine Augenwischerei. Und bei einem VEB BMW, eingebettet in das Kombinat Benzingetriebene Straßenfahrzeuge, würden nach zwölf Monaten Autos in der Qualität des Trabi – allerdings zum Preis des 7er Modells – direkt vom Band in die Resteverwertung rollen, da sich keine Käufer für die Luxus-Schrottkarren made in München mehr finden ließen. In Jahr 3 wäre der Laden pleite.

    Wer, wenn nicht die Jungen, soll von einer besseren Welt träumen?

    Von daher bleibt ein zweigeteiltes Fazit zu Kühnerts Traum: den Finger in die richtige Wunde legt er beim Thema Wohnraum. Hier muss dringend ein staatlicher Chirurg ran, der das schwärende Loch, das die Mietpreisexplosion reißt, fachgerecht schließt, damit sich aus dem aktuell noch mittelschweren Wund- nicht binnen Jahresfrist ein Flächenbrand à la Gelbwesten entwickelt.

    In Zielrichtung auf BMW schleppt der Jusochef dann allerdings ohne Not den seit vielen Jahrzehnten im Geschichtsmuseum für gescheiterte Experimente deponierten Werkzeugkoffer der beiden Ururgroßonkels Karl und Friedrich herbei und will mit Instrumenten, die sich JEDES Mal, wenn sie zur Anwendung gelangten, als komplett untauglich erwiesen, den Kapitalismus überwinden. Warum? Nur weil das Unternehmen in der Rechtsform einer AG betrieben wird, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass es seine Mitarbeiter schlecht behandelt. Das Gegenteil ist der Fall: Bei all der Mitbestimmung und den vielen Arbeitszeitmodellen, die dort vorzufinden sind, hat er mit den Bayern definitiv das falsche Beispiel ausgewählt. Was dem Rechten seine Phobie vor Einwanderung ist manchem Linken der Schüttelfrost bei Konzernen. An dieser Stelle ist es besser, wenn die Vision nur ein Traum bleibt und niemals Realität wird.

    Jedoch – wer, wenn nicht der Vorsitzende der Jungen SOZIALISTEN, soll Gedanken formulieren, die sich links des seit vielen Jahren müde vor sich hinplätschernden Mitte-Mainstream-Rinnsals bewegen? Kühnert stellt die richtigen Fragen, findet aber ad hoc nicht immer die richtigen Antworten darauf. Das ist mir persönlich allerdings lieber als das Tabuisieren und Ausblenden der zwei großen Allzeitdauerbrenner: gerechte Verteilung & menschenwürdige Partizipation. Etwas mehr Kühnert bei gleichzeitig weniger Bankenfusionstamtam und Hartz 4-Gläubigkeit täte der alten Tante SPD sicher gut.

    PS. der Autor dieser Zeilen ist übrigens weder Sozialist noch eingefleischter SPD-Wähler, hat aber kein Problem damit, wenn junge Menschen von was anderem träumen als alte Säcke, die ihre träge Bloß-keine-Experimente-Philosophie beschönigend mit der Vokabel Realismus übertünchen

    * Name und Ort vom Verfasser VÖLLIG frei erfunden, Nicht, dass mir die Freunde des realen Herrn Klappspaten die Bude mit Unterlassungserklärungen einrennen

  • Das große Dieselmärchen

    Das große Dieselmärchen

    Der wochenlang angekündigte und mit Spannung erwartete Dieselgipfel im Kanzleramt kreißte eine Nacht lang und gebar außer sichtlich ermüdeten Teilnehmern ein mehrseitiges Abschlusspapier, das vom Verkehrsminister am Morgen danach als ultimativer Kompromiss und Befreiungsschlag angepriesen wurde: Partielle Kostenübernahme im Falle der Hardware-Nachrüstung oder Umtauschprämie beim Kauf eines Neuwagens. Gesetzlich nicht verpflichtend, sondern als Appell an die Autobauer gerichtet, von denen die meisten sofort nach Bekanntwerden des Ergebnisses schon dankend abwinkten.

    Die sogenannten Umtauschprämien ersetzen eigentlich nur die schon heute geltenden hohen Rabatte. Sie sollen die getäuschten Käufer veranlassen, ein neues Auto zu kaufen. Es gibt keinerlei Sicherheit, ob die von den Gerichten geforderten Werte durch die Umtauschaktion erreicht werden.
    (c) der frühere Bundesinnenminister Gerhart R. Baum dazu in einem Interview

    Mit einiger Wahrscheinlichkeit steht deshalb zu erwarten, dass im Nachgang zu Gipfel Nr. 2 Nullkommanichts passieren wird. Unverbindliche Absichtserklärung und Placebo-Politik der GroKo, anstatt die die Hersteller härter an die Kandare zu nehmen. Denn flächendeckend – und mit voller Kenntnis des Topmanagements – betrogen wurde jahrelang, ohne dass im Stammland der Schummelkonzerne bisher irgendwelche nennenswerten Strafen ausgesprochen wurden. Ein Skandal? Ja!

    Vorgeschichte

    Wer zu Hause auf dem Sofa Netflix schaut, kennt vielleicht die Serie „Dirty money“. Folge 1 trägt den plakativen Titel „Tödliches NOx“ und widmet sich knapp eineinhalb Stunden lang der Frage, was ein renommiertes Weltunternehmen wie VW dazu veranlasste, Kunden und Behörden derart hinters Licht zu führen. Schnelle Antwort: Steigerung der Absatzzahlen, Kostenreduktion, Gewinnmaximierung – also letztlich Gier.

    Der Dieselmotor, jahrzehntelang mit dem Odium von landwirtschaftlichem Forstverkehr und Rentner mit Prinz-Wilhelm-Mütze behaftet, gerät Mitte der 70er Jahre in den Fokus von Managern und Ingenieuren. Idee: eine kompakte Kleinausgabe soll her. Dies gelingt 1976 mit dem Golf Diesel; den Durchbruch erzielt man Ende der 80er mit dem TDI-Motor. Nachteil: Die Maschine stößt zu viel Feinstaub und nitrose Gase (NOx) aus, die die menschliche Lunge schädigen, Smog und sauren Regen auslösen. Technische Gegenmaßnahmen am Auto, wie die Verbrennung der Feinstaubpartikel, sind zu teuer. Aufgrund der ständig strenger werdenden Abgasbestimmungen bestand für die Technologie die durchaus ernstzunehmende Gefahr des frühzeitigen Endes. VW kontert ab 2010 erfolgreich mit neuen Diesel-PKWs, die sparsam, schadstoffarm und zugleich preiswert sein sollen. Ein Wunder, das selbst die eigenen Manager in Erstaunen versetzt. Und die Verkaufszahlen steigen plötzlich wieder.

    Schummelsoftware statt Clean Diesel

    Als im Herbst 2015 bekannt wird, dass die US-Prüfbehörden den Konzern des Betrugs mittels manipulierter Software überführt haben, ist das Entsetzen bei Kunden und Öffentlichkeit groß. Die sogenannte Abschalteinrichtung/ Defeat device unterscheidet intelligent zwischen In- und Outdoor-Betrieb. Während im Labor die vorgeschriebenen Abgaswerte eingehalten werden, stoßen die Autos auf freier Strecke ein Vielfaches an Schadstoffen aus.

    Statt einen Clean Diesel zu fahren, sitze ich am Steuer einer Killermaschine,

    macht die Käuferin eines Jettas in Columbus/ Ohio ihrem Unmut bei der Rückgabe an den Händler Luft. Vor die Wahl gestellt, sämtliche Zulassungen in den USA zu verlieren, gesteht VW nun die Manipulation ein, ruft einen Teil der betroffenen Wagen zwecks Nachrüstung oder Umtausch zurück ins Werk. Es kommt zu ersten Anklagen gegen Verantwortliche aus dem mittleren Management. Konzernchef Winterkorn, der angeblich nichts vom Betrug gewusst hat, nimmt Ende 2015 seinen Hut.

    Europäische Käufer: Kunden zweiter Klasse?

    VW bietet den geschädigten US-Kunden nun eine freiwillige Kompensationszahlung (Goodwill package) in Höhe von 5000 USD an. Zusätzlich muss der Hersteller die Rekordsumme von 20 Mrd. USD an Strafzahlung berappen. Jenseits des Atlantiks zeigt sich der Konzern mithin – wenn auch nicht ganz freiwillig – bereit, den angerichteten Schaden flächendeckend zu begleichen.

    Ganz anders das Vorgehen im Stammland. Hier räsoniert Winterkorn-Nachfolger Matthias Müller im November 2016 öffentlich über die Gier der Kunden und beteuert mit gespielter Unschuldsmiene, dass ein Schaden für den deutschen Käufer gar nicht eingetreten sei. Vor dem Hintergrund schon damals im Raum stehender Fahrverbote und teils dramatischer Wertverluste der betroffenen Fahrzeuge war das natürlich bereits zum damaligen Zeitpunkt eine freche Falschbehauptung. Anstatt den Dieseltricksern spätestens jetzt behördliche und politische Daumenschrauben anzulegen, spielen KBA und Bundesverkehrsministerium Billard über drei Banden, rufen zwar Modellreihen zurück, wollen sich aber nicht grundlegend und eindeutig zu den Schummelmotoren EA 189 und EA 288 äußern.

    Auf ständig steigenden Druck der Medien erklärt sich VW im Sommer 2016 zur Einspielung einer neuen Software bereit. Diese soll die Abschalteinrichtung außer Kraft setzen. In der Praxis resultieren aus diesem Update jedoch häufig Tempodrosselung , Mehrverbrauch und schnellerer Verschleiß. Freiwillige Entschädigungszahlungen wie in den USA und Kanada bietet VW allerdings in Europa nicht an. Hier müssen sich die geschädigten Kunden anwaltlicher Hilfe bedienen, um ihre berechtigten Ansprüche gegen den Goliath aus Wolfsburg geltend zu machen. In der Folge reichen rund 25.000 Käufer Individualklagen vor deutschen Amts- und Landgerichten ein. Insofern der Betroffene über keine Rechtsschutzpolice verfügt, besteht für ihn als Selbstzahler natürlich ein hohes Prozesskostenrisiko. VW beauftragt seinerseits Großkanzleien mit Abwehr und Verzögerungstaktik, gibt die Leitlinie vor, sich niemals außergerichtlich, sondern frühestens in der ersten Instanz zu einigen. Garniert mit einer Schweigeverpflichtung, damit ein erfolgreicher Kläger keine Mund-zu-Mund-Propaganda betreiben und weitere Dieselkäufer zum Tätigwerden animieren kann.

    VW fährt hier also eine glasklare Anti-Verbraucher-Strategie. Entschädigt wird nur in den Fällen, in denen sich die Schadensregulierung definitiv nicht vermeiden lässt. Kundenfreundlich geht anders.

    MFK: Eher Placebo als Verbraucherschutz

    Auf massives Drängen von Verbänden (VZBV, ADAC) und der Verbraucherschutzminister der Länder hin wird im kommenden Monat die Musterfeststellungsklage (MFK) gegen VW eröffnet. Deren einziger Zweck besteht darin, ein generelles Feststellungsurteil zu treffen. Die MFK hemmt zwar die Frist der Verjährung – die andernfalls in der Silvesternacht 2018/19 eintritt –; das Verfahren wird jedoch gemäß Expertenprognose zwei bis vier Jahre andauern, bevor mit einem Richterspruch gerechnet werden kann. Viel Zeit, in der der Wert des Fahrzeugs ständig weiter verfällt, wenn es zwischendurch nicht sowieso schon in der Schrottpresse gelandet ist. Sollte es in diesem Geduldsspiel nicht zu einem Generalvergleich kommen, wird den geschädigten Käufern nichts anderes übrig bleiben, als ihre Ansprüche in den Wind zu schreiben, oder nun doch den Weg der Individualklage zu beschreiten. Denn ein positives Urteil bedeutet bei der MFK nichts weiter als die generelle Aussage: Ja, VW hat getrickst. Das war’s aber auch schon. Wer sich mit dieser folgenfreien Erklärung nicht zufrieden gibt, muss auf eigene Faust aktiv werden. Die Chancengleichheit zwischen Konzern und Kunden, wie sie das US-Vorbild Class Action herbeiführt, wird bei der kleinen deutschen Sammelklagekopie mitnichten erreicht.

    Fahrverbote werden kommen

    Das erste Fahrverbot wurde in diesem Sommer in Hamburg erlassen, zusätzliche drohen ab 2019 ebenfalls in Berlin, Frankfurt, Stuttgart und einem Dutzend weiterer deutschen Großstädten. Davon betroffen sind nicht nur die Euro-4-, sondern ebenfalls die Euro-5-Diesel. Das Software-Update hat sich als nutzlos erwiesen, um auch nur annähernd in den Bereich der zulässigen Grenzwerte zu gelangen. Abhilfe schaffen kann – wenn überhaupt – einzig die Hardware-Nachrüstung, – z.B. in Form eines Katalysators –, die jedoch teuer ist.

    Da den Herstellern die Problematik des erhöhten Schadstoffausstoßes seit vielen Jahren bekannt ist, fragt man sich, weshalb die deutsche Automobilindustrie nicht schon zur Milleniumswende entsprechend geplant und umweltschonendere Motoren entwickelt hat. Eventuell aufgrund zu lang anhaltender Fehlanreize von Seiten der Politik?

    Kunden und Öffentlichkeit wird von den Produzenten von Anbeginn an ein Dieselmärchen erzählt. Die Motoren seien sauber, Emissionen unterhalb der Grenzwerte, Fahrverbote bloß ein Gerücht, dauerhaft billiger Sprit und lukrative Wiederverkaufswerte. Bis uns im Herbst 2015 die raue Wirklichkeit einholt: Emissionen weit höher, als von den Marketingabteilungen in die bunten Verkaufsbroschüren hineingeschrieben, die Kommunen planen zukünftig mit Diesel-freien Innenstädten, Zwangsstilllegungen drohen, die Preise der betroffenen Autos auf dem Gebrauchtwagenmarkt sinken dramatisch.

    Und die Hersteller? Statt eine Charmeoffensive zu starten, sich generös bei Rückgabe, Umtausch, Nachrüstung zu zeigen, feilschen um jeden Euro. Zwingen die Käufer in Individualprozesse, einigen sich in erster oder gar erst in zweiter Instanz. Halten so – vor dem Hintergrund von potenziell 2.5 Millionen geschädigten Dieselfahrern allein in Deutschland – zwar die Insgesamt-Schadenzahlung gering, erweisen sich jedoch als das, was ihnen die Kritiker immer schon vorwarfen: habgierig, halsstarrig, beratungsresistent und technologisch rückwärtsgewandt.

    Die deutsche Politik, im Würgegriff der Autolobby, schaut großenteils tatenlos zu und streut den geprellten Kunden mit einer zu Nullkommanichts verpflichtenden Musterfeststellungsklage, die zudem noch zum spätest möglichen Zeitpunkt eröffnet wird, weiter Sand in die Augen, indem man wider besseren Wissens den Eindruck erweckt, hier nun endlich was im Sinne der Verbraucher zu tun. Dem ist jedoch mitnichten so. Weiterhin gilt: Wer nicht selbst aktiv wird und individuell klagt, wird am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit leer ausgehen.

    Fazit

    Deutsches Dieselmärchen dauert an, und immer noch kein Happy End in Sicht.

  • Wir brauchen keine Zinsen

    Wir brauchen keine Zinsen

    Es gibt keine Zinsen mehr! Seit Jahren ist das Gejammer groß, und es nimmt zu, während die Zinsen abnehmen. Politiker schwingen sich zum Anwalt des „kleinen Sparers“ auf, der Geld für seine Altersvorsorge zurücklegen will, dafür aber keine Verzinsung mehr bekommt. Die Banken, ohnehin seit Jahren Lieblingsfeind von Politik und Medien, werden zum Hauptschuldigen für drohende Altersarmut erklärt.

    Sicher haben die Banken weltweit und immer wieder im Laufe der Jahrzehnte große Fehler gemacht und Probleme in der Weltwirtschaft verursacht. Ob ihr Scheitern alle paar Jahrzehnte tatsächlich und auf lange Sicht zum Systemrisiko und zu Wohlstandsverlusten führt, muss man sicherlich im Einzelfall analysieren, und das Urteil kann unterschiedlich ausfallen.

    Jedenfalls hat sich über die Jahrzehnte die Meinung ausgebreitet, dass das Geld, das man zur Bank schafft, sich irgendwie von selbst vermehren müsste. Vielleicht liegt genau darin das Problem. Denn der Versuch, Geld möglichst rasant zu mehr Geld zu machen, hat ja gerade zu den großen Finanz- und Bankenkrisen geführt.

    Geldaufbewahrungs-Institute

    Schaut man sich einmal genau an, warum wir unser Geld eigentlich „zur Bank schaffen“, dann sieht man, dass wir vor allem einen Grund haben: Es soll sicher aufbewahrt werden. Das gilt sowohl für den monatlichen Lohn als auch für das, was wir „für später sparen“ möchten. Niemand rennt gern mit viel Geld in der Tasche durch die Straßen. Ich muss nicht mal Angst vor Kriminellen und Räubern haben, es genügt, schon, meine eigene Schusseligkeit zu bedenken, um mir zu sagen, dass es nicht so toll ist, ständig eine Menge Bargeld mit mir herumzutragen. Besser, das Geld liegt bei der Bank, von meinem Arbeitgeber direkt dorthin überwiesen, und ich hole es mir da in kleinen überschaubaren Häppchen ab. Mit vielen, denen ich Geld schulde, komme ich sowieso nicht persönlich zusammen, denen überweise ich lieber etwas vom Konto, als dass ich ihnen Scheine und Münzen persönlich vorbeibringe.

    Genauso ist es aber auch mit dem Geld, das ich für eine große Anschaffung oder gar für den Lebensabend anspare. Das will ich auch nicht in Koffern zu Hause haben, weder in großen oder kleinen Scheinen, noch als Goldmünzen oder Silberbarren. Die Kosten für eine sichere Aufbewahrung, der Schutz gegen Einbruch, Brand und Naturkatastrophen, die im Laufe der Jahrzehnte eintreten könnten, sind viel zu hoch.

    Banken sind also Geldaufbewahrungs-Dienstleister. Sie sind auch Geld-Verteilungs-Dienstleister. In meinem Auftrag verteilen sie das Geld an die Leute, denen ich was schulde. Dabei entstehen Kosten, und die muss ich bezahlen.

    Wenn wir sonst jemanden bitten, etwas Wertvolles für uns aufzubewahren, kämen wir nicht im Traum darauf, dafür von ihm Geld zu verlangen, eher wäre es selbstverständlich, dass wir ihm dafür Geld geben. Besonders dann, wenn wir erwarten, dass der Wert der Sache nicht fällt. Stellen Sie sich vor, Sie stellen wertvolle Möbel bei jemandem unter. Sie sagen: „Du kannst sie auch benutzen, und dafür will ich eine „Benutzungsgebühr“. Aber pass auf, dass sie nicht verschleißen, nicht kaputt gehen. Ich will die Sachen in wenigstens dem gleichen Zustand zurück, wie ich sie dir gegeben habe. Am besten, du machst sogar noch was, damit sie noch wertvoller werden.“

    Klingt absurd, ist es auch. Aber wenn wir das Geld zur Bank schaffen, erwarten wir genau das.

    Und die Inflation?

    Aber brauchen wir nicht die Zinsen, damit wir die Inflation ausgleichen?

    Umgekehrt gefragt: Entsteht nicht die Inflation auch deshalb, weil Geld immer mehr „wert sein soll“? Weil alle meinen, das Geld müsse sich von selbst vermehren? Für die gleiche Arbeit wollen alle im Laufe der Zeit immer mehr Geld, weil ja alles immer teurer wird, was wieder daran liegt, dass alle ja immer mehr Geld wollen. Die Zinsidee ist dabei eine treibende Kraft. Man merkt es daran, dass derzeit, wo es keine Zinsen gibt, auch kaum Inflation auftritt.

    Sparen hat erst mal nichts mit Vermehren zu tun, und es wäre gut, wenn wir die Banken als bloße Finanzdienstleister betrachten, die wir beauftragen, Geld sicher aufzubewahren und zu verteilen. Dabei entstehen Kosten, und diese Kosten müssen wir bezahlen wie die von jedem anderen Dienstleister.

    Und wer möchte, dass sich das Geld vermehrt, das er hat, der sollte es denen geben, die es investieren um Gewinne zu machen. In Zeiten von Online-Banking kann jeder Aktionär werden. Klar, da gibt es ein Risiko, und selbstverständlich, da muss man sich mit den Unternehmen beschäftigen, in die man investiert. Auch dafür gibt es wieder Dienstleister, denen man das überlassen kann – wenn man will. Auch die wollen Geld dafür.