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	<title>2018-Archiv - Texte zur Sache</title>
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	<description>Meinung und Debatte, Rezensionen, Kunst, Sport, Politik und Gesellschaft</description>
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		<title>Zu viel Nivea, zu wenig Grasnarbe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 Jun 2018 17:30:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein blutleeres Team ist völlig zu Recht ausgeschieden, meint Kolumnist Henning Hirsch und fragt, "Was ist aus dem Löw'schen Mantra: Ich nehme nur die Besten mit", geworden?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/henning-hirsch-bei-hank-im-wohnzimmer/zu-viel-nivea-zu-wenig-grasnarbe/">Zu viel Nivea, zu wenig Grasnarbe</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ja ja, ich geb&#8217;s zu: Zuerst wollte ich als Überschrift <em>Niveatrainer hat fertig</em> wählen, weil das kurz und knackig klingt; fand die Headline dann aber doch eine Spur zu hart in Richtung <a href="https://www.sportschau.de/fifa-wm-2018/video/video-zwoelf-jahre-unter-joachim-loew---ein-rueckblick-100.html">Joachim Löw</a>. Denn er ist als Übungsleiter zwar der Hauptverantwortliche für den sportlichen Offenbarungseid des Ausscheidens in einer einfachen Vorrundengruppe, jedoch beileibe nicht der einzige, der sich und seinen Beitrag zur aktuellen Misere des deutschen Fußballs hinterfragen muss.</p>
<h2>Der Unsinn, dass Weltmeister immer früh ausscheiden</h2>
<p>»Amtierende Weltmeister fliegen doch immer sofort raus«, sagen Sie? »Ist Spanien und Italien auch schon passiert.«<br />
»Mag sein«, antworte ich. »Ist aber kein unumstößliches Naturgesetz.«<br />
1958 erreichte das deutsche Team immerhin das kleine Finale, 1978 die zweite Runde, 1994 das VF. Brasilien wiederholte 1962 seinen Triumph von 1958. Ein Kunststück, das Italien 1934 und 38 vorgemacht hatte. England boxte sich 1970 bis ins Viertelfinale durch, wo es unglücklich gegen das deutsche Team den Kürzeren zog. Die Liste der Gegenbeispiele ließe sich mühelos verlängern. Es existiert also keine Regel, die besagt, dass der amtierende Champion vier Jahre später gar nicht erst anzureisen braucht, weil er dann eh sang- und klanglos scheitern wird. Wenn auch 1962 das bisher letzte Mal war, in der die Titelverteidigung gelang, schafften es die Weltmeister von gestern doch zumeist bis in die Runde der Top 8.</p>
<p>Ein im heimischen Rasenballsport vergleichbares Desaster gab es bisher einzig bei Europameisterschaften: 2004 und 2000 jeweils Vorrundenaus. 2000 wurde aufgrund der spielerischen Defizite einiger Akteure gar der Begriff „Rumpelfußball“ erfunden. 1968 verpasste die deutsche Mannschaft die Quali für die EM, die damals allerdings noch nicht den heutigen Stellenwert besaß und als deutlich weniger prestigeträchtig als die große Schwester WM galt. Auf FIFA-Ebene spielten und kämpften sich deutsche Teams hingegen seit 1934 durchgehend zumindest bis in den Kreis der letzten 16.</p>
<h2>Wer nicht gut spielt, muss wenigstens leidenschaftlich kämpfen</h2>
<p>Das Verb „kämpfen“ bietet das Stichwort, um nun zu den augenscheinlichen Defiziten der <a href="https://www.dfb.de/die-mannschaft/team/">2018er-Mannschaft</a> zu gelangen: gekämpft hat da keiner. Was in Ordnung geht, wenn man so gut spielt, dass der mühselige Fight Mann gegen Mann dadurch überflüssig wird. Aber auch vom bom jogo brasilianischer Prägung waren Kroos &amp; Co. Lichtjahre entfernt. Elendes Hin- und Herpassen, ödes Kreuz- und Quergeschiebe bestimmten weite Teile der drei Matches. Die Partien wurden verwaltet statt gestaltet. Minimalismus gepaart mit Ideenlosigkeit, wo im Mittelfeld Kreativität und Risikofreude gefragt gewesen wären. Und hinten eine Abwehr, die an parallel geschaltete Schwarze Löcher erinnerte. »Für Mexiko, Schweden und Südkorea reicht das normalerweise, wenn man einen Masterplan hat«, meinen Sie? Nein, tut es nicht. Denn diese Teams, die alle drei sicher nicht der Liga der Fußballgroßmächte angehören, rennen bei globalen Turnieren um ihr Leben und verteidigen notfalls mit elf Mann im Strafraum, sprich: nehmen das Ganze ernst und erweisen der WM und ihren Fans den notwendigen Respekt. Verlieren kann man jederzeit. Davor ist keine Mannschaft gefeit. Es kommt aber immer darauf an, wie man verliert. Ob nach großem Kampf oder nach einer Ich-weiß-überhaupt-nicht-was-ich-hier-soll-Nummer. Als ich Jerome Boateng oben auf der Tribüne der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kasan">Kasan</a>-Arena entdeckte, wusste ich sofort: das wird heute nichts werden. Der Mann saß da als gelangweilter Tourist, schien nicht eine Sekunde mitzufiebern mit seinen unten planlos auf dem Rasen rumstolpernden Kollegen. War in Gedanken bereits in seinem nun halt früher beginnenden Urlaub. Einzelkämpfermentalität, wo unbedingter Teamgeist. notwendig gewesen wäre.</p>
<p>Wenn ich nun höre, dass einige Spieler aufgrund früherer Triumphe wohl zu satt gewesen seien, frage ich mich, weshalb der DFB mit seinen aberhundert Experten – allen voran der Bundestrainer – dieses Negativphänomen nicht früher erkannt und rechtzeitig vor Turnierbeginn gegengesteuert hat. Was war aus dem Löwschen Mantra „bei mir spielen bloß die Besten“ geworden? Neuer und Boateng beide monatelang verletzt, Özil bei Arsenal oft zweite Wahl, der Müller früherer Tage nicht wiederzuerkennen, der ewige Gomez. Warum wurden die aufgestellt? Aufgrund vergangener Meriten? Da war Löw mit Ballack und Frings strenger. Die sortierte er unbarmherzig aus. Angeblich, weil sie von Fitness und Athletik her für Großturniere nicht mehr taugten, und man sich von Erfahrung alleine nichts kaufen kann. Wenn man dieses Kriterium zugrundelegt, hätte Khedira nicht eine Minute auf dem Rasen stehen dürfen. Der spielte ja teilweise wie mit angezogener Handbremse, und ich rieb mir ungläubig die Augen, ob das live oder doch Zeitlupe war.</p>
<h2>Nutellabrötchen und Niveaschleim</h2>
<p>Von einigen wenigen Akteuren abgesehen grenzte die Vorrundenleistung an Spielverweigerung. Bei einem Club hätte man gesagt: das Team will den Coach loswerden. Aber in der NM herrscht ja ständig Friede, Freude, <a href="https://www.nutella.com/de/de">Nutella</a>brötchen. Alles wird von einer klebrigen <a href="https://www.nivea.de/?gclid=EAIaIQobChMI_Jfdx-L72wIVD1XTCh1ooQReEAAYASAAEgKNw_D_BwE">Nivea</a>schleimschicht überzogen, die jede Kritik als Vaterlandsverrat einstuft und unbeantwortet von sich abtropfen lässt. Unbequeme Charaktere werden gar nicht erst in den erlauchten Kreis der nationalen Elitekicker eingeladen mit der Konsequenz, dass wir ein am Reißbrett konzipiertes Spiel serviert bekommen. Die Akteure bloß noch Erfüllungsgehilfen der Laptop-Trainer. Wehe, wenn das theoretisch erdachte System plötzlich versagt. Dann steht ein komplettes Team orientierungslos auf dem Rasen und findet sich ohne Navi dort nicht mehr zurecht. Es wird auch keiner mehr laut und treibt die anderen zu Höchstleistung an. Läuft im Moment nicht so gut? Okay, kann man halt nicht ändern. Schulterzucken, sich in sein Schicksal fügen, abhaken und die eigenen Knochen für die in ein paar Wochen startende Bundesliga schonen. Zweckrational? Ja! Aber für den Fan GRUSELIG anzuschauen. Und für die nicht optimale Kaderauswahl, die mangelnde Motivation sowie die teils vogelwild zusammengewürfelte Startaufstellung und die nicht fruchtenden Einwechslungen ist nun mal der Trainer verantwortlich. Das kann man nicht mit dem Hinweis auf das ähnliche Schicksal anderer Teams relativieren. Zumal Deutschland der einzige Hochkaräter ist, der die Vorrunde nicht überstanden hat.</p>
<h2>Verabschiede dich, wenn du es noch selbst in der Hand hast</h2>
<p>Während die Regel vom stets früh scheiternden Weltmeister offenkundiger Unsinn ist, gibt es jedoch eine zweite Gesetzmäßigkeit, die ins Auge springt – nämlich die der nachlassenden Motivationskünste von Übungsleitern, die den Zenit ihrer Schaffenskraft überschritten haben. Dem ewigen Herberger gelang nach dem 54er-Überraschungscoup kaum noch was Gescheites, weshalb er zehn Jahre später endlich von Helmut Schön beerbt wurde. Unter ihm erlebte der deutsche Fußball seine erfolgreichste Dekade, bevor 1978 ein ähnlich uninspiriertes Team wie die Versager von Kasan in der zweiten (!) Runde der WM vorzeitig die Rückreise antreten musste, und der Mann mit der Mütze seinen Hut nahm. Franz Beckenbauer war da schlauer und trat freiwillig unmittelbar nach dem 1990er Triumph zurück. Keine Ahnung, welcher missionarische Eifer Joachim Löw dazu trieb, mit dem DFB einen Endlosvertrag bis ins hohe Rentenalter zu unterzeichnen. Nach 2014 ging es auf jeden Fall mit dem deutschen Fußball nicht mehr voran, spielerische und taktische Defizite waren bereits bei der EM in Frankreich klar zu erkennen. Statt die Schwachstellen auszumerzen, das Team konsequent zu verjüngen und nicht-stromlinienförmige Spieler (Leroy Sané, Sandro Wagner) mitzunehmen, brach man lieber mit Altbewährtem zur Titelverteidigung auf und erlebte am vergangenen Mittwoch am Ufer der Wolga konsequenterweise das rasche Ende der Mission impossible. Und da es alle geahnt zu haben schienen, regte sich im Nachgang auch niemand großartig darüber auf. Betriebsunfall. Passiert eben hin und wieder. So what?</p>
<p>Ob ich mich darüber aufgeregt habe? Nein. Es war schlimmer: mir war’s nahezu egal. Als alte Unke hatte ich es nach den verkorksten Testspielen kommen gesehen und die Mannschaft von vornherein für maximal VF-tauglich eingestuft. Nun waren sie halt schon in der Vorrunde ausgeschieden. Okay, aber warum soll ich als Fan mich über was ärgern, was den Großteil der Spieler anscheinend nicht großartig kratzt?</p>
<h2>Kommerzialisierung vergrault die Fans</h2>
<p>Um weiteres Unheil zu vermeiden, rate ich dazu, Herrn Löw in Würden zu verabschieden (er kann sich dann ja endlich mal an einer Clubmannschaft versuchen) und Herrn Bierhoff gleich mit dazu. Die vom Zweitgenannten ständig vorangetriebene Kommerzialisierung der Marke NM geht mir derart auf die Nüsse: sehe bloß noch Nutella, Nivea, <a href="https://www.bitburger.de/">Bitburger</a>, Coca-Cola, Nudelsoßen, Visacard etc. etc. Sponsoren, wohin das Auge blickt. Jeder Quadratzentimeter Bande, Trikot und demnächst vermutlich auch Spielerhaut wird an den Meistbietenden verkauft bei gleichzeitigem Gefeilsche um jede Millisekunde der TV-Übertragungsrechte. Komplette Kommerzialisierung eines einstmaligen Arbeiter-Freizeitvergnügens. Wenn ich im Zusammenhang mit Fußball den Begriff Event höre, schüttelt es mich.</p>
<p>Die Nationalmannschaft benötigt nicht nur dringend einen neuen Trainer, sondern ebenfalls einen Paradigmenwechsel. Weg vom geklonten Querpass-hin-und-her-Schieber, <a href="https://texte-zur-sache.de/2018/06/16/als-es-noch-staendig-muellerte/">hin zum Ich-krempel-die-Ärmel-hoch-Individualisten</a>, weg von Laptop-und-ich-halte-beim-Reden-die-Hand-vor-den-Mund-Coaches, hin zu Typen mit moderner Spielauffassung, die aber gleichzeitig berücksichtigen, dass es sich beim Fußball um eine schweißtreibende Sache handelt, bei der man hin und wieder auch Kontakt mit der Grasnarbe aufnehmen muss. Weniger Schablone und mehr Siegeswille täten dem deutschen Fußball dringend Not. Und vor allem: weg von der irrigen Idee, ein Spieler sei eine Marke, deren Wert man ständig maximieren muss. Nein, ist er nicht! Er ist ein Mensch, der gekonnt mit dem Ball umgeht und sich deshalb auf das konzentrieren sollte, was er kann: gut und mit Leidenschaft kicken. Die Fans werden es ihm danken.</p>
<p>Und nun freue ich mich auf (hoffentlich) spannende KO-Partien. Denn der wahre Fan schaut die WM auch dann weiter, wenn das eigene Team (leider) schon ausgeschieden ist.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/henning-hirsch-bei-hank-im-wohnzimmer/zu-viel-nivea-zu-wenig-grasnarbe/">Zu viel Nivea, zu wenig Grasnarbe</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Jahresendkolumne</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Dec 2017 18:55:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Henning Hirsch klappt den Deckel des alten Facebookjahres zu, zitiert aus dem Evangelium nach Poschardt und wird an Silvester eine Rakete steigen lassen </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/henning-hirsch-bei-hank-im-wohnzimmer/jahresendkolumne/">Jahresendkolumne</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Viele hassen das Neue auf der Welt nur, weil sie schon mit dem Alten nicht wirklich zurecht gekommen sind<br />
<a href="https://www.aphorismen.de/suche?f_autor=8149_Andreas+Bechstein">© Andreas Bechstein</a></p></blockquote>
<p>Kaum ist die letzte Feiertagsmarzipankugel verdaut und die Toilette runtergespült worden, geht es in Facebook sofort wieder rund. Die Deutschen wollen gemäß topaktueller repräsentativer Weihnachtsumfrage Merkel nicht mehr sehen, lese ich am 27sten. Prompt gibt FDP-Kubicki ein Interview, in dem er behauptet, nicht die Liberalen hätten dem Land das Scheitern von Jamaika beschert, sondern alleine die Kanzlerin trüge Verantwortung dafür, dass Dreierkoalitionen nicht zustandekommen, weil sie von vornherein der Sache keine Chance gab.  Die Grünen möchte er zwar weiterhin nicht mit an Bord haben; dafür kann er sich jedoch eine schwarz-gelbe Regierung unter Spahn durchaus vorstellen. Nach Neuwahlen sowieso, und falls es keine Neuwahlen gibt vielleicht auch. Hauptsache, Merkel ist weg. Die SPD streitet intern, ob Groko oder Koko oder gar nichts. Es wird wohl auf Groko mit vorprogrammiertem Zwei-Jahre-Time-Out hinauslaufen, denn Koko klingt stark wie Kokolores und gar nichts wäre am Ende von Sondierungen auch nicht gut. Die CSU pendelt zwischen Seehofer-Renaissance und Söderismus und buhlt mit den Liberalen um den Platz rechts von der CDU, aber noch haarscharf links neben der AfD. Die Grünen suchen dringend nach einem zündenden Thema, mit dem sie die kommenden vier Jahre auf der harten Oppositionsbank punkten können. Die Linken müssen sich irgendwann entscheiden, ob sie Wagenknecht auf deren Marsch in den nationalen Sozialismus oder Ramelows mehrheitsfähigem Kurs folgen wollen. Und die Hellblauen: was soll man zu dieser Truppe groß schreiben, ohne als Kolumnist Gefahr zu laufen, in Facebook für dreißig Tage gesperrt zu werden? 92 Abgeordnete im Bundestag bar jeder Zukunftsidee, die darauf hoffen, irgendwann als Zünglein an der Waage für die Regierungsbildung benötigt und hofiert zu werden.</p>
<p>Flüchtlinge sind sowieso immer zu viele, völlig gleichgültig welche Zahl als Obergrenze angesetzt wird. Familiennachzug auf keinen Fall, obwohl alle Experten sagen, dass man sich mit Familie schneller und besser integriert als ohne. Egal, was interessieren schon die Meinungen von Fachleuten? Alle Routen schließen, und die EU soll Orban Geld für dessen Mauerbau überweisen. „Macht’s wie die Österreicher“, lese ich in vielen Threads, „junge Kanzler braucht das Land“. Was Kurz im Verein mit der FPÖ an Raubbau am Sozialsystem plant: wer will das so genau wissen? Hauptsache jung und unverbraucht und schneidig. Einige freuen sich schon auf die Silvesternacht in Köln und hoffen, dass es dann auf der Domplatte wieder hoch hergehen wird. Um im Anschluss mit dem Finger auf die Oberbürgermeisterin – das ist die Dame, die Fairness-Armbänder verteilen lässt – und die Kanzlerin, denn die ist sowieso immer Schuld, zeigen zu können. Merkel ist derweil zum Wintersport nach Südtirol aufgebrochen und denkt beim Rutschen auf Langlaufskiern darüber nach, wer in der Zeit ihrer Abwesenheit aus den Reihen der CDU am cleversten an ihrem Thron sägen wird. Spahn vermutlich nicht; denn dessen Streben ist zu offensichtlich. Eher eine der bisher ruhigen und unauffälligen Damen aus der zweiten Reihe der Union. Auch nach Weihnachten also alles wie gehabt in Berlin und in den sozialen Netzwerken. Die Hass- und Gemeinheitsposts kennen keine Pause. Die Botschaft, der Untergang ist nah, muss unablässig unters Volk gestreut werden. Wo sind Moral und Humanismus geblieben, fragen Sie. Die haben in nationalstaatsorientierter Politik nichts zu suchen, wurde ich unlängst von einem Liberalen belehrt. Das ist was für Romantiker und die Kirche. Aha, antwortete ich. Da hat jemand den Erasmus beiseitegelegt und durch den Machiavelli ersetzt.</p>
<h2>Ulfs Evangelium</h2>
<p>Apropos Kirche: Ein besonderes Highlight an Weihnachten war das Gezwitscher eines Herrn Poschardt. Der tweetete im Anschluss an seinen Heiligabend-Gottesdienstbesuch folgende Botschaft an die Follower:</p>
<blockquote><p>Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den <a href="https://twitter.com/hashtag/Jusos?src=hash" data-query-source="hashtag_click" data-scribe="element:hashtag">#Jusos</a> bzw. der Grünen Jugend verbracht?</p></blockquote>
<p>Ups, denke ich. Das erinnert mich an meinen Vater. Der ärgerte sich in den 70er und 80er Jahren derart über die Predigten der linken Pastoren, dass er beschloss, die Gottesdienste nur noch an Weihnachten, zu Hochzeiten und anlässlich von Taufen und Konfirmationen zu besuchen. Auch dann konnte er sich im Anschluss oft über das in der Kirche gesprochene Wort aufregen; aber er tat das einzig im Umfeld der Familie und trompetete seine Fundamentalkritik nicht ungefiltert in die sozialen Netzwerke hinein. Wäre Herr Poschardt ein x-beliebiger Twitter- und Facebook-Nutzer: geschenkt! Ich stolpere dort täglich über hunderte von idiotischen Posts. Aber der Chefredakteur einer renommierten deutschen Tageszeitung veröffentlicht so einen Text, und dann noch 24sten Dezember? Was hatte er vermutet, worüber der Pfarrer anlässlich der Geburt unseres Erlösers reden wird: die Notwendigkeit der schwarzen Null im Bundeshaushalt, die Rückabwicklung der EU zur EWG, die Vorteile von TTIP und CETA? Verwechselte er eventuell die Heilig-Abend-Predigt mit dem Neujahrsempfang im Wirtschaftsministerium?</p>
<p>Da die Netzgemeinde überaus kreativ sein kann, entstand im Anschluss binnen weniger Stunden das <a href="https://www.spiegel.de/panorama/ulf-poschardt-evangelium-hier-ist-die-predigt-ueber-die-alle-streiten-a-00000000-0003-0001-0000-000001975527">Evangelium nach Ulf Poschardt</a>, aus dem ich hier sehr gerne ein paar Passagen zitiere:</p>
<blockquote><p>Und Jesus traf auf die Alten, die in den Scheunen hausten, und sprach: &#8222;Hättet ihr euch mal Eigentum angeschafft!&#8220;</p>
<p>Denn dein sei die steueroptimierte immobilienfinanzierung und führe uns nicht in den Sozialen Wohnungsbau denn auch wir streben nach Gewinnmaximierung.</p>
<p>Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin und behalte alles, was du hast, und gib bloß nichts den Armen! Nur so wirst du einen Schatz haben, den du vererben kannst; und komm und folge mir nach.</p>
<p>Es waren etwa fünftausend Männer. Dann nahm Jesus die Brote, teilte sie in kleine Stückchen und wurde durch den Verkauf sehr reich, denn die Nachfrage war groß und das Angebot klein; ebenso machte er es mit den Fischen.</p>
<p>Und Jesus kam in das Haus des Petrus und sah dessen Schwiegermutter am Fieber krank darniederliegen. Da ergriff er ihre Hand und sprach „Warum hast Du nicht privat vorgesorgt?</p>
<p>Und Jesus sagte zu seinen Jüngern: Gebt den Armen nichts, denn das sind nur Fehlanreize, die dazu führen, dass sie selbst nicht wirtschaftlich tätig werden. Sorgt lieber für Deregulierung – und euch ist das Wirtschaftswachstum.</p>
<p>Und wer einem dieser Geringen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, der betreibt Wettbewerbsverzerrung.</p>
<p>Dieses und noch viel mehr unter dem Hashtag: #PoschardtEvangelium.</p></blockquote>
<p>Nicht lustig, sagen Sie? Also ich finde es echt witzig und behaupte schon seit Jahren, dass für die Neoliberalen die seriöse Bibelexegese erst mit Calvin begann, bevor Hayek in die Rolle des neuen Messias schlüpfte.</p>
<h2>Mehr Silvesteroptimismus!</h2>
<p>Na ja, noch drei Tage, dann ist 2017 eh vorbei, und wir können uns mit 2018 beschäftigen. Über die Hälfte der Deutschen blickt sorgenvoll ins Neue Jahr, lese ich irgendwo zwischen Schneerekord in Pennsylvania und Hongkong plant virtuelle Bestattungen. Nix Neues, geht es mir durch den Kopf. Wann war der Großteil der Deutschen schon mal positiv gestimmt? Irgendwas läuft immer schief <a href="https://texte-zur-sache.de/2023/03/20/fussnoten-eines-jammernden-boomers/">und was zum Meckern findet man auch an jeder Ecke</a>. Ich persönlich rege mich beispielsweise darüber auf, dass ich seit Wochen so viele stark übergewichtige Menschen im Supermarkt sehe, deren Hauptlebenszweck darin zu bestehen scheint, sich mit Gänsekeulen, Preiswert-Champagner und belgischem Konfekt einzudecken. Ich fantasiere davon, Sport und Ernährungskunde als tägliche Pflichtfächer an allen Schulen zu etablieren und Betriebssportgruppen mit öffentlichen Geldern zu fördern. Wenn wir das nicht schleunigst tun, wird dick das neue Orange werden.</p>
<p>Aber das macht mich noch nicht automatisch zum Jahreswechselpessimisten. Ganz im Gegenteil erwarte ich von jedem neuen Jahr, dass es besser wird als das vorangegangene. Falls ich das nicht tue, kann ich mich ja gleich erschießen. Das deutsche Dauerlamento über eventuell sinkende Realeinkommen, die zu langen Wartezeiten für Kassenpatienten beim Hausarzt, die Langeweile in der Bundesliga wegen der Bayern und nun die in Kürze bevorstehende Islamisierung bei gleichzeitig gesetzlich verpflichtender Vollverschleierung unserer Frauen ist mir immer schon übel aufgestoßen. Muss ja jetzt nicht jeder gleich in Jubelstürme ausbrechen, weil 2018 vor der Tür steht. Aber nun schon wieder sorgenvoll in die Zukunft blicken, falls vielleicht der Dieselmotor ab 2040 verboten und die Bürgerversicherung 2050 eingeführt wird? Und gleichzeitig den Syrern empfehlen, in ihr zerbombtes Land zurückzukehren, da sie dort dringend beim Wiederaufbau unter dem Tyrannen Assad gebraucht werden. Oh weh!</p>
<p>Mein Vater war übrigens ein notorischer Silvesteroptimist, und meine zwei Großmütter, die beide Weltkriege miterlebt hatten, konnten dem bundesdeutschen Gejammer nie was abgewinnen. Die lehrten mich folgenden Satz: „Wer wirkliche Sorgen hat, geht still und leise zum Arzt, Therapeuten oder zur Schuldnerberatung; er jammert darüber aber nicht laut in der Öffentlichkeit wie ein altes Waschweib.“</p>
<p>Gemäß dem Kölner Motto, <em>Et hätt noch emmer joot jejange</em>, werde ich deshalb am 31sten Punkt Mitternacht eine Rakete (ja ja, ich weiß, dass die Feinstaub verursacht und sensible Haustiere davon um den Schlaf gebracht werden) gen Sternenhimmel aufsteigen lassen und mich auf 2018 freuen. Und wünsche allen Abonnenten unserer Kolumnen, dass sie – ob mit oder ohne Feuerwerk, nüchtern oder leicht angeschackert – ebenfalls gut und positiv gestimmt hinüberkommen.</p>
<p>In diesem Sinne: wir lesen uns wieder im Neuen Jahr!</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/henning-hirsch-bei-hank-im-wohnzimmer/jahresendkolumne/">Jahresendkolumne</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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