Schlagwort: Alkoholismus

  • Tod eines Prokuristen

    Tod eines Prokuristen

    Klaus war tot; so was von tot. Daran bestand nicht der leiseste Zweifel. In diesem Moment, als er leblos am unteren Ende der steilen Kellertreppe auf dem Rücken lag, war mein neuer Freund nicht schön anzuschauen: irre nach oben verdrehte Augen, Blutfäden rannen aus seinen Mundwinkeln und tropften vom Kinn auf den lackierten Betonboden. Die Lippen schimmerten in einem ungesunden Dunkelrot, ähnlich einem Vampir. Die hintere Schädeldecke schien mir eingedrückt zu sein. Puls konnte ich weder an seinem Handgelenk noch am Hals spüren; atmen tat Klaus ebenfalls nicht mehr. Ich stand zu dieser späten Abendstunde vor einer Leiche. Zehntagebart, fettige und verfilzte Haare, vollgepisste Jeans, bis zum Bauchnabel aufgeknöpftes Hemd, zerrissene Socken. Er stank nach Urin, kaltem Schweiß und Schnaps. Neben dem schmerzverzerrten Gesicht hockte Bianca, seine geliebte Terrierdame und leckte ihm zärtlich über die Stirn. Und dieser Mann hat noch vor einem Monat in Anzug und Krawatte Kunden in der Sparkasse beraten? Unglaublich, überlegte ich, bevor von oben die weinerliche Stimme Hedwigs erschallte: »Lebt er ? Henning, sag doch was. Bitte!«

    Als Prokurist natürlich ne Chefarztbehandlung

    Ich kannte Klaus aus der Klinik. Offene Station. Als Privatpatient blieb ihm der Umweg über die geschlossene Abteilung, den ich oft einschlagen musste, erspart. Chefarztbehandlung, Einzelunterbringung, alles vom Feinsten für Klaus, während ich mich mit schnarchenden und schlafwandelnden Mitpatienten im Dreierzimmer rumärgern durfte. Sogar eine reingeschmuggelte Wodkapulle unter dem Kopfkissen verziehen ihm die Pfleger. Jemanden wie mich hätten sie bereits beim laut geäußerten Gedanken nach einer Dose Bier hochkant rausgeworfen. Wenn Klaus eingeliefert wurde, sah er arg zerrupft und verwirrt aus. Mitunter dauerte es bei ihm zweiundsiebzig Stunden, bis man ihn ansprechen und von ihm eine halbwegs vernünftige Antwort erhalten konnte. Was mich vermuten ließ, dass er seine Exzesse über Wochen und uferlos betrieb. Erfahrene Alkoholiker wussten zumeist, wann das Ende der Fahnenstange erreicht war, und es Zeit für den nächsten Entzug wurde. Bei Klaus – obwohl länger als ich im Geschäft – hatte sich diese Erkenntnis bisher nicht durchgesetzt. »Er ist tot. Nichts mehr zu machen«, rief ich die Kellertreppe hinauf und erhielt als Antwort einen markerschütternden Schrei: »NEIN!!!« Ich ging nach oben und entdeckte auf dem Flur die in sich zusammengesunkene Hedwig. »Ich bin schuld. Ich habe Klaus umgebracht«, wimmerte sie. »Wie kommst du denn auf diese blöde Idee?«, fragte ich. »Warum habe ich ihn nicht früher in die Klinik gefahren?« »Weil er sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat», sagte ich und zuckte mit den Schultern.

    Klaus hatte vor einem Monat aus heiterem Himmel wieder mit dem Trinken begonnen. Anfangs heimlich und in kleiner Dosierung; Hedwig, die nachts das Ehebett mit ihm teilte, bemerkte es dennoch, weil er trotz Pfefferminzpastillen nach Wodka roch. Er leugnete, bagatellisierte, erklärte, dass er alles im Griff habe, und sie sich unnötigerweise Sorgen machen würde. Nach sieben Tagen war Klaus nicht mehr in der Lage, aufzustehen und blieb morgens schlapp und mit glasigen Augen auf dem Sofa liegen. Dann wählte Hedwig endlich meine Nummer: »Henning, komm bitte sofort vorbei. Klaus hat einen Rückfall erlitten.« »Schlimm?«, erkundigte ich mich. »Sehr schlimm«, kam es schluchzend zurück. »Bin schon auf dem Weg.« Ich stieg ins Auto und machte mich auf den Weg zu Hedwig, die am anderen Ende der Stadt in einem Bungalow wohnte, den sie von ihren Eltern geerbt hatte. Auf der Fahrt, die bei grüner Welle knapp dreißig Minuten dauerte, ließ ich meine Freundschaft mit Klaus vor meinem inneren Auge Revue passieren.

    Wir waren uns in der Klinik anfangs aus dem Weg gegangen. Zu unterschiedlich erschienen unsere Erscheinungsbilder, als dass wir Lust verspürt hätten, näher in Kontakt zu treten. Als Späthippie, der auch in nüchternem Zustand zerschlissene Jeans trug, stand ich dem versoffenen Prokuristen einer Bausparkasse, der sich nach einer Woche von seiner Frau gebügelte Oberhemden und Anzug in die Station bringen ließ, skeptisch gegenüber. Erst Dante, ein Rotwein saufender Antiquitätenhändler, den ich von früher her kannte, brach eines abends das Eis. »Henning, darf ich dich mit Klaus bekannt machen.« Er klopfte mit der Hand auf den leeren Stuhl neben sich. »Ich weiß, wer Klaus ist. Er fährt ja oft genug in die Klinik ein«, gab ich zögerlich zurück und setzte mich, denn ich wollte den alten Chianti-Liebhaber nicht vor den Kopf stoßen. »Wie wir alle«, lachte er und legte seinen Arm um meine Schulter.

    Klaus Hobbys = kochen und trinken

    Dante mochte ich gerne, denn mit ihm konnte ich mich stundenlang über Literatur und Kino unterhalten. Trotz der jahrzehntelangen Sauferei hatte er sein phänomenales Gedächtnis bewahrt und rasselte im Minutentakt Textstellen aus den Romanen von Joseph Roth und Charles Bukowski herunter. Zudem jammerte er nicht und besaß ein frohes Wesen, obwohl er seit einigen Wochen wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium. Er zechte trotzdem – oder gerade deswegen – munter weiter und ließ sich die gute Laune nicht verderben. Wohl aus dem Grunde, dass er sein nahendes Ende nicht dramatisieren wollte, zitierte er oft eine Textstelle aus der Legende vom heiligen Trinker: »Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!« Diesen nonchalanten Charakterzug schätzte ich sehr an ihm.

    Klaus hatte als Vorort-Bankier keine Ahnung von Belletristik und Musik; verfügte allerdings über trockenen Humor und einen klaren Blick aufs Leben. Zudem zeigte er sich hilfsbereit, wenn armen Mitpatienten das Geld ausging oder sie Hemden und Hosen zum Wechseln ihrer dreckigen Klamotten benötigten. Im Laufe der Tage wurden wir besser miteinander bekannt und freundeten uns allmählich an. Draußen in Freiheit gingen wir hin und wieder zusammen einen Kaffee trinken, er empfahl mir in einer vertrackten Erbschaftsangelegenheit einen guten Anwalt und lud mich mehrmals zu sich zum Essen ein. Dann stand Klaus am Herd, denn kochen konnte er besser als Hedwig. Man sah ihm dieses Hobby auch an: fünfundachtzig Kilo verteilt auf Ein-Meter-Vierundsiebzig ließen ihn untersetzt, geradezu pummelig erscheinen. Für einen Mittfünfziger wirkte er bereits greisenhaft, was unter anderem auf seine schlecht angepassten künstlichen Zähne zurückzuführen war, die seiner Mundpartie einen eingefallenen Eindruck verliehen. Das schüttere blonde Haar akkurat von links nach rechts gekämmt, um die offenen Stellen auf seinem Kopf zu verdecken. Große Ohren und wässrig blaue Augen gaben seinem Gesicht einen schelmischen Ausdruck; wenngleich ich mir unsicher war, ob ich mir von solch einem Typen einen Bausparvertrag andrehen lassen wollte.
    ***

    »Was sollen wir jetzt machen, Henning?« »Kurz nachdenken und auf Polizei und Notarzt warten. Wobei die auch nur noch den Tod feststellen können.« »Was habe ich bloß getan?« Tränen rannen ihr über die Wangen. »Säufer sind für ihr Schicksal selbst verantwortlich«, gab ich zu bedenken. Klaus hatte sich halt bis zum Schluss uneinsichtig gezeigt. Trotz des Bettelns von Hedwig, vernünftig zu sein und sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. Mein Mitleid hielt sich deshalb in engen Grenzen.
    ***

    Klaus gehörte zu den wenigen, die täglich Besuch in der Station erhielten. Zwar einzig von seiner Frau, aber immerhin. Die meisten von uns hatten sich damit abgefunden, die Entzüge mutterseelenalleine durchzuziehen. Verwandte und Freunde hatten sich spätestens nach der zehnten Entgiftung abgewandt. Manche gewöhnten sich im Laufe der Zeit an ihr Dasein als Eremit, genossen es sogar; andere hingegen kamen mit der Einsamkeit überhaupt nicht zurecht und fühlten sich mies, wenn sie Klaus und sein Eheglück beobachten mussten. Auch Dante wurde zweimal am Tag von seiner Lebenspartnerin mit frischen Lebensmitteln beliefert, da er als Gourmet den Klinikfraß kategorisch ablehnte. Allerdings schimpfte sie oft mit ihm und schalt ihn vor uns allen einen üblen Trunkenbold, weshalb mir diese Szene glaubwürdiger erschien als das Händchenhalten und Wispern von Klaus und Hedwig. »Was ist das für eine Beziehung, die du führst?«, hatte ich mich an einem verregneten Abend im vergangenen November bei ihm erkundigt. »Sehr harmonisch. Wir lieben uns.« »Trinkt deine Frau?« »Keinen Tropfen.« Klaus schüttelte verneinend den Kopf. »Und erträgt stoisch deine vielen Rückfälle? Das macht doch niemand auf Dauer mit. Es sei denn, sie hat einen an der Klatsche.« Im Moment, als ich den Satz aussprach, tat er mir schon wieder leid. Ich wollte Klaus und seine Frau nicht beleidigen. »Wir würden füreinander sterben.« Er strahlte mich auf eine Art an, die mich für einige Sekunden an seinem Geisteszustand zweifeln ließ. »Natürlich. Das ist des Rätsels Lösung.« Ich stand auf, um mir im Essensraum einen Hagebuttentee zu organisieren. Für heute hatte ich genug mit Klaus geplaudert. Übertriebene Love Stories waren noch nie meins gewesen.
    ***

    Ein Rückfall jagt den nächsten

    »Und wenn die Polizei fragt, wie es passiert ist?« In Hedwigs Augen entdeckte ich Angst. Leicht panisch rüttelte sie an meinen Schultern. »Dann sagen wir ihr die Wahrheit.« »Wirklich?« »Lass mich am Anfang reden. Es wird alles gut werden. Vertrau mir.«

    Als ich vor vierzehn Tagen das erste Mal bei Klaus nach dem Rechten sah, fläzte der sich volltrunken auf der Wohnzimmercouch. Hedwig stand daneben und betrachtete ihn stumm. »Pack deine Sachen. Ich bringe dich in die Klinik«, sagte ich. »Nein«, erwiderte er mit schwerer Stimme. »Warum nicht? Du bist sternhagelvoll und musst entgiften.« »Ich habe alles unter Kontrolle.« »Einen Scheißdreck hast du. Steh jetzt auf und komm mit!« »Nein!« Ich blickte Hedwig an; die meinte: »Immer dasselbe Trauerspiel mit ihm. Er ist nicht einsichtig. Ich habe bereits den Hausarzt informiert.« »Dann warte ich eben auf den. Habe heute keine Eile.« Ich setzte mich zu ihr in die Küche und trank eine Tasse Cappuccino aus ihrer neuen, sündhaft teuren Kaffeemaschine.

    Der Arzt, ein älterer Herr mit grauem Bart, traf nach einer Viertelstunde ein, taxierte eine Minute lang schweigend den hochalkoholisierten Klaus und beugte sich dann zu ihm runter. Im Schlepptau hatte er eine bildhübsche Helferin mitgebracht, die eifrig Notizen anfertigte, während er auf den Patienten wie ein kleines Kind einredete. Es half nichts. Klaus ließ sich nicht erweichen und blieb stur auf dem Sofa liegen. »Würden Sie freiwillig mitkommen, wenn ich den Rettungswagen rufe?« »Nein!« »Nun gut. Sie zwingen mich also, härtere Bandagen anzulegen. Dann wird die Polizei direkt mit alarmiert. Denn nur die darf Sie gegen Ihren Willen anfassen.« »Mir völlig egal.« Klaus hatte den Ernst seiner Lage anscheinend nicht verstanden. Kein Wunder, wenn ich auf die vielen leeren Wodkaflaschen auf dem Fußboden schaute. Als die Beamten anrückten, erkundigten sie sich freundlich bei meinem Bekannten, ob er widerstandslos in den Krankenwagen steigen würde. Als er ihre Frage mehrmals verneinte und ebenfalls auf das Flehen seiner Frau nicht reagierte, streiften die Polizisten Handschuhe über und zerrten ihn von der Couch. Klaus, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, begann sich zu wehren und schlug wild um sich. Daraufhin warfen ihn die Schutzleute auf den Teppich, verschränkten seine Arme hinter dem Rücken und legten ihm Handschellen an. Laut fluchend und zappelnd wurde Klaus aus dem Haus eskortiert. Auf dem Bürgersteig hatten sich bereits ein paar neugierige Nachbarn versammelt. »Was bist du für ein blöder Idiot«, zischte ich. Hedwig blieb im Wohnzimmer und zog die Vorhänge zu. Ihr war die Szene peinlich.

    »Was soll ich bloß unternehmen, Henning?«, fragte sie mich zehn Minuten später, als sich der Spuk aufgelöst hatte. »Keine Ahnung. Ihr liebt euch doch. Also musst du diese Kröte wahrscheinlich schlucken.« »Nein, ich liebe dieses egoistische Arschloch schon seit vielen Jahren nicht mehr«, schrie sie nahezu hysterisch. »Warum seid ihr dann immer noch zusammen?« »Weil wir nicht voneinander loskommen.« Hedwig sprang vom Stuhl auf, knallte die Tür zu und lief in den Nachbarraum, wo ich sie hemmungslos schluchzen hörte. »Morgen wechsele ich die Schlösser aus und sage ihm, er soll sich eine eigene Bude suchen. Mir reicht es ein für allemal«, redete sie laut. Vermutlich telefonierte sie mit einer Freundin. Nachdenklich zündete ich mir eine Zigarette an, ging zu meinem klapprigen Golf 2 und fuhr langsam zurück nach Hause.

    Die schwerst co-abhängige Ehefrau

    Es handelte sich also um Co-Abhängigkeit. Dass ich nicht sofort auf diesen Gedanken gekommen war. Ich kannte dieses Phänomen bisher einzig von Paaren, bei denen beide soffen. Von einem Kranken und einer Gesunden hatte ich das jedoch bis heute nicht erfahren. Auf welche Weise setzte Klaus seine Frau derart unter Druck, dass die sich nicht traute, die Scheidung einzureichen; ihn zumindest aus dem Haus rauszuwerfen? Meine Ex-Freundinnen hatten mich jedes Mal nach dem ersten Absturz vor die Tür gesetzt oder mir eine zweizeilige SMS geschickt, dass sie auf das Zusammensein mit einem Alkoholiker keine Lust verspürten. Dafür sei ihnen ihr Leben zu schade. So weh mir das im Einzelfall auch tat: verstehen konnte ich sie. Deshalb zog ich es seit drei Jahren vor, alleine zu bleiben. Anfangs etwas schwierig, nach einigen Wochen gewöhnte ich mich daran. Reine Kopfsache.

    Klaus war seit zehn Jahren impotent. Angeblich wegen einer irreparablen Verkrümmung des Urogenitaltrakts. Hatte er mir beim letzten Mal in der Klinik unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt. Da Dante mir die Story bereits berichtet hatte, konnte die Sache nicht ganz so vertraulich sein, wie Klaus mich glauben machen wollte. Dante meinte dazu, dass Klaus deswegen keinen mehr hochkriegen würde, weil er zu viel gesoffen hätte. Ihm und vielen anderen ginge es genauso. Mir lief es heiß und kalt den Rücken runter. Auch bei mir stellte ich seit einiger Zeit einen drastischen Rückgang meines Verlangens nach Sex fest. Hatte mir jedoch über die Ursachen bisher keine großen Gedanken gemacht. Sobald ich hier raus bin, verbringe ich eine Nacht im Puff und teste meine Funktionsfähigkeit, nahm ich mir vor. Erektionsschwäche hätte mir zu all meinen Geld- und Beziehungsproblemen gerade noch gefehlt. Ist ein guter Grund, um endgültig einen Schlussstrich unter die Scheißtrinkerei zu ziehen, überlegte ich grimmig.

    Und trotzdem blieb Hedwig bei ihm. Weshalb? Es gelang mir beim besten Willen nicht, mir darauf einen Reim zu machen. Anstatt mit Kindern umgab sich das Paar mit Tieren: Riesenköter, fünf Katzen, Karnickel, ein Pferd. Die Liebe Hedwigs galt den Viechern, die sie nach Strich und Faden verwöhnte, und Klaus konzentrierte sich in den Wochen, in denen er trocken blieb, auf Geldverdienen und die Optimierung seiner persönlichen Finanzen. Als gebürtigem Schwaben waren ihm Zinsrechnung und doppelte Buchführung in die Wiege gelegt worden.

    Vor einer Woche klingelte mein Telefon erneut. Am anderen Ende der Leitung stotterte eine aufgeregte Hedwig: »Henning, ka… kannst du bitte vorbeikommen. Klaus liegt hier schon wieder betrunken rum und kann sich kaum noch rühren.« »Seit wann ist der denn aus der Klinik draußen?« »Sie haben ihn nur eine Nacht behalten.« »Nicht länger? Das darf doch nicht wahr sein.« »Er hat mit einem Anwalt gedroht, wenn sie ihn gegen seinen Willen festsetzen. Dann haben sie ihn zähneknirschend rausgelassen.« »Was für ein Drecksack. Er hätte ja freiwillig drinbleiben können.« »Wollte er partout nicht.« »Und du hast die Schlösser nicht ausgetauscht?« »Nein. Habe ich nicht übers Herz gebracht. Er hat nach seiner Rückkehr furchtbar getobt, weil ich so überreagiert hätte. Mit dir dürfte ich nicht mehr reden, weil du ihn an die Polizei verraten hast.« »Solche wirren Sätze aus dem Munde eines Sparkassenangestellten. Man glaubt es kaum. Ich bin in einer Stunde bei euch.«

    Seit Tagen komatös auf dem Sofa

    Klaus glotzte mich aus blöden Augen an und murmelte: »Verpiss dich, du Hurensohn! Ich komme bestens alleine klar.« »Das sehe ich. Soll ich dich in die Klinik begleiten oder mitsamt deinem Sofa in den Vorgarten stellen?« »Nein!« »Wir können an der nächsten Tankstelle anhalten und dir einen Flachmann besorgen, damit du die Fahrt überstehst. Ist das ein faires Angebot?« »Nein!« »Wieder das Spiel mit den Polypen?« »Nein!« Jetzt war es Hedwig, die mir ins Wort fiel. »Ich ertrage es nicht, wenn die ganze Straße gafft und über uns tuschelt. Auf keinen Fall Blaulicht vor der Haustüre.« »Wie du meinst.« Ich drehte meine Handflächen nach oben. »Noch atmet der Patient. So schlimm kann es also nicht sein. Wenn er es sich anders überlegen sollte, gib mir Bescheid. Ich organisiere dann den Transport.« Hedwigs Anrufe bei mir wiederholten sich jetzt im Abstand von vierundzwanzig Stunden. Jedes Mal dasselbe: »Ich weiß nicht mehr weiter. Bitte überzeuge du Klaus, endlich zur Vernunft zu kommen.« Abends auf dem Rückweg vom Job machte ich nun einen Umweg und fuhr in den Nordteil der Stadt, um Klaus ins Gewissen zu reden und ihn weich zu kochen. Sein Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. »Was sagt der Arzt dazu?«, erkundigte ich mich bei Hedwig. »Der hat mir erklärt, dass man niemanden daran hindern kann, sich tot zu saufen.« »Da hat er recht, der Herr Doktor. Aber wenn man sich unbedingt umbringen will, dann alleine im Wald und nicht vor den Augen der Ehefrau. Verstehst du das, Klaus? Du dämlicher Vollidiot.« Klaus stierte mich hasserfüllt an, brachte aber kein Wort über die Lippen. »Klaus, wir geben dir hundert Euro und du verlässt das Haus. Ist das in Ordnung für dich?« Er schüttelte trotzig den Kopf. »Hedwig, ich komme morgen wieder. Hat heute keinen Zweck mit dem Schwachmaten.«

    Am nächsten Abend röchelte Klaus. »Was ist mit ihm los?«, wollte ich wissen. »Er hat Spiritus getrunken.« »Warum? Ist ihm der Schnaps ausgegangen?« »Ich habe vier Flaschen Doppelkorn vor seinen Augen ins Klo gekippt.« »Und dann?« »Ist er ausgerastet und hat versucht, mich zu schlagen.« »Scheiße!« Klaus stellte für mich den Prototypen des gemütlichen Angestellten dar. Nur mit Mühe gelang es mir, ihn mit Gewaltausbrüchen in Verbindung zu bringen. Wobei seine Augen bereits in den vergangenen Tagen blutrünstig geflackert hatten. »Ich habe mich im Keller versteckt und ihn schreien hören, dass er sich jetzt mit dem Spiritus umbringen wird. Die Schuld dafür würde ich tragen.« »Tja, das ist die verquere Logik eines Säufergehirns. Musst du nicht ernst nehmen. Klaut er?« »Wie kommst du darauf?« »Weil du als besorgte Ehefrau ihm vermutlich alles Geld abgenommen hast. In der Hoffnung, er würde demütig werden, wenn ihm die Vorräte ausgehen.« »Stimmt. Gestern haben sie ihn bei Edeka erwischt, als er zwei Pullen Wodka einstecken wollte.« »Und nicht der Polizei übergeben?« »Nein. Nur ein Hausverbot erteilt. Sogar die Flaschen durfte er behalten. Die haben sich wahrscheinlich davor geekelt, ihn anzufassen.« »Da hast du ja mal wieder Schwein gehabt, du übler Schmarotzer. Eine Nacht in der Ausnüchterungszelle hätte dir gut getan. Da würdest du endlich zur Besinnung kommen.« Klaus wandte sich von mir ab, drehte mir den Rücken zu und tat so, als ob er spontan eingeschlafen wäre. »Bis morgen bereitest du alles vor, Hedwig. Notarzt und Polizei. Die sollen für ihn einen Beschluss bewirken. Minimum drei Wochen. Vorher darf er die Station auf keinen Fall wieder verlassen.«

    Ein Treppensturz mit Folgen

    »Er riecht komisch. Eine Mischung aus Pisse und Eukalyptus. Was ist das?« »Dieses Zeug hier.« Hedwig hielt mir eine grüne Plastikflasche vors Gesicht. »Einreibelotion für Pferde. Enthält zwölf Prozent Alkohol«, entzifferte ich. »Die trinkt er?« Mann, was musste Klaus für mordsmäßigen Saufdruck verspüren, dass er solch einen Dreck runterwürgte. »Nicht nur das. Er war mittlerweile am Desinfektionsmittel und dem Putzzeug dran.« »Der würde seinen eigenen Urin saufen, wenn er da Spuren von Wodka drin vermuten würde.« »Bring ihn bloß nicht auf dumme Gedanken.« »Klaus. Steh auf!« Ich rüttelte an seinen Schultern, um ihn aufzuwecken. Keinerlei Reaktion. »Ob er bereits im Delirium ist?« »Glaube ich nicht. Das sieht anders aus. Vielleicht besser, wenn er pennt. Ansonsten kommt er vielleicht auf blöde Ideen, bevor die Polizei eintrifft.« »Ich will nicht, dass die Bullen mich abholen. Zum Teufel mit euch.« Klaus hatte unsere Worte doch belauscht und war nun munter geworden. »Hättest du dir vorher überlegen sollen, du hoffnungsloser Spritkopf. Jetzt ist es zu spät. Du kannst ja trotzdem freiwillig in den Rettungswagen steigen. Wäre uns allen am liebsten.« »Niemand vertreibt mich aus meinem Haus.« »Das dir gar nicht gehört, sondern deiner Frau. Wenn du zurückkommst, wird sie die Schlösser ausgetauscht haben. Damit du endlich lernst, für dich selbst zu sorgen.« »Du dummes Flittchen.« Mit einer Behändigkeit, die ich Klaus gar nicht zugetraut hatte, sprang er vom Sofa auf und stürzte auf Hedwig zu. Die machte reaktionsschnell einen Schritt zur Seite, er lief ins Leere, geriet ins Torkeln und prallte mit dem Gesicht gegen die Wand. »Henning, tu doch was!« In Hedwig kam schon wieder der Mutterinstinkt zum Vorschein. Es fehlte nicht viel, und sie hätte die Arme um ihren Mann gelegt und ihn getröstet.

    Ich warf mich auf Klaus, riss ihn zu Boden und nahm ihn in den Schwitzkasten. »Du willst es wirklich nur auf die harte Tour verstehen, oder?« »Nein, nein. Lass mich bitte los. Ich werde lieb sein. Ich versprech’s.« Er wimmerte wie ein kleines Mädchen. Einen Moment lang schämte ich mich für Klaus und befreite ihn aus meinem Würgegriff, ließ ihn aber auf dem Teppich liegen. »Wann wird der Arzt hier sein?«, fragte ich Hedwig. »In circa zehn Minuten.« »Zusammen mit den Bullen?« »Ja.«

    Derweil krabbelte Klaus auf allen vieren durchs Wohnzimmer in Richtung Flur. »Wo will er hin?« »Vermutlich sucht er ein Versteck.« »Von mir aus. Weit wird er in dem Tempo nicht kommen.« Am Esstisch, der ihm den Weg versperrte, zog Klaus sich mühsam nach oben, bis er nach dreißig Sekunden endlich auf seinen gallertartigen Beinen stand. »Mach jetzt keinen Blödsinn«, warnte ich ihn vorsichtshalber, denn ich hatte in den vergangenen Jahren eine Menge Irrsinn von Wodka-Junkies erlebt. Mit dem letzten Tropfen der ihm verbliebenen Kraftreserven rannte er los zur Haustüre, um in der Dunkelheit der Nacht zu verschwinden. Hedwig, die in diesem Augenblick aus der Küche zurückkehrte und ihrem Mann unversehens entgegenkam, stellte ihm reflexartig ein Bein, um ihn an der Flucht zu hindern. Klaus kippte wie ein nasser Sack seitlich weg in den geöffneten Kellereingang hinein und von dort aus die steile Treppe abwärts. Von unten vernahm ich das hässliche Geräusch splitternder Knochen und einen langgezogenen Klagelaut. Danach herrschte gespenstische Stille. Ich lief die Stufen hinab, während sich Hedwig erschrocken die Hand vor den Mund hielt.

    Und am Schluss ne traurige Beerdigung

    »Wenn sie mich nun wegen Totschlags verhaften?« »Ach was; das war ein Malheur, als Klaus über dich gestolpert ist.« »Ob das ein Staatsanwalt ebenfalls so sehen würde? Ich möchte bei all dem Schlamassel nicht auch noch angezeigt werden.« »Kann ich nachvollziehen.« »Ich fühle mich total mies. Was mache ich jetzt bloß?« »Gib mir mal das Pferdezeug und Gummihandschuhe.« »Hier. Wozu brauchst du das?« »Wirst du gleich verstehen.« Ich streifte mir die Handschuhe über schüttete den Rest der etwas öligen Flüssigkeit auf die Schwelle der Kellertür. Danach ließ ich mir von Hedwig ein Paar von Klaus Pantoffeln geben und fuhr mit dem linken durch die Pfütze. Im Keller zog ich dem Toten einen Schlappen an den linken Fuß und platzierte den zweiten verkehrt herum zwei Stufen über ihm. Dann drückte ich ihm die grüne Flasche in die rechte Hand. »Jetzt sieht es so aus, als wäre er in seiner Gier und der Suche nach weiterem Spiritus in der Soße, die er selbst verkleckert hat, ausgerutscht.« »Meinst du, die Kripo glaubt uns das?« »Warum nicht? Habe schon von blöderen Todesursachen gelesen.« Ich pellte die Gummiteile von meinen Unterarmen und verstaute sie in der Jackentasche. Gerade noch rechtzeitig. In der Haustür tauchten zwei junge Polizisten und der Notarzt auf. »Kommen Sie schnell. Es ist ein furchtbarer Unfall passiert«, empfing Hedwig völlig aufgelöst die Beamten. Ich spazierte in die Küche, zündete mir eine Zigarette an und versuchte, die komplizierte Kaffeemaschine in Gang zu bringen.

    Eine Woche später – an einem nasskalten Gründonnerstag – beerdigten wir Klaus. Es war eine kleine Feier. Außer drei Kollegen, vier Familienangehörigen und zwei Patienten aus der Klinik hatte niemand den Weg auf den Friedhof gefunden.

  • Gesoffen hat schon unser Steinzeit-Urgroßvater

    Gesoffen hat schon unser Steinzeit-Urgroßvater

    Wir alle wissen, dass sich bereits der Cro-Magnon-Mensch abwechselnd mit vergorenen Früchten und halluzinogenen Pilzen berauschte. Da unsere Steinzeitvorfahren Früchte und Pilze jedoch nicht ganzjährig fanden und einsammelten und der Kühlschrank noch nicht erfunden worden war, stellten absichtlich herbeigeführte ekstatische Bewusstseinszustände in der Mittelsteinzeit die Ausnahme und nicht die Regel dar. Saufen bzw. vergorene Früchte futtern war ein Sommer- bzw. Herbstsaisongeschäft. In der dunklen Jahreszeit sah’s damit eher mau aus.

    Das änderte sich schlagartig, als unsere Ururururgroßeltern die Vorzüge der Landwirtschaft für sich entdeckten und ihr ständiges Umherreisen an den Nagel hängten. Die Geschichtswissenschaft bezeichnet diesen Vorgang des allmählichen Sesshaftwerdens unserer Vorfahren als Transformation der Jäger und Sammler, die auf der Suche nach Nahrung 24/7 in Bewegung waren, in Bauern, die mit ihrer Hände Arbeit dem Boden einen ganzjährigen Ertrag abtrotzten, dafür jedoch an ihrer Scholle festkleben mussten. Vorbei war es mit Rumstreunerei und Lagerfeuerromantik. Der Bauer blieb in Sichtweite seines Feldes und wurde zum erbitterten Feind des Nomaden. Dieser weltgeschichtlich superwichtige Vorgang, die sogenannte neolithische Revolution, trug sich vor ca. 12000 Jahren zu.

    Unseren Steinzeit-Landwirt-Vorfahren gelang es, eine Urform der Gerste zu kultivieren und anzubauen, bei deren Lagerung sie feststellten, dass das zerkleinerte Getreide zu keimen und zu mälzen begann. Von dort bis zur gewerbsmäßigen Braukunst war es nur noch ein kleiner Schritt, der allerdings ein paar hundert Jahre gedauert haben dürfte. Gebraut wurde alles, was sich in Alkohol verwandeln ließ: Gerste, Emmer, Weizen, Honig, sogar Reis (in China). Hauptsache, der Stoff schmeckte einigermaßen, war nicht toxisch und entfaltete ein angenehmes Säuselgefühl in der Nebenhirnrinde. Die immer noch herumwandernden Nomaden, die keine Gerste kultivierten und in der Konsequenz nichts zusammenbrauen konnten, mussten sich derweil mit vergorener Stutenmilch begnügen.

    Von den Sumerern in Mesopotamien – das sind die, denen wir das alkoholgeschwängerte Gilgamesch-Epos, die ersten Schriftzeichen und eine Menge in Tontafeln eingeritzte Kneipenwitze verdanken – gelangte die Braukunst an den Nil, wo die Pharaonen jahrtausendelang das Staatsmonopol der Herstellung für sich beanspruchten. Gerstenbier wurde jeden Tag getrunken, allerdings zu festen Uhrzeiten und in zugeteiltem Quantum. Ob Alkoholismus bereits im frühen Altertum bekannt war, wissen wir aufgrund mangelhafter Quellenlage nicht genau; es steht jedoch zu vermuten, dass sich nicht jeder brave Bürger an die oben genannten festen Uhrzeiten und sein zugeteiltes Quantum hielt. Wie damals entgiftet wurde? Keine Ahnung. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kalt und mit ungewissem Ausgang.

    Wein, ein Geschenk der Götter

    Kurz auf das erste Bierbesäufnis folgte die Entdeckung des Kelterns: Weintrauben mit den Füßen zerstampfen und die so gewonnene Matschepampe (fachmännisch Maische genannt) ein paar Tage nicht anrühren. Dann erneutem Druck aussetzen, um den Most vom Trester zu trennen. Den süß-klebrigen, dickflüssigen Saft in Fässer bzw. Tonkrüge füllen, diese hermetisch verschließen und das Ganze wiederum ein paar Wochen ziehen lassen, was man als Gärvorgang bezeichnet. Nun schmeckte das Zeug, dem man zwecks Verstärkung vor der Gärung noch Zucker beimischen kann, endlich nach Wein und wirkte auf Sensorik und Artikulationsfähigkeit unserer Vorfahren um einiges heftiger als das eher harmlose Volksgesöff Bier, weshalb man den Wein auch als Geschenk der Götter deklarierte.

    Götter hin oder her – konsumiert wurde Wein quer durch alle Gesellschaftsklassen. Bei den zahlreichen Feiern zu Ehren noch zahlreicherer Gottheiten konnte der Konsum schon mal aus dem Ruder laufen, was dann in den berühmt-berüchtigten dionysischen Orgien endete. Die Ägypter kannten beispielsweise das Fest der Trunkenheit, das sie alljährlich zu Ehren der löwenköpfigen Göttin Hathor zelebrierten. Mit dem ausdrücklichen Segen der Priester, sich eine Nacht lang zu betrinken, bis die Lampen in den Tempeln erloschen und die Sinne der entrückten Gläubigen schwanden. Der Tag darauf war von Katzenjammer und zerknirschten Gebeten bestimmt, neun Monate später stieg die Geburtenrate steil an.

    Von der häufigen Teilnahme an solchen Feierlichkeiten bis zum Gewohnheitssuff war es nicht weit. Meine These: Im Altertum wimmelte es von Alkis, die jedoch, weil damals Jellinek-Fragebogen und ICD-11-Katalog der WHO noch nicht erfunden worden waren, weder korrekt klassifiziert noch medizinisch sauber therapiert wurden. Im Zweifelsfall starben diese antiken Schluckspechte eben früh. Besonders alt wurde damals ja sowieso niemand. Wie wir unschwer erkennen, stellt die Alkoholherstellung das drittälteste Gewerbe der Welt dar. Die beiden noch älteren kennen Sie; nur so viel: Das älteste ist die Politik. Es gibt sogar Historiker, die steif und fest behaupten, der eigentliche Grund des Sesshaftwerdens der Jäger und Sammler hätte darin bestanden, dass sie als Bauern nun ganzjährig Bölkstoff produzieren und sich hinter die Binde kippen konnten. Die Gier nach Alkohol als Motor der menschlichen Zivilisation.

    Vom Lidschatten zum Schnaps

    Woher stammt das Wort Alkohol? Im Arabischen bezeichnete man im frühen Mittelalter mit al-kuhl ein feines kosmetisches Pulver, das man zum Einfärben von Augenbrauen, Wimpern und Lidern benutzte. Über die Zwischenstation Spanien, wo man al-kuhl, um es melodischer betonen zu können, in al-kuhúl abwandelte, reiste der Begriff weiter nach Norden, wurde im 16. Jahrhundert vom großen Arzt und Alchemisten Paracelsus, der auch ein großer Trinker war, aufgeschnappt und von ihm als Synonym für das Feine, Subtile in unseren Wortschatz eingeführt. Alcohol vini als das reine, feine Destillat des Weins, der Weinbrand. Was für eine enorme Umformung liegt hinter diesem Begriff: vom Lidschatten zum Schnaps! In diesem Fall jedoch halbwegs plausibel, weil die alten Araber auch die Kunst des Destillierens erfunden hatten. Zwar ursprünglich zu medizinischen Zwecken; aber medizinischen Zwecken dienten anfangs auch Opium, Morphium und LSD. Vom medizinischen Zweck zur süchtig machenden Droge ist es oft nur ein winziger Schritt.

    Die Germanen waren chronische Schluckspechte

    Trinkalkohol ist eine sogenannte Kulturdroge. Mit diesem Ausdruck bezeichnet man Rauschmittel, die schon die Götter gerne zu sich nahmen. Jeder, der im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß, dass an der ewig gedeckten Tafel in Walhalla der Met aus Krügen – und nicht aus kleinen Bechern – gesoffen wurde. Tacitus beschreibt in seinem Büchlein „Germania“ die Trinksitten unserer Urururgroßeltern. Er berichtet von in Bier getauchten Schnullern für die Säuglinge, von Gelagen, die im Komasuff endeten, von Ratsversammlungen, die wiederholt werden mussten, weil sämtliche Teilnehmer im Moment der Beschlussfassung betrunken waren. Für barbarisch hielten Römer und Griechen die germanische Angewohnheit, Wein pur – also nicht mit Wasser gemischt – zu konsumieren.

    Im christlichen Mittelalter wird es nicht besser: Die Erfindung der Kunst des Brennens – also Hochprozentiges aus dem Rebensaft herauszufiltern, in süditalienischen klösterlichen Alchemieküchen ausgeheckt – machte es noch schlimmer. Nun war plötzlich aqua vitae, „Wasser des Lebens“, so lautete der beschönigende Ausdruck für Branntwein, in der Welt. Der Adel feierte rauschende Feste, die erst dann als hip galten, wenn am Ende alle Gäste betrunken auf dem Boden lagen. Mönche brauten Starkbier, um in der Fastenzeit nicht verhungern zu müssen. Unzählige Jesuserscheinungen von Nonnen sind auf den übermäßigen Genuss von Kräuterlikör zurückzuführen. Der Alkoholkonsum der unteren Gesellschafsschichten beschränkte sich auf die Fest- und Feiertage: Die waren allerdings häufig und die Besäufnisse heftig.

    Deutschland immer weit vorne in der internationalen Alkoholstatistik

    Der endgültige Siegeszug des Teufelszeugs Schnaps fällt zeitlich in etwa zusammen mit dem Start der industriellen Revolution. Gewerbefreiheit, stark vermehrte Vergabe von Schanklizenzen im Verein mit der Erfindung, Kartoffeln in Wodka zu verwandeln, ließen die Preise für Hochprozentiges stark fallen. Jeder Bauer, Industriearbeiter und Tagelöhner konnte sich nun in den billigen Rausch flüchten. Die Chronisten berichten ab 1830 von einer neuen Volksseuche, die sie als Branntweinpest und Elendsalkoholismus geißeln und die in erschreckendem Ausmaß und mit großer Geschwindigkeit um sich griff. Ganze Landstriche verarmten und ergaben sich dem Suff.

    In der Gründerzeit wird nochmals eine ordentliche Kelle draufgekippt: Der Pro-Kopf-Konsum erreichte zwölf Liter reinen Alkohol pro Jahr. Produktionsbedingte Engpässe kombiniert mit hoher Besteuerung ließen den Verbrauch nach dem ersten Weltkrieg auf fünf – 1923 während der großen Inflation sogar nur drei – Liter absinken. Mit der wirtschaftlichen Gesundung Deutschlands in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stieg auch das Verlangen nach Bier, Lambrusco, Weinbrand und klebrigen Cocktails schnell wieder an: von 4,0 Litern Reinalkohol (1950) über 9,4 (1960), 14,4 (1970) bis zum vorläufigen Maximum 16,7 (1976). Danach sinken die Werte bis heute ab: 15,0 (1980), 13,4 (1990), 12,0 (2000) auf aktuell 10,7 Liter (Quellen: DHS sowie ältere Ausgaben der „Jahrbücher zur Alkohol- und Tabakfrage“. Zahlenvor 1950 auf alle Einwohner bezogen. Danach eingegrenzt auf die Altersgruppe 15plus).

    MERKE
    Alkohol ist neben Pilzen die älteste dem Menschen bekannte psychotrope Substanz. Daraus scheint sich in einigen Kulturkreisen ein Gewohnheitsrecht herausgebildet zu haben, ihn in zum Teil gesundheitsschädigender Weise konsumieren zu dürfen, ohne dass der Gesetzgeber regulativ eingreift.

  • Auf der Suche nach dem Urknall

    Auf der Suche nach dem Urknall

    »Sie waren also beinahe tot? Wie lange in etwa?« Die untersetzte Frau, die mir seit knapp fünfundvierzig Minuten gegenübersaß und jede Antwort aus meinem Mund mit einer neuen Frage quittierte, legte den Bleistift, mit dem sie ununterbrochen Notizen in einen Spiralblock hineingekritzelt hatte, vor sich auf die Tischplatte und taxierte mich mit zusammengekniffenen Augen. Der orange Griffel wies überall Bissspuren auf und war von ihr nahezu durchgekaut worden.

    Wer ist verrückter: Ich oder die Schneider?

    Wahrscheinlich bist du bekloppter als ich, ging es mir durch den Kopf, bevor ich ihr antwortete: »Keine Ahnung. Die Pfleger haben mir das erzählt, als ich in der geschlossenen Station aufwachte. Vermute mal zwei, drei Stunden. Länger nicht. Alles halb so wild.«
    »Halb so wild? Sie sind lustig. Wäre es Ihnen stattdessen lieber gewesen, für immer tot zu sein?« Ich kratzte mich verlegen am Ohr und zog es vor, zu schweigen.
    »Sie mussten reanimiert werden. Da hätte dieses Mal nicht viel gefehlt, und Sie wären Ihrem Herrgott gegenübergetreten. Das ist Ihnen schon klar, oder?«

    Warum hat sie ausgerechnet mich zu sich hereinzitiert? Weshalb nicht Rolf, Rene oder Petra? Oder irgendeinen x-beliebigen Säufer aus der verdammten Hardcore-Fraktion? Jedes Mal dasselbe Spiel, sobald die dusselige Kuh mich erblickt: Herr Hirsch, schön, Sie zu sehen. Können Sie bitte nachher in mein Büro kommen! Keine Frage, sondern ein Imperativ. Wie mich das abfuckte. Soll sie sich einen anderen Idioten suchen, mit dem sie ihre Psychomasche abziehen kann. Über all das dachte ich nach und erwiderte so freundlich, wie es mir an diesem elenden, tropisch schwülen Nachmittag möglich war: »Ob Sie es glauben oder nicht, Frau Schneider: in dem Moment, als ich die dritte Flasche Wodka vorgestern Abend öffnete, kurz bevor ich bewusstlos in der Küche umklappte, war es mir tatsächlich egal, ob ich abkratze oder nicht.«

    »Sie hegten also suizidale Gedanken«, schlussfolgerte die Psychologin und schrieb fieberhaft eine weitere Seite voll, bevor sie ihren Blick wieder mir zuwandte.
    »Nein; mir war es wurscht.«
    »Ist das nicht dasselbe?« Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, in ihrem ansonsten von professionellem Wissensdurst beherrschtem Gesicht eine Spur von Anteilnahme zu entdecken.
    »Nein, ist es nicht. Weil ich eben nicht von Anfang an die Absicht hatte, mich umzubringen, sondern den Tod, der sich vielleicht hätte einstellen können, zum Schluss billigend in Kauf nahm. Aber eher in der Form eines russischen Roulettespiels. Von sechs Kammern ist nur eine mit einer Patrone geladen. Und vor jedem Schuss wird neu gedreht. Die Wahrscheinlichkeit, mit heiler Haut davonzukommen, steht also gar nicht so schlecht. Bisher ist es immer glimpflich ausgegangen.«
    »Sie treffen den Nagel auf den Kopf: bisher. Und was, falls es beim nächsten Versuch nicht mehr klappt? Wenn Sie sich dann die todbringende Kugel in den Kopf jagen?«
    »Dann ist es eben so. Wir müssen alle irgendwann unserem Schöpfer gegenübertreten. Die einen nach einem langen, erfüllten Leben, die anderen halt früher.« Ich zuckte mit den Schultern und überlegte, ob ich mir nachher im Raucherzimmer von Rene eine Zigarette schnorren könnte.

    Immer wieder dieselben Fragen

    Frau Schneider und ich hatten uns in den vergangenen Monaten oft in ihrem kleinen Arbeitszimmer getroffen und über die Ursachen meines exzessiven Trinkverhaltens diskutiert. Wie alle Psychologen war sie auf der Suche nach dem Urknall: der Stunde Null, in der ich vom normalen Menschen zum Säufer mutiert war. In geradezu stupider Regelmäßigkeit verneinte ich all ihre Annahmen und Hypothesen von trübsinniger Kindheit, zu strengem Vater, unglücklichen Liebesbeziehungen in der Jugend, traumatischen Schulerlebnissen und was ihr alles sonst noch an Erklärungen in den Sinn kam und bejahte als einzige glasklare und nicht zu leugnende Auslöser meines Alkoholismus die Gene mütterlicherseits und jahrelange Gewöhnung an die Droge. »Mehr fällt Ihnen in diesem Zusammenhang nicht ein? Speziell von Ihnen hätte ich eine tiefschürfendere Analyse erwartet«, versuchte sie vergeblich, an meine vor vielen Jahren verloren gegangene Marktforscherehre zu appellieren.

    Ich beneidete Frau Schneider nicht um ihren Job. Im Gegensatz zu ihrer attraktiven Kollegin mit den pfirsichförmigen Arschbacken, der die Patienten in der offenen Station die Bude einrannten, wirkte sie zum einen mit ihrer pummeligen Figur und dem Bürstenhaarschnitt äußerlich wenig anziehend, und zum anderen betreute sie in der geschlossenen Abteilung eine hartgesottene Klientel, die sich weniger für psychologische Ursachenforschung denn für die fristgerechte Überweisung des Hartz IV- Regelsatzes interessierte. Pünktlich zum Ersten jeden Monats leerte sich die Station schlagartig, um sich dann in den folgenden Tagen bis zum spätestens Fünften allmählich wieder zu füllen. Diese zweiundsiebzig bis sechsundneunzig Stunden reichten den meisten Patienten, die dreihundertfünfundsechzig Euro, die ihnen alle vier Wochen zustanden, komplett auf den Kopf zu hauen. Frau Schneider redete auch zu akademisch daher und schaffte es einfach nicht, den zu ihrer Kundschaft passenden Tonfall anzustimmen.

    Völlig benebelt mit Tendenz zum Sekundenschlaf

    Ich gähnte herzhaft, denn am zweiten Tag der Entgiftung schwammen dreißig Valium träge wie winzige pharmazeutische U-Boote in meiner Blutbahn herum, was selbst für mich eine recht starke Dosierung bedeutete. Diese Ration war notwendig geworden, weil ich es bei der Essensausgabe weder schaffte, ein Tablett festzuhalten noch eine Tasse Kaffee zum Mund zu führen. Ich zitterte am gesamten Körper wie ein Eichhörnchen auf Koks, der Schweiß rann mir in Strömen von den Schläfen die Wangen hinab, die Blutdruckwerte bewegten sich im Bereich schwangerer Giraffen, sodass der zum Zeitpunkt meiner Einlieferung zufällig anwesende Oberarzt entschied, die an und für sich zulässige Maximalmenge von vierundzwanzig um sechs zu erhöhen. Die allmähliche Linderung der Schmerzen ging einher mit einer Form des Sekundenschlafs, der mich an den unmöglichsten Orten einpennen ließ. Vor drei Stunden erst hatte mich Pfleger Franz unsanft im Bad geweckt, wo ich mit blankem Hintern auf der Kloschüssel weggenickt war. Früher wäre mir das unsagbar peinlich gewesen. Heute jedoch ließen mich solche Vorkommnisse völlig kalt.

    »Ich habe den Eindruck, dass Sie es sich in Ihrer Nische mittlerweile ganz bequem eingerichtet haben«, versuchte Frau Schneider ein letztes Mal, mich aus meiner nachmittäglichen Lethargie wachzurütteln.

    Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks

    »Wie meinen Sie das? Verstehe ich nicht.«
    »Sie erscheinen hier mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Manchmal zu Fuß, oft liegend auf einer Trage und in letzter Zeit zumeist mit dem Umweg über die Intensivstation. Sie entgiften schnell, sind nach einer Woche wieder zu Hause, trinken dort munter weiter, zumal Sie wissen, dass Sie bei uns im Notfall sofort aufgenommen werden. Sie kennen im Krankenhaus Gott und die Welt, sind wegen Ihrer ruhigen Art bei den meisten Ärzten und Pflegern beliebt, sodass ich die Befürchtung hege, dass Sie sich hier drinnen zumindest genauso wohl fühlen wie draußen auf der Straße. Während ich im vergangenen Jahr den früheren Manager und Familienvater in Ihnen noch erkennen konnte, ähneln Sie heute einem abgerissenen Hippie, der seit Woodstock ununterbrochen säuft. Das meine ich mit bequem in der Nische einrichten.« Frau Schneider blickte mich triumphierend an in der Gewissheit, dass dieser fiese Nierenhaken mich reumütig in die Knie zwingen würde. Du kannst mich mal, dachte ich bitter, gähnte erneut, rutschte halb vom Stuhl herab und signalisierte deutlich, dass ich langsam ans Ende der Unterhaltung gelangen wollte.

    »Ich merke, dass Ihre Aufmerksamkeitspanne noch nicht für eine längere Sitzung ausreicht. Ich will Sie heute auch nicht länger foltern. Ihr sicherlich quälender Entzug ist Strafe genug. Ich würde vorschlagen, dass wir uns übermorgen wiedersehen. Ich finde Sie im Aufenthaltsraum. Vor mir weglaufen können Sie in der geschlossenen Abteilung ja nicht. Das ist praktisch.« Über Frau Schneiders Lippen huschte ein boshaftes Lächeln, und sie entließ mich mit einem kurzen Kopfnicken, derweil sie ihren Vermerk über meine mangelhafte Krankheitseinsicht zu Ende formulierte.

    Du bist ein arrogantes Großstadt-Arschloch

    »Wie war die Psychostunde bei der Gruseltante?«, empfing mich Petra draußen auf dem Flur. »Hat sie dir angeboten, bei ihr einzuziehen?« Sie trug einen knallroten Spaghetti-Top auf ihrer weißen Haut, der bei jeder Bewegung den Blick auf die Speckrollen an ihren Hüften freigab.
    »Warum sollte sie das tun?«
    »Die steht auf dich. Merkt doch jeder.« Wie zufällig streifte sie den Träger von ihrer linken Schulter ab und strich mit zwei Fingern über das freigelegte Dekolleté. Trotz meiner Müdigkeit bemerkte ich, dass ihre Brustwarzen hart und begehrlich im Neonlicht schimmerten.
    »Ich unterhalte mich eben mit ihr.«
    »Ach was. Du schleimst dich ekelerregend bei der ein.« Da meine Reaktion auf ihren Busenblitzer nicht so ausfiel, wie sie sich das vorgestellt hatte, zog sie das Shirt wieder nach oben und schaute mich missbilligend an.
    »Von mir aus.« Mir war an diesem Nachmittag tatsächlich alles egal. Ich wollte meine Ruhe haben und die Schmerzen loswerden. Deshalb stand mit der Sinn ganz und gar nicht nach komplizierten Gesprächen. Weder mit Frau Schneider noch mit Petra.
    »Du bist in den letzten Monaten völlig teflonartig geworden. Wo ist der nette Henning abgeblieben, den ich vor einem Jahr hier kennengelernt habe?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf, und ich meinte, ein Déjà-Vu der Verabschiedung mit der Psychologin zu erleben.

    Petra betrieb ein kleines Bordell am Nordrand der Eifel, an der Bundesstraße, die von Düren über Aachen weiter nach Belgien und Holland führt. Zu ihren Kunden zählten deshalb überwiegend LKW- Fahrer und Handlungsreisende, die mit Haushaltsartikeln und Versicherungspolicen unterwegs waren. Ihr bereitete es Freude, bei den Männern selbst Hand anzulegen und mit ihnen fröhlich zu bechern. Wenn sie einen im Tee hatte, konnte es passieren, dass Petra leicht reizbar und unflätig wurde. Unvorsichtigen Freiern, die es wagten, ihr in diesem hochalkoholisierten Stadium zu widersprechen, donnerte sie die Faust ins Gesicht oder traktierte sie mit Sektflaschen und dem spitzen Absatz ihrer Stilettos. Sie wurde deshalb häufig in Handschellen in der Klinik vorgeführt. Anstatt sich dankbar zu zeigen, dass sie an einen Ort gebracht worden war, an dem ihr geholfen werden konnte, beschimpfte sie die Polizisten mit Scheißbullen und bezeichnete den netten iranischen Aufnahmearzt als Dreckskanaken. Wenn sie zu sehr herumtobte und alles freundliche Beschwichtigen nicht fruchtete, hakten sich zwei muskelbepackte Pfleger bei ihr ein und eskortierten sie ins Bett. Dort wurde sie an vier Punkten fixiert, erhielt ein starkes Beruhigungsmittel und pennte danach komatös für vierundzwanzig Stunden. Sobald sie erwachte, konnte sie sich an nichts zurückbesinnen und benahm sich lammfromm und zivilisiert. Sie war eine Seele von Mensch und litt mitunter geradezu unter einem Helfersyndrom. Auch ich hatte bereits mehrmals meinen Rausch zwischen ihren wogenden Brüsten ausgeschlafen, woran sie mich hin und wieder gerne erinnerte.

    »Wann kommst du mich endlich besuchen?«, hatte sie mich beim letzten gemeinsamen Aufenthalt gefragt.
    »Weiß nicht«, antwortete ich zögerlich.
    »Was soll das heißen: weiß nicht? Du hast es tausend Mal versprochen.«
    »Ich bin Großstädter und fahre nicht gerne aufs Land.«
    »Du bist ein arrogantes Arschloch, das es nicht wert ist, mit ihm meine Zeit zu vertrödeln«, hatte sie mich damals beschimpft.

    Ich treffe Lila wieder

    »Henning, dir ist einfach nicht zu helfen«, zischte sie heute. »Anstatt an dir zu arbeiten und langsam das Jammertal zu verlassen, feierst du jeden Abend fröhlich Party, so als ob es dein letzter sein könnte. Ich verstehe dich einfach nicht.«
    Als ob du alte Wachtel seltener als ich hier aufschlägst, ging es mir durch den Kopf, und ich sagte leise: »Lass das meine Sorge sein. Ich kann gut auf mich alleine aufpassen.«

    Petra drehte mir abrupt den Rücken zu, sodass ich das bunte Kamasutra-Tattoo sehen konnte, das ihr früherer Freund kunstvoll gestochen hatte, und stiefelte den Südostflur entlang in Richtung Raucherzimmer. Sie war die Zweite innerhalb einer Stunde, die mir erklärte, dass ich mich mit meinem Trinkerleben arrangiert hätte und in der Klinik sichtbar wohlfühlen würde. Vielleicht ist da was Wahres dran, grübelte ich; beschloss aber, mich heute nicht mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzen zu wollen. Ich fühlte mich schlichtweg zu schlapp dafür.

    »Na alter Mann, was brütest du so dumpf vor dich hin? Ist dir nicht gut?« Von hinten berührte eine mir wohlbekannte Hand sanft meinen Hals. Ich wendete mich im Zeitlupentempo um und schaute in das schöne, aber leicht irre Gesicht von Lila, meiner absoluten Lieblings-Borderlinerin. »Hi, Lila. Bist du auch wieder hier?« Ich küsste sie zärtlich auf den Mund.
    »Ich kann dich schließlich nicht alleine in der Psychiatrie rumlaufen lassen. Nachher gerätst du hier noch komplett unter die Räder.«
    »Und deshalb folgst du mir bis in die geschlossene Abteilung?! Kaum zu glauben. Auf jeden Fall gut, dich zu sehen.«

    Lila kannte ich seit Anfang des Jahres. An einem bitterkalten Januarmorgen war sie barfuß und mit zerzauster Frisur in die Klinik hereingeschneit. Bis in die Haarspitzen zugedröhnt mit Pilzen und irgendeiner geheimnisvollen chemischen Substanz. Es dauerte damals ungelogen achtundvierzig Stunden, bis wir sie vernünftig ansprechen konnten. »Ich rühre Drogen aus Prinzip nicht an. Du siehst, was das Dreckszeug aus dem armen Mädchen gemacht hat«, erklärte mir Rene. »Aber eine Gallone Schnaps, die du pro Woche in dich reinschüttest, ist normal?«, fragte ich ihn mit zweifelnd hochgezogenen Augenbrauen.

    Nicht ganz ne Lolita-Nummer

    Lila und ich freundeten uns in diesem tristen Wintermonat an, und wir verbrachten viel Zeit miteinander in Aufenthaltsraum und Raucherzimmer. Sie besaß eine atemberaubende Figur, wies väterlicherseits äthiopische Wurzeln auf, und wenn sie lächelte, blitzten ihre Zähne wie blankgeputzte weiße Perlen im neonbeleuchteten Januargrau des Krankenhauses. Da wir zumeist im Doppelpack anzutreffen waren, hatten wir nach einigen Tagen unsere Spitznamen weg: Bowie und Imam.

    Draußen in Freiheit hatten wir uns einige Male getroffen. Bei ihr oder mir zu Hause. Manchmal am Bahnhof, wo wir planlos herumlungerten, anderen Patienten begegneten und mit denen Informationen und Rotweinflaschen austauschten. Ab und an schliefen wir miteinander. Obwohl mir der Sex mit Lila große Freude bereitete, nervte mich ihr anschließendes Gerede über Liebe und Zusammenziehen, und ich verließ deshalb oft mitten in der Nacht ihr Bett, um in meine kleine, unaufgeräumte Wohnung zurückzukehren und dort in Ruhe ein paar Flachmänner hinunterzuspülen, bis mich der viele Alkohol besinnungslos bis zum nächsten Nachmittag einpennen ließ. Sie verfasste lustige Kindergedichte und zeichnete monströse Comicfiguren: vierschrötige Männer mit kantigen Gesichtern und laszive Frauen mit Schmollmund und Atomtitten, denen sie obszöne Sprechblasen in den Mund legte. Wir lasen uns gegenseitig englische Kurzgeschichten und russische Novellen vor, tranken und küssten uns.

    Gelegentlich saß Lila unbekleidet neben mir auf dem rechten Rand des Schreibtisches und beobachtete mich dabei, wie ich Text in die alte Tastatur hämmerte, auf der das A und K fehlten. Ich hatte sie wegen ihrer unbekümmerten Art schnell ins Herz geschlossen, ergötzte mich an ihrer Nacktheit, den vollen Lippen und ihrer kühn geschwungenen Nase, umgab mein Innerstes jedoch mit einer dicken Eisschicht, weil ich mich auf keinen Fall verlieben wollte. Ich betrachtete sie eher wie eine Muse denn als gleichberechtigte Partnerin, was sie als einfühlsame Psychopathin natürlich registrierte. Sie schwieg jedoch, und ich sprach das Thema vorsichtshalber nicht an. In ihren Augen entdeckte ich aber einen traurigen Ausdruck.

    Eigentlich bin ich auch recht gerne alleine

    So gerne ich meine Zeit gemeinsam mit ihr verbrachte, so sehr schätzte ich ebenfalls die Stunden, die ich alleine blieb. Je älter ich wurde, und umso ausschweifender ich zechte, desto mehr floh ich die Menschen und deren Gesellschaft. Die Lektüre eines spannenden Romans und das Beobachten der Schiffe auf dem Strom, der unsere Stadt in zwei etwa gleichgroße Hälften durchschnitt, waren mir oft genauso lieb wie die Umarmungen und das heitere Geplapper Lilas. Es gab Wochen, in denen ich dermaßen gierig Buch um Buch verschlang, indessen die Welt um mich herum vergaß und meine Körperpflege vernachlässigte, dass ich im Stillen befürchtete, ebenfalls beim Lesen ins Extreme abzugleiten. Wodka und Belletristik als kombinierte Drogen, um der ungeliebten Realität zu entfliehen.

    Lila, die erheblich jünger war als ich, verstand diesen Wesenszug nicht und schalt mich scherzhaft einen alten Mann, der mit seinen amerikanischen Sportschuhen und der zerlöcherten Jeans eine längst verflossene Jugend nur vortäuschen würde. Ihretwegen könnte ich auch in Anzug und Krawatte aus dem Haus gehen, denn diese Kleidungsstücke seien ihr an mir ebenso sympathisch wie T-Shirt und Denim. Wenn sie Pilze eingeworfen hatte, wurde sie anfangs albern, kicherte und gackerte wie ein kleines Mädchen, bis nach spätestens einer Stunde ihre Stimmung umschlug, und sie Morddrohungen gegen Gott und die Welt – zumeist allerdings auf ihre Mutter zielend – aussprach. In dieser angeblich bewusstseinserweiternden Phase liebte sie es, mich bis aufs Blut zu reizen, indem sie mir wüste Beleidigungen zurief, mich einen nymphomanen Penner nannte und in die tiefste Hölle wünschte. Was sie nicht daran hinderte, zehn Minuten später auf offener Straße ihre wohlgeformten Brüste zu entblößen und mich aufzufordern, an Ort und Stelle mit ihr zu schlafen.

    Aus diesem an und für sich harmlosen Zeitvertreib ergaben sich jedoch hin und wieder brenzlige Situationen, wenn sie zornentbrannt auf die Gleise lief, sich in der Form eines Kreuzes zwischen die Schienen warf und erst im letzten Augenblick aufsprang, wenn der Zug heranbrauste. Im Mai hatte sie es auf die Spitze getrieben und war liegengeblieben, wenngleich die S6, die von Norden in die Stadt pendelte, einhundert Meter entfernt von ihr bereits schrille Warnsignale ausstieß und im Zweifelsfall nicht mehr hätte rechtzeitig bremsen können. Trotz einer Pulle Jägermeister im Bauch hechtete ich die Böschung hinab, riss sie in der allerletzten Sekunde aus dem Kiesbett heraus, verabreichte ihr erschrocken eine Ohrfeige und brüllte: »Bist du völlig durchgedreht? Wenn du dich unbedingt umbringen möchtest, dann tu es alleine.« Nach einer stummen Schreckminute, in der ich mir unsicher war, ob Lila nun weinen oder hysterisch lachen würde, knallte sie mir ihre Faust auf die Nase, die hässlich knirschte und sofort blutete, befreite sich aus meinem Griff, rannte ohne nach links und rechts zu sehen auf die vierspurige Straße, wo ein schwarzer BMW-Kombi mit quietschenden Reifen vor ihr stoppte. Bevor der verblüffte Mann das Fenster runterkurbeln konnte, öffnete Lila die Beifahrertür und schrie den überrumpelten Fahrer an: »Nimm mich bis ins Westend mit!« Während sie einstieg, spuckte sie wutbebend in meine Richtung, streckte mir den erhobenen rechten Zeigefinger entgegen und kreischte: »Fick dich, du elender Pisser. Ich will dir nie mehr begegnen. Das war’s mit uns beiden. Für immer und ewig.« Seit diesem Erlebnis hatte Funkstille zwischen uns geherrscht.

    Und sei der Ort noch so traurig

    Und nun traf ich sie acht Wochen später in der geschlossenen Abteilung. Wiewohl der Anlass eigentlich ein trauriger war, freute ich mich ehrlich darüber, Lila wiederzusehen. In ihren Augen entdeckte ich ebenfalls Zärtlichkeit und Verständnis. Wir umarmten uns innig. Ungeachtet der Tatsache, dass das Thermometer an diesem schwülheißen Nachmittag weit über dreißig Grad kletterte und die Pfleger alle Hände voll damit zu tun hatten, halbnackte Patienten einzufangen und energisch auf die Kleiderordnung aufmerksam zu machen, trug Lila lange Hosen und ein Hemd, dessen Ärmel bis zu den Handknöcheln reichten. Als Grenzgängerin fügte sie sich mit Küchenmessern tiefe Schnitte in Unterarme und Oberschenkel zu und drückte brennende Zigaretten auf ihrer Haut aus.

    »Schön, dich zu spüren. Habe Sehnsucht nach dir gehabt«, hauchte sie.
    »Wie lange bist du schon hier?«, wollte ich wissen.
    »Drei Tage.«
    »Dann hast du mitbekommen, wie sie mich gestern eingeliefert haben?«
    »Ja, und ich habe mir große Sorgen um dich gemacht.«
    »War’s so schlimm?«
    »Du bist beinahe abgenippelt, blöder Idiot.«
    »Weiß ich. Hat mir Pfleger Franz schon erzählt.«
    »Da bist du wahrscheinlich noch stolz drauf: harter Kerl, der sechs Promille überlebt. Du bist so ein bemitleidenswertes Opfer.«
    »Ich habe überhaupt nichts gesagt«, verteidigte ich mich.
    »Aber gedacht. Ich seh’s an deinem Blick.«
    »Lila, willst du dich mit mir streiten oder zur Abwechslung mal friedlich unterhalten?«

    Lauter alte Bekannte im Raucherzimmer

    In der Art einer ägyptischen Katze schmiegte sie sich an, und wir schlenderten gemeinsam zum Raucherzimmer. Beißender Qualm aus zwanzig selbst gedrehten Kippen, der gemächlich die gelben Wände emporkroch und sich unter der Decke wie schmutziger Hochnebel staute, empfing uns. Ich hustete, Lila schimpfte laut: »Könnt ihr faulen Nichtsnutze nicht mal ein Fenster öffnen! Das ist ja nicht zum Aushalten.«

    »Bowie und Imam. wieder vereint. Ich könnte kotzen.«
    »Wer war das?« Lila schnellte wie ein Pfeil von der Sehne eines stramm gespannten Bogens in die hintere Ecke des Raums, aus der die Pöbelei gekommen war. Dort krallte sie sich mit ihren spitzen Fingernägeln in der Kopfhaut Petras fest und schlug die Zähne tief in deren Schulter hinein. Es kostete mich Mühe, Lilas Kiefer so weit auseinanderzudrücken, dass Petra sich mit schmerzverzerrtem Gesicht von ihr trennen konnte. In diesem Moment ähnelte Lila eher einem Raubtier aus der ostafrikanischen Savanne denn einem menschlichen Wesen. Allerdings fühlte ich mich gerade wegen dieses im Grunde genommen wahnsinnigen Charakterzugs zu ihr hingezogen. Denn Lilas spontane Aggressivität hatte nichts gemein mit heimtückischer Angriffslust, sondern rührte daher, dass sie fälschlicherweise annahm, meine Ehre verteidigen zu müssen.

    »Beruhige dich«, raunte ich ihr zu und erkundigte mich gleichzeitig bei Petra: »Alles in Ordnung mit dir? Warum musst du sie unnötig reizen? Du weißt, wie unberechenbar die Kleine reagiert.«
    »Sie ist so eine Bitch«, fauchte Lila, die im Begriff stand, sich erneut auf ihre Widersacherin zu stürzen, sodass ich sie fest umklammerte, damit sie kein weiteres Massaker veranstalten konnte.

    Petra hielt inzwischen mit der Rechten ihren blutenden Oberarm in die Höhe und wimmerte: »Die Verrückte gehört in ein Irrenhaus.«
    »In dem befinden wir uns doch schon; oder nicht?« Aus dem Hintergrund erschallte eine mir wohlbekannte Bassstimme. »Henning mit seinem Faible für exotische Frauen.«

    Ein notorischer Klugscheißer

    Mit vom Alkohol und Valium geröteten Augen entdeckte ich hinter dem Schleier aus Nikotin und im Sonnenlicht tanzenden Staubpartikeln meinen alten Kumpel Rolf. Als ich ihm das letzte Mal begegnet war, saßen wir auf einer morschen Holzbank vor dem namenlosen Grab 147 im alten Friedhof hinter der Klinik und zechten. Als Akademiker, der andere gerne an seiner Allgemeinbildung teilhaben ließ, dozierte Rolf an diesem lauen Frühlingsnachmittag über den Sonnenglauben des Pharaos Echnaton und entrüstete sich darüber, dass ich nur wenig Interesse für den religiös eifernden König aufbrachte und mir stattdessen Gedanken über die sexuelle Ausstrahlung seiner Gattin Nofretete machte.

    »Dir ist einfach nicht zu helfen, Henning«, giftete er. »Bei dir dreht sich alles ums Saufen und Vögeln. Das widert mich wirklich an.«
    »Gut, dass du von allem Laster abstinent bist, alter Pharisäer«, lachte ich, denn ich wollte mir von ihm den gerade eingeläuteten Abend nicht verderben lassen.
    »Das ist anders als bei dir«, erwiderte er.
    »Nämlich?«, fragte ich zurück.
    »Ich trinke nicht aus Freude am Suff, sondern um meine Depressionen im Zaum zu halten.«
    »Deshalb schluckst du doch bereits kiloweise Tabletten. Die helfen nicht?«, erkundigte ich mich in gespielter Naivität bei ihm.
    »Das verstehst du nicht, denn du konsumierst nicht aus einem Gefühl des Weltschmerz heraus wie ich, sondern aus purer Lust am Rausch.«

    Auch Rolf gab sich dem Irrglauben hin, dass er soff, weil ihm in der Vergangenheit himmelschreiendes Unrecht widerfahren war. Den Verlust von Beruf, Frau und Termingeldkonten hatte er bis heute nicht verdaut. Eigentlich wäre er bei der Suche nach dem Urknall der ideale Gesprächspartner für Frau Schneider gewesen, wenn er nicht partout so rechthaberisch auftreten würde. Die Psychologin hätte sich lieber eine Woche alleine in ihrem kleinen Zimmer einsperren lassen, als nutzlose Diskussionen mit Rolf zu führen, die ohnehin zu achtzig Prozent aus Monologen, die ohne Punkt und Ende aus seinem Mund sprudelten, bestanden.

    Nachdem er zu vorgerückter Stunde die tote Whitney Houston schmähte und deren Gesangskunst in Zweifel zog, da ihre Stimme seiner Meinung nach bei weitem nicht an die der Callas heranreichte, bereute ich es, mich mit ihm verabredet zu haben und sann darüber nach, welche Alternativen die soeben angebrochene Nacht mir noch bieten könnte. Als er gegen dreiundzwanzig Uhr in betrunkenem Zustand von der Bank rutschte, ließ ich ihn deshalb auf den von Moos überwucherten Granitplatten vor Grab 147 liegen und machte mich auf den Weg zum Bahnhof, um dort nach Bekannten Ausschau zu halten.

    Erst die Depression und dann der Alkohol oder doch umgekehrt?

    Ob er den kleinen Vorfall mittlerweile abgehakt hat? überlegte ich. Wahrscheinlich nicht, denn Rolf verfügte trotz seines jahrelangen Alkoholmissbrauchs über ein ausgezeichnetes Gedächtnis und vergaß so gut wie nichts. Zudem war er nachtragend und schnell beleidigt. Nun hockte er an diesem brütend heißen Tag in dunklem Anzug und Krawatte auf einem klapprigen Stuhl im Raucherzimmer der geschlossenen Abteilung und qualmte eine dicke Zigarre. Rolfs äußere Erscheinung war schwerfällig, ungelenk und bäurisch; mit seinem durchtriebenem Gesicht, dem konturlosen Kinn und den straff nach hinten gekämmten Haaren ähnelte er einem vollgefressenen, haltlosen und groben Kneipenwirt, wie man sie in den kleinbürgerlichen Vororten der Stadt antrifft. Seine Miene konnte abwechselnd entweder überaus streng wirken, um im nächsten Moment von tausend kleinen Lachfalten durchzogen zu werden. Am meisten amüsierte er sich über seine eigenen Bonmots, von denen er glaubte, dass sie besonders geistreich seien. Eine Meinung, die nicht alle Patienten der geschlossenen Abteilung teilten.

    Früher hatte er als erfolgreicher Wirtschaftsprüfer gearbeitet, bevor ihn widrige Umstände – die er jedoch nie näher erläuterte – dazu zwangen, seine Kanzlei zu schließen und mit dem Betäuben seiner Gefühle zu beginnen. Er selbst bezeichnete sich gerne als Sekundär-Alkoholiker, um bereits mit der Wahl des Begriffs darauf hinzuweisen, dass er keinesfalls der großen Gruppe der hedonistischen Säufer angehörte, sondern einzig aufgrund seiner gottgegebenen melancholischen Ader quasi dazu gezwungen wurde, ab und an zur Flasche zu greifen. Wäre er hingegen als fröhlicher Mensch auf die Welt gekommen – an dieser Stelle seines Vortrags pflegte er mich jedes Mal streng anzublicken –, dann hätte er niemals mit dem Schnaps angefangen. Seiner Meinung nach stellte er einen Trinkertypus sui generis dar. Auf diese Weise grenzte er sich von mir und den anderen verlorenen Seelen in der Suchtstation ab. Mit seiner dozierenden Art machte Rolf sich allerdings nicht nur Freunde in der Abteilung und wurde von den meisten Alkoholikern gemieden, sodass er heute froh schien, mich zu sehen und mir die Sache auf dem alten Friedhof deshalb nicht weiter krumm nahm. Denn obwohl er sich gerne mit dem Nimbus des einsamen Wolfes umgab, kam er mit dem Alleinsein nur schlecht zurecht und suchte in der Klinik nach Unterhaltung und Ablenkung.

    »Bist du auch wieder hier aufgeschlagen«, begrüßte er mich freundlich. »Man kann beinahe die Uhr nach dir stellen, so regelmäßig kreuzt du in der Station auf.« Du natürlich nicht, dachte ich; behielt den Gedanken jedoch für mich.
    »Henning gefällt es halt in diesem Scheißladen«, krächzte Rene, der im Schneidersitz auf dem Linoleumboden hockte und in einer hellgrünen Plastikschüssel einen Brei aus Haferflocken, Puddingpulver und Himbeersirup zusammenrührte. Neben ihm dudelte ein uraltes Transistorradio, auf dem er SWR4 – den Sender mit den deutschen Schlagern – eingestellt hatte, in voller Lautstärke.

    Selbstgedrehte Kippen, laute Musik und Essenswünsche

    »Mach den Kasten leiser, oder ich trete dagegen«, zischte ich, denn am zweiten Tag der Entgiftung geriet ich schnell in Erregung, wenn man mich allzu sehr nervte.

    »Der gute Henning verliert hin und wieder die Contenance. Leider. Das kann mir aufgrund der für Freiberufler notwendigen Ruhe und Gelassenheit nicht passieren. Andenfalls hätte ich in diesem hochkomplizierten Metier nicht erfolgreich arbeiten können«, steuerte Rolf seinen Senf bei. Lila beachtete ihn nicht, sondern musterte immer noch Petra. Als Rolf ihr momentanes Desinteresse an seiner Person bemerkte, stand er auf und sagte: »Dann werde ich in der Küche mal nach dem rechten schauen, ob sie dort alles gemäß meinen Wünschen zubereiten. Denn ich bin es gewohnt, frische Qualitätsprodukte zu mir zu nehmen. Ich esse nämlich nicht aus der Mülltonne wie einige andere hier.« Daraufhin verschwand er durch die Tür.

    »Er ist so ein elender Klugscheißer«, schimpfte Petra und spuckte angewidert einen ausgelutschten Kaugummi an die Wand. Rolf hatte bei ihr aufgrund einer unbedachten Äußerung für immer und ewig verkackt, als er sie im vergangenen Winter hinter vorgehaltener Hand eine abgetakelte Puffmutter nannte. Da in der geschlossenen Abteilung keine Nachricht länger als maximal zehn Minuten geheim blieb, wurde sein herabwürdigender Kommentar Petra in Windeseile zugetragen. Zornbebend stellte sie ihn damals im Essensraum zur Rede, und als er spöttisch lächelnd versuchte, sich in gewundenem Steuerberaterdeutsch aus der Sache herauszumanövrieren, geriet sie in immer größere Wut und drosch ihm schließlich ein mit Brotscheiben, Jägerwurst und Hagebuttentee bestücktes Tablett vor die Stirn. Seit diesem Vorfall mied Rolf die Gegenwart Petras und passte höllisch darauf auf, was er sagte, sobald sie sich in der Nähe befand. Wenn er sich auch gerne den Anschein gab, dass er seit dem Tod seiner Verlobten – der allerdings dreißig Jahre zurücklag – mit den Reizen der Weiblichkeit abgeschlossen hatte, mutmaßte ich hin und wieder, dass er mich insgeheim um meine Unbekümmertheit beneidete. Im Gegensatz zu ihm konnte ich ohne falsche Scheu und spätere Gewissensbisse meinen Kopf zwischen die dicken Brüste Petras stecken und dort die ersten Stunden des Entzugs vor mich hindösen. In ihr weckte es mütterliche Instinkte, und ich überbrückte an ihrer nach Nivea und Patschuli riechenden Haut die schier endlose Zeitspanne des Abkochens auf einskommafünf Promille, bis ich die erste Ration Valium verabreicht bekam. Danach hielt ich körperlichen Abstand zu Petra, weshalb sie mich oft als undankbar und arrogant bezeichnete. Ich jedoch vertrat die Auffassung, dass ihr mein Kinn auf dem Bauchnabel genauso gut gefiel wie mir das Schnarchen an ihrem Busen, weshalb ich mir keiner Schuld bewusst war.

    Ich muss gefüttert werden

    Lila nahm meine Hand und schleifte mich hinter sich her an ihren Sechsertisch im Essensraum. »Neben mir ist noch ein Platz frei. Setz dich hin und warte«, flüsterte sie.

    Nach zwei Minuten kehrte sie zurück und stellte einen Teller mit gummiartigem Graubrot, in Dreiecken konfektioniertem Schmierkäse und einem Klecks in Mayonnaise schwimmendem Kartoffelsalat vor mich hin. Mein Magen, der zwei Wochen lang keine andere Nahrung als Bier und Wodka gesehen hatte, zog sich beim Anblick der ungewohnten festen Kost zusammen. Ein spontanes Würgegefühl schüttelte mich, und es fehlte nicht viel, dass ich Galle unter den Stuhl erbrochen hätte.

    »Soll ich dir helfen?«, fragte Lila zärtlich.
    »Schon gut; ich kann alleine essen«, brummte ich.
    »Spiel jetzt hier bloß nicht den Helden, alter Mann«, ermahnte sie mich. »Du zitterst wie eine Vogelscheuche und wirst es garantiert nicht schaffen, den Löffel unfallfrei bis zum Mund zu führen.«
    »Henning wird gefüttert wie ein Baby«, grinste Rene, der sich gerade die Reste des Puddings von den Fingern leckte. Mit seinem, von einem schütteren Zehntagebart eingerahmten, Gesicht, in dem zwei stets unruhige Pupillen flackerten, erinnerte er mich an die gierigen Frettchen, die die alten Römer zur Mäusejagd abgerichtet hatten.

    »Lass mich bloß in Ruhe, ansonsten quetsche ich deinen gottverdammten Schädel in die Plastikschüssel«, erwiderte ich ungehalten.
    »Der gute Henning vergreift sich ab und an im Ton und vergisst seine gute Kinderstube«, grinste Rolf, während er aufmerksam die Wurstscheiben durchzählte. »Gestern waren es fünf, heute nur noch vier. Wie soll ein erwachsener Mann von so wenig Kalorien satt werden?«
    »Kannst meine nehmen. Ich habe überhaupt keinen Hunger.« In diesem Moment ekelte ich mich vor jeglichem fetten Aufschnitt und der aufgrund der Hitze leicht ranzigen Butter.
    »Gerne.« Bevor Rolf es allerdings schaffte, mit seiner Gabel meinen Teller zu erreichen, schlug ihm Lila das Besteck aus der Hand. »Frag in der Küche, ob sie dir dort einen Nachschlag geben. Henning muss essen, damit er zu Kräften kommt.« Rolf schaute verdutzt, sagte aber nichts, sondern hob stumm die Gabel vom Boden auf.

    Lila mal wieder auf 180

    »Henning hat eine neue Mama. Eine Schokoprinzessin. Wie kann es aber sein, dass du selber so blass aussiehst?«, wieherte Rene und zeigte dabei sein schadhaftes Gebiss.
    »Henning hat dir erklärt, was gleich passiert«, fauchte Lila, während sie Blitze aus ihren grünen Augen in Richtung Rene schleuderte. Der fühlte sich sofort unwohl in seiner Haut und senkte unterwürfig den Blick, weil er mit dem Instinkt eines häufig geprügelten Straßenköters spürte, dass Lila es nicht bei einer Drohung belassen würde. Sie war imstande – und darin wesensgleich mit Petra – ihre Worte blitzschnell in drastische Taten umzufunktionieren. Während Lila mir die Brote in kleine Stücke schnitt und zum Mund führte, aßen Rolf und Rene schweigend ihre Teller leer. Rene rülpste, wischte die Lippen am Hemdärmel ab, griff das Transistorradio und schlurfte zurück ins Raucherzimmer, wo er sich aus den Kippen im Aschenbecher eine neue Zigarette drehen würde.

    »Na, ihr zwei Turteltauben. Macht es euch was aus, wenn ich mich aus eurer illustren Runde entferne?« Rolf hatte seins und die Hälfte meines Abendessens verzehrt, strich sich mit der Hand über den immer noch knurrenden Magen und war im Begriff, aufzustehen.
    »Sprichst du immer so gewählt, Rolf?« Zum ersten Mal redete Lila ihn freundlich an, was Rolf – der für weibliche Signale durchaus empfänglich war – schmeichelte, weshalb er sitzenblieb.
    »In dieser Station eigentlich nicht. Ich passe mein Vokabular der jeweiligen Umgebung an.«
    »Er will damit ausdrücken, dass wir anderen Alkis zu dumm sind, um ihn zu verstehen.«
    »Du hast es auf den Punkt gebracht, Henning.«
    »Jetzt streitet euch doch nicht, ihr beiden.«
    »Wir zanken uns gar nicht. Dafür müssten wir uns auf gleicher Augenhöhe befinden. Aber erlaube kurz einen neuen Gedanken: hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du ein perfektes Gesicht besitzt, Lila?«
    »Nein, Rolf.«

    Ein vergiftetes Kompliment

    »Ein italienischer Maler hat sich so geäußert: Schönheit ist die Summe der Teile, bei deren Anordnung die Notwendigkeit entfällt , etwas hinzuzufügen, zu entfernen oder zu ändern.«
    »Das hast du ganz wunderbar ausgedrückt, Rolf. Siehst du das auch so, Henning?«
    »Ich? Ja, ist schon okay.«
    »Du bist ein alter Griesgram. Nimm dir ein Beispiel an Rolf, dem Charmeur. Der behandelt Frauen sogar in der traurigen Klinik mit dem ihnen zustehenden Respekt. Er ist witzig und aufmerksam und nicht so ein gleichgültiges Monster wie du. Ich geh dann mal auf mein Zimmer. Bin müde. Bis später, ihr Zwei.« Sie brachte ihres und mein Tablett zurück in die Küche und erst jetzt bemerkte ich, dass sie barfuß herumlief.

    »Na, wie fandst du das Zitat, Henning?«
    »Scheiße.«
    »Da du es nicht kanntest?«
    »Rolf, das spricht Nicolas Cage zu Jessica Biel im Film Next. Und: Es war ein deutscher Maler, kein Italiener.«
    »Bei Hollywood bist du mehr Experte als ich. Die Quelle ist doch vollkommen egal. Hauptsache, es hat Lila gefallen. Ich glaube, sie hat sich über das Kompliment sehr gefreut.«
    »Weiß nicht.«
    »Du bist eifersüchtig, weil Du nicht selbst auf die Idee gekommen bist. Los, gib’s zu.«

    Black Mamba sorgt sich

    »Hallo, Herr Hirsch. Schön, dass Sie endlich wieder bei den Lebenden sind.« Neben mir stand unverhofft Schwester Veronika, die gerade mit ihrer Abendschicht begonnen hatte. Von uns liebevoll Black Mamba gerufen. Wegen ihrer Vorliebe für hautenge schwarze Bodies. Sie passte eher als Ninjakämpferin in einen japanischen Schwertfilm als in dieses Krankenhaus. Ich freute mich, sie zu sehen. »Wissen Sie überhaupt, wie Sie hierhergekommen sind?«
    »Habe nur dunkle Erinnerungen an die vergangenen achtundvierzig Stunden.«
    »Wir haben Sie mehr tot als lebendig vorgestern aus Ihrer Wohnung rausgeholt. Das war allerletzte Eisenbahn. Sie wären beinahe abgekratzt.«
    »Hat mir Pfleger Franz heute früh gesteckt. Klingt aber auch aus Ihrem Mund sehr übel.«
    »Da sagen Sie was. Ruhen Sie sich aus, und kommen Sie langsam wieder auf die Beine. Medikamente bringe ich Ihnen gleich vorbei.«

    In düsterer Gemütsverfassung angelte ich mir einen alten Kicker und blätterte lustlos in den mit Kaffeeflecken besprenkelten Seiten herum. Es gelang mir jedoch nicht, mich auf die kurzen Texte zu konzentrieren, und so betrachtete ich notgedrungen nur die Bilder von Fußballspielern, Trainern und Vereinsfunktionären. Irgendwann werde ich nicht mehr lesen können, argwöhnte ich. Spätestens dann werden sie mich in ein Pflegeheim einweisen. Kein schöner Gedanke, wenn man wie ich schwitzend und mit Puls 170 am frühen Abend im Aufenthaltsraum der geschlossenen Station saß und bibbernd auf die nächste Ration Pillen wartete.

    Lila ritzt sich

    »Herr Hirsch, kommen Sie schnell mit.« Die völlig aufgeregte Veronika tauchte plötzlich vor mir auf. In ihren schreckgeweiteten Augen spiegelten sich Fassungslosigkeit und Trauer.
    »Was ist los, Schwester?«
    »Die junge Frau, Ihre Freundin, hat sich was angetan.«
    »Ich bin kein Arzt.« Die waren erfahrungsgemäß nie in der Nähe, wenn was passierte.
    »Weiß ich. Aber sie fragt nach Ihnen.«

    Gemeinsam hasteten wir zu Lilas Zimmer, wobei ich eher hinkte und trotz der kurzen Strecke schnell aus der Puste geriet. Uns bot sich ein grauenerregender Anblick. Eine blutverschmierte Lila. Ein zerborstener Spiegel im Badezimmer. Sie hielt mir ihre Hand entgegen. Ich nahm sie in die meine.
    »Henning, ich habe mich bestraft.« Ich nahm sie in meine Arme, sie schluchzte hemmungslos, ihr schlanker Körper wurde von Heulkrämpfen geschüttelt.
    »Ich sehe es.«
    »Nachdem mir dein Freund das mit der Schönheit gesagt hatte, da verspürte ich mit einem Mal einen enormen Druck in mir.«
    »Ja, leider.«
    »Ich habe versucht, es zu unterdrücken. Aber dann wurde der Zwang zu groß.«
    »Das ist bei Menschen wie dir so.«
    »Ich musste mich einfach ritzen.«
    »In dein schönes Gesicht. Ich könnte weinen, wenn ich dich anschaue.«

    Fassungslos schüttelte ich den Kopf, während mir Lilas Blut über Hemd, Hose und die weißen Tennisschuhe tropfte. Ich würde meine Sachen nachher in die Mülltonne werfen. Machte ich jedes Mal so, wenn ich mit vollgepissten Jeans und zerrissenen T-Shirts in der Klinik aufschlug. Das Vernichten der verdreckten Kleidung bedeutete für mich einen wesentlichen Bestandteil meines allmonatlichen Reinigungsprozesses. Veronika und eine mir unbekannte Assistenzärztin versuchten derweil, die Verletzungen provisorisch zu behandeln und verabreichten Lila eine Spritze mit einem starken Beruhigungsmittel in die linke Armbeuge. Danach ließen sie uns alleine; ermahnten uns jedoch, weitere Dummheiten auf jeden Fall zu unterlassen.

    »Henning, wirst du mich auch lieben, wenn ich in Zukunft aussehe wie ein Zombie?«
    »Ja!«
    »Glaubst du, dass man die Narben lasern kann?«
    »Natürlich«, log ich. Was hätte ihr in diesem Moment die Wahrheit genützt?
    »Das stimmt nicht. Brauchst nicht zu flunkern. Ich weiß, dass du mich nicht unnötig aufregen möchtest.«
    »In der plastischen Chirurgie sind heute viele Dinge möglich«, antwortete ich mit schmalen Lippen.
    »Das ist nicht weiter schlimm. Mir reicht es, dass du jetzt neben mir sitzt. Geh bitte nicht weg!«. Lila versuchte, tapfer zu sein und sich ihre Verzweiflung nicht anmerken zu lassen.

    Am Abend fühle ich mich noch mieser als am Morgen

    Nach einigen Minuten, in denen wir über belangloses Zeug geplaudert hatten, kehrte die junge Ärztin zurück: »Wir werden Sie in einer Stunde in die psychosomatische Abteilung verlegen.«
    »Ich möchte aber bei ihm bleiben.« Lila bäumte sich auf und wollte aus dem Zimmer fliehen. Sachte drückte ich sie zurück in ihren Sessel.
    »Lila, sie werden es tun. Das ist eine Entgiftungsstation. Fälle wie deiner sind hier nicht richtig aufgehoben.«
    »Wirst du mich da besuchen?«
    »Klar.« Aber nicht so bald, wie du hoffst. So schnell werden sie mich aus der Geschlossenen nicht rauslassen, ging es mir durch den Kopf, verriet es Lila allerdings nicht.

    An der dick gepanzerten Ausgangstür verabschiedeten wir uns. Veronika tippte einen fünfstelligen Code in die an der Wand befestigte Tastatur, die beiden Flügel des Portals glitten mit einem leisen Summen auseinander und gaben für einige Sekunden den Blick frei in die Außenwelt. Ein bulliger Pfleger, den ich zum ersten Mal sah, packte Lila an der Schulter und bugsierte sie hinaus in die unendlich langen Korridore des psychiatrischen Krankenhauses. Sie drehte sich ein letztes Mal um, weil sie mir zuwinken wollte. Ich hatte mich jedoch bereits abgewandt, da ich tränenreiche Lebewohlszenen nicht leiden konnte.

    In noch niedergeschlagenerer Stimmung als einige Stunden zuvor schlurfte ich zurück in das Raucherzimmer. Dort warteten bereits Rolf und Rene auf mich. Vor Neugier schier platzend, um sich von mir über die jüngsten Geschehnisse informieren zu lassen. Ich aber schwieg.

    »Wie geht es Lila?«, unterbrach Rolf schließlich die Stille.
    »Sie wird’s schon überleben. Aber ihr Gesicht ist halt im Eimer«, antwortete ich einsilbig.
    »Immer dasselbe mit den Junkies.« Rene grinste, während er sich mit spinnenartigen Fingern eine Kippe drehte.
    »Ihr zwei Clowns versteht gar nichts. Lasst mich bloß in Ruhe! Heute fühle ich mich supermies.«

    Ich setzte mich in die hinterste Ecke des Raums und stierte mit inhaltsleerem Gehirn an die gelbe Tapete. Vom Sekundenschlaf übermannt döste ich an Ort und Stelle ein und wurde eine Stunde später von Veronika sanft aufgeweckt, die mich, ohne ein Wort zu sagen, in mein Bett verfrachtete.
    ENDE

  • Alkohol = Volkskiller Nr. 1 – und was tut die Politik?

    Alkohol = Volkskiller Nr. 1 – und was tut die Politik?

    In Deutschland beklagen wir pro Jahr rund 75.000 Tote (nicht gezählt die durch Alkohol verursachten und begünstigten Krebserkrankungen), die aufgrund der Kombination Schnaps und Zigaretten ein paar Jahre früher als ursprünglich geplant ins Gras beißen (davon 30–50 % durch Alkohol alleine, also ohne zusätzliches Suchtmittel). Hinzu kommen jährlich 120 000 Menschen, die sich wegen chronischen Tabakmissbrauchs vorzeitig die Lunge final aus dem Hals gehustet haben. Dem gegenüber stehen 1500 Opfer illegaler Drogen (darunter zwei Drittel durch Opioide = Heroin u. Ä.). Cannabis-Tote = 0.

    Die schiere Masse der Alkoholkranken übersteigt die der anderen Substanzabhängigen um ein Vielfaches. Den überwiegenden Anteil der Patienten in stationären Einrichtungen bildet die Wodkafraktion, mit großem Abstand gefolgt von Tabletten- (Benzodiazepine) und Opiatsüchtigen. Cannabis-Junkies trifft man dort nur äußerst selten. Alkohol stellt also die bei Weitem gefährlichste Droge für unsere Bevölkerung dar. Bedrohlich sowohl für die körperliche als auch die geistige Gesundheit der Konsumenten. Kein weiterer psychotroper, also auf die Psyche einwirkender, Stoff fordert mehr Menschenleben. Jedes Jahr aufs Neue gehen so in stupider Regelmäßigkeit die oben genannten 75.000 Abhängigen in Folge von geplatzter Leber, Herzinfarkten, Bauchspeicheldrüsenkrebs und gebrochenem Genick nach Treppensturz in die ewigen Säufergründe ein.

    Trotzdem kann man – sobald das 18. Lebensjahr erreicht ist – Hochprozentiges bei uns genauso einfach kaufen wie Toastbrot und Kondome. Keine nennenswerten Einschränkungen, keine Warnhinweise auf Flaschen, Flachmännern und Dosen, Alkoholwerbung ist in TV und Radio weiterhin erlaubt. Eine derart wachsweiche Vorgehensweise vom selben Gesetzgeber, der bei Besitz von zwei Krümeln Marihuana sofort mit Staatsanwalt und Knast droht? Weshalb dieses eklatante Ungleichgewicht zwischen Schnaps und den anderen harten Drogen? Weil’s ein Kulturding ist? Weil die Politik einen Volksaufstand befürchtet, falls sie mal ernsthaft über Einschränkungen debattiert?

    Experten-Warnungen verhallen ungehört

    Mit dem Alkohol verhält es sich wie mit dem Klima. Die Experten warnen vor den negativen Konsequenzen, die sich unweigerlich einstellen, wenn wir nicht langsam mal auf die Bremse treten und über sinnvolle Maßnahmen nachdenken. Ein Teil der Bevölkerung hält das – in der gemäßigten Variante – für künstlich aufgebauschte Probleme oder befürchtet sogar Fake News. „Jetzt wollen sie uns sogar den letzten Spaß mit unserem Feierabendbier verderben. Sollen sie sich besser um die Kiffer und Junkies kümmern. Die werden viel zu sehr mit Samthandschuhen angefasst“, bekommt man zu hören, sobald man für Regulierungen bei der Volksdroge Nr. 1 eintritt.

    „Prohibition hilft kein bisschen weiter“, sagen die etwas Gebildeteren, die ihr Wissen über diese Zeit vor allem aus Robert-De-Niro-Filmen speisen: „Zwischen 1919 und 1933 wurde in den USA mehr getrunken als in der Zeit davor, und die Beschaffungskriminalität nahm aberwitzige Ausmaße an.“ Das stimmt, allerdings nur zur Hälfte. In Wahrheit sank der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in den Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum um 30–50 %. Zwar nicht gleichverteilt zwischen Stadt (dort wurde in den neu entstandenen sogenannten Flüsterkneipen ordentlich gebechert) und Land (das trocknete aufgrund der Schließung der Saloons ziemlich aus), aber der Verbrauch ging dennoch deutlich zurück und erreichte erst Mitte der 70er-Jahre wieder das Niveau von 1918.

    Das mit Al Capone, Lucky Luciano und Meyer Lansky steht auf einem anderen Blatt. Denn natürlich bewirkt ein Komplettverbot mafiöse Produktions- und Vertriebsstrukturen. Weshalb bis auf fanatische Abolitionisten auch niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, ein Komplettverbot fordert.

    7 einfache Maßnahmen

    Deutschland belegt Jahr für Jahr aufs Neue eine Top-Position im Ranking der globalen Trinkernationen, und niemanden außerhalb der 24/7 bis auf den letzten Platz ausgebuchten Suchtkliniken juckt das großartig. Obwohl der Politik natürlich bewusst ist, dass dem Alkohol zwischen Neujahr und Silvester zehntausende Menschen zum Opfer fallen, tut sie hartnäckig nichts gegen dessen Verbreitung.

    Dabei ist das zu ergreifende Maßnahmenbündel einfach und bereits in anderen Ländern erfolgreich erprobt:

    1. Erhöhung der Preise (der Stoff ist bei uns definitiv zu billig)
    2. Heraufsetzung des Bezugsalters (keine Alkopops, kein Bier an Minderjährige)
    3. Ausdünnung der Verkaufsstellen (was um Himmels willen hat Jägermeister in den Regalen von Tankstellen zu suchen?)
    4. keine Abgabe nach 22 Uhr (mit Ausnahmeregelung für Clubs)
    5. konsumfreie Räume (z. B. ÖPNV, öffentliche Plätze)
    6. keine Werbung in TV, Radio, Printmedien, auf Plakatwänden und Trikots von Sportvereinen u. Ä.
    7. Promillegrenze Nullkommanull am Steuer (erspart die lästige Rechnerei nach dem dritten Weihnachtsmarkt-Glühwein).

    Das würde – unter der Voraussetzung, alle 7 genannten Instrumente gelangten zur Anwendung – zu einer merklich spürbaren Reduktion des Konsums führen. So einfach ginge das, fragen Sie?. Ja, so einfach geht das, antworte ich. Aber es muss halt auch mal konsequent durchgeführt – und natürlich ebenfalls überwacht – werden. Weshalb Tabakwerbung böse, Alkoholspots zur besten Sendezeit jedoch völlig okay sind, versteht außer Bitburger-Trinkern und den „Jeder ist für seine Sucht selbst verantwortlich“-Pseudoliberalen auch niemand.

    Und noch einmal: Es handelt sich dabei nicht um Prohibition. Es geht einzig um die Erschwernis des Erwerbs und in der Konsequenz die Verringerung der alkoholverursachten Todesfälle. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Heroin frei verkäuflich in der Apotheke und Ecstasy im Drogeriemarkt anzubieten.

    Das menschliche Grundbedürfnis nach Rausch bliebe selbstverständlich weiterhin unangetastet. Es würde nur etwas schwieriger gemacht, sich in den Orbit zu katapultieren. Die vielen Menschen, die in Zukunft nicht wegen Alkoholexzessen in der Kühlschublade des Leichenschauhauses landen, werden es uns danken, wenn wir bei den offenkundig notwendigen Regulierungsschritten endlich auf die Stimmen der Experten hören.

    Deutschland ist in Blickrichtung auf den ungehinderten Zugang zur Droge Alkohol eines der freizügigsten Länder der Welt. Die Sinnhaftigkeit selbst kleinster Maßnahmen (z. B. kein Verkauf in Tankstellen) wird angezweifelt, zu einem kompletten Werbeverbot will sich niemand durchringen. Die Politik bleibt, was ein konsequentes Gegensteuern bei der offenkundigen Gesundheitsgefährdung anbelangt, zögerlich bis hin zu verharmlosend. Reine Appelle à la „Kenn dein Limit“ fruchten wenig, solange man Alkopops, Bier und Schnaps weiterhin 24/7 an jeder Ecke zu Discountpreisen erwerben kann.

    MERKE
    Wenn Deutschland in einem Bereich liberal ist, dann beim Verkauf von Alkohol. Das führt in der logischen Konsequenz zu überhöhtem Konsum und konstant aus den Nähten platzenden Suchtkliniken. Regulierende Maßnahmen täten dringend not, werden aber nicht ergriffen. Die jährlich 75 000 Alkoholtoten bedanken sich dafür ganz herzlich bei unserem Laissez-faire-Gesetzgeber.

  • Das Märchen vom Alkoholiker, der nur sich selbst schädigt

    Das Märchen vom Alkoholiker, der nur sich selbst schädigt

    Ein Lieblingsmärchen aller Säufer lautet: „Mit dem Trinken schade ich ja bloß mir selbst.“ In leichter Abwandlung aus Politikermund klingt das dann so: „Selbstschädigung liegt in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen.“

    Hört sich erst mal gut an, ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn wie beim Nikotin gibt es ebenfalls beim Alkohol unschuldige Opfer zu beklagen: nämlich all diejenigen, die von beschwingten Weihnachtsmarktbesuchern, die sich benebelt ans Steuer ihres SUVs setzen, nachts auf einsamer Landstraße übergemangelt oder die vom unter Weizenkorneinfluss zu Gewalt neigenden Lebenspartner ins Krankenhaus geprügelt werden – um von all den sich in psychologischer Behandlung befindenden Co-Abhängigen gar nicht erst zu reden. Dass Bier und Schnaps einzig den Trinker selbst schädigen, ist eine fromme Legende, die wie ein Mantra von Alkoholindustrie und Pseudoliberalen stets aufs Neue beschworen wird, sobald jemand aufgrund der klar ersichtlichen Missstände vorsichtige Regulierungsschritte anregt, die dazu dienen sollen, den exzessiven Konsum wenigstens partiell einzudämmen.

    Mal völlig losgelöst vom Aspekt, dass wir Junkies das Recht auf eigenverantwortliche Gesundheitsdemontage nicht zugestehen, sondern bei harten Drogen von Anfang an streng regulierend eingreifen, soll uns die obige Falschbehauptung – denn um nichts anderes handelt es sich dabei – weismachen, dass die negativen Konsequenzen des Alkohols einzig der Trinker zu spüren bekommt, weshalb Warnhinweise und Einschränkungen, wie wir sie beim Tabak gewöhnt sind, nicht notwendig seien. Denn der Nikotinabhängige teert ja nicht nur alleine seine Lunge, sondern verqualmt ebenfalls seine Umwelt (Passivrauchen), weshalb Verbote bei Zigaretten & Co. durchaus Sinn ergäben.

    Nun sagt niemand, dass ein an einer Cola nuckelnder Gast durch Geruch oder Anblick eines bunten Cocktails, der am Nachbartisch serviert wird, körperliche Schäden davonträgt. Es könnte zwar theoretisch passieren, dass der Cola konsumierende Gast ein trockener Alkoholiker ist, der durch den Anblick des Cocktails dermaßen getriggert wird, dass er noch am selben Abend einen Rückfall erleidet. Aber das ist zum einen ein Spezialfall und zum anderen muss sich der trockene Alkoholiker ja nicht abends in ein Lokal setzen, in dem alkoholische Getränke ausgeschenkt werden. Fällt in die Rubrik:ein bisschen Risiko ist immer.

    Unfälle und Straftaten unter Alkoholeinfluss

    Was aber ist eigentlich mit den – gar nicht so seltenen – alkoholverursachten Kollateralschäden wie Verkehrsunfällen, körperlicher Gewaltanwendung/häuslicher Gewalt und psychischem Dauerstress, der auf Verwandte und Freunde ausgeübt wird? Sind das vernachlässigbare Problemfelder, weil die Fallgrößen so gering sind?

    Fallgruppe Anzahl
    Alkoholbedingte Verkehrsunfälle mit Sach- und/oder Personenschaden 36.000 (davon 4.600 schwerverletzte Personen und knapp 250 Getötete)
    Straftaten unter Alkoholeinfluss (nur die zur Anzeige gelangten Delikte) 222.000 (davon rund 800 Tötungen)
    alkoholbedingter Stress von  Familienangehörigen k. A.
    zum Vergleich: Todesopfer aufgrund von Passivrauchen (koronare Herzkrankheit,Schlaganfall, Lungenkrebs) 3.000

    Quellen: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V., Bundeskriminalamt, Statistisches Bundesamt, WHO (Welt-Tabak-Bericht)

    Auch wenn sich die Angaben nicht eins zu eins vergleichen lassen, so zeigt sich doch, dass die Zahlen der externen Alkoholgeschädigten diejenigen der Passivrauch-Opfer deutlich überschreiten, was zu der Frage führt, weshalb diese beiden Problemfelder derart unterschiedlich behandelt werden. Ist ein Kirmesbesucher,der von einem aufgrund zwei Promille völlig enthemmten Dorf-Rambo einen Bierkrug über den Schädel gezogen bekommt, weniger schützenswert als ein Restaurantgast, dem der Rauch einer Zigarette vom Nachbartisch in die Nase steigt?

    Co-Abhängige: Oft noch ärmer dran als der Trinker

    Was ist vor allem mit der Schutzwürdigkeit der geschätzt acht bis zehn Millionen Co-Abhängigen? Denn diese bedauernswerte Gruppe ist andauerndem psychischen Stress bis hin zu körperlicher Gewaltanwendung ausgesetzt. Co-Abhängigkeit stellt außerhalb von Fachkreisen ein immer noch stark vernachlässigtes Thema dar, obwohl sie aufs Engste mit der Sauferei verwoben ist. Die wissenschaftliche Definition für das traurige Phänomen lautet: „Bezugsperson eines Betroffenen, die durch ihr Verhalten – aktives Tun und/oder Unterlassen – die Sucht des Erkrankten zusätzlich fördert und darüber hinaus unter der Situation leidet. Dies kann im Extremfall soweit gehen, dass der Co-Abhängige selbst süchtig wird.“

    Diese hinsichtlich Verbreitungsgrad und Schwere häufig unterschätzte seelische Erkrankung wird in drei Phasen eingeteilt:
    1. Nachsicht: Verständnis, Zuwendung durch Aufmerksamkeit, Verdrängung, Ermunterung zur Selbstdisziplin, Empfehlung, doch mal einen Psychologen aufzusuchen, um über das Problem zu sprechen
    2. Vertuschen: Verheimlichung und Verharmlosung gegenüber Verwandten und Freunden, der Partner übernimmt Aufgaben des immer häufiger handlungsunfähigen Trinkers, uferlose Diskussionen, die jedes Mal ohne konkretes Ergebnis enden
    3. Überwachung: Beobachtung, Kontrolle, Streit und gegenseitige Aggression nehmen zu, Verachtung

    Die Extremform der Co-Abhängigkeit besteht im Erdulden häuslicher Gewalt. Welcher Patient kennt sie nicht: die bei jedem Wetter auch in geschlossenen Räumen sonnenbebrillten Ehefrauen, die ihre Aggro-Männer, die im Moment aufgrund von 20 Distra im Magen-Darm-Trakt ausnahmsweise mal friedlich vor sich hin dämmern, in der Klinik besuchen, wo sie ihnen tränenreich verzeihen, anstatt wortlos die Adresse des Scheidungsanwalts auf eine Papierserviette zu schreiben und wieder zu gehen? Wenn die mit Hämatomen übersäte Ehefrau nicht sogar in der Nachbarstation ebenfalls einen Entzug durchläuft. Ungefähr ein Zehntel der weiblichen Patienten in Suchtkliniken wird mit Prellungen und Schürfwunden eingeliefert. Ein Teil der Opfer findet den Weg ins Krankenhaus alleine, andere werden von Freundinnen begleitet, in schlimmen Fällen eskortiert von der Polizei.

    Nun läuft folgende Dramaturgie ab: Am ersten Tag schütten die Frauen ihr Herz aus. Die traurige Geschichte der andauernden Prügelorgie wird Ärzten, Pflegepersonal und Mitpatienten erzählt. 24 Stunden später, wenn der erste Schock abflaut, gibt’s die Story bereits in abgemilderter Version zu hören: „Na ja, so schlimm, wie es gestern aussah, war es dann doch nicht. Horst-Jürgen – mein Mann – ist eigentlich ein herzensguter Kerl. Ihm rutscht halt hin und wieder die Hand aus.“ An Tag 3 wird schließlich diese Erklärung nachgeschoben: „Ich bin eigenverschuldet die Treppe runtergefallen.“ Zwei Stunden später sitzt Horst-Jürgen händchenhaltend mit der nach wie vor arg lädiert aussehenden Lebensgefährtin im Aufenthaltsraum und hat ihr als Wiedergutmachungspräsent ein Stück Käsekuchen mitgebracht.

    Ich habe mich oft gefragt: Warum tun die das? Weshalb versauen sich diese Frauen ihr Leben mit einem trinkenden, prügelnden und offenkundig therapieunwilligen Kerl? Welche Stufe des Masochismus muss man erreicht haben, um sich diesem Psychoterror freiwillig jahrelang auszusetzen? Nachdem mich die Berichte anfangs fassungslos zurückließen, gewöhnte ich mich mit der Zeit daran und begriff, warum Staatsanwaltschaft, Psychologen und Sozialarbeitern im Falle der unterbleibenden Strafanzeige die Hände weitgehend gebunden sind. Die Rollen in dieser Tragödie sind klar verteilt: Mann schlägt, Frau erduldet. Die umgekehrte Variante existiert zwar ebenfalls, ist aber nur sehr selten anzutreffen. Alkoholisierte Frauen neigen eher zu verbaler denn zu körperlicher Gewaltanwendung.

    Psychologen weisen auf fünf Frühindikatoren später möglicher häuslicher Gewalt hin:
    1. Generelle Einstellung: Der Partner äußert sich häufig respektlos und herablassend über Frauen.
    2. Eifersucht: Harmlose Flirts werden zu Staatsaffären aufgebauscht.
    3. Kontrollwahn: Er will – bis ins Detail hinein – für sie entscheiden und über alles informiert werden.
    4. Isolation: Er separiert die Partnerin von Familie, Freunden und Arbeitskollegen.
    5. Gewalt gegenüber Sachen: Wenn er zornig wird, zerstört er Einrichtungsgegenstände etc. und will sie durch dieses Verhalten einschüchtern.

    Die Droge ist dann bloß noch der Brandbeschleuniger, um die angestaute Wut explodieren zu lassen und in physische Gewalt zu verwandeln.

    Stereotype Entschuldigungsmuster am Tag danach:
    • „Ich hatte zu viel getrunken. Nüchtern passiert mir das nicht.“
    • „Jetzt übertreibst du aber. So schlimm war das gestern doch gar nicht.“
    • „Ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern.“

    Das Problem ist allerdings mehrschichtig. Vereinfacht ausgedrückt lassen sich drei Opfertypen unterscheiden:
    1. Ist sich darüber im Klaren, dass häusliche Gewalt ein wiederkehrendes Phänomen darstellt und es bei nächster Gelegenheit erneut passieren wird; sucht aktiv nach einem Ausweg.
    2. Wie 1., allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass aufgrund falsch verstandener Loyalität und/oder Sorge vor dem finanziellen Absturz der Verbleib in der Beziehung als das geringere Übel angesehen wird; oft auch Angst davor, dass der verlassene Partner nun richtig aufdreht.
    3. Hat die Gewalt akzeptiert und entwickelt ihrerseits unter Alkoholeinfluss sogar den Wunsch, periodisch verprügelt zu werden.

    Externe Unterstützung ist für die Gruppen 2. und 3. nur sehr schwer möglich, weshalb diese Frauen mit steter Regelmäßigkeit in den Kliniken aufschlagen.

    Wie schützt man sich und seine Kinder?

    Je länger der Partner die Trinkexzesse toleriert, desto schwieriger wird es, die Geisterbahnfahrt aus eigener Kraft zu stoppen. Denn auch an den Zustand der Co-Abhängigkeit kann man sich gewöhnen.

    Was sollte man vernünftigerweise tun, um Schaden von sich selbst – und Kindern, die es ja auch oft gibt – abzuwenden? Spätestens zum Zeitpunkt der Weigerung, sich mit einem Psychologen über das Problem auszutauschen, muss mit Konsequenzen gedroht werden: „Ich ziehe aus und nehme die Kleinen mit!“ Den Trinker aus dem Haus zu bekommen, gestaltet sich zumeist schwierig. Er wird es nicht einsehen, ständig anrufen, vor der Tür stehen bis hin zum Stalking. Mitleid ist das falsche Rezept. Er kann ja gegensteuern, den Konsum reduzieren (besser: komplett stoppen), ärztlichen Rat einholen, sich in therapeutische Behandlung begeben. Falls er das selbstständig nicht auf die Reihe bekommt, existieren zwei Erklärungsansätze für das Versagen: entweder will er nicht oder die Krankheit ist bereits so weit fortgeschritten, dass es ihm nicht mehr möglich ist, auf die Bremse zu treten. Im zweiten Fall hilft eh nur ein Entzug mit professioneller Unterstützung, der jedoch nur dann erfolgreich sein wird, wenn sich Reha und der Besuch einer Selbsthilfegruppe anschließen.

    Die falsche Herangehensweise ist es, dem Trinker ein schönes Zuhause anzubieten, wo er sich jeden Abend gemütlich volllaufen lassen kann. Das bisschen Stress am nächsten Morgen, „Boah, was warst du gestern wieder betrunken. Denk doch auch mal an mich und die Kinder!“, steckt er locker weg, weil er weiß, dass nichts weiter passieren wird. Alkoholiker sind Egoisten, die alles und jeden ihrer Sucht unterordnen. Allerdings benötigt ein Großteil von ihnen ein halbwegs intaktes familiäres Umfeld, denn der Säufer ist labil und hat große Angst vor dem Alleinsein. An dem Tag, an dem dies alles wegzubrechen droht, schaffen es einige in letzter Sekunde doch noch, den Richtungswechsel herbeizuführen; den anderen ist von Verwandten und Freunden sowieso nicht zu helfen.

    Wer als Partner eines Süchtigen nicht in die Co-Abhängigkeit geraten will, ist also, solange der Erkrankte keine Anstalten macht, die Situation von sich aus zu verändern, gut beraten, die Koffer zu packen und das gemeinsame Haus des Elends – ohne Rückfahrkarte – zu verlassen. Die Erfahrung lehrt: Es wird schlimmer und nicht besser. Bis hin zu häuslicher Gewalt. Co-Abhängige, die bleiben, sind immer gefährdet, selbst in die Sucht abzurutschen. Zudem steigt bei ihnen das Risiko stark an, an Angstattacken, depressiven Schüben, Selbstzerstörungstrieb und Ähnlichem zu erkranken. Wie eine co-abhängige Bekannte es mir einmal erklärte: „Mein Mann hat den Alkohol im Blut, ich im Kopf. Ich kann kaum noch an was anderes denken.“

    Nach dem Lesen der obigen Zeilen sollte klar geworden sein, dass es sich beim Saufen keineswegs um pure Selbstschädigung eigenverantwortlich entscheidender, volljähriger Bürger handelt, die uns andere – und vor allem den Staat – nicht zu interessieren hat, sondern die kollateralen Verheerungen, die Schnaps und Bier anrichten, teilweise viel dramatischer ausfallen als beim Passivrauchen. 36 000 alkoholbedingte Verkehrsunfälle plus rund 40 000 schwere und gefährliche im Rausch begangene Körperverletzungen pro Jahr deutschlandweit zuzüglich ungezählter psychischer Co-Abhängigkeitswracks führen ganz deutlich vor Augen, dass das Mantra „Lasst die Trinker ungestört trinken“ Unfug bis hin zu grob fahrlässig ist.

    MERKE
    Der Trinker lebt nicht alleine im Wodka-Universum. Es existieren neben ihm noch die beiden Gruppen „Opfer von alkoholbedingten Verkehrsunfällen und Straftaten“ sowie die „Co-Abhängigen“. Großen Schaden richtet der Alkohol bei allen dreien an.

  • Wann ist man Alkoholiker?

    Wann ist man Alkoholiker?

    Als psychotrope Substanz verändert Alkohol unser Bewusstsein: sei es als Stimmungsaufheller, Enthemmer, Runterkommer, Vergessenschenker, Einschlafhilfe oder Aphrodisiakum. Solange wir ihn maßvoll und in zufällig getakteten Zeitabständen konsumieren, ist alles okay mit dem Stoff. Sobald wir allerdings damit beginnen, die Droge zu bestimmten Zwecken – und dann in der Konsequenz regelmäßig – einzusetzen, erreichen wir über kurz oder lang die kritische Schwelle vom Genuss- hin zum Gewohnheitstrinken.

    Bei vielen klappt es mit dem Saufen halbwegs passabel bis ins hohe Alter. Bei einigen kippt die Sache, und sie überqueren eines Nachts die Schwelle vom Risikotrinker zum Alkoholiker, der es nicht mehr schafft, nach einer Flasche Soave eigenhändig den Stoppschalter zu betätigen, sondern im Anschluss noch eine Pulle Wodka die Kehle runterlaufen lässt. Trinken, bis die Lampen ausgehen, man sich beim Aufwachen nicht mehr an den vorherigen Abend erinnert und sofort auf den Weg zum nächstgelegenen Kiosk macht, um Nachschub zu besorgen. Konsum als 24/7-Dauerzustand.

    Nun gibt es bei Alkoholikern solche, solche und solche. Nicht jeder von ihnen schüttet sich jeden Tag bis zur Bewusstlosigkeit zu, kann sich ein Dasein unterhalb von 3,0 Promille beim besten Willen nicht vorstellen bzw. ist ohne ständige ärztliche Hilfe nicht überlebensfähig. Es existiert zusätzlich die gar nicht kleine Gruppe der Quartalssäufer, die einzig zu bestimmten Anlässen die Sau so lange durchs Wirtshaus treiben, bis sie bewusstlos unterm Tisch oder im Straßengraben liegen. Die dritte Fraktion bilden die sogenannten Spiegeltrinker, die vom Aufstehen über Mittagsschläfchen bis hin zum Spätfilm auf Netflix konstant einen Pegel von beispielsweise 1,5 Promille halten und in der Konsequenz im Abstand von 90 Minuten nachtanken müssen.

    Alle drei Gruppen haben gemeinsam, dass ihr Umgang mit Alkohol grob fahrlässig, selbstzerstörerisch bis hin zu lebensgefährlich ist. Zudem sind die Übergänge fließend: Viele Quartals- und Spiegeltrinker erreichen über kurz oder lang das Stadium der 24/7-Volldröhnung. Denn – und das ist eine der teuflischen Gefahren der Droge – der Abhängige benötigt im Zeitverlauf eine immer stärker werdende Dosis, um das Wohlgefühl herzustellen, das er für seine wacklige Balance braucht. Aus einem anfänglichen 1,0-Pegel wird so ein 2,0-Spiegel,der irgendwann in einen Dauer-3,0- bis -4,0-Rausch mündet. Das Abdriften in das Rock-around-the-clock-Vollbesäufnis muss nicht bei allen Alkoholikern geschehen. Ich kenne Kandidaten, die es über Jahrzehnte geschafft haben, sich nur abends in einen weit entfernten Spiralnebel abzuschießen und die – oft zittrigen – Finger tagsüber vom Fusel wegzulassen. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Trinkzeit kontinuierlich nach vorne verlegt wird, bis man eines Morgens den ersten Cognac bereits zum Frühstück runterspült, für die Mitglieder dieser Gruppe hoch.

    Okay, sagen Sie, dass zu viel getrunken wird, wissen wir jetzt. Aber wer von uns ist denn nun tatsächlich eine Schnapsdrossel im strengen medizinischen Sinn?

    Zu viel Alkohol ist immer hochriskant

    Der erste Wissenschaftler, der Alkoholismus zum Forschungsobjekt erhob, war in den 1930er-Jahren ein US-amerikanischer Physiologe: Elvin Morton Jellinek. Seine noch heute verbreitete Klassifikation unterscheidet Alkoholkranke in fünf Typen:

    Alpha-Typ (Problemtrinker, Erleichterungstrinker) trinkt, um innere Spannungen und Konflikte (etwa Verzweiflung) zu beseitigen („Kummertrinker“). Die Menge hängt ab von der jeweiligen Stress-Situation. Hier besteht vor allem die Gefahr psychischer Abhängigkeit. Alphatrinker sind nicht alkoholkrank, aber gefährdet.
    Beta-Typ (Gelegenheitstrinker) trinkt bei sozialen Anlässen große Mengen, bleibt aber sozial und psychisch unauffällig. Betatrinker haben einen alkoholnahen Lebensstil. Negative gesundheitliche Folgen entstehen durch häufigen Alkoholkonsum. Sie sind weder körperlich noch psychisch abhängig, aber gefährdet.
    Gamma-Typ (Rauschtrinker, Alkoholiker) hat längere abstinente Phasen, die sich mit Phasen starker Berauschung abwechseln. Typisch ist der Kontrollverlust: Er kann nicht aufhören zu trinken, auch wenn er bereits das Gefühl hat, genug zu haben. Obwohl er sich wegen der Fähigkeit zu längeren Abstinenzphasen sicher fühlt, ist er alkoholkrank.
    Delta-Typ (Pegeltrinker, Spiegeltrinker, Alkoholiker) ist bestrebt, seinen Alkoholkonsum im Tagesverlauf (auch nachts) möglichst gleichbleibend zu halten: daher auch der Begriff Spiegeltrinker (Blutalkoholkonzentration bzw. Blutalkoholspiegel sind konstant). Dabei kann es sich um vergleichbar geringe Konzentrationen handeln, diese steigen jedoch im Verlauf der fortschreitenden Krankheit und der damit sich erhöhenden Alkoholtoleranz meist an. Der Abhängige bleibt lange sozial unauffällig („funktionierender Alkoholiker“), weil er selten erkennbar betrunken ist. Dennoch besteht starke körperliche Abhängigkeit. Er muss 24/7 Alkohol trinken, um Entzugssymptome zu vermeiden. Durch den ständigen Konsum entstehen körperliche Folgeschäden. Deltatrinker sind nicht abstinenzfähig und alkoholkrank.
    Epsilon-Typ (Dipsomane, Quartalstrinker, Alkoholiker) erlebt in unregelmäßigen Intervallen Phasen exzessiven Alkoholkonsums mit Kontrollverlust, die Tage oder Wochen dauern können. Dazwischen kann er monatelang abstinent bleiben. Epsilon-Trinker sind alkoholkrank.

    Um das jeweilige Stadium der Erkrankung zu fixieren, entwickelte Jellinek einen Erhebungsbogen mit knapp 30 Fragen, die von „Denken Sie häufig an Alkohol?“ über „Trinken Sie heimlich?“ bis hin zu „Hatten Sie bereits ein Delir?“ reichen. Je mehr dieser Fragen der Patient mit „Ja“ beantwortet, desto weiter ist er auf der Leiter des Alkoholismus nach oben geklettert. Wie es vielen Pionieren geschieht, so wurden auch Jellineks Forschungsansätze und -ergebnisse von seinen Nachfolgern in Zweifel gezogen. Zu oberflächlich und zu grobmaschig, lautete das Urteil. Was partiell durchaus stimmen mag, jedoch – im Nachgang sind wir alle schlauer. Jellinek kommt aber auf jeden Fall das Verdienst zu, sich als Erster wissenschaftlich konsequent mit Trunksucht beschäftigt zu haben. Ohne seine Vorarbeit gäbe es bis heute keine Anerkennung des Alkoholismus als eigenständiges und offiziell anerkanntes Krankheitsbild.

    Hier noch zwei weitere heute gängige Typologieschemata. Der Psychiater und Genetiker Robert Cloninger unterscheidet nur zwei Typen voneinander:
    Typ I: Ein Typ-I-Alkoholiker ist durch größeren Einfluss von Umweltfaktoren und den Beginn der Suchtkrankheit nach dem 25. Lebensjahr gekennzeichnet. Die Häufigkeit ist bei Männern gleich hoch wie bei Frauen. Der Typ I zeigt grundsätzlich einen eher milden Verlauf mit vorwiegend psychischer Abhängigkeit. Die Betroffenen leiden unter starken Schuldgefühlen und haben große Angst, abhängig zu werden.
    Typ II: Der Typ-II-Alkoholiker ist stärker von genetischen Faktoren bestimmt und hauptsächlich durch einen frühen Beginn (vor dem 25. Lebensjahr) der Suchtkrankheit charakterisiert. Männer machen den größten Anteil der Typ-II-Alkoholiker nach Cloninger aus. Typisch sind ein stark ausgeprägtes Alkoholverlangen, gepaart mit asozialen Persönlichkeitseigenschaften und Aggressionsdurchbrüchen.

    Der Mediziner und Psychologe Thomas F. Babor splittet ebenfalls in zwei Typen. Hier geht es allerdings vor allem um das Einstiegsalter in die Droge:
    Typ A: später Beginn
    Typ B: früher Beginn
    So lapidar macht der Babor das? Ja, so lapidar macht er es.

    Die Kriterien der WHO im ICD-10-Katalog

    Konsum Geschlecht Gramm/Tag Entspricht in etwa*
    Riskant 20-40 0,2-0,4l Wein
    30-60 0,75-1,5l Bier
    Gefährlich 40-80 0,4-0,8l Wein
    80-120 1,5-3l Bier
    Sehr hoch >80 0,5l Eierlikör oder
    1l Weißwein
    >120 >0,4l Schnaps**

    * Die Höhe der (WHO-)Grenzwerte ist umstritten. Manche Mediziner fordern niedrigere
    Schwellen; andere hingegen plädieren – vor allem bei „Riskant“ – für eine Anhebung
    des Einstiegslimits.
    ** Ein Alkoholiker, der in einem Krankenhaus entgiftet, weist erfahrungsgemäß einen
    Tageskonsum von ein bis zwei Flaschen Schnaps (zumeist Wodka oder Doppelkorn)
    über einen längeren Zeitraum auf.

    Suchtdruck und Kontrollverlust

    Gemäß der WHO ist Alkoholabhängigkeit als psychische Erkrankung vor allem durch folgende Phänomene charakterisiert: Suchtdruck, Vernachlässigung von allem, was nichts mit der Droge zu tun hat, Toleranzentwicklung/Dosissteigerung, Kontrollverlust sowie Entzugserscheinungen. Bei zweien dieser Begriffe müssen wir kurz verweilen, denn sie sind wichtig und werden uns im weiteren Verlauf häufig begegnen: Suchtdruck und Kontrollverlust.

    Suchtdruck – im angelsächsischen Sprachraum „Craving“ (Begierde, Verlangen) genannt – umschreibt das nahezu unbezwingbare Verlangen eines Abhängigen, sein Suchtmittel (Alkohol, Tabak, irgendeine der vielen illegalen Drogen) konsumieren zu wollen. Craving hat seine neurobiologische Grundlage in der Sensitivierung des Belohnungssystems im Gehirn. Die Zufuhr der Substanz bewirkt die 24/7-Aktivierung einer künstlich hergestellten, als angenehm empfundenen Gefühlswelt. Der Abhängige weigert sich, negative Empfindungen zuzulassen bzw. flüchtet sich, sobald der euphorische Höhenflug abflaut, sofort wieder in den nächsten Rausch: die Sucht als nicht mehr unterdrückbare Gier nach einem wahlweise hochgestimmten oder benebelten Erlebniszustand. Diesem unbedingten Verlangen werden die Kräfte des Verstandes völlig untergeordnet. Weil „Sucht“ den Ärzten und Therapeuten zu banal klingt, sprechen die medizinischen Experten lieber von Abhängigkeit oder gar vom substanzgebundenen Abhängigkeitssyndrom, drücken damit aber letztlich dasselbe aus wie wir, wenn wir seufzend sagen: „Der Heinz kommt seit Jahren nicht vom Schnaps weg und hat sich bald den letzten Rest seines Hirns weggesoffen. So schade um ihn. War mal ein attraktiver und kluger Mann.“

    Kontrollverlust: Hiermit ist nicht der einmalige Verlust an Kontrolle gemeint. Die Wissenschaft beschreibt das traurige Phänomen so: Der Betroffene ist nicht mehr in der Lage, eigenständig über Trinkbeginn, Menge und Ende entscheiden. Vorher selbst gebastelte und mühsam aufrecht erhaltene Konsummuster (kein Bier vor vier, kein Schnaps in der Werkwoche) können plötzlich nicht mehr eingehalten werden. Der Süchtige tritt in das Stadium ein, in dem er seinen Konsum grundsätzlich nicht mehr steuern kann. Der Abhängige benötigt den Stoff nun rund um die Uhr. In der Extremvariante bedeutet Kontrollverlust Trinken bis zum Umfallen. Hardcoresäufer müssen deshalb häufig den Umweg über die Intensivstation nehmen, bevor sie von dort weiter in die Entzugsklinik verwiesen werden. Es gilt die harte Regel: einmal Kontrollverlust erlitten → Genusstrinken wird nie mehr möglich sein. Sobald ein Süchtiger diese Schwelle überschreitet, ist Alkoholismus irreversibel.

    Von nun an gibt es keinen Weg zurück zum normalen Konsum. Es existieren angeblich in einem abgeschiedenen Appalachendorf in Kentucky und in Zimmer 273 des städtischen Altersheims Castrop-Rauxel zwei fabulöse Ausnahmen von dieser Regel, aber leibhaftig gesehen hat die beiden bisher noch niemand. Der Kontrollverlust markiert für 99,99 % aller Trinker das definitive Ende von Hoch-die-Tassen. Oder, um es ganz modern auszudrücken: Er stellt den point of no return dar. Von nun an bleiben bloß noch zwei Möglichkeiten offen: dem Schnaps für immer und ewig abzuschwören oder sich ungezügelt ins Grab zu saufen. Dazwischen existiert kein dritter Weg, auch wenn viele Alkis davon träumen. Das Suchtgedächtnis vergisst nichts und bestraft Experimente unbarmherzig.

    Wer Alkoholiker ist und wer nicht, darüber streiten die Fachleute. Geht es um quantitative Mengen oder kontinuierlichen Konsum? Dazu sind Millionen Fachaufsätze publiziert und noch mehr Streitgespräche in Gruppentherapien geführt worden. Um nun nicht jeden, der fünfmal in der Woche mittags zu seinen Spaghetti aglio e olio ein zur Hälfte mit Wasser verdünntes Glas Frascati zu sich nimmt, in die Kategorie der hoffnungslosen Fälle einzusortieren, sei hier folgende Charakterisierung des Alkoholikers gewählt:
    • er/sie trinkt regelmäßig
    • in Mengen, welche die WHO als gefährlich einstuft
    • das praktiziert er über einen längeren Zeitraum
    • er verspürt oft Suchtdruck
    • er setzt die Droge gezielt ein
    • Unwohlsein und Zittern stellen sich ein, falls Alkohol nicht rechtzeitig bereitsteht
    • Denken und Tagesablauf werden von der Droge bestimmt.

    Wenn Sie jetzt noch nicht so genau wissen, ob Sie zu den Alkoholikern dazugehören, und auf welcher Stufe der Leiter Sie sich einsortieren sollen, empfehle ich Ihnen den Jellinek-Bogen. Setzt natürlich voraus, dass Sie die Fragen ehrlich beantworten. Andernfalls können Sie sich diese Übung schenken und stattdessen „lustig“ weiterzechen.

    MERKE
    Problematisch wird es mit dem Alkohol, sobald man ihn zu bestimmten Zwecken und regelmäßig einsetzt. Der Kontrollverlust bedeutet die letzte Schwelle, die der Trinker überschreitet. Von diesem Punkt an gibt es keinen Weg mehr zurück.

  • Neulich im Jobcenter

    Neulich im Jobcenter

    »Sie schreiben also. Was darf ich mir darunter vorstellen?«
    »Kurzgeschichten, Novellen, einen Roman habe ich ebenfalls in der Schublade.«
    »Und das soll veröffentlicht werden, oder machen Sie es bloß zum Vergnügen?«
    »Ich suche natürlich nach einem Verlag.«
    »Den haben Sie bereits gefunden?«
    »So halb.«
    »Was heißt das? Ich kenne Ja oder Nein. Mit Halb kann ich hingegen nichts anfangen.«
    »Ich bin dabei, den passenden Verleger zu finden. Besser gesagt: meine Agentin wird das tun.«
    »Das ist eine zwischengeschaltete Maklerin?«
    »In der Art.«
    »Und die wird dafür bezahlt?«
    »Klar. Was dachten Sie denn?«
    »Vorkasse oder Beteiligung an den Verkäufen?«
    »Die zweite von Ihnen genannte Möglichkeit.«
    »Gut. Denn eine Vorauszahlung hätten wir Ihnen auf keinen Fall finanzieren können.«
    »Die hatte ich doch überhaupt nicht verlangt.«
    »Junger Mann, Sie kommen zu mir und fragen nach Geld. Das weder Ihnen noch mir gehört, sondern vom Steuerzahler aufgebracht wird. Da ist es ein Akt der Selbstverständlichkeit, dass ich mich bei Ihnen vorher erkundige, was Sie damit vorhaben.«
    »Na, meinen Lebensunterhalt in den kommenden Monaten bestreiten.«

    Warum gehen Sie nicht arbeiten?

    »Warum gehen Sie nicht arbeiten?«
    »Das ist nicht so einfach. Vollzeit wird schwierig, weil ich ja Schriftsteller werden möchte. Zudem schreibe ich oft nachts und kann nicht jeden Morgen um acht Uhr irgendwo auf der Matte stehen, um einen blödsinnigen Bürojob zu erledigen.«
    »Sie wollen demnach überhaupt nicht zurück ins Berufsleben?«
    »Das habe ich so nicht gesagt. Ich meine nur, dass es im Moment schwierig ist, den zu mir passenden Job zu definieren.«
    »Das klingt schon besser. Im Falle von kompletter Arbeitsverweigerung müsste ich Sie nämlich jetzt bitten, das Zimmer zu verlassen und mir nicht meine wertvolle Zeit zu stehlen. Draußen warten viele andere Kunden, die sich kooperativer zeigen als Sie. Weshalb versuchen Sie es nicht beim Sozialamt?«
    »Da war ich bereits. Die haben mich zu Ihnen geschickt.«
    »Immer dasselbe. Wenn die auf der anderen Straßenseite nicht wissen, was Sie mit einem Antragsteller tun sollen, sagen sie: Geh mal zur Frau Schröder. Die hat ein großes Herz und wird dir helfen. Über zu wenig Arbeit brauche ich mich auf jeden Fall nicht zu beklagen.«
    »Frau Schröder, ich weiß nicht, wer hier für was zuständig ist. Ich beantrage einzig einen Überbrückungskredit für ein paar Monate. Sobald sich mein Roman verkauft, zahle ich das Darlehen zurück.«
    »Ganz so simpel, wie Sie sich das vorstellen, läuft es natürlich nicht bei uns. Da könnte ja jeder kommen und versuchen, mir Geld aus den Rippen zu leiern.
    Ich muss erst mal schau’n, ob Sie tatsächlich zu mir gehören. Ihr Nachname beginnt mit K, Wohnung im Stadtbezirk Westend, selbständige Tätigkeit. Da haben wir es schon. Freiberufler fallen nicht in meinen Verantwortungsbereich. Um die kümmert sich Frau Memleben.«
    »Wann kann ich mich mit der Dame unterhalten?«
    »Heute gar nicht mehr.«
    »Morgen?«

    »Moment. Ich klicke mich kurz in den Terminkalender der Abteilung rein. Schon praktisch, was man mit Outlook so alles machen kann …. Ich entdecke eine Abwesenheitsnotiz. Die Kollegin befindet sich bis zum Ende des Monats auf einer Fortbildungsmaßnahme. Tut mir leid.«
    »Sie wird für diesen langen Zeitraum sicherlich eine Vertretung beauftragt haben; oder?«
    »Das bin ich. Sehe ich gerade. Wusste ich gar nichts von. Niemand informiert einen in dieser Behörde. Es ist ein Trauerspiel.«
    »Dann bin ich also bei Ihnen doch an der richtigen Adresse. Hatten Sie mir unten am Empfang ja auch so gesagt: In Zimmer 357 melden. Sehr gut. Wie sollen wir es nun handhaben? Ich bin völlig blank und hungrig. Habe seit drei Tagen nichts gegessen. Mir knurrt der Magen.«
    »Ich darf Sie bitten, kurz draußen Platz zu nehmen. Ich muss die Angelegenheit mit unserem Referatsleiter besprechen. Ihr Fall ist recht ungewöhnlich für mich.«
    »Eine neue Nummer muss ich aber nicht ziehen? Im Flur ist die Hölle los. Habe bereits zwei Stunden auf dieses Gespräch gewartet.«
    »Nein, nein. Brauchen Sie nicht zu tun. Setzen Sie sich einfach hin und üben sich ein paar Minuten in Geduld. Ich rufe Sie dann wieder rein zu mir, sobald ich die Sache hingebogen habe.«

    Mann ohne Eigenschaften

    Ich marschierte aus dem Zimmer und lehnte mich in dem von Menschen wimmelnden Korridor an die Wand. Die Stühle waren allesamt von Frauen besetzt. Viele darunter Südländerinnen. Manche – allerdings die Minderheit – alleine, die meisten mit Kindern, die entweder auf den Schößen oder dem Boden zu ihren Füßen saßen. Die Männer standen wie ich teilnahmslos rum oder liefen wild gestikulierend den Gang entlang. Einige telefonierten. Die Vornehmen leise, die schlichten Gemüter laut, sodass jeder mitbekommen konnte, was sie im Moment dachten und worüber sie sich aufregten. Ich hatte wohlweislich einen Roman mitgebracht: Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Es war bereits mein fünfter Versuch, diese schwierige Lektüre in Angriff zu nehmen. Nie hatte mich meine Aufmerksamkeit weiter als bis auf Seite dreißig getragen. Zu schwer und umständlich erschienen mir die darin enthaltenen Sätze. Zu kompliziert die Gedankengänge. Auch heute gelang es mir nicht, mich auf den Text einzulassen. Ich seufzte und steckte das Buch zurück in meine Jackentasche. Ein Junge jagte seinen Bruder den Korridor entlang. Fröhlich lärmend und lachend. »Tsss …«, rief eine junge Frau mit Kopftuch.
    »Komm zu mir Hakan und bleib leise! Wir wollen hier nicht unangenehm auffallen.« Der schwarzgelockte Bursche murrte und schnitt eine Grimasse, fügte sich aber dem Wunsch seiner Mutter. Ein dicker Mann Ende vierzig mit albinoblondem Haar und hypertonisch rotem Kopf hastete nervös an mir vorbei. Er brüllte in sein Mobiltelefon hinein: »Ja ja, hast du mir schon tausendmal erzählt. Fuck mich heute nur nicht ab mit deinem Gelaber!« Jeder konnte ihn hören. Er schien es nicht zu bemerken.

    Vielleicht war es ihm auch egal, oder er genoss es sogar, dass er für einige Sekunden alle Blicke auf sich lenkte. Drei junge Kerle mit Meckifrisuren und slawischen Gesichtszügen spielten schweigend Karten. Wahrscheinlich Durak, überlegte ich. Zwei Frauen in blauer Burka, die einzig einen schmalen Sehschlitz freiließ, unterhielten sich leise auf Arabisch. Mir fiel auf, dass die eine helle Augen besaß und mit deutschem Akzent redete. »Wollen Sie auch zu Frau Schröder?« Eine ältere Dame, die ich bisher nicht bemerkt hatte, sprach mich an und berührte mich am Handgelenk. »Ja«, antwortete ich einsilbig und zog meinen Arm weg von ihr, denn ich verspürte am heutigen Nachmittag weder Lust auf eine Unterhaltung noch auf Körperkontakt mit einer Fremden. »Nehmen Sie sich in Acht vor ihr. Die wird versuchen, Sie über den Tisch zu ziehen.« Zur Bekräftigung ihrer Worte knackte sie mit den Fingern. »Danke für den Hinweis«, sagte ich geistesabwesend. »Sie zitiert mich bereits zum fünften Mal zu sich, weil angeblich immer Unterlagen fehlen. Ich bin mir sicher, Frau Schröder will mich bloß weichkochen. Da hat sie sich bei mir aber geschnitten. Ich bleibe hartnäckig, denn ich kenne meine Rechte.« Der Frau war anscheinend langweilig, und sie suchte nach einem Gesprächspartner, dem sie ihr Leid klagen konnte. Ich nickte ihr freundlich zu. »So oft werde ich bestimmt nicht bei ihr antanzen. Entweder funktioniert es sofort, oder ich setze mich in die Fußgängerzone und bettele.« Die Alte glotzte mich verdutzt an, ich wendete mich ab und wanderte langsam ans gegenüberliegende Ende des Flurs, um dort meine Ruhe vor ihr zu haben.

    Fürs Erste reicht ein Essensgutschein

    Kaum war ich vor den Fahrstühlen angelangt, als ich in meinem Rücken die Stimme von Frau Schröder vernahm: »Herr Hirsch, könnten Sie bitte in mein Büro kommen! Ich habe die Sache nun geklärt.«
    »Wir werden in Ihrem Fall eine Ausnahme machen und Ihnen ein Darlehen bewilligen. Allerdings mit ein paar Auflagen.«
    »Die da lauten?«
    »Ich habe die Punkte bereits in die Eingliederungsvereinbarung aufgenommen. Lesen Sie sich die in Ruhe durch.«
    Ich überflog die vier Seiten und stoppte bei dem Abschnitt, der meine Mitwirkungspflichten aufzählte.
    »Das ist eine Menge, was Sie von mir fordern.«
    »Nun ja, Sie haben halt in den vergangenen Monaten vieles schleifen lassen. Um die Lösung dieser Angelegenheiten müssen Sie sich jetzt schleunigst kümmern.«
    »Ich soll gegen meine alte Mutter klagen?«
    »Sie müssen sogar. Ihnen steht seit dem Tode Ihres Vaters ein Pflichtteilsanspruch auf das Erbe zu.«
    »Das muss unbedingt sein?«
    »Ja! Ihre eigene Immobilie haben Sie ja bereits vor zwei Jahren clevererweise auf Ihre Ex-Frau übertragen. Andernfalls müssten Sie versuchen, die zu Geld zu machen.«
    »Das war eine Übereinkunft im Rahmen unserer Trennung.«
    »Ich weiß. Deshalb kommen wir da auch nicht mehr ran. Insofern haben Sie Glück gehabt. Zumindest ein Gratis-Wohnrecht hätte man Ihnen jedoch einräumen können. Dann bräuchten Sie jetzt nicht in einem teuren Apartment die Miete zu bezahlen.«
    »Das ist eine schimmlige Zwanzig-Quadratmeter- Bude.«
    »Mag sein. Aber eigentlich völlig unnötig. Für jemanden wie Sie geradezu eine Luxusausgabe.«
    »Vermute, dass Sie sich nie haben scheiden lassen. Ansonsten würden Sie nicht so reden.«
    »Stimmt. Ich habe vorsichtshalber gar nicht erst geheiratet.«

    »Was soll das vierwöchige Bewerbungstraining bedeuten? Ich habe gar nicht vor, mich irgendwo zu bewerben.«
    »Sondern?«
    »Ich schreibe in Ruhe weiter wie bisher und warte auf den unterschriebenen Vertrag.«
    »Das wird bei uns so nicht funktionieren. Wer sich im Jobcenter meldet, muss Einsatzbereitschaft zeigen. Wir sind nicht dazu da, Ihre Hobbies zu finanzieren. Zudem wird Ihnen ein strukturierter Arbeitsalltag guttun.«
    »Und zusätzlich muss ich zehn Lebensläufe pro Monat rausschicken?«
    »Korrekt. Zu diesem Zweck habe ich Ihnen einen Vordruck beigelegt: Nachweis von Eigenbemühungen. Ich bitte darum, den akkurat auszufüllen und mir fristgerecht bis zum 28-sten vorbeizubringen. Andernfalls drohen Kürzungen bei der Grundsicherung.«
    »In Ordnung. Papier ist geduldig.«
    »Das habe ich jetzt nicht gehört. Das war’s dann fürs Erste von meiner Seite aus. Wir werden uns in circa sechs Wochen wiedersehen. Sie erhalten vorher eine schriftliche Einladung von mir. War nett Sie kennenzulernen, Herr Hirsch.«
    »Und was ist mit Geld?
    »Das überweisen wir Ihnen am 30-sten.
    »Bis dahin sind es noch über zwei Wochen. Wie soll ich so lange überleben?«
    »Sie verfügen über gar keine Barmittel?«
    »Ich habe noch drei Euro in der Hosentasche.«
    »Ich schaue, was ich für Sie organisieren kann. Warten Sie bitte nochmal fünf Minuten vor der Tür. In der Zwischenzeit regele ich das.«

    Man kann natürlich bettelarm und mit falschem Stolz sterben

    Auf dem Gang herrschten nach wie vor unbeschreiblicher Trubel und Hektik. Noch eine Stunde bis Büroschluss und kein Ende der Menschenschlange in Sicht. Eine türkische Familie mit fünf Kindern hatte sich unterdessen vor Zimmer 357 versammelt. »Ich will keine Umschulung machen«, hörte ich den Mann zu seiner Frau sagen.
    »Selbstverständlich wirst du das tun. Ansonsten werden Sie die Zahlung nicht verlängern«, flüsterte die. »Ich möchte aber kein Anstreicher werden«, schimpfte er zurück. »Ist doch völlig wurscht. Zwingt dich doch keiner dazu, nachher in dem Beruf zu arbeiten. Hauptsache, Sie bewilligen heute unseren Antrag.« Die Frau dachte pragmatischer als ihr Ehemann. Sie musste die geforderte Maßnahme allerdings nicht absolvieren, sondern er. Wenn die gleich zu siebt in das kleine Büro von Frau Schröder reinspazieren, bekommt die einen Schreikrampf und wirft die Familie hochkant wieder raus, ging es mir durch den Kopf.

    Mittlerweile bereute ich meinen Entschluss, heute zur ARGE marschiert zu sein. Für läppische dreihundertvierundsechzig Euro solch ein Zirkus. Ich hatte von Anfang an keine große Lust gehabt, hier als Bittsteller aufzutreten. »Man kann natürlich bettelarm und mit falschem Stolz sterben«, hatten mir Lila und Manni gestern Abend noch erklärt. »Schreiben ist eine schöne Sache, wenn man damit Kohle verdient. Ansonsten ist es genauso ein brotloser Zeitvertreib wie Kreuzworträtsel und dämliche Sudoku.« Manni fügte noch lächelnd hinzu: »Wenn du nicht als totes und unbekanntes Genie in die Geschichte eingehen willst, solltest du dich schleunigst darum kümmern, Geld ranzuschaffen. Von mir bekommst du keinen müden Cent mehr geliehen.«

    Obwohl ich seit jeher die Auffassung vertrat, dass einzig hungrige Künstler glühende Bilder, Musikstücke und Romane erschaffen konnten, während von dicken Schriftstellern nichts als Schund fabriziert wurde, weil die Trägheit der vollgefressenen Bäuche wie ranziges Fett auf die Tastaturen tropfte und ölige Schleimspuren in ihren Texten hinterließ, war ich in den vergangenen Tagen doch an die Grenzen meiner körperlichen Belastbarkeit gelangt. Vier Wochen gemeinsam mit Manni Platte machen, auf Holzbänken oder in vollgepissten Unterführungen schlafen, bei der Caritas für fünfzig Cent Mittag essen, anschließend mit seinen Kumpels im Park zechen, dabei immer auf der Hut sein, dass die Bandenmitglieder einem nachts nicht die letzten Moneten klauten, stellte sich als Lebensmodell auf Dauer äußerst anstrengend dar. Ich sehnte mich nach meinem bequemen Bett und einer heißen Dusche.

    Jobperspektive = Zusammenschrauben von Elektroteilen

    »Du bist eben ein Weichei«, hatte Manni mir gezürnt.
    »Hätte ich mir eigentlich gleich denken können, als ich dich in der Klinik kennengelernt habe. Du hast meine Vertrauensseligkeit schamlos ausgenützt.« Der Ausflug mit ihm hatte mich allerdings einige Hunderter gekostet. Weil ich als Neuling die Truppe abends freihalten durfte. Nun waren meine Ersparnisse aufgebraucht, ich ernährte mich seit vier Tagen von Dosenhering in Tomatensoße und spürte bei jeder Bewegung stechende Schmerzen im Rücken.
    Vermutlich ein bösartiger Hexenschuss, da die Nächte auf Parkbänken im Oktober schon recht frostig ausfielen.

    »Herr Hirsch, ich bin so weit.«
    »Was kann ich heute mitnehmen?«
    »Fünfzig Euro.«
    »Viel ist das nicht.«
    »Sie können nächste Woche gerne wiederkommen und den nächsten Teilbetrag anfordern.«
    »Okay. Wo kann ich mir das Geld abholen?
    »Sie erhalten einen Lebensmittelgutschein. Einlösbar in vielen Supermärkten. Allerdings in einem Schwung; Restgeld wird nicht ausgezahlt. Alkohol und Tabak sind selbstredend vom Einkauf ausgeschlossen.«
    »Das soll wohl ein Witz sein?«
    »So lauten nun mal die Vorschriften. Und genehmigen Sie sich ein ausgiebiges Bad. Sie scheinen es dringend nötig zu haben.«
    Ich stand auf und ging zur Tür. Frau Schröder räusperte sich: »Ach Herr Hirsch, bevor ich es vergesse. Stellen Sie sich innerlich darauf ein, dass ich Sie für eine Arbeitsmaßnahme im Januar vormerke.«
    »Was soll das sein?«

    »Ein Ein-Euro-Job. Zusammenbau von simplen Elektroteilen. Das ist kinderleicht und verschafft Ihnen einen kleinen Zusatzverdienst. Zudem ermöglichen wir Ihnen dadurch einen Neustart ins Berufsleben.« Du kannst mich mal, dachte ich. Bis zum Jahreswechsel kann noch viel passieren.
    Die siebenköpfige türkische Familie betrat nach mir das Büro von Frau Schröder. Augenblicklich erhob sich Gezeter hinter der geschlossenen Tür. »Das können Sie mit meinem Mann nicht machen«, schrie die Frau. Fünf Kinder liefen nach draußen. Die Mutter folgte ihnen mit geröteten Augen. Ich betrat den Aufzug und fuhr nach unten.

    Essensgutschein = 60% in Bargeld umgetauscht

    Unten im Eingangsbereich erwartete mich Manni:
    »Hat’s geklappt?«
    »Nur halb. Anstatt Kohle haben sie mir einen dusseligen Essensgutschein ausgehändigt
    »Das war zu erwarten. Bei Typen wie uns sind sie sehr zögerlich mit Bargeld. Haben halt Angst, dass wir die Kröten sofort in Schnaps und Zigaretten investieren.«
    »Was soll ich mit einem Riesenhaufen Lebensmittel anfangen?«
    »Ich kaufe dir den Coupon ab.«
    »Für wie viel?«
    »Dreißig Euro.«
    »Du bist ein elender Gauner.«
    »Henning, du kennst die Preise. Normalerweise nur ein Drittel. Ich gebe dir, weil du ein Freund bist, sechzig Prozent. Das ist sehr fair.«
    »Von mir aus. Aber sofort.«
    »Klaro. Für wen hältst du mich?«
    Manni legte vier zerknüllte Fünfer und einen Haufen Münzgeld in meine ausgestreckte Hand. Dabei seufzte er laut, um zu demonstrieren, wie weh ihm dieses schlechte Geschäft tat.
    Das Handy klingelte. Lila rief an. »Alter Mann, hast du Lust bei mir vorbeizukommen?«
    »Weiß nicht. Werde mich erst mal an den Fluss setzen.«
    »Wie du möchtest. Du weißt, wo du mich findest.« Als sie auflegte, klang ihre Stimme leicht angefressen.

    Es war ein schöner Spätnachmittag Ende Oktober. Ich hockte auf dem Metallrost einer Schiffsanlegestelle und starrte auf den Strom. Die glutrote Sonne verschwand in diesem Moment hinter der Bergkette, die sich über der Westseite der Stadt erhob. Sollte ich bei Lila oder in meiner zugemüllten Bude übernachten? Ich warf eine Münze: Kopf. Also bei Lila. Weshalb auch nicht? Spontan griff ich in meine rechte Jackentasche und fingerte nach Kugelschreiber und dem Roman. Ich riss zwei Seiten heraus, warf den Rest des Buches in den neben mir stehenden Papierkorb und kritzelte auf das erste Blatt, direkt unter den Mann ohne Eigenschaften: Neulich im Jobcenter.

    saufdruck.de

  • Der Pegelsäufer

    Der Pegelsäufer

    Das Mondschaf etwas anders.

    | Der Pegelsäufer

    Am Morgen drastisch abgesunken weil seit Stunden nichts getrunken
    … der Pegel

    Mit Gummibeinen aus dem Bett links von ihm schnarcht tief Jeanette
    … der Pegelsäufer

    Kühlschrank, Verstecke gähnend leer schneller Nachschub muss jetzt her
    … der Schnaps

    Der Marsch zum Aldi elend weit wie zäher Schleim vertropft die Zeit
    … der Supermarkt

    Den Wodka am Regal geext die Substitutin tut perplext
    …. die (kopfschüttelnde) Umwelt

    Die Sonne scheint, der Tag wird schön von Süden weht ein lauer Föhn
    … das Dolce Vita

    Mit dem Doornkaat auf der Bank er in grauen Schlaf versank
    … der Suff

    Als er (leicht) zitternd aufgewacht herrscht um ihn rum pechschwarze Nacht
    … der Entzug

    Mit letzter Kraft zur Shelltankstelle im Kopf dreh’n sich die Karusselle
    … der Abendeinkauf

    Zwei Tüten voll mit Jägermeister vertreiben seine Poltergeister
    …. die Erleichterung

    Zurück im Schrebergartenhaus packt er die Pullen fröhlich aus
    … die Euphorie

    Jeanette komm her, die Rettung naht auf dem Tisch noch Obstsalat
    …. die (feste) Nahrung

    Sie hört ihn nicht, pennt komatös die Sache riecht doch mysteriös
    …. die Polytoxe

    Mit zwei Cocktails in der Hand
    in den Schlafraum ganz entspannt
    …. die (letzte) Hoffnung

    Auf der besprenkelten Matratze verkrümmt Jeanette mit blauer Fratze
    …. das Organversagen

    Inspiriert von C. Morgenstern.

  • Der todgeweihte Rotweintrinker

    Der todgeweihte Rotweintrinker

    »Was sitzt du hier seit Stunden so phlegmatisch rum?«, fragt sie.
    »Lass mich doch einfach rumsitzen«, antworte ich.
    »Rumsitzen ist sonntags grundsätzlich okay; aber muss es derart phlegmatisch sein?«
    »Dann sitz ich halt phlegmatisch rum. Na und?«
    »Schreib was. Das heitert dich im Allgemeinen schnell auf«, sagt sie.
    »Was soll ich schreiben? Wurde doch schon alles 1000-mal geschrieben.«
    »Zum Beispiel ne Kolumne. Das hat dir doch immer Spaß gemacht.«
    »Politik, Facebook, Kommentare, antworten auf Kommentare – ständig dasselbe. Stinklangweilig!«
    »Dann schreib was über Dante.«
    »Über Dante: Warum ausgerechnet über Dante?«
    »Weil sich heute zum zehnten Mal sein Todestag jährt.«
    »Ach, den Dante meinst du. Und über den soll ich heute was schreiben?«
    »Ja. Tu das. Und danach gibt’s ein leckeres Abendessen.«

    Also setze ich mich hin und schreibe was über meinen vor zehn Jahren verstorbenen Kumpel Dante.
    ++++++++++

    Geschichte vom todgeweihten Rotweintrinker

    »Hast du gesehen, dass Dante wieder bei uns ist, Henning?«
    »Den haben sie vorhin mehr tot als lebendig hier reingeschleppt. Hab’s mitbekommen, Rolf.«
    »Er lag betrunken im Eingangsbereich der Klinik.«
    »So was kommt schon mal vor.«
    »Hoffe, dass er rasch auf die Beine kommt. Er sah gar nicht gut aus dieses Mal.«
    »Wir berappeln uns doch alle spätestens am dritten Tag.«
    »Er hatte dreieinhalb Promille.«
    »Da hat er Schwein gehabt. Ab vier schicken sie dich erst Mal in die Intensivstation.«

    Dante war einer aus der Rotweinfraktion. Nicht so ein elender Wodka-, Doppelkorn- oder Biersäufer wie wir anderen. Nein, er trank ausschließlich Merlot, Cabernet Sauvignon oder Pinot Noir. Notfalls auch einen Dornfelder. Er war angeblich ein Genussmensch. Wenn ich ihn in seinen elenden Zuständen bei den Einlieferungen sah, dann wurde mir bewusst, dass die Grenze zwischen Vergnügen und Sucht fließend war. Ob ich mir nun wie Rolf zwei Pullen Schnaps vom Aldi durch die Gurgel jagte, oder mir stattdessen sechs Flaschen Valpolicella genehmigte; es lief nach spätestens zwei Wochen auf dasselbe Ergebnis hinaus: nämlich den klinischen Entzug. Seinen Spitznamen hatte Dante schon vor langer Zeit erhalten, weil er gerne aus der Göttlichen Komödie rezitierte. Zudem war er Liebhaber italienischer Opern. Früher hatte er mit dem Verkauf und der Restaurierung alter Möbel gutes Geld verdient. Louis XVI, Biedermeier, schelllackpolierte Kommoden, Kirschbaumstühle und all so ein Zeug.

    Unnötig zu sagen, dass er und Rolf dicke Kumpels waren. Zumindest, wenn sie sich in der geschlossenen Abteilung trafen. Da gab’s dann jedes Mal neapolitanische Begrüßungsszenen. Sobald die beiden wieder halbwegs klar in der Birne wurden und die Sprachzentren Fahrt aufnahmen, jagte ein geistreiches Bonmot das andere. Ich verzog mich bisweilen in die Leseecke und studierte den Kicker.

    »Dante sah ziemlich runtergekommen aus, Henning.«
    »Die besten Zeiten hat er halt hinter sich, Rolf.«
    »René hat erzählt, dass er ihn beim Durchstöbern von Papierkörben gesehen hat. Auf der Suche nach Pfandflaschen.«
    »Rotwein ist teuer. Da wird seine Rente nicht für ausreichen.«
    »Mach du nur blöde Witze. Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn.«
    »Tja, ist nicht einfach, geeignete Gesprächspartner in dieser Umgebung zu finden.«

    Am Tag darauf. 13.25. Nach dem Mittagessen.
    »Hallo Henning. Lange nicht mehr gesehen.«
    »Ist circa vier Wochen her das letzte Mal, Dante.«
    »So elend wie bei dieser Entgiftung habe ich mich noch nie gefühlt.«
    »Das ist am zweiten Tag nichts Besonderes. Morgen wird es dir besser gehen.«
    »Das ist einfach nicht das richtige Krankenhaus für mich. Ich weiß nicht, weshalb sie mich immer wieder hierher bringen.«

    Dante hatte seinen gesellschaftlichen Absturz nie so richtig verdaut. Sein Geschäft mit den billig bei Hausauflösungen und in Osteuropa eingesammelten Tischen und Schränken, die er in seiner Schreinerei renovierte und dann sündhaft teuer im Ladenlokal seiner Freundin verkaufte, war in den Achtzigern hervorragend gelaufen. Die Frauen aus den sogenannten besseren Kreisen rannten ihm die Bude ein. Zeitweilig beschäftigte er bis zu zehn Restauratoren, die aus vier verrotteten einen neuen Sekretär zusammenbastelten. Sobald ein Möbelstück dreißig Prozent alte Teile aufwies, wurde es als antik deklariert. Da seine Kundschaft aus Laien bestand, fragte auch niemand nach, wie diese wundersame Vermehrung von Rokokomöbeln zustande kam.

    Dante lebte auf großem Fuß. Dicke Villa, schöne Autos, Schmuck, teure Reisen. Alles vom Feinsten. Als Ende der Neunziger das große Sparen begann, verringerte sich sein Umsatz innerhalb eines Jahres schlagartig um achtzig Prozent. Dann folgte das Übliche: Geschäft schließen, Insolvenz, Haus weg, Bentley gegen Golf2 eintauschen, Schmuck verpfänden. Steuernachforderungen im sechsstelligen Bereich zwangen ihn endgültig in die Knie. Aus zwei Flaschen teurem Wein wurden nach einiger Zeit sechs Pullen billiger Fusel. Zwar noch kein Tetra Pack, aber preiswerte Marken von Lidl und Netto.

    »Wo möchtest du denn stattdessen hin, Dante?«
    »Es gibt hervorragende Privatkliniken in Bayern und in der Schweiz.«
    »Und was machen die dort anders?«
    »Die versetzen dich in ein künstliches Koma und wechseln dein Blut aus.«
    »Das ist aber eine kostspielige Sache; oder?«
    »Das würde ich mir den Spaß kosten lassen. Aber ich werde ja immer wieder hier eingeliefert.«
    »Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.«
    »Hast du gehört, dass sie in diesem Krankenhaus eine Geheimstation unterhalten, Henning?«
    »Höre ich zum ersten Mal. Wo soll die sein?«
    »Im sechsten Stock.«
    »Hier gibt’s nur fünf Etagen.«
    »So wird es nach außen hin dargestellt. Weil sie es eben streng vertraulich handhaben. Ist eine strikt abgetrennte Abteilung, die nur für VIPs offensteht. Die verfügen über einen extra Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach.«
    »Aha. Und da bieten sie die Bluttransfusionen und all den Schnickschnack an?«
    »Du hast es erfasst, Henning. Dort wollte ich dieses Mal auch hin. Hatte aber meine Kreditkarte zu Hause vergessen. Deshalb musste ich notgedrungen in die Geschlossene.«
    »Manchmal läuft’s halt dumm, Dante. Aber hier entgiften sie uns ja auch.«

    17.35. Im Raucherzimmer.
    »Was für einen Eindruck macht Dante auf dich, Henning?«
    »Scheint noch etwas verwirrt zu sein, Rolf.«
    »Den hat’s anscheinend übel erwischt.«
    »Er betreibt das Rein-Rausspiel in der Klinik jetzt aber auch schon seit vielen Jahren. Irgendwann, wenn du Pech hast, sind halt die Gehirnzellen dran. Ist doch vor kurzem Joe, dem pensionierten Hells Angel passiert.«
    »Der Terminator mit der Skorpiontätowierung am Hals?«
    »Exakt der. Konnte von einem Entzug zum nächsten nicht mehr laufen und sprechen. Sitzt mit fünfzig im Rollstuhl, sabbert und muss gefüttert werden.«
    »Ich höre auf mit der Sauferei. Melde mich morgen fürs Antabusprogramm.«
    »Tu das, Rolf. Erzählst du mir zum Minimum zwanzigsten Mal.«

    19.05. Nach dem Abendessen.
    »Hallo Henning. Bist du auch wieder hier?«
    »Roswitha, hast du deinen Mann besucht?«
    »Ja, habe ihm was zum Essen gebracht: Antipasti vom Italiener, Cannelloni mit Spinatfüllung und ein Stück Apfeltorte. Du weißt doch, dass er die Krankenhausküche ablehnt.«
    »Vornehm geht die Welt zugrunde. Fehlt noch eine Flasche Montepulciano fürs rundum gelungene Dinner.«

    Roswitha war Dantes Lebenspartnerin. Seit knapp dreißig Jahren. Nicht seine Ehefrau. Auf diese Unterscheidung legte er stets großen Wert. Die hatte mit ihm viel mitgemacht. Ihm auch nach dem Bankrott weiterhin die Stange gehalten. Nicht die Nummer abgezogen: »Du bist ein netter Kerl. Aber ich bin jetzt mal weg.« Sie war stets die Vernünftige in der Beziehung gewesen: Lebensversicherung, Bausparverträge, Konten in der Schweiz und in Luxemburg. War alles futsch. Die Gerichtsvollzieher hatten hart zugeschlagen. Und selbst in diesen schweren Jahren der Alkoholexzesse blieb sie bei ihm. In meinen Augen war das Liebe.

    »Das ist Dantes letzter Aufenthalt in dieser Station.«
    »Habt ihr endlich eine Schweizer Kurklinik ausfindig gemacht?«
    »Mach keine Witze, Henning. Sie werden ihn nach der Entgiftung direkt von hier aus in ein Pflegeheim überstellen. Es geht so nicht mehr weiter. Er kann kaum noch laufen. Vergisst alles. Vor einigen Tagen hat er vom Kiosk nicht mehr nach Hause zurückgefunden.«»Weiß er das schon?«
    »Ja, seit zwei Wochen. Er will es aber partout nicht wahrhaben. Er tut mir auch furchtbar leid. Aber, was soll ich machen? Seine Bauchspeicheldrüse ist auch schon im Eimer. Alleine packe ich das nicht mehr.«
    »Roswitha, du hast alles richtig gemacht. Dante hat mit dir echt Glück gehabt.«

    So langsam dezimierte sich die Hardcorefraktion. Die einen wurden zu irreparablen Pflegefällen, die anderen starben auf Parkbänken oder in den Intensivstationen. Übrig waren noch Rolf, René und ich.

  • Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland: Verharmlosen wir den Alkohol?

    … lautete die Überschrift der jüngsten Talksendung Menschen bei Maischberger, zu der ich gemeinsam mit fünf weiteren Experten als Gast eingeladen war.

    Ausgehend von folgenden Zahlen:
    – Neun bis zehn Millionen Menschen in Deutschland trinken in riskanter Weise
    – (darin: 1.5 Mio gelten als abhängig)
    – 74.000 Todesfälle/ Jahr, die auf Alkohol zurückzuführen sind
    – Knapp zehn Liter reiner Alkohol/ Kopf/ Jahr (umgerechnet in Liter: 200 Bier, 90 Wein oder 25 Whiskey)

    … diskutierten wir über die Frage, was der Staat sinnvollerweise tun kann, um den hohen Konsum einzudämmen.

    Der Prohibition redete keiner der Teilnehmer das Wort. Niemand fordert ernsthaft, dass die Deutschen in Zukunft auf ihre Lieblingsdroge Alkohol verzichten müssen. Allerdings wäre es schon begrüßenswert, wenn wir im alljährlich veröffentlichten Ranking der Säufernationen nicht ständig eine Position innerhalb der Top 5 einnehmen würden. Neun bis zehn Millionen riskant trinkende Landsleute bedeuten zwar nur zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung; trotzdem entspricht die Menge der Einwohnerzahl Chicagos oder Hongkongs oder 2.8x Berlin, die ja nun alle drei nicht gerade als kleine Provinzstädte gelten.

    Wirksame Instrumente gäbe es schon

    Als schnell greifende Maßnahmen zur Konsumreduktion bieten sich an:
    (a) Preise hoch
    (b) Anzahl Verkaufsstellen reduzieren
    (c) Abgabe nur innerhalb bestimmter Zeitfenster
    (d) Minimumalter Konsum erhöhen
    (e) flankierend: Werbeverbot, Ekelbilder auf Flaschen u Dosen u.ä.

    Dass die Kombi (a) + (b) + (c) – vorausgesetzt, es wird drastisch erhöht, stark ausgedünnt und nur noch vor Einbruch der Dunkelheit verkauft – funktioniert, ist unstrittig. Sobald ich für eine Flasche Bier zehn Euro bezahlen, zwanzig Kilometer bis zur nächstgelegenen Abgabestelle fahren und diese bis spätestens 18 Uhr erreichen muss, werde ich mir im Vorfeld fünf Mal überlegen, ob der Spaß die ganze Mühe wert ist. Als Ausweichalternativen bieten sich an: Bezug im benachbarten Ausland, selber brauen/ destillieren, Umstieg auf Ersatzdroge. Alle drei denkbar; jedoch jeweils nur für eine kleine Anzahl Konsumenten. Nicht für jeden liegen Luxemburg und Tschechien in erreichbarer Nähe, nicht jeder weiß, wie man Wodka herstellt und nicht jeder greift zu anderen Rauschmitteln. Billigen Alkohol per Internet bestellen? Gepanschten Fusel auf dem Schwarzmarkt besorgen? Sicher möglich; würde jedoch ebenfalls nur von einer Minderheit genutzt.

    Zwischenfazit 1: Die Kombi „Preise rauf & Verkaufsstellen reduzieren & Öffnungszeiten limitieren“ erzielt schnelle Wirkung.

    Die Reaktionen der Zuschauer fielen unterschiedlich aus:

    Pro Verschärfung

    Und dass die Ausgabestellen reduziert werden ist sinnvoll. Außerdem sollte das Alkoholausschenken bei Schulfesten(wie es teilweise schon gemacht wird) bei Schulen mit nur unter 16-jährigen Schülern/Schülerinnen verboten werden.

    Und sicher ist auch: die allzeitige Verfügbarkeit der billigen Droge ALK tut ein Übriges.

    Was wichtig ist, Verkaufsstellen reduzieren, gut wären sicher eine Art Liquor Stores wie in den USA.

    Solange ne Flasche Lambrusco mit 2l Inhalt günstiger als viele Säfte mit 1l Inhalt sind, muss man sich nicht wundern, wenn Menschen, vor allem junge, zu diesem Genussmittel greifen. Alkohol ist definitiv zu günstig, die Auswahl im Preissegment von 30 Cent bis 5€ erschreckend groß.

    Contra staatliche Maßnahmen

    Die meisten koennen sich nicht mal Alkohol leisten. Sind froh wenn sie zur Tafel gehen koennen ….

    Und Sie diskutieren ob die Alkoholsteuer erhöht werden soll und somit der Alkohol teurer werden muss, dass ist Diskriminierung derer die damit normal umgehen.

    Ich komme grade aus Australien eine Flasche Vodka kostet da 40Au$ das ist sehr viel Bier im Club 10$ es gibt kein günstiges Nachbarland wo man schnell hin fahren kann und etwas kaufen man muss in „Bottle shops“ was ich festgestellt habe ist das erstens. Das trozdem alle trinken die Australier. Zweitens Drogen in Clubs oder auf Partys viel öfter genommen werden da Alkohol teuer ist

    jeder soll sich sein genussmittel – egal welches – ohne künstliche einmischung des staates a la verteuerung etc beschaffen können nach eigener facon und eigener verantwortung. denn der erziehungsauftrag besteht von staatlicher seite nur gegernüber minderjährigen. alles andere ist allein dem individuum in seiner persönlicheitsrechtssphäre zu zu ordnen.

    Es träfe halt auch wieder ein weiteres „Opium des Volkes“, es wären besonders die Armen die ihren Spaß nicht mehr haben dürfen. Jugendclubs müssten fasst alle schließen, besonders die alternativen denn auch wenn Saufen nicht in Zentrum steht, keiner hat Bock auf Konzerte/Parties ohne Bier (und von Konzerten/Partys kommt oft das Geld für gute Jugendarbeit).

    Ich glaube nicht, dass wenn der Preis für Alkohol steigt, dass es dann weniger Alkoholiker gibt. Bei Zigaretten schreckt der Preis auch nicht ab, und selbst wenn übergewichtige Menschen auf Süßigkeiten abgebildet werden, wird es noch dicke geben.

    Diese und noch mehr Kommentare findet man hier:
    Menschen bei Maischberger
    Henning Hirsch

    Der Vorschlag der (drastischen) Preiserhöhung muss sich fürwahr den Vorwurf gefallen lassen, sozial nicht ausgewogen daherzukommen. Denn nur wenige werden sich dann noch die Zehn-Euro-Flasche Bitburger leisten können. Zu befürchten steht zudem, dass gepanschte Sachen auf den rasch entstehenden Schwarzmarkt gelangen. Von daher bedeuten Preiserhöhung und Verkaufsstellenverknappung ein riskantes Experiment. Niemandem wäre geholfen, wenn in der Konsequenz zwar weniger, aber dafür dreckigerer, Alkohol getrunken würde.

    Gegen die Ausdünnung der Verkaufsstellen spräche hingegen wenig. Mir hat nie eingeleuchtet, weshalb Alkohol 24/7 in jedem Supermarkt, sämtlichen Kiosken und an allen Tankstellen bundesweit verfügbar ist. Allerdings steht zu befürchten, dass sich die Fuß- und Fahrfaulen ihre Wochenration Erdinger, Soave und Jägermeister dann anliefern lassen. Einen Minimumbestellwert von 30 oder 50 Euro bekommt man ja mit Spirituosen schnell zusammen.

    Zwischenfazit 2: Preiserhöhungen träfen v.a. die ärmeren Bevölkerungsschichten. Gefahr von „Erblindungen“ aufgrund billigen selbst hergestellten Schnapses nähme zu. Wegfall von Verkaufsstellen und engere Zeitfenster könnten durch Zunahme der Haustürbelieferung konterkariert werden

    Warum kein Werbeverbot?

    Wenn nun schon die drei sehr konkreten Instrumente (a), (b) & (c) hinsichtlich ihrer Wirksamkeit als ungewiss eingestuft werden müssen – wie ist dann ein Appell mit Ekelbildern einzuschätzen? Bringt es was, Fotos von Fettlebern, entzündeten Bauchspeicheldrüsen und aufgrund Säuferdiabetes schwarz angelaufenen Füßen auf die Behältnisse zu kleben? Mich persönlich hätte das in meiner trinkenden Zeit nicht großartig gestört. Flasche umdrehen, nicht draufsehen, notfalls die Pulle in eine Verpackung stecken, sodass nur noch der Hals rausschaut. Sprüche wie: „Trinken schadet deiner Gesundheit“ oder „Wer säuft, stirbt früher“ oder gar: „Schnaps macht impotent“: geschenkt. Lässt sich niemand von abhalten.

    Zu diskutieren wäre sicherlich über Werbeverbote und die Raufsetzung des Minimumalters für SÄMTLICHE alkoholhaltigen Getränke auf 18 Jahre. Mir völlig schleierhaft, weshalb so viel Bier-, und zu vorgerückter Stunde sogar Wodka-, -Spots über unsere TV-Mattscheiben flimmern. Krombacher ist die Einstiegsdroge in Gorbatschow. Wenn wir das Zeug schon legalisieren, überall und rund um die Uhr zu Discountpreisen zum Verkauf anbieten, brauchen wir es ja nicht auch noch zusätzlich anzupreisen.

    Freiwilliger Verzicht ist nachhaltiger als staatlich verordnete Abstinenz

    Unterm Strich muss die dringend notwendige Reduktion – zehn Liter reiner Alkohol Kopf/ Jahr ist ein höllenmäßig hoher Durchschnittswert – allerdings auf freiwilliger Basis erfolgen, z.B.:
    ▪Präventionsarbeit bei jungen Menschen
    ▪Kein Bierausschank in Sportvereinen
    ▪Alkoholfreie Betriebsfeiern

    Flankiert von pfiffigen TV-Spots der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die bewusst machen, dass Komasaufen alles mögliche ist, aber bestimmt NICHT cool. Es ist keine Heldentat, ohnmächtig und vollgepisst in der Ecke zu liegen, am Morgen danach auf einer Intensivstation zu erwachen und sich an nichts mehr erinnern zu können. Erst wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Abstinenz – bzw. maßvoller Umgang mit dem Stoff – in jungen Jahren nicht gleichbedeutend ist mit Langweiler oder Partyschreck, werden der Konsum und in der Konsequenz die Anzahl Alkoholkranker nachhaltig sinken.

    Da wir Deutschen seit über zweitausend Jahren saufen, ist der Alkohol bei uns mittlerweile kilometertief in unsere Volks-DNA eingedrungen, aus der er sich mit einer Hauruckaktion nicht wieder entfernen lässt. Aufgrund der vielen Toten und Abhängigen wäre es allerdings grob fahrlässig, das Problem als Gott gegeben anzusehen und lapidar mit den Schultern zuckend zu sagen: „Dagegen kann’ste eh nichts machen“.

    Die Behandlungskosten belaufen sich jährlich auf 24 Milliarden Euro. Zu überlegen wäre, ob man die Industrie prozentual daran beteiligt. Der Verursacher des Dilemmas ist ja nicht nur der Trinker alleine, sondern ebenfalls der Schnapsproduzent. V.a. die Hersteller von Spirituosen müssen härter in die Pflicht genommen werden. Dem einen sein Heroin ist dem anderen die tägliche Pulle Wodka.

    Fazit

    (1) Alle Menschen haben ein Grundbedürfnis nach gelegentlichem  Rausch
    (2) Es wird nach wie vor zu viel gesoffen: Deutschland ist definitiv ein Promille-Paradies
    (3) Bewusstseinswandel wirkt nachhaltiger als Zwangsmaßnahmen
    (4) Das Problem wird weiterhin sowohl durch die Gesellschaft als auch von Seiten des Staats verharmlost

    Weiterführende Literatur und jede Menge Zahlen findet man hier: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen sowie Drogenbeauftragte der Bundesregierung