Schlagwort: Fleischindustrie

  • Aus deutschen Schlachthöfen

    Aus deutschen Schlachthöfen

    Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt. Das wird überall passieren,

    antwortete NRWs Ministerpräsident Armin Laschet Mitte vergangener Woche auf die Frage, was der Corona-Ausbruch im Schlachtbetrieb Tönnies über die bisherigen Lockerungen aussage.

    Tags darauf ruderte Laschet zurück und erklärte:

    Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben, verbietet sich.

    Womit wir es auch fürs Erste gut sein lassen wollen. Jedem von uns rutscht ja hin und wieder ein politisch unkorrekter Satz raus, von dem er im Nachhinein wünscht, dass er ihm nie über die Lippen gekommen wäre. Jedoch offenbart obige unbedachte Äußerung doch Folgendes:

    (a) einreisende Saisonarbeiter werden anscheinend immer noch nicht richtig auf Covid-19 getestet
    (b) Rumänen und Polen scheinen in unserer Wertschätzung auf einer niedrigeren Stufe als bspw. Franzosen und Schweden zu stehen. Oder könnten Sie sich den Laschet-Satz auch mit Franzosen und Schweden vorstellen? Also ich ehrlich gesagt nicht.

    Corona offenbart schonungslos Schwachstellen

    Corona legt schonungslos die Schwachstellen in jeder Gesellschaft offen. Sei es ein marodes Gesundheitssystem, sei es ein zu großer informeller Sektor, der den notwendigen Lockdown nahezu unmöglich macht, seien es die Schulen, die noch nicht ausreichend auf Homelearning eingestellt sind, oder seien es eben ausbeuterische Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie.

    Gemäß den zwei spätkapitalistischen Mantras:
    (1) Geiz ist geil
    (2) Bei kleiner Gewinnmarge muss eben die Menge kontinuierlich gesteigert werden …
    … lassen wir ausländische Leiharbeiter zu Bedingungen bei uns schuften, die im Falle, dass wir Deutsche davon betroffen wären, zu monatelangen Streiks bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Aufständen führen würden. Wir entschuldigen die Zweiklassen-Arbeitsgesellschaft damit, dass diese Menschen (zum überwiegenden Teil Osteuropäer) zum einen von zu Hause her nichts anderes gewohnt und die niedrigen Herstellkosten v.a. deshalb notwendig sind, um die riesige Fleischnachfrage der Nation sicherstellen zu können. Ein Tag ohne Billig-Schweinenackensteak ist kein deutscher Tag.

    Dass die niedrigen Lohnkosten in Kombination mit den überhöhten Mieten für verschimmelte Schrottwohnungen auch dazu dienen sollen, dem Unternehmer ein schönes Leben zu ermöglichen – geschenkt. Wer auf den zweitgenannten Aspekt hinweist, ist eh ein Neider und hat nicht verstanden, dass die Fleischproduktion binnen Wochen ins Ausland abwandern kann, sobald wir es den Produzenten hier unnötig schwer machen. Wobei ich mich frage – unterstellt, das mit der Abwanderung binnen Wochenfrist funktionierte –, welche Arbeitsplätze würden dann bei uns verlorengehen? Die unterbezahlten, die eh nur von Osteuropäern wahrgenommen werden, weil wir Deutsche zu verwöhnt dafür sind, und uns unsere Hände nicht mit Tierblut besudeln wollen? Falls ja: dann wäre diese Art des Arbeitsplatzverlustes ja zu verkraften.

    Und die Gewerbesteuer, was ist mit der Gewerbesteuer, fragen Sie mich nun? Stimmt, die würde bei einer Fleischfabrikverlagerung natürlich entfallen. Aber die entgeht uns ebenfalls in vielen anderen möglichen, aber aus gutem Grund nicht erlaubten, Gewerben: z.B. der Herstellung von Koks und Heroin. Nicht alles, was die Verbraucher ständig haben wollen, muss deshalb auch ständig produziert werden. Es gibt Entscheidungsfaktoren, die sich außerhalb rein betriebswirtschaftlicher Überlegungen befinden.

    Betriebswirtschaft contra ethische Überlegungen

    Losgelöst von der ethischen Problematik, Tiere millionenfach bis zur Schlachtreife aufzuziehen, hunderte von Kilometern eng zusammengepfercht in LKWs und Zugwaggons zu transportieren und am Ende der Reise im Sekundentakt zu bolzen, erschießen und zu vergasen, nur um den junkie-artigen Heißhunger des Volkes auf Currywurst und panierte Lendenkoteletts 365/24/7 just in time zu obszön niedrigen Preisen zu befriedigen, was nicht mehr weit entfernt vom Kannibalismus ist, wie wir ihn aus Zombiefilmen kennen, müssen die Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter DRINGEND auf den Prüfstand. Es kann nicht sein, dass hier mit zweierlei Vertragsmodellen hantiert wird: Die einen, die das Glück haben, einen deutschen Pass zu besitzen und die anderen, die dummerweise in Osteuropa das Licht der Welt erblickten.

    Wer auf deutschem Boden arbeitet, für den müssen exakt dieselben Bedingungen herrschen wie für deutsche Staatsbürger. Völlig egal, ob der Vertrag mit dem deutschen Betrieb direkt oder via Subunternehmer geschlossen wurde. Es darf nicht sein, dass osteuropäische Saisonarbeiter zum einen weniger verdienen als ihre deutschen Kollegen und zum anderen bei den Mieten für die ranzigen Massenunterkünfte in nahezu betrügerischer Weise über den Tisch gezogen werden. Und natürlich gilt das für sämtliche Branchen. Also ebenfalls die Landwirtschaft. Und wenn dann der Spargel nicht mehr gestochen wird, dann ist es eben so. Ist noch keiner gestorben, bloß weil im Frühjahr kein frischer Spargel serviert wurde.

    Sollten wir diese seit langem überfällige Gleichstellung nicht hinbekommen, dann handeln wir auch nichts anders als die Golf-Araber, die ihre philippinischen Hausangestellten schikanieren, die Kataris, bei denen die pakistanischen Bauarbeiter entkräftet von den Fußball-WM-Stadiondächern fallen und die Amerikaner, die die Mexikaner für die Orangenernte reinlassen und sobald die letzte Apfelsine gepflückt ist, sofort wieder über den Rio Grande nach Süden verjagen. Nur weil die Ausbeutung in Deutschland geschieht, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass es sich hierbei auf keinen Fall um Ausbeutung handeln kann. Denn wir Deutsche sind ja qua Geburt und Erziehung immer gut. Nein, sind wir, was die Bedingungen in unserer Fleischindustrie anbelangt, ganz und gar nicht. Die Politik hat jahrzehntelang weggeschaut. Wird jetzt wirklich allerhöchste Bratwurst, dass sich bei Tönnies & Co. ZEITNAH was ändert. Und zwar nachprüfbar was ändert. Reine Lippenbekenntnisse à la:

    So werden wir nicht weitermachen. Wir werden die Branche verändern
    © Clemens Tönnies

    … verpuffen schneller, als Sie Ihr Rumpsteak medium verputzen.

    Kein Grundrecht auf Billigfleisch

    Und die Fleischpreise, was ist mit den Fleischpreisen, löchern Sie mich? Die werden ja in der Konsequenz durch die Decke schießen. Wer soll sich denn dann noch ein Schnitzel und ne Scheibe deutsche Mortadella leisten können? Zum einen werden die Preise nicht durch die Decke schießen, sondern nur ein paar Prozentpunkte nach oben gehen, zum anderen kenne ich keinen Artikel im Grundgesetz, der uns den täglichen Verzehr von Billigfleisch garantiert, erwidere ich Ihnen.

    Ausbeutung von Arbeitskraft bei gleichzeitig fragwürdigen Hygienebedingungen darf es im Kernland der Europäischen Union nicht mehr geben. Oder sind wir wohlstandsmäßig bereits dermaßen verderbt, dass es uns nicht mehr interessiert, wie die Produkte in unseren Fabriken hergestellt werden? Hauptsache, das (heute mal wieder im Sonderangebot-) Schweinenackensteak steht pünktlich um 12.30 auf dem Mittagstisch?

    Geiz und Habsucht stellen eine der sieben Todsünden dar, wurde mir früher im Religionsunterricht beigebracht. Sehe ich mittlerweile genauso.

    PS. der Autor dieser Zeilen ist weder Vegetarier noch gar Veganer. Und bei seinem bescheidenen Kolumnisten-Salär ist es ihm auch nicht völlig egal, ob die Fleischpreise demnächst durch die Decke schießen. Aber lieber einen Tag lang keine Currywurst als täglich nen Billig-Döner auf dem Teller

  • Unsere tägliche Grillwurst gib uns heute

    Unsere tägliche Grillwurst gib uns heute

    Jedes Volk hat seine heiligen Sitten und Gebräuche, von denen es nur ungern lassen möchte. So pochen die Amerikaner auf den zweiten Verfassungszusatz, der ihnen zugesteht, jeden, der in ihren Vorgarten uriniert, ungestraft erschießen zu können. Die Briten wiederum mögen sich eine Welt ohne 24/7 Dart-Turniere im TV nicht vorstellen. Die Italiener liefen Amok, falls man ihrer geliebten Pasta Eigelb beimischte. In Spanien läge Revolution in der Luft, wenn eine Regierung es wagen sollte, die Stierkämpfe zwischen Granada und Bilbao zu verbieten. Die Japaner sind ganz verrückt auf irgendwas, was mir aber im Moment gerade nicht einfällt. So hat eben jedes Volk seine speziellen Eigenheiten, die es widerstandslos auf gar keinen Fall hergibt.

    Grillen: ne deutsche Passion

    Was dem Amerikaner das halbautomatische Sturmgewehr ist uns Deutschen der Grill. Ein besonders edles Gerät muss es sein. Ich kenne Haushalte, die investieren in die Anschaffung eines Weber Smokefire mehr Kohle als in die Bildung ihrer Kinder. Und damit sich diese Anlage amortisiert, muss das Teil ständig unter Pellets bzw. Gas gehalten werden. Gibt Tage, an denen in unserem Stadtviertel Weber-Smokefire-bedingt mehr Smog herrscht als auf dem Autobahnring in Los Angeles zur Rush Hour. Von den Gerüchen ganz zu schweigen. Eine empfindliche Nase darf man bei uns im Sommer nicht haben.
    Und auf den Grill kommt was drauf?
    Richtig: (Billig-) Fleisch.

    Ich will Sie jetzt gar nicht damit langweilen, dass bei meinen Großeltern Fleisch bloß am Wochenende auf den Tisch kam: der sagenumwobene Sonntagsbraten. Und auch meinen Eltern war täglicher Fleischkonsum fremd. Der Verzicht gründete nicht auf esoterischen Essgewohnheiten oder Mitleid mit dem Schwein, das im Schlachthof sein Leben für unser Schnitzel lassen muss, sondern basierte rein auf Sparsame-Hausfrau- Erwägungen: Fleisch galt bis weit in die 70er Jahre hinein als Luxusgut.

    Das änderte sich im darauf folgenden Jahrzehnt, und wir Deutsche gewöhnten uns an die Dauerzufuhr von Kotelett, Bratwurst, Sahnegulasch und doppellagig Schinken auf der Frühstückssemmel. Gab’s plötzlich alles niedrigpreisig im Discounter und noch dazu ständig im Sonderangebot. Ein wahrer Fleischrun setzte ein. Das Volk war auf Billigfleisch. Ganz egal, wo es herkam, welche Wälder dafür gerodet werden mussten, unter was für grausamen Bedingungen die Transporte abliefen, ob die Schlachtmethoden halbwegs „human“ über die Bolzenschussrampe gingen. Ein Tag ohne Doppel-Whopper und ne 30er Packung Chicken Nuggets war mit einem Mal unvorstellbar geworden. Und wie das mit schlechten Gewohnheiten so ist: man hält sie so lange für normal, bis einem der Arzt die Blutwerte erklärt und hinzufügt: „Wenn Sie Ihre Ernährung nicht sofort ändern, erleben Sie Ihren nächsten Geburtstag nicht mehr“.

    Teures Gerät und billige Bestückung

    Wir bestücken unsere Grillroste mit Schweinereien, deren Preis in einem eklatanten Missverhältnis zu den Anschaffungskosten des oben genannten Weber Smokefire EX6 steht. Bei einem Streifzug durch einen x-beliebigen Supermarkt schnappen wir uns aus dessen Kühltheke das Giant-Grillpaket Popeye de luxe: Würste, Spieße, Ministeaks nebeneinander aufgereiht. Alles sauber eingeschweißt und in einer fettigen roten Soße schwimmend. Zeug, von dem niemand so genau weiß, was sich unter der klebrigen Paprika-Zwiebel-Marinade wirklich verbirgt. Zeug, das oft schmeckt wie leicht erhitzter Pressspan mit ner Portion Curryketchup verfeinert. Zeug, von dem wir ahnen, dass es niemals unter gesunden Bedingungen hergestellt worden sein kann. Zeug, das wir aber trotzdem hunderttausendtonnenweise kaufen und auf unsere Kleinwagen-großen Edelstahlgrills schmeißen.

    Man muss kein promovierter Ernährungswissenschaftler sein, um zu begreifen, dass die tägliche Zufuhr von grillkohle-geschwärztem Billigfleisch in etwa so bekömmlich ist, wie sich jeden Abend einen gepflegten 2.5-Promille-Rausch anzutrinken. Vom Gedanken daran, dass Jahr für Jahr zig Millionen arme Kreaturen betäubt und gekeult werden, damit wir ungestört unseren Barbecue-Angewohnheiten frönen können, mal ganz abgesehen.

    Grüne wollen Fleisch teurer machen

    Hin und wieder macht mal ein Politiker auf den Billigfleisch-Wahnsinn aufmerksam. So zuletzt Grünenchef Robert Habeck, der in einem Interview forderte:

    Im Lebensmitteleinzelhandel darf ein Mindestpreis für tierische Produkte nicht mehr unterschritten werden.

    Was Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung am darauffolgenden Morgen zu dieser Schlagzeile animierte:

    GRÜNE WOLLEN FLEISCH TEURER MACHEN!

    Losgelöst vom Aspekt, dass Playboy, Penthouse und der Hustler in Punkto Berichterstattung seriöser recherchieren als die BILD, wollen wir uns kurz mit der Kernbotschaft der Headline beschäftigen. Die da lautet: Fleisch MUSS billig bleiben!

    Und nun frage ich mich: Weshalb muss ausgerechnet Fleisch billig sein? Warum nicht Kino- und Museumsbesuche, die Monatskarte für den ÖPNV, das neue Sakko von Hugo Boss, die Nacht im Vorstadtpuff, belgische Pralinen? Weil’s ein Grundrecht auf stets verfügbares, preisreduziertes Schnitzel gibt, sagen Sie? Nein, gibt es nicht, antworte ich. Genauso wenig wie ein Grundrecht auf All-inclusive-Urlaub am Ballermann oder in Ischgl existiert. Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns Fleisch und Pauschalreisen zu Spottpreisen angeboten werden. Aber eine schlechte Gewohnheit bedingt noch kein Menschenrecht.

    Sollen sich in Zukunft nur noch die Reichen ne Grillwurst leisten können, schieben Sie jetzt hinterher? Was ist mit den Hartz4ern: Werden die ab sofort von der Fleischtheke ausgeschlossen? Gebt den ALG2-Beziehern mehr Geld, damit die sich gesundes Essen leisten können, erwidere ich. Mehr Geld für die Hartz4er lachen Sie, träumen Sie weiter, Herr Kolumnist. Wer soll das denn finanzieren? Als ob wir hart arbeitenden Steuerzahler nicht schon genug von Vater Staat zur Kasse gebeten werden. Nun also auch noch teureres Fleisch und eine Anhebung der Hartz-Regelsätze. Und was droht als nächstes: die Ökodiktatur?

    An dieser Stelle breche ich ab, weil wir heute argumentativ eh nicht mehr zusammenkommen, und ich gleich zu einem Vatertag-Nachbarschaft-Grillevent eingeladen bin. Um meinen guten Willen zu beweisen, habe ich mir dafür mal Maiskolben statt Schaschlikspieße puszta art besorgt.

    Menge runter und Preis rauf

    Wer möchte, dass Fleisch nicht zehntausend Kilometer weit rangekarrt und der Amazonas nicht komplett abgeholzt, dass die Verhältnisse in unseren Schlachtbetrieben von moderner Sklaverei zu normalen Arbeitsbedingungen verbessert und der explodierende Antibiotika-Verbrauch gesenkt werden, kommt um eine Reduktion der Menge bei gleichzeitiger Erhöhung der Preise nicht herum.

    Fazit 1: Ein überaus vernünftiger Vorstoß der Grünen.
    Fazit 2: Niemand muss täglich (Billig-) Fleisch essen.
    Fazit 3: Die BILD bewegt sich jenseits des Sportteils (der ist mitunter ganz informativ) mittlerweile auf dem Niveau der Sankt-Pauli-Nachrichten.