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	<title>Leaving Las Vegas-Archiv - Texte zur Sache</title>
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	<description>Meinung und Debatte, Rezensionen, Kunst, Sport, Politik und Gesellschaft</description>
	<lastBuildDate>Fri, 04 Sep 2026 11:17:19 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Leaving Las Vegas-Archiv - Texte zur Sache</title>
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		<title>Darf man einen Menschen vor sich selbst retten?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 04 Sep 2026 05:10:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Hauptbeitrag]]></category>
		<category><![CDATA[Henning Hirsch: Gesoffen wird immer]]></category>
		<category><![CDATA[Alkoholabhängigkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Zwangsunterbringung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein rückfälliger Alkoholiker lehnt jede Hilfe ab, verlässt Kliniken auf eigene Verantwortung und trinkt weiter. Schließlich wird er gegen seinen Willen untergebracht. Was sich auf den ersten Blick nach einer notwendigen Rettung anhört, wirft eine unbequeme Frage auf: Darf man einen Menschen vor sich selbst schützen, wenn er genau das nicht will? Eine persönliche Betrachtung über Sucht, Selbstbestimmung, staatlichen Zwang und die schwierige Grenze zwischen Hilfe und Bevormundung.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/gesoffen-wird-immer/psychkg-wenn-hilfe-zum-zwang-wird-selbstgefaehrdung-sucht/">Darf man einen Menschen vor sich selbst retten?</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Im vergangenen Monat habe ich einen rückfälligen Bekannten aus der Selbsthilfegruppe in die Suchtklinik begleitet. Weil er die ersten Stunden des Entzugs nicht durchhielt, flüchtete er von dort. In der darauffolgenden Tagen kam es zu einem Trinkexzess, mehrmaligen Einlieferungen in diverse Krankenhäuser, aus denen sich der Betroffene jedes Mal nach ein paar Stunden entgegen ärztlichem Rat selbst entließ. Nach einer Woche gelang mit Hilfe des städtischen Sozialpsychiatrischen Dienstes die Zwangsunterbringung in einer geschlossenen Abteilung. Begründung: akute Selbstgefährdung. Zunächst begrenzt auf eine Nacht, danach verlängert für drei Tage.</p>
<p>Dieser Text stellt keine juristische Bewertung des PsychKG dar und will auch keine sein. Ich bin kein Jurist. Es geht mir einzig um die persönliche Betrachtung aus der Perspektive eines Menschen, der einen suchtkranken Bekannten durch eine akute Krise begleitet hat – und dabei mit der Frage konfrontiert wurde, wann Hilfe zum Zwang werden darf.</p>
<h2>Was ist eigentlich das PsychKG?</h2>
<p>Das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Psychisch-Kranken-Gesetz">PsychKG</a> ist kein Bundesgesetz. Die Regelungen zur Unterbringung psychisch kranker Menschen fallen in die Zuständigkeit der Bundesländer. Deshalb gibt es in jedem Land ein eigenes Psychisch-Kranken-Gesetz, teilweise mit leicht abweichender Titulatur. Bei uns im Bonner Süden gilt auf der einen Seite der &#8222;Grenze&#8220; nordrhein-westfälisches und auf der anderen Seite rheinland-pfälzisches Landesrecht. Im Norden lautet die korrekte Bezeichnung <a href="https://recht.nrw.de/lrgv/gesetz/01072025-gesetz-ueber-hilfen-und-schutzmassnahmen-bei-psychischen-krankheiten-psychkg/">Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten</a>, im Süden heißt es <a href="https://www.nw3.de/rechtsarchiv/4oerecht/7freihschutz/rp_psychkg.html">Landesgesetz über Hilfen bei psychischen Erkrankungen</a>. Von kleinen Unterschieden abgesehen ist das PsychKG in beiden Bundesländern identisch aufgebaut: Es regelt unter anderem, unter welchen Voraussetzungen ein Mensch gegen seinen Willen in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden darf. Entscheidend ist dabei nicht, dass jemand psychisch- oder suchtkrank ist und sich nicht behandeln lassen möchte. Es muss vielmehr eine erhebliche gegenwärtige Gefahr für den Betroffenen selbst und/oder für andere bestehen und diese Gefahr lässt sich im Moment nicht auf andere Weise abwenden.</p>
<p>Eine Zwangsunterbringung ist also kein Instrument, mit dem man jemanden einfach zur Vernunft bringen oder zu einer Therapie zwingen kann.</p>
<p>Hier wird es jetzt interessant: Denn drei Tage Zwangsunterbringung sind ein ziemlich harter Eingriff in die persönliche Freiheit. Ein Wort, das schon beim Aussprechen unangenehm klingt: Zwang.</p>
<h2>Die Freiheit, sich zugrunde zu richten</h2>
<p>Wir leben in einem Land, in dem jeder erwachsene Mensch grundsätzlich das Recht hat, über sein eigenes Leben zu bestimmen. Er darf sich ernähren, wie er möchte, rauchen, bis die Lunge streikt, jahrelang auf jede Bewegung verzichten oder morgens um vier beschließen, dass eine Flasche Wodka ein prima Frühstück ist.</p>
<p>Der Staat ist nicht dafür zuständig, uns vor jeder Dummheit zu bewahren.</p>
<p>Und das ist auch gut so.</p>
<p>Nur: Was passiert, wenn aus der Dummheit eine akute Lebensgefahr wird?</p>
<p>Genau an dieser Stelle beginnt das Dilemma des PsychKG.</p>
<h2>PRO: Manchmal muss jemand geschützt werden</h2>
<p>Wer einen Menschen erlebt, der sich in einem massiven Saufexzess befindet, erkennt schnell, dass die idealistische Vorstellung vom mündigen Patienten mitunter an Grenzen stößt.</p>
<p>Der Betroffene beteuert gegen jeglichen medizinischen Verstand, dass er nach Hause will. Er unterschreibt seine Entlassung. Er erklärt mit lallender Stimme, er habe alles unter Kontrolle.</p>
<p>Und fünf Stunden später findet man ihn erneut im Vollrausch auf dem Fußboden seines Wohnzimmers liegend.</p>
<p>Dann wieder Krankenhaus.</p>
<p>Wieder Entlassung.</p>
<p>Wieder Alkohol.</p>
<p>Wieder Krankenhaus.</p>
<p>Das Ganze entwickelt sich zur Endlosschleife.</p>
<p>Bei einer akuten Selbstgefährdung kann es deshalb Situationen geben, in denen es schlicht unverantwortlich wäre, einen Menschen mit dem Hinweis auf seine persönliche Freiheit sich selbst zu überlassen.</p>
<p>Das PsychKG schafft für solche Situationen einen rechtlichen Rahmen: Zwangsmaßnahmen sollen nicht angewandt werden, weil jemand unbequem ist, sich nicht therapieren lassen möchte oder nach Meinung anderer „endlich zur Vernunft kommen“ sollte. Es geht um eine konkrete Gefahr und um die Frage, ob dieser Gefahr anders als mit Zwang begegnet werden kann.</p>
<p>Das ist ein entscheidender Punkt: Ein Alkoholiker, der sagt: „Ich will keine Therapie“, braucht deshalb noch lange keine Zwangsunterbringung. Ein Alkoholiker, der schwer intoxikiert, möglicherweise lebensgefährdet und nicht mehr in der Lage ist, die Konsequenzen seines Handelns realistisch einzuschätzen, kann eine andere Situation darstellen.</p>
<p>Im hier geschilderten Fall war dieser Punkt nach 4 Tagen und 8 Klinikabbrüchen erreicht.</p>
<p>Und ganz ehrlich: Ich war froh, dass es diese Möglichkeit gab.<br />
Nicht weil ich Zwang sexy finde.<br />
Sondern weil die Alternative mit hoher Wahrscheinlickeit darin bestanden hätte, alsbald nach einem Menschen zu fahnden, der aus seinem Alkoholdelirium nicht mehr aufwacht.</p>
<h2>CONTRA: Zwang ist keine Therapie</h2>
<p>Damit ist die andere Seite der Medaille aber noch nicht erledigt. Denn eine Zwangsunterbringung macht aus einem suchtkranken Menschen keinen dauerhaft trockenen Alkoholiker. Sie beendet keinen Suchtdruck. Sie repariert keine Lebensgeschichte. Sie ersetzt keine Therapie. Und sie erzeugt auch nicht automatisch Einsicht.</p>
<p>Man kann einen Menschen in einem geschlossenen Raum davon abhalten zu trinken. Man kann ihn überwachen, medizinisch stabilisieren und warten, bis die akute Krise vorbei ist. Aber man kann niemanden gegen seinen Willen gesund machen.</p>
<p>Sobald die drängenste Gefahr vorüber ist, stellt sich die entscheidende Frage: Was kommt danach?</p>
<p>Wenn jemand nach drei Tagen wieder draußen ist und anschließend genau dort weitermacht, wo er aufgehört hat, war die Maßnahme dann erfolgreich?</p>
<p>Vielleicht.</p>
<p>Vielleicht auch nicht.</p>
<p>Denn manchmal besteht der eigentliche Erfolg einer Zwangsmaßnahme nur darin, dass ein Mensch überhaupt noch lebt.</p>
<p>Auch das ist nicht wenig.</p>
<p>Aber es ist eben etwas anderes als Heilung.</p>
<h2>Leaving Las Vegas</h2>
<p>Betroffenen (Erkrankten und ihren Angehörigen) sei <a href="https://www.imdb.com/de/title/tt0113627/">Leaving Las Vegas</a> (1995) ans Herz gelegt.</p>
<p>Nicolas Cage spielt darin Ben Sanderson, einen Mann, der ins Zockerparadies fährt, um sich dort zu Tode zu trinken. Er will nicht gerettet werden. Er will keinen Entzug. Er will nicht trocken werden. Er hat mit seinem Leben abgeschlossen.</p>
<p>Der Film stellt damit eine unbequeme Frage: Haben wir das Recht, einen Menschen vor sich selbst zu retten, wenn er gar nicht gerettet werden möchte?</p>
<p>Im Kino kann man diese Frage aushalten.</p>
<p>Dreißig Jahre später sitzt man selbst neben einem Menschen in der Selbsthilfgruppe, der gerade dabei ist, sich totzusaufen.</p>
<p>Dann sieht die Sache plötzlich anders aus.</p>
<p>Bei Ben Sanderson wissen wir als Zuschauer, dass er sterben will. Bei meinem Bekannten war es komplizierter. Er sagte nicht: „Ich will sterben.“</p>
<p>Er wollte nach Hause.</p>
<p>Er wollte trinken.</p>
<p>Er wollte keine Klinik.</p>
<p>Er wollte seine Ruhe.</p>
<p>Aber nach 3 Tagen lautete die Frage nicht mehr, was er wollte, sondern ob er überhaupt noch in der Lage war, die Folgen seines galoppierend selbstzerstörerischen Handelns zu überblicken.</p>
<h2>Wer entscheidet eigentlich über den Zwang?</h2>
<p>Gerade weil eine Zwangsunterbringung einen so massiven Eingriff in die Freiheit darstellt, soll die Entscheidung nicht einfach bei der Klinik liegen.</p>
<p>In einer akuten Situation kann zunächst eine vorläufige Unterbringung durch die Ordnungsbehörde erfolgen. Sie ist zeitlich begrenzt. Soll die Unterbringung darüber hinaus fortgesetzt werden, kommt das zuständige Gericht ins Spiel.</p>
<p>Und damit eine weitere wichtige Frage: Entscheidet ein Richter einfach nach einem Telefonat mit den behandelnden Ärzten?</p>
<p>Grundsätzlich nein.</p>
<p>Zum gerichtlichen Verfahren gehört auch die persönliche Anhörung des Betroffenen. Der Richter soll sich also grundsätzlich selbst einen Eindruck von dem Menschen machen, über dessen Freiheit er entscheidet. Die ärztlichen Einschätzungen und Gutachten bilden dabei eine wichtige Grundlage, ersetzen aber nicht automatisch die persönliche Anhörung.</p>
<p>Auch hier gibt es natürlich gesetzlich vorgesehene Ausnahmen, etwa wenn eine persönliche Anhörung aufgrund des Gesundheitszustands erhebliche Nachteile für den Betroffenen bedeuten würde.</p>
<p>Das Prinzip dahinter finde ich richtig.</p>
<p>Denn wenn der Staat einen Menschen gegen seinen Willen festhält, sollte nicht allein die Einschätzung derjenigen entscheidend sein, die ihn behandeln.</p>
<p>Es braucht eine zusätzliche Kontrolle.</p>
<h2>Die gefährliche Grenze</h2>
<p>Das größte Problem liegt für mich deshalb nicht darin, dass es das PsychKG gibt.</p>
<p>Das Problem beginnt dort, wo aus einer Ausnahme ein bequemes Instrument wird.</p>
<p>Suchtkranke Menschen sind anstrengend: Sie sagen Termine ab. Sie brechen Therapien ab. Sie lügen. Sie trinken weiter. Sie versprechen Dinge und halten sie nicht ein. Sie entlassen sich aus Kliniken.</p>
<p>Wer das erlebt, kann irgendwann den verständlichen Wunsch entwickeln, dass endlich jemand anderes die Verantwortung übernimmt: „Dann soll er eben eingewiesen werden.“</p>
<p>So funktioniert es aber nicht.</p>
<p>Und so darf es auch nicht funktionieren.</p>
<p>Zwang darf nicht die Antwort auf Hilflosigkeit sein.</p>
<p>Er darf nur die Antwort auf eine konkrete akute Gefahr sein.</p>
<p>Das ist ein gewaltiger Unterschied.</p>
<p>Denn wenn der Staat beginnt, Menschen vor ihrem eigenen Lebensstil zu schützen, weil wir deren Entscheidungen für falsch halten, wird es gefährlich.</p>
<p>Dann geht es irgendwann nicht mehr nur um Alkohol oder Drogen. Dann geht es um die Frage, wie viel persönliche Freiheit wir einem Menschen zugestehen, wenn er Entscheidungen trifft, die wir für irrational halten.</p>
<p>Die Freiheit, sich selbst zu schaden, gehört in gewissen Grenzen ebenfalls zur Freiheit.</p>
<h2>Auch Freiheit braucht manchmal eine Pause</h2>
<p>Trotzdem habe ich nach diesem Erlebnis meine Meinung über Zwang ein Stück weit revidiert.</p>
<p>Früher hätte ich vermutlich gesagt: Jeder Mensch muss das Recht haben, selbst zu entscheiden, ob er sich helfen lassen möchte oder nicht. Heute ergänze ich: Solange er überhaupt noch in der Lage ist, eine solche Entscheidung zu treffen.</p>
<p>Das ist der entscheidende Punkt: Ein Mensch in einer akuten Suchtkrise ist nicht automatisch urteilsunfähig und schon gar nicht automatisch ein Fall für die Psychiatrie. Aber es gibt Situationen, in denen die Sucht einen Menschen so fest im Griff hat, dass die vermeintlich freie Entscheidung kaum noch etwas mit Freiheit zu tun hat.</p>
<p>Dann kann Zwang zwar eine Zumutung sein. Er kann aber auch eine letzte Form von Hilfe sein.</p>
<p>Das ist die unbequeme Wahrheit hinter dem PsychKG: Manchmal müssen wir einen Menschen gegen seinen Willen festhalten, damit er überhaupt die Chance bekommt, später wieder seinen eigenen Willen auszuüben.</p>
<p>Das ist kein schöner Gedanke.</p>
<p>Aber die Alternative erscheint noch viel weniger schön: nämlich ein demnächst leerer Stuhl in der Selbsthilfegruppe.<br />
+++</p>
<p>Lesen Sie auch: <a href="https://texte-zur-sache.de/selbstzerstoerung-als-letzter-wille">Selbstzerstörung als letzter Wille</a><br />
<a href="https://texte-zur-sache.de/selbstzerstoerung-als-letzter-wille"><img decoding="async" class="alignleft wp-image-34777" src="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/04/selbstzerstoerung-e1776098887268-300x128.jpeg" alt="Leaving Las Vegas" width="200" height="85" srcset="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/04/selbstzerstoerung-e1776098887268-300x128.jpeg 300w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/04/selbstzerstoerung-e1776098887268-1024x436.jpeg 1024w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/04/selbstzerstoerung-e1776098887268-768x327.jpeg 768w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/04/selbstzerstoerung-e1776098887268.jpeg 1342w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><br />
Von Hesse bis Hollywood: Existenznihilismus ist die radikalste Form von Autonomie (5. März 2026)</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/gesoffen-wird-immer/psychkg-wenn-hilfe-zum-zwang-wird-selbstgefaehrdung-sucht/">Darf man einen Menschen vor sich selbst retten?</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt</title>
		<link>https://texte-zur-sache.de/gesoffen-wird-immer/wenn-die-flasche-das-drehbuch-schreibt/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jun 2026 05:10:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Filme und Serien]]></category>
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		<category><![CDATA[When a Man Loves a Woman]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Alkoholismus gehört zu den häufigsten Suchterkrankungen überhaupt – und zugleich zu den am meisten verharmlosten. Einige Filme und Serien schaffen es jedoch, hinter die Klischees vom „lustigen Trinker“ oder „genialen Säufer“ zu blicken. Sie zeigen die Krankheit in all ihren Facetten: Verdrängung, Absturz, Co-Abhängigkeit und den oft steinigen Weg zurück. Eine Auswahl von Werken, die bewegen, aufklären und manchmal sogar helfen können.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/gesoffen-wird-immer/wenn-die-flasche-das-drehbuch-schreibt/">Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Alkohol gehört in unserer Kultur fast selbstverständlich dazu. Das Feierabendbier, der Wein zum Essen, der Sekt auf Familienfeiern. Die Grenze zwischen Genuss und Abhängigkeit bleibt dabei lange unsichtbar. Alkoholismus beginnt jedoch nicht erst mit mit dem Griff zur Wodkaflasche am frühen Morgen. Er beginnt viel früher – oft dort, wo niemand hinsieht.</p>
<p>Filme und Serien können diese Entwicklung sichtbar machen. Die besten von ihnen erzählen nicht nur von Alkoholikern. Sie erzählen von Menschen. Von ihren Hoffnungen, ihren Lügen, ihren Beziehungen und den Folgen ihrer Entscheidungen.</p>
<p>Hier eine Übersicht meiner Top 10-Alkoholgeschichten in Kino und TV:</p>
<h2>Wenn es kein Happy End mehr gibt: Leaving Las Vegas</h2>
<p>Wer nur einen einzigen Film über Alkoholismus sehen möchte, sollte mit <a href="https://texte-zur-sache.de/2026/05/05/selbstzerstoerung-als-letzter-wille/">Leaving Las Vegas</a> beginnen.</p>
<p>Der Film erzählt die Geschichte eines Drehbuchautors, der nach dem Verlust seines Jobs nach Las Vegas reist, um sich zu Tode zu trinken. Das Besondere daran: Der Film interessiert sich nicht für spektakuläre Entzugsszenen oder moralische Botschaften. Er zeigt die völlige Kapitulation vor der Sucht.</p>
<p>Viele Werke erzählen davon, wie Menschen den Kampf gegen ihre Abhängigkeit gewinnen. <em>Leaving Las Vegas</em> zeigt das Gegenteil – und deshalb wirkt die Geschichte so erschütternd. Wer verstehen möchte, welche Macht Alkohol über einen Menschen gewinnen kann, findet hier eine schonungslose Antwort.</p>
<h2>Der Klassiker, der seiner Zeit voraus war</h2>
<p>Bereits 1945 erschien mit <a href="https://www.imdb.com/de/title/tt0037884/">The Lost Weekend</a> ein Film, der erstaunlich modern anmutet.</p>
<p>Damals dominierten in Hollywood noch klare Helden- und Schurkenbilder. Alkoholiker galten häufig als willensschwach oder moralisch gescheitert. <em>The Lost Weekend</em> brach mit diesem Bild und zeigte Alkoholismus als zerstörerische Krankheit.</p>
<p>Viele Mechanismen, die Suchtexperten heute beschreiben, finden sich bereits hier: Verdrängung, Selbstbetrug, Ausreden und der verzweifelte Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen.</p>
<p>Der Film ist inzwischen über achtzig Jahre alt – seine Botschaft dagegen zeitlos.</p>
<h2>Zwischen Selbstzerstörung und Poesie: Barfly</h2>
<p>Kaum ein Film ist so eng mit dem Mythos des trinkenden Schriftstellers verbunden wie <a href="https://www.imdb.com/de/title/tt0092618/">Barfly</a> aus dem Jahr 1987. Die Vorlage stammt von Charles Bukowski, der auch das Drehbuch schrieb und dabei zahlreiche eigene Erfahrungen verarbeitete. Im Mittelpunkt steht Henry Chinaski, gespielt von Mickey Rourke, ein arbeitsloser Dichter, der seine Tage zwischen schäbigen Bars, Schlägereien und durchzechten Nächten totschlägt.</p>
<p>Anders als viele Alkoholismus-Dramen erzählt <em>Barfly</em> keine klassische Absturzgeschichte. Der Film romantisiert seinen Protagonisten zwar stellenweise, zeigt aber gleichzeitig die Trostlosigkeit eines Lebens, das sich fast ausschließlich um den nächsten Drink dreht. Dieser Widerspruch macht den Film bis heute faszinierend: Er bewegt sich ständig zwischen Verklärung und Ernüchterung, zwischen Freiheit und Gefangenschaft.</p>
<p>Wer verstehen möchte, warum Alkohol in Literatur, Film und Popkultur so oft mit Kreativität, Rebellion oder Genialität verbunden wird, findet in <em>Barfly</em> ein aufschlussreiches Zeitdokument. Gleichzeitig wird deutlich, wie schmal die Grenze zwischen dem romantischen Mythos des &#8222;saufenden Künstlers&#8220; und der bitteren Realität einer Suchterkrankung tatsächlich ist. <em>Barfly</em> gehört zu den interessantesten – und kontroversesten – Filmen über Alkoholismus.</p>
<h2>Die Familie trinkt mit</h2>
<p>Für Angehörige sind oft andere Filme besonders wertvoll.</p>
<p><a href="https://www.imdb.com/title/tt0055895/">Days of Wine and Roses</a> und <a href="https://www.imdb.com/title/tt0111693/">When a Man Loves a Woman</a> zeigen in beklemmender Weise, dass Alkoholismus selten nur den Trinker betrifft. Partner, Kinder und Freunde werden häufig Teil eines Systems aus Vertuschung, Entschuldigungen und Hoffnungen auf Besserung.</p>
<p>Die Verwandten und Freunde erkennen sich in diesen Geschichten oft schneller wieder als die Erkrankten selbst.</p>
<p>Die Frage lautet dann nicht mehr nur: „Warum hört er nicht auf?“</p>
<p>Sondern: „Warum mute ich mir eigentlich zu?“</p>
<p>Damit berühren diese Filme ein Thema, das in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kommt: Co-Abhängigkeit.</p>
<h2>Euphorie und Absturz: Der Rausch</h2>
<p>Der dänische Film <a href="https://www.filmstarts.de/kritiken/275050.html">Der Rausch (Another Round)</a> beginnt mit einer ebenso verrückten wie faszinierenden Idee: Vier Lehrer testen die Theorie, dass Menschen mit einem dauerhaft leicht erhöhten Alkoholpegel leistungsfähiger und glücklicher seien als ihre nüchternen Zeitgenossen. Tatsächlich scheint das Experiment zunächst zu funktionieren. Die Männer werden lockerer, selbstbewusster und lebensfroher.</p>
<p>Doch der Film wäre nicht so brillant, wenn er bei dieser Botschaft stehen bliebe. Je weiter das Experiment eskaliert, desto deutlicher werden die Risiken. Aus kontrolliertem Konsum wird Gewohnheit, aus Gewohnheit Abhängigkeit. Mads Mikkelsen spielt diesen schleichenden Wandel mit beeindruckender Präzision. Der Rausch ist weder Alkohol-Verherrlichung noch Absturzdrama. Die Ambivalenz macht den Film sehenswert. Die Handlung macht klar, wie eng Lebensfreude und Selbsttäuschung beieinanderliegen: Wo endet Genuss, wo beginnt die Sucht? Und wie oft belügen wir uns selbst bei der Antwort auf diese Frage?</p>
<h2>Die beste Serie über Selbstzerstörung ist ein Zeichentrick</h2>
<p>Auf den ersten Blick wirkt <a href="https://www.netflix.com/de/title/70300800">BoJack Horseman</a> wie eine absurde Animationsserie über ein ehemaliges TV-Pferd.</p>
<p>Wer dranbleibt, entdeckt jedoch eine der intelligentesten und schmerzhaftesten Auseinandersetzungen mit Sucht, Depression und Selbsthass, die das Fernsehen hervorgebracht hat.</p>
<p>BoJack trinkt nicht einfach zu viel. Er sabotiert Beziehungen, stößt Menschen von sich weg und findet immer neue Gründe, die Verantwortung für sein Leben nicht übernehmen zu müssen.</p>
<p>Die Serie zeigt dabei etwas Entscheidendes: Alkoholismus ist nicht immer die Ursache aller Probleme – sondern der Versuch, mit ihnen fertigzuwerden.</p>
<h2>Alkohol als gesellschaftliche Normalität</h2>
<p>Nicht jede Serie über Alkoholismus handelt ausschließlich von Alkoholismus.: beispielsweise <a href="https://www.imdb.com/de/title/tt0804503/">Mad Men</a>.</p>
<p>In der Welt der New Yorker Werbeagenturen der 1960er Jahre wird ständig getrunken. Im Büro, beim Mittagessen, auf Geschäftsreisen und zu Hause. Niemand stellt das infrage.</p>
<p>Heute wirkt vieles davon beinahe schockierend. Genau darin liegt die Stärke der Serie. Sie macht sichtbar, wie sehr gesellschaftliche Normen beeinflussen, was wir als problematisch wahrnehmen.</p>
<p>Don Draper ist kein klassischer Alkoholiker im Filmklischee. Er ist erfolgreich, attraktiv und beruflich angesehen. Dennoch wird zunehmend deutlich, wie stark sein Alkoholkonsum mit seinen inneren Konflikten verbunden ist.</p>
<h2>Tragikomödie mit bitterem Kern: Shameless</h2>
<p>Bei oberflächlicher Betrachtung ist <a href="https://texte-zur-sache.de/2023/11/12/ist-frank-g-der-wiedergeborene-hank-c/">Shameless</a> bloß eine weitere Familien-Dramedy, wie sie zuhauf in Hollywood produziert werden. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem oft anarchischen Humor eine der eindringlichsten Darstellungen von Alkoholismus im Serienformat.</p>
<p>Im Mittelpunkt steht Frank Gallagher, ein Vater, dessen Alkoholsucht das Leben seiner gesamten Umgebung prägt. Frank ist mal witzig, mal erschreckend, mal bemitleidenswert – und häufig alles zugleich. Die Serie zeigt, wie Kinder gezwungen werden, Verantwortung für Erwachsene zu übernehmen, und wie Sucht über Generationen hinweg ihre Spuren hinterlassen kann.</p>
<p>Weil <em>Shameless</em> seine Figuren nie auf ihre Fehler reduziert, wirkt die Serie so authentisch. Hinter jedem Lacher lauert die Erkenntnis, dass Alkoholismus nicht nur den Betroffenen zerstört, sondern seine ganze Familie in Mitleidenschaft zieht.</p>
<h2>Selbsthilfe mit Humor: Loudermilk</h2>
<p>Wer bei dem Thema ausschließlich düstere Dramen erwartet, sollte <a href="https://www.fernsehserien.de/loudermilk">Loudermilk</a> eine Chance geben. Die Serie erzählt von Sam Loudermilk, einem trockenen Alkoholiker und ehemaligen Musikjournalisten, der eine Selbsthilfegruppe leitet und dabei jeden mit seiner gnadenlosen Ehrlichkeit vor den Kopf stößt.</p>
<p>Was zunächst wie eine Situationskomödie wirkt, entwickelt sich schnell zu einer überraschend warmherzigen Geschichte über Rückfälle, Selbstvergebung und den schwierigen Alltag nach der Sucht. Denn <em>Loudermilk</em> zeigt etwas, das viele andere Filme und Serien ausblenden: Der eigentliche Kampf beginnt erst nach dem Entzug.</p>
<p>Mit viel Humor, aber ohne die Realität zu beschönigen, erzählt die Serie davon, wie Menschen versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.</p>
<h2>Eine Serie für alle, die Hoffnung suchen</h2>
<p>Während viele Werke vor allem den Absturz zeigen, verfolgt die <a href="https://www.fernsehserien.de/mom">Sitcom Mom</a> einen anderen Ansatz.</p>
<p>Hier stehen Menschen im Mittelpunkt, die versuchen, nüchtern zu bleiben. Rückfälle, Selbsthilfegruppen, Schuldgefühle und Versöhnungen gehören zum Alltag der Figuren.</p>
<p>Trotz aller ernsten Themen verliert die Serie nie ihren Humor.</p>
<p>Sie zeigt, dass ein Leben nach der Sucht möglich ist – ohne die Schwierigkeiten des steinigen Weges zu beschönigen.</p>
<h2>Was diese Geschichten erzählen</h2>
<p>Kein Film ersetzt eine Therapie. Keine Serie heilt eine Suchterkrankung.</p>
<p>Aber gute Geschichten können Verständnis schaffen. Sie &#8222;erzählen&#8220;, wie sich Alkoholismus anfühlt – für die Betroffenen ebenso wie für deren Angehörige.</p>
<p>Sie machen sichtbar, was im Alltag oft verborgen bleibt.</p>
<p>Und sie helfen, das Thema !Alkoholismus&#8220; einem breiten Publikum näherzubringen.</p>
<h2>Auf einen Blick: Alkoholismus in Film &amp; Serie</h2>
<p><strong>Filme</strong><br />
(1) Leaving Las Vegas (USA, 1995)<br />
(2) The Lost Weekend (USA, 1945)<br />
(3) Under the Volcano (USA/Mexiko, 1984)<br />
(4) Days of wine and roses (USA, 1962)<br />
(5) Ironweed (USA, 1987)<br />
(6) Another round/ Der Rausch (Dänemark, 2020)<br />
(7) Flight (USA, 2012)<br />
(8) Clean and sober (USA, 1988)<br />
(9) When a man loves a woman (USA, 1994)<br />
(10) Barfly (USA, 1987)<br />
(11) Smashed (USA, 2012)<br />
(12) Crazy Heart (USA, 2009)</p>
<p><strong>Aus deutscher Produktion</strong><br />
(13) Der Trinker (1995, Harald Juhnkes letzte Rolle)<br />
(14) Dunkle Tage (1999, Suzanne von Borsody als Sekretärin, die nach dem frühen Tod ihres Ehemanns dem Alkohol verfällt)<br />
(15) Rückfälle (1977, sehr eindrücklich gespielt von Günter Lamprecht)</p>
<p><strong>Serien</strong><br />
(1) Mad Men (USA, 2007-15)<br />
(2) BoJack Horseman (USA, 2014-20)<br />
(3) Shameless (US-Version: USA, 2011-21)<br />
(4) Patrick Melrose (UK/USA: 2018)<br />
(5) Mom (USA, 2013-21)<br />
(6) Loudermilk (USA, 2017-19)<br />
(7) The Wire (USA, 2002-08)<br />
(8) Rescue Me (USA, 2004-11)<br />
(9) The Queen’s Gambit (USA, 2020)<br />
(10) Californication (USA, 2007-14)</p>
<p>+++</p>
<p>Lesen Sie auch: <a href="https://texte-zur-sache.de/2025/11/19/weshalb-trinken-wir/">Weshalb trinken wir? </a><br />
<a href="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Melancholie-scaled-e1764495551227.png"><img decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-31427" src="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Melancholie-scaled-e1764495551227-300x128.png" alt="Rilke 150. Geburtstag" width="300" height="128" srcset="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Melancholie-scaled-e1764495551227-300x128.png 300w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Melancholie-scaled-e1764495551227-1024x436.png 1024w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Melancholie-scaled-e1764495551227-768x327.png 768w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Melancholie-scaled-e1764495551227-1536x654.png 1536w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Melancholie-scaled-e1764495551227.png 1933w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><br />
Was ist ein Rausch? Gibt es ein Grundrecht, sich in den Orbit zu katapultieren? Ist Alkohol eine harte Droge? Gesoffen-wird-immer-Kolumne von Henning Hirsch. (19. Nov. 2025)</p>
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		<title>Selbstzerstörung als letzter Wille</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 May 2026 05:40:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Filme und Serien]]></category>
		<category><![CDATA[Henning Hirsch: Neues vom Serien-Junkie]]></category>
		<category><![CDATA[Alkohol]]></category>
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		<category><![CDATA[Nihilismus]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstzerstörung]]></category>
		<category><![CDATA[The lost weekend]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In 'Leaving Las Vegas' wird Alkohol zum Instrument einer bewussten Selbstauflösung – so konsequent wie selten im Kino. Der Film führt drastisch weiter, was 'Der Steppenwolf' bereits andeutet: den Moment, in dem der Mensch nicht mehr gegen den Abgrund kämpft, sondern sich für ihn entscheidet.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Gehört zum abendlichen Pflichtprogramm in jeder Suchtklinik und ist auch zu Hause auf dem Sofa im Abstand einiger Jahre immer wieder sehenswert: <em>Leaving Las Vegas</em> – die (neben <a href="https://www.imdb.com/de/title/tt0037884/">The lost weekend</a>) cineastisch schonungsloseste Auseinandersetzung mit dem Thema Alkoholismus.  Ich habe mir den Fillm vor ein paar Tagen (zum zehnten Mal?) angeschaut und will nun endlich die seit Langem fällige Rezension zu Papier bringen:</p>
<h2>Worum geht es?</h2>
<p>In <a href="https://www.filmdienst.de/film/details/67621/leaving-las-vegas">Leaving Las Vegas</a> – basierend auf dem gleichnamigen (stark autobiografisch gefärbten) Roman von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/John_O%E2%80%99Brien_(Schriftsteller)">John O&#8217;Brien</a> – reist der arbeitslose Drehbuchautor Ben Sanderson (Nicolas Cage) an der Welt berühmtesten Sehnsuchtsort der Zocker und Feierlustigen, um sich in einem billigen Motel systematisch zu Tode zu trinken. Dort begegnet er der Prostituierten Sera (Elisabeth Shue). Zwischen beiden entsteht eine fragile Beziehung – getragen von einer stillschweigenden Vereinbarung: Sie akzeptiert seinen Alkoholismus, er billigt ihren Lebenswandel. Während sich zwischen ihnen eine Form von Nähe entwickelt, schreitet seine Selbstzerstörung unaufhaltsam voran – ohne Therapie, ohne Rettung, ohne moralische Auflösung.</p>
<h2>Alkoholismus als radikaler Realismus</h2>
<p><em>Leaving Las Vegas</em> gehört zu den kompromisslosesten Darstellungen von Alkoholismus im Kino, weil sich der Film konsequent weigert, die Krankheit dramaturgisch zu „lösen“. Alkoholismus erscheint hier nicht als Krise, die überwunden werden kann, sondern als Zustand, der sich verselbständigt hat. Der Protagonist trinkt nicht aus situativer Schwäche oder romantischer Melancholie, sondern aus einer inneren Entscheidung heraus, die längst jede Alternative verdrängt hat.</p>
<p>Gerade diese Konsequenz erzeugt den Realismus des Films. Alkohol strukturiert jeden Moment des Tages, bestimmt Wahrnehmung, Verhalten und soziale Beziehungen. Statt spektakulärer Abstürze zeigt der Film vor allem Wiederholung: Trinken, Funktionieren, Zerfall. Diese Monotonie ist es, die die Darstellung so glaubwürdig macht – Alkoholismus erscheint nicht als dramatisches Ereignis, sondern als alltäglicher Prozess der Selbstauflösung.</p>
<h2>Funktionaler Alkoholiker ohne Hoffnung</h2>
<p>Eine besondere Stärke des Films liegt in der Darstellung eines funktionalen Alkoholikers. Der Protagonist ist kein klischeehafter Randständiger, sondern ein intelligenter, reflektierter Mensch, der sein Verhalten durchschaut – und dennoch fortsetzt. Diese Diskrepanz zwischen Einsicht und Handlung gehört zu den realistischsten Elementen des Films.</p>
<p>Viele Erzählungen über Sucht setzen auf den Wendepunkt: Einsicht führt zur Veränderung. <em>Leaving Las Vegas</em> verweigert genau diesen Mechanismus. Es gibt keine Intervention, keine Therapie, keinen Versuch der Rettung. Stattdessen wird Alkoholismus als Entwicklung gezeigt, in der Erkenntnis ihre handlungsleitende Kraft verloren hat. Der Protagonist weiß, was er tut – und entscheidet sich dennoch dafür.</p>
<h2>Körperlicher Verfall und psychologische Leere</h2>
<p>Der Film zeigt Alkoholismus nicht nur als psychologisches, sondern auch als körperliches Phänomen. Zittern, Orientierungslosigkeit, Kontrollverlust und zunehmende Isolation erscheinen nicht als dramatische Höhepunkte, sondern als schleichender Prozess. Es ist gerade diese Unspektakularität, die die Darstellung so beklemmend macht.</p>
<p>Parallel dazu wird eine tiefere Ebene sichtbar: die vollständige Entleerung von Sinn. Alkohol ist hier weder Genuss noch Flucht, sondern die letzte verbliebene Struktur im Leben. Der Protagonist trinkt nicht, um etwas zu erreichen, sondern um die Abwesenheit von Bedeutung auszuhalten. In dieser Reduktion liegt die eigentliche Radikalität des Films.</p>
<h2>Selbstzerstörung als bewusste Entscheidung: Parallelen zum Steppenwolf</h2>
<p>In seiner Konsequenz erinnert der Film an literarische Figuren wie Harry Haller aus <a href="https://www.lesering.de/id/4909826/Der-Steppenwolf-Zusammenfassung/">Der Steppenwolf von Hermann Hesse</a>. Auch dort steht ein Protagonist im Zentrum, der seine Existenz als unauflösbaren Widerspruch erlebt und den Gedanken an Selbstvernichtung als ständige Möglichkeit mit sich trägt.</p>
<p>Ähnlich organisiert auch die Hauptfigur in <em>Leaving Las Vegas</em> ihr Leben um die eigene Auflösung. Alkohol ersetzt die punktuelle Entscheidung durch einen Prozess: nicht der plötzliche Akt, sondern die kontinuierliche Umsetzung einer inneren Haltung.</p>
<p>Der Unterschied liegt jedoch im Ausgang: Während <em>Der Steppenwolf</em> noch eine Bewegung zur Selbsterkenntnis und Transformation offenhält, verweigert der Film jede Form von Entwicklung. Es gibt kein „magisches Theater“, keinen Ausweg, keine Dialektik. Was bei Hesse als Möglichkeit existiert, erscheint hier als bereits vollzogene Entscheidung.</p>
<h2>Nihilismus als gelebter Zustand</h2>
<p>Der Film lässt sich als Studie eines radikal gelebten <a href="https://www.stan-marlow.de/existenzieller-nihilismus/">existenziellen Nihilismus</a> verstehen. Allerdings nicht im Sinne einer reflektierten Weltanschauung, sondern als Zustand, in dem Sinnfragen ihre Relevanz verloren haben. Es gibt kein „Warum“ mehr, das beantwortet werden müsste, und kein „Wofür“, das Handlungen strukturieren könnte.</p>
<p>In diesem Sinne zeigt <em>Leaving Las Vegas</em> das Endstadium eines Prozesses, der in der Literatur oft noch verhandelt wird. Während Figuren wie im <em>Steppenwolf</em> zwischen Verzweiflung und Möglichkeit oszillieren, hat der Film-Protagonist dieses Stadium bereits hinter sich gelassen. Reflexion wird nicht mehr in Handlung übersetzt – sie ist bedeutungslos geworden, mutiert zum Ausdruck völliger Leere.</p>
<p>Alkohol fungiert dabei als Medium dieser Haltung: nicht als Flucht, sondern als kontinuierliche Auflösung von Bedeutung. Der Film zeigt keinen denkenden Nihilismus, sondern einen, der gelebt wird.</p>
<h2>Beziehung ohne Rettungsfantasie</h2>
<p>Auch die Liebesgeschichte folgt dieser Logik. Die Beziehung basiert nicht auf Hoffnung oder Veränderung, sondern auf Akzeptanz. Sie versucht nicht, ihn zu retten, und er verspricht nicht, sich zu ändern. Gerade diese Konstellation wirkt realistischer als die in vielen Filmen dominierende Vorstellung, Liebe könne Sucht überwinden.</p>
<p>Nähe entsteht hier unter Bedingungen, die ihre eigene Zukunft ausschließen. Der Film zeigt damit, wie Sucht Beziehungen nicht einfach zerstört, sondern transformiert: Zuneigung ist möglich, aber sie bleibt folgenlos. Die Krankheit setzt die Grenzen, innerhalb derer Beziehung überhaupt stattfinden kann.</p>
<h2>Verzicht auf moralische Botschaften</h2>
<p>Ein zentrales Element des Realismus liegt im völligen Verzicht auf moralische Einordnung. Der Film erklärt Alkoholismus nicht, er bewertet ihn nicht und er bietet keine Lösung an. Diese Zurückhaltung erzeugt eine fast dokumentarische Wirkung.</p>
<p>Das Publikum wird nicht entlastet. Es gibt keine klare Schuld, keine pädagogische Botschaft und kein therapeutisches Narrativ. Gerade diese Leerstelle macht den Film so eindringlich, weil er die Realität von Sucht nicht in eine sinnstiftende Dramaturgie überführt.</p>
<h2>Was bleibt am Ende?</h2>
<p><em>Leaving Las Vegas</em> ist eine der radikalsten filmischen Auseinandersetzungen mit Alkoholismus. Der Film zeigt Sucht nicht als überwindbare Krise, sondern als existenziellen Zustand, in dem Entscheidung, Einsicht und Handlung auseinanderfallen. In Verbindung mit literarischen Motiven, wie sie sich im <em>Steppenwolf</em> finden lassen, wird deutlich, dass es hier um mehr geht als um Abhängigkeit: nämlich um die Möglichkeit, sich bewusst gegen das Leben zu entscheiden.</p>
<p>Gerade weil der Film auf Erlösung, Entwicklung und moralische Orientierung verzichtet, wirkt er so realistisch und verstörend. Er zeigt Selbstzerstörung nicht als Absturz, sondern als Haltung – und genau darin liegt seine nachhaltige Wirkung.</p>
<p><strong>Bewertung</strong>: 9.5 Punkte<br />
+++</p>
<h2>Steckbrief</h2>
<p><strong>Titel</strong>: Leaving Las Vegas<br />
<strong>Regie und Drehbuch</strong>: Mike Figgis<br />
<strong>Jahr</strong>: 1995<br />
<strong>Genre</strong>: Drama<br />
<strong>Basierend</strong> auf dem gleichnamigen <strong>Roman</strong> von John O&#8217;Brien (1990)<br />
<strong>Produktionsfirmen</strong>: Initial Productions &amp; Lumière Pictures<br />
<strong>Filmverleih</strong>: United Artists (USA) &amp; Metro-Goldwyn-Mayer (international)</p>
<p><strong>Hauptdarsteller</strong>:<br />
Nicolas Cage – Ben Sanderson<br />
Elisabeth Shue – Sera</p>
<p><strong>Auszeichnungen </strong>u.a.: Academy Award für Nicolas Cage als Bester Hauptdarsteller<br />
+++</p>
<p>Lesen Sie auch: <a href="https://texte-zur-sache.de/2026/01/27/der-ersatzreifen-den-man-nie-montieren-will/">Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat</a><br />
<a href="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Bukowski-scaled-e1769257617465.png"><img decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-33295" src="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Bukowski-scaled-e1769257617465-300x128.png" alt="Charles Bukowski" width="300" height="128" srcset="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Bukowski-scaled-e1769257617465-300x128.png 300w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Bukowski-scaled-e1769257617465-1024x436.png 1024w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Bukowski-scaled-e1769257617465-768x327.png 768w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Bukowski-scaled-e1769257617465-1536x654.png 1536w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Bukowski-scaled-e1769257617465.png 1685w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a></p>
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