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  • Bevor Star Wars kam, war Valerian schon lange da

    Bevor Star Wars kam, war Valerian schon lange da

    „Wir schreiben das Jahr 2720. Galaxity ist die Hauptstadt der Erde und des gesamten irdischen Machtbereichs in der Galaxie.“

    Mit diesem Satz beginnt 1967 eine der ungewöhnlichsten Science-Fiction-Sagas der Comicgeschichte. Kein Knall, kein Angriff einer außerirdischen Flotte, kein Held mit Superkräften. Stattdessen eine nüchterne Beschreibung einer fernen Zukunft: Die Menschheit hat die Grenzen des eigenen Planeten längst überwunden, Zeitreisen sind möglich, unbekannte Welten warten darauf, entdeckt zu werden.

    Und irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft sind zwei Agenten unterwegs, die im Auftrag des Raum-Zeit-Service das Gleichgewicht der Geschichte bewahren sollen: Valerian und Laureline.

    Eine Serie, die in Deutschland viele Leser allerdings zunächst unter einem anderen Namen kennenlernten: Valerian und Veronique. Warum aus der französischen Laureline eine deutsche Veronique wurde, gehört zu den zahlreichen Kuriositäten der deutschen Comicgeschichte.

    Vom Jugendzimmer ins Weltall

    Meine erste Begegnung mit den beiden Raumzeitagenten fand Anfang der 70er Jahre statt, als die Serie im Magazin ZACK erschien. Damals war die Welt der Comics noch eine andere. Man wartete eine Woche auf die nächste Fortsetzung, verschlang die großformatigen Seiten und ließ sich von Zeichnungen verführen, die größer waren als die eigene Fantasie.

    Heute wirkt das fast altmodisch.
    Damals war es Magie.

    Denn Valerian war kein Comic, den man einfach las und wieder weglegte. Diese Welten blieben im Kopf. Die fremden Wesen, die gigantischen Städte, die unbekannten Planeten – alles fühlte sich an wie eine Einladung, selbst durch das Universum zu reisen.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Zwei Freunde, zwei Talente, ein Universum

    Dass Valerian & Laureline überhaupt entstehen konnte, ist fast so ungewöhnlich wie die Geschichten selbst.

    Pierre Christin und Jean-Claude Mézières wurden beide 1938 geboren und lernten sich bereits als Kinder kennen – in einer denkbar ungewöhnlichen Situation. Während des Zweiten Weltkriegs saßen die beiden Jungen in einem Luftschutzkeller im Osten von Paris, während allierte Bombenangriffe die, von der Wehrmacht besetzte, Stadt erschütterten. Aus dieser ersten Begegnung entwickelte sich eine Freundschaft, die Jahrzehnte später zur Geburtsstunde einer der bedeutendsten europäischen Science-Fiction-Serien führen wird.

    Nach dem Krieg gingen die beiden zunächst unterschiedliche Wege. Pierre Christin interessierte sich für Literatur, Politik und gesellschaftliche Zusammenhänge. Er studierte an der Sorbonne und wurde später Professor für Journalismus und Kommunikation. Seine große Stärke lag in den Geschichten: in den Ideen, den politischen Hintergründen und den Fragen, die hinter den Abenteuern standen.

    Jean-Claude Mézières dagegen fand seine Heimat im Zeichnen. Er besuchte das Institut des Arts Appliqués in Paris und entwickelte früh eine besondere Leidenschaft für Comics und Illustration. Wie viele Künstler seiner Generation zog es ihn in den 60er Jahren in die USA. Dort arbeitete er unter anderem als Illustrator und lernte die amerikanische Comic- und Popkultur aus nächster Nähe kennen.

    Der entscheidende Moment kam Mitte der 60er Jahre. Beide hielten sich unabhängig voneinander in den Vereinigten Staaten auf und verabredeten sich für ein Treffen am Großen Salzsee in Utah. Dort entstand die Idee, gemeinsam eine Science-Fiction-Serie zu entwickeln. Die Inspirationen waren vielfältig: klassische Science-Fiction-Filme wie „Alarm im Weltall“ („Forbidden Planet“), „Metaluna IV antwortet nicht“ („This Island Earth“), die fantastische Welt von „Barbarella“ sowie die Romane von Autoren wie Isaac Asimov, Alfred E. van Vogt und John Wyndham.

    Doch Christin und Mézières kopierten ihre Vorbilder nicht. Sie entwickelten etwas Eigenständiges. 1967 erschien in der französischen Comiczeitschrift „Pilote“ die erste Geschichte „Schlechte Träume“. Was zunächst wie ein klassisches Weltraumabenteuer beginnt, entwickelt sich im Lauf weniger Jahrezu einer intelligenten Mischung aus Science-Fiction, Gesellschaftskritik, Satire und philosophischer Betrachtung.

    Christin lieferte die komplexen Welten und die politischen Untertöne. Mézières gab diesen Welten ein unverwechselbares Gesicht. Seine Zeichnungen waren gleichzeitig futuristisch und lebendig. Seine Städte wirkten nicht wie sterile technische Konstruktionen, sondern wie gewachsene Organismen. Seine Außerirdischen waren nicht einfach Monster oder exotische Staffage, sondern eigenständige Kulturen mit individuellen Formen, Lebensweisen und Geschichten. Gemeinsam erschufen die beiden Freunde über vier Jahrzehnte mehr als zwanzig Abenteuer von Valerian und Laureline. Eine bemerkenswerte Zusammenarbeit: ein Autor, der über die Zukunft nachdachte, und ein Zeichner, der ihr ein Gesicht gab.

    Oder anders gesagt: Pierre Christin erfand die Fragen.
    Jean-Claude Mézières zeigte uns die Welten, in denen sie gestellt wurden.

    Chronologie einer außergewöhnlichen Saga

    Christin und Mézières erweiterten den Handlungsraum der Serie über vier Jahrzehnte hinweg. Insgesamt entstanden mehr als zwanzig Abenteuer, in denen sich nicht nur die Figuren veränderten, sondern auch die gesamte Erzählweise.

    Die frühen Geschichten waren noch stark vom klassischen Abenteuercomic geprägt.

    Im ersten Abenteuer „Schlechte Träume“ (1967) lernen wir Valerian kennen, einen Raumzeitagenten aus dem 28. Jahrhundert. Während seiner Mission verschlägt es ihn ins mittelalterliche Frankreich des Jahres 1000. Dort trifft er auf Laureline, ein Bauernmädchen, das ursprünglich nur eine Nebenfigur sein sollte – und später zur zweiten Hauptfigur der Serie wird. Schon hier zeigt sich eine Idee, die Valerian später auszeichnen wird: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind keine getrennten Welten. Alles hängt miteinander zusammen.

    Mit „Die Stadt der tosenden Wasser“ (1968) entwickelt sich die Serie deutlich weiter. Die Geschichte führt die Leser in ein zerstörtes New York des Jahres 1986. Nach einer Katastrophe steigt der Meeresspiegel, ganze Kontinente verschwinden, die Zivilisation zerbricht. Was heute angesichts von Klimawandel und Umweltkrisen erstaunlich aktuell wirkt, war damals eine visionäre Dystopie. Valerian und Laureline müssen verhindern, dass ein Eingriff in die Vergangenheit die Entstehung ihrer eigenen Gegenwart unmöglich macht.

    Mit dem dritten Album „Im Reich der tausend Planeten“ (1969) verlässt die Serie endgültig die Erde. Es beginnt die kosmische Phase von Valerian. Syrtis Magnificus, ein gigantisches Reich aus unzähligen Welten, wird zum Schauplatz eines Abenteuers, das weniger an klassische Weltraumschlachten erinnert als an eine Mischung aus Fantasy, orientalischem Märchen und politischer Allegorie. Hier zeigt sich erstmals die ganze Stärke von Mézières’ Zeichenkunst: fremdartige Kulturen, bizarre Wesen, fantastische Landschaften – eine Galaxis, die nicht wie eine sterile Zukunft wirkt, sondern lebendig und voller Überraschungen.

    Auf Syrtis Magnificus zeigten Christin und Mézières, dass Science Fiction nicht nur aus Raumschlachten besteht. Szenen wie der schwebende Blumenregen gehören bis heute zu den poetischsten Momenten der europäischen Comicgeschichte.
    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Die Serie wird erwachsen

    In den folgenden Jahren lösen sich Christin und Mézières zunehmend vom reinen Abenteuerformat.

    „Das Land ohne Sterne“ (1972) führt die Helden auf einen Planeten, der von zwei verfeindeten Gesellschaften beherrscht wird. Schon hier geht es nicht mehr nur um Action, sondern um politische Systeme, Ideologien und die Frage, ob Konflikte zwischen Kulturen zwangsläufig sind.

    Mit „Willkommen auf Alflolol“ (ebenfalls: 1972) gelingt einer der großen Klassiker der Reihe. Die Geschichte erzählt von einem Volk, das nach langer Abwesenheit auf seinen ursprünglichen Heimatplaneten zurückkehrt – nur um festzustellen, dass Menschen ihn inzwischen wirtschaftlich nutzen. Eine Science-Fiction-Geschichte über Kolonialismus, Vertreibung und die Frage, wem ein Planet eigentlich gehört.

    Es ist bemerkenswert, wie früh Valerian Themen aufgreift, die Jahrzehnte später zum festen Bestandteil moderner Science-Fiction werden.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Die politische Phase

    In den 70er und 80er Jahren wird Valerian immer komplexer.

    „Botschafter der Schatten“ (1975) gilt vielen Fans als einer der Höhepunkte der gesamten Serie. Auf der Raumstation Point Central (so was wie die UN der gesamten Galaxie) treffen Vertreter zahlloser Spezies zusammen. Ein politischer Anschlag bedroht das fragile Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Völkern. Was zunächst wie ein klassisches Kriminalabenteuer im All wirkt, entpuppt sich als kluge Parabel über Diplomatie, Vorurteile und die schwierige Suche nach Verständigung.

    Gerade solche Geschichten unterscheiden Valerian von vielen anderen Science-Fiction-Werken. Während Star Wars den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse inszeniert, interessiert sich Valerian für die Grauzonen dazwischen.

    Nicht jeder Fremde ist ein Feind.
    Nicht jede Zivilisation hat die gleiche Vorstellung davon, was Fortschritt bedeutet.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Der große Bruch: Galaxity verschwindet

    Einen dramatischen Wendepunkt bildet der Zyklus um die Zukunft der Erde.

    In „Die Geister von Inverloch“ und „Der Zorn der Hypsis“ (1984/85) steht plötzlich nicht mehr irgendein ferner Planet im Mittelpunkt, sondern die eigene Heimat der Helden. Die Erde und Galaxity geraten in eine existenzielle Krise.

    Der Raum-Zeit-Service, Symbol der menschlichen Kontrolle über Zeit und Raum, beginnt zu zerfallen. Ausgerechnet die Agenten, die Jahrzehnte lang für die Stabilität der Geschichte gearbeitet haben, müssen erkennen, dass ihre eigene Welt nicht unantastbar ist.

    Diese Entwicklung macht die Serie ungewöhnlich erwachsen. Die Zukunft ist nicht automatisch besser als die Gegenwart. Auch hochentwickelte Zivilisationen können scheitern.

    Galaxity, die Hauptstadt der Erde im 28. Jahrhundert, bildet den Ausgangspunkt der Abenteuer von Valerian und Laureline. Von hier aus beginnt eine der außergewöhnlichsten Science-Fiction-Sagas der Comicgeschichte.
    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Eine Saga über Veränderung

    In den späteren Alben wird Valerian endgültig zu einer Geschichte über Verlust und Neubeginn.

    Die Figuren sind nicht mehr dieselben wie am Anfang. Valerian und Laureline werden älter, ihre Beziehung verändert sich, die Grenzen zwischen Held und Beobachter verschwimmen. Die großen Weltenrettungen treten zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen geht es um Identität, Erinnerung und die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält.

    Deshalb funktioniert die Serie noch heute.
    Denn hinter all den Raumschiffen, Aliens und Zeitreisen steckt immer eine sehr menschliche Geschichte.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Als Hollywood nach Frankreich blickte

    Wer heute alte Valerian-Alben durchblättert, erlebt ein merkwürdiges Déjà-vu. Da tauchen Raumstationen auf, die an Coruscant erinnern. Riesige Handelsmetropolen voller fremder Spezies. Piloten in schnittigen Gleitern. Maskierte Gestalten, deren Silhouetten verdächtig vertraut wirken. Händler mit langen Ohren und grotesken Gesichtern. Eine Prinzessin mit Frisur, die Leia gut gestanden hätte. Und ein in einer harten Masse konservierter Held – Jahre bevor Han Solo in Karbonit eingefroren wurde.

    Natürlich wäre es vermessen zu behaupten, George Lucas habe Star Wars einfach bei Pierre Christin und Jean-Claude Mézières abgeschrieben. Lucas nannte als Einflüsse immer wieder die Flash-Gordon-Serials, Akira Kurosawa oder Joseph Campbells Heldenmythos. Doch ebenso wenig lässt sich übersehen, dass die französischen Valerian-Alben bereits seit 1967 Bilder und Ideen präsentierten, die Jahre später in der weit, weit entfernten Galaxis erstaunlich vertraut wirkten. Comic-Historiker und Filmjournalisten haben diese Parallelen immer wieder herausgearbeitet – von der Architektur futuristischer Metropolen über einzelne Figurenentwürfe bis hin zu Raumschiffen und ikonischen Szenen. Eine offizielle Bestätigung blieb zwar aus, doch die Übereinstimmungen sind zahlreich genug, um zumindest von einer bemerkenswerten visuellen Verwandtschaft zu sprechen.

    Noch deutlicher ist der Einfluss auf Luc Besson. Der französische Regisseur war bekennender Valerian-Fan und träumte jahrzehntelang davon, die Serie zu verfilmen. Weil die Tricktechnik der 1980er und frühen 1990er Jahre dafür noch nicht ausreichte, verwirklichte er zunächst eine Art Fingerübung: Das fünfte Element. Jean-Claude Mézières selbst entwarf dafür Konzeptzeichnungen und arbeitete am visuellen Design des Films mit. Wer sich beide Werke anschaut, erkennt sofort die Familienähnlichkeit: die schwindelerregenden Megastädte, die überfüllten Flugkorridore, die Vielfalt außerirdischer Kulturen und die Vorstellung einer Zukunft, die nicht steril, sondern chaotisch, laut und voller Leben ist.

    Zwanzig Jahre später erfüllte sich Besson schließlich seinen Lebenstraum und verfilmte mit Valerian – Die Stadt der tausend Planeten das Werk seiner Jugend. Visuell war der Film oft atemberaubend. Manche Einstellungen wirkten, als hätten sich Mézières‘ Zeichnungen direkt von den Comicseiten gelöst. Doch genau darin lag auch das Problem. Besson gelang es zwar, die Bildgewalt der Vorlage einzufangen, nicht aber ihren Geist. Die intelligente Mischung aus Abenteuer, Gesellschaftskritik und feinem Humor wich einem Effektfeuerwerk, das zwar staunen ließ, emotional aber erstaunlich kühl blieb. Hinzu kam eine für viele Zuschauer wenig überzeugende Chemie der beiden Hauptdarsteller. So entstand ein Film, der das Auge überwältigte, das Herz der Comicfans jedoch nur selten erreichte.

    Doch der Einfluss Valerians endet nicht bei Lucas und Besson, Auch James Camerons Avatar erinnert in seiner Vorstellung fremder, ökologisch geprägter Welten und eigenständiger außerirdischer Kulturen an Ideen, die Christin und Mézières Jahrzehnte zuvor ersonnen hatten. Ebenso finden sich Spuren von Galaxity in modernen Space Operas, deren Stärke weniger in Raumschlachten als im Worldbuilding liegt – in der Kunst also, glaubwürdige Zivilisationen zu erschaffen, die weit über bloße Kulissen hinausgehen. Ob bewusst oder unbewusst: Viele Bilder, die wir heute für typisch Science Fiction halten, tauchten zuerst in den Panels von Jean-Claude Mézières auf.

    Valerian hat das Space-Opera-Genre nie so dominiert wie Star Wars. Geprägt hat die Serie es dennoch. Viele ihrer Ideen sind längst Teil unseres kollektiven Bildgedächtnisses geworden – so selbstverständlich, dass ihr Ursprung oft vergessen wird.

    Bild „Star Wars“ von AdisResic! auf Pixabay

    Mehr als nur ein Comic

    Das größte Verdienst ihrer Schöpfer besteht jedoch darin, gezeigt zu haben, dass gute Science Fiction nicht allein von Technik lebt.

    Sie lebt von Neugier, Fantasie und dem Mut, sich auf das Unbekannte einzulassen.
    Sie lebt von Ideen.Von der Vorstellung, dass hinter dem nächsten Stern eine neue Geschichte wartet. Dass Fremde nicht automatisch Bedrohungen sind. Dass Zukunft nicht nur aus Maschinen besteht, sondern aus Menschen.

    Valerian & Laureline war nie die lauteste Science-Fiction-Saga.
    Aber sicher eine der klügsten.
    Und wer heute eines der alten Alben aufschlägt, merkt schnell: Manche Zukunftsvisionen altern nicht.
    Sie warten einfach darauf, wieder neu entdeckt zu werden.
    +++

    STECKBRIEF

    Originaltitel: Valérian et Laureline (bis 2007: Valérian, agent spatio-temporel)

    Genre: Science Fiction, Space Opera, Zeitreise, Abenteuer

    Schöpfer:
    Pierre Christin (*1938) – Szenario und Text
    Jean-Claude Mézières (1938–2022) – Zeichnungen

    Erstveröffentlichung: 9. November 1967 in der französischen Comiczeitschrift Pilote

    Abschluss der Hauptserie: 2010 (L’OuvreTemps)

    Umfang: 23 reguläre Alben (1967–2010) sowie mehrere Kurzgeschichten, Sonderbände und Begleitpublikationen

    Originalverlag: Dargaud (Frankreich)

    Deutsche Veröffentlichungen
    ZACK (ab 1972): Erste deutschsprachige Veröffentlichung als Fortsetzungscomic.
    Koralle-Verlag: Erste Alben in deutscher Sprache.
    Carlsen Verlag: Ab den frühen 1980er Jahren nahezu vollständige Veröffentlichung der Reihe; später Hardcover-Neuausgaben sowie die Gesamtausgabe.
    Splitter Verlag: Seit 2017 hochwertige Valerian & Veronique – Ultimative Edition in großformatigen Sammelbänden mit umfangreichem Bonusmaterial.

    Deutscher Serienname:
    Ursprünglich Valerian & Veronique – obwohl die weibliche Hauptfigur im französischen Original Laureline heißt. Erst spätere Ausgaben übernahmen den Originalnamen.

    Auszeichnungen (Auswahl):
    Mehrfach ausgezeichnet beim Festival International de la Bande Dessinée d’Angoulême
    Jean-Claude Mézières erhielt 1984 den Grand Prix de la Ville d’Angoulême, die höchste Ehrung des europäischen Comicfestivals.

    Verfilmung:
    Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (Valerian and the City of a Thousand Planets, 2017)
    Regie: Luc Besson
    Mit Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Rihanna und Ethan Hawke.

    Bedeutung:
    Valerian & Laureline zählt zu den einflussreichsten europäischen Science-Fiction-Comics. Die Serie prägte Generationen von Zeichnern, Autoren und Filmemachern und gilt als wichtiger visueller und erzählerischer Wegbereiter moderner Science-Fiction-Filme wie Star Wars oder Das fünfte Element.
    +++

    Sämtliche Abbildungen: © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – Valerian & Veronique. Gesamtausgabe Band 1. © Dargaud 2009 sowie Valerian & Veronique. Sammelband 1. © Dargaud 2007 / © Carlsen Verlag GmbH 2011. Abdruck sämtlicher Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags.

  • Der ComiXjunkie (1)

    Der ComiXjunkie (1)

    Valerian & Veronique

     

    Science Fiction ist eine wunderbare Möglichkeit, der Realität zu entfliehen
    Pierre Christin

    Im Reich der 1000 Planeten

    »Du bist doch Comic-Junkie?«, erkundigt sich Ulf bei mir auf der letzten Redaktionssitzung.
    »Warum?«, antworte ich vorsichtig, weil nach solchen Fragen erfahrungsgemäß Arbeit verteilt wird.
    »Dann schreib darüber doch mal was.«
    »Dir schwebt bestimmt schon was vor, oder?«
    »Du kennst Valerian, den neuen Film von Luc Besson?«
    »Klar.«
    »Und hast auch ein, zwei der Alben gelesen?«
    »ALLE 22.«
    »Fein, also bist du genau der Richtige, dazu eine Rezi zu tippen.«

    Zurück zu Hause krame ich die Sammlung aus einem Umzugskarton hervor: Valerian & Veronique (V&V) In der Hardcover-Ausgabe des Carlsen Verlags: jeweils drei Erzählungen in einem Band zusammengefasst. Eine meiner Lieblingslektüren aus Kindheit und Jugend. Das erste Mal kennengelernt hatte ich den Raumzeitagenten im Jahre 1972, als die Geschichte „Stadt der tosenden Wasser“ im damals neuen Magazin ZACK abgedruckt war, und ich die Serie, die sich über zehn Ausgaben hinzog, geradezu verschlang. Chronologisch korrekt ging es allerdings fünf Jahre zuvor in der von René Goscinny geleiteten, französischen Comiczeitung Pilote los: „Schlechte Träume“; und zwar mit diesen Einstiegssätzen:

     

    Wir schreiben das Jahr 2720. Galaxity ist die Hauptstadt der Erde und des gesamten irdischen Machtbereichs in der Galaxie.

    Arbeit hat für die meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Nur einige hundert Raumzeitagenten und Technokraten des Raum-Zeit-Service sind noch aktiv.

    Die Raumzeitmaschine ermöglicht sowohl Reisen über riesige Distanzen als auch Sprünge in der Zeit. Dennoch ist zu Beginn des 28sten Jahrhunderts noch nicht das komplette Universum erforscht, entdecken die Agenten ständig neue Sonnensysteme und stoßen dabei auf unbekannte Lebensformen.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Autor und Zeichner: seit Kindheit befreundet

    Pierre Christin (*1938, Text) und Jean-Claude Mézières (*1938, Zeichnungen) lernen sich als Kinder in einem, im Osten von Paris gelegenen Luftschutzkeller kennen, während die Stadt im Sommer 1944 bombardiert wird. Nach dem Krieg trennen sich ihre Wege: Christin studiert Politologie und Literatur an der Sorbonne, Mézières besucht das Institut des Artes Appliquès. Mitte der 60er Jahre beschließen beide unabhängig voneinander, ein Auslandsjahr in den USA einzulegen und verabreden sich Monate später in Salt Lake City am Rande des Großen Salzsees für einen Erfahrungsaustausch. In diesen Tagen wird die Idee geboren, eine Science-Fiction-Geschichte in Comicform zu erzählen. Pate standen unter anderem Filme wie „This Island Earth“, „Forbidden Planet“ „Barbarella“ sowie Romane von Isaac Asimov, Alfred E. van Vogt, Jack Vance und John Wyndham. Christin und Mézières kehren nach Frankreich zurück, üben ein Jahr lang mit gezeichneten Short Stories, bevor 1967 ihr Valerian-Erstling in Pilote erscheint und ihnen sofort zum Durchbruch verhilft. Weitere 21 Erzählungen folgen bis 2007.


    Pierre Christin – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg


    Jean-Claude Mézières – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Start der Serie im Summer of love

    In „Les mauvais rêves (Schlechte Träume)“ wird Valerian weit zurück in die Vergangenheit katapultiert – ins mittelalterliche Frankreich im Jahr 1000 –, um dort den flüchtigen Traumaufseher Kombul zu stellen. Der plant, Hexen und Dämonen nach Galaxity zu importieren, Chaos zu verursachen, einen Umsturz herbeizuführen und sich zum Alleinherrscher der Erde krönen zu lassen. Bei der Suche erfährt Valerian Unterstützung vom Bauernmädchen Laureline [kein Mensch kann einem heute noch erklären, warum sie in der deutschen Version in Veronique umgetauft wurde]. Sie begleitet ihn beim Zeitsprung zurück in die Moderne, erhält einen Crashkurs unter der sogenannten Gedankenhaube und fungiert von nun an als seine neue (Agenten-) Partnerin. Die Figuren in „Schlechte Träume“ sind noch im Funnystyle gezeichnet, die Erzählung verläuft linear und ein bisschen simpel. Aber man lernt hier die für die ersten Folgen wichtigen Akteure kennen: Valerian, Veronique, Kombul und den Obersten Technokraten.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Band 2, der zwölf Monate später erscheint, ist da schon ein ganz anderes Kaliber: „Die Stadt der tosenden Wasser“. New York im Jahre 1986; am Nordpol explodiert ein Depot mit Wasserstoffbomben, Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt an, Städte und Länder versinken, das Ende der Zivilisation des 20sten Jahrhunderts. Danach drei Säkula finstere Epoche, bis sich gegen 2300 die Moderne aus der Dunkelheit herausschält. Wer mit dem Wissen Kombuls ins Jahr 1986 zurückreist, kann dort den Verlauf der Geschichte drastisch verändern und Galaxity gar nicht erst entstehen lassen. Für Valerian und Veronique beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr. Sie jagen Kombul durch die überfluteten und von dschungelartiger Vegetation überwucherten Straßen New Yorks. Mit etwas Fantasie ähneln die Bilder denjenigen im Blockbuster „Die Klapperschlange“, in dem Snake Plissken (Kurt Russell) durch das apokalyptische Gewirr im Big Apple hetzt. Wobei der Comic zehn Jahre vor dem Film entstand.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    1967/68 gezeichnet, vom Summer of love inspiriert, ähneln viele Figuren Hippies. Ein Wissenschaftler trägt das Gesicht von Jerry Lewis, ein Revolutionär das des Jazzkomponisten Sun Ra. Die Konturen der beiden Protagonisten werden in Band 2 schärfer, nehmen nun halbreale Züge an.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    In Teil 3 der Saga „Im Reich der tausend Planeten“ (1969 veröffentlicht) plötzlich ein gewaltiger Sprung: weg von der Erde mitten hinein in die unendlichen Weiten des Universums – Syrtis Magnificus. Hier kann der Autor seiner Fantasie endlich freien Raum lassen, der Zeichner neue Formen und Farben ausprobieren. Ganz stark die Szene, als V & V in einem Wasserfall herunterregnender Blumen stehen, bevor der Boden unter ihren Füßen wegbricht, und sie sich gegen eine Urweltschlange zur Wehr setzen müssen.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    In einer weit entfernten Galaxie steht ein Stern im Zentrum eines unermesslichen Sonnensystems. Es ist Syrtis Magnificus, Mittelpunkt des Reiches der tausend Planeten.

    Das viele Jahrhunderte wohlhabende Reich verfällt zunehmend. Der Herrscher hat sich in seinen Palast zurückgezogen, zeigt sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Die Kundigen – eine mysteriöse Priesterkaste – übernehmen die Regierungsgeschäfte. Die einst mächtige Kaufmannsgilde, die nun ein Schattendasein fristet, bittet die zwei Raumzeitagenten um Unterstützung. Die Geschichte erinnert ans alte Ägypten, als die Amunpriester einige Jahrzehnte lang die Geschicke des Landes lenkten, und die Rolle des Pharaos sich aufs Repräsentative beschränkte, bis das Pendel wieder umschlug, und die weltliche Gewalt zurück in die Hände des Königs wanderte.

    „Im Reich der tausend Planeten“ ist ein richtiger Comicklassiker mit einer wunderschönen Poesie. In der spannenden Atmosphäre fremdartiger Kulturen, Rassen und Religionen gelingt Mézières die glaubwürdige Darstellung sowohl von schmutzigen Gassen wie von prächtigen Palästen. Christin dagegen kann mit einer Vielzahl toller Wortschöpfungen glänzen. Ihm haben wir die Namen der Schamlis, Spiglis oder Bluxte zu verdanken, und er ist der Erfinder der lebenden Steine von Arphal.
    © Stan Barets

    Aktuelle Verfilmung: eher für Kinder geeignet

    Die aktuelle Verfilmung von Luc Besson mit dem leicht anderslautenden Titel „Die Stadt der tausend Planeten“ ist leider Gottes bloß ein müder Abklatsch des Originals. Zum einen quirlt der Drehbuchautor Fragmente verschiedener Bände zu einem grellbunten und Sodbrennen verursachenden Cocktail zusammen; zum anderen erliegt der Regisseur der Versuchung, Bilder und Spezialeffekte in den Vordergrund zu stellen; bei gleichzeitiger Vernachlässigung des Storytellings. So sitzt man zwei Stunden im Kino, denkt, wann nimmt der Streifen endlich Fahrt auf, wundert sich über die Fehlbesetzung der männlichen Hauptrolle [ein Milchbubi statt eines kernigen Zeitraumagenten], das Theater mit den militärischen Rängen, die es im Comic-Valerian überhaupt nicht gibt und hofft, dass es irgendwann nochmal spannend wird. Vergeblich, denn der Film plätschert ideenlos bis zum dümmlichen Finale vor sich hin. Besonders fatal ist es, dass die intelligente Handlung des Originals von Besson auf Walt-Disney-Niveau geschrumpft wird. Selbst vor dem Einsatz von Weltraum-Teletubbies und Plagiatszenen aus dem „5ten Element“ schreckt er nicht zurück. Der Schwertkampfauftritt à la Luc Skywalker auf Speed ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Fazit: „Stadt der tausend Planeten“ ist eher was für Kinder, die nach „Die Schöne und das Biest“ einen neuen Nervenkitzel suchen und nicht für erfahrene Comicjunkies geeignet.

    Parallelen zwischen V&V und Star Wars

    Interessanter als Bessons kraftlose Adaption sind die Anleihen, die George Lucas bei Valerian gemacht hat. In Star Wars wimmelt es von Figuren und Kostümen, die Christin und Mézières viele Jahre vorher entworfen hatten: die Bandbreite reicht dabei von Prinzessin Leias Kostümen, die sie in Veroniques Kleiderschrank ausgeliehen zu haben scheint, über die Gesichtsverbrennungen und die Maske von Darth Vader (wie bei den Kundigen im „Reich der tausend Planeten“), das Einfrieren von Han Solo (ebenfalls in den „tausend Planeten“), die Konturen des Schrotthändlers Watto (die Shinguz aus dem Band „Botschafter der Schatten“) bis hin zum identischen Design der Raumschiffe. Christin und Mézières haben also in Teilen die Blaupause für die erfolgreichste SciFi-Saga Hollywoods geliefert. Im Unterschied zu Besson erzählt Lucas allerdings eine überzeugende Geschichte, sodass die Ähnlichkeiten einiger Figuren eher das Vergnügen des Wiedererkennens denn Kopfschmerzen bereiten. Obwohl Star Wars seiner eigenen Handlung folgt, glaubt man doch an manchen Stellen, Ideen aus V & V aufblitzen zu sehen. So sind beispielsweise die beiden künstlichen Städte Central City und Coruscant nahezu identisch gestaltet. Bei genauerer Betrachtung lassen sich noch zahlreiche weitere Parallelen entdecken, deren Erörterung in diesem kurzen Beitrag jedoch zu weit führen würde.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    V & V ist ein Comiczyklus, den man sowohl als Jugendlicher als auch ü40 in die Hand nehmen kann. Christin und Mézières haben Pionierarbeit in Sachen SciFi-Storytelling, Figurenentwicklung und Weltraumszenerie geleistet.  Die Erzählung genießt man am besten als Gesamtwerk, die Bände lassen sich aber auch einzeln gut lesen. Die Folgen bauen zwar aufeinander auf, es ist jedoch nicht zwingend notwendig, die Vorgeschichte zu kennen. Die Handlungen sind stets in sich abgeschlossen. Die Protas wurden im Lauf der Jahre erwachsen, nehmen ständig realere Züge an. Bis hin zu dem Vorwurf, dass Veronique mittlerweile zu sexy und Valerian zu muskulös wirken. Mich stört das nicht; ganz im Gegenteil: die beiden erscheinen dadurch menschlicher. Die Saga  bleibt durchgängig intelligent und aufregend, und man fiebert bis zum Finale mit, ob die Erde nach der Zerstörung des Raum-Zeit-Service ein weiteres Mal von den zwei Helden gerettet werden kann.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Sämtliche Bilder mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags