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	<title>Nüchternheits-Apps-Archiv - Texte zur Sache</title>
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	<description>Meinung und Debatte, Rezensionen, Kunst, Sport, Politik und Gesellschaft</description>
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		<title>Alkohol goes Smartphone</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Aug 2026 06:40:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Henning Hirsch: Gesoffen wird immer]]></category>
		<category><![CDATA[Nebenbeitrag]]></category>
		<category><![CDATA[Abstinenz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nüchternheit gibt es inzwischen auch digital: Apps zählen alkoholfreie Tage, analysieren Trinkverhalten, begleiten beim Entzug und versprechen Hilfe gegen Suchtdruck. Doch was können diese digitalen Helfer tatsächlich leisten – und wo stoßen sie an ihre Grenzen?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/gesoffen-wird-immer/alkohol-goes-smartphone/">Alkohol goes Smartphone</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h2>Der Alkoholiker hat jetzt ein Smartphone</h2>
<p>Als ich mit dem Trinken aufhörte, gab es keine App, die mir morgens gratulierte, weil ich seit 47 Tagen keinen Alkohol mehr angerührt hatte.</p>
<p>Es gab überhaupt keine App.</p>
<p>Als ich trank, gab es noch kein Internet, kein Smartphone und schon gar keine sozialen Netzwerke, in denen man seine Abstinenz öffentlich dokumentieren konnte. Wer mit dem Saufen aufhören wollte, ging zum Hausarzt, zur Suchtberatung, in die Entgiftung, anschließend möglicherweise in die Therapie und irgendwann vielleicht in eine Selbsthilfegruppe.</p>
<p>Heute reicht theoretisch ein Griff in die Hosentasche.</p>
<p>Ein paar Suchbegriffe, ein Download, und schon hat man einen digitalen Helfer, der nüchterne Tage zählt, Geldersparnis berechnet, Trinkmengen protokolliert, Suchtdruck analysiert, tägliche Übungen anbietet oder den Kontakt zu anderen Betroffenen herstellt.</p>
<p><strong>Die Abstinenz ist digital geworden.</strong></p>
<p>Das ist zunächst einmal eine erfreuliche Entwicklung. Denn eine App kann niedrigschwellig sein, anonym funktionieren und genau dann verfügbar sein, wenn sie gebraucht wird.</p>
<p>Allerdings sollte man sich von der schieren Menge an Funktionen nicht täuschen lassen.</p>
<p>Eine App kann einen Alkoholiker nicht entgiften. Sie kann keine Entzugskrampfanfälle behandeln. Sie kann keine Therapie ersetzen. Und sie kann auch nicht die Entscheidung abnehmen, die am Ende jeder Abstinenz zugrunde liegt: Ich trinke nicht.</p>
<p>Aber sie kann möglicherweise an vielen Stellen helfen.</p>
<p>Um herauszufinden, wo, muss man die unübersichtliche Landschaft zunächst einmal sortieren.</p>
<h2>1. Nüchternheits-Tracker</h2>
<p>„Wie lange bin ich schon trocken?“</p>
<p>Das ist die einfachste und zugleich bekannteste Variante.</p>
<p>Der Nutzer gibt seinen letzten Trinktag ein. Danach beginnt die Uhr zu laufen.</p>
<p>Ein Tag.</p>
<p>Drei Tage.</p>
<p>Eine Woche.</p>
<p>30 Tage.</p>
<p>100 Tage.</p>
<p>Ein Jahr.</p>
<p>Viele dieser Apps arbeiten mit Streaks, Meilensteinen, Badges und Statistiken. Dazu kommen Berechnungen darüber, wie viel Geld man nicht ausgegeben oder wie viele Kalorien man nicht konsumiert hat.</p>
<p>Das Prinzip ist psychologisch leicht nachvollziehbar: Was sichtbar wird, fühlt sich konkreter an.</p>
<p>„Ich bin seit 14 Tagen trocken“ klingt anders als „Ich habe seit zwei Wochen nicht getrunken.“</p>
<p>Der digitale Zähler kann deshalb gerade am Anfang eine Motivationshilfe sein.</p>
<p>Er hat allerdings eine fundamentale Schwäche: Er misst Abstinenz, erzeugt sie aber nicht.</p>
<p>Der Zähler weiß nicht, warum jemand aufgehört hat. Er kennt den Suchtdruck nicht. Er weiß nicht, ob der Benutzer gerade kurz davorsteht, sich eine Flasche Wodka zu kaufen.</p>
<p>Besonders interessant wird die Sache beim Rückfall: Was passiert, wenn der schöne Zähler wieder auf Null springt?</p>
<p>Einige Apps versuchen deshalb, nicht nur die aktuelle Serie, sondern auch frühere Versuche und persönliche Rekorde zu dokumentieren. Das kann tröstlich sein – birgt aber auch die Frage, ob aus Abstinenz irgendwann ein Spiel mit Rekorden wird.</p>
<p><strong>Hauptnutzen:</strong> Motivation und Selbstbeobachtung.<br />
<strong>Hauptproblem:</strong> Ein Counter ersetzt keine Suchttherapie.</p>
<h2>2. Konsumkontrolle &amp; Trinkreduktion</h2>
<p>„Ich will weniger trinken.“</p>
<p>Hier betreten wir eine völlig andere Welt.</p>
<p>Diese Apps richten sich nicht unbedingt an Menschen, die vollständig abstinent werden wollen. Ihr Ziel lautet: weniger Alkohol, weniger Trinktage, weniger Menge.</p>
<p>Der Benutzer trägt seine Getränke ein, dokumentiert Trinkgelegenheiten, setzt sich persönliche Limits und bekommt anschließend Statistiken und Auswertungen präsentiert.</p>
<p>Das kann für Menschen mit riskantem, aber noch nicht zwingend abhängigem Konsum durchaus interessant sein. Wer beispielsweise jeden Abend drei Bier trinkt und überhaupt nicht weiß, wie viel Alkohol sich über eine Woche oder einen Monat summiert, kann durch konsequentes Tracking zunächst einmal mit der Realität seines eigenen Konsums konfrontiert werden.</p>
<p>Hier liegt allerdings eine der wichtigsten Trennlinien unseres gesamten App-Überblicks: <a href="https://www.socialnet.de/lexikon/Riskanter-Konsum">Risikotrinker</a> und <a href="https://dassuchtportal.de/alkoholsucht/alkoholiker-typen/">Alkoholiker</a> sind nicht dasselbe.</p>
<p>Eine App, deren Grundphilosophie lautet „Lerne, dein Trinkverhalten zu kontrollieren“, kann für den einen sinnvoll sein und für den anderen geradewegs am Problem vorbeizielen. Denn wer bereits mehrfach erlebt hat, dass aus dem geplanten Bierkasten am Wochenende ein täglicher Konsum geworden ist, hat kein Mengenproblem mehr, sondern ein Kontrollproblem.</p>
<p>Für diesen Menschen lautet die entscheidende Frage nicht: Wie viele Drinks darf ich heute trinken? Sondern: Warum sollte ich überhaupt noch ausprobieren, ob ich kontrolliert trinken kann?</p>
<p>Aktuelle Marktübersichten trennen deshalb sinnvoll zwischen Apps zum Wenigertrinken und solchen, deren primäres Ziel vollständige Abstinenz ist.</p>
<p><strong>Hauptnutzen:</strong> Konsum sichtbar machen und reduzieren.<br />
<strong>Hauptproblem:</strong> Reduktion und Abstinenz sind zwei unterschiedliche Ziele.</p>
<h2>3. Coaching &amp; Verhaltensänderung</h2>
<p>„Ich weiß, dass ich etwas ändern muss. Aber wie?“</p>
<p>Die nächste Generation will mehr als zählen.</p>
<p>Sie möchte den Nutzer verändern.</p>
<p>Solche Apps bieten tägliche Aufgaben, Lernmodule, Reflexionsfragen, Motivationsprogramme oder strukturierte Programme über mehrere Wochen. Sie erklären Zusammenhänge, fragen nach Trinkgewohnheiten und versuchen, neue Verhaltensmuster aufzubauen.</p>
<p>Aus dem Smartphone wird damit eine Art digitaler Coach. Der Vorteil liegt auf der Hand: Der Trainer ist jederzeit verfügbar. Man muss nicht auf einen Termin warten und niemand muss erfahren, dass man gerade Hilfe sucht.</p>
<p>Allerdings sollte man genau hinschauen, was sich hinter dem Wort „Coaching“ verbirgt.</p>
<p>Ein täglicher automatisierter Motivationsspruch ist etwas anderes als die Begleitung durch einen ausgebildeten Suchttherapeuten. Und ein virtuelles Lernprogramm ist etwas anderes als eine individuelle Therapie.</p>
<p>Es gibt allerdings auch digitale Programme, deren Selbsthilfeansätze auf etablierten therapeutischen Verfahren beruhen. <a href="https://www.niaaa.nih.gov/">Die NIAAA</a> verweist beispielsweise auf Software, die mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Methoden arbeitet und Menschen beim Reduzieren und sogar Aufhören unterstützen können.</p>
<p>Die entscheidende Frage für unseren späteren App-Test wird deshalb lauten: Ist hier tatsächlich ein sinnvolles Programm hinterlegt – oder wird bloß Motivation als Coaching verkauft?</p>
<p><strong>Hauptnutzen:</strong> Struktur und Verhaltensänderung.<br />
<strong>Hauptproblem:</strong> „Coaching“ kann alles und nichts bedeuten.</p>
<h2>4. Suchtdruck &amp; Rückfallprävention</h2>
<p>„Was mache ich in dem Mpment, in dem ich unbedingt trinken will?“</p>
<p>Für mich persönlich ist das eines der interessantesten Segmente.</p>
<p>Denn der entscheidende Moment beim Alkoholiker ist nicht unbedingt morgens um neun, wenn er nüchtern beschließt, ab heute nicht mehr zu trinken. Der entscheidende Moment kann um 19.30 Uhr kommen.</p>
<p>Nach einem beschissenen Arbeitstag.</p>
<p>Nach einem Streit.</p>
<p>Nach einem Anruf der Ex.</p>
<p>Auf einer Party.</p>
<p>Oder einfach auf dem Sofa, wenn plötzlich der Gedanke auftaucht: „Ein Bier wäre jetzt schön.“</p>
<p>Apps dieser Kategorie versuchen, genau in diesem Moment einzugreifen. Sie bieten Atemübungen, Ablenkungsstrategien, kurze psychologische Übungen, Triggeranalysen, Notfallprogramme und sogenannte Craving-Tools.</p>
<p>Einige Systeme analysieren sogar Risikosituationen und versuchen, den Nutzer rechtzeitig zu warnen. Frühere Forschungsprojekte haben beispielsweise mit Standortdaten gearbeitet, um Menschen beim Betreten zuvor identifizierter Hochrisikoumgebungen zu unterstützen.</p>
<p>Das Smartphone bietet hier einen echten praktischen Vorteil: Es ist griffbereit, sobald sich der Suchtdruck einstellt. Ob der Betroffene allerdings in diesem Moment auch tatsächlich die App öffnet, ist eine andere Frage.</p>
<p>Und noch wichtiger: Ein digitales Craving-Tool kann eine akute Situation möglicherweise überbrücken. Es kann aber keine medizinische Notfallsituation behandeln und keinen Menschen ersetzen, wenn die Lage wirklich eskaliert.</p>
<p><strong>Hauptnutzen:</strong> Hilfe im kritischen Moment.<br />
<strong>Hauptproblem:</strong> Die App muss gerade dann funktionieren, wenn der Benutzer am wenigsten rational handelt.</p>
<h2>5. Community &amp; Peer-Support</h2>
<p>„Ich bin nicht der Einzige.“</p>
<p>Sucht macht einsam: Viele Alkoholiker verheimlichen ihren Konsum, ziehen sich zurück und führen irgendwann ein Doppelleben: nach außen funktioniert alles mehr schlecht als recht, während im Inneren längst das Chaos regiert.</p>
<p>Digitale Communities versuchen, diese Isolation aufzubrechen: Foren, Chats, Gruppen, Buddys und virtuelle Treffen ermöglichen den Austausch mit anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, trocken zu werden oder trocken zu bleiben.</p>
<p>Für jemanden, der sich noch nicht traut, eine reale Selbsthilfegruppe zu betreten, kann das ein wichtiger erster Schritt sein.</p>
<p>Man kann anonym bleiben.</p>
<p>Man kann erst einmal still mitlesen.</p>
<p>Man kann feststellen: „Scheiße. Die anderen kennen das auch.“</p>
<p>Das ist mitunter durchaus hilfreich. Allerdings sollte man auch hier die Kirche im Dorf lassen. Ein anderer Betroffener ist ein anderer Betroffener – kein Arzt und kein Therapeut.</p>
<p>Und bei jeder Community stellt sich die Frage nach Moderation, Qualität der Ratschläge, Datenschutz und Krisenmanagement. Einige Apps kombinieren ihr Forum inzwischen mit Tracker, Coaching und Rückfallhilfe. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen den Segmenten zunehmend.</p>
<p><strong>Hauptnutzen:</strong> Gemeinschaft und Entlastung von Isolation.<br />
<strong>Hauptproblem:</strong> Peer-Support ersetzt keine professionelle Behandlung.</p>
<h2>6. Professionelle &amp; medizinische Begleitung</h2>
<p><strong>Wenn die App mehr sein will als ein digitales Tagebuch</strong></p>
<p>Jetzt wird es ernst: Denn es existiert ein grundsätzlicher Unterschied zwischen einer App, die einem sagt, wie viele Tage man nicht getrunken hat, und einem digitalen Angebot, über das man tatsächlich mit Ärzten, Therapeuten oder anderen Fachleuten in Kontakt tritt.</p>
<p>Telemedizinische Angebote können beispielsweise ärztliche Beratung, Videotermine, therapeutische Gespräche oder medikamentöse Behandlung mit digitalen Elementen verbinden.</p>
<p>Das ist keine Spielerei mehr.</p>
<p>Das ist digitale Gesundheitsversorgung.</p>
<p>Die NIAAA unterscheidet zwischen selbstgesteuerten digitalen Programmen, Online-Selbsthilfe und professioneller Telemedizin und weist darauf hin, dass diese Angebote miteinander kombiniert werden können.</p>
<p>Für unseren späteren Vergleich ist deshalb eine klare Abgrenzung wichtig:</p>
<p><strong>Eine App ist nicht automatisch eine Therapie, nur weil irgendwo „Therapie“ draufsteht.</strong></p>
<p>Wir müssen bei solchen Angeboten fragen:</p>
<p>Wer steckt dahinter?<br />
Wer behandelt mich?<br />
Welche Qualifikation besitzen die beteiligten Fachleute?<br />
Welche medizinischen Daten werden erhoben?<br />
Wie werden diese geschützt?<br />
Was kostet die Behandlung?<br />
Und was passiert, wenn tatsächlich ein medizinisches Problem auftritt?</p>
<p>Hier gelten andere Maßstäbe als bei einem simplen Nüchternheitszähler.</p>
<p><strong>Hauptnutzen:</strong> Professionelle Unterstützung unabhängig vom Ort.<br />
<strong>Hauptproblem:</strong> Datenschutz, Qualität, Qualifikation und medizinische Verantwortung.</p>
<h2>7. Recovery-Allrounder</h2>
<p><strong>Alles drin. Aber hilft auch alles?</strong></p>
<p>Und dann gibt es schließlich die eierlegende Wollmilchsau.</p>
<p>Diese Apps wollen möglichst viele Funktionen unter einem Dach versammeln:</p>
<p>Nüchternheitszähler.</p>
<p>Tagebuch.</p>
<p>Stimmungstracking.</p>
<p>Triggeranalyse.</p>
<p>Craving-Hilfe.</p>
<p>Rückfallprotokoll.</p>
<p>Coaching.</p>
<p>Community.</p>
<p>Notfallprogramm.</p>
<p>Manche Anwendungen gehen noch weiter und verbinden verschiedene Suchtformen in einer gemeinsamen Recovery-Plattform. Ein aktuelles Beispiel ist <a href="https://www.therammunity.de/">Therammunity</a>, das unter anderem Clean Counter, Rückfallanalyse, Craving-Tools, Notfallprogramme, Mood-Tracking, Konsumreduktionsprogramme, psychologische Übungen und eine anonyme Community aus einer Hand anbietet.</p>
<p>Das ist technisch durchaus beeindruckend; wirft jedoch die Frage auf: Benötige ich tatsächlich 47 Funktionen, wenn es heute Abend auch eine einzige täte?</p>
<p>Mehr kann besser sein. Mehr kann aber auch bedeuten, dass der Benutzer von Menüs, Statistiken, Übungen und Benachrichtigungen erschlagen wird.</p>
<p>Der Allrounder ist deshalb nicht automatisch die beste App. Er ist zunächst einmal nur die umfangreichste.</p>
<p><strong>Hauptnutzen:</strong> möglichst umfassende Begleitung.<br />
<strong>Hauptproblem:</strong> Funktionsüberladung und fehlende Fokussierung.</p>
<h2>Sieben Segmente – aber keine sieben Schubladen</h2>
<p>Damit ist die digitale Landschaft halbwegs sortiert.</p>
<p>Aber Vorsicht: Die wenigsten Apps bleiben brav in ihrer Schublade.</p>
<p>Eine Anwendung kann gleichzeitig Tracker, Coachingprogramm und Community sein. Ein Allrounder kann zusätzlich Craving-Tools anbieten. Eine professionelle Anwendung kann ebenfalls ein Tagebuch und einen Abstinenzzähler enthalten.</p>
<p>Die sieben Kategorien beschreiben deshalb nicht unbedingt die technische Architektur einer App.</p>
<p>Sie beschreiben ihre Hauptaufgabe.</p>
<p>Diese Unterscheidung ist wichtig für die folgenden Einzeltests.</p>
<p>Denn wenn wir in den nächsten Wochen und Monaten einzelne Apps herausgreifen, sollten wir nicht einfach fragen: Welche App ist die beste? Das wäre ungefähr so sinnvoll wie die Frage: Welches Auto ist das beste?</p>
<p>Es kommt halt immer darauf an, wohin man fahren möchte.</p>
<h2>Was soll eine Nüchternheits-App eigentlich leisten?</h2>
<p>Für einen Alkoholiker lautet die entscheidende Frage nicht, ob eine App besonders schön gestaltet ist.</p>
<p>Nicht, ob sie 4,8 Sterne im App Store besitzt.</p>
<p>Nicht, ob sie 17 verschiedene Statistiken produziert.</p>
<p>Und auch nicht, ob sie jeden Morgen einen motivierenden Spruch auf das Display schickt.</p>
<p>Die Frage lautet: Hilft sie mir dabei, keinen Alkohol zu trinken?</p>
<p>Und noch wichtiger: Hilft sie mir dabei, auch morgen keinen Alkohol zu trinken?</p>
<p>Denn Trockenwerden und Trockenbleiben sind zwei verschiedene Aufgaben.</p>
<p>Der erste nüchterne Tag kann durch einen Entschluss entstehen.</p>
<p>Der zehnte durch Willenskraft.</p>
<p>Der hundertste vielleicht durch Routine.</p>
<p>In der Zukunft kommt aber unweigerlich der Abend, an dem irgendetwas schiefgeht und der alte Gedanke wieder auftaucht: „Vielleicht kann ich ja doch wieder kontrolliert trinken.“</p>
<p>Spätestens dann zeigt sich, ob die App tatsächlich etwas taugt. Oder ob sie lediglich sehr schön zählt, wie lange es bis dahin gedauert hat.</p>
<h2>Unser App-Test beginnt erst</h2>
<p>Deshalb werden wir die einzelnen Anwendungen nicht nach einem simplen Sterne-Ranking beurteilen.</p>
<p>Wir schauen uns an:</p>
<p>Was verspricht die App?</p>
<p>Für wen ist sie gedacht?</p>
<p>Welchem der sieben Segmente gehört sie hauptsächlich an?</p>
<p>Was kann sie tatsächlich?</p>
<p>Was kostet sie?</p>
<p>Wie benutzerfreundlich ist sie?</p>
<p>Wie geht sie mit Rückfällen um?</p>
<p>Wie ernst nimmt sie Suchtdruck?</p>
<p>Wie sieht es mit Datenschutz und persönlichen Gesundheitsdaten aus?</p>
<p>Und schließlich die vielleicht wichtigste Frage:</p>
<p>Was bleibt übrig, wenn der anfängliche Spieltrieb vorbei ist?</p>
<p>Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen: Ein Nüchternheitszähler kann zehn Minuten Spaß machen. Eine gute digitale Begleitung sollte im Idealfall auch noch nach zehn Wochen etwas taugen. Am besten auch noch nach 10 Jahren.</p>
<h2>Der Alkoholiker der alten Schule testet die Alkohol-Apps</h2>
<p>Ich bin also neugierig.</p>
<p>Nicht zuletzt deshalb, weil ich zur Generation der analogen Alkoholiker gehöre. Als ich trank, musste ich niemandem per App mitteilen, dass ich heute wieder gesoffen hatte. Ich musste auch keine virtuellen Medaillen sammeln und konnte meinen Abstinenzrekord nicht auf dem Smartphone bewundern.</p>
<p>Ich hatte dafür etwas anderes:</p>
<p>Ärzte.</p>
<p>Therapeuten.</p>
<p>Kliniken.</p>
<p>Mitpatienten.</p>
<p>Selbsthilfegruppen.</p>
<p>Und irgendwann die ziemlich ernüchternde Erkenntnis, dass ich gegenüber dem Alkohol die Kontrolle verloren hatte und sie nicht zurückbekommen werde.</p>
<p>Vielleicht können moderne Apps dabei helfen, diese Erkenntnis in den digitalen Alltag zu übersetzen.</p>
<p>Vielleicht sind einige davon tatsächlich erstaunlich nützlich.</p>
<p>Vielleicht sind andere bloß hübsche Spielzeuge.</p>
<p>Und möglicherweise gibt es sogar Anwendungen, bei denen man sich fragt, warum die Entwickler eigentlich noch nicht selbst auf die Idee gekommen sind, den Alkohol gleich mitzuliefern.</p>
<p>Das werden wir herausfinden.</p>
<p>Denn eines steht bereits fest:</p>
<p>Eine App kann die Sucht nicht für mich besiegen.</p>
<p>Aber wenn sie mir dabei hilft, das nächste Glas nicht zu trinken, hat sie ihren Job schon mal gut gemacht.<br />
+++</p>
<p>Lesen Sie auch: <a href="https://texte-zur-sache.de/gesoffen-wird-immer/die-droge-die-werben-darf/">Werbung für eine Droge?</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/gesoffen-wird-immer/alkohol-goes-smartphone/">Alkohol goes Smartphone</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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