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	<title>RTL-Archiv - Texte zur Sache</title>
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	<description>Meinung und Debatte, Rezensionen, Kunst, Sport, Politik und Gesellschaft</description>
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	<title>RTL-Archiv - Texte zur Sache</title>
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		<title>Öffentlicher Rundfunk: Wichtig oder kann weg?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 21 Aug 2022 10:57:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Aus der digitalen Hölle]]></category>
		<category><![CDATA[ARD]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>ARD und ZDF sollten den Fall Schlesinger für eine grundlegende Reform nutzen. Andernfalls drohen Abwanderung der Zuschauer zu alternativen Anbietern und weiter schwindende Akzeptanz für Art und Höhe der Finanzierung des ÖRR, meint Kolumnist Henning Hirsch. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/aus-der-digitalen-hoelle/oeffentlicher-rundfunk-wichtig-oder-kann-weg/">Öffentlicher Rundfunk: Wichtig oder kann weg?</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Fall (hier im doppelten Wortsinn gebraucht) <a href="https://mediendiskurs.online/beitrag/ein-jahr-nach-der-affaere-um-patricia-schlesinger-beitrag-772/">der Patricia Schlesinger</a> wirbelt in diesem Sommer viel Staub auf. Täglich kommen neue Mauscheleien ans Licht, ständig tritt nun irgendjemand zurück oder wird aufgefordert, zurückzutreten. Vom Versagen der Kontrollgremien ist die Rede, die Intendanten der ARD sprechen der RBB-Spitze gegenüber ihr Misstrauen aus, die Angestellten verlangen in Zukunft mehr Mitwirkungsrechte bei der Programmgestaltung. Jeder ist empört, betroffen, will größere Transparenz und schon morgen soll es wieder um die Sache, und nicht um Personen gehen. Reumütiges Zähneknirschen und Ab-sofort-soll-alles-anders-werden Gelöbnisse, wohin man schaut.</p>
<p>Die o.g. Änderungen mögen notwendig und vernünftig sein, um zukünftige Vetternwirtschaft schneller aufzudecken oder gar nicht erst entstehen zu lassen; jedoch liegt das Problem des ÖRR in Deutschland tiefer. Es geht um seinen Auftrag, die Zeitgemäßheit, die Art der Finanzierung und daraus resultierend seine Akzeptanz in der Bevölkerung.</p>
<p>Neben dem sogenannten <a href="https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/medienpolitik/500677/grundversorgungsauftrag-grundversorgung/">Grundversorgungsauftrag</a> – jeder Bürger muss freien Zugang zu Informationen besitzen – sollen ARD &amp; ZDF auch einen Programmauftrag erfüllen: Die Rundfunkprogramme dienen demnach gleichermaßen Informationsvermittlung, Bildung und Unterhaltung. Wesentliche Gesichtspunkte sind die Unabhängigkeit von staatlichen Eingriffen sowie die innere und äußere Pressefreiheit. Hört sich erst mal gut und plausibel an. Finanziert wird das Ganze über ein Konstrukt, das sich ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice (früher als GEZ bekannt) nennt und die Gebühren zwangsweise – und im Notfall auch recht ruppig – bei den Bürgern einkassiert. Das hört sich schon weniger gut an, sagen Sie? Hängt halt stark davon ab, was mit dem Geld passiert, antworte ich.</p>
<h2>Der Durchschnittskonsument nutzt längst andere Angebote</h2>
<p>Um die Zeitgemäßheit des ÖRR zu bestimmen, untersuchen wir im Folgenden die TV- &amp; Radiogewohnheiten eines durchschnittlichen westdeutschen, männlichen Boomers; nämlich meine. Bis zu meinem 25-sten Lebensjahr kannte ich nichts anderes als ARD, ZDF und das Dritte. Die Programme starteten am Nachmittag, um 19 Uhr gab’s Heute (mein Vater kam dafür pünktlich jeden Abend um 18.59 aus dem Büro zurück), um 20.15 ein Ratequiz oder eine Spielshow oder ein politisches Magazin, wenn man Glück hatte, wurde ab 22.30 ein nicht völlig veralteter Hollywood-Film gezeigt, im Anschluss die Spätnachrichten und dann gegen Mitternacht die Nationalhymne und im BR das Bayernlied. Sportereignisse allesamt im ÖRR. Bundesliga live im Radio: WDR 2. Mehr brauchte man/frau bis 1987 anscheinend nicht. Revolutioniert (wobei Revolution arg hochgegriffen ist; nennen wir es besser: Ausweitung, um nicht von Aufblähung sprechen zu müssen) wurde das jahrzehntelang beschauliche Angebot durch die Zulassung privater Sender Mitte der 80-er Jahre. RTL, SAT.1, ProSieben traten als neue Akteure in den Markt ein. Jetzt wurden wir mit Sendungen, die auf so schöne Namen wie „Tutti Frutti“, „Explosiv – Der heiße Stuhl“ oder „Alles Nichts Oder?!“ lauteten, beglückt. Bald gefolgt von Shows, die abwechselnd in Containern oder im Dschungel spielen, Bauer-sucht-Frau-Events und so nützlichen Sachen wie Scripted-Reality-Gerichtssendungen. Kannten wir bis 1990 alles nicht, hatten wir bis dahin auch nicht groß vermisst; aber, wie das mit nem neuen süchtig machenden Angebot nun mal so ist: Ist es erst mal in der Welt, will man seine tägliche Dosis haben und zählt die Stunden rückwärts, bis endlich die nächste Staffel GNTM über den Bildschirm flimmert. Man kann das private Angebot entweder superwichtig, megatoll oder völlig für den Arsch finden. Man kann es 24/7 laufen lassen, hin und wieder punktuell vorbeischauen oder die Trivialsender komplett boykottieren. Aber all dies geschieht freiwillig, niemand wird gezwungen, sich Promi Big Brother reinzupfeifen und dafür auch nur 1 müden Cent bezahlen zu müssen.</p>
<p>Zurück zu den Konsumgewohnheiten des westdeutschen, männlichen Boomers: Ich schaue so gut wie nie bei den privaten Sender vorbei. Nicht, weil ich sie ideologisch boykottiere, sondern da mir das Angebot nicht zusagt. Und wenn mal was dabei ist, was mich interessiert, wird das so oft von Werbung unterbrochen, dass ich spätestens bei der dritten Wiederholung von glücklichen Maggisuppen-Konsumenten entnervt weiterzappe. Allerdings hat ebenfalls mein ÖRR-Konsum in den vergangenen Jahren merklich nachgelassen. Ich habe auf meiner Liste: Die Tagesschau, Sportschau (die ist am Samstag ein Muss), hin und wieder ein Sportevent, ganz selten ein Politmagazin und – noch seltener – eine Talkrunde. Für den ganzen Rest nutze ich mittlerweile Streamingdienste. Wenn ich meine Vor-der-Glotze-hock-Zeit prozentual aufgliedere, gelange ich zu folgender Verteilung: 85% Amazon &amp; Netflix, 14.9% ÖRR, 0.1% RTL &amp; Co.</p>
<h2>Zwangsbeiträge vs. Werbefinanzierung und monatlich kündbare Gebühren</h2>
<p>An dieser Stelle kommen wir nicht drumherum, über Geld sprechen zu müssen. Wie finanzieren sich die Sender? ARD und ZDF erheben dafür (pro Wohnung) einen sogenannten Rundfunkbeitrag. Den muss man zahlen, völlig egal, ob man die Programme nutzt, sogar losgelöst davon, ob man überhaupt ein TV-geeignetes Endgerät besitzt. Beläuft sich aktuell auf 18.36 Euro, was umgerechnet auf meine Seh-Gewohnheiten 60 Cent pro 1 Tagesschau bedeutet. Das ist aber nicht die einzige Quelle der ÖRR: Werbezeit verkaufen die ebenfalls. Sehr strapaziös für männliche Boomer sind die 5 Minuten mit den rezeptfreien Medikamenten für die Zielgruppe Senioren mit Darmreizung u/o unkontrolliertem Harndrang vor den 20-Uhr-Nachrichten. Danach fühle ich mich oft ganz krank und nehme mir vor, demnächst mal wieder einen Routinecheck beim Urologen vornehmen zu lassen. Die Privaten hingegen finanzieren sich ausschließlich über Werbung (von den Plus-Angeboten im Internet mal abgesehen). Die Streaming-Dienste wiederum verlangen monatliche Gebühren (jederzeit kündbar) und verleihen einzelne Filme zu moderaten Stückpreisen. Das Argument, dass ich im Privatsektor ein nahezu identisches Gut entweder gratis oder mittels jederzeit kündbarer Gebühr erhalte, für das der ÖRR lebenslange Pflichtbeiträge von mir einfordert, ist ein starkes und kann nicht einfach mit der Frage, „Was sind schon 18.36€?“ vom Tisch gewischt werden. Es macht eben einen Unterschied, ob ich 18€/Monat freiwillig für 2 Packungen Marlboro (bzw. 1 Kasten Krombacher) oder zwangsweise für eine überwiegend mediokre TV-Berieselung ausgebe.</p>
<p>Die Rechtfertigung für den Rundfunkbeitrag kann nicht darin liegen, dass der ÖRR versucht, das private Angebot zu kopieren oder gar zu übertrumpfen. Es besteht weder eine Notwendigkeit, 08/15-Vorabendserien auszustrahlen (bei denen bloß die Gesichter der Protagonisten und die Orte, an denen das Ganze spielt, ausgetauscht werden. Die Handlungen sind nahezu identisch, die Dialoge werden von K.I. verfasst), noch Spielshows, die mitunter noch dämlicher sind als die, die RTL mir zumuten will, zu produzieren. Es muss auch nicht bei jedem Sportevent mitgeboten werden. Wenn die geldgierige DFL zu dem Entschluss kommen sollte, dass ARD &amp; ZDF zu wenig für die Übertragungsrechte zahlen, dann gibt’s in Zukunft Fußball eben nur noch auf Sky und DAZN. So what? Geht die Welt nicht von unter. Weshalb jeder Sender mittlerweile 1 Dutzend Talkrunden – in denen ständig dieselben Teilnehmer sitzen – ausstrahlen muss: keine Ahnung. Warum gibt’s eigentlich so viele ARD- und ZDF-Töchter? Schaut sich diese Spartenkanäle überhaupt jemand an, oder existieren die bloß, weil die Verantwortlichen es cool finden, über so viele Kanäle herrschen zu können? Wozu die ganzen Landeshäuser (aktuell = 9) der ARD: reicht nicht 1 Erstes? Was ist mit der Idee, den ÖRR zu 1 Anstalt zu bündeln? Wie beispielsweise die BBC oder die RAI. Müssen wir tatsächlich Kleinstsender wie Radio Bremen oder den Saarländischen Rundfunk betreiben?</p>
<h2>Was nun dringend zu tun wäre</h2>
<p>Um wirklichen Änderungswillen zu demonstrieren, muss sich der ÖRR grundlegend (und möglichst schnell) reformieren. Die Haupt-Aufgabenfelder bestehen in:</p>
<p>(A) Programmstraffung (Konzentration auf den Kernauftrag: Nachrichten &amp; Informationsvermittlung)<br />
(B) Abbau überflüssiger Verwaltungsstrukturen (keine Organisation benötigt zigfach 9 identische föderale Stellen, wenn es 1 zentrale Position genauso gut täte)<br />
(C) Prüfung der Zusammenlegung von ARD &amp; ZDF zu 1 ör-Rundfunkanstalt.</p>
<p>Ziel sollte sein, mit 10€ Rundfunkbeitrag/Monat die Grundversorgung an (unabhängigen) Nachrichten und wichtigen Informationen (z.B. Weltspiegel, Brennpunkt, plusminus, ttt, geschichtliche Dokus etc.) sicherzustellen. Wenn das gelingt = prima. Falls nicht, dann steht zu befürchten, dass die Akzeptanz für dieses Gebührenmodell in der Bevölkerung weiter schwindet, viele mit den Füßen abstimmen (sprich: zu anderen Anbietern abwandern) und der Druck aus dem konservativ-liberalen Lager, das zum Teil bereits die komplette Auflösung des ÖRR fordert, ständig zunimmt.</p>
<p>Schlau wäre es also, den Fall Schlesinger für eine Generalüberholung zu nutzen. Und es nicht bei neuen Chefs und ein bisschen mehr Mitbestimmung für die Mitarbeiter zu belassen. Da der ÖRR jedoch ein träger Organismus ist – noch träger als ich an einem warmen Sommersonntagmittag –, fehlt mir ein bisschen der Glaube, dass sich da in den kommenden Monaten großartig was von innen heraus reformieren wird. Ich schreibe diese Kolumne aber trotzdem, um meinen Enkeln in ein paar Jahren sagen zu können: „Ihr kennt ARD &amp; ZDF gar nicht mehr, weil die 2030 aufgelöst wurden. Schaut mal her, was euer Opa denen 2022 alles Schlaues geraten hatte. Und sie haben nichts davon gemacht. Typisch. Niemand hört auf Kolumnisten. Das haben sie nun davon. Selbst schuld.“ Und im Anschluss sehe ich mir die Sportschau in Amazon an.<br />
+++</p>
<p>Um es nochmal kurz <strong>zusammenzufassen</strong>: <a href="https://texte-zur-sache.de/2023/10/28/die-unverzichtbarkeit-des-oeffentlich-rechtlichen-rundfunks-fuer-deutschland/">ÖRR ist schon wichtig</a>. Jedoch nur in einer schlanken Variante und mit Konzentration auf Kernaufgaben. Im Zeitalter von geschätzt 100 TV- und Streaminganbietern leuchtet es Nullkommanull ein, weshalb ich mit meinem Rundfunkbeitrag dusselige Shows und noch dusseligere Vorabendserien finanzieren muss, die ich gratis bei RTL und ProSieben nachgeworfen bekomme.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/aus-der-digitalen-hoelle/oeffentlicher-rundfunk-wichtig-oder-kann-weg/">Öffentlicher Rundfunk: Wichtig oder kann weg?</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Emotionen aus der Dose</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Jan 2019 05:45:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Henning Hirsch: Aus der digitalen Hölle]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Alf]]></category>
		<category><![CDATA[Dschungelcamp]]></category>
		<category><![CDATA[Ich bin ein Star]]></category>
		<category><![CDATA[Leila Lowfire]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Orloff]]></category>
		<category><![CDATA[Realityshow]]></category>
		<category><![CDATA[RTL]]></category>
		<category><![CDATA[Sibylle Rauch]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Selbst Fremdschämen gelingt mir nicht mehr, sagt Kolumnist Henning Hirsch, als er sich nach langer Zeit zum ersten Mal wieder das Dschungelcamp anschaut </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/gesellschaft/emotionen-aus-der-dose/">Emotionen aus der Dose</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>»Lass uns <a href="https://www.youtube.com/user/RTLIchBinEinStar">Dschungelcamp</a> schauen«, sagt sie.<br />
»Spinnst du?«, frage ich.<br />
»Hab dich nicht so. Sehen sich alle an.«<br />
»Und warum sollte ICH das machen?«<br />
»Weil ich für dich gekocht habe und um mir einen Gefallen zu tun.«<br />
»Okay, aber maximal ne halbe Stunde! Länger halte ich den Scheiß nicht aus.«</p>
<p>Missmutig lasse ich mich auf ihr geblümtes Sofa fallen, während sie sich mit der Fernbedienung in Richtung <a href="https://www.rtl.de/">RTL</a> durchzappt. Wäre von vornherein klar gewesen, dass Coq au Vin mit Ich-bin-ein-Star-Gedöns korreliert, hätte ich aufs Essen gepfiffen. So ausgehungert bin ich dann doch nicht. Zumal ich mir vor vielen Jahren nach Folge 1 von Staffel 1 geschworen hatte, mir diese nach (vor?) <a href="https://www.sat1.de/tv/promi-big-brother">Big Brother</a> schlimmste aller TV-Müllproduktionen definitiv NIE mehr reinzuziehen. Und ich breche nur äußerst ungern meine Schwüre. Selbst schuld, denke ich; warum hast du dich vorher nicht erkundigt, wie ihre Pläne nach dem Dessert lauten? Mitgehangen …, sagen Sie? Ja ja, ich hab’s verstanden. Nützt mir nur im Moment wenig, wo ich auf ihrem geblümten Sofa sitze und das Begrüßungs-Jingle ertönt.</p>
<h2>Wie im Terrarium vom Nachbarn Schmitz</h2>
<p>Eingeblendet wird eine Dschungellandschaft aus der Vogelperspektive, die sich – je näher die Kamera ranzoomt – als so dschungelartig darstellt wie das Terrarium von Nachbar Günter Schmitz im dritten Stock, in dem er seinen Galapagos-Minileguan aufbewahrt. Zwei Moderatoren kommen ins Bild, die mit Sprüchen, die außer ihnen hundertpro niemand witzig findet, in die Materie einführen: Tag acht im Lager, eine Woche vorbei, heute wird der erste Teilnehmer nach Hause geschickt, die Nerven aller Kandidaten seien deshalb aufs äußerste angespannt.</p>
<p><a href="https://texte-zur-sache.de/2019/01/22/es-lebe-das-dschungelcamp/">Zwölf D-Prominente sind an Bord</a>, paritätisch aufgeteilt in jeweils ein halbes Dutzend weibliche und männliche Camp-Insassen, von denen ich außer <a href="https://web.de/magazine/unterhaltung/thema/sibylle-rauch">Sibylle Rauch</a>, <a href="http://www.peterorloff.de/">Peter Orloff</a> und der Synchronstimme von <a href="https://www.fernsehserien.de/alf">Alf</a> niemanden kenne. Mit darunter eine Dame mit dem verlockenden Namen Leila Lowfire, eine Naturblondnaive, eine Bob-Olympiasiegerin – was ich ja cool finde –, ein Typ, den sie den Currywurstmann nennen und ein zickiges Fotomodell. Die dürfen sich nun einzeln vorstellen. Damit ist schon mal eine Viertelstunde der Sendung überstanden, jetzt folgt ein Werbeblock, ich kann kurz aufstehen und mir in der Küche einen Nachschlag vom Dessert besorgen.</p>
<blockquote><p>Da man hier nichts isst und trinkt, wird man hier dumm</p></blockquote>
<p>begrüßt mich nun die Naturnaive. Aha, denke ich, gut, dass ich immer ausreichend Flüssigkeit zu mir nehme, so bleibt mir die völlige Verblödung hoffentlich noch ein paar Jahre erspart. Jetzt folgt eine, von den Moderatoren als ü18 angekündigte Nacktszene unter einem künstlichen Wasserfall, die so harmlos anmutet, als sei sie aus einem 5-Freunde-Roman entliehen. Zwischendurch immer wieder Lebensbeichten einzelner Teilnehmer à la:</p>
<blockquote><p>Wenn du so eine Alte als Freundin hast, kannst du dich gleich aufhängen</p></blockquote>
<p>oder:</p>
<blockquote><p>Ich fühle mich immer noch schuldig, dass ich unser Kind erst abtreiben lassen wollte. Heute ist es mein liebster Sonnenschein … Scheiße, Scheiße Scheiße</p></blockquote>
<p>Mittlerweile ist eine knappe halbe Stunde vorüber, ich schaue verstohlen auf die Uhr, dann auf meine Bekannte, die gebannt an den Lippen der Stimme von Alf hängt, der gerade den bedeutungsschwangeren Satz sagt:</p>
<blockquote><p>Das Publikum ist pervers, Brot und Spiele, es ist wie eine Hinrichtung.</p></blockquote>
<p>Ich denke: als Stimme von Alf warst du deutlich geistreicher als in Natura.</p>
<h2>Kakerlaken und Schleim: kreativ geht anders</h2>
<p>Nach dem nächsten Werbeblock gelangen wir endlich zur Dschungelprüfung. Zu absolvieren mal wieder vom zickigen Fotomodell, weil das sich partout nicht in die Gruppe integrieren möchte und deshalb jeden Tag aufs Neue zur Bestrafung irgendwas Ekliges tun muss. Heute geht es in fünf Steinzeit-Telefonzellen, in denen Sterne in mit Zahlenschlössern gesicherten Glaskästen deponiert sind. Die gilt es herauszuholen. Und weil das Fotomodell als chronische Heulsuse verschrien ist, wird es vorab von einem extra aus Deutschland eingeflogenen Motivationscoach auf Vordermann bzw. Vorderfrau gebracht. Als er das dritte Mal „Kasalla!“ trompetet, ertappe ich mich dabei, dass ich ihm einen Kinnhaken versetzen möchte, spekuliere darauf, dass die Kandidatin das auch gleich tun wird; aber sie lässt das Gebrüll stoisch über sich ergehen und betritt dann die erste Box. Das übliche Procedere wie seit Folge 1 in Staffel 1 – bloß keine den Zuschauer verwirrenden Änderungen vornehmen – passiert sofort: Kakerlaken, Würmer, grüne Ameisen, schwarzer Schleim prasseln auf die Kandidatin kiloweise herab, während sie auf Zeit versucht, die Zahlencodes zu knacken. Bei den Grünen Ameisen bewundere ich sie, denn die krabbeln sofort in sämtliche Körperöffnungen, und ich persönlich werde schnell panisch, sobald ich Insekten in der Ohrschnecke oder vom Schließmuskel aus in Richtung Blinddarm wandernd vermute. Nicht so die Camp-Heulsuse. Sie übersteht das Martyrium und lässt sich im Anschluss von den anderen elf gebührend feiern. Dabei fallen Sätze wie:</p>
<blockquote><p>Du hast wie Alexander der Große den gordischen Knoten zerschnitten</p>
<p>Alexander wer?</p>
<p>Du bist mit Gott</p>
<p>Wir haben alle zu wenig Nährwerte im Kopf</p></blockquote>
<h2>Daumen runter – ein Kandidat darf die Koffer packen</h2>
<p>Nach einer weiteren Prüfung, in der die Kandidaten anhand ihrer Kinderfotos identifiziert werden müssen, und in der wir unter anderem folgendes erfahren:</p>
<blockquote><p>Ich habe in Radlerhose immer eine Erektion bekommen.</p>
<p>Du warst ein typisches Ossi-Kind.</p>
<p>Voll süß, ich könnt voll heulen,</p></blockquote>
<p>neigt sich Tag 8 langsam dem Ende zu.</p>
<p>Wie es in den Castingshows liebgewordener Standard geworden ist, muss nun ein Teilnehmer seine Koffer packen. Nach fünf superspannenden Minuten, in denen die Moderatoren jedem einzelnen Kandidaten streng ins Gesicht schauen, bevor sie elfmal sagen, „Glück gehabt. Du kannst bleiben“, erwischt es einen jungen Mann, von dem ich noch nie gehört habe und dessen Namen ich mir deshalb auch nicht merken konnte. Er verdrückt ein paar Tränen, die anderen umarmen und trösten ihn, er marschiert aus dem Bild, wir werden auf morgen zu Folge 9 verabschiedet. Dann ist der Spuk für heute vorbei.</p>
<p>»Wie fand’st du es?«, fragt meine Bekannte. Übrigens die ersten Worte, die sie seit einer Stunde äußert.<br />
»Ging so«, antworte ich.<br />
»Willst du morgen zu Tag 9 wiederkommen? Es ist noch ne Menge vom Coq au Vin übriggeblieben. Brauche ich bloß aufzuwärmen.«<br />
»Nein danke«, sage ich, »bin schon anderweitig verplant«, nehme Mantel und Mütze, bin durch die Tür und steige ins Auto.</p>
<h2>Titten, Fremdschämen &amp; Emotionen aus der Dose</h2>
<p>Auf der Rückfahrt überlege ich, was bei mir von Folge 8 nun haften geblieben ist: Sibylle Rauch, Idol unserer 70er Jahre Feuchte-Jungen-Träume, wirkte weltentrückt. So als sei sie jahrelang in einem Ashram gebrainwashed worden, bis sie endlich langsamer spricht, als sie denkt. Oder vielleicht auch überhaupt nicht mehr denkt. Ein Zustand, den einige als die höchste Form des Glücks begreifen. Peter Orloff mimt den Weisen und kennt sich in alter Geschichte aus. Die Stimme von Alf gefiel mir deutlich besser, als sie noch die Stimme von Alf war. Um den Rest der Truppe zu kennen, bin ich zu alt. Mir fiel auf, dass die Teilnehmerinnen anscheinend alle denselben Chirurgen frequentieren, weil sich aufgespritzte Lippen und aufgepumpte Oberweiten sehr ähnelten. Das Konzept der Show ist simpel gestrickt: Titten, Kakerlaken, geschluchzte Geständnisse, ein Hauch <a href="https://www.parship.de/">Parship</a>, Pseudostress, periodischer Lagerkoller, Daumen rauf oder runter. Garniert mit schlüpfrigen und teils infantilen Kommentaren des Moderatoren-Duos. Eine Mischung aus Bauerntheater, Teenager-Erotik, einem Besuch im botanischen Garten mit ein paar ständig wiederkehrenden Ekeleinlagen, aufgenommen mit deutscher Kameratechnik, also immer frontal drauf. Nennt sich Realityshow und ist nach wie vor erfolgreich. Hin und wieder beschleicht einen als Zuschauer dabei ein Gefühl des Fremdschämens, wenngleich wir da alle aufgrund des Dauerbombardements mit Big Brother und seinen hunderten Nachahmern mittlerweile komplett abgestumpft sind. Vor zehn Jahren wäre ich bei mancher Aussage vom Sofa aufgestanden und hätte das Wohnzimmer verlassen, um diese Peinlichkeit nicht länger mitanhören zu müssen. Heute bin ich diesbezüglich schmerzfrei. Ob das ein positiver Gewöhnungseffekt ist – das sei hier mal dahingestellt.</p>
<p>Obwohl es in einer Realityshow natürlich äußerst real zugehen soll, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige Dialoge gescripted sind. Einen Satz wie, „Mein Gehirn ist voller Glück“, sagt doch unmöglich jemand von sich aus. Dieser Wahnsinn muss aus dem Textbaukasten eines schlechtbezahlten Drehbuchautors stammen. Oder etwa doch nicht? Und mancher Streit wirkt künstlich vom Zaun gebrochen, Emotionen aus der Dose, um durch Pseudo-Zoff für mehr Quote zu sorgen.</p>
<p>Bevor ich mich nun lang und breit zur Wechselbeziehung solcher Sendeformate und der galoppierenden Verblödung weiter Teile der Bevölkerung auslasse, stoppe ich an dieser Stelle mit meinem persönlichen Bekenntnis: Ehe ich mir eine weitere Folge des Dschungelcamps anschaue, besuche ich lieber ein Sexkino, wo richtiger Porno angeboten wird. Viel gefaketer (schreibt man das so?) sind die Dialoge da auch nicht.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/gesellschaft/emotionen-aus-der-dose/">Emotionen aus der Dose</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Das (Er)-Volkscamp</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Jan 2017 06:00:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Dschungelcamp]]></category>
		<category><![CDATA[Einschaltquoten]]></category>
		<category><![CDATA[gina-lisa Lohfink]]></category>
		<category><![CDATA[Kult]]></category>
		<category><![CDATA[RTL]]></category>
		<category><![CDATA[Tatort]]></category>
		<category><![CDATA[Trash]]></category>
		<category><![CDATA[Z-Promis]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit vergangenen Freitag hat RTL wieder sein Dschungelcamp geöffnet. Wurde die Sendung anfangs trotz hoher Quoten als Trash abgelehnt, so wird sie heute von einigen als intelligente Meta-Show gefeiert. Dabei ist sie vor allem eins: Gut gemachte Unterhaltung. Und das ist mehr als man von vielen Programmen erwarten darf.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/medien/das-er-volkscamp/">Das (Er)-Volkscamp</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Eigentlich müsste McDonalds längst insolvent und die Bild-Zeitung vom Markt verschwunden sein. Nämlich dann, wenn Burger-Kette und Springer-Blatt nur von den Menschen leben müssten, die öffentlich zugeben, deren Kunden beziehungsweise Leser zu sein. In der Realität sind die Schnelllokale und die Boulevard-Postille allerdings noch immer allgegenwärtig. Auch das RTL-Dschungelcamp, das am Freitag zum elften Mal seine Pforten geöffnet hat, erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Im Vorjahr sahen im Schnitt etwa sieben Millionen Zuschauer die Übertragungen aus dem australischen Busch, was einen <a href="http://www.ksta.de/kultur/rtl-show-startet-was-das-dschungelcamp-ueber-das-klassische-fernsehen-aussagt-25528350">Marktanteil </a>von beinahe 29 Prozent ausmacht. Bei der für den Privatsender maßgeblichen Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen erreichte der Marktanteil im Durchschnitt sogar mehr als 37 Prozent.</p>
<p>Aber es ist nicht nur die Quote, die den Hype um das Camp erklärt. Mittlerweile hat die Show eine öffentliche Aufmerksamkeit erreicht, die nur von wenigen Formaten übertroffen wird. So gab es in den vergangenen Wochen in fast allen Zeitungen und Zeitschriften &#8211; von der FAZ bis zur taz &#8211; eine umfangreiche Vorberichterstattung. In den bunteren Blättern wurden außerdem die Chancen der einzelnen Teilnehmer, dieses Jahr den zweifelhaften Titel des Dschungelkönigs davon zu tragen, in epischen Umfängen ausgewertet. Abgesehen von großen Sportereignissen wie Fußball-Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen, scheint &#8222;Ich bin ein Star, holt mich hier raus (oder kurz IBES)&#8220;, wie die Show eigentlich heißt, wirklich das letzte Lagerfeuer der Fernsehnation zu sein.</p>
<h2>Letztes Lagerfeuer der Fernsehnation</h2>
<p>Dabei verhielt es sich mit IBES am Anfang ähnlich wie mit McDonalds oder Bild. Keiner wollte es gesehen haben, aber Millionen sahen es. Wenn Kollegen und Freunde auf die Show zu sprechen kamen, dann angeblich nur, weil sie zufällig beim zappen hängen geblieben waren. Ich erfand einmal die Begründung, dass ich mir doch persönlich eine Meinung über dieses &#8222;Spiel ohne Grenzen&#8220; für Z-Promis bilden musste. Jedenfalls waren die meisten Zeitgenossen stets genau informiert, welcher Dschungelinsasse zuletzt zu einer Prüfung antreten und welcher das Camp verlassen musste. Auch die Sprüche der Moderatoren waren in aller Munde.</p>
<p>Zwar hätte ich in diesem Jahr die Ausrede des regionalen Faktors gehabt: Mit Skandalnudel <a href="https://www.extratipp.com/rhein-main/gina-lisa-hainburg-dschungel-diese-tipps-gibt-saengerin-jacob-7192847.html">Gina-Lisa Lohfink </a>nimmt erstmals eine Kandidatin aus meiner eher kleinen hessischen Heimatgemeinde teil. Allerdings sind Heimlichtuerei und Notlügen nicht mehr nötig, um unbeschadet den &#8222;RTL-Dschungel&#8220; sehen zu können. Denn irgendwann drehte sich der Wind. IBES wurde für den Grimme-Preis nominiert und erhielt bei einem Teil von Medien und Publikum Kultstatus. Der Dschungel galt nicht länger als Trash, sondern als Meta-Show, die knallhart die Mechanismen des Show-Business offenlegt: Möchtegern-Promiente, die sich für ein paar tausend Euro und zwei Wochen Ruhm exhibitionieren sowie Programm-Macher, die auf der Jagd nach der Quote armselige Kreaturen zynisch in einem Menschen-Zirkus vorführen. Dazu ein Publikum, das zwei Wochen lang niedere Instinkte, Schadenfreude und Überlegenheitsgefühl ausleben kann. Brot und Spiele 2.0.</p>
<h2>Brot und Spiele 2.0</h2>
<p>Ich habe in IBES niemals nur den Trash oder die intelligente Meta-Show gesehen, vielleicht ist es ja eine Mischung aus beidem. Aber eigentlich ist mir diese Diskussion herzlich egal. Ich sehe das Dschungelcamp, weil es im Kern entspannte und &#8211; zugegebenermaßen &#8211; professionell gemachte Unterhaltung ist, die sich spätabends, wenn der Alltag geht und die Entspannung kommen soll, ohne größere intellektuelle Verrenkungen konsumieren lässt. Schwerere Kost, wie Gabriel Garcia Marquez im Original zu lesen, hebe ich mir eher für andere Gelegenheiten auf als nachts halb elf in Deutschland. So dürfte es auch vielen anderen gehen, die sich zur arbeitenden Bevölkerung zählen. Aber anders als etwa in den USA, Großbritannien oder Italien ist Unterhaltung als Wert an sich hierzulande immer noch übel beleumundet. Was gerade für Entertainment à la Dschungelcamp gilt, bei dem man sich trefflich über peinliche Selbstdarsteller amüsieren oder vor widerwärtigen Übungen wie Kakerlaken essen ekeln kann.</p>
<h2>Ehrlicher als viele andere Programme</h2>
<p>Dennoch stimme ich Larissa Karge zu, der Kommentatorin der <a href="http://Im Staffelschnitt erreichten die 16 regulären Ausgaben der Show des Vorjahres gut sieben Millionen Zuschauer (Marktanteil: 28,6 Prozent). Bei den für RTL wichtigen und umworbenen 14- bis 59-Jährigen lag der Marktanteil im Schnitt bei 37,3 Prozent (5,59 Millionen Zuschauer).">&#8222;Hamburger Morgenpost&#8220;</a>, die schreibt, dass das „Dschungelcamp“ trotz aller Inszenierung ehrlicher sei als vieles, was man sonst im deutschen Fernsehen zu Gesicht bekäme. Jeder wisse, dass die Kandidaten mitmachen würden, weil sie sich durch die Aufmerksamkeit einen Schub für die Karriere und Geld erhofften.</p>
<p>In der Tat ist IBES deutlich authentischer als beispielsweise der hohle Götze der öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehunterhaltung, <a href="http://diekolumnisten.de/2016/02/15/out-of-hildburghausen/">der Tatort</a>. Zwar wird diesem ARD-Dauerbrenner nachgesagt, gesellschaftlichen Anspruch zu haben. Allerdings wirkt die Reihe, die in viel zu viele Ermittlerteams ausgefranst ist, längst reichlich angestrengt und auserzählt. Schaut man genau hin, dann sind abstruse Drehbücher, überfrachtete Handlungen und kaum Spannung mittlerweile schon Markenzeichen des Krimi-Klassikers. Selbst die hochgejubelte Münsteraner Version mit Jan-Josef Liefers und Axel Prahl wirkt an schlechten Tagen schon mal wie eine überdrehte Lustspielaufführung an einem mittelprächtigen mittelfränkischen Stadttheater. Und bei einigen Wiesbadener Ausgaben mit Ulrich Tukur hatte ich den Eindruck als versuche da ein mäßig begabter Regie- oder Dramaturgie-Novize erfolglos Quentin Tarantino nachzuahmen. Der letzte Tatort, den ich mir angesehen habe, war &#8211; im Herbst 2013 &#8211; auch so ein Tarantino-für-Arme: &#8222;Aus der tiefe der Zeit&#8220; vom gefeierten Regisseur Dominik Graf. Angeblich sei es <a href="http://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_66219822/-tatort-aus-muenchen-dominik-graf-ueberfordert-zuschauer-und-darsteller.html">Hauptdarstellerin Meret Becker </a>ähnlich gegangen wie mir. Auch sie habe den Stoff nicht verstanden.</p>
<h2>Mitleid ist unangebracht</h2>
<p>Beim Dschungelcamp dagegen ist es wie beim Autokauf. Größere Interpretationsübungen werden nicht vorausgesetzt. Was man bekommt, ist das, was man sieht. Selbstverliebte Ex-Casting-Stars, zombifizierte frühere Showgrößen, zynische Sprüche und jede Menge Freude am Fremdschämen. Keine große Kunst, aber das Konzept funktioniert. Oft ist es wirklich lustig.</p>
<p>Und anders als manche IBES-Kritiker meinen, ist Mitleid dabei völlig unangebracht. Ich zitiere ja eher selten das &#8222;Neue Deutschland&#8220; (ND) und fühle mich absolut unverdächtig, für dieses Blatt Werbung machen zu wollen. Aber besser als <a href="http://www.pressreader.com/germany/neues-deutschland/20170113/281998967149074">Wolfgang M. Schmitt</a>, Autor der linken Zeitung, kann man es nicht auf den Punkt bringen: &#8222;&#8230;die Teilnehmer sind allesamt Medienprofis mit einem mehr oder weniger kompetenten Management. Sie wissen, wie sie vor der Kamera wirken und wie sie sich zu inszenieren haben. Sie sind nicht zu vergleichen mit jenen, die&#8230;sonst lustvoll vorgeführt werden: Hartz-IV-Empfänger, Bauern und Schwiegermütter.&#8220;</p>
<p>Passend auch das Zitat des Medienkritikers Neil Postman im ND: &#8222;Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.&#8220; Beim letzten Halbsatz muss ich an den Tatort denken&#8230;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/medien/das-er-volkscamp/">Das (Er)-Volkscamp</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Horst, wir schaffen das!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 Jan 2016 07:00:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Angela Merkel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Alle Jahre wieder zieht ein knappes Dutzend deutscher C-Promis zum Gaudium des Publikums in den australischen Dachungel. Bis jetzt glänzte die RTL-Urwaldshow mit guten Quoten und war sogar für den Grimme-Preis nominiert. Soll dem Teletrash aber nicht die Luft ausgehen, braucht er ein neues, vielleicht sogar politischeres Konzept....</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Menschen, Tiere, Sensatiönchen. Seit vergangenen Freitag hat er wieder geöffnet, der C-Promizirkus namens RTL-Dschungelcamp. Auch wenn sich die Sinngaftigkeit der Show nicht jedem erschließt, schauen doch Millionen zu, wenn gescheiterte Existenzen aus Sport-, Schlager- oder Filmbusiness zusammen mit dem Teleprekariat aus irgendwelchen Castingshows am Lagerfeuer sitzen und über Brusterweiterungen, Hautstraffungen oder Haarverlängerungen salbadern. Knapp bekleidet treten die Möchtegernstars Tag für Tag zu einer Art ,Spiel ohne Grenzen&#8216; an, dass sich neudeutsch Dschungelprüfung nennt. Dann werden Känguruhhoden verspeist, Bäder in Kakerlakenbecken genommen und irgendwelche Gimicks aus Schlangenkäfigen gefischt.</p>
<p>Obwohl die Spiele so simpel sind wie die Gedankenwelten mancher Campbewohner, das Format hat Erfolg. Bereits seit 12 Jahren erreicht der ,Dschungel’ Traumquoten. Manche behaupten sogar, dass nach den Rückzügen von Thomas Gottschalk und Stefan Raab im Trash-Urwald das letzte Lagerfeuer der Fernsehnation gezündet wird. Aber nicht nur die Quote adelt die Show, zwischenzeitlich übergoss selbst das Feuilleton die Sendung mit Lob. Sogar für den <a title="Dschungelcamp für Grimme-Preis nominiert" href="http://www.spiegel.de/kultur/tv/nominierungen-grimme-preis-2013-fuer-dschungelcamp-und-der-turm-a-880209.html" target="_blank">Grimme-Preis</a>, das Hochamt des deutschen Fernsehanspruchs, war &#8222;Ich bin ein Star &#8211; Holt mich hier raus!&#8220; schon nominiert.</p>
<h2>Top-Quote, aber keiner wollte Show gesehen haben</h2>
<p>Trotzdem war es lange Zeit schwer, sich offen als &#8222;Dschungel-Zuschauer&#8220; zu outen. Im Bekannten- oder Kollegenkreis behielt man es besser für sich – ganz so wie früher den Einkauf bei Aldi, die Reise nach Mallorca oder den Mittagstisch bei einer US-amerikanischen Fastfood-Kette. Umso erstaunlicher, dass die meisten doch die Sprüche aus dem Camp wiedergeben konnten oder wussten, welche C-prominente Grazie sich gerade zur Steigerung ihres Marktwertes das Evakostüm angelegt hat. Später wurde &#8222;Ibes&#8220; Kult &#8211; und es galt fast schon als &#8222;Muss&#8220;, die neusten Lästerein und Eskapaden der Trashcamper und ihrer Präsentatoren zu kennen.</p>
<p>Geistiger Dünnpfiff oder Festival des Zynismus? Welches Urteil über &#8222;Ich bin ein Star &#8211; Holt mich hier raus!&#8220; trifft denn nun zu? Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte. Mindestens die Hälfte der Sendezeit ist etwa so unterhaltsam, wie das Testbild eines finnischen Spartenkanals. Wen interessiert es, wenn Mandy aus DSDS der Cindy aus Big Brother über ihre jüngste Session beim Tätowierer berichtet? Schwenkt das Gespräch auf die Verflossenen um, dürfte das Interesse bei einem Teil der Zielgruppe steigen, zumindest dann, wenn es schlüpfrig wird.</p>
<h2>Lästereien sind Salz in Dschungelsuppe</h2>
<p>An die Ekelprüfungen sollte sich das Publikum inzwischen gewöhnt haben. Ob irgendein Schlagerfuzzi Krokodilsfüße verspeisen muss oder ein bankrotter Ex-Kicker in ein Rattenloch steigt &#8211; alles schon mal da gewesen! Und Ekel reloaded ist in etwa so fade wie Tante Klothildes aufgewärmter Linseneintopf vom Vortag. So bleiben die Lästereien der Moderatoren und die Beziehungskisten der Campinsassen das Salz in der Suppe.</p>
<p>Wenn Sonja Zietlow und Daniel Hartwich, der geniale Dirk Bach ist leider nicht mehr unter uns, die Namensgebung der Ochsenknecht-Kinder auswerten oder nachzuzählen versuchen, wieviele Tätowierungen die Effenbergs eigentlich haben, dann ist das dank überdurchschnittlicher Gagschreiber oft die hohe Schule des Dissens. So großartig bitterböse war zuletzt der frühe Harald Schmidt &#8211; damals, als es noch die D-Mark gab und Bundeskanzler Kohl in Bonn residierte.</p>
<h2>Kommune 1 trifft auf Castingshow</h2>
<p>Daneben lebt die Show vor allem von Schadenfreude und Voyeurismus. Das beginnt schon damit, dass es eine Ikone der Kommune 1, ein ehemaliger DFB-Nationaltorwart oder einer der bekanntesten Charakterdarsteller der DDR überhaupt nötig haben, zwei Wochen mit den Casting-Klonen im Busch zu verbringen und Abend für Abend sinnfreie Hunger-Spiele über sich ergehen zu lassen. Ist das Trash-Personal gut, kann das Urwaldlager in der Tat unterhaltsamer sein, als ein durchschnittlicher Tatort &#8211; sagen wir mal aus Stuttgart oder Saarbrücken. Wenn ein Ex-Kommunarde <a title="Rainer Langhans - Kommune 1 trifft Castingshow" href="http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.erst-kommune-1-dann-dschungelcamp-rainer-langhans-ich-bereue-ueberhaupt-nichts.b635b422-890f-4c71-a017-e86fdea4a9c4.html" target="_blank">Rainer Langhans</a>, fast schon eine Person der Zeitgeschichte, versucht, wirklich mit einer der Hupfdolen vom Fließband der Castingindustrie zu kommunizieren, dann hat das fast schon etwas Dadaistisches.</p>
<p>Ebenso sehenswert ist es, diese Kinder des Trashs dabei zu beobachten, ihren vorgegebenen Rollen des scripted reality gerecht zu werden. Ist das Luder auch wirklich ludrig genug, das Ekel auch wirklich eklig und der &#8222;Nice Guy&#8220; auch so richtig nett? Und reicht die zweiwöchige Performance im Dschungel für Nancy oder Justin, um nach ihrem Aus bei DSDS noch eine Anschlussverwendung beim Bachelor oder der Bachelorette zu finden? Die wirklich wichtigen Fragen des Lebens, sie entscheiden sich im Busch!</p>
<p>Irgendein Schlageropa oder eine gefallene Diva werden auch stets auserkoren, die Mutter der Kompanie oder den Herbergsvater zu geben. Costa Cordalis hat die Rolle als &#8222;Campältester&#8220; sogar einen zwischenzeitlichen Ausbruch aus der Welt der Möbelhaus-Eröffnungen und der Ballermann-Parties eröffnet.</p>
<h2>Personal wird immer unbekannter</h2>
<p>Aber nach 10 Auflagen läuft jedes Format Gefahr, an Spannung zu verlieren. Sicher, in dieser Folge haben die Macher mit Trainer-Großmaul Torsten Legat und dessem herben Ruhrpott-Charme ein echtes Juwel ins Camp verpflanzt. Aber reicht das, um an Erfolge früherer Zeiten anzuknüpfen? Eher nicht, gewissermaßen aus der Not heraus wurde bereits dazu gegriffen, Stars früherer Staffeln wieder einzuladen und am Wühltisch der Castingshow-Absolventen noch tiefer zu graben. Zuletzt ging der Trend ja fast schon von C- zu F-Promis.  Sogar die Mutter einer Reality-Soap-Darstellerin wurde eingespannt, weil der Tochter der Dschungel dann doch zu igitt war.</p>
<p>Zudem hat sich der gesellschaftliche Wind gedreht. Deutschland ist politischer geworden als zu den Zeiten der Spaßgesellschaft der frühen Nuller-Jahre. Gleichzeitig gelten die öffentlich-rechtlichen Polittalks vielen als zu routiniert und zu austauschbar. Was für eine Chance für RTL, einen gesellschaftlich relevanten Relaunch seines Dschungels zu starten! Ein Camp, das heutzutage rocken will, muss die Debatten der Zeit abbilden. Diskurs statt Trashtalk, bitte! Dann käme &#8222;Ibes&#8220; raus aus der Boulevard-Schublade und hinein auf die Frontpages der Gazetten&#8230;</p>
<h2>Politpromis als Quotenturbo</h2>
<p>Aber wie müsste ein politisch relevantes Camp aussehen? Die Obersensation wäre es natürlich, wenn es RTL gelänge, die Antipoden der Asyldebatte, Angela Merkel und Horst Seehofer, zwei Wochen lang unter den Extrembedingungen der Sonne Austrsliens zusammenzupferchen und rund um die Uhr mit der Kamera zu begleiten. Man stelle sich vor, Kanzlerin und CSU-Chef müssen zusammen zur Dschungelprüfung und Angie feuert an: Horst, wir schaffen das! Der Ingolstädter wiederum könnte sich dabei profilieren, die Zahl der Campbewohner, die mit zwölf so hoch wie nie ist, &#8222;schnell und deutlich zu senken&#8220;.</p>
<p>Und auch für die Koalitionspartner von der SPD, die gerade über Wege zu mehr öffentlicher Zustimmung beraten haben, hätte der Dschungel Charme! Warum nicht den nächsten Kanzlerkandidaten nach zwei Wochen Urwald-TV per Tele-Votum bestimmen? Sigmar Gabriel, Andrea Nahles, Frank-Walter Steinmeier und Olaf Scholz im täglichen Realitätscheck. Und dazu Gerhard Schröder, der als Juror aktuell die Leistungen seiner potenziellen Nachfolger bewertet. Mehr Aufmerksamkeit ginge nicht!</p>
<h2>Varoufakis vs. Schweiger &#8211; Kampf der Titanen</h2>
<p>Was braucht eine Show noch, um erfolgreich zu sein? Natürlich einen internationalen Star, der entweder &#8222;sexy&#8220; ist oder irgendwas Rebellisches hat. Dann natürlich wäre Yanis Varoufakis ein &#8222;must&#8220;. Der virile Wirtschaftsprofessor, der ein halbes Jahr in Athen den Finanzminister gab, brächte nicht nur ein enormes schauspielerisches Talent, Glamour und revolutionäre Rhetorik mit nach Australien. Er könnte sich mit Merkel, Gabriel oder Seehofer auch packende Diskussonen um die Zukunft Europas liefern. Der Dschungel als Arena des politischen Diskurses. Welch ein Quantensprung. Selbst eine öffentlich-rechtliche Nachrichtenfrau wie Marietta Slomka würde beim Yanis ganz sicher zuschalten.</p>
<p>Da ein Ego selten allein kommt, täte ein Til Schweiger dem Camp auch gut. Sicher hätte der Burgschauspieler zu allem eine Meinung und könnte prima mit Varoufakis &amp; Co parlieren. Zum anderen ist der Mann einfach so großartig, dass er gewiss alle Dschungelprüfungen im Alleingang lösen würde. Die Anderen hätten so sogar noch mehr Zeit zum Politisieren oder Dissen. Und wenn der Yanis am Abend seine Bouzouki auspackt, singt der Til sicher spontan &#8222;Love me tender&#8220; dazu. Mehr Quote ginge wohl nicht. Auf den sich abzeichnenden Kampf der Titanen zwischen Varoufakis und Schweiger wäre nicht nur Frau Slomka gespannt.</p>
<h2>Meet the Wulffs?</h2>
<p>Und wenn dann noch Bedarf an A-Promis wäre: Die Wulffs wären sicher ebenso so dankbare Camper wie talkshowgestählte Zeitgenossen à la Gregor Gysi, Norbert Blüm, Claudia Roth oder Wolfgang Kubicki. Auch ein Jürgen Todenhöfer käme bestimmt gerne. Aber halt, das wäre unfair. Wer schon schon alle sieben Weltmeere durchschwommen und alle Terrorstaaten durchreist hat, für den ist Dschungelcamp wohl wie Kirmes in Castrop-Rauxel. Im Sinne der Chancengleichheit müsste dieser Name sicher von der Shortlist gestrichen werden.</p>
<p>Aber leider werden E&amp;U im Fernsehen erst einmal weiter nebeneinander existieren. Wer Debatte sehen will, muss bei Will, Illner oder Plassberg bleiben. Gelästert wird bei den Krawallarbeitern im Dschungel. Manchmal, aber nur manchmal, indes könnte man meinen, dass sich beide Formate gar nicht so sehr unterscheiden&#8230;</p>
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