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	<title>Russland-Archiv - Texte zur Sache</title>
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	<description>Meinung und Debatte, Rezensionen, Kunst, Sport, Politik und Gesellschaft</description>
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	<title>Russland-Archiv - Texte zur Sache</title>
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		<title>Rauch steigt vom Dach auf. Nachdenken über ein Friedenslied</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Phil Friedrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 Jan 2026 06:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Jörg Phil Friedrich: Arte-Fakten]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Nato]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Friedenslied aus den Kindertagen des Kolumnisten spricht von viel zu schwachen Händen, die den Frieden nicht schützen können, wenn er zu selbstverständlich geworden ist. Das macht ihn nachdenklich bezüglich der heutigen Situation.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/politik/rauch-steigt-vom-dach-auf-nachdenken-ueber-ein-friedenslied/">Rauch steigt vom Dach auf. Nachdenken über ein Friedenslied</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Lied aus Kindertagen geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Es war so ein sozialistisches Friedenslied, der <a href="https://www.jugendopposition.de/lexikon/sachbegriffe/148594/oktoberklub">Oktoberklub</a> sang es. Ich habe aber <a href="https://youtu.be/izi9f2M61so">eine Fassung gefunden</a>, die zeigt, dass auch andere das Lied nicht vergessen haben.</p>
<blockquote><p>Rauch steigt vom Dach auf, das kann heißen, da ist Leben</p>
<p>Rauch steigt vom Dach auf, kann auch heißen, noch bis eben</p>
<p>War dieses kleine Haus dort, an dem See und unter Bäumen</p>
<p>Spielplatz dem Kind und Heimat, ging verloren, Eltern auch.</p>
<p>…</p>
<p>Jahre in Frieden können sorglos machen, blenden</p>
<p>Liegt nicht der Frieden dann in viel zu schwachen Händen</p>
<p>Weil wir ihn aber brauchen, auch für Städte auf dem Reisbrett</p>
<p>Müssen wir ihn erhalten, für das ungeborene Kind.</p></blockquote>
<p>Ich habe beim Wiederhören bemerkt, dass das Lied noch ein paar weitere Zeilen hat, die aus meiner Erinnerung verschwunden waren, deshalb lasse ich die hier auch weg. Die erste Strophe, das Bild vom kleinen Haus mit dem Rauch darüber, ist wahrscheinlich ein bewusster Verweis auf ein kleines Brecht-Gedicht, das ich ebenfalls aus frühen Tagen in Erinnerung habe:</p>
<blockquote><p>Der Rauch</p>
<p>Das kleine Haus unter Bäumen am See.</p>
<p>Vom Dach steigt Rauch.</p>
<p>Fehlte er</p>
<p>Wie trostlos dann wären</p>
<p>Haus, Bäume und See</p></blockquote>
<p>Das Lied dreht das idyllische Bild bewusst gegen sich selbst, indem es eine andere Ursache und eine andere Wirkung des Rauchs ins Spiel bringt.</p>
<h2>Der Frieden und die schwachen Hände</h2>
<p>Was mich, die sozialistische Fortschrittsrhetorik der letzten Liedzeilen einmal irgnorierend, heute an den Text erinnert, sind die zwei Zeilen, die davon reden, dass ein langer Frieden sorglos machen kann, sodass der Frieden dann ungeschützt wird, weil er in viel zu schwachen Händen liegt. Wenn der Frieden lange dauert, nimmt man ihn für selbstverständlich und man vergisst, was die Bedingungen des Friedens sind. Man wird sorglos und glaubt, diese Bedingungen nicht mehr erhalten zu müssen, weil, so meint man, die friedliche Welt zur Selbstverständlichkeit geworden ist.</p>
<p>Das Lied stammt aus der Zeit, in der sich verfeindete Militärbündnisse gegenüberstanden, die zudem jeweils behaupteten, eine bessere, menschlichere Welt zu vertreten, der die Zukunft gehören müsste. Damals lebte ich auf der Seite, die es heute nicht mehr gibt, und ich war sicher, auf der richtigen Seite zu leben, zugleich war ich sicher, dass meine gute Seite von der anderen, der bösen Seite, bedroht würde.</p>
<h2>Zwei ideologische Lager</h2>
<p>Ich halte es heute für plausibel und wahrscheinlich, dass damals tatsächlich auf beiden Seiten die Überzeugung herrschte, dass die je andere Seite die gefährlichere, angriffsbereite ist, und, auch wenn es paradox klingt, könnten beide Seiten Recht gehabt haben, denn sie bevorzugten jeweils den Frieden, wären aber aus Motiven, die sie als moralisch gerechtfertigt angesehen hätten, bereit gewesen, einen Krieg zu führen, um ihr jeweiliges Gesellschaftsmodell auf die ganze Erde auszudehnen.</p>
<p>Da wäre auf der einen Seite das „sozialistische Lager“ mit der Ideologie, die Zukunft der Menschheit, eine gerechte Welt ohne Ausbeutung und mit allmählich wachsendem Wohlstand für alle zu verkörpern. Ob jeder einzelne kommunistische Diktator und alle Vertreter der Macht in diesen Ländern zu jeder Zeit an diese Ideologie geglaubt haben, kann dahingestellt bleiben. Konsequenz dieses Glaubens war jedenfalls die sozialistische und die kommunistische Weltrevolution und dass für deren Durchsetzung, wenn ihre Zeit gekommen wäre, auch Waffengewalt nötig wäre, war selbstverständlich.</p>
<p>Auf der anderen Seite die, die sich selbst als „freie Welt“ bezeichnete, die im Sozialismus die Diktatur, die Unterdrückung der Völker durch kommunistische Kaderparteien unter Kontrolle der sowjetischen, insbesondere der russischen Machthaber sahen. Dass die Regierungen und Bündnisse dieser freien Welt ihren Machtbereich vergrößern wollen würden und ihr Gesellschaftsmodell auf möglichst viele Erdteile ausbreiten wollen würden, ist durch die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hinreichend belegt und es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass sich der Charakter dieser Staaten seit Mitte des 20. Jahrhunderts geändert hatte.</p>
<p>Was in dieser Zeit einen großen Krieg zwischen diesen Lagern eben wirklich verhindert hat, war die Einschätzung auf beiden Seiten, dass ein Krieg gegen die andere ein unkalkulierbares Risiko wäre. Das Gleichgewicht des Schreckens war für beide Seiten abschreckend genug, das galt bis Mitte der 1980er Jahre. Aus dieser Zeit stammt allerdings das Lied, das vor der Sorglosigkeit warnt und beteuert, dass die lange Friedenszeit die Gefahr des Krieges bei mangelnder Verteidigungsbereitschaft vergrößern könnte. Die Leute sahen die hochgerüsteten Armeen auf beiden Seiten, glaubten aber, dass die nicht mehr nötig wären, weil doch der Frieden so selbstverständlich geworden war. Das Lied hätte wohl auf beiden Seiten des „eisernen Vorhangs“ gesungen werden können.</p>
<p>Dann brach das sozialistische System unter der Last der Abschreckungskosten, vor allem aber unter der eigenen Misswirtschaft zusammen. Es folgte ein kurze Phase, in der zumindest in Europa die Vorstellung verbreitet war, mit solchen Konstellationen sei es nun endgültig vorbei, es gäbe keine großen Blöcke mehr, die sich gegenseitig von Expansionsbestrebungen durch Drohungen mit Waffen abhalten müssten.</p>
<h2>Und heute?</h2>
<p>Jetzt finden wir uns in einer Welt wieder, in der es tatsächlich nicht zwei Blöcke sind, die sich einander gegenüberstehen. Man hat das Gefühl, dass Machtzentren sich gerade neu herausbilden und ihre Angriffslust oder Aggressionsbereitschaft erst noch entwickeln. Grob lassen sich derzeit vielleicht vier solcher Gebilde ausmachen: Russland einschließlich seiner Verbündeten, die USA, China und Europa westlich des russischen Bündnisses, dessen Grenzen derzeit nicht klar definiert sind, weil etwa die Zugehörigkeit Ungarns oder der Slowakei und Serbiens unklar ist.</p>
<p>Ich beobachte an mir selbst, dass ich erneut meine, in dem Gebilde zu leben, dass von sich aus am wenigsten imperiale Bestrebungen hat, das sich vielmehr verteidigen muss gegen andere, gegen alte und vielleicht auch gegen neue Feinde, die gerade noch Verbündete waren. Das ist bedenklich, kann aber dahingestellt bleiben, weil man natürlich auch dem „westlichen Europa“ den Wunsch nach Ausdehnung unterstellen kann, sich dadurch aber an der Frage, was zu tun ist, nichts ändert. Wie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheint zu gelten: der Frieden darf nicht in schwachen Händen liegen. Auch das westliche Europa muss sich dazu befähigen, möglichen Angreifern klarzumachen, dass jeder Angriff ein zu hohes Risiko für den Angreifer selbst darstellt.</p>
<p>Die letzten Wochen zeigen, dass man sich dazu keineswegs auf die Kraft des starken Partners USA verlassen kann. Sie wird selbst zum möglichen Gegner und was die Verteidigung der kleinen Bündnispartner am östlichen Rand des „westlichen Europas“ betrifft, sollte man am besten gar nicht mehr auf sie zählen. Das bedeutet, Europa muss noch viel schneller und konsequenter die notwendigen Strukturen aufbauen, die jeder anderen Macht auf der Welt vor Augen führt: jeder Angriff wäre ein zu großes Risiko für sie selbst.</p>
<h2>Friedensbewegung setzt das Gleichgewicht des Schreckens voraus</h2>
<p>Das Problem ist heute wie damals, dass der Aufruf „Dann lasst uns doch einfach alle friedlich sein“ im wahrsten Sinn des Wortes hilflos ist, da er die Ohren und die Sinne der Mächtigen nun einmal nicht erreicht, auch nicht, wenn er von Tausenden auf Demonstrationen gerufen würde. Friedensbewegungen sind überhaupt nur dann sinnvoll, wenn das Gleichgewicht des Schreckens einmal etabliert ist. Sie helfen dann dabei, dass die Mächtigen nicht über das notwendige Maß der Abschreckung hinausgehen. Das „westliche Europa“ ist aber längst nicht in dieser Situation. Es mag, gemessen an der Zahl der Waffen, <a href="https://texte-zur-sache.de/2025/12/20/die-nato-staerker-als-russland/">Russland überlegen sein</a>, aber vermutlich längst nicht gemessen an der realen Kampfkraft der Truppen und der Effektivität militärischer Operationen. Von einem ausreichenden Gegengewicht zur USA ist dieses Europa weit entfernt und wenn, was denkbar ist von den genannten großen Machtzentren sich zwei zusammentun würden, dann ist es quasi machtlos.</p>
<p>Sicher darf und sollte der Pazifismus, die Friedensbewegung auch heute nicht verschwinden, sie muss am Leben bleiben für eine Zeit, in der auch das Bündnis des westlichen Europas so stark geworden ist, dass es gezähmt werden muss. Solange das aber in ferner Zukunft liegt, muss die pazifistische Stimme schweigen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/politik/rauch-steigt-vom-dach-auf-nachdenken-ueber-ein-friedenslied/">Rauch steigt vom Dach auf. Nachdenken über ein Friedenslied</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Finnland, Russland und die NATO</title>
		<link>https://texte-zur-sache.de/joerg-phil-friedrich-arte-fakten/finnland-russland-und-die-nato/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Phil Friedrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Jan 2026 06:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Jörg Phil Friedrich: Arte-Fakten]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Finnland]]></category>
		<category><![CDATA[Nato]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Finnland wollte lange neutral zwischen West und Ost vermitteln, aber nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine änderte sich das sofort und es wurde schnell NATO-Mitglied. Was lässt sich daraus lernen?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/joerg-phil-friedrich-arte-fakten/finnland-russland-und-die-nato/">Finnland, Russland und die NATO</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man Anfang Januar in Nordfinnland eine Backcountry-Ski-Tour von einer Wildnishütte zur anderen macht, dann hat man viel Zeit. Auch wenn die Sonne nicht aufgeht, bewegt man sich etwa 5 Stunden im Licht der <a href="https://www.timeanddate.de/astronomie/buergerliche-daemmerung">Bürgerlichen Dämmerung</a>, in der man keine Stirnlampen braucht, dazu kommt, in den klaren, kalten Tagen der letzten Woche, das Licht des allmählich abnehmenden Mondes. Die helle Zeit reicht, wenn man kurz vor der Dämmerung startet, um die nächste Hütte nach ca. 20 km zu erreichen, dort die Ausrüstung von der Pulka ins Haus zu tragen, Schnee für das benötigte Wasser zu sammeln, Holz zum Heizen aus dem nahen Schuppen zu holen. Und wenn die Hütte dann warm ist, dann hat man vor allem viel Zeit zum Reden. Über das, was man redet, kann man dann am nächsten Tag auf der Tour nachdenken, um abends weiterzureden.</p>
<h2>Man redet über Politik</h2>
<p>Man trifft natürlich nicht viele Menschen, abgesehen von den wenigen, mit denen man gemeinsam unterwegs ist. Mit ein paar Leuten aus Norwegen oder Finnland, die gerade ähnliches tun, sitzt man abends auf Bänken zusammen und isst die schlichten, aber energiereichen Malzeiten, deren Zutaten man auf der Pulka hierhergebracht hat.</p>
<p>Dann fängt man an zu reden, und irgendwann, meist dauert es nicht lange, kommt man auf politische Dinge zu sprechen. Oft geht es zuerst um Geschichte, denn wenn man als Deutscher in Finnland unterwegs ist – ich war es nun zum dritten Mal – merkt man schnell, dass Finnen und Deutsche eine Menge Geschichte verbindet, vor allem eine Menge Kriegsgeschichte. Und das wiederum vor allem mit Bezug auf den Nachbarn im Osten. Schon im Dreißigjährigen Krieg waren es vor allem finnische Kavalleristen, die für Schweden in Europa kämpften. Im Zusammenhang mit den Napoleonischen Kriegen wurde Finnland Teil des russischen Reiches, versuchte aber immer wieder, größtmögliche Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zu erreichen. Das gelang 1907.</p>
<h2>Finnland zwischen Deutschland und Russland</h2>
<p>1917 organsierten die Deutschen Lenins Reise durch Deutschland, Schweden und schließlich Finnland nach Russland mit dem Ziel, Russland zu destabilisieren. Nach der Oktoberrevolution versuchten die Bolschewiki dann, auch in Finnland das sowjetische Rätesystem einzuführen, was nach einem erbitterten Bürgerkrieg allerdings misslang.</p>
<p>Als Hitler und Stalin ihren Pakt schlossen, teilten sie Finnland dem sowjetischen Einflussbereich zu, aber im Winterkrieg 1939 kamen Stalins Truppen erst mal nicht weit. Im Fortsetzungskrieg kämpften die Finnen deshalb zusammen mit Deutschland gegen die Sowjetunion, um die verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Als sich allerdings die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg allmählich abzeichnete, musste Finnland sich im Lapplandkrieg wiederum auf die Seite der sowjetischen Truppen stellen. All dies kann man an Abenden in einer finnischen Wildnishütte lernen, während das Birkenholz im Ofen verbrennt und allmählich den Raum erwärmt.</p>
<p>Finnland ist vielleicht dasjenige Land, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs am meisten und am nachhaltigsten aus seiner Geschichte gelernt hat. Es entzog sich geschickt den Bestrebungen Moskaus, es in den Ostblock zu integrieren, blieb parlamentarisch-demokratisch und marktwirtschaftlich, verstand sich immer als Teil der westlichen Welt, blieb aber politisch neutral und hatte im RGW, dem osteuropäischen Gegenstück zur EWG, sogar einen Beobachterstatus.</p>
<h2>Mit dem russischen Angriff änderte sich alles</h2>
<p>Umso interessanter ist es, den Stimmungsumschwung im Lande zu betrachten, den der Angriff Russlands auf die Ukraine ausgelöst hat. Mein abendlicher Gesprächspartner in der von arktischer Kälte umgebenen Wildnishütte am Polarkreis erzählte, dass bis zum russischen Überfall auf den Nachbarn 80% der Finnen gegen einen NATO-Beitritt und für die Neutralität des Landes gewesen seien, und dass dann innerhalb weniger Wochen die Meinung dazu völlig umgekippt sei und seitdem 80% den NATO-Beitritt des Landes forderten und zu dem inzwischen vollzogenen Beitritt weiterhin stehen würden.</p>
<p><a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1286729/umfrage/umfrage-in-finnland-zu-einem-nato-beitritt/">Eine Recherche stützt das</a>, auch wenn die Zahlen nicht ganz so dramatisch sind. Über Jahrzehnte beantworteten stabil rund sechzig Prozent der Finnen die Frage, ob das Land <a href="https://texte-zur-sache.de/2025/11/10/die-nato-wuerdiger-friedenspreistraeger/">der NATO</a> beitreten solle, mit „Nein“, je zwanzig Prozent antworteten „Ja“ oder „Weiß nicht“. In den ersten Monaten des Jahres 2022 drehte sich das um. Im April 2022 sagten dann 68%, das Land solle NATO-Mitglied werden, nur noch 12% sagten „Nein“.</p>
<p>Wahrscheinlich hat kaum ein Land aus eigenen Erfahrungen so klare Vorstellungen von den <a href="https://texte-zur-sache.de/2025/12/28/welche-gefahr-geht-von-putin-aus/">Bestrebungen und Plänen der russischen Machthaber</a> wie Finnland. Es sollte wohl jedem, der denkt, Putin habe ganz sicher keine Pläne über die Ukraine hinaus, zu denken geben, wie die Menschen in Finnland das sehen – und dass sie zugleich ihre eigene Sicherheit und Zukunft keineswegs in der Neutralität oder gar in einer größeren Nähe zu Russland, sondern in der engeren Bindung an das westliche Verteidigungsbündnis sehen.</p>
<h2>Wird die NATO Finnland beschützen?</h2>
<p>Als ich am nächsten Tag wieder durch die weite arktische Landschaft Nordfinnlands stapfte, ließ mich allerdings die Frage nicht los, ob wir, die westeuropäischen <a href="https://texte-zur-sache.de/2025/12/20/die-nato-staerker-als-russland/">NATO-Länder, wirklich in der Lage sind</a>, den Finnen die Sicherheit zu geben, die sie bei uns suchen. Man stelle sich vor, Russland würde tatsächlich die finnische Grenze verletzen, würde in dieses weite, dünn besiedelte Land vorrücken – was könnte die NATO dem schnell und energisch entgegensetzen? Und würde sich die mitteleuropäische Bevölkerung, von der ein beachtlicher Teil nicht mal bereit ist, das eigene Land zu verteidigen, dazu bringen lassen, eine Politik zu unterstützen, die Geld, Waffen und womöglich Soldaten zur Verteidigung der finnischen Seenlandschaft, über deren Eis- und Schneeflächen ich gerade glitt, zu senden?</p>
<p>Vielleicht dreht sich aber auch hierzulande die Stimmung unter denen, die nach Diplomatie und Verhandlungen mit Putin rufen, wenn es für Finnland bedrohlich wird. Das wäre zu hoffen, denn es ist ein schönes Land mit freundlichen, klugen und kreativen Menschen. Sie bauen auf unseren Beistand und wir sollten sie darin sicher machen, dass wir den auch leisten würden, wenn es nötig wäre.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/joerg-phil-friedrich-arte-fakten/finnland-russland-und-die-nato/">Finnland, Russland und die NATO</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die NATO &#8211; Stärker als Russland?</title>
		<link>https://texte-zur-sache.de/politik/die-nato-staerker-als-russland/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Phil Friedrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Dec 2025 12:00:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Jörg Phil Friedrich: Arte-Fakten]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Nato]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Militärisch sei die NATO sei viel stärker als Russland, wird oft argumentiert. Aber reicht das für Europa, um sich sicher zu fühlen?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/politik/die-nato-staerker-als-russland/">Die NATO &#8211; Stärker als Russland?</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.nachdenkseiten.de/?p=140805">Kritiker der derzeitigen europäischen Verteidigungspolitik</a> argumentieren gern mit der vermeintlichen <a href="https://www.greenpeace.de/frieden/kraeftevergleich-nato-russland">militärischen Überlegenheit der NATO gegenüber Russland</a>. Tatsächlich ist es so, dass die NATO, <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/379080/umfrage/vergleich-des-militaers-der-nato-und-russlands/">egal welche Kennzahl man nimmt</a>, deutlich stärker dasteht. So hat das westliche Militärbündnis mehr als drei Mal so viele aktive Soldaten wie Russland, und auch bei vielen weiteren Zahlen übertrifft die NATO Russland jeweils um das Mehrfache. Auch wenn man naheliegenderweise die USA einmal aus der Rechnung herausnimmt, bleiben die NATO-Staaten den russischen Truppen weit überlegen.</p>
<p>Heißt das, dass all die Ausgaben für neue Rüstungsprojekte sowie die Verstärkung des Personals der Streitkräfte in Europa gar nicht nötig sind und tatsächlich nur von Kriegstreiberei und der Macht der Rüstungskonzerne zeugen?</p>
<h2>Was ist Verteidigungsfähigkeit?</h2>
<p>Verteidigungsfähigkeit besteht allerdings nicht nur in einer rechnerischen Überzahl an Soldaten und Gerät. Die Frage ist, in welchem Umfang sich Soldaten, Flugzeuge, Panzer, Schiffe und andere Waffen an einer konkreten Stelle eines möglichen Angriffs tatsächlich mobilisieren lassen. Um diese Frage zu beantworten, muss man bedenken, dass die <a href="https://texte-zur-sache.de/2025/11/10/die-nato-wuerdiger-friedenspreistraeger/">NATO keineswegs ein straff organisiertes</a> und geführtes Militärbündnis ist, im Gegensatz etwa zu den russischen Streitkräften. Zwar haben sich die Mitglieder mit <a href="https://www.staatsvertraege.de/natov49.htm">Artikel 5 des NATO-Vertrages</a> verpflichtet, jeden Angriff auf ein Mitgliedsland als einen Angriff auf alle zu betrachten, aber Artikel 5 sagt auch, dass jeder Staat für sich entscheidet, welche Mittel und Kräfte er für die Verteidigung im konkreten Fall bereitstellen will. Das heißt, es stehen keineswegs alle Streitkräfte und Waffensysteme zur Verfügung, nicht nur aus logistischen Gründen, sondern weil jedes Land erst einmal bereit sein muss, seine Truppen im konkreten Fall zum Einsatz zu bringen. Würde Russland etwa im Baltikum die Grenze der NATO überschreiten, wäre sehr fraglich, ob sich etwa die Türkei oder Ungarn an der Verteidigung von Estland oder Litauen beteiligen würden. Und gerade die Türkei hat an der militärischen Stärke der NATO wiederum einen bedeutenden Anteil.</p>
<p>Neben der politischen Frage der Bereitstellung von Truppen und Gerät spielen natürlich auch die logistischen Möglichkeiten eine große Rolle. Selbstverständlich kann auch Russland nicht alle seine Truppen, etwa aus den fernen Osten, kurzfristig an der Grenze zu einem NATO-Staat zusammenziehen. Ein Blick auf die Karte zeigt aber, dass es für Putins Streitkräfte viel einfacher ist, an der Grenze zum Baltikum aufzumarschieren, als es für die NATO möglich ist, dort zu verteidigen. Natürlich ist es denkbar, dass die NATO sich in einem solchen Fall zu Gegenangriffen an anderen Grenzabschnitten entschließt, das wiederum würde aber voraussetzen, dass die betreffenden NATO-Mitglieder, die Grenzen zu Russland haben, bereit wären, ihr Territorium für einen solchen Angriff zur Verfügung zu stellen.</p>
<p>Insofern stellt sich nicht die Frage, ob die NATO allgemein ausreichend Waffen und Soldaten hat, sondern ob die Länder, die bereit und in der Lage sind, auf einen Angriff zu reagieren, diese Ressourcen haben.</p>
<h2>Russland steht nicht allein da</h2>
<p>Überhaupt muss man natürlich die Frage stellen, ob die Gegenüberstellung Russland-NATO nicht in die Irre führt. Denn Russland steht ja keineswegs allein da, auch wenn es derzeit kein festes Militärbündnis gibt, in dem Russland die führende Kraft wäre. <a href="https://www.fr.de/politik/der-seite-russlands-putins-verbuendete-diese-laender-stehen-im-ukraine-krieg-an-zr-93907380.html">Aber es hat militärische Partner</a>, und die Bereitschaft dieser Partner, in einem Konflikt mit der NATO an der Seite Russlands zu stehen, ist vielleicht größer als die mancher NATO-Mitglieder, sich bei der Verteidigung des Baltikums, Finnlands oder Polens zu engagieren. Da wäre natürlich zuerst der feste Verbündete Belorus zu nennen, sodann Nordkorea, das schon Truppen in den <a href="https://texte-zur-sache.de/2025/12/04/reden-um-das-heisse-blei/">Ukraine-Krieg</a> geschickt hat. Unter den ehemaligen Sowjetrepubliken sind vor allem Kasachstan und Turmenistan zu nennen. Auch in Europa hat Putin Verbündete, etwa Serbien sowie bosnische Separatisten, und selbst bei NATO-Mitgliedern wie Ungarn und der Slowakei kann man bekanntlich nicht sicher sein, auf welcher Seite sie im Konfliktfall stünden. Auch wenn ihre militärische Kraft vergleichsweise gering ist, könnten sie die politische und militärischen Entscheidungsfähigkeit der NATO im Ernstfall schwächen.</p>
<h2>Die globale Perspektive</h2>
<p>Bei der Militärparade 2025 zum Tag des Sieges in Moskau marschierten neben turkmenischen Einheiten auch Soldaten aus Laos. Auch Vietnam zählt zu den festen Verbündeten, dazu weitere asiatische, afrikanische und lateinamerikanische Staaten.</p>
<p>Nun kann man einwenden, dass die aber im Falle einer militärischen Eskalation etwa im Baltikum oder an der finnischen Grenze sehr weit weg wären – obwohl andererseits eben nordkoreanische Soldaten schon beim Angriff gegen die Ukraine zum Einsatz kamen. Der Blick auf diese weltweiten Verbündeten bringt aber zugleich die globale Perspektive ins Spiel. Und da sind natürlich vor allem China und Indien zu berücksichtigen. Wenn man sich fragt, ob die NATO, insbesondere ihr europäischer Teil, auch langfristig militärisch stark genug ist, sich zu verteidigen, muss man nicht nur auf die Grenze zu Russland schauen. Was, wenn es zu einer globalen Zuspitzung der Konfrontationen kommt? Ist Europa stark genug, um ein Bündnis, das von Russland und China angeführt wird und in dem ehemalige Sowjetrepubliken und frühere „sozialistische Staaten“ wie Vietnam, Kuba und Nicaragua, zudem womöglich Südafrika, Ägypten und Indien militärische Unterstützung bereitstellen würden, von einem Angriff abzuschrecken?</p>
<p>Das mag nach einer weit entfernten Dystopie klingen, aber wenn man fragt, was die europäischen Länder heute für ihre Verteidigungsfähigkeit und ihre militärische Sicherheit tun müssen, dann mus man auch solche Szenarien betrachten. Eine rechnerische militärische Überlegenheit der NATO gegenüber Russland mag kurzfristig beruhigend klingen. Fragt man aber, wie sicher der Kern des Bündnisses, die Länder, die tatsächlich bereit sind, füreinander einzustehen, gegen die mittel- und langfristigen Bedrohungen ist, die sich abzeichnen, dann sieht die Lage anders aus. Und dann wird schnell klar, dass es für dieses Europa notwendig ist, in Verteidigungsfähigkeit zu investieren, um auf für die nächsten Jahrzehnte die Freiheit zu sichern, die uns über Jahrzehnte so selbstverständlich geworden ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/politik/die-nato-staerker-als-russland/">Die NATO &#8211; Stärker als Russland?</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Unterstützung der Ukraine: Solidarität oder Interesse?</title>
		<link>https://texte-zur-sache.de/joerg-phil-friedrich-arte-fakten/unterstuetzung-der-ukraine-solidaritaet-oder-interesse/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Phil Friedrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 May 2022 15:52:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Jörg Phil Friedrich: Arte-Fakten]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Waffenlieferungen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wann sollten Außenstehende in einem Krieg Partei ergreifen, etwa, indem sie eine Seite mit Waffen und Munition ausrüsten oder mit Informationen versorgen, die für die Kriegsführung wichtig sind, oder indem sie der anderen Seite durch den Abbruch von politischen und wirtschaftlichen Beziehungen schaden?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/joerg-phil-friedrich-arte-fakten/unterstuetzung-der-ukraine-solidaritaet-oder-interesse/">Unterstützung der Ukraine: Solidarität oder Interesse?</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Diese <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/frieden-waffen-krieg-pazifismus-100.html">Frage stellt sich zurzeit konkret</a> am Fall von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, sie müsste diskutiert werden, aber sie wird merkwürdig ausgeklammert, fast alle, ob sie eine Unterstützung befürworten oder diese ablehnen, halten die Frage selbst für klar entschieden. Dass sie wohl von den meisten noch nicht einmal erwogen wurde, sieht man an der Unüberbrückbarkeit der Ansichten – man vermeidet gerade die Diskussion über die Gründe des klaren Urteils, das man zu dieser Frage, woher auch immer, hat.</p>
<p>Dabei ist die Frage, ob die europäischen Staaten, die USA und andere Länder sich nicht nur symbolisch auf die Seite der Ukraine stellen sollen, sondern durch Wirtschaftssanktionen, Waffenlieferungen und militärische Unterstützung aktive Unterstützung leisten sollten, gar nicht so klar zu beantworten. Auf Basis welcher Handlungsmaxime ließe sich die Unterstützung der Ukraine – und in welchem Maße – rechtfertigen?</p>
<h2>Russland ist der Aggressor &#8211; was folgt daraus?</h2>
<p>Da ist zunächst die einfache Tatsache, dass <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/friedrich-mitverantwortung-diktatur-100.html">Russland die Ukraine angegriffen</a> hat, dass Russland Städte und Infrastrukturen des Nachbarlandes zerstört, dass dabei Menschen sterben, die zuvor friedlich in ihrem Land gelebt haben, dass Menschen ihre Heimat verlieren und ins Unglück gestürzt werden. Das ist sicherlich Begründung genug dafür, mit allen politischen Mitteln gegen den Aggressor vorzugehen. Allerdings lässt sich ein Aggressor nirgends auf der Welt von politischen Verurteilungen beeindrucken. Da der Aggressor für seinen Angriff Ressourcen benötigt, die er letztlich aus seiner Wirtschaft und damit wenigstens zum Teil aus den internationalen Wirtschaftsbeziehungen gewinnt, ist es auch naheliegend, zu versuchen, die Möglichkeiten des Angreifers zu reduzieren, indem man die Wirtschaftsbeziehungen reduziert oder einstellt. Man möchte den Staat nicht stärken, dessen Armee aus dieser Stärke heraus in ein anderes Land einfällt und dort Not, Zerstörung und Tod bringt.</p>
<p>Dies ist umso mehr geboten, wenn man sich, wie Deutschland, über Jahrzehnte in eine wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland gebracht hat, die den heutigen Aggressor gestärkt hat und mit jeder Geschäftstransaktion weiter stärkt.</p>
<p>Darüber gibt es gegenwärtig in Deutschland auch kaum Dissens. Die Maxime dieses Handelns lautet: Unterstütze keine Partei, die den Grundsatz des friedlichen Nebeneinanders verletzt und versuche, Abhängigkeiten zu beenden, die einen Aggressor stärken – auch wenn das für dich Nachteile und Opfer bringt. Das ist sowohl moralisch geboten als auch im Interesse einer langfristigen stabilen Weltordnung. Jeder potentielle Aggressor sollte wissen, dass es für ihn ein wirtschaftliches Risiko ist, andere Länder zu überfallen.</p>
<h2>Waffen als Unterstützung für die Ukraine &#8211; welche politische Maxime gilt?</h2>
<p>Wenn man aber von dem Versuch der Schwächung des Aggressors zur aktiven Unterstützung der Ukraine als des Landes übergeht, das angegriffen wurde, wird es schwieriger. Hier stellt sich die Frage, wen man da genau unterstützt und welches Vertrauen man zu ihm hat. Es ist ja nicht das ukrainische Volk, welches von uns mit Waffen ausgestattet werden soll, sondern die ukrainische Armee und der ukrainische Staat.</p>
<p>Die Aufrüstung einer Kriegspartei kann moralisch nur gerechtfertigt werden, wenn man sich sicher ist, dass diese Partei wiederum den gleichen moralischen Prinzipien der Friedlichkeit verpflichtet ist wie die, die man selbst für sich reklamiert. Nun ist es schon schwierig, allgemeine Prinzipien der Friedlichkeit etwa für die Länder der europäischen Union vereint sind, sicher zu bestimmen, noch schwieriger wird es, wenn man den Kreis der Länder, die sich womöglich in der Ukraine engagieren, insgesamt ansieht.</p>
<p>Nehmen wir als Konsens wenigstens für Deutschland an, dass wir militärische Mittel selbst nur in einem Umfang einsetzen würden, der gerade dazu ausreicht, den Zustand vor der Aggression wieder herzustellen, und dass wir darüber hinaus keine Kriegshandlungen aus Rache oder Vergeltung zulassen würden, sondern allenfalls den Gegner nachhaltig von erneuten Angriffen abhalten würden, und dass wir zudem immer die Angemessenheit der kriegerischen Handlungen auch am Leid der betroffenen Menschen, der eigenen Bevölkerung und der des Angreifers, beurteilen würden.</p>
<p>Dann stellt sich die Frage, welche Sicherheiten und Kenntnisse wir über die Armee und die Regierung der Ukraine haben, dass diese ebenso denken. Woher wissen wir, dass sie die Waffen, die wir ihnen überlassen, nur in dem Umfang einsetzen werden, die wir selbst für akzeptabel halten? Woher wissen wir, dass das, was die ukrainische Armee mit unseren Panzern und Geschützen tut, das ist, was die ukrainische Bevölkerung will, und dass das auch so bleiben wird?</p>
<p>Ich muss gestehen, dass ich darüber nichts weiß. Alles, was ich habe, ist ein verschwommenes Gefühl, das mir sagt, dass es irgendwie eine größere Nähe der Ukraine zu demokratischen Prinzipien gibt, als ich das für Russland annehme. Und auf jeden Fall bin ich sicher, dass ich dem ukrainischen Volk die Möglichkeit zur Selbstbestimmung wünsche. Was ich nicht weiß, ist, wie viel den Menschen in der Ukraine diese <a href="https://texte-zur-sache.de/2022/03/19/ukrainekrieg-und-unterlassene-hilfeleistung/">Selbstbestimmung wert ist</a>, ob sie in der Ukraine vor dem Krieg eine Selbstbestimmtheit erlebt haben, die sie verteidigen wollen, ob sie bereit sind und sich wünschen, dass ihr Land mit allen Mitteln militärisch verteidigt wird, damit sie eine demokratische, weltoffene, womöglich westlich orientierte Ukraine gestalten können. Ich weiß nicht, wie die Ukrainerin im Donbass und der Ukrainer in Lwiw darüber denken, ich weiß schon gar nicht, wie ein ukrainischer General oder der Präsident Selenskij darüber denkt.</p>
<h2>Deckmantel der Moral</h2>
<p>Die moralische Maxime des bisherigen Handelns in der internationalen Politik schien darin zu bestehen, bei solchen Unsicherheiten eher nicht eine Seite militärisch zu unterstützen, auch wenn sie angegriffen worden ist – jedenfalls nicht mit Waffen, die sie ihrerseits zum Angriff nutzen kann. Wenn nun so selbstverständlich bei der Unterstützung der Ukraine eine Ausnahme gemacht werden soll, muss man sich fragen, ob hier die Moral, verbunden mit einer gefühlten Verwandtschaft, nicht instrumentalisiert wird, damit recht simple politische Interessen verborgen werden, die die eigentlichen Gründe für die militärische Unterstützung der Ukraine sind. Diese Verschleierung ist womöglich nicht in erster Linie oder wenigstens nicht ausschließlich die Absicht der politischen Akteure in der Ukraine und in Europa, es ist vielleicht auch eine Art Selbstbetrug, den jeder von uns begeht, um der schlichten Tatsache nicht ins Auge sehen zu müssen, dass es nicht das Mitleid mit den Menschen in der Ukraine ist, dass die Rufe nach Waffenlieferungen so laut macht, sondern die Angst vor die Konsequenzen, die es für uns hätte, wenn Russland die Ukraine unter seine Vorherrschaft bringt.</p>
<p>Wenn irgendwo in der Welt ein Land ein anderes überfällt, dann ist uns das Berichte in den Nachrichten und ein paar Gespräche voller Mitgefühl im Freundeskreis wert. Wenn es tatsächlich moralische Gründe hat, dass wir im Falle der Ukraine viel energischer Partei ergreifen wollen, dann müssen wir uns fragen, wie universell unsere Moral überhaupt ist, wie schwach unser Gewissen ist, wenn es trotz medialer Nähe nicht bis zu Menschen auf anderen Kontinenten reicht.</p>
<p>Womöglich müssen wir auch einfach zugeben, dass es mit Moral nicht viel zu tun hat, dass wir die Ukraine mit schweren Waffen unterstützen wollen. Es ist die gut begründete Vermutung, dass Putin, wenn er in der Ukraine erfolgreich wäre, auch versuchen würde, die baltischen Länder und andere Staaten der ehemaligen Sowjetunion wieder unter seine Kontrolle zu bringen, und dass uns das früher oder später in einen direkten Krieg mit Russland ziehen würde. Deshalb statten wir jetzt die ukrainische Armee mit Waffen aus, mit denen sie die russische schwächen und zurückschlagen soll, damit Putin es nicht wagt, andere europäische Staaten anzugreifen. Es geht uns um unsere eigene Sicherheit, und für die sind wir bereit, Zerstörung, Leid und Todesopfer unter den Ukrainern und den Russen in Kauf zu nehmen. Es geht auch um die Frage, wie viele Flüchtlinge wir aufnehmen können und welche Kraft wir in das <a href="https://indal.de/resident-care-software-zum-fluechtlings-management/">Flüchtlingsmanagement</a> stecken wollen. So einfach ist das. Wir können den Deckmantel der Moral darüber breiten – aber das ändert nichts daran, dass nur so erklärlich ist, was den Ukraine-Krieg in dieser Frage von vielen anderen Kriegen auf der Erde unterscheidet.</p>
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		<title>Putins Tod &#8230;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 27 Feb 2022 16:00:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Aus der digitalen Hölle]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Oligarchen]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Westen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>... oder: Wird alles besser, sobald der Chef wechselt? Der friedenssehnsüchtige Westen sieht in Putin den 1 Bösen. Wenn der weg wäre, würde alles schnell wieder gut. Ist das tatsächlich so? Eine Gedankenspiel-Kolumne von Henning Hirsch </p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Oft liest man in diesen Tagen, Putin unterdrückt sein Volk, nimmt die Russen in Geiselhaft. Einige versteigen sich gar zu Stauffenberg-Fantasien (zur Gedächtnisauffrischung: diese Sache ging gründlich schief). Was alle diese Beiträge eint, ist die Vorstellung, dass das Böse sich in 1 Mann konzentriert. Wäre der über Nacht nicht mehr da, würde das Gute wieder Einzug halten in Russland … klingt schön; ich bitte jedoch bereits an dieser frühen Stelle des Textes um Pardon, denn ich habe da so meine Zweifel.</p>
<p>Dass Putin ein Schurke ist – darüber brauchen wir nicht groß zu diskutieren. Er hat innen- u außenpolitisch mittlerweile derart viel Dreck am Stecken, dass es – ohne Wartezeit – direkt für einen Platz im 5-ten Untergeschoss der Hölle reicht, wo die besonders bösen Buben aufbewahrt und hin u wieder von Lord Satan persönlich gegrillt werden. Die Liga von Hitler &amp; Stalin hat er zwar noch nicht erreicht, aber er arbeitet dran.</p>
<h2>Abends im Kreml: Koks &amp; Nutten</h2>
<p>Machen wir ein kleines Gedankenspiel: Putin verbringt im Kreis seiner engsten Getreuen einen feuchtfröhlichen Wodkaabend. Zwischendurch werden Kaviar &amp; Koks serviert, ab 22 Uhr gesellen sich ein paar Edelnutten dazu, eine blutjunge Eiskunstläuferin steigt auf den 20m langen Tisch und legt einen atemberaubenden Strip hin, die Männer stecken ihr 100-Dollarscheine zu (mit Rubel kriegt man leider keine Stripperin mehr auf den Tisch), um Mitternacht werden patriotische Lieder angestimmt, die lautstark in der Nationalhymne gipfeln. Gegen 2 Uhr verlässt Putin bestens gelaunt und mittelschwer angeheitert die illustre Runde, um sich noch ein paar Stunden aufs Ohr zu legen, bevor er morgen Früh wieder den zu allem entschlossenen Oberbefehlshaber der in der Ukraine tapfer kämpfenden Truppen gibt. Und es stehen wichtige Telefonate mit seinen Kumpels Bolsonaro, Trump u Erdogan auf dem Programm … jetzt können wir Wladimir Wladimirowitsch Putin entweder eine der vielen Treppen im Kreml runterstürzen (Genickbruch o irgendwas mit Schädelbasis) o ihn an einem drogeninduzierten Schlaganfall in seinem Bett sterben lassen … Tyrann tot – alles wird wieder gut?</p>
<h2>Die schwierige Frage der Nachfolgeregelung</h2>
<p>Die Getreuen scharen sich um den Leichnam. Es werden ein paar Krokodilstränen vergossen: „Er wird uns und dem Volk fehlen. Was für ein furchtbarer Verlust für Russland.“ Im Anschluss wird überlegt, welcher der beste Zeitpunkt für die Publikmachung der Todesnachricht ist, ob man es überhaupt publik machen soll, ob jemand jemanden kennt, der als Double einspringen könnte. Man beschließt, die Sache 48 Stunden lang geheim zu halten, um sich neu zu sortieren und lässt den Arzt, der den Tod diagnostiziert hat, vorsichtshalber inhaftieren, damit der nichts vorschnell ausplaudert. Dann gehen alle nach Hause, schlafen nochmal ne Runde – denn der gestrige Abend mit Wodka, Koks &amp; Edelnutten zehrt noch an den Kräften der (zumeist) älteren Herren – und verabreden sich für den späten Nachmittag, um die Nachfolge zu regeln. Wobei allen klar ist – und sie betonen es deshalb mehrmals, während sie um den Leichnam herumstehen -, dass man einen großen Anführer wie Putin eigentlich überhaupt nicht ersetzen kann.</p>
<h2>Von der zweiten Amtshandlung hängt alles ab</h2>
<p>Wir überspringen ein paar Tage (sonst wird der Text für ne Kolumne zu lang). Nach 72 Stunden, die von intensiven Diskussionen, Grüppchenbildung u VIELEN Versprechen geprägt sind, einigen sich die Paladine auf XY (hier können Sie nun entweder die Namen Lawrow, Mischustin, Kolokolzew, Medwedew, Bortnikow o Surkow, o wen auch immer Sie für geeignet halten, einsetzen) als Nachfolger. Dessen erste Amtshandlung besteht darin, eine GIGANTISCHE Beerdingungsfeierlichkeit für Wladimir Wladimirowitsch Putin zu organisieren, zu der Delegationen aus dem gesamten Land eingeladen sind und den Auftrag für ein überlebensgroßes Reiterdenkmal – zu klären ist noch, ob Putin bekleidet o mit nacktem Oberkörper im Sattel gezeigt wird – an einen patriotischen Künstler zu vergeben … der Tyrann ist beerdigt, das Volk trauert, ein Nachfolger ist nach zähem internen Ringen gefunden, und der wird nun als zweite wichtige Amtshandlung was tun?</p>
<p>(A) Den Ukraine-Krieg sofort beenden?<br />
(B) ihn mit gebremstem Schaum erst mal weiterlaufen lassen?<br />
(C) sich mit den wichtigsten Feudalherren (pardon: Oligarchen) des Landes treffen, um in Erfahrung zu bringen, was man als Kremlchef so alles noch nebenbei verdienen kann. Jedes Jahr 4 Wochen Gratis-Sommerferien in Putins Residenz auf der Krim wären schon mal ein prima Start ins neue Amt.</p>
<p>Der friedenssehnsüchtige Westen geht natürlich felsenfest von (A) aus. Gemäß der Gedankenkette: Tyrann tot, DAS Böse besiegt, Volk aus Geiselhaft befreit, Russland wird jetzt Anträge auf EU- u NATO-Mitgliedschaft stellen u.v.a. Atomraketen zu Bausparverträgen. (C) ist egal, weil’s ne interne russische Angelegenheit ist, wer wann und wie lange Urlaub in Putins Sommerresidenz macht. EWIGER Friede wird einziehen in Europa und wir können uns endlich wieder den wichtigen Dingen widmen: Windkrafträder in jeden Vorgarten u korrektes Gendern in Facebook. Okay, da schwelt noch hinten links im Balkan der Konflikt zwischen Serbien u Bosnien. Aber der ist Kleinkram und kann auf Ministerialdirigenten-Ebene erledigt werden.</p>
<h2>Friedenssehnsucht kollidiert mit Realität</h2>
<p><a href="https://texte-zur-sache.de/2021/08/13/ich-bin-ein-boomer-wer-holt/">Ich (alter weißer cis-Mann)</a> tippe allerdings eher auf B. (C. ist mir ebenfalls egal). Vielleicht würde der Nachfolger, um nicht von Beginn an in den Geruch eines Weicheis zu kommen, der sich vom Westen auf der Nase rumtanzen lässt, den Krieg mit der Ukraine sogar noch brutaler führen. Die Rückholung ins Reich als zweite (zur Erinnerung: die erste war die Organisation der 7-tägigen Beerdigungsfeier) große Tat von XY (hier bitte den passenden Namen einfügen).</p>
<p>DENN (das ist ein wichtiges Denn) <a href="https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/506103/der-philosoph-hinter-putin/">die Idee der Renaissance von Großrussland</a> war (in unserer kleinen Geschichte ist er seit ein paar Tagen tot; deshalb Vergangenheitsform) ja nicht nur auf den 1 Bösen beschränkt. Seine gesamte Entourage, aus der selbstverständlich auch XY entstammt, sieht es ebenfalls so. Weite Teile des Volkes sehen es so. Der 1 Böse fällt ja nicht plötzlich vom Himmel (bzw. entsteigt eines Nachts einer schwefligen Erdspalte), sondern hat ne längere Vorgeschichte. Und diese Vorgeschichte lautet immer: eine einflussreiche &amp; wohlhabende Clique unterstützt ihn auf seinem Weg an die Macht – hält ihn dort und wird im Gegenzug mit Firmenübereignungen, Ländereien, Steuergeschenken, Ausschaltung von Wettbewerbern und Fußballclubs belohnt – und mit seiner Demagogie trifft er einen empfindlichen Nerv des Volkes. Möchte nicht wissen, wie viele Normalo-Russen (k.A., ob es da überhaupt noch Bürger im westlichen Sinn des Begriffs gibt) die Idee von einem GROßEN Russland ganz hervorragend finden. Es werden zwar nicht alle, aber doch VIELE sein. Bei den in der jüngeren Vergangenheit praktizierten Auseinandersetzungen (Tschetschenien, Georgien, Krim) <a href="https://www.spiegel.de/netzwelt/web/russland-versteher-wladimir-putin-und-die-deutschen-putinbrillentraeger-kolumne-a-59b10084-2c42-487f-96aa-905e0187369f">schoßen Putins Zustimmungswerte während und im Anschluss steil nach oben</a> (wobei Umfragen in einer gelenkten Demokratie natürlich mit einer gewissen Portion Vorsicht zu betrachten sind). Festzuhalten bleibt jedoch an dieser Stelle: In einer durchgängig friedensbewegten Nation kann 1 Böser nicht an die Macht gelangen und sich dort über 20 Jahre lang halten.</p>
<p>Lange Geschichte (bis hierhin sind schon 75% der Leser ausgestiegen, meldet mir eben Facebook), kurzer Sinn: Es ist naiv, daran zu glauben, dass ein bloßes Austauschen der Personen an der grundlegenden Problematik (und das ist der russische Super-Nationalismus) irgendwas ändert. Ein Nachfolger würde es eventuell ein bisschen anders machen als der aktuelle 1 Böse; aber auch er wird an dem Narrativ des von EU &amp; NATO bedrohten Russlands festhalten. Weil’s halt ein schönes Narrativ ist, um die eigenen Expansionspläne (die im Westen vermutlich bis zur Oder reichen) zu verschleiern.</p>
<p>Und jetzt können wir alle wieder wahlweise Teelichter ins Fenster stellen, unsere Profilbilder mit Ukraine-Flaggen verzieren und den Sonntagsreden unserer Politiker lauschen.</p>
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		<title>Nach der WM ist vor der EM</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Jul 2018 17:41:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[Bierhoff]]></category>
		<category><![CDATA[deutsche Nationalmannschaft]]></category>
		<category><![CDATA[EM 2020]]></category>
		<category><![CDATA[FIFA]]></category>
		<category><![CDATA[Frankreich]]></category>
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		<category><![CDATA[UEFA]]></category>
		<category><![CDATA[WM 2018]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Selten so oft daneben getippt wie bei dieser WM der Überraschungen, gesteht Kolumnist Henning Hirsch </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/henning-hirsch-bei-hank-im-wohnzimmer/nach-der-wm-ist-vor-der-em/">Nach der WM ist vor der EM</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>„Nie war mir eine WM egaler als diese“, könnte mein Motto für das heute zu Ende gegangene Mammutturnier in Russland lauten. 32 Mannschaften, acht Vorrundengruppen, 64 Spiele, und ich habe mir davon maximal 25 Prozent reingezogen. Das war 2014 noch ganz anders gewesen: von den ebenfalls 64 Matches hatte ich ganze drei, aufgrund von Spontanschlaf vor dem TV-Gerät, verpasst. Ich weiß auch nicht so genau, woran es dieses Mal lag, dass mich das Fußballfieber nicht derart packte wie vor vier Jahren: am frühen Aus der <a href="https://www.dfb.de/die-mannschaft/start/">deutschen Mannschaft</a>, an der seit Jahren stattfindenden Übersättigung mit der Materie, meinem kaum noch zu unterdrückenden Widerwillen gegen die Hyperkommerzialisierung des Events oder den Kopfschmerzen, weil ich wochenlang all die hässlichen Deutschlanddevotionalien erblicken musste, die meinen Sinn für Ästhetik beleidigen. Wahrscheinlich ein Mix aus den vier aufgezählten Gründen, der mir in diesem Sommer den kindlichen Spaß am Rasenballsport verleidete und mich alternativ lieber Filme in <a href="https://www.amazon.de/Prime-Video/b?ie=UTF8&amp;node=3279204031">Amazon</a> und<a href="https://www.netflix.com/de/"> Netflix</a> anschauen ließen.</p>
<h2>Allez les Bleus!</h2>
<p><a href="https://www.sportschau.de/fifa-wm-2018/wm-finale-frankreich-kroatien-100.html">Frankreich ist Weltmeister</a>. Ein bisschen glücklich mit einem erschauspielerten Freistoß und einem geschenkten Elfmeter und zugegebenermaßen vom Ergebnis her zu hoch. Die Kroaten waren bis zum Schluss nah dran. Wäre irgendwann um die 80ste herum das 3 zu 4 gefallen, hätte ich der Überraschungself sogar Verlängerung und Sieg zugetraut. So bleibt es dabei: den Titel holt am Ende immer einer der Großen. Der letzte Kleine war Uruguay im Jahr 1950. Seitdem dominieren die Länder mit den starken und zahlungskräftigen Ligen das Turnier (okay, okay: Brasilien ist jetzt nicht so reich wie Spanien, Italien oder Deutschland. Aber es ist eben Brasilien). Didier Deschamps tritt in die Fußstapfen Beckenbauers und Zagallos: Weltmeister sowohl als Spieler als auch als Trainer. Verordnete der L‘Équipe Tricolore eine defensive Grundausrichtung bei gleichzeitig pfeilschnell vorgetragenen Kontern durch die beiden Spitzen Griezmann und Mbappé. Das reichte für Tabellenplatz 1 in der Vorrunde, war das richtige Konzept im superspannenden und auf Messers Schneide balancierenden Achtelfinale gegen Argentinien und ließ die Les Bleus im Anschluss über Uruguay und die als Geheimfavorit eingestuften Belgier triumphieren. Kroatiens Weg war steiniger: zweimal Elfmeterschießen und ein Sieg in der Nachspielzeit gegen England. Das kostete ne Menge Kraft. Zudem ein Tag weniger Ruhepause als der Wettbewerber. Von schwachen Beinen sah man trotzdem nichts im Finale. Die Kicker vom Balkan scheinen zwei Lungen zu besitzen und über ein nie verzagendes Kämpferherz zu verfügen. Selten eine Mannschaft gesehen, die sich so reinwirft und bis zur letzten Sekunde fightet. Die beiden letztgenannten Fähigkeiten galten übrigens früher als typisch deutsche Tugenden. Lang ist’s her.</p>
<p>Glückwunsch an Frankreich zum zweiten Titel!</p>
<p>Bei keiner WM lag ich mit meinen Tipps so daneben wie bei dieser. Sowohl im Büro als auch im Bekanntenkreis jeweils Letzter im Tableau geworden. Und das mir, der ich die Spiele seit 1970 schaue und bis vor kurzem noch ehrfurchtsvoll als Orakel vom Mittelrhein bezeichnet wurde. Aber wer prognostiziert schon allen Ernstes, dass Japan gegen Kolumbien gewinnt, der Iran den hochgelobten Portugiesen ein Unentschieden abtrotzt oder Schweden die Mexikaner 3 zu 0 weghaut? Kroatien im Finale – kann man als Hochrisikospekulation natürlich abgeben; aber alte Männer wie ich tun das nicht, sondern vertrauen lieber auf Argentinien, Brasilien und Spanien. Alle drei allerdings auch nicht viel erfolgreicher bei diesem Turnier als das deutsche Team gewesen. Wobei sie schöneren und vor allem einsatzfreudigeren Fußball zelebrierten und nur haarscharf stolperten.</p>
<h2>Aus deutscher Sicht: Turnier des Grauens</h2>
<p>Deutschland hingegen hat die schlechteste WM aller Zeiten gespielt. Als bisheriger Tiefpunkt galt das Ausscheiden im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Weltmeisterschaft_1938">Achtelfinale 1938</a> gegen die Schweiz. Seitdem war die Runde der letzten 8 das Minimalziel, das erreicht werden musste. 4x der Titel, 4x Vize, 3x Dritter. Die Liste der Triumphe ist lang. Vorzeitige Heimreisen bedeuteten zumeist auch die gleichzeitige Auflösung des Trainervertrags. Weil entweder der Übungsleiter von sich aus einsah, dass er mit seinen Motivationskünsten am Ende war, oder die DFB-Oberen ihn sanft nach draußen bugsierten. Dieses Mal ist alles anders: Der Nivea-Coach glaubt, (nahezu) alles richtig gemacht zu haben, der Manager – der im Falle des Rauswurfs seines wichtigsten Angestellten ebenfalls die Koffer packen müsste – stärkt ihm den Rücken, und die Funktionäre aus der Frankfurter Zentrale haben sich verzockt; keinen Plan B in der Tasche, sodass sie wider besseren Wissens am abgehalfterten Duo Bierhoff &amp; Löw festhalten. Die Satzhülse „In schwierigen Zeiten machen wir uns nicht einfach aus dem Staub“ bedeutet übersetzt nichts anderes als: „Wir möchten unsere gut bezahlten Jobs gerne weiter behalten, weil wir so schnell keine lukrative Anschlussbeschäftigung finden werden“. Das Nicht-Reinemachen wird sich bereits im Herbst bitter rächen, wenn das mittelmäßige deutsche Team in der <a href="https://de.uefa.com/uefanationsleague/index.html">Nations League</a> – ein neues Turnier im ständig weiter aufgeblähten <a href="https://www.uefa.com/">UEFA</a>-Kalender – auf die Hochkaräter Frankreich und Niederlande trifft und sich dabei saftige Packungen einfängt. Spätestens dann eröffnet die Presse das Feuer auf den Trainer, in dessen Flammen und dilettantischen Löschversuchen sich ebenfalls Manager und Präsident üble Brandwunden zuziehen werden. Völlig zu Recht. Wer zu lange zögert, den entsorgt der Boulevard.</p>
<p>Die Defizite waren offensichtlich: unfitte Spieler, Gruppenbildung innerhalb der Mannschaft, veraltete Taktik auf dem Platz, ermüdender Schlafwagen-Ballbesitz-Fußball, hunderte – zu nichts führende – Querpässe im Mittelfeld, <a href="https://texte-zur-sache.de/2018/06/30/zu-viel-nivea-zu-wenig-grasnarbe/">keine Alphatypen dabei</a>, gute Stürmer gar nicht erst mitgenommen, sondern zu Hause gelassen, vogelwilde Defensive, kein Aufbäumen gegen drohende Niederlagen, die Akteure spulten ein Minimalprogramm ab. Schablonenfußball, der dem Auge wehtat. Und: An den Spielern alleine lag es nicht. Da waren einige Weltklasseleute dabei: Kroos, Boateng, Özil, Neuer. In ihren Vereinen fest gesetzt, die das Kicken sicher nicht mit der Ankunft in Moskau verlernt hatten. Es schien mir primär ein Problem mangelnder Inspiration und Motivation zu sein. Kombiniert mit komischen taktischen Entscheidungen und einer von Match zu Match anders zusammengewürfelten Startelf. Für sowas ist nun mal der Coach zuständig und, falls es nicht hinhaut, in der Konsequenz auch verantwortlich. Weshalb es abenteuerlich anmutet, dass ausgerechnet der Mann, der die aktuelle Misere verschuldet hat, nun ankündigt, er wolle das System grundlegend reformieren. Dafür hatte er doch seit der EM 16 – die ja aus deutscher Sicht ebenfalls nicht richtig rund lief – zwei Jahre Zeit gehabt. Und jetzt weitere sechs? Oh weh! Wobei Löw nach der Gruppenphase der Nations League eh Vergangenheit sein wird.</p>
<h2>Das unselige Foto in London</h2>
<p>Man kann die Geschichte dieser WM nicht schreiben, ohne auf die unglückliche Causa Özil/ Gündogan/ Tosun/ Erdogan einzugehen. <a href="http://www.sueddeutsche.de/sport/oezil-und-guendoan-wer-zog-die-draehte-fuer-die-erdoan-fotos-1.3985775">Ein Foto aus dem Mai,</a> in dem sich vier lächelnde Männer gegenseitig umarmen und handsignierte Trikots überreichen. Aufgenommen in London anlässlich eines (spontan arrangierten?) Treffens mit dem türkischen Staatschef. Ein Bild, das die deutsche Fußballwelt für einige Tage in ihren demokratischen Grundfesten erschütterte. Kein Außenstehender weiß bis heute so genau, was die beiden Spieler dazu bewegte, dem türkischen Autokraten die Hand zu schütteln und ihn mit „Mein Präsident“ anzuhimmeln. Waren es Verwandte in der Heimat, die es zu schützen galt, war es Eitelkeit oder doch nur Dummheit, oder bewundern die beiden gar den AKP-Vorsitzenden? Das Ganze fällt in die Rubrik: Dinge, die man besser nicht gemacht hätte. Passiert, dumm gelaufen, Shitstorm ertragen, Augen schließen, Ohren zuhalten, eine kleine Erklärung dazu abgeben und danach ins Trainingslager nach Südtirol aufbrechen. Kann man als DFB so akzeptieren oder es eben auch nicht tun. Soll heißen: vernünftiges Krisenmanagement wäre es gewesen, die beiden entweder sofort auszuladen oder von ihnen eine sattelfeste Entschuldigung zu verlangen. Im Falle der zweiten Möglichkeit hätte es danach aber auch wieder gut sein müssen. Ein Foto mit dem türkischen Staatsoberhaupt stellt ja kein Kapitalverbrechen dar.</p>
<p>Aber der <a href="https://www.dfb.de/index/">DFB</a> wählte keine der beiden oben genannten Varianten. Stattdessen wurde das Thema kleingeredet, nachhakende Journalisten mit „Schwamm drüber, alles halb so wild“ vertröstet. Die Pfiffe beim Testspiel in Leverkusen zeigten jedoch, dass die Fans mit dieser wachsweichen Vorgehensweise nicht zufrieden waren. Das setzte sich fort mit der unsäglichen Diskussion, dass Özil die Hymne nicht mitsingt, er in engen Matches einfach abtaucht, nicht genug Einsatz für Deutschland zeigt, im Herzen eben ein Türke geblieben sei. Und niemand stellte sich schützend vor ihn. Stattdessen ließ der Verband, der sich gerne mit dem Spruch „Gib Rassismus keine Chance!“ präsentiert, unwidersprochen zu, dass sein einstiger Vorzeige-Integrationsschüler im Boulevard und in den sozialen Medien tagein, tagaus mit Dreck beworfen wurde. Und um dem Ganzen noch die Krone der Peinlichkeit aufzusetzen, schwadroniert Bierhoff 14 Tage nach dem blamablen Aus als Letzter der Vorrundengruppe F darüber, dass es nicht hilfreich gewesen sei, was Özil und Gündogan sich geleistet hätten, ihre Londoner Aktion große Unruhe ins Team hineinbrachte. Man mehr Integrationswillen von ihnen, speziell Özil, verlangen dürfte.</p>
<p>WAS?? Das fällt ihm nach wochenlangem Schweigen erst jetzt ein? Warum wurde die Angelegenheit nicht im Vorfeld geklärt? Was für ein fadenscheiniges Ablenken vom eigenen Unvermögen! Was für eine ungenügende Ursachenanalyse. Als ob das Erdogan-Foto nun Reus, Kimmich oder Hector um den Schlaf gebracht hätte. Komplette Nonsensbehauptung eines Managers, der das Team ohnehin schon seit langem nicht mehr unter sportlichen Gesichtspunkten, sondern bloß noch als Gewinnmaximierungsverein betrachtet. Özil besitzt im kleinen Zeh, selbst wenn der verstaucht ist, mehr Ballgefühl als der Großteil seiner Mannschaftskollegen in beiden Beinen. War Dreh- und Angelpunkt der Siegertruppe von Rio. Es ist hochgradig unfair und ein Zeichen schwacher Führung, ausgerechnet ihn als Sündenbock für das Kollektivversagen herauszupicken. Weniger Bierhoffs und mehr Özils täten dem deutschen Fußball gut. Dass der farblose Oberfunktionär Grindel kurz danach ins selbe Horn stieß, lässt allerdings kein gutes Ende erahnen.</p>
<h2>Noch 699 Tage bis zur EM</h2>
<p>Die WM ist nach 32 Tagen endlich vorüber. Ob sie nun das beste Turnier aller Zeiten war, wie <a href="https://de.fifa.com/worldcup/">FIFA</a>-Präsident Infantino im Überschwang der Gefühle und in Vorfreude des in Kürze bevorstehenden Kassensturzes behauptet, sei mal dahingestellt. Ich habe auf jeden Fall einige hochklassige uns spannende Partien gesehen, von denen mir insbesondere Spanien-Portugal, Frankreich-Argentinien, Uruguay-Portugal und die beiden Halbfinals in Erinnerung bleiben werden.</p>
<p>Jetzt werde ich drei Wochen lang keinen Ball mehr anschauen und mich innerlich auf die Anfang August schon wieder startende neue Saison vorbereiten. Mit meinem <a href="https://fc.de/start/">FC</a> in Liga 2, wo Partien gegen Bielefeld, Heidenheim und Sandhausen auf uns Kölner warten. Und zwar nicht nur am Wochenende, sondern ebenfalls am Montagabend. Dienstag und Mittwoch gefolgt von der CL, am Donnerstag dann Europa League. Der Fußball der Moderne als 24/7 Dauerspektakel und Umsatzoptimierungsmaschine.</p>
<p>Noch 699 Tage bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiels der EM 2020. Mit einem bis dahin hoffentlich jungen, unverbrauchtem Team, einem Trainer, der taktisch auf der Höhe der Zeit ist, weniger Nutella &amp; Nivea, und einer Führungsspitze, die ihre Mitarbeiter schützt, anstatt sie der stets blutrünstigen Meute zum Fraß vorzuwerfen.</p>
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		<title>Zu viel Nivea, zu wenig Grasnarbe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 Jun 2018 17:30:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[2018]]></category>
		<category><![CDATA[Bitburger]]></category>
		<category><![CDATA[Bundestrainer]]></category>
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		<category><![CDATA[Joachim Löw]]></category>
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		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[WM]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein blutleeres Team ist völlig zu Recht ausgeschieden, meint Kolumnist Henning Hirsch und fragt, "Was ist aus dem Löw'schen Mantra: Ich nehme nur die Besten mit", geworden?</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ja ja, ich geb&#8217;s zu: Zuerst wollte ich als Überschrift <em>Niveatrainer hat fertig</em> wählen, weil das kurz und knackig klingt; fand die Headline dann aber doch eine Spur zu hart in Richtung <a href="https://www.sportschau.de/fifa-wm-2018/video/video-zwoelf-jahre-unter-joachim-loew---ein-rueckblick-100.html">Joachim Löw</a>. Denn er ist als Übungsleiter zwar der Hauptverantwortliche für den sportlichen Offenbarungseid des Ausscheidens in einer einfachen Vorrundengruppe, jedoch beileibe nicht der einzige, der sich und seinen Beitrag zur aktuellen Misere des deutschen Fußballs hinterfragen muss.</p>
<h2>Der Unsinn, dass Weltmeister immer früh ausscheiden</h2>
<p>»Amtierende Weltmeister fliegen doch immer sofort raus«, sagen Sie? »Ist Spanien und Italien auch schon passiert.«<br />
»Mag sein«, antworte ich. »Ist aber kein unumstößliches Naturgesetz.«<br />
1958 erreichte das deutsche Team immerhin das kleine Finale, 1978 die zweite Runde, 1994 das VF. Brasilien wiederholte 1962 seinen Triumph von 1958. Ein Kunststück, das Italien 1934 und 38 vorgemacht hatte. England boxte sich 1970 bis ins Viertelfinale durch, wo es unglücklich gegen das deutsche Team den Kürzeren zog. Die Liste der Gegenbeispiele ließe sich mühelos verlängern. Es existiert also keine Regel, die besagt, dass der amtierende Champion vier Jahre später gar nicht erst anzureisen braucht, weil er dann eh sang- und klanglos scheitern wird. Wenn auch 1962 das bisher letzte Mal war, in der die Titelverteidigung gelang, schafften es die Weltmeister von gestern doch zumeist bis in die Runde der Top 8.</p>
<p>Ein im heimischen Rasenballsport vergleichbares Desaster gab es bisher einzig bei Europameisterschaften: 2004 und 2000 jeweils Vorrundenaus. 2000 wurde aufgrund der spielerischen Defizite einiger Akteure gar der Begriff „Rumpelfußball“ erfunden. 1968 verpasste die deutsche Mannschaft die Quali für die EM, die damals allerdings noch nicht den heutigen Stellenwert besaß und als deutlich weniger prestigeträchtig als die große Schwester WM galt. Auf FIFA-Ebene spielten und kämpften sich deutsche Teams hingegen seit 1934 durchgehend zumindest bis in den Kreis der letzten 16.</p>
<h2>Wer nicht gut spielt, muss wenigstens leidenschaftlich kämpfen</h2>
<p>Das Verb „kämpfen“ bietet das Stichwort, um nun zu den augenscheinlichen Defiziten der <a href="https://www.dfb.de/die-mannschaft/team/">2018er-Mannschaft</a> zu gelangen: gekämpft hat da keiner. Was in Ordnung geht, wenn man so gut spielt, dass der mühselige Fight Mann gegen Mann dadurch überflüssig wird. Aber auch vom bom jogo brasilianischer Prägung waren Kroos &amp; Co. Lichtjahre entfernt. Elendes Hin- und Herpassen, ödes Kreuz- und Quergeschiebe bestimmten weite Teile der drei Matches. Die Partien wurden verwaltet statt gestaltet. Minimalismus gepaart mit Ideenlosigkeit, wo im Mittelfeld Kreativität und Risikofreude gefragt gewesen wären. Und hinten eine Abwehr, die an parallel geschaltete Schwarze Löcher erinnerte. »Für Mexiko, Schweden und Südkorea reicht das normalerweise, wenn man einen Masterplan hat«, meinen Sie? Nein, tut es nicht. Denn diese Teams, die alle drei sicher nicht der Liga der Fußballgroßmächte angehören, rennen bei globalen Turnieren um ihr Leben und verteidigen notfalls mit elf Mann im Strafraum, sprich: nehmen das Ganze ernst und erweisen der WM und ihren Fans den notwendigen Respekt. Verlieren kann man jederzeit. Davor ist keine Mannschaft gefeit. Es kommt aber immer darauf an, wie man verliert. Ob nach großem Kampf oder nach einer Ich-weiß-überhaupt-nicht-was-ich-hier-soll-Nummer. Als ich Jerome Boateng oben auf der Tribüne der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kasan">Kasan</a>-Arena entdeckte, wusste ich sofort: das wird heute nichts werden. Der Mann saß da als gelangweilter Tourist, schien nicht eine Sekunde mitzufiebern mit seinen unten planlos auf dem Rasen rumstolpernden Kollegen. War in Gedanken bereits in seinem nun halt früher beginnenden Urlaub. Einzelkämpfermentalität, wo unbedingter Teamgeist. notwendig gewesen wäre.</p>
<p>Wenn ich nun höre, dass einige Spieler aufgrund früherer Triumphe wohl zu satt gewesen seien, frage ich mich, weshalb der DFB mit seinen aberhundert Experten – allen voran der Bundestrainer – dieses Negativphänomen nicht früher erkannt und rechtzeitig vor Turnierbeginn gegengesteuert hat. Was war aus dem Löwschen Mantra „bei mir spielen bloß die Besten“ geworden? Neuer und Boateng beide monatelang verletzt, Özil bei Arsenal oft zweite Wahl, der Müller früherer Tage nicht wiederzuerkennen, der ewige Gomez. Warum wurden die aufgestellt? Aufgrund vergangener Meriten? Da war Löw mit Ballack und Frings strenger. Die sortierte er unbarmherzig aus. Angeblich, weil sie von Fitness und Athletik her für Großturniere nicht mehr taugten, und man sich von Erfahrung alleine nichts kaufen kann. Wenn man dieses Kriterium zugrundelegt, hätte Khedira nicht eine Minute auf dem Rasen stehen dürfen. Der spielte ja teilweise wie mit angezogener Handbremse, und ich rieb mir ungläubig die Augen, ob das live oder doch Zeitlupe war.</p>
<h2>Nutellabrötchen und Niveaschleim</h2>
<p>Von einigen wenigen Akteuren abgesehen grenzte die Vorrundenleistung an Spielverweigerung. Bei einem Club hätte man gesagt: das Team will den Coach loswerden. Aber in der NM herrscht ja ständig Friede, Freude, <a href="https://www.nutella.com/de/de">Nutella</a>brötchen. Alles wird von einer klebrigen <a href="https://www.nivea.de/?gclid=EAIaIQobChMI_Jfdx-L72wIVD1XTCh1ooQReEAAYASAAEgKNw_D_BwE">Nivea</a>schleimschicht überzogen, die jede Kritik als Vaterlandsverrat einstuft und unbeantwortet von sich abtropfen lässt. Unbequeme Charaktere werden gar nicht erst in den erlauchten Kreis der nationalen Elitekicker eingeladen mit der Konsequenz, dass wir ein am Reißbrett konzipiertes Spiel serviert bekommen. Die Akteure bloß noch Erfüllungsgehilfen der Laptop-Trainer. Wehe, wenn das theoretisch erdachte System plötzlich versagt. Dann steht ein komplettes Team orientierungslos auf dem Rasen und findet sich ohne Navi dort nicht mehr zurecht. Es wird auch keiner mehr laut und treibt die anderen zu Höchstleistung an. Läuft im Moment nicht so gut? Okay, kann man halt nicht ändern. Schulterzucken, sich in sein Schicksal fügen, abhaken und die eigenen Knochen für die in ein paar Wochen startende Bundesliga schonen. Zweckrational? Ja! Aber für den Fan GRUSELIG anzuschauen. Und für die nicht optimale Kaderauswahl, die mangelnde Motivation sowie die teils vogelwild zusammengewürfelte Startaufstellung und die nicht fruchtenden Einwechslungen ist nun mal der Trainer verantwortlich. Das kann man nicht mit dem Hinweis auf das ähnliche Schicksal anderer Teams relativieren. Zumal Deutschland der einzige Hochkaräter ist, der die Vorrunde nicht überstanden hat.</p>
<h2>Verabschiede dich, wenn du es noch selbst in der Hand hast</h2>
<p>Während die Regel vom stets früh scheiternden Weltmeister offenkundiger Unsinn ist, gibt es jedoch eine zweite Gesetzmäßigkeit, die ins Auge springt – nämlich die der nachlassenden Motivationskünste von Übungsleitern, die den Zenit ihrer Schaffenskraft überschritten haben. Dem ewigen Herberger gelang nach dem 54er-Überraschungscoup kaum noch was Gescheites, weshalb er zehn Jahre später endlich von Helmut Schön beerbt wurde. Unter ihm erlebte der deutsche Fußball seine erfolgreichste Dekade, bevor 1978 ein ähnlich uninspiriertes Team wie die Versager von Kasan in der zweiten (!) Runde der WM vorzeitig die Rückreise antreten musste, und der Mann mit der Mütze seinen Hut nahm. Franz Beckenbauer war da schlauer und trat freiwillig unmittelbar nach dem 1990er Triumph zurück. Keine Ahnung, welcher missionarische Eifer Joachim Löw dazu trieb, mit dem DFB einen Endlosvertrag bis ins hohe Rentenalter zu unterzeichnen. Nach 2014 ging es auf jeden Fall mit dem deutschen Fußball nicht mehr voran, spielerische und taktische Defizite waren bereits bei der EM in Frankreich klar zu erkennen. Statt die Schwachstellen auszumerzen, das Team konsequent zu verjüngen und nicht-stromlinienförmige Spieler (Leroy Sané, Sandro Wagner) mitzunehmen, brach man lieber mit Altbewährtem zur Titelverteidigung auf und erlebte am vergangenen Mittwoch am Ufer der Wolga konsequenterweise das rasche Ende der Mission impossible. Und da es alle geahnt zu haben schienen, regte sich im Nachgang auch niemand großartig darüber auf. Betriebsunfall. Passiert eben hin und wieder. So what?</p>
<p>Ob ich mich darüber aufgeregt habe? Nein. Es war schlimmer: mir war’s nahezu egal. Als alte Unke hatte ich es nach den verkorksten Testspielen kommen gesehen und die Mannschaft von vornherein für maximal VF-tauglich eingestuft. Nun waren sie halt schon in der Vorrunde ausgeschieden. Okay, aber warum soll ich als Fan mich über was ärgern, was den Großteil der Spieler anscheinend nicht großartig kratzt?</p>
<h2>Kommerzialisierung vergrault die Fans</h2>
<p>Um weiteres Unheil zu vermeiden, rate ich dazu, Herrn Löw in Würden zu verabschieden (er kann sich dann ja endlich mal an einer Clubmannschaft versuchen) und Herrn Bierhoff gleich mit dazu. Die vom Zweitgenannten ständig vorangetriebene Kommerzialisierung der Marke NM geht mir derart auf die Nüsse: sehe bloß noch Nutella, Nivea, <a href="https://www.bitburger.de/">Bitburger</a>, Coca-Cola, Nudelsoßen, Visacard etc. etc. Sponsoren, wohin das Auge blickt. Jeder Quadratzentimeter Bande, Trikot und demnächst vermutlich auch Spielerhaut wird an den Meistbietenden verkauft bei gleichzeitigem Gefeilsche um jede Millisekunde der TV-Übertragungsrechte. Komplette Kommerzialisierung eines einstmaligen Arbeiter-Freizeitvergnügens. Wenn ich im Zusammenhang mit Fußball den Begriff Event höre, schüttelt es mich.</p>
<p>Die Nationalmannschaft benötigt nicht nur dringend einen neuen Trainer, sondern ebenfalls einen Paradigmenwechsel. Weg vom geklonten Querpass-hin-und-her-Schieber, <a href="https://texte-zur-sache.de/2018/06/16/als-es-noch-staendig-muellerte/">hin zum Ich-krempel-die-Ärmel-hoch-Individualisten</a>, weg von Laptop-und-ich-halte-beim-Reden-die-Hand-vor-den-Mund-Coaches, hin zu Typen mit moderner Spielauffassung, die aber gleichzeitig berücksichtigen, dass es sich beim Fußball um eine schweißtreibende Sache handelt, bei der man hin und wieder auch Kontakt mit der Grasnarbe aufnehmen muss. Weniger Schablone und mehr Siegeswille täten dem deutschen Fußball dringend Not. Und vor allem: weg von der irrigen Idee, ein Spieler sei eine Marke, deren Wert man ständig maximieren muss. Nein, ist er nicht! Er ist ein Mensch, der gekonnt mit dem Ball umgeht und sich deshalb auf das konzentrieren sollte, was er kann: gut und mit Leidenschaft kicken. Die Fans werden es ihm danken.</p>
<p>Und nun freue ich mich auf (hoffentlich) spannende KO-Partien. Denn der wahre Fan schaut die WM auch dann weiter, wenn das eigene Team (leider) schon ausgeschieden ist.</p>
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		<title>Politisches Lied und garstiges Lied</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 May 2016 08:30:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[1944]]></category>
		<category><![CDATA[Australien]]></category>
		<category><![CDATA[ESC]]></category>
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		<category><![CDATA[Zelmerlöw]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nie war der ESC so politisch wie heute. Während die Ukrainerin Jamala mit einer kaum versteckten Anklage Russlands den Sieg holte, landete Jamie-Lee Kriewitz für Deutschland auf dem letzten Platz. Verdientermaßen. Denn diesmal war nicht das politische Lied das garstige Lied.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein politisch Lied! Pfui! Ein garstiges Lied! Das, was Goethe einem Zecher in Auerbachs Keller in den Mund gelegt hat, dürfte ein Teil der Moskauer Elite nach dem Sieg der Ukraine beim diesjährigen Eurovision Song Contest, kurz ESC, empfunden haben. Dabei war der Beitrag &#8222;1944&#8220; der Sängerin Jamala im Gegensatz zu vielen anderen alles andere als garstig. Die gebürtige Krimtatarin hat Charme und Ausstrahlung, der Song ist mit seiner Mischung aus Moritat, Elektrobeats und orientalischer Folklore originell arrangiert.</p>
<p>Nur: Ohne seine politische Botschaft, die Anklage der Vertreibung der Krimtataren durch Stalin in der UdSSR im Jahr 1944, hätte das Lied nicht funktioniert &#8211; oder wäre zumindest nicht auf einem vorderen Rang gelandet. Insofern dürfte die russische Kritik, die Europäische Rundfunkvereinigung (European Broadcasting Union &#8211; EBU) habe mit der Zulassung des ukrainischen Beitrags gegen ihre eigenen Regeln verstoßen, im Kern berechtigt sein. Denn politische Botschaften sollen beim ESC eigentlich draußen bleiben. Das Vehikel der Ukrainer, Jamala beschreibe in ihrem Song lediglich die Gefühle ihrer deportierten Großmutter, wirkt allzu offensichtlich gekünstelt.</p>
<h2>EBU schafft gefährlichen Präzedenzfall</h2>
<p>Die EBU könnte somit einen gefährlihen Präzedenzfall geschaffen haben. Was soll man künftig Armeniern oder Aserbaidschanern sagen, die von den Traumata ihrer Angehörigen in den Scharmützeln und Kriegen um Berg-Karabach singen wollen? Oder einem Vertreter aus einem Balkanstaat, der Vorfälle aus den post-jugoslawischen Sezessionskriegen zum Thema machen möchte? Es wird spannend zu sehen, ob Jamala Nachahmerinnen oder Nachahmer findet, die versuchen, mit Politik zu punkten. Die Wahrscheinlichkeit erscheint groß. So wimmelte es dieses Jahr nur so von Klonen oder Epigonen des schwedischen Vorjahressiegers Mans Zelmerlöw. Am weitesten weg von Zelmerlöws Rezeptur waren wohl Siegerin Jamala und die letztplatzierten Deutschen mit einem sonderbaren Sonderweg. Aber dazu gleich mehr.</p>
<p>Eigentlich war bereits der Sieg von Conchita Wurst vor zwei Jahren Politik pur. Nur brauchte die österreichische Travestiekünstlerin nicht mit Worten politisch zu werden. Die Kunstfigur selbst war die Politik &#8211; und das ging mit den Regeln des Wettbewerbs konform.</p>
<h2>Australien hätte Sieg verdient gehabt</h2>
<p>Ganz ohne Politik hätte Australien wohl den Sieg davon getragen, knapp vor den zuvor favorisierten Russen, deren Eurodancehymne aber wohl zu überambitioniert und zu sehr Zelmerlöw 2.0 war. Dagegen lieferte die Australierin Dami Im, in sich ruhend und unprätentiös, eine stark arrangierte Pop-Ballade ab, die mit Sicherheit auch außerhalb des ESC-Mikrokosmos funktioniert.</p>
<p>Die einzige Kritik, die nach einem Sieg &#8222;Down unders&#8220; hätte laut werden müssen: Warum ist der fünfte Kontinent bei einem europäischen Musikwettbewerb überhaupt dabei?  Die Vorwegnahme einer möglichen Süderweiterung der Europäischen Union kann als eher unwahrscheinlich angesehen werden. Zumal Australien dann prompt großer Nettozahler wäre und seine sehr rigide Einwanderungspolitik auf den Prüfstand stellen müsste.</p>
<p>Im Popbereich indes hat das Land vom anderen Ende der Welt in den vergangenen Jahren mit Kylie Minogue, Natalie Imbruglia und Vanessa Amorosi einige international erfolgreiche weibliche Stars hervorgebracht. Mit denen kann sich Dami Im messen. Eine so große Popnation kann wohl auch richtig einschätzen, was das eigentliche garstige Lied des ESC-Abends war: der deutsche Beitrag, der zu recht mit klarem Abstand auf dem letzten Platz landete.</p>
<h2>Verschwörungstheorien ziehen nicht</h2>
<p>So schrieb ein australisches Nachrichtenportal, dass Sängerin Jamie-Lee Kriewitz wie eine japanische Touristin wirke, die in einem Berliner Club zu viel gefeiert habe. Ihr Lied sei nichts besonderes gewesen, ihr Outfit aber noch schlechter. Die Australier dürften der Wahrheit damit näher kommen, als alle Verschwörungstheoretiker, die das Abschneiden Deutschlands in eine Abstrafung für die Europapolitik der hiesigen Bundeskanzlerin umdeuten. Auch wenn der ESC schon immer politisiert war, selbst das russische Fernsehpublikum ließ Ukrainerin Jamala Punkte zukommen. Und die Ukrainier voteten für den Eurodance made in Moskau. Deshalb: Gemach, gemach, liebe Verschwörungstheoretiker!</p>
<p>Der hierzulande verantwortliche Sender NDR muss sich daher ernsthaft eine paar kritische Fragen gefallen lassen. Die beiden schwedischen Moderatoren parodierten in einer Pausennummer, was ein Song brauche, um beim ESC erfolgreich zu sein. Ihre nicht ganz ernst gemeinte Antwort: Glamour, Kostüme, Beats, ein wenig nackte Haut, Charme, Folklore sowie Themen á la Frieden oder Liebe. Also kurz gesagt: All das, was der deutsche Beitrag nicht zu bieten hatte.</p>
<h2>Sonderbares Manga-Mädchen</h2>
<p>Empathie ist hierzulande seit Monaten ein viel bemühtes Wort. Also seien wir empathisch und versetzen uns einmal in &#8211; sagen wir  &#8211; irische, albanische oder gar australische Fernsehzuschauer. Wieso sollen die einem sonderbaren Manga-Mädchen, das in einem noch sonderbaren Outfit durch einen künstlichen Gruselwald spaziert und dazu ein nichtssagendes Liedchen trällert, Stimmen geben? Wer darauf eine plausible Antwort geben kann, darf dank der Kraft seiner Illusion auch mit einer Verschwörungstheorie wiederkommen. Ansonsten kann man getrost der Meinung sein, dass selbst der Gnadenpunkt der georgischen Jury noch ein äußerst freundliches Geschenk für Jamie-Lee &amp; Co. war.</p>
<p>Ansonsten war das Niveau des diesjährigen ESC-Jahrgangs musikalisch durchaus akzeptabel. Es dominierten eingängige Popsongs, die auffällig oft von schwedischen Autorenteams konzipiert wurden. Do it like Zelmerlöw, hätte das Zweitmotto des ESC lauten können.</p>
<h2>Viel Mainstream-Pop und Schwedenstyle</h2>
<p>Die Damenwelt zog Glitzerkleider diesmal allzu viel Textilfreiheit vor, die Herren wählten Lederjacken und Löcherjeans als gängiges Outfit. Briten, Spanier und Franzosen konnten sich mit etwas frischeren Beiträgen von den Deutschen absetzen. Auch das italienische Hippie-Mädchen, das wider erwarten nicht &#8222;Karl der Käfer wurde nicht gefragt&#8220; sang, hatte seine Fans. Zypern schickte eine schräge Bon-Jovy-Cover-Band, die offenbar in Käfighaltung lebt. Allzu viel Punkte gab es dafür nicht.</p>
<p>Was fehlte waren schrille oder schräge Nummern sowie der früher häufiger aufgeführte typische Balkanstyle. In Ansätzen ließ ihn die kroatische Teilnehmerin anklingen, deren Outfit dann aber fast so daneben war, wie das von Jamie-Lee. Ein polnischer Minipliträger mit Wallemähne (Mischung aus Phantom der Oper und Wolle Petry) wurde stylingtechnisch zwar ebenfalls negativ auffällig, warum dessen Kitschbalade dann im Zuschauervoting so hoch gewertet wurde, war das eigentliche Mysterium des Abends.</p>
<h2>Hamburger Armenierin desklassiert Jamie-Lee</h2>
<p>Für Deutschland endete es indes mehrfach peinlich: Sowohl die Österreicherin Zoe als auch die aus Hamburg stammende Armenierin Iveta Muchuchyan deklassierten Jamie-Lee. Es hätte für Deutschland wohl selbst dann nicht schlimmer enden können, wenn &#8211; sagen wir einmal &#8211; Michael Wendler oder der aus &#8222;Goodbye Deutschland&#8220; bekannte Schlagernovize Jens Büchner angetreten wären.</p>
<p>Zoe dagegen landete mit ihrem zuckersüßem, auf französisch vorgetragenen Chanson &#8222;Loin d ´ici&#8220; weit vor dem deutschen Beitrag auf Platz 13.  Ihr Lied, das irgendwie an Louane erinnert und die &#8222;fabelhafte Welt der Amelie&#8220; aufleben lässt, traf den Massengeschmack offenbar weitaus besser, als eine schlechte K-Pop-Kopie made in Germany. Muchuchyan schaffte mit kraftvoller Ausstrahlung und wuchtigen Elektrobeats sogar Rang Sieben.</p>
<p>So war die eigentlich Erkenntnis des Abends: Ein politisches Lied muss nicht garstig sein &#8211; und ein garstiges nicht politisch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/kultur/politisches-lied-und-garstiges-lied/">Politisches Lied und garstiges Lied</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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