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	<title>Suchtgedächtnis-Archiv - Texte zur Sache</title>
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	<description>Meinung und Debatte, Rezensionen, Kunst, Sport, Politik und Gesellschaft</description>
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	<title>Suchtgedächtnis-Archiv - Texte zur Sache</title>
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		<title>OFF THE WAGON?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Sep 2026 05:35:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Henning Hirsch: Gesoffen wird immer]]></category>
		<category><![CDATA[Abstinenz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sieben Jahre war Brad Pitt trocken. Jetzt trinkt er wieder. Nicht viel, sagt er. Ein paar Gläser Wein gingen schon. Man müsse eben „professionell“ damit umgehen. Das klingt vernünftig. Vielleicht ist es das für ihn sogar. Aber für Menschen, die einmal alkoholabhängig waren, ist die Sache komplizierter. Denn die gefährlichste Flasche ist nicht unbedingt die erste. Es ist die, bei der man glaubt, man hätte sie endlich wieder im Griff.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/hauptbeitrag/brad-pitt-und-die-illusion-vom-kontrollierten-trinken/">OFF THE WAGON?</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.hollywoodreporter.com/movies/movie-news/brad-pitt-sober-1236670111/">Brad Pitt trinkt wieder.</a><br />
Nach sieben Jahren Abstinenz hat der Schauspieler dem Alkohol wieder einen Platz in seinem Leben eingeräumt. Nicht mehr so wie früher, nicht in großen Mengen, sondern – wie er es selbst beschreibt – „in a more restrained manner“. Er sei ein paarmal übermütig geworden, habe gemerkt, dass ihm größere Mengen nicht guttun, und müsse eben professionell damit umgehen. Ein paar Gläser Wein seien drin.</p>
<p><strong>Professionell trinken.</strong><br />
Das ist ein hübscher Satz.<br />
Fast schon eine Berufsbezeichnung.<br />
Und natürlich habe ich sofort gedacht: Verdammt, das kenne ich.</p>
<p>Nicht Brad Pitt persönlich. Den kenne ich nicht. Und ich werde mich hüten, aus ein paar Sätzen in einem Interview eine Ferndiagnose über einen Menschen zu basteln, dessen Leben ich nicht kenne. Aber den Gedanken dahinter kenne ich sehr gut. Den Gedanken, dass man inzwischen so viel gelernt hat, so lange durchgehalten hat und so weit von seinem alten Leben entfernt ist, dass man vielleicht wieder ein bisschen Alkohol verträgt. Vielleicht sogar über einen längeren Zeitraum kontrolliert.</p>
<h2>Die große Illusion</h2>
<p>Als ich selbst noch getrunken habe, hielt ich mich lange für jemanden, der sein Trinkverhalten im Griff hat. In meinem Roman <a href="https://schwarzkopf-verlag.info/p/saufdruck">Saufdruck</a> habe ich das rückblickend beschrieben. Obwohl ich schon früh deutlich mehr trank als meine Kumpels und Alkohol für alle möglichen Zwecke einsetzte – als Enthemmer, Einschlafhilfe, Beruhigungsmittel und gelegentlich auch als praktische Entschuldigung für all den Mist, den ich unter Alkoholeinfluss gebaut hatte, wäre ich nicht im Traum auf die Idee gekommen, mich als abhängig zu bezeichnen.</p>
<p>Warum auch?<br />
<strong>Ich hatte doch alles im Griff.</strong><br />
Ich konnte jederzeit aufhören.<br />
Ich wollte nur gerade nicht.</p>
<p>Aus „Ich kann ja jederzeit aufhören, wenn ich will“ wurde eine zwei Jahrzehnte anhaltende Illusion. Ich änderte irgendwann zwar Art und Häufigkeit meines Konsums. Aufgehört habe ich trotzdem nicht.</p>
<h2>Das kontrollierte Trinken hat einen verdammt guten Ruf</h2>
<p>Das größte Missverständnis an der Abstinenz liegt darin, dass man nach ein paar Jahren denkt: Jetzt ist es aber genug. Ich habe mich ausgiebig kasteit, darf mir jetzt mal wieder einen Schluck Alkohol gönnen.</p>
<p>Man hat plötzlich genug vom Nichttrinken.<br />
Nicht unbedingt vom nüchternen Leben. Das kann ziemlich großartig sein.<br />
Aber vom Gedanken, dass Alkohol für immer erledigt sein soll.<br />
Nie wieder ein Bier im Restaurant.<br />
Nie wieder ein Glas Wein zum Essen.<br />
Nie wieder ein Sekt an Silvester.<br />
Nie wieder dieses angenehm wärmende Gefühl, das einen für ein paar Stunden die Tristesse der Welt vergessen lässt.</p>
<p>Unweigerlich stellt sich nun der Gedanke ein: Ich bin inzwischen stark genug; bin ich nicht mehr derselbe Mensch wie früher. Heute kann ich zwei Gläser trinken und morgen einfach damit aufhören. Das ist der Moment, in dem die Abstinenz fahrlässig aufs Spiel gesetzt wird.</p>
<h2>Ein Piccolo ist noch kein Komasuff</h2>
<p>Das Problem an diesem Experiment ist: Der Anfang wirkt harmlos.</p>
<p>In meinem <a href="https://humboldt.de/product/874/raus-aus-dem-rausch">Ratgeber</a> habe ich einen Rückfall beschrieben, der mit einem Piccolo im Urlaub begann. Nicht mit einer Flasche Wodka zum Frühstück. Nicht mit einer mehrtägigen Sauftour. Mit einem Piccolo.</p>
<p>Der Gedanke dahinter war denkbar simpel: Nach zehn Jahren Abstinenz dürfte ein Gläschen doch wohl kein Problem mehr sein. Man sei schließlich gefestigt. Man habe alles im Griff. Man könne wieder kontrolliert trinken.</p>
<p>Natürlich wird aus einem Piccolo nicht automatisch vier Wochen später ein Komasuff. Bei einem alkoholkranken Menschen kann der Weg dorthin jedoch anders verlaufen als bei jemandem, der nie abhängig war.</p>
<p>Er beginnt mit dem Versuch, eine alte Beziehung zur Droge wiederherzustellen.<br />
Erst ein Glas.<br />
Dann zwei.<br />
Dann nur am Wochenende.<br />
Dann nur, wenn es stressig war.<br />
Dann wieder, weil es doch eigentlich ganz gut funktioniert.<br />
Und irgendwann funktioniert es eben nicht mehr.</p>
<h2>Das Suchtgedächtnis ist kein Archiv</h2>
<p>Das ist der Punkt, an dem das sogenannte Suchtgedächtnis ins Spiel kommt. Es vergisst nicht einfach, nur weil wir jahrelang keinen Alkohol getrunken haben. Das bedeutet nicht, dass jeder trockene Alkoholiker zwangsläufig irgendwann rückfällig wird. Und es bedeutet schon gar nicht, dass jeder, der nach einer Abstinenz wieder Alkohol trinkt, automatisch im Vollsuff endet.Aber es bedeutet: <strong>Die alte Verbindung zwischen Alkohol, Belohnung, Erleichterung und bestimmten Lebenssituationen kann wieder aktiviert werden.</strong></p>
<p>In meinem Ratgeber habe ich es plakativ geschildert: Selbst nach zehn Jahren kann ein einzelnes Glas der Anfang einer Entwicklung sein, die Wochen später unweigerlich in die Entgiftung führt. Das Suchtgedächtnis vergisst nichts.</p>
<p>Das klingt pessimistisch.<br />
Ist es aber nicht unbedingt.<br />
Denn dieselbe Erfahrung enthält auch eine beruhigende Erkenntnis: Der Rückfall muss nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommen.</p>
<h2>Der Rückfall kündigt sich an</h2>
<p>Bevor der Alkohol wieder im Kühlschrank steht, passiert etwas im Kopf.<br />
Ein Problem, das man nüchtern nicht lösen zu können glaubt.<br />
Stress.<br />
Einsamkeit.<br />
Eine kaputte Beziehung.<br />
Eine schlechte Nachricht.<br />
Oder einfach die verdammt verführerische Vorstellung, dass man sich das Leben mit ein bisschen Alkohol leichter machen könnte.</p>
<p>Genau da beginnt die eigentliche Gefahr.<br />
Nicht unbedingt beim ersten Schluck.<br />
Sondern bei dem Gedanken: <strong>Mit Alkohol geht es mir besser.</strong><br />
Denn dann wird Alkohol wieder zum Werkzeug.</p>
<p>Sobald eine Droge wieder zum Werkzeug wird, ist der Weg zurück in alte Muster kürzer, als man gedacht hat. Ich habe das selbst erlebt. Deshalb ruft die harmlos klingende Frage, „Kann ich denn nicht wenigstens ein bisschen trinken?“, bei mir bloß Stirnrunzeln hervor.</p>
<h2>Brad Pitt muss ich nicht erklären</h2>
<p>Jetzt nochmal zurück zu Brad Pitt.</p>
<p>Vielleicht funktioniert es bei ihm. Vielleicht funktioniert es nicht. Vielleicht hat er tatsächlich einen Umgang mit Alkohol gefunden, der für ihn praktikabel ist. Vielleicht wird er jedoch alsbald feststellen, dass seine Rechnung nicht aufgeht.</p>
<p>Ich weiß es nicht. Deshalb werde ich mich auch nicht zum Ferntherapeut von Brad Pitt aufschwingen. Er ist 62 Jahre alt, hat sieben Jahre nicht getrunken und spricht heute öffentlich darüber, dass er wieder Alkohol konsumiert. Mehr muss ich über seinen konkreten Fall gar nicht wissen.</p>
<p>Interessanter finde ich die Frage, die dahintersteht. Denn die betrifft nicht Brad Pitt allein. Sie betrifft Millionen Menschen.<br />
<strong>Kann man eine Sucht kontrollieren, die man früher nicht kontrollieren konnte?</strong></p>
<h2>Die Antwort ist unbequem</h2>
<p>Für mich persönlich ist die Antwort eindeutig: <strong>Nein.</strong></p>
<p>Nicht weil ich besonders diszipliniert wäre. Nicht weil ich irgendeine übermenschliche Willenskraft entwickelt hätte. Sondern weil ich weiß, wie wenig meine frühere vermeintliche Kontrolle mit tatsächlicher Kontrolle zu tun hatte. Ich habe mich zwanzig Jahre lang der Illusion hingegeben, ich hätte meinen Alkoholkonsum im Griff. Am Ende lag ich auf einer Intensivstation.</p>
<p>Ein paar Tage später saß ich abends im Vortragsraum einer Suchtklinik und hörte aus dem Mund eines Referenten einen Satz, der mir zunächst gegen den Strich ging: <strong>„Alle, die hier vor mir sitzen, sind Alkoholiker. Andernfalls würdet ihr hier nicht sitzen.“</strong> Ich widersprach nicht; allerdings wehrte ich mich innerlich noch gegen diese deprimierende Zuschreibung.</p>
<p>Am nächsten Morgen war der Groschen gefallen: <strong>Ja. Ich bin ein gottverdammter Alkoholiker.</strong></p>
<p>Und damit begann etwas, das ich vorher jahrelang verdrängt hatte: die Erkenntnis, dass ich nicht lernen musste, kontrollierter zu trinken.Ich musste lernen, <strong>ohne Alkohol zu leben</strong>.</p>
<h2>Ein Glas Wein ist kein Charaktertest</h2>
<p>Die Debatte über Brad Pitts Geständnis &#8222;I&#8217;m now off the wagon&#8220; ist auch dann interessant, wenn man sie ganz von Brad Pitt löst.</p>
<p>Es geht dabei nicht um die Frage, ob jemand nach sieben Jahren Abstinenz wieder ein paar Gläser Wein trinken &#8222;darf&#8220;.<br />
Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres: <strong>Warum wollen Menschen, die einmal unter Alkohol gelitten haben, ein paar Jahre später unbedingt beweisen, dass sie wieder kontrolliert trinken können?</strong></p>
<p>Die Antwort liegt darin, dass Alkohol gesellschaftlich so verdammt normal ist.<br />
Der eine trinkt sein Feierabendbier.<br />
Die andere ihren Aperol.<br />
Beim Essen gibt es Wein.<br />
Auf der Party Sekt.<br />
Im Stadion Bier.<br />
Im Urlaub Sangria.</p>
<p>Wer darauf verzichtet, muss sich nicht selten erklären. Da wirkt die Vorstellung vom kontrollierten Trinken wie die Eintrittskarte zurück in die Normalität: <strong>Endlich wieder einer von den anderen sein.</strong></p>
<p>Nur ist das für einen Menschen mit Alkoholabhängigkeit genau die falsche Richtung.</p>
<h2>Ich brauche keinen Beweis mehr</h2>
<p>Ich habe irgendwann aufgehört, mir beweisen zu wollen, dass ich kontrolliert trinken kann. Das war eine der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens. Denn solange ich diesen Beweis antreten wollte, stand die Flasche gedanklich immer noch auf dem Tisch. Heute steht sie dort nicht mehr. Und das ist ausgesprochen angenehm.</p>
<p>Brad Pitt kann selbstverständlich seinen Wein trinken. Er muss nur – wie jeder andere Mensch auch – selbst herausfinden, ob seine Rechnung auf- oder schiefgeht.</p>
<p>Ich habe meine Rechnung gemacht.<strong><br />
</strong>Sie lautet: <strong>Ein Leben ohne Alkohol ist nicht die kleinere Version eines Lebens mit Alkohol.</strong><br />
Es ist mein normales Leben.</p>
<p>Auf die Idee, es morgen gegen ein paar Gläser Wein einzutauschen, komme ich nicht mehr.<br />
Nicht aus Angst. Sondern aus Erfahrung.</p>
<p>Das Erfolgsrezept der zufriedenen Abstinenz besteht darin, sich einzugestehen, dass man den Kampf um die Kontrolle unweigerlich verloren hat und von nun an auf jegliche &#8222;kleine&#8220; Experimente verzichtet. Akzeptieren, dass man der Droge gegenüber machtlos ist.<br />
<strong><br />
</strong>Für Alkoholiker gilt die eiserne Regel: <strong><br />
</strong>Ich hatte alles im Griff.<br />
Bis ich es nicht mehr hatte.<br />
________________________________________<br />
Henning Hirsch<br />
Kolumnist • Autor von <a href="https://schwarzkopf-verlag.info/p/saufdruck">Saufdruck – In vier Jahren ganz nach unten</a><br />
+++</p>
<p>Lesen Sie auch: <a href="https://texte-zur-sache.de/die-geschichte-von-jupp-der-ueber-nacht-kein-alkoholiker-mehr-war">Die Geschichte von Jupp, der über Nacht kein Alkoholiker mehr war</a><br />
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„<span style="font-size: 10pt;">Hast du es schon gehört?“, fragt meine alte Schulfreundin Vera am Telefon.</span><br />
<span style="font-size: 10pt;">„Was gehört?“</span><br />
<span style="font-size: 10pt;">„Na, das mit Jupp.“</span><br />
<span style="font-size: 10pt;">„Was ist mit Jupp?“</span><br />
<span style="font-size: 10pt;">„Der ist seit gestern Abend kein Alkoholiker mehr“, sagt Vera.</span><br />
<span style="font-size: 10pt;">„Wie: der ist kein Alkoholiker mehr?“</span><br />
<span style="font-size: 10pt;">„Jupp sagt, er trinkt jetzt seit fünf Jahren nicht, denkt keine einzige Sekunde an Wodka, und deshalb ist er kein Alkoholiker mehr.“</span><br />
<span style="font-size: 10pt;">„Sagt ausgerechnet Jupp“, sage ich.</span><br />
<span style="font-size: 10pt;">„Ja, sagt dein Kumpel Jupp.“</span><br />
<span style="font-size: 10pt;">„Na, wenn Jupp es sagt, dann wird es schon stimmen.“</span><br />
<span style="font-size: 10pt;">„Du klingst wenig überzeugt“, sagt Vera.</span><br />
<span style="font-size: 10pt;">„Ich bin Nullkommanull überzeugt. Aber letztlich muss Jupp wissen, wie er sich selbst definiert. Das geht mich nichts an.“<br />
(17. Aug. 2026)</span></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/hauptbeitrag/brad-pitt-und-die-illusion-vom-kontrollierten-trinken/">OFF THE WAGON?</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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