Kategorie: Medien

  • TV-Philosoph sieht Meinungsfreiheit in Gefahr

    TV-Philosoph sieht Meinungsfreiheit in Gefahr

    Vergangene Woche hatte ich mich an dieser Stelle über die Prognosefähigkeit von Deutschlands TV-Philosoph Nummer 1 ausgelassen, weil der in 3 Jahren Alice Weidel im Kanzleramt sieht (unter der Voraussetzung natürlich, dass viele Dinge, in diesen 36 Monaten passieren, von denen jedoch keinesfalls sicher ist, ob sie jemals passieren; weswegen es durchaus sein kann, dass die Vorhersage überhaupt nicht eintritt). Bezugnehmend auf ein Interview Prechts in der NZZ. Was mir erst im Nachgang auffiel – da war meine Kolumne allerdings schon raus –: Es ging in dem Gespräch nicht nur um die Kanzlerschaft, sondern es wurde ebenfalls über die (angeblich) gefährdete Meinungsfreiheit in unserem Land geredet.

    Und da ich dieses Thema echt wichtig finde, gibt’s deshalb heute eine Draufgabe:

    Wie Rechte und TV-Philosophen ständig die Meinungsfreiheit bedroht sehen – und warum das bloß ein billiger Taschenspielertrick ist

    Es gibt diese merkwürdige, immer gleiche Szene im deutschen Debattentheater. Jemand mit sehr viel Sendezeit, sehr vielen Büchern im Schaufenster und sehr vielen Einladungen in sehr viele Talkshows erklärt mit ernster Miene: „Die Meinungsfreiheit ist in Gefahr.“ Applaus brandet auf – nicht etwa von Menschen, die wirklich zum Schweigen gebracht wurden, sondern von denen, die seit Jahren zuverlässig jede Bühne bespielen, die man ihnen hinstellt.

    Aktuell ist es mal wieder Richard David Precht, der Deutschen liebster Welterklärer, der ohne auch nur eine Sekunde zu zögern in jedes Mikrofon spricht, das man ihm vor die Nase hält. „Der Philosoph sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet“, meldete die NZZ am 27.01.2026. Man könnte meinen, jemand habe ihm den Stift weggenommen, seine Bücher verboten, sein Podcast-Feed gelöscht. Doch nein: Precht ist allgegenwärtig. Er ist Talkshow-Dauergast, Bestsellerautor, Podcaster, Leitartikler. Wenn das „Gefahr“ ist, dann möchte man den Zustand der Sicherheit erst gar nicht kennenlernen.

    Der rechte Mythos vom engen Meinungskorridor

    „Meinungskorridor“, „Cancel Culture“, „Mainstream-Medien“ – diese Begriffe sind die Heilige Dreifaltigkeit eines Diskurses, der sich selbst für rebellisch hält, während er längst zum Standardprogramm der rechten Empörungsindustrie gehört. Das Narrativ ist immer gleich: Es gibt ein Kartell aus progressiven Eliten, Journalisten, Wissenschaftlern und „woken Aktivisten“, das abweichende Meinungen unterdrückt. Wer trotzdem etwas sagt, wird „gecancelt“ – also moralisch vernichtet, beruflich ruiniert, sozial geächtet.

    Das Problem: Diese Geschichte ist empirisch nicht nachweisbar. Die angeblich Mundtotgemachten sind in der Regel Menschen mit Reichweite, Macht und finanzieller Absicherung. Sie sind Kolumnisten großer Zeitungen, Professoren mit Lehrstühlen, YouTuber mit Millionenpublikum. Sie werden nicht gecancelt – ihnen wird widersprochen. Und das ist, man höre und staune, ebenfalls Meinungsfreiheit.

    Meinungsfreiheit heißt nicht Widerspruchsfreiheit

    Der zentrale Taschenspielertrick besteht darin, Kritik als Zensur umzudeuten. Wer widerspricht, wird zum Zensor erklärt. Wer protestiert, wird zum Feind der Freiheit. Wer einen Boykott fordert, gilt als totalitärer Aktivist. Dabei ist all das selbst Ausdruck von Meinungsfreiheit. Niemand hat ein Grundrecht darauf, unwidersprochen zu bleiben. Es gibt kein Menschenrecht auf Applaus.

    Die rechte Rhetorik verschiebt die Begriffe so lange, bis alles verschwimmt. „Cancel Culture“ wird zur Chiffre für jede Form sozialer Sanktion. Wenn ein Verlag ein Buch nicht drucken will: Cancel Culture. Wenn ein Sender jemanden nicht einlädt: Cancel Culture. Wenn Menschen auf Twitter sagen, dass sie jemanden unsympathisch finden: Cancel Culture. Der Staat spielt dabei oft gar keine Rolle – und genau das ist der Punkt.

    Denn Meinungsfreiheit ist primär ein Abwehrrecht gegen den Staat. Es schützt vor staatlicher Zensur, vor Verboten, vor Repression. Es schützt nicht vor den Reaktionen anderersdenkender Bürger. Wer das  nicht akzeptiert, möchte im Grunde die Gesellschaft zur Applausmaschine umbauen.

    Die Mainstream-Medien als Feindbild

    Besonders beliebt ist das Schlagwort von den „Mainstream-Medien“. Es suggeriert Gleichschaltung, Monopol, Ideologie. Tatsächlich ist die deutsche Medienlandschaft pluralistischer als je zuvor: Von linksprogressiv bis marktradikal, von öffentlich-rechtlich bis libertär, von Boulevard bis Feuilleton. Dass bestimmte Positionen häufiger vertreten sind als andere, ist kein Beweis für Unterdrückung – sondern schlicht Ausdruck gesellschaftlicher Mehrheiten.

    Doch Mehrheiten sind in diesem Narrativ per se verdächtig. Wer von Mehrheiten spricht, gilt als Konformist. Wer sich dagegenstellt, als mutiger Dissident. Das ist intellektuell bequem und moralisch lukrativ. Man kann sich als Galilei fühlen, während man im ZDF sitzt. Die Pose des verfolgten Denkers ist attraktiver als die Mühe, seine Thesen empirisch zu untermauern.

    Der Blick nach Amerika: Wenn die Bedrohung real ist

    Das wirklich Absurde an dieser Debatte ist, dass es reale Bedrohungen der Pressefreiheit gibt – nur kommen sie nicht von den üblichen Verdächtigen. Wer wissen will, wie staatliche Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit aussieht, muss nicht in deutsche Talkshows schauen, sondern in die Vereinigten Staaten unter Donald Trump.

    Dort werden Journalistinnen und Journalisten systematisch diffamiert, Medien als „Feinde des Volkes“ bezeichnet, kritische Reporter von Pressekonferenzen ausgeschlossen, staatliche Informationen selektiv verteilt. Whistleblower werden verfolgt, investigativer Journalismus behindert, unabhängige Medien delegitimiert. Das ist keine „Cancel Culture“, das ist Machtpolitik gegen die Öffentlichkeit. Wer in Deutschland ernsthaft von Diktatur des Meinungskorridors spricht, sollte einmal ein White-House-Briefing mit Trumps Pressesprecherin Leavitt besuchen.

    Precht als Symptom – und seine Mitstreiter

    Precht ist dabei allerdings weniger Ursache als Symptom. Er artikuliert ein Gefühl, das in Teilen des Bürgertums weit verbreitet ist: die Sorge, den kulturellen Ton nicht mehr anzugeben. Früher definierten die Etablierten, was sagbar ist. Heute widersprechen jüngere Generationen, Minderheiten, Aktivistinnen. Das fühlt sich für manche wie Zensur an, ist aber in Wahrheit Demokratisierung.

    Precht selbst liefert reichlich Material für dieses Narrativ. Er beklagt, die „sozialen Kosten, seine Meinung zu sagen, sind stark gestiegen“ (Berliner Zeitung). In Talkshows spricht er von einer „gesellschaftlichen Ächtung für freie Meinungsäußerungen“. Im Podcast Lanz & Precht warnt er, die Meinungsfreiheit sei „gefährdet“, und bei Markus Lanz erklärt er: „Die Grenzen der Meinungsfreiheit fangen bei der Selbstzensur an“. Selbstzensur – also die eigene Vorsicht im Umgang mit Kritik – wird zur staatlichen Repression umgedeutet.

    Prechts Co-Autor Harald Welzer hat dieses Gefühl in Buchform gegossen. In „Die vierte Gewalt“ behaupten beide, Medien und Politik erzeugten künstliche Mehrheitsmeinungen und engten den Debattenraum systematisch ein. Welzer fabuliert von einer „gemachten Mehrheitsmeinung“. Kritiker warfen dem Buch vor, es operiere im Behauptungsmodus und liefere kaum empirische Belege. Aber das ist ja gerade der Trick: Wer von Meinungskorridor spricht, muss keinen beweisen, er muss ihn nur fühlen.

    Noch direkter formuliert Ulf Poschardt seine Kulturkampf-Ängste. Über die Pandemiepolitik sagte er: „Corona hat mich eigentlich radikalisiert“ und sprach von einem moralischen „Terrorregime“ der Eliten. Wenn der Chefredakteur eines der reichweitenstärksten Blätter des Landes von Terror redet, während er täglich Leitartikel publiziert, ist das weniger Analyse als Pose.

    Auch der Medientheoretiker Norbert Bolz warnt seit Jahren vor einem Klima, in dem Abweichler mit „massiven beruflichen Sanktionen“ rechnen müssten, wenn sie vom Mainstream abweichen. Das mag sich dramatisch anhören, ist aber selten belegt – und oft vor allem Gefühlspolitik derjenigen, die es nicht gewohnt sind, dass ihnen Widerspruch entgegenbrandet.

    Das Geschäftsmodell mit der gekränkten Meinungsfreiheit

    Man sollte dabei nicht unterschätzen, wie lukrativ die permanente Beschwörung der bedrohten Meinungsfreiheit inzwischen ist. Für Precht & Co. ist das Lamento nicht nur Haltung, sondern auch Geschäftsmodell. Wer behauptet, man dürfe „nichts mehr sagen“, sagt in der Regel sehr viel – und verkauft dabei Bücher, Podcasts, Bühnenauftritte und Talkshowformate. Empörung ist eine verlässliche Währung im Aufmerksamkeitsmarkt, und nichts generiert mehr Reichweite als das Gefühl, unterdrückt zu werden. Das Narrativ vom engen Meinungskorridor ist perfekt: Es macht den Sprecher zum Dissidenten, immunisiert ihn gegen Kritik und garantiert mediale Dauerpräsenz. Der angeblich verengte Debattenraum wird so zur Bühne, auf der sich dieselben Figuren immer wieder als mutige Grenzgänger inszenieren – und aus der Pose der Bedrohten ein stabiles Einkommen ziehen. Meinungsfreiheit als Markenstrategie, Empörung als Content, Opfergehabe als Geschäftsplan.

    Warum das Opfer-Narrativ so verführerisch ist

    Warum also halten sich diese Klagen über den engen Meinungskorridor so hartnäckig? Weil sie psychologisch funktionieren. Wer sich als Opfer einer übermächtigen Mehrheit inszeniert, immunisiert sich gegen Kritik. Jede Gegenrede bestätigt die eigene These. Widerspruch wird zum Beweis für Unterdrückung. Es ist ein hermetisch abgeschlossenes Weltbild.

    Zugleich ermöglicht es moralische Selbstaufwertung. Man ist nicht einfach jemand mit einer unpopulären Meinung – man ist Freiheitskämpfer. Man ist nicht jemand, der Unsinn redet – man wird mundtot gemacht. Diese Rhetorik verwandelt jede Debatte in einen Kulturkampf und jede Kritik in eine existenzielle Bedrohung.

    Demokratisierung fühlt sich für Privilegierte wie Zensur an

    Vielleicht ist das der Kern des Problems: Demokratisierung fühlt sich für Privilegierte wie Zensur an. Wenn plötzlich mehr Stimmen gehört werden, wenn Minderheiten widersprechen, wenn Aktivisten die moralische Agenda mitbestimmen, verliert die alte Sprecherelite ihre Deutungshoheit. Was früher selbstverständlich war, wird verhandelbar. Und Verhandelbarkeit fühlt sich für diejenigen, die es gewohnt sind, Recht zu haben, wie ein Verlust an Freiheit an.

    Die Ironie der Freiheit

    Die Ironie ist, dass gerade diejenigen, die am lautesten „Meinungsfreiheit!“ rufen, häufig selbst wenig tolerant gegenüber abweichenden Meinungen sind. Freiheit wird selektiv verstanden – für sich selbst, nicht für andere. Wer gegen Migration polemisiert, argwöhnt Gesinnungsdiktatur, sobald ihm widersprochen wird. Wer Gendern ablehnt, sieht sich als Opfer eines Sprachregimes, fordert aber gleichzeitig, andere sollten gefälligst „normal“ sprechen. Die Freiheit der anderen ist oft nur lästig.

    Robuster als behauptet

    Die Meinungsfreiheit in Deutschland ist robust. Sie wird täglich genutzt – von Linken, Liberalen, Konservativen, Rechten. Sie wird manchmal strapaziert, oft missverstanden, selten wirklich gefährdet. Wer sie dennoch permanent bedroht sieht, betreibt ein rhetorisches Kunststück: Er verwandelt Privileg in Unterdrückung und Widerspruch in Zensur.

    Das ist jedoch kein philosophischer Tiefgang, sondern bloß ein rethorischer Taschenspielertrick. Und vielleicht sollte man, statt immer wieder über den angeblich engen Meinungskorridor zu klagen, einfach akzeptieren: Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden, lauter, widersprüchlicher. Das bedeutet keine Bedrohung der Freiheit. Das ist ihre Verwirklichung.
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    Genutzte Quellen:

    1. Richard David Precht, Der Philosoph sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet, Neue Zürcher Zeitung, 27. Januar 2026.

    2. Richard David Precht, mehrere Interviews in Berliner Zeitung zum Thema „Öffentlichkeit, Debattenkultur und Diskursverengung“.
    z.B.: Ich kann wunderbar damit leben, dass mich jemand Schwachkopf nennt. Interview in: Berliner Zeitung, 17. Oktober 2025.

    3. Markus Lanz und Richard David Precht: Sagen, was ist: Wie gefährdet ist unsere Meinungsfreiheit?
    Podcast Lanz & Precht, Ausgabe 194, ZDF, 2025.

    4. Richard David Precht in der Talkshow Markus Lanz, ZDF, Sendung Mai 2025 (Thema: Meinungsfreiheit, Selbstzensur, Diskursklima).
    gefunden in Münchner Merkur: Lanz und Precht sorgen sich um die Meinungsfreiheit, 31.05.2025

    5. Richard David Precht und Harald Welzer, Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist (Frankfurt am Main: S. Fischer, 2022).

    6. Ulf Poschardt, diverse Kolumnen zu Cancel Culture, Meinungsfreiheit und Illiberalisierung des Diskurses“.
    z.B.: Nur Pseudo-Liberale leiden an der Meinungsfreiheit. Die Welt, 16. April 2022.

    7. Norbert Bolz, Die Konformisten-Rebellion. Wie wir in der Konsensgesellschaft unsere Freiheit verspielen (Paderborn: Wilhelm Fink, 2017).
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    Lesen Sie auch: Facebook kann Meinungsfreiheit völlig egal sein
    Meinungfsreiheit in Facebook
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  • Prechts Welt: Kaffeesatz statt Analyse

    Prechts Welt: Kaffeesatz statt Analyse

    Denkbar – oder nur Kaffeesatz?

    Richard David Precht hält es in einem Interview mit der NZZ für denkbar, dass Alice Weidel in drei Jahren Kanzlerin ist. Denkbar. Kaum ein Wort hat es im politischen Diskurs zu solcher Macht gebracht wie dieses. Es klingt vorsichtig und mutig zugleich, öffnet Fantasie(t)räume und schließt gleichzeitig jede Verantwortung aus. Wer „denkbar“ sagt, behauptet nichts – und sagt doch alles.

    Ist Alice Weidel wirklich Kanzlerin in spe?

    Precht begründet seine Überlegung mit der Reformunfähigkeit Deutschlands, dem Erstarken der politischen Ränder und möglichen Verschiebungen innerhalb der CDU. Das klingt nach Analyse. Doch Analyse beginnt dort, wo Zusammenhänge erklärt werden, nicht dort, wo sie in der Schwebe bleiben. Precht beschreibt Stimmungen, aber keine Mechanismen. Er benennt Entwicklungen, ohne ihren inneren Zwang offenzulegen. Am Ende steht kein Argument, sondern ein Szenario.

    Dieses Verfahren ist vertraut. Reale Akteure ersetzen reale Kausalität. AfD, CDU, Alice Weidel – bekannte Namen erzeugen Plausibilität, ohne sie begründen zu müssen. Doch zwischen gesellschaftlicher Unzufriedenheit und einer Kanzlerschaft der AfD liegen politische Hürden, die nicht beiläufig übersprungen werden können. Parteitage, Koalitionsverhandlungen, strategische Verluste, internationale Isolation, innerparteiliche Machtkämpfe – all das verschwindet hinter dem eleganten Schleier des „Denkbaren“.

    Analyse oder nur Andeutung?

    So wird aus politischer Analyse eine intellektuelle Projektion. Kaffeesatzlesen mit akademischem Tonfall.

    Wer Precht länger verfolgt, erkennt das Muster sofort. Auch frühere Prognosen folgten demselben Prinzip. Mal war es der baldige Bedeutungsverlust der Demokratie zugunsten technokratischer Steuerung. Mal das absehbare Scheitern der Energiewende in ihrer damaligen Form. Mal der unausweichliche gesellschaftliche Bruch nach der Pandemie. Immer wurde ein düsteres Szenario entworfen, stets eingerahmt von Vorsichtssignalen, nie jedoch mit überprüfbaren Kriterien versehen. Die Zukunft erschien als Abfolge großer Umbrüche – denkbar, dramatisch, offen.

    Gemeinsam ist diesen Prognosen weniger ihre inhaltliche Richtung als ihre Struktur. Sie sind groß genug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, und vage genug, um nicht falsifizierbar zu sein. Was eintritt, bestätigt die These. Was nicht eintritt, war eben noch nicht so weit. Der Prognostiker bleibt unversehrt.

    Welterklärer auf Sendung – wer hört noch zu?

    Bemerkenswert ist dabei weniger die Spekulation selbst als die Rolle ihres Urhebers. Precht tritt seit Jahren als selbsternannter Welterklärer auf, als Allround-Philosoph für jede Lage. Pandemie, Krieg, Bildung, Klima, Kapitalismus, nun auch Koalitionsarithmetik – es gibt kaum ein Feld, zu dem er nichts zu sagen hätte. Seine Autorität speist sich weniger aus fachlicher Tiefe als aus medialer Präsenz. Wer zu allem spricht, muss zu nichts wirklich ins Detail gehen. Der Universalanspruch ersetzt die Präzision.

    Gerade diese Rolle macht Precht für Medien so attraktiv. Er liefert große Linien, einfache Erzählungen und zugespitzte Möglichkeiten. Er spricht ruhig, wägt scheinbar ab und formuliert so, dass jede These als Nachdenklichkeit erscheint. Das verleiht auch unbelegten Annahmen den Anschein von Vernunft. Der Welterklärer darf andeuten, wo andere erklären müssten.

    Medienliebling ohne Substanz?

    Problematisch ist das nicht, weil Precht irren könnte. Prognosen dürfen irren. Problematisch ist, dass seine Prognosen strukturell so gebaut sind, dass sie sich jeder Überprüfung entziehen. Tritt das Szenario ein, gilt es als Weitsicht. Tritt es nicht ein, war es ja nur eine Möglichkeit. Unangreifbar durch Unverbindlichkeit.

    Bemerkenswert ist zudem, wie bereitwillig Medien dieses Verfahren akzeptieren. Precht erhält zuverlässig ein Forum, weil seine Thesen zugleich drastisch und folgenlos sind. Sie erzeugen Aufmerksamkeit, ohne überprüfbar zu sein. Genau das macht sie sendefähig. Er liefert keine belastbaren Analysen, sondern Gesprächsanlässe – und Gesprächsanlässe sind eine stabile Währung in einem medialen Betrieb, der permanent nach Relevanz sucht.

    Wie viel Zukunft ist noch denkbar?

    Dabei wäre Skepsis angebracht. Wer regelmäßig Möglichkeiten in den Raum stellt, ohne Wahrscheinlichkeiten zu benennen, ohne Alternativen zu gewichten, ohne empirische Anker zu setzen, trägt nicht zur Aufklärung bei. Er produziert Stimmung. Doch statt diese Leerstelle offenzulegen, wird die Spekulation zur Schlagzeile verdichtet. Aus einem Gedankenspiel wird ein politisches Menetekel.

    Das Ergebnis ist ein Diskurs, in dem alles möglich scheint und nichts erklärt wird. Analyse wird mit Zuspitzung verwechselt, Autorität mit Argument. Intellektueller Habitus ist kein Ersatz für analytische Substanz.

    Folgt man dieser Logik konsequent, wird der Möglichkeitsraum grenzenlos. Denkbar ist, dass politische Tabus über Nacht verdampfen. Denkbar ist, dass Parteien Dinge tun, für die sie jahrelang gewählt wurden, um sie gerade nicht zu tun. Denkbar ist alles, was nicht physikalisch unmöglich ist.

    Wer sagt’s uns wirklich?

    Und damit öffnet sich das Tor zur Absurdität.

    Denkbar ist dann auch, dass der 1. FC Köln im Jahr 2029 deutscher Meister wird – sofern nur genug investiert wird. Denkbar ist eine Rückkehr Walter Whites aus dem Totenreich, sollte Netflix dramaturgischen Bedarf anmelden. Denkbar ist ebenso eine Kanzlerschaft Ricarda Langs nach der Abschaffung des Klimaschutzes durch die Grünen. All das ist nicht ausgeschlossen. All das ist denkbar.

    Der Unterschied zu Prechts Prognose ist kein methodischer, sondern ein ästhetischer. Hier Rollkragen und Feuilleton, dort Ironie. Die Logik jedoch ist identisch: beliebige Voraussetzungen, beliebige Zukunft. Wer die Latte der Begründung niedrig genug legt, kommt immer darüber.

    Alles möglich – aber was ist wahrscheinlich?

    Denkbar ist vieles.
    Aber wer alles für denkbar erklärt, sagt am Ende nichts darüber, was wahrscheinlich ist.
    Und ohne diese Unterscheidung bleibt politische Analyse nichts weiter als gut verpackter Nebel.
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    Lesen Sie auch:  Philosophen und Diamanten

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  • Leaving Neverland

    Leaving Neverland

    Dass ausgerechnet ich als notorischer Sobald-Michael-Jackson-im-Autoradio-läuft-sofort-auf-einen-anderen-Kanal-Weiterzapper heute eine Lanze für dessen Musik breche, kommt mir im ersten Augenblick echt ein bisschen komisch vor. Denn letztlich würde es mir vermutlich weder auffallen noch was fehlen, wenn seine Melodien ab morgen nicht mehr erklingen. Außer Billie Jean und Beat it finde ich den Rest seiner Mucke großenteils grottig und habe nie verstanden, weshalb er mit diesem Arsenal an Mittelmäßigkeit zum King of Pop avancierte. Muss am geschickten Marketing seines Managements gelegen haben, dem es gelang, den Jungen aus Gary/ Indiana binnen weniger Jahre von einem braven Mitglied der Familientruppe The Jackson 5 in eine ständig um sich selbst rotierende Show-Ikone aus der Märchenburg Neverland zu transformieren. Ne Menge seiner Songs lebten mehr vom visuellen Erlebnis als von seinen Sangeskünsten.

    Sein Versuch, weißer zu wirken als Elizabeth Taylor und am Ende von 500 Schönheits-OPs irgendwann auszusehen wie seine Muse Diana Ross, ließen mich bereits vor dreißig Jahren an seinem geistigen Gesundheitszustand zweifeln. Aber: so wie die Musikgeschmäcke stark unterschiedlich auf uns Menschen verteilt sind, prüfe jeder sich selbst in Punkto Wahnsinn, bevor er den ersten Stein in Richtung Jackson wirft.

    Bannstrahl auf die Songs des King of Pop

    Vor einigen Tagen strahlte der TV-Kanal HBO die zweiteilige Dokumentation Leaving Neverland aus, in der die altbekannten Pädophilievorwürfe erneut thematisiert wurden. An und für sich nichts Welterschütterndes, denn darüber wissen wir ja seit 1993 eigentlich Bescheid, aber dieses Mal entfalten die Anschuldigungen eine ungeahnte Wucht: einige Sender – von denen die BBC der vorerst wichtigste ist – sprachen einen Bann gegen den Interpreten aus. M.J.-Stücke werden ab sofort nicht mehr gespielt. Begründung: Die Verdachtsmomente wiegen nun zu schwer, als dass man die Musik noch mit gutem Gewissen verbreiten kann.

    Diese rigorose Vorgehensweise kann man entweder bejahen oder achselzuckend drüber hinweggehen oder kurz die Sinnhaftigkeit dieses neuen Moralismus hinterfragen. Wem ist im Jahre 2019 damit geholfen, wenn die Radio-DJs Thriller nicht mehr auflegen? Hören die US-amerikanischen Opfer überhaupt europäische Sender? Können sie nicht wie ich, sobald diese Musik ans Ohr dringt, einfach das Programm wechseln? Stehen die Lieder von Jackson in irgendeinem Zusammenhang mit seinen (angeblichen) Taten? Wird darin Missbrauch propagiert? Warum trifft es jetzt M.J., während Künstler, denen man Vergewaltigung, Sexismus, Gewaltverherrlichung, Antisemitismus vorwirft, vom Bann ausgespart bleiben? Aus welchem Grund diese Vehemenz zehn Jahre nachdem der King das Zeitliche gesegnet hat? Weshalb halten wir uns in seinem Fall nicht an den klugen Grundsatz, das Objekt vom Erschaffer getrennt zu betrachten? Weil das speziell im Genre Pop nicht möglich ist, da dort Interpret, Musik und Fans zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen, sagen Sie?

    Also ab sofort auch keine Songs mehr von Ryan Adams, Chris Brown, Nelly, Riff Raff und wie die der Vergewaltigung bezichtigen Gangsta-Rapper alle sonst noch so heißen?  Wir sperren sexistische Texte von Bushido & Co? (Ja ja, Ryan Adams ist kein Gangsta Rapper. Weiß auch ich). Was ist mit den Kantaten und Chorälen des Antijudaisten Bach? Wie gehen wir mit den Opern Richard Wagners um? Muss der Grüne Hügel geschlossen werden und Bayreuth Insolvenz anmelden? Das ist was völlig anderes, behaupten Sie nun, überhaupt nicht miteinander vergleichbar? Warum nicht, frage ich. Musik ist Musik. Von Woody Allen und Roman Polanski, denen Ähnliches wie Jackson vorgeworfen wird, will ich hier, da sie ja keine Musiker, sondern Regisseure sind, gar nicht erst anfangen, obwohl mir beim Schlachtruf „Kill your Idol!“ die Trennlinie zwischen Film und Pop weiterhin nicht so ganz klar ist. Ich persönlich bleibe bei meinem Credo: Werk und Künstler sind nicht dasselbe. Andernfalls dürfte ich ja auch den Krimi Amok von Krystian Bala nicht in die Hand nehmen, da der Autor in diesem Buch einen Mord schildert, den er selbst begangen hat. Soweit wollen wir den Rigorismus dann doch nicht treiben, meinen Sie jetzt, nachdem ich Ihnen einen kleinen Auszug der möglichen Verbotsliste präsentiert habe? Ich wiederum sage: Wenn schon supermoralisch, dann auch konsequent supermoralisch.

    Weshalb haben alle so lange in Neverland weggeschaut?

    Liegt das eigentlich Verstörende der Causa Jackson nicht darin, dass wir ihn zu Lebzeiten derart vergötterten, uns dermaßen von seinem Megastar-Glanz blenden ließen, dass wir damals nicht wahrhaben wollten, was letztlich jeder Boulevardreporter und Paparazzo in Los Angeles von den Dächern pfiff: die Ich-hab-euch-alle-so-lieb-Nummer ist Hollywood-Mimikry, der King of Pop ein der normalen Welt entrückter Egomane, die Gute-Onkel-Nummer dient vor allem dazu, kleine Jungs nach Neverland zu locken, um ihnen dort zwischen Kettenkarussell, Geisterbahn und Streichelzoo ungestört an die Figur zu gehen. Im Unterschied zu vielen anderen Missbrauchsfällen, bei denen es den Tätern gelingt, die unappetitliche Angelegenheit komplett zu vertuschen, drangen bei Jackson bereits vor drei Jahrzehnten so viele Details nach draußen, dass 1993 erste staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen ihn aufgenommen wurden. Und der Skandal bestand mMn darin, dass man diese Recherchen nach Zahlung von zwanzig (andere Quellen nennen bis zu 25) Millionen Dollar Schweigegeld an das (mutmaßliche) Opfer einstellte, und nicht weiter nachforschte. DAS war der Sündenfall! 2003 ein weiteres Mal aufgerollt, endete der Prozess anderthalb Jahre später mit einem Freispruch aufgrund unsicherer Beweislage. Lag das an der eventuell fiktionalen Geschichte des neuen Klägers oder nur an unglaubwürdig klingenden Übertreibungen, oder war der King of Pop tatsächlich unschuldig? Außer den Beteiligten weiß das niemand, so dass es an dieser Stelle müßig ist, darüber zu spekulieren. Dass Wade Robson und James Safechuck damals noch als Entlastungszeugen zu Gunsten ihres Idols aussagten, während sie ihn in der aktuellen Doku schwer belasten, bedeutet auch kein Ruhmesblatt für diese beiden Herren.

    Der Versuch, uns selbst reinzuwaschen

    Ob die Reinkarnation Peter Pans nun ein notorischer Kindespeiniger war oder nicht, werden wir mit 100%iger Sicherheit nie erfahren. Das (angebliche) Scheusal liegt seit einem Jahrzehnt sechs Fuß unter der Erde, die mutmaßlichen Leidtragenden wurden mit ner Menge Geld zum Schweigen gebracht oder gaben – wie Robson und Safechuck – widersprüchliche Aussagen zu Protokoll. Jacksons Nachlassverwalter und seine Familie werden sich hüten, Licht ins pädophile Dunkel zu bringen. Von daher bleibt es im Moment beim Status „Beschuldigt, aber wegen Mangels an Beweisen (bisher) keiner konkreten Straftat überführt“. Reicht dieser Erkenntnisstand, der seit 1993 immer derselbe ist, aus, um die Stücke aus den Playlists der Sender zu entfernen? Das hätten die Verantwortlichen, falls Künstler und Werk gleichgesetzt werden, bereits vor 25 Jahren tun müssen. Heute wirkt die Aktion wie ein verspäteter Exorzismus, mit dem die Anstalten vor allem sich selbst vom Vorwurf des Komplizentums zu reinigen versuchen.

    Völlig losgelöst davon, ob Beat it und Billie Jean jetzt aus den Programmen verbannt sind: beim nächsten Bad! werde ich, bevor ich weiterzappe, automatisch an Kindesmissbrauch denken. Wird lange dauern, bis wir die Jackson-Songs wieder unbeschwert als 80er-/ 90er-Partymucke anhören können.

  • Macht Facebook aggro?

    Macht Facebook aggro?

    »Du benimmst dich in Facebook noch arschiger als im normalen Leben«, sagt sie.
    »Woher weißt du, wie ich mich in Facebook benehme?«, frage ich. »Wir sind da überhaupt nicht miteinander befreundet.«
    »Glaubst du allen Ernstes, dass bloß weil du ständig meine Freundschaftsanfragen ablehnst, ich nicht trotzdem genauestens über deine Aktivitäten Bescheid weiß?«
    »Du spionierst mir nach?«
    »Lass es mich so ausdrücken: ich zeige ein gewisses Interesse an deiner Person. Darüber solltest du dich eigentlich freuen, statt mal wieder die ewige Jammerplatte aufzulegen. Seit Jahren dasselbe Trauerspiel mit dir. Bemerke keinerlei Fortschritt in deiner Entwicklung.«
    »Trink nicht so viel!«, sage ich.
    »Von einem Facebook-Arsch wie dir lasse ich mir überhaupt nichts sagen.«

    Seitdem sie sich von ihrem dritten oder vierten Mann hat scheiden lassen, ist sie viel in den sozialen Netzwerken unterwegs, hat mich im vergangenen Herbst nach vierzig Jahren Funkstille in Facebook wieder aufgespürt und ist felsenfest davon überzeugt, dass sie, bloß weil wir in der 8ten Klasse mal Händchen gehalten haben, nun ein Gewohnheitsrecht darauf besäße, mir einmal pro Woche auf die Pelle rücken zu dürfen. Ich mag sie tagsüber recht gerne; allerdings abends, wenn sie zu tief ins Glas geschaut hat, geht sie mir nach der zweiten Flasche Prosecco ganz gehörig auf die Nerven. Als ich sie eine Stunde später endlich vom sechsten Stock nach unten auf die Straße und dann ins Taxi verfrachtet habe, setze ich mich an den Schreibtisch, werfe den Laptop an und schaue aus alter Gewohnheit als erstes in Facebook vorbei. Dort das übliche Freitagabend-nach-22-Uhr-Spektakel:

    ▪Darf Greta Thunberg jeden Freitag die Schule schwänzen und das Weltklima retten?

    ▪Warum lässt sich der Broder von der Weidel knutschen?

    ▪Kann man Diesel-NOx genauso sorgenfrei inhalieren wie Pfefferminzaufguss in der Herrensauna?

    Ich überfliege ein Dutzend Diskussionen, hinterlasse drei kurze Kommentare, langweile mich, klappe den Deckel zu, denke: früher fand ich Facebook spannender und zappe im Anschluss noch ein bisschen kreuz und quer durch Netflix, wo ich auch nichts Gescheites entdecke, weshalb ich mich aufs Sofa lege und ein paar grundlegende Gedanken zu meinem Internetverhalten anstelle, an denen ich Sie gerne teilhaben lasse.

    Powerfacebooken = nicht-stoffgebundene Abhängigkeitserkrankung

    Klären wir als Erstes die Frage, ob Powersurfen eine nicht-stoffgebundene Sucht darstellt. Knappe und eindeutige Antwort: ja, tut es! Jeder, der täglich – außerhalb beruflicher Aktivitäten – Zeit in diversen Foren und Plattformen verdaddelt, ist ein Digital-Junkie AUSRUFEZEICHEN Der Grad der Abhängigkeit ist einfach zu messen: je mehr Stunden vertrödelt werden, desto kritischer ist der psychische Zustand des Nutzers zu beurteilen. Täglich drei, vier Stunden in Facebook, Twitter, Instagram sind aufs Jahr hochgerechnet ja schon ne Menge vergeudeter Lebenszeit. »Es gibt schlimmere Süchte als Facebook«, meinen Sie? Stimmt; beispielsweise Crack, Wodka und Nymphomanie. Aber in die Top 10 der Bad Habits würde ich Facebook auf jeden Fall einsortieren.

    Frage Nummer 2: Kann man in sozialen Netzwerken (richtige) Freundschaften schließen? Das ist schon schwieriger zu beantworten. Hängt davon ab, ob Sie Lust und Zeit haben, ihre digitalen Bekannten auch beim Nachmittagskaffee oder Gute-Nacht-Viagra treffen zu wollen. Bei mir oszilliert dieses Bedürfnis saisonal zwischen den Polen schwach (Winter) und „Warum nicht? Wenn’s nicht weiter als fünfzig Kilometer sind“ (Sommer). Die Begrenzung auf maximal 45 Minuten Anreise reduziert die Anzahl möglicher Kontakte ungemein. Virtuell ist eben virtuell, und real bleibt real. Sind irgendwie doch zwei unterschiedliche Sphären mit allenfalls kleindimensionierter Schnittmenge. Sie mögen das komplett anders sehen und handhaben. Auch okay. Die rein digitalen Bekannten verhalten sich oft unverständlicher und sind schneller eingeschnappt als meine vorvorletzte Exfreundin, und die machte mir oft wegen Winzigkeiten die Hölle heiß. Da reicht mitunter ein leicht sexistisches Posting, ein falsches Wort in einem Kommentar, ein Text, in dem man sich als Amazonkunde outet, und weg sind sie. Was ich in den letzten Jahres alles an Spontan-Entfreundungen erlebt habe – darüber kann ich eine separate Kolumne schreiben. Würde aber hier jetzt zu weit führen.

    Frage Nummer 3 – mit der wir endlich beim eigentlichen Thema ankommen –: Wie sieht’s aus mit unserer Kommunikation im Internet? Schnelle Antwort: streckenweise traurig bis hin zu partiell außer Kontrolle.

    Ein paar Kostproben:

    Sie scheinen ein notorischer Schwachkopf zu sein, der seinen Studienabschluss entweder gekauft hat oder frei erfindet. Zur Ehre gereichen Sie Ihrem Berufsstand auf jeden Fall nicht.

    Sie armes Würstchen können einem bloß noch leidtun.

    Kein Wunder, dass ein pädophiler Grüner wie Sie diese kleine schwedische Behinderte gut findet.

    Mit Ihnen bin ich noch lange nicht fertig.

    Rote Faschisten wie Sie sind die allerschlimmsten.

    »Wo treiben Sie sich denn rum?«, fragen Sie mich? … Nur in Facebook.

    Und auch ich selbst kommuniziere online anders als im Büro oder morgens um 8 Uhr, wenn ich dem Nachbarn aus der zweiten Etage unten auf dem Parkplatz begegne. Tippe Sätze wie:

    Sie klingen, als seien Sie uns aus der AfD-Parteizentrale zugeschaltet.

    Nehmen Sie Ihren Blutdrucksenker, warten Sie eine halbe Stunde, bis der wirkt und schreiben Sie dann Ihren Kommentar erneut.

    Hat man Sie als meinen Dauertroll abkommandiert?

    Wenn es einen Preis für den fadesten Kommentar gäbe, dann gebührte der Ihnen.

    Merke: gepöbelt wird – entgegen dem üblichen Facebook-du – häufig in der dritten Person.

    Pöbeln = virtuelle Wirtshausrauferei

    Und genau das meint meine alte Schulfreundin, wenn sie sagt: »Virtuell bist du noch arschiger als im realen Leben«. Warum tue ich das? Ich weiß es selbst nicht so genau. Vermutlich, weil es möglich und in vielen Threads mittlerweile Normalität ist, sich knapp unterhalb der strafrechtlich relevanten Schwelle gegenseitig zu beleidigen. Der digitale Schlagabtausch ersetzt die gute, alte Wirtshausrauferei. Choleriker trifft auf Klugscheißer, Linke und Rechte schreien sich die Seele aus dem Leib, Veganer und Karnivore kloppen sich wegen Sojaburgern, die politisch Superkorrekten regen sich aus dem Stand heraus bei Fatshaming auf, dasselbe tun die Neo-Emanzen, sobald sie Mansplaining wittern. Facebook jenseits der Katzenfotos bedeutet Krieg. Allerdings einer, der seelische und keine physischen Wunden zufügt. Wer das nicht verinnerlicht und sich beizeiten eine dicke Teflonschicht zulegt, wird an diesem Medium über kurz oder lang verzweifeln.

    Digitale Beiträge bezwecken Aufmerksamkeit und Reichweite. Und die lassen sich am schnellsten mittels marktschreierischer Überschriften, Kondensierung komplexer Sachverhalte auf maximal fünf Sätze bei gleichzeitiger Vernachlässigung anderer Wahrheiten als der eigenen erzielen. Facebook ähnelt also zu vier Fünfteln der Promi-Berichterstattung der BILD ; weitere 19 Prozent bestehen aus nicht-hinterfragter Weiterverbreitung von Fake-News aus dubiosen Quellen wie Russia Today, Compact und Breitbart, um nur drei Protagonisten aus dieser unappetitlichen Liste aufzuzählen. Ja ja, es gibt lobenswerte Ausnahmen. Ist mir bewusst. Erinnere mich an eine friedliche Diskussion vergangenen Dienstagabend über die Komplexität des Rilkeschen Versmaßes in einer geschlossenen Poetengruppe. Aber die machen maximal ein Prozent der Plattform aus und werden in der Regel schlecht besucht und nur spärlich kommentiert. Die bei weitem überwiegende Mehrheit der Posts hat Trivialitäten zum Inhalt.

    Man kann nun wie Robert Habeck oder einer der Instagram-Erfinder sich die grundlegende Frage stellen: verpasse ich irgendwas, wenn ich am digitalen Geplappere nicht mehr teilnehme? Und nach kurzem Nachdenken zur an und für sich befreienden Schlussfolgerung gelangen: Natürlich versäume ich Nullkommanull, sobald ich den Dampfplauderbuden Facebook und Twitter den Rücken kehre oder wie Schlecky Silberstein die Forderung aufstelle: Das Internet muss weg!. Mal ganz ehrlich: steht da irgendwas drin, was man sonst nicht auf herkömmlichem Weg in Erfahrung bringen könnte oder tatsächlich wissen muss, um mitreden zu können? Zu 97% lautet die Antwort: nein, tut es nicht! Was also treibt uns trotzdem magisch in die digitalen Arenen der Eitelkeiten und des Grauens? Meines Erachtens ist die Antwort genauso simpel wie niederschmetternd: es ist einzig die Macht der schlechten Gewohnheit, die uns jeden Tag aufs Neue ins Zuckerbergsche Spinnennetz hineinlockt. Und wie schwer es ist, sich von einer Abhängigkeit zu lösen – da erkundigen Sie sich mal bei Rauchern, Alkoholikern und Spielothek-Süchtigen in Ihrem Bekanntenkreis. Die werden Ihnen das schon erklären.

    Zuckerbergs Datensammelwut = manisch

    Weshalb entblößen wir uns freiwillig in Plattformen, von denen wir wissen, dass die hinter der bunten Oberfläche verborgenen Algorithmen 24/7 sämtliche unserer Daten sammeln, unsere digitalen Schritte penibel beobachten und aufzeichnen, uns gläsern machen, uns – egal, wo wir uns bewegen – mit Werbung überschütten, und von denen wir v.a. nicht in Kenntnis gesetzt werden, was sie mit unseren Infos im Verborgenen sonst noch so alles anstellen? Wer garantiert, dass ich von der Maschine jenseits meines Konsumverhaltens nicht zusätzlich noch in eine politische Zielgruppe einsortiert werde? Würden sich eventuell meine Krankenkasse und Lebensversicherung darüber freuen, wenn sie von Facebook erführen, „der Hirsch ernährt sich ausschließlich von Nutella, Dosenravioli, kalter Bockwurst und Cola Zero“, und mir im Anschluss Beitragserhöhungen aufgrund ungesunder Ernährung ins Haus schicken oder gar die Police kündigen? »Sie übertreiben mal wieder maßlos«, sagen Sie? Für den Moment mögen Sie Recht haben; die Tendenz geht aber mMn eindeutig in Richtung gläserner User. Und noch einmal die grundlegende Frage: Warum liefern wir täglich Daten an ein System, das niemand kontrolliert? Was schallte 1987 noch für ein Aufschrei durchs Land, als per Volkszählung ein paar harmlose Sachen wie Alter, Geschlecht und Berufsgruppe für statistische Zwecke in Erfahrung gebracht werden sollten. Die halbe Nation weigerte sich, an der Datenerhebung teilzunehmen. Gerichte wurden angerufen, um die Aktion zu stoppen. Und heute? Wir liefern von morgens bis abends Informationen an die Plattformbetreiber, deren Menge im Vergleich zu dem, was vor dreißig Jahren von uns gefordert wurde, ausreichen würde, um die Karibik zuzuschütten, während wir 1987 noch Mühe gehabt hätten, den Decksteiner Weiher im Kölner Grüngürtel damit zur Hälfte zu befüllen. Und das Bermudadreieck, wo alles spurlos verschwindet, liegt bekannterweise nicht auf 50° 56′ 33″ nördlicher Breite. Weshalb tun wir das? Und vor allem: Warum ohne jegliche Gegenwehr? Weil Facebook verantwortungsvoller mit den Infos umgeht als die Staatsbürokratie? Wer das glaubt, der glaubt ebenfalls daran, dass die komplette Abholzung des Amazonasregenwalds bei gleichzeitiger Erhöhung der CO2-Ausstöße keinerlei Auswirkungen auf das Weltklima haben. Cambridge Analytica lässt grüßen.

    So lange Facebook primär nach Tittenbildern fahndet, während Gewaltverherrlichung und Menschenverachtung eher als vernachlässigbare Sünden gelten, wird sich am grottigen Kommunikationsverhalten der User nichts ändern, steht vielmehr zu befürchten, dass die Welle der digitalen Pöbelei über kurz oder lang in die reale Welt überschwappt. Wissenschaftler warnen bereits vor einer Verengung der Weltsicht aufgrund zu einseitiger Informationsaufnahme in den sozialen Medien, wodurch das Verständnis für Andersdenkende reduziert wird, woraus dann wiederum dogmatische Lebensentwürfe bei gleichzeitig sinkender Frustrationstoleranz resultieren. Je mehr wir digital pöbeln, desto gewaltbereiter werden wir in der Realität.

    Freiwillige Selbstkontrolle = Nullnummer

    Die Kontrolle durch Maschinen funktioniert ganz offensichtlich nicht. Die Etablierung (geschulter?) Moderatorenteams hat sich bisher als Flop erwiesen; unter anderem deshalb, weil Zuckerberg lieber Geld in auf die Werbetreibenden zugeschnittene Zielgruppenanalysen als in Human Resources investiert. Falls die Nutzer weiterhin schamlos ausspioniert werden, nicht transparent gemacht wird, was mit den Abermilliarden Daten geschieht, die gegenseitigen Beleidigungen weiter zunehmen, muss man kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass der laue juristische Wind, der Facebook noch umweht, alsbald auffrischt. Und seien es bloß auf digitale Pöbeleien spezialisierte Abmahnvereine und Staatsanwaltschaften, die Verbleib und sicherer Aufbewahrung der Kundeninfos nachspüren. Das reicht schon, um es in der bisher nahezu unregulierten Plattform ungemütlicher werden zu lassen.

    Ob ich glaube, dass sich Leser nach dem Studium dieser Kolumne aus den digitalen Netzwerken abmelden werden? Nein, glaube ich nicht. Tue ich ja auch nicht und hat ebenfalls Schlecky Silberstein bisher nicht getan. Die Kraft der schlechten Gewohnheit ist stark.

    Ganz am Ende des Textes zurück zur Ausgangsfrage: Macht Facebook aggro?
    Zwei Antworten:
    (1) hängt von Ihrem individuellen Gemütszustand ab
    (2) hin und wieder auf jeden Fall.

    Erleichtert stelle ich nach dreitägigem Selbsttest fest, dass ich im Büro-Meeting und an der Sonntagnachmittagkaffeetaffel meiner Tante Edith keine Bemerkungen à la, „Herr lass Hirn vom Himmel regnen“ oder „Hast du heute Morgen etwa vergessen, deine Pillen einzuwerfen?“, von mir gebe. Glücklicherweise haben die facebookschen Ruppigkeiten also noch nicht völlig von mir Besitz ergriffen. Wobei diese Aussage einzig für mein Reden in der Öffentlichkeit gilt. Ob ich mitunter virtuell-vereinfacht denke – darüber werde ich mich demnächst mal mit meiner Therapeutin unterhalten. Uns gehen eh so langsam die Themen aus.

  • Richter vs. Donnersmarck: Kein Werk ohne Autor

    Richter vs. Donnersmarck: Kein Werk ohne Autor

    Der Film Werk ohne Autor ist in diesem Jahr für den Oscar nominiert. Das sollte Anlass zur Freude sein, aber die Schlagzeilen rund zu diesem Film sind von einer Kontroverse um den Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und den Maler Gerhard Richter bestimmt.

    Die Fakten sind schnell erzählt. Von Donnersmarck hatte Richter um ein Gespräch gebeten, nachdem er das Buch „Ein Maler aus Deutschland: Gerhard Richter. Das Drama einer Familie“ von Jürgen Schreiber gelesen hatte. Die Gespräche waren Ausgangspunkt des Filmprojekts, dessen Ergebnis nun die Chance auf den großen Filmpreis hat.

    Den Regisseur interessierte an der Lebensgeschichte des Malers offenbar, inwiefern sich das Leben des Künstlers im Werk zeigt. Führen bestimmte Erlebnisse des Malers folgerichtig zu einem bestimmten Werk? Dieser Frage geht der Film nach, ob eine Antwort gelungen ist oder nicht, kann für diese Kolumne dahingestellt bleiben.

    Die Kontroverse entsteht daraus, dass Gerhard Richter in dem Film zwar die Fakten seines Lebens erkennen kann und muss, aber sich selbst nicht erkennt. Der Regisseur hat, meint Richter, sein Leben falsch gedeutet.

    Der Film deutet die Fakten des Lebens auf eine bestimmte Weise, und zwar so, dass es plausibel erscheint, dass der Maler eben aus seiner besonderen Lebensgeschichte heraus genau diese Werke auf genau diese Weise geschaffen hat. Richter sieht das offenbar anders. Die Frage ist: Wer hat das Recht dazu, ein Leben zu deuten? Genauer: Wer kann entscheiden, welche Deutung öffentlich als plausibel angesehen werden darf?

    Man könnte meinen, dass der Maler ja wohl besser wissen muss, was ihn zu seinen Werken gebracht hat, als es ein Regisseur wissen kann, der ein paar Gespräche geführt und ein paar Fakten recherchiert hat. Andererseits weiß man, dass eigene Erinnerungen trügen, und dass wir sehr oft die Frage, was uns zu einem bestimmten Ergebnis, zu unserer je eigenen Biografie geführt hat, oft nicht beantworten können oder wollen. Zudem sind wir oft bereit, uns vom Ergebnis her die Geschichte zurecht zu legen, dass sie uns selbst plausibel erscheint, und wir sagen uns, dass es nur genau so gewesen sein kann.

    Somit kann es auch sein, dass ein Außenstehender, der sich mit einem Leben beschäftigt und der sich in die Folgerichtigkeit der Ereignisse hineindenkt, zu einem anderen Ergebnis kommt. Letztlich ist unentscheidbar, wer Recht hat, denn es geht ja nicht um nachprüfbare Fakten, sondern um deren Deutung. Möglich ist jedenfalls, dass der Außenstehende der Wahrheit näher kommt, als es der Betroffene selbst kann.

    Mit Gerhard Richter kann man fragen, ob von Donnersmarck nicht seine Figur weiter vom Leben Richters hätte entfernen können. Er hätte die Geschichte eines Schriftstellers oder eines Bildhauers erzählen können, hätte ihn nicht aus Dresden, sondern aus Berlin stammen lassen können. Es hätte nicht die Tante sein müssen, die von den Nazis umgebracht wurde, sondern ein Schwager.

    Allerdings wäre dann eine bestimmte Diskussion im Publikum nicht möglich gewesen. Ich als Zuschauer kann mich fragen, ob mir die Geschichte des Films plausibel erscheint in Hinsicht auf das tatsächliche Leben des Malers Gerhard Richter, in Hinsicht auf seine Werke, die ich kenne, und in Hinsicht auf seine Äußerungen zu seinen Werken. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn es nur die Filmgestalt gäbe und nichts außerhalb der Deutung des Films. Ein solcher Film würde ja nur seine selbst geschaffene Figur deuten.

    „Werk ohne Autor“ ist selbst kein Werk ohne Autor. Wer meint, darin „die Wahrheit über Gerhardt Richter“ zu finden, ist natürlich im Irrtum, aber das ist nicht die Schuld des Regisseurs, sondern liegt an einer problematischen Vorstellung davon, was Kunst, auch Filmkunst, kann und soll. Der Film bietet eine Deutung eines Lebens und eines Werks an. Und über die kann man diskutieren, weil Werk und Maler bekannt sind.

    Lesen Sie auch Jörg Phil Friedrichs Kolumne über das „Klima“ in seinem Wörterbuch der Phänomene

  • Emotionen aus der Dose

    Emotionen aus der Dose

    »Lass uns Dschungelcamp schauen«, sagt sie.
    »Spinnst du?«, frage ich.
    »Hab dich nicht so. Sehen sich alle an.«
    »Und warum sollte ICH das machen?«
    »Weil ich für dich gekocht habe und um mir einen Gefallen zu tun.«
    »Okay, aber maximal ne halbe Stunde! Länger halte ich den Scheiß nicht aus.«

    Missmutig lasse ich mich auf ihr geblümtes Sofa fallen, während sie sich mit der Fernbedienung in Richtung RTL durchzappt. Wäre von vornherein klar gewesen, dass Coq au Vin mit Ich-bin-ein-Star-Gedöns korreliert, hätte ich aufs Essen gepfiffen. So ausgehungert bin ich dann doch nicht. Zumal ich mir vor vielen Jahren nach Folge 1 von Staffel 1 geschworen hatte, mir diese nach (vor?) Big Brother schlimmste aller TV-Müllproduktionen definitiv NIE mehr reinzuziehen. Und ich breche nur äußerst ungern meine Schwüre. Selbst schuld, denke ich; warum hast du dich vorher nicht erkundigt, wie ihre Pläne nach dem Dessert lauten? Mitgehangen …, sagen Sie? Ja ja, ich hab’s verstanden. Nützt mir nur im Moment wenig, wo ich auf ihrem geblümten Sofa sitze und das Begrüßungs-Jingle ertönt.

    Wie im Terrarium vom Nachbarn Schmitz

    Eingeblendet wird eine Dschungellandschaft aus der Vogelperspektive, die sich – je näher die Kamera ranzoomt – als so dschungelartig darstellt wie das Terrarium von Nachbar Günter Schmitz im dritten Stock, in dem er seinen Galapagos-Minileguan aufbewahrt. Zwei Moderatoren kommen ins Bild, die mit Sprüchen, die außer ihnen hundertpro niemand witzig findet, in die Materie einführen: Tag acht im Lager, eine Woche vorbei, heute wird der erste Teilnehmer nach Hause geschickt, die Nerven aller Kandidaten seien deshalb aufs äußerste angespannt.

    Zwölf D-Prominente sind an Bord, paritätisch aufgeteilt in jeweils ein halbes Dutzend weibliche und männliche Camp-Insassen, von denen ich außer Sibylle Rauch, Peter Orloff und der Synchronstimme von Alf niemanden kenne. Mit darunter eine Dame mit dem verlockenden Namen Leila Lowfire, eine Naturblondnaive, eine Bob-Olympiasiegerin – was ich ja cool finde –, ein Typ, den sie den Currywurstmann nennen und ein zickiges Fotomodell. Die dürfen sich nun einzeln vorstellen. Damit ist schon mal eine Viertelstunde der Sendung überstanden, jetzt folgt ein Werbeblock, ich kann kurz aufstehen und mir in der Küche einen Nachschlag vom Dessert besorgen.

    Da man hier nichts isst und trinkt, wird man hier dumm

    begrüßt mich nun die Naturnaive. Aha, denke ich, gut, dass ich immer ausreichend Flüssigkeit zu mir nehme, so bleibt mir die völlige Verblödung hoffentlich noch ein paar Jahre erspart. Jetzt folgt eine, von den Moderatoren als ü18 angekündigte Nacktszene unter einem künstlichen Wasserfall, die so harmlos anmutet, als sei sie aus einem 5-Freunde-Roman entliehen. Zwischendurch immer wieder Lebensbeichten einzelner Teilnehmer à la:

    Wenn du so eine Alte als Freundin hast, kannst du dich gleich aufhängen

    oder:

    Ich fühle mich immer noch schuldig, dass ich unser Kind erst abtreiben lassen wollte. Heute ist es mein liebster Sonnenschein … Scheiße, Scheiße Scheiße

    Mittlerweile ist eine knappe halbe Stunde vorüber, ich schaue verstohlen auf die Uhr, dann auf meine Bekannte, die gebannt an den Lippen der Stimme von Alf hängt, der gerade den bedeutungsschwangeren Satz sagt:

    Das Publikum ist pervers, Brot und Spiele, es ist wie eine Hinrichtung.

    Ich denke: als Stimme von Alf warst du deutlich geistreicher als in Natura.

    Kakerlaken und Schleim: kreativ geht anders

    Nach dem nächsten Werbeblock gelangen wir endlich zur Dschungelprüfung. Zu absolvieren mal wieder vom zickigen Fotomodell, weil das sich partout nicht in die Gruppe integrieren möchte und deshalb jeden Tag aufs Neue zur Bestrafung irgendwas Ekliges tun muss. Heute geht es in fünf Steinzeit-Telefonzellen, in denen Sterne in mit Zahlenschlössern gesicherten Glaskästen deponiert sind. Die gilt es herauszuholen. Und weil das Fotomodell als chronische Heulsuse verschrien ist, wird es vorab von einem extra aus Deutschland eingeflogenen Motivationscoach auf Vordermann bzw. Vorderfrau gebracht. Als er das dritte Mal „Kasalla!“ trompetet, ertappe ich mich dabei, dass ich ihm einen Kinnhaken versetzen möchte, spekuliere darauf, dass die Kandidatin das auch gleich tun wird; aber sie lässt das Gebrüll stoisch über sich ergehen und betritt dann die erste Box. Das übliche Procedere wie seit Folge 1 in Staffel 1 – bloß keine den Zuschauer verwirrenden Änderungen vornehmen – passiert sofort: Kakerlaken, Würmer, grüne Ameisen, schwarzer Schleim prasseln auf die Kandidatin kiloweise herab, während sie auf Zeit versucht, die Zahlencodes zu knacken. Bei den Grünen Ameisen bewundere ich sie, denn die krabbeln sofort in sämtliche Körperöffnungen, und ich persönlich werde schnell panisch, sobald ich Insekten in der Ohrschnecke oder vom Schließmuskel aus in Richtung Blinddarm wandernd vermute. Nicht so die Camp-Heulsuse. Sie übersteht das Martyrium und lässt sich im Anschluss von den anderen elf gebührend feiern. Dabei fallen Sätze wie:

    Du hast wie Alexander der Große den gordischen Knoten zerschnitten

    Alexander wer?

    Du bist mit Gott

    Wir haben alle zu wenig Nährwerte im Kopf

    Daumen runter – ein Kandidat darf die Koffer packen

    Nach einer weiteren Prüfung, in der die Kandidaten anhand ihrer Kinderfotos identifiziert werden müssen, und in der wir unter anderem folgendes erfahren:

    Ich habe in Radlerhose immer eine Erektion bekommen.

    Du warst ein typisches Ossi-Kind.

    Voll süß, ich könnt voll heulen,

    neigt sich Tag 8 langsam dem Ende zu.

    Wie es in den Castingshows liebgewordener Standard geworden ist, muss nun ein Teilnehmer seine Koffer packen. Nach fünf superspannenden Minuten, in denen die Moderatoren jedem einzelnen Kandidaten streng ins Gesicht schauen, bevor sie elfmal sagen, „Glück gehabt. Du kannst bleiben“, erwischt es einen jungen Mann, von dem ich noch nie gehört habe und dessen Namen ich mir deshalb auch nicht merken konnte. Er verdrückt ein paar Tränen, die anderen umarmen und trösten ihn, er marschiert aus dem Bild, wir werden auf morgen zu Folge 9 verabschiedet. Dann ist der Spuk für heute vorbei.

    »Wie fand’st du es?«, fragt meine Bekannte. Übrigens die ersten Worte, die sie seit einer Stunde äußert.
    »Ging so«, antworte ich.
    »Willst du morgen zu Tag 9 wiederkommen? Es ist noch ne Menge vom Coq au Vin übriggeblieben. Brauche ich bloß aufzuwärmen.«
    »Nein danke«, sage ich, »bin schon anderweitig verplant«, nehme Mantel und Mütze, bin durch die Tür und steige ins Auto.

    Titten, Fremdschämen & Emotionen aus der Dose

    Auf der Rückfahrt überlege ich, was bei mir von Folge 8 nun haften geblieben ist: Sibylle Rauch, Idol unserer 70er Jahre Feuchte-Jungen-Träume, wirkte weltentrückt. So als sei sie jahrelang in einem Ashram gebrainwashed worden, bis sie endlich langsamer spricht, als sie denkt. Oder vielleicht auch überhaupt nicht mehr denkt. Ein Zustand, den einige als die höchste Form des Glücks begreifen. Peter Orloff mimt den Weisen und kennt sich in alter Geschichte aus. Die Stimme von Alf gefiel mir deutlich besser, als sie noch die Stimme von Alf war. Um den Rest der Truppe zu kennen, bin ich zu alt. Mir fiel auf, dass die Teilnehmerinnen anscheinend alle denselben Chirurgen frequentieren, weil sich aufgespritzte Lippen und aufgepumpte Oberweiten sehr ähnelten. Das Konzept der Show ist simpel gestrickt: Titten, Kakerlaken, geschluchzte Geständnisse, ein Hauch Parship, Pseudostress, periodischer Lagerkoller, Daumen rauf oder runter. Garniert mit schlüpfrigen und teils infantilen Kommentaren des Moderatoren-Duos. Eine Mischung aus Bauerntheater, Teenager-Erotik, einem Besuch im botanischen Garten mit ein paar ständig wiederkehrenden Ekeleinlagen, aufgenommen mit deutscher Kameratechnik, also immer frontal drauf. Nennt sich Realityshow und ist nach wie vor erfolgreich. Hin und wieder beschleicht einen als Zuschauer dabei ein Gefühl des Fremdschämens, wenngleich wir da alle aufgrund des Dauerbombardements mit Big Brother und seinen hunderten Nachahmern mittlerweile komplett abgestumpft sind. Vor zehn Jahren wäre ich bei mancher Aussage vom Sofa aufgestanden und hätte das Wohnzimmer verlassen, um diese Peinlichkeit nicht länger mitanhören zu müssen. Heute bin ich diesbezüglich schmerzfrei. Ob das ein positiver Gewöhnungseffekt ist – das sei hier mal dahingestellt.

    Obwohl es in einer Realityshow natürlich äußerst real zugehen soll, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige Dialoge gescripted sind. Einen Satz wie, „Mein Gehirn ist voller Glück“, sagt doch unmöglich jemand von sich aus. Dieser Wahnsinn muss aus dem Textbaukasten eines schlechtbezahlten Drehbuchautors stammen. Oder etwa doch nicht? Und mancher Streit wirkt künstlich vom Zaun gebrochen, Emotionen aus der Dose, um durch Pseudo-Zoff für mehr Quote zu sorgen.

    Bevor ich mich nun lang und breit zur Wechselbeziehung solcher Sendeformate und der galoppierenden Verblödung weiter Teile der Bevölkerung auslasse, stoppe ich an dieser Stelle mit meinem persönlichen Bekenntnis: Ehe ich mir eine weitere Folge des Dschungelcamps anschaue, besuche ich lieber ein Sexkino, wo richtiger Porno angeboten wird. Viel gefaketer (schreibt man das so?) sind die Dialoge da auch nicht.

  • Weihnachtskolumne

    Weihnachtskolumne

    »Du schreibst dieses Jahr die Weihnachtskolumne!«, sagt sie.
    »Warum ich?«, frage ich.
    »Weil du als einziger an den Apparat gegangen bist.«
    »Und was ist mit den anderen?«
    »Die sind nicht an den Apparat gegangen«, sagt sie.
    »Kann ich nicht stattdessen die Jahresendkolumne schreiben?«
    »Erkläre Jahresendkolumne! Dieser Begriff ist mir unbekannt.«
    »Vergiss es!«, antworte ich, »werde mich drum kümmern.«
    »Gut, dass du kooperierst«, sagt sie. »Und vergiss nicht: Abgabetermin heute bis spätestens 21 Uhr, damit noch lektoriert und Logikfehler korrigiert werden können.«
    »Ja ja«, sage ich und lege auf.

    Und nun sitze ich, weil ich sonntagsmorgens als einziger an den Apparat gegangen bin, am 23sten in Unterhose und T-Shirt auf dem Sofa und überlege, was um Himmelswillen ich auf die Schnelle in eine Weihnachtskolumne reinpacken soll. Auf jeden Fall ein Gedicht. Allerdings mehr zum Ende des Textes hin. Das ist schon mal die halbe Miete an Heiligabend. Aber womit fülle ich die ersten drei Seiten? Ich gehe ins Schlafzimmer, ziehe mir einen Bademantel über, stelle einen Pott Kaffee neben die Tastatur, putze mir die Zähne, weil mir beim Zähneputzen oft was Kluges einfällt. Nur fällt mir heute leider überhaupt nichts ein, weshalb ich mich erstmal mit einem Band Bukowski-Lyrik aufs Klo verkrümele.

    (Weihnachts-) Kolumne = MEINUNGsbeitrag

    Bevor ich Sie jetzt mit langweiligen Sachen, die ich morgens nach dem Aufstehen mache, volltexte und Ihre Geduld überstrapaziere, soll’s aber jetzt endlich losgehen mit der Weihnachtskolumne. Wir könnten zum Jahresende hin klären, was eine Kolumne überhaupt ist. Denn da herrscht bei einigen Lesern ständige Verwirrung. Kolumne ist erstmal nichts anderes als eine Druckspalte, die man beispielsweise stets auf Seite 4 links oben findet. Dieser Platz wird dann wiederum in fest getaktetem Zeitabstand für einen Autor reserviert, damit der dort abwechselnd Kluges oder weniger Gescheites zum Besten gibt. Und zwar einen Meinungsbeitrag. Und da Meinung qua Definition was Subjektives ist, wird plakativ formuliert und zugespitzt. Die publizierte Meinung soll zwar nicht faktenfrei oder gar wahrheitswidrig daherkommen – jedoch bleibt es am Ende halt immer eine Meinung. In der Kolumne darf – soll mitunter sogar – polemisiert werden, und mit diesem Wesensmerkmal unterscheidet sie sich vom wissenschaftlichen Fachaufsatz, der nüchternen Zeitungsnachricht, der Reportage, sogar vom nah verwandten Kommentar. Dass Kolumnisten von nichts ne Ahnung haben, wie manche erboste Abonnenten unter die Texte tippen – geschenkt. Natürlich haben wir keinesfalls mehr Ahnung als die Leser; aber wir verfügen über die Gabe, unser Nichtwissen in strukturierter Form aufzubereiten, die passenden Worte auszuwählen, zu Sätzen zu formen und im Wochenrhythmus drei, vier, fünf Seiten zu irgendeinem x-beliebigen aktuellen Thema vollzuschreiben. Und speziell beim Letztgenannten trennt sich in 98 Prozent der Fälle die Spreu vom Weizen: gibt kaum einen Gastautor, der es zum Stammkolumnisten schafft, weil es sich bei den zugesandten Beiträgen zumeist um One-hit-wonder handelt. Sich sonntags mit ner Kolumne beschäftigen – wer tut sowas schon regelmäßig? Hier die Erklärung eines Kollegen:

    Der Leserbrief war in alten Zeiten die häufigste Form, unaufgefordert seine Meinung zu verbreiten. Er wurde gern genutzt von pensionierten Oberstudienräten, die vor lauter Verzweiflung, dass schon ihre Schüler ihnen nicht zugehört hatten, um der Menschheit oder wenigstes den Lesern einer Zeitung, die Welt zu erklären. Nun klingt Leserbrief irgendwie hausbacken, Kolumne dagegen staatstragend und erhebt den Verfasser in den Adelsstand der Besserwisserei. Nun ist Besserwisserei das nette Synonym für Klugscheißerei. Jede Menge Meinung, aber keine Ahnung.
    © Werner Felten in: Dauerschwellender Bocksgesang

    Reportagen wie Theaterinszenierungen

    »Nun hören Sie endlich auf, uns die Ohren mit Ihrem harten Kolumnistenleben vollzujammern! Ist ja nicht zum Aushalten das Geheule«, sagen Sie? Da haben Sie völlig Recht. Niemand mag wehleidige Journalisten, und deshalb schlage ich an dieser Stelle einen weiten Bogen zur Causa Relotius, weil ich diese Angelegenheit superspannend finde. Vorab: ich lese vereinzelte Artikel des Spiegel online, kannte bis vor wenigen Tagen weder den Namen Claas Relotius noch die von ihm veröffentlichten Texte. Habe mir seitdem drei seiner Ergüsse reingezogen und gelange zu folgendem Urteil. Stopp! Urteil klingt zu strafrechtlich – ich wandele ab in Eindruck: Mir persönlich ist sein Schreibstil zu ausholend, zu atmosphärisch, zu sehr Theaterkulisse, zu wenig auf den Punkt kommend, zu sehr sich selbst als Autor feiernd bei gleichzeitig zu wenig relevanter Information. »Das ist doch dasselbe, was Sie als Kolumnist ständig tun«, unterbrechen Sie mich? Das stimmt schon, aber ich schreibe halt einen Meinungsbeitrag und keine Reportage.

    Der Glaubwürdigkeitsschaden für den SPIEGEL und andere betroffene Redaktionen und damit für unsere ganze Gesellschaft ist nicht groß. Er ist gigantisch.
    © Julia Karnick in: Warum mich der Fall Relotius so wütend macht

    Fakeskandal beim Spiegel – immer mehr Fälschungen nachgewiesen
    © BILD-Zeitung

    Lügenpresse endlich entlarvt?

    Der Fall Relotius ist ein Verrat an der Wahrheit

    Systemfehler Relotius
    © drei weitere Fundstücke aus dem Netz

    Diese übertriebenen Reaktionen sind typisch deutsch. Nirgendwo sonst auf der Welt wird jemand erst mit Preisen überschüttet und in den höchsten Schreiberhimmel gelobt, um dann, sobald seine Tricksereien auffliegen, in die tiefsten Schlünde der Medienhölle verdammt zu werden. Und – auch das gehört zum Empörungsspiel dazu – niemand hat’s vorher gewusst oder auch nur ansatzweise geahnt. Als ob. In den Verlagen sitzen Profis. Die riechen eine frei erfundene Story meilenweit von Minnesota quer über den Atlantik bis ans Ufer der Elbe. Meine Vermutung: So lange diese Art der Märchenreportage die Verkaufszahlen steigerte, haben die Chefs beide Augen zugedrückt, und die interne Kontrollabteilung hat’s durchgewunken. Dann noch all die Auszeichnungen mit pathetischen Lobeshymnen auf furchtlosen Einsatz im Feindesland, tiefschürfende Recherche, detailbesessene Darstellung etc. pp. Kein Wunder, dass ein junger (der Mann ist gerade mal 33 Jahre alt) Redakteur da vom Boden abhebt, sich nach Hemingway für den größten Kriegsreporter aller Zeiten hält und Realität und Fiktion nicht mehr sauber voneinander trennen kann.

    Internet versaut Lesegewohnheiten

    Wir gelangen jetzt an einen Punkt, an dem wir als Konsumenten unser Kauf- und Leseverhalten hinterfragen müssen. Denn ein Dauerbeschiss – Relotius hat über den Zeitraum von mehreren Jahren ne Menge frisierter Stories veröffentlicht – ist ja nicht möglich ohne denjenigen, der sich dauerhaft bescheißen – oder nennen wir es weihnachtlich milder: blenden – lässt. Meine Hypothese: ein Großteil der Leser fährt ab auf theatralisch überzeichnete Geschichten. Die Hedwig-Courths-Mahler-Saite in uns, die ständig in emotionale Schwingung versetzt werden muss. Wir möchten vom gemütlichen Sofa aus möglichst nah bei den Protagonisten sein, mitleiden, ergriffen seufzen, ein paar Tränen vergießen, bevor wir uns dann wieder mit profanen Sachen wie der Steuererklärung beschäftigen. Wer will es den unter immensem Umsatz- und Gewinndruck stehenden Medienhäusern verübeln, dass sie zielgerichtet unser Kitschbedürfnis bedienen? Wen juckt es, dass die Reportagen Rosamunde-Pilcher-mäßig aufgepeppt werden? Hauptsache, die Absatzzahlen stimmen. Hand aufs Herz: wer hat noch ne Tageszeitung oder gar ein politisches Magazin im Abo, wer überweist nen Euro für einen Online-Text? Wir sind mittlerweile alle darauf geeicht, unsere Informationen schnell und GRATIS (!!) aus dem Netz zu beziehen. Das Internet hat nicht nur unsere durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne auf maximal hundert Wörter am Stück reduziert, sondern ebenfalls den Willen zur fairen Bezahlung journalistischer Leistung ausgehebelt. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, dann werden wir uns spätestens 2030 nur noch via Facebook und Twitter bilden.

    Zwischenfazit: Wir sind durch die elektronischen Medien schlichtweg komplett versaut.

    Unser Lamento erinnert deshalb an den Mann, der regelmäßig in den Puff geht, dort jedes Mal ungeschützten Geschlechtsverkehr fordert und ein paar Jahre später vor Gericht zieht, weil er sich bei einer der Huren mit AIDS infiziert hat. Kann man tun; trotzdem wird der Richter mit hoher Wahrscheinlichkeit ein gerüttelt Maß an Mitschuld beim Kläger erkennen.

    Geheuchelter Super-GAU

    Und dann dieses Wahrheitsgesabbel – was ist schon wahr? Wenn ich eine Spiegel-Reportage lese, weiß ich, dass ich Spiegel-Wahrheit erfahre, dieselbe Story in der Süddeutschen wird einen leicht abweichenden Tenor aufweisen und bei FAZ und WELT klingt es – obwohl der zugrundeliegende Sachverhalt derselbe ist – wieder völlig anders. Ich frage Sie: »Was ist schon wahr?« Sitze ich tatsächlich den halben Sonntag barfuß und im Bademantel vor der Tastatur, um diese Zeilen zu tippen? Trinke ich morgens lieber Kaffee oder doch Tee? Muss ich mich erst aufs Klo hocken, damit mir eine Kolumne einfällt? Es ist ein Einstieg in eine Geschichte. Nicht mehr und nicht weniger. Ähnlich wie syrische Kinder, die nachts von Kanzlerin Merkel träumen. Die Story mit der Frau, die als Hinrichtungstouristin durch die USA tingelt, gefällt mir außerordentlich gut. Auf so eine Idee muss man als Schreiber erstmal kommen. „Se non è vero, è ben trovato“, nennen die Italiener diese Erzähltechnik. Ob man als fantasiebegabter Autor nun in einem „der Wahrheit verpflichteten“ Nachrichtenmagazin gut aufgehoben ist, steht wieder auf einem anderen Blatt. Aber solange dort sämtliche Kontrollinstanzen versagen – warum nicht? Es ist also entweder grenzenlos naiv oder geheuchelt, jetzt plötzlich Ende Dezember 2018 vom Super-GAU des deutschen Journalismus zu faseln. Der Großteil der Redakteure arbeitet sorgfältig gemäß den Grundsätzen ordentlicher Recherche. Trickser gibt es in jeder Branche, wobei ich spekuliere, dass es sich bei Relotius nicht um das einzige schwarze Schaf auf der ansonsten blütenweißen deutschen Presseweide handelt.

    Schöne Weihnachten!

    Um nun zu Weihnachten zurückzukehren: Ich wünsche Relotius, dass er bei seiner Familie oder Freunden friedlich unterm Baum sitzt und nicht betrunken und selbstmordgefährdet auf einer Landungsbrücke am Hamburger Hafen von der Polizei aufgegriffen wird, Heiligabend in der Ausnüchterungszelle und die Feiertage in der Psychiatrie verbringen muss. Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Schlau wäre es, sobald der Shitstorm abflaut, das Metier zu wechseln und sich aufs Schreiben von Drehbüchern zu verlegen. Vielleicht fängt er mit seiner eigenen Geschichte an. Arbeitstitel: „Wie ich dem Spiegel jahrelang getürkte Stories unterjubelte und dafür sogar mit Preisen ausgezeichnet wurde“. Könnte – wie Kollege Ulf Kubanke heute in einem Post meinte – durchaus ein Felix-Krull-Roman 2.0 werden.

    Und natürlich wünsche ich all unseren (Gratis-) Abonnenten besinnliche Tage, sammeln Sie sich und Ihre Kräfte, damit Sie unsere Kolumnen im Neuen Jahr wieder fröhlich kritisieren können. Nichts liegt uns Autoren mehr am Herzen als der Blutdruck unserer Kommentatoren.

    Fazit: die Causa Relotius ist ärgerlich; aber sie stellt beileibe nicht den einzigen Treiber für den stetigen Niedergang der Kultur des gedruckten Wortes dar.

    »Du musst den Text jetzt abgeben«, sagt sie.
    »Es ist 14 und nicht 21 Uhr!?«
    »Die Deadline wurde von einem anderen Teilnehmer nach vorne verlegt.«
    »Kann ich das ändern?«
    »Nein, dir fehlen dafür die notwendigen Administratorenrechte.«

    PS. das vorhin versprochene Gedicht entfällt nun wegen zeitlichem Abgabedruck. Im Januar müssen wir uns redaktionsintern dringend darüber unterhalten, ob die Anschaffung einer cloudbasierten digitalen Assistentin wirklich eine gute Idee ist.

  • Trolle sind auch nur Idioten

    Trolle sind auch nur Idioten

    »Trolle sind genauso übel wie Katzenbilder«, sagt Jupp, als wir uns zufällig mal wieder beim Einkaufen an der Käsetheke im Supermarkt über den Weg laufen. »Habe deshalb mein Konto in Facebook deaktiviert.«
    »So schlimm?«, frage ich.
    »Ja! Habe jetzt mehr Zeit für andere Dinge, und meine Nerven werden weniger strapaziert«, antwortet mein alter Schulkumpel und entscheidet sich für 250gr Brie.

    Auf der Fahrt zurück nach Hause überlege ich, ob mich die Trolle tatsächlich stören. Also auf die Nüsse können sie einem hin und wieder tatsächlich gehen – aber deshalb gleich den Account löschen?

    Zur Etymologie eines alten Begriffs in neuem Gewand

    Der Troll entstammt der nordischen Sagenwelt und bezeichnet dort ein koboldartiges Wesen. Muss aber nicht unbedingt klein und unsichtbar sein. Gibt ebenfalls ungeschlachte Riesentrolle, die man zu jeder Tageszeit und aus der Ferne gut erkennt. Einige sind richtig hässlich, bei anderen würde eine minimalinvasive Schönheits-OP helfen. Manche verwandeln sich in Steine, der überwiegende Teil dieser Fabelwesen tut es jedoch nicht. Wenn man sie sich als Kreuzung zwischen dem Grinch, Shrek und Frankenstein vorstellt, ist man auf der sicheren Seite. Wissenschaftler würden das als (zu) laienhafte Beschreibung ansehen; aber die Wissenschaft vom Troll steckt eh noch in den Kinderschuhen.

    Eng verwandt mit dem Hauptwort Troll ist das Verb trollen: umhergehen, rollen. Über den angelsächsischen Umweg „trolling with bait“, was „mit einem Schleppnetz fischen“ bedeutet, gelangte der Begriff Anfang der 90er in die digitale Welt. Ein Troll wirft einen (vergifteten) Köder aus und wartet ab, wie die anderen User darauf reagieren bzw. ob sie sich in seinem Netz verheddern. Eine vor dem Auftauchen des Störenfrieds in ruhigem Fahrwasser ablaufende Diskussion wird also mittels Provokation langsam aufgeheizt, bis sich die Teilnehmer in Unsachlichkeit und gegenseitigen Beschimpfungen verlieren. Ist der Thread ein paar Stunden später völlig entgleist, freut sich der Troll.

    Vier Typen

    Ich unterscheide grob vier Typen von digitalen Schwachköpfen:

    (1) Der gemeine mitteleuropäische Vor-/ Kleinstadttroll
    Ihn trifft man häufig, wenn man in sozialen Foren unterwegs ist. Schmückt sich mit Namen wie Horsti, der blonde Korsar, Dortmunder Wachsbirne, Didi, die Wunderbiene oder Arbeitslosundglücklichdabei. In ständiger Alarmbereitschaft, attackiert sofort. Bringt selten Neues, drischt Uraltphrasen, zeigt große Schwierigkeiten bei der Einwandbehandlung. Vergleichbar einem Dämon der vierten Kategorie, wie man sie aus Ghost Busters kennt. Man erschrickt ein bisschen, wenn er plötzlich auftaucht, richtet dann sein verbales Gewehr auf ihn, sieht zu, wie er vor Wut zerplatzt und kann eine Wette drauf abschließen, dass gleich die nächste hässliche Fratze aus dem schier unerschöpflichen Facebook-Idioten-Tümpel hervorquillt. Besonderes Merkmal dieser Gruppe: Sie tun’s gerne gemeinsam oder: Ein Vorstadttroll kommt selten alleine. Durch digitale Präsenz soll eine Mehrheit suggeriert werden, wo im realen Leben gar keine Mehrheit ist. Lästig, aber nicht bedrohlich. Dafür fehlt ihnen schlichtweg die Intelligenz.

    (2) Der Joker
    Achtung: ein Großmeister! Beherrscht die Kunst der gepflegten Provokation aus dem Effeff. Nicks wie Deep Throat oder Dirty Harry weisen darauf hin, dass Sie es gleich mit einem langjährig geübten Profiprovokateur zu tun bekommen. Bespielt die gesamte Klaviatur. Kennt von freundlich, schmeicheln, über witzig, sticheln bis hin zu falsche Fährten legen und desavouieren jeden Kniff. Hat eine feine Nase dafür, wen er aus der normalen Kommentatorenschaft herauslösen und ebenfalls gegen den Autor in Stellung bringen kann; bis sich der Thread irgendwann giftgrün verfärbt, jeder mit jedem streitet, ihn der Inhaber schließlich entnervt auf stumm schaltet. Arbeitet zumeist alleine. Ein Solist, der sich zwar hin und wieder der gemeinen Trolle bedient, sie aber wegen ihrer traurigen Dämlichkeit insgeheim verachtet. Da vom Joker durchaus neue Argumente vorgebracht werden, kann es mitunter lohnen, ihn an der Diskussion teilhaben zu lassen. Ein waches Auge muss man trotzdem IMMER auf ihn haben.

    (3) Der Cybermobber
    Ihm geht es nicht ums Thema – er hasst den Verfasser aus ganzem Herzen. Sobald der Name des Autors irgendwo aufpoppt, sieht er automatisch Rot und zieht sofort verbal blank. Wird schnell beleidigend, was eigentlich vorteilhaft wäre, weil er in diesem Fall die Netiquette verletzt und umgehend aus einer gut moderierten Diskussion rausfliegt. Da aber die meisten Threads in Facebook lausig bis hin zu überhaupt nicht moderiert werden, muss man als 08/15-Kommentator eben auch mit solch schlecht erzogenen Zeitgenossen klarkommen. Bzw. ihnen ein fröhliches „Selbst Caligula zeigte mit seinem Pferd bessere Manieren als Sie hier“ zurufen, bevor man sich aus dem Thread ausklinkt. Cybermobber sind digitale Pitbulls und bilden die unterste Kaste innerhalb der Trollfamilie.

    (4) Der organisierte Fake-News-Verbreiter
    Kann von einem rechten Netzwerk aus agieren oder in einer Desinformationsabteilung des FSB tätig sein. Operieren häufig mit auf den ersten Blick normal anmutenden Namen. Wer kommt schon gleich darauf, dass sich hinter der 43jährigen Emma Schneidbereit, Tierschützerin aus Tübingen, die Germanistikstudentin Larissa Golubew aus St. Petersburg verbirgt, die in den Sommerferien für den russischen Propagandakanal jobbt? Nicht jeder Nazi tut uns den Gefallen und kreuzt mit Pseudonymen wie Thor_der_Zerstörer oder Wotanforever durch die Online-Welt. Normalerweise erkennt man sie nach einigen Minuten jedoch an ihrer kruden Beweisführung oder den Versuchen, die Diskussion vom Ausgangsthema weg auf anderes Terrain zu führen. Sollte man unsicher sein, lohnt ein Blick in die Profile. Spätestens nach dem dritten dort verlinkten AfD-Video weiß man Bescheid, welchem Typ Kommentator man hier gegenübersteht.

    Alle vier Untergruppen kennen den Filibuster und wenden diese – aus dem alten Rom über den US-Senat in die Moderne hinübergerettete – Technik der Ermüdungsrede obsessiv an. So lange posten, bis der Gegner entkräftet über der Tastatur zusammenbricht. Habe Trolle erlebt, die luden ihre Reaktion auf meine Antwort schon hoch, bevor ich meine Antwort zu Ende getippt hatte. Als ob sie meine Gedanken lesen könnten. Oft sind es zwar Paste-& Copy-Phrasen, die sie einstellen – was die Schnelligkeit erklärt – trotzdem mitunter beängstigend, wie hartnäckig sie am Ball bzw. am verbalen Kontrahenten dranbleiben. Hyänen und Kojoten sind im Vergleich nette Lebewesen.

    Trolle hängen gerne Verschwörungstheorien an: BRD GmbH, Chemtrails, Reptiloide, Osama bin Laden lebt und wohnt im Keller des Kanzleramts, Siri bereitet die Apokalypse vor. Beliebt sind ebenfalls: Wir werden alle seit Jahrzehnten durch unsere Regierung (besonders von der Merkel-Administration) und die von ihr gelenkte Presse belogen sowie: Die Flüchtlingsströme sind gesteuert und dienen einzig dem Zweck, die europäische Kultur aufzulösen und eine globale Einheitsrasse zu schaffen … Aber: es gibt auch völlig unpolitische Cyberwichte.

    Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym?

    Während ich lange Zeit annahm, ein Troll sei ein untersetzter, leicht reizbarer, männlicher, ü50-jähriger, schlecht rasierter, bereits zum Frühstück Bier trinkender, im Unterhemd vor dem PC sitzender ALG2-Bezieher, der seine Wut über die Ungerechtigkeit der Welt mit stündlich zunehmender Übellaunigkeit in die Tasten hämmert, geriet dieses Bild vor einigen Jahren ins Wanken, als ich in einer Impfdiskussion einem Cyberkobold namens BorisdieFönwelle begegnete, der im Verlauf der Debatte sämtliche Register der Falschinformation und Ad-Hominem-Argumentation zog, bis wir uns nach zwei Stunden erschöpft auf die Schlussformel „We agree to disagree“ einigten. Bass erstaunt war ich, als er mir einige Tage später via Messenger mitteilte, dass er bzw. sie im realen Leben Maria X. heiße, 40 Jahre alt & glücklich verheiratete Mutter mit zwei Kindern sei, als Teilzeit-Fotomodell arbeite und bereits seit geraumer Zeit mit mir in Facebook befreundet ist.
    „Warum tust du das?“, fragte ich.
    „Weil es mir ab und an Spaß macht, unter falschem Namen rumzutrollen. Das Thema ist dabei völlig egal. Hauptsache, den Thread aufmischen“, schrieb sie zurück.

    Meine Annahme, elektronische Schwachköpfe seien vor allem frustrierte XY-chromosomige Hartz4er, war somit offensichtlich falsch gewesen. Hinter Fantasienamen wie BorisdieFönwelle können sich durchaus attraktive Frauen verbergen. Vielleicht kenne ich einige meiner Lieblingstrolle sogar persönlich aus Schule, Studium, Berufsleben oder wohne mit ihnen in derselben Straße? Wer weiß das schon so genau im Internetzeitalter?

    Vor meinem geistigen Auge entstehen Schulungsmaßnahmen und Seminarangebote: „In zwölf Stunden vom Durchschnittsuser zum Powertroll. Wie Sie es garantiert schaffen, binnen weniger Minuten jede seriöse Unterhaltung zu sprengen.“

    Großraumbüros, in denen 400-Euro-Trolle dicht an dicht gedrängt fertige Textbausteine mit Falschnachrichten in den digitalen Äther versenden. Bezahlte Pöbeleien im Akkord.

    Zu weit hergeholt, meine Fantasie ginge mal wieder mit mir durch, meinen Sie?
    Sie nutzen Facebook nicht, antworte ich.

    Was treibt den Troll an?

    Mit der Psyche des Trolls beschäftigte sich im Jahre 2014 eine kanadische Studie, in der Wissenschaftler der Universität Manitoba 1200 Personen zu ihrem Verhalten im Internet befragten.

    Heraus kam – wenig verwunderlich –, dass der Großteil der Trolle ohne erkennbares Ziel trollt. Also primär das Trollen selbst als befriedigende Aktivität im Vordergrund steht. Was dem einen sein realer Orgasmus, ist dem Zweiten der abendliche Joint und dem Dritten das nächtliche Online-Pöbeln.

    Die Studie fasst das Wesen des gemeinen Vorstadt-Trolls wie folgt zusammen:
    ▪ Wird von Gefühlskälte, Selbstgerechtigkeit und Egoismus getrieben
    ▪ Ist in seiner dunklen Triade gefangen: Machiavellismus – also die Eigenschaft, persönliche Machtinteressen über die des Gemeinwohls zu stellen –, Psychopathie und Narzissmus
    -> Sadisten trollen, weil sie es genießen.

    Ob Trolle beim Pöbeln gleichzeitig onanieren, wurde bedauerlicherweise nicht in Erfahrung gebracht.

    Sinnvolle Gegenmaßnahmen

    »Oh mein Gott, so viele Trolle unterwegs. Wie kann man sich gegen die schützen?«, wollen Sie nun von mir wissen.

    Es gilt nach wie vor die einfache Regel: „Don’t feed him!“ Was nichts anderes bedeutet als: so lange ignorieren, bis es ihm langweilig wird, und er ein Profil weiterzieht. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn sich ALLE Diskussionsteilnehmer daran halten. Schert einer aus und reagiert auf den Provokateur, hat der ein Einfallstor gefunden und versprüht nun munter seine Halbwahrheiten im Thread.

    Man kann ihn blockieren. Was erfahrungsgemäß nur kurzzeitig nützt. Denn der verstoßene Blonde Korsar kehrt ein paar Stunden später als Horsti zurück und wütet schlimmer als zuvor. Merke: Trolle besitzen immer mehrere Accounts. Hin und wieder spielen sie sogar Ping Pong mit ihren Scheinidentitäten und antworten sich selbst.

    Sich kurzfassen: „Danke für Ihren Hinweis. Hat aber nichts mit dem Ausgangsthema zu tun“. Manchmal klappt das. Eine Garantie, dass der Troll den dezenten Wink versteht und sich vom Acker macht, gibt’s allerdings nicht.

    Selber die infizierte Unterhaltung verlassen. Schont zwar die Nerven; man überlässt das Spielfeld in diesem Fall allerdings dem Störenfried.

    Aaron Huertas zieht in seinem Aufsatz Constructively dealing with trolls in science communication folgende Analogie:

    Mit einem Troll zu argumentieren, ist wie ein Ringkampf mit einem Schwein. Beide werden dreckig und dem Schwein macht es Spaß.

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Einen Sonderfall stellen Diskussionen in Fußballforen dar, in denen es zum guten Ton gehört, sich gegenseitig zu beschimpfen, sobald man feststellt, dass der Gegenüber Bielefelder und kein Kölner oder Dortmunder und kein Bayer ist. Ich lese mir die Kommis an den Spieltagen gerne durch. Sie sind ein ewiger Quell für kreative Beleidigungen, die ich so noch nie gehört habe. Kann man als Autor ne Menge Inspirationen für die Dialoge seiner Romanfiguren drin aufspüren.

    Fazit oder: Wo ein Kolumnist ist, bleibt der Troll nicht lange fern

    Der Troll ist ein digitales Phänomen und hat sich binnen weniger Jahre sowohl zu einer Massenplage als auch zu einem Geschäftsmodell entwickelt. Je mehr die „seriöse“ Politik auf Fake News setzt, desto ungenierter argumentieren die Cyberkobolde. Manche sind von der Richtigkeit ihres Schwachsinns überzeugt, andere tun es aus der bloßen Lust am Provozieren heraus.

    Von daher bleiben unterm Strich nur zwei Strategien, ihnen zu begegnen. Man:
    (1) wählt – wie mein Kumpel Jupp – die Exit-Option. Verlässt also die digitale Kampfarena
    oder
    (2) akzeptiert, dass Trolle unabänderlich zum Internet dazugehören wie Schmeißfliegen zu einem frischen Haufen Kuhscheiße. Ignoriert sie, hält argumentativ dagegen, trollt mit ihnen ein paar Minuten rum, beschimpft sie oder tut was anderes, wonach einem gerade der Sinn steht, sobald einem mal wieder einer dieser digitalen Psychopathen über den Weg läuft.

    Am wichtigsten von allen ist jedoch diese Eigenschaft: die Provokation nicht allzu Ernst nehmen. Denn: Ein Troll ist letztlich auch nur ein Idiot. Und mit dem würden Sie im realen Leben keine drei Sätze wechseln. Weshalb es also in Facebook tun?

  • Unseren täglichen Skandal gib uns heute

    Unseren täglichen Skandal gib uns heute

    Skandal! schreibt der Boulevard.
    „Schon wieder ein Skandal“, ruft Herr Meier seiner Frau beim Frühstück zu.
    „Wissen Sie bereits über den neuesten Skandal Bescheid?“, fragt Frau Meier ihre Nachbarin Müller, die sie ein paar Stunden später beim Einkauf an der Supermarktkasse trifft.
    „Kein Tag ohne Skandal. Man kommt überhaupt nicht mehr zur Ruhe“, antwortet die.
    „Das war doch zu erwarten, dass diese Sache uns irgendwann um die Ohren fliegt“, meint Herr Müller beim Abendessen.
    „Ein sich anbahnender Skandal“, eröffnet die hübsche Nachrichtensprecherin die 20-Uhr-Tagesschau.
    „Diese andauernden Skandale machen einem das Leben wirklich schwer“, seufzen hundert Meter voneinander entfernt Frau Meier und Frau Müller.

    „Von einem Skandal möchte ich heute noch nicht reden. Dafür fehlen mir noch genauere Erkenntnisse. Aber schwerwiegend ist die Angelegenheit allemal“, sagt der zuständige Minister im Brennpunkt, der im Anschluss ausgestrahlt wird, und verspricht brutalst mögliche Aufklärung und personelle Konsequenzen. Er selbst habe davon auch erst heute aus der Presse erfahren und müsse nun Versäumnisse seines Vorgängers glattbügeln, erklärt er auf Nachfrage.
    „Die Häufigkeit der Pannen und Skandale dieser Regierung ist besorgniserregend“, empört sich am nächsten Morgen ein Leitartikler in der von mir bevorzugten Regionalzeitung.

    „Ich trau mich gar nicht, zu fragen“, sagt mein Kumpel Jupp, als ich ihn tags darauf beim Seniorensport treffe. „Worin besteht denn nun eigentlich der Skandal, von dem alle sprechen?“
    „So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es muss eine Riesennummer sein, denn seit 48 Stunden lese und höre ich von nichts anderem.“

    Chronik eines hochgejazzten Skandals

    tagesschau.de zeichnet die Chronologie der Bremer Ereignisse nach:

    Mitte April: In der Bremer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sollen etwa 1200 Asylanträge anerkannt worden sein – und zwar ohne rechtliche Grundlage.

    Die damalige Leiterin der Außenstelle, Ulrike B., soll mit Rechtsanwälten zusammengearbeitet haben, die die Flüchtlinge, überwiegend aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, offenbar systematisch zu ihr geführt haben.

    Die sich in diesem Zusammenhang stellenden Fragen lauten:

    Unklar ist, welche Motivation die Beteiligten für die Bewilligung der Asylanträge ohne rechtliche Prüfung hatten.

    Ist vielleicht sogar potentiellen Attentätern durch eine Fehlentscheidung Asyl gewährt worden?

    warum die Bremer Außenstelle überhaupt über die Flüchtlinge aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen entscheiden konnte.

    Wann wusste Jutta Cordt, die Chefin des BAMF, über die Vorwürfe Bescheid? Wurde dort alles getan, um die Sache aufzuklären?

    Wann wusste Innenminister Horst Seehofer Bescheid?

    Zwischenfazit 1: bei über einer Million Asylanträge, die seit 2015 zu bearbeiten sind, halte ich 1200 „Fehlentscheidungen“ nummerisch gesehen allenfalls für ein Skandälchen. Fehlentscheidungen in Anführungszeichen, weil sich ja noch gar nicht definitiv herausgestellt hat, ob es sich tatsächlich um solche handelt. Ein Bescheid in dubio pro homo ist ja nicht zwangsläufig falsch, nur weil diese Rechtsauffassung den Hardlinern nicht gefällt.

    Hektik bestimmt nun das Geschehen

    Da bei Skandalen immer dringend sofort was geschehen muss, wird die, erst vor vier Monaten in die Hansestadt gerufene, Leiterin der Bremer Bamf-Außenstelle umgehend versetzt, der Bundesrechnungshof mit der Überprüfung sämtlicher 18000 (positiven) Vorgänge seit dem Jahr 2000 beauftragt, die Behörde für diesen Zeitraum geschlossen und deren Tagesgeschäft an die Außenstelle Fallingbostel ausgelagert. Was ist ein Fallingbostel? Musste ich erstmal googlen. Klingt so, als würden die Kölner Asylanträge demnächst im beschaulichen Königswinter bearbeitet. Wer kommt bloß auf so eine Schnapsidee?

    Benno Schirrmeister schreibt dazu in der ZEIT unter der Überschrift „Bamf-Affäre – Skandal oder Pragmatismus?“ folgendes:

    Sicher ist, dass ein Team mit so viel geballter Prüfkompetenz, wie es die Bremer Zaks-Bamf-Taskforce hat, auf Auffälligkeiten stoßen wird. Alles andere wäre angesichts der Überlastung des Bamf in den vergangenen drei Jahren überraschend. Denn seit 2015 sind nicht nur weit mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Das Bamf ist in dieser Zeit auch von einer überschaubaren Institution zu einer großen Behörde mit 7.300 Mitarbeitern ausgebaut worden – mit allen Verwerfungen, die das mit sich bringt.

    So begünstigt der Druck, dass jeder Sachbearbeiter pro Tag 3,5 Entscheidungen treffen soll, Pannen. Hinzu kommen die Ermessensspielräume, die durch das Anhörungsverfahren eingeräumt werden und seit 2015 noch erweitert worden waren. Im November 2015 teilte der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) beispielsweise mit: „Asylverfahren von syrischen und von irakischen Antragstellern jesidischen oder christlichen Glaubens werden vom Bamf seit dem 18. November 2014 prioritär in einem vereinfachten Verfahren bearbeitet.“

    Das sind genau die Vorwürfe, die nun der Bremer Dependance gemacht werden, weil sie den Gestaltungsspielraum im Zweifel für die Flüchtlinge ausgenutzt hatte.

    Dass mutmaßlich vereinfachte Verfahren angewandt wurden, erklärt noch nicht, warum vor allem die Verfahren der beiden Anwälte Irfan C. und Cahit T. in offenbar großem Stil durchgewunken wurden. Ebenso ist unklar, warum die Außenstelle Verfahren aus anderen Orten an sich zog, die sie nicht hätte erledigen müssen.

    Menschen, die mit Ulrike B. privat Umgang pflegen, nennen sie eine „Überzeugungstäterin“. Könnte sie sich bereichert haben? „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Doch dass die Regierungsdirektorin ihre Pension nach bald 30 Jahren Amtsleitung aufs Spiel setzte, um Menschen zu helfen, das klingt manchen plausibel. Ulrike B. twitterte immer wieder Berichte über die Not der Jesiden. Das ist die Flüchtlingsgruppe, die am meisten von Ulrike B.s Wirken profitiert haben soll.

    Denn bei vielen Bremer Unregelmäßigkeiten, die bislang bekannt geworden sind, handelt es sich um Fälle, in denen andere Bamf-Außenstellen bereits negativ entschieden hatten. Nicht, weil die Fluchtgeschichte unplausibel gewesen wäre. Nicht, weil Zweifel daran bestanden hätten, dass die Betroffenen in ihrem Herkunftsland verfolgt würden. Sondern wegen der Dublin-Verordnung: Die Antragsteller hatten schon in einem anderen EU-Staat Asyl beantragt und sollten deshalb in diese Länder zurückkehren.

    Etliche solcher Fälle hatte der Hildesheimer Anwalt Irfan C. nach Bremen vermittelt. Andere hatte Ulrike B. einfach an sich gezogen. Schließlich hatte sich Hannovers Regionspräsident Hauke Jagau (SPD) darüber in der Bamf-Zentrale in Nürnberg beschwert. Als er im Sommer 2016 angeordnet hatte, eine im Übergangslager Friedland abgelehnte jesidische Familie aus dem Irak nach Bulgarien abzuschieben, ersetzte Ulrike B. den Negativbescheid durch eine Anerkennung: Geflüchteten drohe in Bulgarien eine unmenschliche Behandlung.

    Im Januar 2018 teilte das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg in einem parallelen Fall allerdings Ulrike B.s Rechtsauffassung: Durch eine Abschiebung nach Bulgarien würde die Europäische Menschenrechtskonvention verletzt. Ulrike B. hatte offenbar nichts weiter getan, als dem Recht zur Geltung zu verhelfen – möglicherweise dank einer Bamf-internen Regelungslücke.

    Offenbar hatte Ulrike B. auch nach Bamf-interenen Maßstäben den Deutungsspielraum, den sie für ihre Entscheidungen genutzt hat.

    Insofern die im Moment laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft keine Schmiergeldzahlungen ans Tageslicht befördern, entdecke ich persönlich in Blickrichtung auf Ulrike B. Nullkommanull Skandal. Sie hat geltende Regeln und Ermessensspielräume zugunsten der Flüchtlinge interpretiert. Vom Dienst suspendiert wurde sie bereits im Sommer 2017 aufgrund einer Beschwerde des niedersächsischen Innenministers Pistorius, weil Bremen Negativbescheide des Nachbarbundeslandes, die gegen jesidische Familien ergangen waren, nachträglich korrigierte, was Hannover nicht gefiel. Kann man gut oder schlecht finden. Ein Vergehen ist es nicht.

    Leicht unappetitlich wird es, wenn nun einige Zeitungen vorschnell von Asylmissbrauch sprechen. Denn der setzt ja – bisher nicht nachgewiesenen – Vorsatz voraus. Wer soll den Missbrauch betrieben haben: die Sachbearbeiter als sie, wie vom Innenministerium gewünscht, Jesiden schneller durchwinkten, die Anwälte, die einzig das taten, was Anwälte nun mal qua Standesordnung tun, nämlich alle Rechtswege ihrer Mandanten ausschöpfen, die Antragsteller, weil sie lieber bleiben, als in ihre vom Bürgerkrieg zerbombte Heimat zurückkehren wollten? Falsche Begriffe bewirken falsche Meinungen, die wiederum zu falschen Skandalen führen.

    Zwischenfazit 2: Die geschasste Behördenleiterin handelte aus Überzeugung und mit hoher Wahrscheinlichkeit regelkonform. Ob sie sich von den zwei Rechtsanwälten hin und wieder zum Essen einladen ließ: sollte man als Beamtin nicht tun; aber ist nun sicher kein Kapitalverbrechen.

    Die verschmähte Whistleblowerin

    Anfang 2018 wird Josefa Schmid von Deggendorf nach Bremen gerufen. Sie soll die, behördenintern schon seit langem als Durchwinke-Einrichtung bekannte, Außenstelle auf Vordermann bringen. Die Niederbayerin wird aktiv und liefert. Und zwar schneller und öffentlichkeitswirksamer als es ihren Vorgesetzten lieb ist. Bereits Ende Februar liegt ein 99-seitiger Bericht auf dem Tisch von Chefin Jutta Cordt, in dem von 1200 mangelhaft durchgeführten Verfahren die Rede ist. Es geschieht erstmal nichts. Man weist Josefa Schmid an, ihren aufklärerischen Elan zu bremsen und die Sache auf dem dafür vorgesehenen Dienstweg geräuscharm abzuwickeln. Die resolute und politikerfahrene Bürgermeisterin will sich den Mund nicht verbieten lassen, wendet sich jetzt direkt an ihren obersten Dienstherrn, den frisch im Amt befindlichen Heimatminister Seehofer. Der reagiert jedoch nicht. Hätte ihre Nachrichten alle nicht erhalten, könne zudem nicht jedem ihm zugesandten Hinweis nachgehen, heißt es später, als die Angelegenheit langsam brenzlig wird. Josefa Schmid zieht man derweil von Bremen ab und beordert sie zurück in die niederbayerische Provinz. Aus Fürsorge, erklärt die Nürnberger Zentrale. Wem die Fürsorge gelten soll allerdings nicht.

    Zwischenfazit 3: Das Unter-den-Tisch-kehren eines brisanten Papiers und die wochenlange Nicht-Reaktion des Ministers lassen sich schon eher in die Rubrik Miniskandal einsortieren

    Bamf: seit 2015 völlig überfordert

    Der eigentliche Skandal ist die extrem hohe Zahl falscher Entscheidungen, die nachher von Verwaltungsgerichten korrigiert werden. Bei einer Quote von 40% könnte das BAMF genauso gut würfeln, das wäre günstiger und rechtsstatlich gesehen ungefähr genauso zuverlässig. Das ist aber leider der Skandal, über den nicht geredet wird, obwohl das Ergebnis das gewünschte Ergebnis der „Reformen“ beim BAMF darstellt.

    Ich empfinde es als skandalös, dass erwartet wird, von jetzt auf gleich die Antragsbearbeitung zu verzehnfachen (wie kann das funktionieren?), als skandalös, dass dem Anschein nach unzureichend geschultes Personal entscheiden durfte, dass kritische Mitarbeiter (nicht zuletzt Josefa B. Schmid Schmid) ruhiggestellt werden sollten, dass das Kanzleramt die Flüchtlingsfrage erst zur Chefsache gemacht hat und jetzt schweigt, dass Seehofer vermutlich zu spät reagiert hat, dass sich viele Beteiligte (auch aus der Opposition) einer externen Prüfung verweigern und so das ohnehin ramponierte Vertrauen in die Behörde weiter beschädigen, dass die korrupte/fehlerhafte/gesinnungsorientierte Bearbeitung gegen rechtmäßig beschiedene Personen instrumentalisiert wird und vieles mehr. Ja, ich halte es es für einen Skandal.

    (c) zwei Facebook-Freunde in meinem Profil

    Hier nähern wir uns dem eigentlichen Kern des Problems – nämlich:
    (1) Dem augenscheinlichen Missverhältnis zwischen Quantität Antragsteller und Anzahl Sachbearbeiter
    (2) Der oberflächlichen Schulung der Bamf-Mitarbeiter
    (3) Der Effizienz-Vorgabe: 3.5 Entscheidungen/ Tag

    Die Kombination von (1) & (2) & (3) lässt vermuten, dass das Bamf jede Menge nachträglich anfechtbarer Entscheidungen – und zwar in beide Richtungen. Sowohl positiv als auch negativ – fällte. Kein Wunder, dass Gerichte im Anschluss so häufig die fehlerhaften Bescheide wieder einkassieren.

    Fazit

    Der eigentliche Skandal liegt darin, dass eine chronisch unterbesetzte Behörde mit teils schlecht ausgebildeten Mitarbeitern bei Beachtung illusorischer Zielvorgaben über das Schicksal von Menschen entscheidet, die häufig eine Flucht unter Lebensgefahr hinter sich gebracht haben und im Falle der Ablehnung erneut von Lebensgefahr bedroht sind.

    Und da der Fisch zumeist vom Kopf her stinkt, müssen Innenministerium und Kanzleramt hier mehr in die Pflicht genommen werden. Wer sagt, „Wir schaffen das“, hat auch die notwendige Infrastruktur und Personalstärke bereitzustellen, damit die hochwichtige Aufgabe der Überprüfung von Dokumenten und die im Anschluss erfolgende Entscheidung seriös, plausibel, belastbar und möglichst geräuscharm über die Bühne gehen.

    Sowohl Ulrike B. als auch Josefa Schmid waren – obwohl ich mich in Blickrichtung auf zwei Damen etwas schwertue mit diesem Begriff – Bauernopfer. Die Motivationslagen der zwei Frauen für ihr Handeln könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Erstgenannte wollte helfen, die Nachfolgerin publikumswirksam einen Enthüllungsbericht platzieren und dadurch ihre Karriere fördern. Beide Aktivitäten zulässig.

    Skandal ist vom altgriechischen skándalon hergeleitet und bedeutete ursprünglich Fallstrick. In dem verheddert man sich zuerst, bevor man auf die Schnauze fällt. Die Verantwortlichen für die Bremer Misere (so es denn am Ende der Untersuchung überhaupt noch eine ist) sitzen weiter oben in der Hierarchie. Bin gespannt, wer nach Abschluss der Ermittlungen im Skándalon noch so alles straucheln und sich eine blutige Nase holen wird.

    Bisher: viel Skandal-Geplärre um eine nicht geklärte Angelegenheit. Die Empörungsindustrie hat mal wieder „gute“ Arbeit geleistet

  • Und täglich grüßt der Islam

    Und täglich grüßt der Islam

    Ich hätte eine Wette drauf abschließen sollen: nach Burka, Kopftuch, (angeblicher) Gewaltbereitschaft arabischer, junger Männer und der Causa Özil & Gündogan geht’s nun los mit dem Thema „Ramadan für Jugendliche“ … als ob Muslime ihre Kinder verhungern und verdursten lassen.

    Mir geht diese dummdreiste Islamophobie des deutschen Spießbürgers, der seinen eigenen Nachwuchs mit Fastfood vergiftet, mittlerweile derartig auf den Sack. Ich kann’s gar nicht in den passenden Worten ausdrücken, ohne Gefahr zu laufen, von Facebook für mehrere Monate gesperrt zu werden

    schrieb ich am Samstagmittag in meinem Facebookprofil und erntete binnen weniger Stunden mehr als 200 Kommentare, die vom Tenor her weit streuten:

    (a) Und dann wird sich im zweiten Atemzug drüber aufgeregt, dass der Islam dauerpräsent ist und man das Thema nicht mehr sehen, lesen, hören mag. Ja, warum bloß, ihr Idioten!

    (b) Nur, dass Dehydratation und in der Folge Exsikkose, besonders bei Kindern und Jugendlichen, rein gar nichts mit Religion zu tun haben.

    (c) Fasten für Kinder ist Affenscheiße. Vegane Ernährung für Kinder ist Affenscheiße. Einseitige Fast Food Ernährung für Kinder ist Affenscheiße. Wer so etwas macht? Keine Ahnung. Wenn aber, dann Sorgerecht entziehen.

    (d) Es fasten nur die Eltern: Kinder, Kranke, Schwangere fasten nicht, jedenfalls nicht bei den Muslimen in meinem Umfeld.

    (e) Ganz ehrlich, es geht doch ohnehin keinem davon wirklich um die Kinder. Das sind meist genau die Menschen, die jubeln wenn ein solches Kind sterben würde.

    (f) Nun aber es geht auch darum das diese Kinder sich nicht im Unterricht konzentrieren können und man Rücksicht nehmen soll … keine Prüfungen (ab Mai sind aber alle Prüfungen), Kein Sport usw.

    (g) Ist doch ganz einfach geht doch in die Türkei oder einengenderen Islamischen Staat, dann müsst ihr angeblichen nicht Spießer das nicht mehr hören.

    (h) Vielleicht machst du es dir doch ein bisschen einfach , das Thema scheint doch etwas komplexer zu sein !

    (i) Und Kinder mit Nahrungsmittelentzug zu quälen ist Kindesmisshandlung. Für diese Erkenntnis muss man nicht im Gesamtpaket des braunen Dreckspacks stecken. Dafür reicht schlichter Humanismus.
    (a) bis (i) FB-User

    (j) Lieber Henning, sprich mal mit Lehrer/Innen an Schulen, an denen immer mehr Kinder und Jugendliche fasten, an denen Eltern fordern, im Ramadan keine Sportfeste zu veranstalten, keine Klassenarbeiten zu schreiben und auch ansonsten einen Monat lang auf alles zu verzichten, was ihre fastenden Kinder zusätzlich belasten könnte, an denen Kinder attackiert werden, die in den Pausen ihr Brot auspacken und an denen es – wie in diesem Jahr – fast zu Schlägereien kam, weil die türkischen Kinder schon am 16. fasteten, während die tschenischen erst am 17. mit dem Fasten begannen und am 16. noch genüßlich ihre Pausenbrote gegessen haben. Es ist nicht die sogenannte Mehrheitsgesellschaft, die solche Themen in die Öffentlichkeit trägt, sondern eine wachsende Gruppe identitärer Muslime, die den Rest der Gesellschaft mit ihren religiösen Forderungen belästigt.
    (c) Mit-Kolumnist Heiko Heinisch

    Ein Kommentator verstieg sich zu der Behauptung, ich würde mit meinem Post Volksverhetzung betreiben, da ich alle, die anders denken als ich, in die Fascho-Ecke stelle. Was natürlich voraussetzt, dass Spießer immer rechts zu verorten sind.

    Islam zieht immer

    Islam zieht halt immer. Keine andere Materie schafft es, so viel Aufmerksamkeit und Empörung zu generieren. Kein anderes Thema – hier in Köln selbst der FC nicht – wird mit dieser Hartnäckigkeit und Penetranz bespielt. Gut für uns Kolumnisten, weil wir ständig was darüber schreiben können, allerdings schlecht für die Gesellschaft. Denn losgelöst vom hellblau-braunen Wir-brauchen-einen-Sündenbock-Mantra schwappt die trübe Der-Islam-gehört-nicht-hierher-Brühe mittlerweile weit ins bürgerliche Lager hinein.

    Da erklären dann in Facebook der brandenburgische Sanitärtechniker Hubert K., der am Samstagabend betrunken gerne mal seine Familie verprügelt, dem türkischstämmigen Mehmet, weshalb das patriarchale Menschenbild des Islam nicht zum christlich-jüdischen Abendland passt. Die ihre Kinder mit Fastfood und Schokoriegeln vergiftende Hausfrau Magdalene B. aus Gelsenkirchen-Buir regt sich im Thread nebenan über die Knabenbeschneidung und das an Ramadan geltende Fastengebot auf. Ehepaar Huber aus Traunstein, sie zu Hause in Schürze und draußen im Dirndl unterwegs, weil ihr Mann das schön findet, weiß zu berichten, dass das Kopftuch ein Unterdrückungssymbol darstellt, während Oberstudienrat Meier, der im vergangenen Jahr seinen Sommerurlaub im Heiligen Land verbrachte, darauf hinweist, dass der Islam von den drei Buchreligionen die jüngste und damit zwangsläufig intoleranteste ist, was logischerweise bei seinen Anhängern zu hohem Aggressionspotenzial führt. Weshalb diese Glaubensrichtung nicht kompatibel mit unserem Grundgesetz sei. Heinz W. aus Köln-Nippes macht sich große Sorgen wegen des importierten Antisemitismus, vertritt aber im kleinen Kreis hinter vorgehaltener Hand die Meinung, dass die Juden schon auch selbst ein bisschen Schuld an ihrem Schicksal haben, weil sie sich halt partout nicht assimilieren wollen, gerne geheimbündeln und mit den Rothschilds das internationale Finanzkapital dominieren und dies zum Nachteil des deutschen Sparbuch- und Reihenhausbesitzers perfide lenken. Von den hochwissenschaftlichen Facebook-Debatten zur Burka, dem Halal-Schlachten und dem Wunsch einiger muslimischer Frauen, von Männerblicken ungestört in deutschen Hallenbädern zu schwimmen, will ich gar nicht erst anfangen. Dieser textliche Wahnsinn würde den Umfang der Kolumne sprengen.

    Deutschland: unselige Tradition von Kulturkämpfen

    Es geht den Islam-Bashern, und das sind mittlerweile erschreckend viele, allerdings gar nicht ums Einzelthema. Über das man unter vernünftigen Leuten durchaus diskutieren kann. Beispielsweise ist es wirklich übel, wenn Kinder im Hochsommer weder essen noch trinken und in der Folge in ihren schulischen Leistungen abfallen. Aber: es ist nur eine kleine Minderheit der Muslime, die so verfährt. Der Großteil liebt seine Kinder genauso wie wir Christen, Juden, Atheisten etc. es tun und lässt sie selbstverständlich auch während des Ramadans Nahrung zu sich nehmen. Aber das interessiert den gemeinen Durchschnitts-Islamophoben gar nicht. Die einzelnen Aspekte der Kritik dienen bloß dazu, negative Stimmung gegenüber einer Volksgruppe zu schüren und durch ständiges Zündeln einen Keil in die Gesellschaft hineinzutreiben. In der unseligen Tradition der Kultur- und Religionskämpfe, wie sie Bismarck gegen die Katholiken, die Nazis gegen die Juden und die Adenauer-CDU gegen die Sozialisten betrieben. Am Ende nie ein Sieger, nur Verlierer.

    Ich frage mich deshalb manchmal: Welches Ziel, abgesehen von der Lust am hemmungslösen Pöbeln und faktenfreien Diskutieren, steckt dahinter? Alle Muslime raus aus Deutschland oder gar Europa? Gute Türken sind nur diejenigen, die schweigend für wenig Geld die Arbeiten erledigen, auf die wir selbst keine Lust haben? Und sobald sie das Rentenalter erreichen, verschwinden sie wieder ohne zu murren zurück in ihre ostanatolischen Bergdörfer. Ist es das, was wir wollen? Falls ja: es wird nicht funktionieren.

    Strategischer Unsinn

    Es ist, strategisch betrachtet, kompletter Unfug, den Islam und die Umma zu künstlichen Feindbildern hochzujazzen. Sie sind viele, bekommen mehr Kinder als wir, sind fleißig, genügsam, zäh, noch fähig, an irgendwas jenseits des Bruttoinlandsprodukts zu glauben und werden uns verweichlichte und einem ungesunden Individualismus frönende Westler sicher überleben. Aber: Menschen, die an Phobien leiden oder sich gar in ihrer Politik davon leiten lassen, denken nie strategisch. Meist beschränken sie sich auf das Operative (z.B. Bau von Ankerzentren oder „ab sofort nur noch Sachleistungen für Flüchtlinge“), hin und wieder begegnet man einem Taktiker, der die negative Stimmung auffängt, kanalisiert und zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Einige Innenminister praktizieren das im Moment so. Das war’s dann aber auch schon mit Überlegungen zu diesem Thema. Über die größeren Zusammenhänge, wie schafft man es, die beiden – räumlich eng beieinander liegenden – Kulturkreise miteinander in Einklang zu bringen, darf sich dann der Papst Gedanken machen. Aber den mögen die Hardliner ja ebenfalls nicht, weil er ständig zu Versöhnung an Stelle von Spaltung aufruft.

    Anstatt also jeden Tag aufs Neue mit irgendeinem frisch aus dem hellblauen Zylinder gezauberten Thema knapp fünf Millionen Menschen, von denen 99.9% friedfertig unter uns leben, hart arbeiten und genau wie der deutsche Michel pünktlich ihre Steuern zahlen, zu belehren und deren Glauben zu beleidigen, sollten wir uns den wirklich drängenden Problemen in unserem Land zuwenden. Sie kennen kein dringenderes als den Islam? Tut mir echt leid für Sie. Ich schon.