Kategorie: Medien

  • Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Die Szene wirkt wie ein Remake des Godfathers: Don Vito Corleone flankiert von seinen drei Söhnen Michael, Santino und Fredo. Nur dass es sich bei der Doublette um den türkischen Präsidenten Erdogan, eingerahmt von den in der Premier League kickenden Spielern Özil, Gündogan und Tosun, handelt. Die vier trafen sich am vergangenen Sonntag in London auf einen kleinen Plausch, schüttelten Hände, überreichten dem Paten handsignierte Trikots und lächelten in die Kamera. So weit, so gut bzw. schlecht.

    Kein Staatsmann ist dem deutschen Facebook-User derart verhasst wie der Herrscher vom Bosporus. Sobald sein Name erwähnt wird, ertönen pawlowartig Schimpfkanonaden, von denen „Erdolf“ und „byzantinischer Despot“ noch zwei der freundlichen darstellen. Jan Böhmermann widmete ihm vor zwei Jahren ein 24 (!!) Verse umfassendes Schmähgedicht, das der Autor dieses Beitrags damals zum Fremdschämen fand. Satire darf bekanntlich alles, und der deutsche Social-Media-Junkie pöbelt ohnehin gerne, solange er sicher ist, dass er für seinen Unflat keinerlei negative Konsequenzen befürchten muss.

    Der Pate und die Nachbarclans

    Natürlich ist das aktuelle Oberhaupt der Osmanen kein lupenreiner Demokrat westlichen Zuschnitts, unterdrückt die Opposition, schränkt die Pressefreiheit ein, hält Wahlen am liebsten dann ab, wenn er sicher ist, sie zu gewinnen, schmeißt Kritiker gerne in den Knast, und führt einen kleinen, schmutzigen Krieg gegen die Kurden. Alles nicht so schön. Klar. Aber im Vergleich zu den Ländern um ihn herum auch nicht großartig anders, als das, was Russland, Saudi-Arabien und Ägypten praktizieren. Der Pate ist in seiner Region wahrlich nicht der einzige Mafioso. Und in der Europäischen Union geht’s östlich der Oder und südlich der Donau ebenfalls nicht immer so pluralistisch-korrekt und weltoffen wie bei uns zu. Ohne dass wir Deutschen deshalb Hasslieder auf Orban und Duda anstimmen.

    Mal ganz kurz zu den Fakten: die Türkei ist NATO-Mitglied und EU-Aufnahmekandidat. Wir überweisen ne Menge Kohle dorthin, damit uns Ankara die Flüchtlinge vom Leib hält und liefern Waffen, die nicht einzig zur Verteidigung des Landes eingesetzt werden. Jedes Jahr verbringen vier bis fünf Millionen Touristen aus Castrop-Rauxel und Schwäbisch-Hall ihren preiswerten Pauschalurlaub an den Stränden der anatolischen Riviera. Das ist aus der Sicht des deutschen Steuerzahlers alles in Ordnung; oder doch nicht?

    Reaktionen in den sozialen Medien

    Aber zurück zum Auslöser der Kolumne: dem Bild des Paten mit seinen drei als Fußballlegionären sehr erfolgreichen Söhnen.

    Wer sich mit einem Despoten ablichtet , bekommt die rote Karte

    Wer sich mit solch einem Diktator fotografieren lässt und auf sein Trikot schreibt, „für meinen Präsidenten“, der hat in unserer Nationalmannschaft nichts zu suchen

    Sollen sie doch in der türkischen NM spielen
    © drei Facebook-Nutzer

    Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag
    © Cem Özdemir

    Herr Gündogan ist ein trauriges Beispiel, wie gering die Identifikation der türkischstämmigen Jugend in Deutschland mit der Wahlheimat ihrer Eltern ist
    © Alice Weidel

    Fußballer sind keine Berufsdiplomaten

    Mal völlig losgelöst vom Unsinn der Forderung, dass Özil und Gündogan das Nationalteam wechseln sollen – denn das ist gemäß FIFA-Statuten gar nicht möglich –, springen zwei Phänomene sofort ins Auge:

    (a) Das mangelhafte Einfühlungsvermögen der Ich-bin-seit-tausend-Jahren-Deutschen gegenüber Mitbürgern mit Migrationshintergrund und zwei Reisepässen
    (b) Die Illusion, dass Fußballspieler im Nebenjob Diplomaten sind

    Özil singt seit Jahren die Hymne nicht mit, gibt’s dann an jeder zweiten Ecke zu lesen. Na und? Haben Beckenbauer, Netzer und Overath ebenfalls nie getan. Und auch ich habe keine Lust auf die pathetisch-altbackenen Zeilen, und schweige, während das Lied der Deutschen im Stadion ertönt. Ich käme auch nicht auf die Idee, bei Songs der Kastelruther Spatzen mitzuträllern. Geschlossene Lippen und ernster Blick müssen ausreichen, ohne gleich als Vaterlandsverräter einsortiert zu werden.

    Was ist eigentlich mit der Meinungsfreiheit in unserem Land? Können wir uns jetzt nicht mehr gemeinsam mit fremden Staatsoberhäuptern auf einem Foto ablichten lassen, ohne ein Berufsverbot befürchten zu müssen? Wo steht überhaupt geschrieben, dass Fußballer leuchtende Vorbilder und Aushängeschilder zu sein haben? Also ich persönlich habe mich nie der Illusion hingegeben, dass Typen wie Wagner und Petersen mich auf dem internationalen Parkett besser als unser Außenminister und dessen Diplomatisches Corps vertreten. Ich bekomme allerdings auch nicht sofort nervösen Schluckauf, wenn Marco Reus ohne Führerschein im Maserati erwischt wird und Kevin Großkreutz in der Lobby eines Hotels in die Blumenrabatte pinkelt. Effenbergs Stinkefinger bei der WM 94 = Pillepalle. So sind sie halt, die jungen Leute.

    Scheinheiligkeit der Diskussion

    Man kann Erdogan als üblen Autokraten einstufen – ob er bereits ein Diktator ist: diese feine Unterscheidung überlasse ich geschulten Politologen –, sich an seiner Art des Auslandswahlkampfs stören, die PR-Aktion als völlig daneben bezeichnen, und den drei Spielern trotzdem das Recht zugestehen, dem Präsidenten die Hand zu schütteln. Kommt ja auch (noch) niemand auf die Idee, Exkanzler Schröder zum Umzug nach Moskau aufzufordern, weil der sich mit dem lupenreinen Demokraten Putin so ausgezeichnet versteht oder Seehofer ins Altersexil nach Budapest zu seinem Kumpel Orban zu verbannen.

    Es ist hochgradig scheinheilig, Ankara als politischen Partner zu hofieren, sich in Antalya mit klebrigen All-inclusive-Cocktails volllaufen zu lassen, und zurück zu Hause auf dem deutschen Sofa sofort wieder gegen dieses Land und die von dort stammenden Migranten vom Leder zu ziehen.

    Fußballer sollten primär nach ihrem Können am Ball und nicht danach, mit wem sie sich zu einem Fototermin treffen, beurteilt werden. Und da befürchte ich, dass Özil sich bei den wichtigen und engen Partien mal wieder unsichtbar machen wird. Was ich ihm dann mehr ankreide als seinen kurzen Flirt mit Erdogan oder die mangelhaften Sangeskünste. Und sollte Gündogan bei der WM ein Tor erzielen, jubeln darüber sicher auch Cem Özdemir und Alice Weidel. Denn in diesem Moment kollektiver teutonischer Freude ist die Herkunft des Schützen dann plötzlich wieder egal.

    Fazit: auch für Nationalspieler türkischer Herkunft gilt die Meinungsfreiheit. Es war deshalb weise von Bundestrainer Löw, sich von der medial aufgeheizten Stimmung nicht beirren zu lassen und Özil und Gündogan am heutigen Tag in den vorläufigen Kader mit aufzunehmen.

  • Radio Gaga

    Radio Gaga

    Ich bin nicht altmodisch. Ich habe mir vor einem Jahr ein neues Radio gekauft. Früher sagte man Kofferradio, also so ein kleines tragbares Ding, mit Batterien und einem Tragegriff.

    Dieses Radio ist internetfähig, es kann über WLAN um die 4.000 Radiosender empfangen (womöglich mehr), es verfügt natürlich über DAB+ und eine USB-Schnittstelle.

    Das Radio hat, wenn ich mich recht entsinne, 300 EURO gekostet.

    Ich höre mit diesem Radio täglich ca. eine halbe Stunde WDR 2, über UKW.

    Es gab in dem Laden ein ähnliches Radio der gleichen Marke, das konnte einfach nur UKW, es kostete etwas mehr als 30 EURO.

    Aber ich will den Fortschritt.

    Ich habe erst DAB+ ausprobiert, der Empfang war instabil. Ich wohne im Osten von Münster, der nächste Telekom-Funkturm ist nicht weit, aber der Raum in dem ich das Radio nutzen möchte, ist auf der Turm-abgewandten Seite. Dann habe ich auch das Internet-Radio probiert, aber bevor das Streaming startet, dauert es eine Weile. Außerdem ist das Streaming der realen Welt immer ein paar Sekunden hinterher. Also bin ich zum normalen UKW zurückgekehrt.

    Überhaupt, die Dauer. Aus einem herkömmlichen UKW-Radio höre ich Musik, sobald ich es eingeschaltet habe. Dieses moderne Ding versetzt mich ins Röhren-Zeitalter zurück, auch beim UKW-Sender „startet“ das Radio erst einmal, das dauert – grob geschätzt – eine halbe Minute.

    Kurz gesagt: Ich hätte mir das schlichte UKW-Radio kaufen sollen. Es kann genau das, was ich will: einen vorgegebenen Radiosender hören, in ausreichender Qualität und Stabilität, ohne viel Strom zu verbrauchen. Ich will nebenbei keine Zusatzinformationen lesen, ich brauche keine bunten Senderlogos, wenn ich Nachrichten oder Musik höre.

    Übrigens kann auch mein Autoradio DAB+, das ist natürlich noch sinnloser, weil ich während des Autofahrens sowieso nicht lesen darf.

    Es gibt hier tatsächlich einmal eine Technologie, die das Nutzerbedürfnis komplett befriedigt, und für alles, was darüber hinausgeht, gibt es bekanntlich dieses Internet.

    Aber manchen vorschrifts- und regulationsverliebten Politikern, die sich gern fortschrittsfreundlich geben, ist das nicht genug. Jetzt sind sie auf die Idee gekommen, UKW-Radios zu verbieten. Genauer gesagt, es soll verboten werden, dass man sich in Zukunft noch ein solches Radio kaufen darf. Die Hersteller sollen verpflichtet werden, nur noch DAB+-fähige Radios in den Handel zu bringen. Nicht Angebot und Nachfrage sollen entscheiden, welche Technologie noch Zukunft hat, sondern das Gesetz.

    Das ist einfach nur irre.

    Es zeigt, dass ein ganz bestimmter Politikansatz in der Bundesrepublik Deutschland derzeit fehlt: die Idee, dass die Leute nicht blöd sind und erst mal selbst entscheiden können, was für ein Radio sie haben wollen. Und wenn diesen Leuten eine vorhandene Technik reicht, dann muss man sie nicht zwangsbeglücken. Es ist überhaupt keine Frage, die der Staat entscheiden muss, ob UKW Zukunft hat, oder nicht. Das finden wir ganz gut ohne einen Kulturausschuss eines Bundesrates heraus. Falls uns die Hersteller irgendeinen coolen Grund geben, ein DAB+-Radio zu kaufen, dann werden wir es tun. Und dann wird irgendwann auch die letzte Stunde von UKW geschlagen haben. Und wenn nicht, dann nicht.

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  • 25 Jahre World Wide Web

    25 Jahre World Wide Web

    Wir haben hier noch gar nicht gebührend gewürdigt, dass dieses faszinierende Weltweite Gewebe aus Texten, gespeichert in einem ebenso weltweiten Netzwerk aus Computern, gerade ein viertel Jahrhundert alt geworden ist. Dabei verdankt auch unsere Kolumnistenplattform ihre Existenz und ihre Verbreitung diesem WWW – dem World Wide Web, und allem, was darin möglich geworden ist, die Blogs, die Portale, die Redaktions-Software-Systeme, und natürlich die sozialen Medien mit ihren Links und Likes, mit den Trollen und den Kommentaren, den Diskussionen und den Shitstorms, kurz all dem, was moderne Publizisten wie wir so brauchen, wie der Fisch das Wasser zum Schwimmen.

    Erinnern Sie sich?

    In der ersten Hälfte seiner Existenz herrschte Euphorie. Die Schwarm-Intelligenz würde zu einer Demokratisierung des Wissens führen, Informationen wären immer überall und sofort verfügbar, Transparenz in politischen Entscheidungsprozessen wäre keine Utopie mehr. Alle machen mit bei der globalen Wissensproduktion und Informationsverbreitung und am Ende steht als leuchtende Zukunft die globale Informationsgesellschaft.

    Aber allmählich hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich Lügen in diesem Gewebe genauso gut verbreiten lassen wie Wahrheiten. Auch die Bösen können die neuen Technologien nutzen, wer hätte das ahnen können. Dieses Netz ist leider nicht nur hochintellektuellen herrschaftsfreien Diskursen vorbehalten, es ist ebenso geeignet, den Stammtisch, das üble Gerede, das Geschwätz und die Gerüchteküche zu globalisieren. Ich habe in der Kritik der vernetzten Vernunft einiges dazu geschrieben.

    Daran gewöhnen wir uns gerade, wir schaffen uns unsere ruhigen Nischen und ein dickes Fell gegen das dumme Geschwätz. Wir lernen neu, zu vertrauen und zu misstrauen.

    Derweil erscheint aber seit ein paar Monaten ein neuer Akteur im Netz, schlimmer als der Troll. Eigentlich habe ich ihn mit diesem Titel schon provoziert, denn ich müsste ihn AkteurIn, besser noch Akteur_in oder Akteur*in nennen, aber es ist schwer, meine Autokorrektur und meine Rechtschreibprüfung dazu zu zwingen. Es ist also, ich mache es mir leicht, die Aktivistin, die sich inzwischen in den sozialen Medien die Deutungshoheit erobert hat.

    Ein Beispiel: An dem Morgen des Tages, an dem dieser Text entstand, fand sich in meinem Twitter-Stream geteilt der Tweet einer Aktivistin mit einem Screenshot. Der Tweet lautete in etwa: „So weit ist es gekommen, dass in Deutschland wieder zu Pogromen aufgerufen wird.“ Auf dem Screenshot also dieser Aufruf in dem jemand in schlechtem Deutsch dazu aufforderte, am 9. November Moscheen anzuzünden. Eine Möglichkeit, den Autor irgendwie zu identifizieren, gab es nicht. Ich konnte nicht einmal sicher erkennen, auf welcher Plattform die Sache wohl gestanden hatte.

    Aufgeblasene Schweinereien

    Nun weiß man, dass es schon immer ein paar Idioten gegeben hat, die irgendwo ihre Parolen hingeschmiert haben. Früher waren es die Klo-Wände, heute ist’s Facebook. Man kann darüber erschrocken sein, dass es diese Leute gibt, man kann seine Sinne schärfen, um zu beobachten, ob da eine ernsthafte Bewegung entsteht, man kann darüber reflektieren.

    Aber wer würde eine Klo-Schmiererei als „Aufruf zu einem Pogrom“ bezeichnet haben, die „nun in Deutschland wieder möglich ist“? Das ist das Neue, was erst im Web möglich geworden ist. Es gibt in diesem Web viele Pfade, und irgendwann kommt immer eine Aktivistin auf so einem Pfad an einer Klotür vorbei und teilt mit den anderen Aktivistinnen die „Aufrufe zu Pogromen“, die „sexistischen Darstellungen“ und überhaupt all die Bösartigkeiten der Bösen, die sich „in Deutschland wieder verbreiten können“, die hierzulande „nie weg waren und nun wieder hervorgekrochen kommen“.

    Das Schlimme ist: Es ist so schwer, sich dem zu entziehen. Früher war es eine Klotür, es war unangenehm, aber es ging vorbei. Heute begegnen mir in diesem Web dauernd Klotüren, genauer gesagt, Bilder von ihnen, Zitate von Klotüren, aufgemacht als alarmierende Hinweise darauf, dass wir kurz vor der Machtübernahme von Faschisten stehen, oder wenigstens von Sexisten oder anderen Bösewichtern. Die Aktivistinnen schlagen Alarm, sie sehen in jedem Klospruch schon die Machtübernahme des Faschismus oder des extremen Patriarchats, wahlweise.

    Wenn man dann sagt: „Mensch, das ist ne Klotür!“ dann wird man entweder als hoffnungslos naiv, als Ignorant, oder als einer, der selbst wahrscheinlich schon zu denen gehört, angesehen.

    Die Gefahr besteht, dabei jedes Maß zu verlieren. Und zwar in jede Richtung. Denn natürlich ist es notwendig, auf Anzeichen radikaler Veränderungen in der Gesellschaft zu achten. Wenn aber täglich eine kleine Schweinerei nach der anderen zum Skandal aufgeblasen wird, stumpft man ab, man sieht überall nur noch Blasen und kann nicht mehr beurteilen, ob sich dahinter wirklich eine Gefahr aufbaut. Sachliche Diskussionen werden wahlweise durch Vorwürfe der Blauäugigkeit oder der Panikmache verhindert.

    Was ist zu tun? Das Web der heißen Streits und des aufgeregten Geschreis wird sich nicht ändern. Wir brauchen Formen der Beruhigung, Medien, in denen man einander zuhören kann. Vielleicht liegen die außerhalb der Web-basierten „Sozialen Medien“.

  • Mit meiner Empörung brauche ich kein Abitur

    Mit meiner Empörung brauche ich kein Abitur

    Der Vorgang wiederholt sich inzwischen im Wochentakt: Bei Facebook taucht eine skandalöse Nachricht auf, die bei sozialen, feministischen oder anti-kapitalistischen Aktivisten Empörung auslöst. Von großen Facebook-Seiten mit ein paar 10.000 Fans werden sie ungeprüft veröffentlicht, hunderte Fans teilen die Meldung auf ihren Seiten, tausende empörte Kommentare sind die Folge. Oft greifen auch die Online-Redaktionen von Rundfunkanstalten innerhalb weniger Minuten die vorgebliche Nachricht auf. Ein Shitstorm entsteht, die Empörung, die sich dann oft gegen politische Institutionen oder private Unternehmen richtet, schlägt hohe Wellen.

    Nicht die Lüge ist empörend

    Wenn sich die ganze Sache dann als plumpe Fälschung herausstellt, richtet sich die Empörung aber keineswegs gegen diejenigen, die auf einfache Lügen hereingefallen sind und veröffentlicht haben. Die ganze empörte Community schämt sich nicht etwa ihrer Leichtgläubigkeit. Stattdessen argumentiert man etwa so: Daran, dass wir die Sache sofort geglaubt haben, sieht man eigentlich, dass sie hätte wahr sein können. Im konkreten Fall war es zwar gelogen, aber es war irgendwie „gut gelogen“ – es war irgendwie dicht an der Wahrheit, denn sonst hätten wir kritischen Geister das doch nie geglaubt. Also eigentlich hat es irgendwie doch gestimmt.

    Vor wenigen Tagen konnte man diese Entwicklung an der Geschichte um den angeblichen toten syrischen Flüchtling in Berlin beobachten. Zu Beginn dieser Woche gab es einen neuen Fall, der besonders markant zeigt, wie Meinungen mit Lügen gemacht werden und mit der Wahrheit nicht mehr geändert werden können.

    Der beliebte Vorwurf: Sexismus

    Am Montag veröffentlichte das „Missy Magazine“ das Foto eines Blattes, welches angeblich eine Werbung eines Fitnessstudios zeigen sollte. Darauf war eine schlanke, spärlich bekleidete Frau zu sehen, darüber der Spruch „Mit meiner Figur brauche ich kein Abitur“. Unten rechts sah man Logo und Claim des Fitnessstudios. Das Missy Magazine fragte süffisant: „Fitnessland, ist diese Werbung euer Ernst?“

    Das Missy Magazine betreibt auf Facebook eine Fan-Seite in der Rubrik „Medien/Nachrichten/Verlagswesen“ und auch auf der Webseite gewinnt man den Eindruck, dass das Unternehmen als professionelles Magazin, als journalistisches Angebot wahrgenommen werden will. Man würde erwarten, dass eine Redaktion ganz selbstverständlich vor der Veröffentlichung eines solchen Fotos wenigstens ansatzweise dessen Echtheit prüft.

    Eine einfache Internet-Recherche hätte schnell Folgendes ergeben: Die dargestellte Anzeige ist nirgends auf der Homepage des Unternehmens zu finden. Sie passt in Qualität und Ausführung überhaupt nicht zu den sonstigen Werbemitteln des Unternehmens. Zudem sollte das fotografierte Blatt stutzig machen, welches nicht aus einer Zeitschrift stammen kann, aber auch nicht Vorder- oder Rückseite eines Flyers zu sein scheint.

    Das hat das Missy Magazine aber nicht dazu veranlasst, bei seiner Quelle, wie später behauptet, einem Leser aus Braunschweig, nachzufragen.

    Innerhalb einer Stunde war das Bild bei Facebook hunderte Male geteilt, überall fanden sich empörte Kommentare über den Sexismus, der aus dieser Werbung sprechen würde. Auch bei Twitter postete das Missy Magazine das Bild – mit ähnlicher Wirkung.

    Nach zwei Stunden wurde das Fitnessstudio auf den Shitstorm aufmerksam und veröffentlichte eine Gegendarstellung. Das Unternehmen distanzierte sich von dieser Art der Werbung und versicherte, nicht der Urheber zu sein.

    Schnell alles löschen und weiter empören

    Was nun geschah, ist fast noch bizarrer als die ungeprüfte Veröffentlichung des Bildes. Missy Magazine löschte zunächst schlicht das Posting mit dem Bild, einschließlich aller Kommentare und Diskussionen. Da viele Diskussionen auf anderen Facebook-Seiten geführt worden waren, auf denen das Bild geteilt worden war, wurden all diese Postings und Diskussionen automatisch mit gelöscht. So einfach kann man im Internet die Spuren seines Fehlverhaltens löschen und die eigene Weste rein halten.

    Sodann veröffentlichte das Magazin ein neues Posting, in dem man zwar sagt, dass es einem leid täte, einem Hoax aufgesessen zu sein, im gleichen Satz aber verkündet, man sei eben „nicht überrascht“ gewesen von dieser Darstellung, schließlich habe es von dem betreffenden Fitnessstudio schon ähnliche Werbung gegeben. Es folgt der Link zu einer anonymen Webseite, auf der Unbekannte ein Foto einer Werbung des gleichen Fitnessstudios veröffentlicht haben. Quellenangabe, Nachweis der Echtheit? Fehlanzeige.

    Die Lüge – fast die Wahrheit?

    Es kann dahingestellt bleiben, ob das neue Foto echt ist oder nicht, und ob es tatsächlich ebenso Grund zur Kritik und zum Vorwurf des Sexismus gibt. Bemerkenswert ist hier, dass das Missy Magazine offenbar keinerlei Grund zur selbstkritischen Reflexion der eigenen Arbeit sieht. Stattdessen behauptet man mal eben, dass die Lüge fast eine Wahrheit ist und die Kritik am Fitnessstudio berechtigt gewesen wäre.

    Ein Shitstorm gegen das Missy Magazine bleibt jedoch aus. Denn das Magazin gehört ja zu den Guten, die unablässig die schlimmen Entwicklungen in der Welt anprangern. Meinungsmache durch Pseudo-Journalismus gehört offenbar nicht dazu.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über den Zika Virus und den Papst.