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	<title>Tod-Archiv - Texte zur Sache</title>
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	<description>Meinung und Debatte, Rezensionen, Kunst, Sport, Politik und Gesellschaft</description>
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	<title>Tod-Archiv - Texte zur Sache</title>
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		<title>Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 Jan 2026 07:24:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Charles Bukowski]]></category>
		<category><![CDATA[Epiktet]]></category>
		<category><![CDATA[Ersatzreifen]]></category>
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		<category><![CDATA[Tod]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seneca nannte es die offene Tür.<br />
Bukowski sprach vom Ersatzreifen.<br />
Beide meinten: Würde.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/henning-hirsch-bei-hank-im-wohnzimmer/der-ersatzreifen-den-man-nie-montieren-will/">Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Ich trage den Gedanken an Selbstmord immer bei mir wie einen Ersatzreifen. Das gibt mir ein seltsames Gefühl von Sicherheit.<br />
(c) Charles Bukowski</p></blockquote>
<h2>Der ultimative Ausgang</h2>
<p><a href="https://www.bukowski-gesellschaft.de/">Bukowski saß in billigen Zimmern</a> und starrte Löcher in die Wand. Nicht, weil er auf Erleuchtung wartete, sondern weil da nichts mehr war, was sich lohnte, angeschaut zu werden. In solchen Momenten kam der Gedanke. Nicht laut. Kein Drama. Einfach da. Der Gedanke an den Ausgang.</p>
<p>Der Poet aus East-Hollywood nannte ihn den Ersatzreifen. Kein Symbol der Hoffnung, sondern der nüchterne Beweis, dass man nicht ausgeliefert ist. Wer weiß, dass er anhalten könnte, fährt ruhiger. Man fährt weiter, nicht weil man muss, sondern weil man es gerade noch will.</p>
<p>Der Gedanke an den Selbstmord ist selten der Wunsch zu sterben. Meist ist es der Wunsch, dass etwas aufhört. Der Lärm. Die Rechnungen. Die immer gleichen Gesichter. Das ewige Sich-Zusammenreißen. Es ist kein Todestrieb. Es ist Erschöpfung.</p>
<p>Das Problem beginnt dort, wo wir diesen Gedanken entweder dämonisieren oder verklären. Die einen rufen sofort den Arzt, die anderen die Moral. Beide hören nicht zu. Dabei ist der Gedanke oft nur ein Signal: So geht es nicht weiter. Noch kein Plan. Noch keine Entscheidung. Nur ein inneres Aufleuchten der Möglichkeit.</p>
<h2>Die offene Tür</h2>
<p>Lange vor Bukowski saßen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stoa">die Stoiker</a> da und dachten nüchtern über dasselbe nach. Seneca. <a href="https://www.philomag.de/philosophen/epiktet">Epiktet</a>. Männer, die wussten, dass Würde nichts mit Durchhalten um jeden Preis zu tun hat. Seneca sprach von der offenen Tür. Wenn der Raum zu verraucht ist, geht man. Nicht aus Schwäche, sondern aus Klarheit.</p>
<p>Das Leben war für sie kein Gefängnis. Es war ein Aufenthalt. Und jeder Aufenthalt darf beendet werden. Wer diese Möglichkeit kennt, ist kein Opfer. Er ist anwesend aus Entscheidung.</p>
<h2>Der Zwang zum Leben</h2>
<p>Heute nennen wir das krank. Wer sagt, dass er nicht mehr will, wird verwaltet. Überwacht. Korrigiert. Der moderne Staat liebt das Leben, solange es funktioniert. Abweichung gilt als Störung.</p>
<blockquote><p>Ich bin fast blind, meine Augen verdrehen sich nach hinten in die dunklen Höhlen meines Schädels und halten Ausschau nach einem gnädigen Tod.<br />
(c) Charles Bukowski: Die letzten Tage des Suicide Kid</p></blockquote>
<p>Aber was, wenn das Weiterleben um jeden Preis selbst die Störung ist? Was, wenn ein Mensch klar sieht, dass das, was er lebt, nur noch eine Gewohnheit ist? Bukowski wusste: Das Normale ist oft wahnsinniger als der Wunsch nach Ruhe.</p>
<h2>Wenn der Gedanke kippt</h2>
<p>Gefährlich wird es nicht durch den Gedanken, sondern durch sein Alleinsein. Wenn er keine Sprache mehr findet. Wenn aus „Ich könnte gehen“ ein „Ich sollte gehen“ wird. Dann wird aus dem Ersatzreifen eine Wand.</p>
<p>Deshalb geht es nicht darum, den Gedanken zu verbieten oder zu feiern. Es geht darum, ihn auszuhalten, ohne sofort ernst zu machen. Denken ist noch kein Handeln. Zwischen beidem liegt Zeit. Und Zeit ist manchmal alles.</p>
<h2>Das falsche Heldentum</h2>
<p>Wir lieben Durchhalteparolen. Kämpfen. Stark sein. Funktionieren. Das klingt gut und hilft niemandem. Es macht aus Erschöpfung ein Versagen.</p>
<blockquote><p>Manchmal steigst du morgens aus dem Bett und denkst, ich schaffe das nicht, aber du lachst innerlich – erinnerst dich an all die Male, als du dich so gefühlt hast.<br />
(c) Charles Bukowski</p></blockquote>
<p>Vielleicht reicht es manchmal, nicht zu sterben. Nicht heroisch zu sein. Einfach einen weiteren Tag zu verbrauchen. Bukowski wusste: Man muss das Leben nicht lieben. Es reicht, wenn man es aushält.</p>
<h2>Die letzte Freiheit</h2>
<p>Das Paradox ist simpel: Erst wer gehen dürfte, kann bleiben. Wer gezwungen lebt, ist ein Gefangener. Wer bleiben kann, obwohl er gehen dürfte, handelt.</p>
<p>Bukowski ist nicht durch Suizid gestorben. Er starb alt, krank, widerspenstig. Aber er lebte mit dem Wissen um den Ausgang. Vielleicht hat ihn genau das am Leben gehalten.</p>
<p>Der Ersatzreifen ist keine Einladung zum Tod. Er ist eine Erinnerung daran, dass niemand uns besitzen darf. Nicht der Staat. Nicht die Moral. Nicht die Angst der anderen.</p>
<p>Man darf über den Ausgang nachdenken. Man sollte ihn nur nicht verwechseln mit Freiheit. Die beginnt oft niedriger. In einem Glas Bourbon (oder für Abstinenzler: Coke Zero). In einem weiteren Morgen. In dem Gedanken: Heute noch nicht.</p>
<h2>Schlechte Tage sind kein Argument</h2>
<p>Es gibt Tage, an denen alles falsch sitzt. Der Körper. Die Gedanken. Die Art, wie das Licht durchs Fenster fällt. Tage, an denen selbst das Atmen wie eine Beleidigung wirkt. Bukowski kannte diese Tage. Er hat sie nicht therapieren lassen. Er hat sie aufgeschrieben oder weggesoffen. Beides keine Lösung, aber immerhin ehrlich.</p>
<blockquote><p>Das Schlimmste ist nicht der Tod, sondern das Leben, das die Leute bis zu ihrem Tod führen.<br />
(c) Charles Bukowski</p></blockquote>
<p>Das Problem unserer Zeit ist nicht, dass Menschen zu früh an den Tod denken. Das Problem ist, dass sie glauben, jeder schlechte Tag müsse sofort eine Diagnose sein. Dabei sind viele Tage einfach nur schlecht. Sie wollen nicht analysiert, sondern überlebt werden.</p>
<h2>Die Buchhaltung des Lebens</h2>
<p>Irgendwann beginnt jeder Mensch zu rechnen. Was habe ich gegeben, was habe ich bekommen? Wie viel Kraft steckt noch drin? Bukowski hat diese Rechnungen nie schön gerechnet. Meist stand da ein Minus. Und trotzdem blieb er sitzen.</p>
<p>Vielleicht, weil er wusste: Solange man noch rechnet, ist man nicht fertig. Der gefährliche Moment ist nicht der Gedanke an den Ausgang. Es ist der Moment, in dem einem alles egal wird. Auch der Gedanke.</p>
<h2>Das Gerede der Anderen</h2>
<p>Es sind selten die eigenen Gedanken, die einen töten. Es ist das Gerede. Die Erwartungen. Die Sätze wie: Reiß dich zusammen. Andere haben es schlimmer. Sei dankbar.</p>
<p>Bukowski hätte darüber gelacht. Dankbarkeit lässt sich nicht erzwingen. Sie kommt oder sie kommt nicht. Wer sie fordert, hat meistens keine Ahnung vom Gewicht fremder Tage.</p>
<h2>Der Körper lügt nicht</h2>
<p>Vieles, was wir Todessehnsucht nennen, ist schlicht Überforderung des Körpers. Zu wenig Schlaf. Zu viel Druck. Zu lange funktioniert. Der Körper zieht dann die Notbremse. Der Kopf nennt das Suizidgedanken.</p>
<p>Vielleicht müsste man öfter fragen: Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Wann hast du zuletzt nichts leisten müssen?</p>
<h2>Bleiben ist Arbeit</h2>
<p>Bleiben ist keine romantische Entscheidung. Es ist Arbeit. Jeden Tag neu. Oft ohne Applaus. Man bleibt nicht, weil es schön ist, sondern weil man es noch aushält.</p>
<p>Bukowski wusste das. Er hat das Bleiben nie gefeiert. Er hat es dokumentiert. Zeile für Zeile. Bier für Bier.</p>
<h2>Kein Schlusswort</h2>
<p>Diese Kolumne ist kein Plädoyer für den Tod. Sie ist auch keines fürs Leben. Sie ist ein Text über Wahlmöglichkeiten. Über Würde. Über das Recht, müde zu sein, ohne gleich verschwinden zu müssen.</p>
<p>Der Ersatzreifen ist kein Versprechen. Er ist nur ein Gegenstand im Kofferraum. Man hofft, ihn nie zu brauchen.<br />
Aber man fährt anders, wenn man weiß, dass er da ist.</p>
<p>Und manchmal reicht genau das, um weiterzufahren.<br />
+++</p>
<p>Lesen Sia auch: <a href="https://texte-zur-sache.de/2026/01/23/warten-auf-die-schlangengrube/">Warten auf die Schlangengrube</a></p>
<p><a href="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Schlangengrube-e1768564576623.png"><img decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-33146" src="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Schlangengrube-e1768564576623-300x128.png" alt="Warten auf die Schlangengrube" width="300" height="128" srcset="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Schlangengrube-e1768564576623-300x128.png 300w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Schlangengrube-e1768564576623-1024x436.png 1024w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Schlangengrube-e1768564576623-768x327.png 768w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/Schlangengrube-e1768564576623.png 1535w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><br />
+++</p>
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		<title>Warten auf die Schlangengrube</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henning Hirsch]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Jan 2026 06:30:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Egbert von Wessex]]></category>
		<category><![CDATA[Palliativ]]></category>
		<category><![CDATA[Ragnar Lodbrok]]></category>
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		<category><![CDATA[Tod]]></category>
		<category><![CDATA[Vikings]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Was bleibt, wenn Geld, Frauen und Ehrgeiz erledigt sind?<br />
Gedanken über das Sterben, Pflege und Palliativ.<br />
Und über den Wunsch, es am Ende richtig zu machen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/henning-hirsch-bei-hank-im-wohnzimmer/warten-auf-die-schlangengrube/">Warten auf die Schlangengrube</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h2>Gelassen sterben à la Vikings</h2>
<p>Kurz vor Weihnachten sah bzw. hörte ich in <a href="https://www.imdb.com/de/title/tt2306299/">Vikings</a> (ja, ich weiß, dass ich mit dieser Serie SEHR spät dran bin) diesen kurzen Dialog:</p>
<p>„Ich habe in letzter Zeit viel über den Tod nachgedacht, Egbert.“</p>
<p>„Das ist das Faszinierende an euch Nordmännern: Sobald ihr aus dem Mutterschoß kriecht, denkt ihr täglich an den Tod, bis er euch schließlich ereilt. Aber was ist mit der Zeit dazwischen; worüber denkt ihr da nach, Ragnar?“</p>
<p>„Ihr meint so was wie Frauen?“</p>
<p>Diese Szene – die alt gewordenen Protagonisten <a href="https://geschichte-der-britischen-monarchie.fandom.com/de/wiki/Egbert_von_Wessex">Egbert von Wessex</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ragnar_Lodbrok">Ragnar Lodbrok</a> sitzen sich spätabends in einem kargen Raum gegenüber und lassen ihre Leben Revue passieren: Wein, Gelächter, fast unverschämte Gelassenheit – gehört zu den wirklich starken Momenten der langen Wikingersaga. Kurz darauf lässt sich der Wikingerfürst ohne jede Gegenwehr, in eine Schlangengrube werfen. Egbert wiederum trennt sich von seiner jüngeren Geliebten, um sich ab sofort ohne Zerstreuung auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren zu können (und stirbt ebenfalls ein paar Folgen später).</p>
<p>Und ich hocke auf meinem Sofa, schaue zu und denke: Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn – oder, weniger pathetisch formuliert, nach den wichtigen Dingen des Lebens – hängt fundamental davon ab, wann sie einem gestellt wird.</p>
<h2>Die falschen Antworten der ersten Lebenshälfte</h2>
<p>Bis 40 (von mir aus auch bis 50) hätte ich ohne Zögern geantwortet: Geld/Vermögensaufbau, Frau(en), Kinder. Vielleicht noch Karriere, Status, irgendetwas, das sich nach Bedeutung anfühlt. Sterben war damals ein Randthema. Etwas für später. Für andere. Für Menschen mit grauen Haaren, denen man unauffällig den Sitzplatz in der Bahn anbot.</p>
<h2>Was nach ein paar Jahrzehnten übrig bleibt</h2>
<p>Heute – 20 Jahre und rund 30 Aufenthalte in Suchtkliniken später – gewichte ich anders. Heute sage ich: Gott (oder wer auch immer diesen Laden hier verwaltet) gib mir noch ein paar Jahre bei einigermaßen passabler Gesundheit. Lass mich in der Zeit an Kindern, Enkeln und Facebook erfreuen. Mehr brauche ich nicht.</p>
<p>Kein eitler Tand wie Vermögen mehr. Die Kohle muss fürs Auskommen eines Minimalisten reichen, nicht für ein Leben im Hochglanzformat. Frau(en) sind ü60 komplett entbehrlich. Nicht, weil ich sie nicht mag oder geringschätze (ich treffe mich gerne mit alten Schulfreundinnen, höre hin und wieder auf deren Ratschläge und nicke gelegentlich sogar verständnisvoll), sondern weil ich sie nicht mehr 24/7 um mich herum benötige. Auch nicht als Bettgenossinnen.</p>
<h2>Allein, aber nicht einsam</h2>
<p>Früher hätte ich mich allein wahrscheinlich einsam gefühlt. Heute fühle ich mich ab und zu allein, aber keineswegs einsam. Einsamkeit ist ein Defizit. Alleinsein ein Zustand. Und Zustände kann man aushalten, manchmal sogar genießen.</p>
<p>Beim Gedanken an eine jüngere Geliebte – die man(n) sich finanziell ja auch erst einmal leisten können muss – bekomme ich nervösen Schluckauf. An ihrer Seite würde ich mich noch älter fühlen, als ich es ohnehin schon bin. Von fünfmal Sex in einer Nacht bin ich körperlich mittlerweile eh weiter entfernt als Ragnar Lodbrok vom Friedensnobelpreis. Insofern verstehe ich König Egbert voll und ganz. Wenn man sich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren möchte, tut man das am Ende des Lebens am besten allein.</p>
<h2>Warum man ab 60 keine (weniger) Angst vor dem Tod hat</h2>
<p>Was sich ab 60 einschleicht, ist nicht die Angst vor dem Tod. Das glauben nur Jüngere. Ab 60 kommt etwas anderes: eine nüchterne Vertrautheit mit dem Gedanken, dass das hier alles endlich ist. Keine theoretische Endlichkeit mehr, sondern eine statistisch belastbare. Man kennt plötzlich mehr Tote als Lebende. Man geht häufiger auf Beerdigungen als auf Hochzeiten. Und man merkt: Das Leben wird nicht kürzer, es wird enger.</p>
<h2>Wenn Sterben medizinisch wird</h2>
<p>Sterben ist ab 60 auch kein philosophisches Thema mehr, sondern ein medizinisches. Und ein organisatorisches. Man denkt über Patientenverfügungen nach, über Vorsorgevollmachten, über Beerdigungen. Nicht, weil man sterben will, sondern weil man nicht falsch sterben möchte.</p>
<p>Denn was einen wirklich umtreibt, ist weniger der Tod als die Zeit davor. Die Apparate. Die Schläuche. Die Maschinen, die einen am Leben halten, obwohl man selbst längst freiwillig gegangen wäre, wenn man bloß dürfte.</p>
<h2>Krankenhäuser, Pflegeheime und andere Warteschleifen</h2>
<p>Ab einem gewissen Alter beginnt man, Krankenhäuser anders wahrzunehmen. Nicht mehr als Orte der Heilung, sondern als Übergangszonen. Als Hallen, in denen entschieden wird, ob man noch repariert wird oder nur noch verwaltet. Man kennt plötzlich Begriffe wie „Austherapiert“, „Palliativ“, „Komfortversorgung“.</p>
<p>Pflegeheime verlieren ebenfalls ihren Schrecken – aber auf eine unangenehme Art. Man weiß: Das ist kein Ort zum Leben, sondern ein Ort zum Sterben mit Verzögerung. Man sieht dort Menschen, die nicht mehr krank sind, sondern verbraucht. Und man denkt unweigerlich: So bitte nicht.</p>
<h2>Apparate können Leben verlängern, aber nichts erklären</h2>
<p>Die Apparate-Medizin hat uns viele Jahre geschenkt. Aber sie nimmt sich am Ende auch welche zurück. Mit Zinsen. Beatmungsgeräte, Magensonden, Dialyse – technisch beeindruckend, menschlich fragwürdig. Man kann Leben verlängern, aber keine Würde. Und schon gar keinen Sinn.</p>
<h2>Palliativ, Sterbehäuser und der Wunsch nach Ruhe</h2>
<p>Deshalb beginnt man, sich für Palliativmedizin zu interessieren. Nicht aus Todessehnsucht, sondern aus Pragmatismus. Schmerzfrei. Angstfrei. Möglichst leise. Nicht als medizinischer Erfolg, sondern als menschlicher Abschied.</p>
<p>Und irgendwann stolpert man über den Begriff „Sterbehäuser“. Orte, an denen Sterben kein Versagen ist. Keine Niederlage. Sondern ein Vorgang. Das wirkt auf Jüngere morbide. Auf Ältere wirkt es beruhigend.</p>
<h2>Was man nicht hinterlassen muss</h2>
<p>Was ebenfalls verschwindet, ist die Illusion, man müsse „etwas hinterlassen“. Kinder und Enkel reichen völlig. Niemand braucht meine Bücher, meine Meinungen oder meine Facebook-Kommentare für die Ewigkeit. Der Gedanke, dass nach mir nichts kommt außer ein paar Erinnerungen, die ebenfalls verblassen, ist überraschend tröstlich.</p>
<h2>Noch nicht Ragnar</h2>
<p>Ganz so weit wie Ragnar Lodbrok bin ich allerdings noch nicht. Mich milde lächelnd in eine Schlangengrube werfen zu lassen – in unsere moderne Welt übersetzt: dem Tod gefasst oder gar freudig entgegenzusehen – gelingt mir bislang nicht. Ich hänge noch zu sehr an Kleinigkeiten. An Routinen. An Kaffee. An dem Gefühl, morgens aufzuwachen und zu denken: Ah. Noch da.</p>
<h2>Warten</h2>
<p>Aber der Gedanke an den Tod hat seinen Schrecken verloren. Er ist kein Feind mehr. Eher ein stiller Begleiter. Einer, der irgendwann sagt: Jetzt reicht’s.<br />
Bis dahin warte ich.</p>
<p>Nicht unbedingt auf den Tod.</p>
<p>Eher darauf, ihm irgendwann ohne Apparate, ohne Panik und ohne falsche Hoffnungen zu begegnen.<br />
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man alt genug ist, um zu sterben.<br />
+++</p>
<p>Unser Hörmal-Kolumnist Ulf Kubanke empfiehlt den zu Vikings gehörenden Soundtrack von <a href="https://www.wardruna.com/">Wardruna</a>, um sich so richtig in Todeslaune zu versetzen:<br />
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<p>+++</p>
<p>Wenn Ihnen der Text gefallen hat, bewerten Sie uns gerne <a href="https://www.google.com/search?sca_esv=d237f51df001ed9b&amp;sxsrf=ANbL-n7dDIjSgd4kvawCuHpxRYc9L5_fQg:1769159140946&amp;q=Die+Kolumnisten&amp;si=AL3DRZGNtcdgKOqVhotcr-UG2kkYpwR2WO4qu3O00NmpwBmLneAcyUIIB5DDlFQBlnxFY8B8QAywfLyJ8krNfeBT5d7h3Z-Qil2oByDQT7wnemglPHHg1MWZ75dgNMjB6ZSCClEtKSM9&amp;sa=X&amp;ved=2ahUKEwj9u5axp6GSAxUkgf0HHVTjC60Q_coHegQIJRAB&amp;biw=1536&amp;bih=703&amp;dpr=1.25&amp;aic=0">auf Google</a>:<br />
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+++</p>
<p>Lesen Sie auch: <a href="https://texte-zur-sache.de/2026/01/21/der-lebens-koffer/">Der Lebens-Koffer</a><br />
<a href="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/traveler-1611614_1280-e1768914278711.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-33220" src="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/traveler-1611614_1280-e1768914278711-300x125.jpg" alt="Lebens-Koffer" width="300" height="125" srcset="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/traveler-1611614_1280-e1768914278711-300x125.jpg 300w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/traveler-1611614_1280-e1768914278711-1024x428.jpg 1024w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/traveler-1611614_1280-e1768914278711-768x321.jpg 768w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2026/01/traveler-1611614_1280-e1768914278711.jpg 1276w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a></p>
<p>und: <a href="https://texte-zur-sache.de/2025/12/16/gesund-sterben-wollen-wir-alle-oder/">Gesund sterben wollen wir alle</a><br />
<a href="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Laufband-scaled-e1765799650936.png"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-32312" src="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Laufband-scaled-e1765799650936-300x128.png" alt="Ich laufe, also bin ich noch" width="300" height="128" srcset="https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Laufband-scaled-e1765799650936-300x128.png 300w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Laufband-scaled-e1765799650936-1024x436.png 1024w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Laufband-scaled-e1765799650936-768x327.png 768w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Laufband-scaled-e1765799650936-1536x654.png 1536w, https://texte-zur-sache.de/wp-content/uploads/2025/12/Laufband-scaled-e1765799650936.png 1963w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a></p>
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		<title>Der Lebens-Koffer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Phil Friedrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Jan 2026 06:00:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Jörg Phil Friedrich: Arte-Fakten]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Sterben]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Leben ist wie ein Koffer, der irgendwann voll ist. Und dann kann man auch beruhigt sterben und muss den Tod nicht hinauszögern.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/gesellschaft/der-lebens-koffer/">Der Lebens-Koffer</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wer will schon ewig leben? Die Frage stellte Freddy Mercury bekanntlich <a href="https://youtu.be/_Jtpf8N5IDE?si=KeC8WkpU5bAa44Xa">in einem Lied</a>, das zur Filmmusik ausgerechnet für einen Film gehörte, in dem es irgendwie tatsächlich Aufgabe war, das ewige Leben zu erreichen, indem man alle anderen, die diese Fähigkeit auch hatten, eben umbrachte.</p>
<p>Es scheint ein hartnäckiger Konsens in der Gesellschaft zu sein, dass der Mensch, wenn schon nicht ewig, doch so lange wie irgendwie möglich leben wollen müsste. Wir würden am Leben hängen, behauptet man, wir würden, wenn das Ende naht, so sehr hoffen, dass es noch nicht zu Ende sei. Wir hätten so einen unbändigen Weiterlebenswillen, der uns plötzlich zu Kämpfern macht, die mit dem Tode ringen, wenn es ans Sterben geht oder gehen könnte.</p>
<p>Ich frage mich seit langem, ob das tatsächlich so ist, und wenn es so wäre, ob das vielleicht einfach aus diesem selbstverständlichen Konsens, dieser gesellschaftlichen Erzählung stammt. Es gibt für mich, ehrlich gesagt, gar keinen Grund, möglichst lange zu leben.</p>
<p>Meine Vorstellung vom Leben ist die von einem Koffer oder einem Paket. Man kann Erfahrungen und Erlebnisse hineintun, man kann auch welche wieder rausnehmen (die vergisst man dann eben), wenn was Neues hinzukommt. Aber die Menge, die da reinpasst, ist überschaubar. Das Faszinierende aber ist, dass irgendwann gar nichts wirklich Neues mehr kommt, was man hineintun müsste, weil eine Version dieses vermeintlich Neuen schon enthalten ist.</p>
<h2>Familiäres</h2>
<p>Beispiel Familie: Man macht zunächst die Erfahrung, Kind zu sein, mit Eltern, Geschwistern, Verwandten. Diese Erfahrung ist ohnehin einmalig, die macht man kein zweites Mal. Man verliebt sich, vielleicht ein zweites, vielleicht ein drittes Mal. Die Erfahrung „sich neu verlieben“ kann man im Laufe des Lebens mehrfach machen, aber wer meint, da müsse immer noch eine Erfahrung „Neue Liebe“ dazu, ist vielleicht einfach vergesslich und weiß nicht mehr, dass er die schon kennt.</p>
<p>Man macht die Erfahrung, selbst Kinder zu haben, die kann man auch ein paarmal machen, und die zweite unterscheidet sich auf jeden Fall von der ersten, aber die dritte ähnelt schon der zweiten und irgendwann weiß man, wie es ist, Kinder zu haben.</p>
<p>Natürlich gibt es Menschen, die diese Erfahrung, und einige Weitere, die ich noch nennen werde, nicht haben – aber denen nützt ab irgendwann auch kein längeres Leben mehr, sie haben diese Erfahrung verpasst und können sie nicht mehr nachholen.</p>
<p>Ich selbst habe inzwischen drei Enkel, und ich möchte die Erfahrung, Großvater zu sein, nicht missen. Ich spiele mit der Dreizehnjährigen gemeinsam Gitarre („Who wants to live forever…?) und mit den Achtjährigen Fußball. Ich freue mich darauf, diese Enkel noch als Erwachsene zus sehen. Ich bin auch erst 60, das passt also noch in meinen Koffer. Gern können noch ein paar Enkel dazukommen, aber die Erfahrung, Enkel zu haben, die hab ich schon, und Urenkel, was vielleicht noch mal anders ist, sind noch drin. Unbedingt noch Ur-Ur-Enkel zu haben – das muss nicht zwingend in den Koffer.</p>
<p>Ich weiß schon, wie es ist, wenn nahe Verwandte sterben, und ich weiß, dass diese Erfahrung in den nächsten Jahren noch auf mich wartet. Ich werde auch von den traurigen Erfahrungen noch genug in den Koffer packen können.</p>
<h2>Was schaffen</h2>
<p>Ich weiß, wie es ist, etwas zu lernen, eine Ausbildung abzuschließen (<a href="https://xn--jrg-friedrich-imb.de/vita-joerg-friedrich/">habe ich drei Mal in den Koffer gepackt</a>), einen Beruf auszuüben, etwas zu schaffen, etwas nicht zu schaffen, zu scheitern, zu versagen, wieder Erfolg zu haben. Auch das kann man noch öfter wiederholen, klar. Man kann immer was Neues beginnen, und wer es noch nicht getan hat, der hat in meinem Alter noch genug Zeit, damit anzufangen und diese Erfahrungen noch einzusammeln.</p>
<p>Ebenso ist es mit anderen wichtigen Dingen. Ich habe- mit mäßigem Erfolg – zwei Musikinstrumente zu spielen und sogar mal etwas Singen gelernt, ich ärgere mich über mangelnden Fleiß und Beharrlichkeit, und ich weiß, dass ich das wohl nicht mehr perfekt hinkriegen werde – aber da würde es mir auch nicht helfen, meinen Tod am Ende noch hinauszuzögern. Ich bin in die Berge gegangen, stand auf ein paar Gipfeln, nichts Extremes, ich habe Wildnistouren im Winter in Nordfinnland gemacht. Ich werde das auch zukünftig tun und Freude daran haben. Vielleicht werde ich auch neue Herausforderungen suchen, aber die Erfahrung, unter unwirtlichen Verhältnissen in der Natur klarzukommen, die habe ich schon ein paarmal im Koffer. Einiges, was ich mal machen wollte, werde ich nicht mehr schaffen, das weiß ich schon, aber auch das macht mir den Abschied vom Leben nicht schwer.</p>
<h2>Spuren hinterlassen</h2>
<p>Ich will Spuren in der Welt hinterlassen und ein bisschen was dazu tun, dass sie nicht schlechter wird und nicht kaputtgeht. Als Kind dachte ich, ich würde da was ganz großes, unvergessliches Notwendiges vollbringen. Inzwischen meine ich, dass das bisher niemandem gelungen ist und auch mir nicht gelingen wird. Zudem ist mir klargeworden, dass die Wirkung, die man erzielen will, nie die ist, die man wirklich erzielt, und es ist vielleicht besser, sich auf kleine, überschaubare Wirkungen zu konzentrieren, die man selbst noch ein wenig korrigieren kann, als etwas zu tun was „nicht in Äonen untergehen“ kann aber dann das Gegenteil von dem ist, was man beabsichtigt hat. Also habe ich <a href="https://texte-zur-sache.de/author/joerg-friedrich/">einiges geschrieben</a> und geredet und zu bewegen versucht und werde das weiterhin tun, auch da habe ich die Erfahrung kleiner Erfolge und großen Scheiterns bereits gemacht und in den Koffer gepackt, auch in der Ecke ist noch ein bisschen Platz, aber es würde sich nicht lohnen, um ein paar Wochen oder Monate weiteren Lebens zu kämpfen, damit da unbedingt noch die ganz große Leistung, der große Erfolg oder die Überzeugung, nun doch unvergesslich in die Ahnengalerie der Guten eingetragen zu sein, hinzukommt.</p>
<h2>Fortschritt und Rückschritt</h2>
<p>Ich habe staunenswerte technische Fortschritte und begeisternde gesellschaftliche Entwicklungen erlebt, ich habe die Kehrseiten und die Rückschritte ebenso kennengelernt. Auch da passt noch was in den Koffer, aber auch da ähnelt sich das Erleben von mal zu mal mehr, das Erstaunen und die Freude bleiben, aber sie werden durch die Sorge vor dem Kommenden schon getrübt.</p>
<p>Was die Welt und die Menschheit überhaupt betrifft, meine ich, dass sie in Schwingungen oder Wellen existiert, jedenfalls in einem endlosen Auf und Ab. Ich habe eine Zeit erlebt, in der wir schon mal dachten, alles wäre bald zu Ende (Kalter Krieg, Atomkriegsgefahr, Wettrüsten), ich habe in einer Zeit gelebt, in der wir dachten, nun käme doch der ewige Frieden, ich erlebe heute wieder, dass wir Angst vor den weiteren Geschehnissen haben müssen. Ich weiß nicht, wie schlimm es wird, aber der Blick in die Geschichte lehrt mich, dass es auch wieder besser wird – und ich hoffe, dass die bessere Zeit dann die ist, in der ich gehe – und dass ich mit dem Gedanken sterben kann, dass ich ein bisschen was dafür getan habe. Aber wenn es in einer schlechten Zeit mit mir zu Ende geht, dann bringt es auch nichts, auf ein klein wenig Verlängerung zu hoffen. Die Gewissheit, dass es irgendwann wieder aufwärts geht, habe ich schon heute, und die hätte ich dann auch.</p>
<h2>Noch nicht ganz voll</h2>
<p>Mein Koffer ist nach 60 Jahren eines intensiven Lebens schon ganz gut gefüllt, es passt noch etwas rein, aber das Meiste ist „im Kasten“. Wer in meinem Alter ist und das noch nicht sagen kann, dem kann ich nur empfehlen: Los geht’s, es ist noch nicht zu spät, jedenfalls für das Meiste, und das, was nicht mehr geht, das kann man noch durch anderes ersetzen. Bei mir passt noch einiges rein, und ich werde den Koffer gern bis zum Rand füllen, aber wenn es demnächst irgendwann, warum auch immer, zu Ende gehen würde, dann könnte ich auch sagen: es ist auch so schon genug.</p>
<p>Traurig ist es für die, deren Leben zu Ende geht, ohne dass sie ihren Koffer schon halbwegs gefüllt haben. Für die lohnt es sich, um das Weiterleben zu kämpfen, wenn es durch Krankheit oder Unfall auf der Kippe steht. Und da sehe ich auch die gesellschaftliche Aufgabe, diesen Menschen mit allem zu helfen, damit die Chancen bewahrt werden, dass sie ihren Koffer weiter füllen können, vielleicht anders als zuvor, aber es gibt ja so viele Möglichkeiten.</p>
<p>In meinem eigenen Koffer bleibt wahrscheinlich immer noch etwas Platz, um noch eine schöne oder eine traurige und dennoch bedeutende Kleinigkeit hineinzupacken. Ich stelle mir aber vor, dass ich, wenn es zu Ende geht, einfach sagen kann, er ist gut gefüllt, jetzt kann ich ihn schließen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/gesellschaft/der-lebens-koffer/">Der Lebens-Koffer</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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