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Autor: Jörg Phil Friedrich
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Wann endet das Patriarchat?
Es trifft zu: die ganz überwiegende Zahl der Mächtigen ist männlich. Auch die überwiegende Zahl der Gewalttäter ist männlich, die der Experten, die ins Fernsehen geholt werden, die der bestbezahlten Fußballspieler, die der Professoren aller Fachrichtungen. Es sind Männer, die herrschen, die dominieren, die vorschreiben, wo es langgeht.
Aber leben wir deshalb unter einer Männerherrschaft, in einem Patriarchat?
Mächtige und ohnmächtige Männer
Wechseln wir die Perspektive: die überwiegende Zahl der Männer, wie auch der Frauen, herrscht nicht, ist nicht gewalttätig, sitzt nicht als Experte im Fernsehen, verdient keine Millionen mit Fußballspielen, ist kein Professor und keine Führungskraft. Die meisten Männer haben mit den meisten Frauen gemeinsam, dass ihnen einer, meistens ein Mann, sagt, wo es langgeht.
Es gibt plausible Gründe, die sich wissenschaftlich belegen lassen, wie es dazu gekommen ist, dass die Machtpositionen heute von Männern besetzt sind. Manche dieser Gründe liegen offen zutage, andere mögen verdeckt sein. Man weiß heute auch schon, wie man diese Gründe beseitigen kann, auf dass mehr Frauen an die Macht gelangen. Das wird nichts daran ändern, dass es nur wenige Mächtige gibt – und dass diese wenigen in ihrem Machtdenken gefangen sind und nach den Prinzipien des Machtstrebens entscheiden und handeln, seien sie Männer oder Frauen.
Und zweifelsohne gab es einmal ein Patriarchat. Es gab Zeiten, in denen Frauen der Zugang zur Universität versagt war, in denen sie den Mann um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie eine Arbeit annehmen wollten, in denen jeder Mann, der selbst im Job, im Verein, bei der Armee einem anderen untergeordnet war, zu Hause in der Familie zum Ausgleich den Herrscher geben konnte. Das ist noch nicht lange her – aber das ist hierzulande heute nur noch in Resten vorhanden. Und die beseitigt man gerade nicht, indem man die heutige Gesellschaft noch vehementer und immer radikaler als Patriarchat bekämpft. Im Gegenteil.
Zwei Fehler beim Kampf gegen das Patriarchat
Die Rede vom Patriarchat, der Kampf gegen die angebliche Männerherrschaft, macht zwei entscheidende Fehler: erstens – die Machtstrukturen werden gar nicht angetastet, sie werden nicht verstanden, nicht analysiert. Man versucht stattdessen, auch Frauen in diesen Strukturen zu etablieren. Mittelfristig wird es vermutlich genug Frauen geben, denen das gelingt, sie erlernen die Taktiken des Machterwerbs, sie richten ihr Leben genau so ein, wie es die Männer tun, die in die Führungspositionen gelangen wollen. Genau besehen ist es völlig unwichtig, ob die Frauenquote irgendwann 50% beträgt, denn der Typus des Machtmenschen hat kein Geschlecht.
Zweites – der kompromisslose Kampf gegen das vermeintliche Patriarchat macht potentielle Verbündete zu Gegnern. Indem jeder Mann zur Gruppe der Herrschenden gerechnet wird, auch wenn er wie die Frau neben dem Beruf die Kinder und die alten Eltern betreut und versorgt, zudem den Kampf mit dem Vermieter führt und die Gardinenstange repariert, verliert man ihn im Kampf gegen die strukturellen Ungerechtigkeiten der Gesellschaft und riskiert, dass er sich mit denen solidarisiert, deren Herrschaftsposition eigentlich ins Wanken geraten sollte.
Nur noch Reste
Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten bereits gewandelt, vom Patriarchat, das Männer allein deshalb besser stellte als Frauen, weil sie eben Männer sind (was sie darüber hinwegtröstete, dass sie sonst trotzdem wenig zu sagen hatten) sind nur noch Reste geblieben. Wenn man da so tut, als sei es noch immer der ungeheure mächtige Gegner, den man radikal bekämpfen muss, provoziert man die Frage: wann soll dieser Kampf denn zu Ende sein? Wenn Zorn und Empörung über die Männer nicht nachlassen mit den Verbesserungen, die doch zweifellos erreicht wurden, sondern immer lauter, immer unerbittlicher werden, je kleiner und schwächer der Gegner wird, dann fragt man sich: werden die, die da kämpfen, je sagen: wir haben unser Ziel erreicht? Aber die Gesellschaft sollte ja friedlicher werden mit dem Niedergang des Patriarchats. Wie soll das dann gelingen?
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Richtig streiten #10: Warum streiten wir überhaupt?
Nachdem es in der letzten Folge dieser Serie darum ging, plausibel zu machen, dass Meinungen im Streit zumeist nicht als Behauptungen zu verstehen sind, denen sich die anderen Streitenden zwingen anschließen müssten, bleibt die Frage, was es denn sonst mit diesen Meinungsäußerungen auf sich hat. Wenn wir unsere Meinungen zumeist gar nicht äußern, um andere davon zu überzeugen, warum äußern wir sie dann? Warum streiten wir überhaupt?
Alles Spekulation
Nun ist die Philosophie keine empirische Wissenschaft. Wir machen also keine Umfrage, befragen streitende Menschen nicht, warum sie streiten. Im Gegenteil, Philosophie pflegt ein gewisses Misstrauen gegen solche Empirie. Warum sollten die Befragten in der Umfrage „die Wahrheit“ sagen? Vielleicht steuert die Fragestellung schon das Verständnis der Befragten vom Gegenstand der Frage? Woher sollen wir überhaupt sicher sein, dass die Streitenden selbst wissen oder sagen können, warum sie streiten?
Es könnte z.B. sein, dass die Streitenden selbst eine Vorstellung davon haben, warum man vernünftigerweise streitet. Wenn sie dann befragt werden, nennen sie gar nicht ihre eigenen Gründe (über die sie womöglich noch nie nachgedacht haben). Auf der anderen Seite haben die, die wissenschaftliche Befragen durchführen, ganz sicher schon über mögliche Antworten nachgedacht, und formulieren ihre Fragen sicherlich in Abhängigkeit von ihren Vermutungen.
Als Philosophierender halte ich deshalb einen gewissen Abstand von den empirischen Methoden der Wissenschaft. Meine Methode ist spekulativ. Als Quelle für meine Überlegungen dienen mir meine allgemeinen Vorstellungen über die Welt, über das, was die Menschen ausmacht. Zugleich ist eine ziemlich sichere Quelle meines Nachdenkens die Beobachtung eben dieses eigenen Nachdenkens – und dessen, was ich verbunden mit diesem Nachdenken selbst tue. Aus diesem spekulierenden Reflektieren heraus gewinne ich Ideen darüber, wie sich etwas verhalten könnte. Diese Ideen kann ich dann anderen vorstellen, in der Hoffnung, dass sie sie nachsichtig prüfen, mit ihren eigenen Vorstellungen von der Welt abgleichen, und als Anregung für eigene Reflexionen nutzen können.
Gemeinsamkeit macht stark
Was also sind die Annahmen, die wir über die Menschen machen, mit denen wir die Lust am Meinungsstreit erklären können? Zwei Aspekte wären zu nennen: Wir Menschen sind soziale Wesen und darauf angewiesen, uns mit anderen in einer Gemeinschaft zu wissen. Es ist wichtig, dass ich zumeist sicher bin, dass andere so sind wie ich, dass sie die Welt ähnlich sehen wie ich, dass sie auf das gleiche vertrauen und dem gleichen misstrauen. Das Erleben von Übereinstimmungen macht mich sicher, dass ich nicht allein bin mit meinem Blick auf die Welt. Mit einer Meinungsäußerung hoffe ich also auf Zustimmung von anderen, und allein die Tatsache, dass andere, die ich als mir ähnlich empfinde, mir zustimmen, genügt mir, um mit größerer Sicherheit durch mein Leben zu gehen. Das Gleiche gilt natürlich auch, wenn mir von Menschen, die ich als fremd oder anders empfinde, Ablehnung entgegenschlägt. Auch das bestätigt mich: In meinem Anderssein gegenüber denen, die anderer Meinung sind ebenso, wie in meiner Gemeinsamkeit mit denen, die mit gleich sind.
Gerade wenn ich mich in einem Umfeld bewege, das mir fremd ist und das ich ablehne, will ich also auch gar nicht „überzeugen“, dann streite ich nicht mit dem Ziel, dass die anderen einsehen, dass ich recht habe. Jeder Widerspruch bestätigt mich ja darin, dass diese eben anders sind, und diese Bestätigung sichert mein Weltbild in meinem So-Sein-Wie-Ich-Bin.
Unsicherheit beherrschen
Bevor man sich nun gedanklich über diejenigen erhebt, die den Streit für die Abgrenzung zwischen sich und den „Eigenen“ auf der einen Seite und „den Anderen“ oder „den Fremden“ auf der anderen Seite brauchen, um in der Weit zurecht zu kommen, kann man sich kritisch fragen, ob man selbst ohne solche Abgrenzungen auskommt. Selbst die Skeptiker, die „nichts glauben“ und „alles hinterfragen“ grenzen sich ja auf diese Weise im Meinungsstreit von anderen ab und bilden eine Gemeinschaft der „aufgeklärten kritischen Geister“.
Wenn man sich die eigene Unsicherheit in der Komplexität der Welt wirklich eingesteht und versucht, sein Weltbild nicht nur per Übereinstimmung und Ablehnung mit anderen zu begründen, findet sich schnell ein weiterer Grund für die Beteiligung am Meinungsstreit: Die Meinungsäußerung kann dazu bestimmt sein, Argumente dafür oder dagegen zu erhalten, die mich in meiner Meinung bestärken oder weiter verunsichern.
Die meisten Vorstellungen über die Welt gewinne ich auf der Grundlage medialer Vermittlung (Fernsehen, Zeitungen, Rundfunk sowie deren Ableger in den sozialen Medien). Daraus erzeuge ich mir ein Bild von der Welt, das vor allem auch als Befürchtungen oder Hoffnungen besteht: Ich hoffe, dass sich die Stimmung in Großbritannien noch proeuropäisch entwickelt, ich fürchte, dass es nicht mehr rechtzeitig zu einem Umsteuern in der Klimafrage kommt.
Mit meiner Meinungsäußerung im Streit suche ich Bestätigung oder Widerspruch. Das aber nicht nur, um mich zu vergewissern, dass ich mit meiner Meinung nicht allein bin, sondern auch, um meiner Meinung überhaupt sicher zu werden, oder, um mich verunsichern zu lassen. Ich suche nach Argumenten, die meine Hoffnungen stützen, oder auch nach solchen, die meine Befürchtungen fragwürdig machen. Das alles, um in einer unsicheren Welt mit einem unsicheren Bild von der Welt halbwegs sicher zurecht zu kommen.
Es ist klar, dass Meinungsäußerungen dieser Art nicht mit einem Wahrheitsanspruch verknüpft sind. Im Gegenteil, ich gehe immer davon aus, dass es andere gibt, die anderer Meinung sind als ich, und die ich mit meiner Meinung – und mit den Begründungen dieser Meinung – gerade nicht werde überzeugen können. Trotzdem ist es sinnvoll, den Streit zu führen: Er macht mich sicherer in meinen Hoffnungen und Befürchtungen und schafft mir damit ein besseres Fundament zum Handeln. Und er schafft Gemeinsamkeit mit Menschen, die ähnlich denken wie ich, sodass wir uns gemeinsam mit denen auseinandersetzen können, die anderer Meinung sind.
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Richtig streiten #9: Was heißt „Geltung“?
Als Reaktion auf den letzten Teil meiner Serie wurde unter Anderem gefragt, ob man tatsächlich annehmen kann, dass die Streitenden für ihre geäußerten Meinungen keine Geltung beanspruchen würden. Um diese Frage zu beantworten, kann man zwei Wege beschreiten: Zum einen wäre zu klären, was „Geltung beanspruchen“ eigentlich bedeutet, dazu muss natürlich gefragt werden, was Geltung heißt und was beanspruchen heißt. Zum anderen können wir überlegen, um was es wahrhaftigen und nachsichtigen Streitenden in einem Streit tatsächlich gehen kann – um anschließend zu prüfen, ob eines der gefunden Ziele als „Geltung beanspruchen“ bezeichnet werden kann. Dem ersten Weg ist dieser Teil gewidmet, im nächsten Teil geht es um den zweiten Weg.
„Geltung beanspruchen“ in der Theorie
Was „Geltung“ heißt, kann man ohne Angabe des Kontextes, in dem das Wort verwendet wird, vermutlich nicht klären. Allerdings geben uns unstrittige Verwendungsweisen in bestimmten sozialen Bereichen Hinweise darauf, was das Wort in anderen Bereichen bedeuten könnte. Wir müssen also einen kleinen Umweg machen, um zur Bedeutung dieses Wortes im Streit vorzudringen.
Am einfachsten ist es in der Mathematik und in der theoretischen Physik. Wenn ich etwa sage: „In der Euklidischen Geometrie gelten die folgenden fünf Postulate:…“ dann ist damit gemeint, dass die Postulate zugleich definieren, was Euklidische Geometrie überhaupt ist. Sie beanspruchen ihre Geltung nicht, und niemand, der den obigen Satz ausspricht, beansprucht ihre Geltung in der Euklidischen Geometrie. Es ist einfach so, dass die Ablehnung der Geltung eines der Postulate sofort aus der Euklidischen Geometrie herausführen würde.
Ebenso ist es, wenn theoretische Physiker sagen, dass in der klassischen Mechanik die Newtonschen Gesetze gelten. Sobald man etwa in der Bewegungsgleichung die Konstante, die die Masse bezeichnet, durch eine Größe ersetzt, die sich mit der Geschwindigkeit verändert, verlässt man die klassische Mechanik und betritt womöglich die spezielle Relativitätstheorie.
Innerhalb eines theoretischen wissenschaftlichen Textes oder Gesprächs kann aber auch der Satz auftauchen: „In der Euklidischen Geometrie gilt, dass die Summe der Innenwinkel im Dreieck 180° beträgt“. Geltung bedeutet hier, dass der Satz zwingend aus den Axiomen folgt, und zwar sogar so zwingend, dass man den Satz selbst zum Axiom machen könnte, aus ihm würde dann, zusammen mit anderen Axiomen, das folgen, was wir für gewöhnlich als „die Axiome“ der Theorie ansehen.
Normalerweise würde eine Wissenschaftlerin wohl kaum sagen, dass sie innerhalb einer Theorie für einen Satz „Geltung beanspruchen“ – sie gelten einfach, sie lassen sich herleiten, und wenn das ein Kollege bestreitet, dann muss er zeigen, dass da ein Rechenfehler vorliegt. Da die Rechenmethoden in den mathematischen Wissenschaften klar definiert sind und Bestandteil der Theorie sind, ist dies auch möglich.
Geltung bei der Anwendung auf die Praxis
Versucht man, theoretische Konstruktionen mit experimentellen oder anderen empirischen Befunden zu verknüpfen, verwendet man auch manchmal den Begriff der Geltung. Man sagt etwa: „Für kleine Geschwindigkeiten gilt die Newtonsche Mechanik“ oder „in kleinen Raumbereichen gilt die euklidische Geometrie“. Forscher würden, darauf angesprochen, vielleicht ergänzen: „Natürlich gelten sie nicht im strengen Sinn“ und würden damit meinen, dass sich diese Sätze nicht zwingend aus den Axiomen der Theorie ergeben.
Allerdings ist die praktische Geltung doch stärker als man aus dieser Relativierung vermuten könnte. Stelle man sich vor, dass jemand, der den freien Fall eines Steins auf der Erdoberfläche untersucht, behaupten würde, dass er dazu die Gleichungen der speziellen Relativitätstheorie verwenden müsste. Daraufhin würden die Kollegen womöglich sagen: „In diesem System gilt die Newtonsche Mechanik, und es ist völlig unsinnig, hier mit der speziellen Relativitätstheorie zu hantieren!“ Geltung bedeutet dann: „Es gibt eine, genau eine, der Situation angemessene Theorie, und die ist es, die hier gilt!“ Hier kann man durchaus sagen, dass Wissenschaftler die Geltung einer Theorie (interessanterweise der Theorie, die die weniger allgemeine, weniger umfassende ist) beanspruchen. Sie würden nämlich, als Wissenschaftlergemeinschaft, denjenigen aus der Kommunikation auf Dauer ausschließen, der darauf beharrt, die „richtige“ aber im konkreten Fall unangemessene Theorie zu verwenden. Ebenso würde es vermutlich einem Ingenieur ergehen, der meint, für die Berechnung der Grundfläche eines Einfamilienhauses eine Nichteuklidische Geometrie verwendet mit der Begründung, dass die Erde, auf der das Haus steht, ja nun einmal keine Scheibe, sondern eine Kugel ist.
Experiment und Empirie
Wenn Wissenschaftler über die Ergebnisse ihrer experimentellen oder empirischen Resultate reden, verwenden sie das Wort „Geltung“ eher selten. Man „beobachtet Verhalten“, man „wiederholt Messungen“ und „kommt zu gleichen Resultaten“, man „bestätigt bisherige Annahmen“. Im Zusammenhang mit ihrer Arbeit begegnet uns das Wort „gelten“ dennoch oft, und zwar, wenn in den Medien über die Ergebnisse berichtet wird. Dann heißt es oft „Es gilt inzwischen unter Wissenschaftlern als erwiesen, dass…“. Diese Verwendung bedeutet dann, dass die Wissenschaftler über eine Hypothese einen (weitgehenden) Konsens hergestellt haben. Die Ergebnisse der Forscher sind so klar und (für diese Forscher) so überzeugend, dass sie Personen, die der Hypothese nicht zustimmen würden, aus der Gemeinschaft der Wissenschaftler ausschließen würden, es sei denn, sie bringen für die Ablehnung der Hypothese wiederum selbst plausible Argumente vor. In diesem Fall kann also tatsächlich von „Geltungsansprüchen“ gesprochen werden: Die Gemeinschaft beansprucht von ihren Mitgliedern, der Hypothese zuzustimmen, oder anderenfalls gute, in der Gemeinschaft akzeptierte Gründe vorzubringen, die der Hypothese widersprechen. (Ob die Wissenschaft wirklich so funktioniert, können wir dahingestellt sein lassen.)
Das Wort „Hypothese“ verwende ich hier, weil es sich zumeist um allgemeine Aussagen handelt, die nicht in einem theoretischen Sinne zwingend sind. Die Hochtemperatur-Supraleitung etwa galt schon lange vor ihrer theoretischen Begründung als erwiesen.
Geltungsanspruch im alltäglichen Streit
Damit sind wir nach einem großen Bogen wieder bei unserem eigentlichen Gegenstand, dem richtigen Streiten, angekommen, denn der wissenschaftliche Streit um die Deutung experimenteller und empirischer Ergebnisse ist ebenfalls ein Streit. Wenn es dort Geltungsansprüche gibt, warum nicht auch im alltäglichen Streit über Fußball, Politik oder Wirtschaft?
Man könnte fordern oder versuchen, auch den alltäglichen Streit wie einen Streit unter Wissenschaftlern zu beschreiben und überhaupt nur das als Streit zu akzeptieren sei. Das würde allerdings der sozialen Funktion des alltäglichen Streits sowie seinen durchschnittlichen Eigenschaften nicht gerecht werden. Deshalb hilft es, die Unterschiede zwischen dem wissenschaftlichen Streit und dem alltäglichen Streit herauszustellen:
- Wissenschaftler streiten auf der Basis einer weitgehend standardisierten Ausbildung in einem Fach über die Hypothesen des Fachs.
- Die Informationen, die in den Argumentationen der Wissenschaftler wichtig sind, stehen den Beteiligten weitgehend unmittelbar und nicht medial vermittelt zur Verfügung.
- Hinsichtlich dessen, was im Streit zum Gegenstand wird, haben Wissenschaftler keine Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen oder Sorgen.
Natürlich sind diese Annahmen über den wissenschaftlichen Streit in der Realität immer nur unvollkommen erfüllt. Es sind aber genau diese Voraussetzungen, die es ermöglichen, dass die Wissenschaftler einen Konsens über Hypothesen herstellen, der dann gilt. Stellen wir nun diesem idealen wissenschaftlichen Streit den alltäglichen Streit über Politik, Wirtschaft oder Sport gegenüber:
- Es gibt kaum eine einheitliche Ausbildung oder zwingende Vorkenntnisse und Fertigkeiten für die Beteiligung am Streit.
- Informationen, die Grundlagen für Argumentationen sind, stehen nur selten direkt und zumeist medial vermittelt zur Verfügung.
- Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen oder Sorgen bezüglich des Streitgegenstandes sind zumeist der Grund, sich überhaupt am Streit zu beteiligen.
Dies alles sind Gründe, warum es im Alltagsstreit keine Geltungsansprüche geben kann. Wer wahrhaftig und nachsichtig streitet, verzichtet auch auf Geltungsansprüche. In konkreten Streitsituationen wird das auch durch die Betonung der eigenen Sicht („Ich meine“, „Das ist meine Meinung“, „Ich habe Angst, dass…“) signalisiert. Wir können also für ein besseres Verstehen der Logik des Streits ganz auf die Annahme verzichten, dass dort jemand Geltungsansprüche in irgendeinem hier beschrieben Sinne erhebt.
Im 10.Teil dieser Serie geht es um die Frage, warum wir überhaupt streiten.
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Richtig streiten #8: Geltungsansprüche und Fehlschlüsse
Haben Meinungen im Streit einen Geltungsanspruch? In dieser Serie ist schon mehrfach deutlich geworden, dass Meinungen immer eine persönliche Modulation durch die Person, die sich äußert, haben. Es ist meine Meinung, die ich äußere. Wenn man in einer Diskussion nachfragt, ob der andere sich sicher ist, dass es sich wirklich so verhält, wie er sagt, wird man oft die Antwort bekommen „Es ist meine Meinung!“. Meinungen werde selten mit dem Anspruch geäußert, dass jeder ihr zustimmen muss. Auch wenn Alice, die die Meinung äußert, dass „Trump ein Idiot ist“, sich sehr sicher ist, dass es sich so verhält, wird sie vermutlich nicht der Meinung sein, dass Bob zwingend zustimmen muss, schon gar nicht, dass ihre Argumente, mit denen sie ihre Meinung stützt, ihn zwingend überzeugen müssen.
Geltungsanspruch für mich
Alices Meinung gibt darüber Auskunft, wie sie die Welt sieht. Sie beansprucht keine Geltung in dem Sinne, dass Bob ihre Sicht teilen muss. Deshalb ist jede Argumentation, in der Bob dies behauptet, schon ein ungeeigneter Einstieg in den Streit, gesetzt, beide haben die Absicht, dem jeweils anderen ihre Meinung plausibel zu machen und womöglich sogar den anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen und ihn in der bisherigen Überzeugung zu erschüttern. Wenn Bob, im Gegensatz zu Alice, der Meinung ist, Trump sei ein kluger Mann und ein guter Präsident, dann tun beide gut daran, wenn sie abgleichen, was für die eine und was für die andere Meinung spricht. Beide sollten darüber einig sein, dass es sein kann, dass sie beide irren.
Die Meinung, die ich äußere, gilt zunächst immer nur für mich selbst, sie hat einen Geltungsanspruch innerhalb meines Systems von Überzeugungen. Da ich sicher bin, dass ich selbst nicht dumm bin, und da ich vermute, vielleicht sogar durch Erfahrung ebenfalls sicher bin, dass andere ein ähnliches Überzeugungssystem haben, reicht der Geltungsanspruch meiner Überzeugung sozusagen auch ein Stück in die Gemeinschaft hinein, der ich mich zugehörig fühle. Das gilt nicht nur für die Überzeugungen selbst, sondern auch für die Begründungen, die ich gebe, und für die Methoden, mit denen ich Überzeugungen mit Gründen verteidige.
Ein ganzes Überzeugungssystem
Nehmen wir an, dass Alice ihre Meinung über Trump unter anderem mit dem Argument begründet, dass viele andere Trump ganz genauso einschätzen wie sie. Würde man daraus vermuten, dass Alice also der Meinung ist, dass alles stimmt, was viele so sehen, könnte man das wohl aus formalen argumentationslogischen Gründen zurückweisen. Eine solche Logik wird aber nicht unbedingt dem gerecht, was Alice hier sagt. Denn sie wendet ihr Argument ja nicht als allgemeine Schlussregel an. Sie kommt aus vielen Gründen zu ihrer Einschätzung über Trump. Sie hat schon mit vielen Leuten gesprochen, oder schon vielen zugehört, die zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen sind. Zu diesen Menschen hat sie Vertrauen. Vermutlich hat sie schon öfter auf deren Urteil vertraut und ist damit gut zurecht gekommen. Zudem hat sie vielleicht einen Experten in einem Interview gehört, dessen Urteil in eine ähnliche Richtung ging, wie ihres. Das alles bestätigt sie in ihrem Urteil.
Wer Alices Urteil über Trump mit dem Hinweis entkräften will, dass das Urteil von vielen nicht unbedingt richtig ist, und dass auch Experten nicht als Autoritäten herangezogen werden können, hat eigentlich noch nichts geleistet. Auch nicht, wenn er lateinische Namen für so genannte „Fehlschlüsse“ nennt und diese abstrakt definieren kann. Er müsste vielmehr plausibel machen, warum Alice gerade in dieser Frage gerade auf diese Leute nicht hören sollte. Er müsste erklären können, warum es sein kann, dass Alice oft gut damit fährt, wenn sie die Urteile anderer Menschen als Stütze für eigene Urteile nimmt, dies aber in diesem konkreten Fall keine gute Idee ist. Er müsste sagen, warum Alice gerade diesem Experten in diesem Fall nicht trauen sollte, auch wenn es in anderen Fragen sinnvoll ist, Expertenmeinungen zu Rate zu ziehen.
Keine Fehlschlüsse
Damit wäre man tatsächlich in einem guten Streit angekommen. Dass es nicht immer richtig ist, eine Meinung zu übernehmen, nur weil eine große Zahl von Menschen sie vertreten, weiß Alice wahrscheinlich schon selbst. Der gute Streit muss sich darum drehen, warum es gerade in dieser Frage falsch sein könnte, wie er sich von anderen unterscheidet. Alice hat mit ihrem Vertrauen auf das Urteil anderer bisher gute Erfahrungen gemacht. Diese entkräftet man nicht, indem man behauptet, dass sie bisher einen „Fehlschluss“ verwendet, sondern damit, dass man über die konkreten Bedingungen des Falls diskutiert.
Wer meint, praktische Begründungsformeln als Fehlschlüsse diagnostizieren zu können, müsste im Gegenzug auch positiv Begründungsformeln für praktische Urteile, für Meinungen, die im Streit stehen, angeben können, und er müsste angeben können, was diese Begründungsformeln in solchen Situationen davor schützt, Fehlschlüsse zu sein. Solange das nicht geschieht, läuft er selbst Gefahr, von den anderen einen Fehlschluss zu fordern: Nämlich ihn als den Experten zu akzeptieren, der sich mit der Argumentationslogik nun einmal besser auskennt, und deshalb weiß, was richtig ist, und was nicht.
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Richtig streiten #7: Die Spontanität der Äußerung
Wenn jemand für das kritisiert wird, was er sagt, liegt der Kritik zumeist die Vorstellung zugrunde, dass der Sprecher sich zuvor überlegt hat, was er sagen wird. Das gilt sicherlich, wenn jemand eine Rede hält, zumal, wenn er sie vom Blatt abliest. Es gilt aber sicherlich nicht unbedingt beim Streit. Häufig fordert man zwar von Anderen, dass sie erst nachdenken sollen, bevor sie sprechen. Aber ist das wirklich möglich? Wie wäre es umgekehrt: Wenn wir besser streiten wollen, müssen wir bedenken, dass Äußerungen im Streit spontan erfolgen, undurchdacht, intuitiv und emotional. Sowohl Zuhörer als auch Sprecher müssen mit dieser Spontanität umgehen. Auch das gehört zu dem bereits genannten Prinzip der Nachsichtigkeit.
Was heißt „spontan“?
Wir wollen als spontan eine Äußerung dann bezeichnen, wenn sie vor der Mitteilung nicht ausdrücklich gedacht und erst recht nicht gedanklich in Worten ausformuliert worden ist. Wie viele spontane Äußerungen man in Gesprächen zum Besten gibt, kann jeder Mensch nur durch Selbstbeobachtung herausfinden. Der Schreiber dieser Zeilen muss zugeben, dass die meisten seiner Äußerungen in Gesprächen spontan sind. Es gibt zwar durchaus den Fall, dass ich mir überlege, was ich sagen will, aber vieles von dem, was ich sage, habe ich zuvor nicht genau bedacht. Es „kommt in mir hoch“ und „es will hinaus“.
Das gilt für den Meinungsstreit umso mehr, desto emotionaler und engagierter er geführt wird. Im Meinungsstreit sind wir immer selbst betroffen, deshalb sind wir auch emotional involviert.
Erstaunlicherweise gilt dies auch für schriftliche Äußerungen, etwa bei Diskussionen in sozialen Netzwerken. Hier soll keine psychologische Spekulation betrieben werden, einzig aus der Selbstbetrachtung lässt sich sagen, dass etwa in einer Facebook-Diskussion eine gewisse emotionale Anspannung bis zum Absenden des Kommentars anhält, die verhindert, dass Äußerungen, die doch geschrieben und dann erst versendet werden, noch einmal durchdacht werden, bevor sie den anderen zur Kenntnis gegeben werden.Begründung kommt später
Begründungen für spontane Meinungsäußerungen können wir also erst im Nachhinein geben, und es ist erstaunlich, dass uns das überhaupt in den meisten Fällen gelingt. Wiederum sollen psychologische Spekulationen vermieden werden, aber es ist eigentlich nur vorstellbar, dass wir eben auch spontane Äußerungen immer auf einem Fundament von mehr oder weniger stabilen Überzeugungen, Meinungen, Wünschen, Hoffnungen, Befürchtungen und Sorgen machen – auch wenn sie uns zuvor noch gar nicht selbst ausdrücklich bekannt waren. Diese Überzeugungen bilden sich im Laufe der Zeit, ohne dass wir sie selbst schon ausdrücklich bemerken. Wenn wir sie in einer erhitzten Diskussion zum erstem Mal aussprechen, dann nehmen wir sie selbst auch zum ersten Mal ausdrücklich wahr.
Das bedeutet, dass ein wahrhaftig Streitender sich zunächst einmal selbst in die Pflicht nehmen müsste, herauszufinden, ob und vor allem wie seine spontanen Meinungsäußerungen sich tatsächlich in seinen Meinungen begründen lassen, ob sie tatsächlich das sagen, was er meint. Und in einem guten Streit wäre es selbstverständlich, zu akzeptieren, wenn jemand sagt: Ich habe das nicht so gemeint. Und die Frage „Wie meinst du das?“ sollte als ehrliches Hilfsangebot gemeint sein, die tatsächliche Hoffnung oder Sorge hinter der Äußerung ausfindig zu machen.
Eine spontane Äußerung wurzelt sicherlich immer in den tatsächlichen Meinungen des Sprechers. Aber sie kann durch viele Zufälligkeiten mitgeformt sein, etwa durch den aktuellen Anlass der Diskussion, durch aktuelle Erlebnisse des Sprechers außerhalb der Diskussion, durch weitere Nachrichten oder durch andere Äußerungen innerhalb der Diskussion. Wir hatten bereits früh festgestellt, dass Meinungsäußerungen immer missverständlich sind – sie sind es nicht nur für die, die sie hören, sondern vielleicht auch für den, der sie ausspricht.Wir machen vielleicht zu oft den Fehler, Äußerungen wörtlich zu nehmen, sie als klar und eindeutig aufzufassen, sowohl die Äußerungen von anderen als auch die eigenen. Und manchmal glaubt man, dass man gerade im erregten Streit „die Wahrheit“ sagen würde. Das Erschrecken über das, was man im Streit sagt, muss aber nicht bedeuten, dass da endlich die Wahrheit ans Licht käme. Das Erschrecken kann auch ein Zurückschrecken vor einer Konsequenz des eigenen Redens sein, die man aus tiefster Überzeugung ablehnt. Ein guter Streit sollte immer den Weg offenhalten, eine Äußerung zurückzunehmen, aber dennoch das Erschrecken über sie ernst zu nehmen.
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Die Plausibilität der Gottesthese
In einer arte-Sendung über die Frage, ob der Glaube glücklich macht, habe ich einen Satz gesagt, der die Gemüter offenbar bewegt, er wurde im Teaser in der Mediathek zitiert, in Hinweistexten auf verschiedenen Portalen und unsere Sonntagskolumnistin Chris Kaiser hat er zu einer eigenen Kolumne angeregt: „Die Gottesthese ist nicht weniger plausibel als die atheistische These“.
Eigentlich ist der Satz noch zu vorsichtig formuliert, eigentlich müsste ich sagen: „Die These, dass es einen Gott gibt, hat viel mehr Plausibilität als die These, dass er nicht existiert.“ Das Problem ist, dass ich trotz jahrelangem Nachdenken über diese Frage, die zuerst zu meinem Buch „Der plausible Gott“ und dann zu einigen weiteren Vorträgen und Aufsätzen zu dieser Frage geführt hat, selbst keinen sicheren Glauben an Gott gefunden habe. Ich lebe in dem Dilemma, dass ich durch dieses Nachdenken einerseits zu der Überzeugung gekommen bin, dass die Welt, wie sie ist, nur verständlich ist, wenn ich das Wirken eines Gottes annehme, andererseits aber keine Gewissheit über die Anwesenheit dieses Gottes empfinde. Deshalb bleibt meine Formulierung ausgeglichen und vorsichtig.
Was heißt „plausibel“?
Wenn es eine Reihe von ganz unterschiedlichen Beobachtungen und Tatsachen gibt, die letztlich unerklärlich sind, diese alle aber durch die These der Existenz eines bestimmten Dings oder Wesens oder Objektes oder – im ganz ursprünglichen Sinn – Subjektes (lateinisch subiectum, Übersetzung des altgriechischen ὑποκείμενον hypokeímenon – das Zugrundeliegende) verständlich werden, dann ist es plausibel, die Existenz dieses Subjektes anzunehmen, auch wenn man es selbst nicht sehen kann. Dass die Beobachtungen und Tatsachen verständlich werden, besagt dann aber auch, dass man über dieses plausible Subjekt mehr sagen kann, als dass es einfach irgendwie existiert. Verständlich werden die Dinge nur, wenn man ein bestimmtes Subjekt annimmt – also doch wieder etwas anderes als das selbst Eigenschaftslose ὑποκείμενον bei Aristoteles, aber das nur nebenbei.
Die Gesetzmäßigkeiten
Was sind nun die grundsätzlich unerklärlichen Beobachtungen? Gern mein man ja, die moderne Naturwissenschaft könne doch irgendwann alles erklären, und Gott wäre nur der Lückenfüller für das, was sie bisher und vorläufig noch nicht erklärt habe. Das scheint mir aber nicht der Fall zu sein – die Naturwissenschaft setzt vielmehr einiges voraus, was sie eben nicht erklären kann, sondern schlicht als gegeben annehmen muss. Sie sucht nach Gesetzmäßigkeiten – aber dass es diese Gesetzmäßigkeiten gibt, kann sie nicht erklären.
Man kann nun sagen: Aber das ist ja offensichtlich, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt. Auch das ist aber nicht richtig. Gesetzmäßigkeiten werden erst wirklich sichtbar, wenn wir die Welt so einrichten, dass sie in einer geordneten, vereinfachten, technischen Welt sichtbar werden. Die Welt, wie sie den Menschen zunächst begegnet ist, war ziemlich regellos, selbst die Aussage, dass doch jeden Tag die Sonne aufgeht, ist keine selbstverständliche alltägliche Erfahrung, wenn man nicht schon ein Modell im Kopf hat, die auch die trübe Dämmerung an einem nebligen Tag mit der Sonne über den Wolken in Verbindung bringt.
Aber wir Menschen deuten in das tägliche Chaos nicht nur Regelmäßigkeiten hinein, wir verändern die Umwelt auch noch so, dass die Regelmäßigkeiten wirklich sichtbar werden, und wir nutzen sie zu unserem Vorteil. Damit allerdings haben wir erst ziemlich spät begonnen, ein Vorteil zum Überleben in der Wildnis ist auch nicht, Regelmäßigkeiten zu erkennen, sondern den Einzelfall in seiner Individualität möglichst detailliert zu erfassen.
Warum also gibt es einerseits diese ziemlich verborgen wirkenden Gesetzmäßigkeiten und warum tauchen in der Evolution Wesen auf, die diese Regelmäßigkeiten entdecken und die Welt so umgestalten wollen, dass sie sie nutzen können?
Ich und Du
Das ist erstaunlich, aber an diesen Wesen ist noch mehr Erstaunliches. Denn die Menschen sind nicht nur Gesetzes-Entdecker und Anwender, sie sind sich vor allem ihrer selbst bewusst. Jeder von uns sagt „Ich“ und redet da von einem Idividuum, das nicht einfach ein physischer Körper ist. Darüber hinaus, schauen wir einen anderen an und erkennen ihn als unseresgleichen, wir sind gewiss, dass auch er ein Selbstbewusstsein hat, das wir ansprechen können. Natürlich hat das alles eine auffindbare biologische Substanz, in der das geschieht, die Wissenschaftler sprechen von Neuronenfeuerwerken und Spiegelneuronen. Aber mein Wissen über mich und andere erlebe ich nicht als Neuronenfeuerwerk, sondern als geistige Existenz.
Wir können heute schon sicher sein, dass diese geistige Existenz keineswegs nötig wäre, um immer komplexere Prozesse hervorzubringen. Aber das ist auch egal, denn die Existenz des geistigen Erlebens meiner eigenen Person und anderer Personen, zudem das Erleben sogar eines Wir, ist etwas völlig anderes als eine naturwissenschaftliche Beschreibung von Prozessen in Neuronen-Netzen.
Das Gute und das Schöne
Nun kommt noch etwas Überraschendes hinzu: Diese Wesen können nicht nur durch praktische Nutzung von Gesetzmäßigkeiten ihre Lebensbedingungen verändern, sie erleben das auch noch als „Gut“ und als „Schön“, sie haben ein moralisches und ein ästhetisches Erleben ihrer Umwelt, ihres Tuns und ihrer selbst. Auch da kann man wieder wissenschaftliche Beschreibungen entwickeln, die das irgendwie zu erklären versuchen, aber all diese Erklärungen haben mit dem Erleben des Guten und des Schönen gar nichts zu tun.
All diese Dinge bleiben in einer Welt ohne Gott unerklärt, nicht vorläufig, nicht bisher, sondern prinzipiell, weil zwischen den Erklärungsmethoden und dem, was da zu erklären wäre, gar kein Zusammenhang besteht. Man merkt es, wenn man sich die verschiedenen Erklärungsversuche ohne Gott, die es in der Menschheitsgeschichte gab, ansieht, sie ähneln sich zum Verwechseln, ob man La Mettries „Der Mensch, eine Maschine“ liest oder die Bücher der Neurowissenschaftler, sie sind eigentlich gleich, und sie kommen nicht mal in die Nähe dessen, was wir erleben, wenn wir Ich, Du, Wir sagen, wenn wir etwas Schönes oder Gutes empfinden.
Gott als Erklärung
Im Angesicht dieses Scheiterns kann man nun fragen: Was wäre, wenn diese ganze Welt eine Schöpfung eines Gottes wäre? Dann bekommt all das beschriebene einen Sinn, genauer, wenn wir uns über diesen Gott noch ein paar Gedanken mehr machen: Ein Gott, der Geschöpfe wollte, die ihm ähneln, die selbst schöpfen, schöpferische Geschöpfe sind. Er muss dann die Welt so einrichten, dass sie sie verstehen können, sie muss der Vernunft dieser Geschöpfe zugänglich sein. Somit muss sie sich gesetzmäßig entwickeln, sie darf keine unerklärlichen Wunder enthalten, alle Erfahrungen müssen für den kleinen Geist der Geschöpfe verstehbar sein. Deshalb entsteht diese Welt auch nicht durch einen einmaligen Akt, sondern durch einen langwierigen Prozess, in dem das ganze Universum (in dem es vermutlich viele ähnliche Geschöpfe gibt) sich nach Regelmäßigkeiten entfaltet, die diese Geschöpfe sich verständlich machen können. Zudem brauchen diese Geschöpfe, um überhaupt schöpferisch werden zu können, einen Willen zum Gestalten, sie müssen Ziele haben, Freude an der Erkenntnis, Freude am Gestalten. Deshalb die Fähigkeit, das Schöne zu sehen, vor allem das Schöne des selbst Geschaffenen. Da der Geist dieser Geschöpfe aber begrenzt ist, da ihr Schöpferdrang auch gefährlich werden kann, müssen sie auch in der Lage sein, ein Gefühl für das Gute zu entwickeln, das ihnen Einhalt gebietet, wenn sie die Schöpfung im Kleinen wie im Ganzen zu zerstören beginnen.
Der Gott, der plausibel ist, ist also einer, der eine Schöpfung wollte, in der Geschöpfe entstehen, die ihm ähneln, nicht äußerlich, sondern als Schöpfer. Er überlässt ihnen einen Teil dieser Schöpfung, sodass sie selbst schöpferisch werden können. Deshalb müssen sie diese Schöpfung verstehen können. Und er gibt ihnen die Freiheit zur Schöpfung, aber zugleich die Fähigkeit, ihr Handeln zu begrenzen, sodass sie ihre eigene Schöpfung nicht zerstören.
Ein solche plausibler Gott ist sicherlich nicht darauf angewiesen, dass wir an ihn glauben, er straft nicht und er lobt nicht. Er will nicht angebetet werden. Die, die nicht an ihn glauben, sind ihm vermutlich genauso lieb wie die, die ihn verehren. Er vertraut darauf, dass wir unsere Freiheit auf lange Sicht beherrschen, sodass wir uns selbst und das, was wir geschaffen, haben, nicht zerstören.
Aber so eine Schöpfung ist auch ein Wagnis. Dieser Gott ist nicht allmächtig in dem Sinne, dass genau und nur das geschieht, was er will. Da er seine Geschöpfe als Freie und zugleich als Strebende geschaffen hat, muss er das Böse im Menschen auch hinnehmen, und da er will, dass uns die Welt verständlich werden kann, kann er nicht einfach eingreifen, um das Böse zu vernichten. Er muss darauf vertrauen, dass er uns genügend Einsicht, Moral und Empfindung für das Schöne mitgegeben hat, dass wir das selbst immer wieder schaffen.
Vieles kann ich hier nur andeuten, sonst müsste ich all das, was ich dazu geschrieben habe, noch einmal neu aufschreiben. Dieser Text soll eigentlich nur zum Überdenken von unbefragten Selbstverständlichkeiten anregen, die sich in der „atheistischen These“ verbergen. Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die bis hier gelesen haben, jetzt nicht schnell dieses oder jenes mit einem vorschnellen Satz beiseiteschieben, sondern selbstkritisch und skeptisch auf diesen Satz, den sie da äußern wollen, schauen.
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Richtig streiten #5: Die Kontinuität des Begründens
Zur Logik, zum vernünftigen Sprechen, gehört, dass man bereit ist, Gründe für seine Aussagen anzugeben. Diese Gründe müssen aber wenigstens so sein, dass man vermuten kann, dass der andere sie als Begründung akzeptiert. Wer wahrhaftig ist, muss auch nachsichtig sein: Er weiß, dass es zwischen Begründung und Aussage oft eine Lücke gibt, die aus Gemeinsamkeiten der Diskussionsteilnehmer erst geschlossen werden muss. Zudem wird er vermuten, dass alle Äußerungen des Gesprächspartners – sowohl die Meinungen als auch die Begründungen – sinnvoll verstanden werden können, auch wenn sie mit der eigenen Sprachpraxis nicht zusammenpassen. Ein wahrhafter und nachsichtiger Streit wird nicht mit dem Ziel geführt, die Sprachpraxis des anderen zu korrigieren, sondern den Sinn seiner Äußerungen zu verstehen und die Lücken zwischen seinen Begründungen und den geäußerten Meinungen zu schließen.
Eine notwendige Gemeinsamkeit ist, dass eine gemeinsame Vorstellung davon existiert, wie es zu Ereignissen in der Wirklichkeit kommen kann, welche Gründe als Begründungen für Meinungen dienen können.
In all dem stecken noch viele Begriffe, die geklärt werden müssen, deren Bedeutungen im Moment nur intuitiv erfasst werden können. Auch ich als Autor dieser Serie muss auf Nachsicht hoffen: Geduld derer, die dies lesen, dass vieles, was präziser durchdacht werden muss, Gegenstand weiterer Artikel sein wird. Dazu gehört auch das Verhältnis von Gründen in der Sprache und im Gespräch und den Gründen für das, was in der Wirklichkeit passiert. Dieses problematische Verhältnis ist eben bereits angeklungen.
Alice fürchtet, dass Trump auch die nächste Wahl gewinnt (Die Erstveröffentlichung dieses Beitrags war am 17.12.2018).
Welcher Art sind die Gemeinsamkeiten zwischen Bob und Alice, die benötigt werden, damit Bob die Begründungen von Alice als Gründe akzeptieren kann? Wohl gemerkt, es geht noch gar nicht darum, den Grund wirklich als ausreichend für die Aussage, die begründet werden soll, anzunehmen und somit auch der Aussage zuzustimmen. Das Akzeptieren von Gründen ist ein vielstufiger Prozess, und damit Bob der Befürchtung von Alice zustimmt, sind eine Reihe von Gemeinsamkeiten nötig.
Kausalität
Nehmen wir an, Alice hätte als Grund angegeben, dass die Zustimmungswerte für Trump hoch sind, obwohl er eine schlechte Politik macht. Die Gemeinsamkeit, die Alice und Bob auf jeden Fall brauchen, damit Bob diese Begründung für die Vermutung akzeptiert, dass es möglich sei, dass Trump als Präsident wiedergewählt wird, ist, dass hohe Zustimmungswerte zu einem aktiven Präsidenten zu seiner Wiederwahl führen werden. Das scheint nicht viel zu sein. Wichtig ist, dass hier zum ersten Mal das ins Spiel kommt, was gemeinhin als Kausalität bezeichnet wird. Alice und Bob brauchen gemeinsame Vorstellungen davon, wie die Gesellschaft funktioniert: Wer von vielen Leuten gewählt wird, hat Aussichten darauf, Präsident zu werden. Wenn Bob das bezweifelt, ist die Menge der Gemeinsamkeiten sehr gering und es ist fraglich, ob die beiden in begrenzter Zeit überhaupt Einigkeit über mögliche Ereignisse in der Gesellschaft erzielen können. Wir werden auf die vielfältigen Ausprägungen dieser Art von Gemeinsamkeit zurückkommen.
Für den Moment halten wir aber vor allem fest, dass ein Grund dann als Begründung in Frage kommt, wenn dem, der den Grund fordert, einleuchtet, dass es eine Verknüpfung zwischen Grund und Aussage gibt, nach der der Grund das wahrscheinlich macht, was begründet und ausgesagt wird. Warum es diese Verknüpfung gibt, ist dabei ganz belanglos, wichtig ist allein, dass die beiden, Bob und Alice, darüber einig sind, dass es diese Verknüpfung gibt. Es ist noch nicht einmal notwendig, dass sie die Existenz dieser Verknüpfung erklären oder auch nur benennen können.
Das klingt merkwürdig. Wir kennen Systeme solcher kausalen Verknüpfungen, die die Autorität beanspruchen, die richtigen, objektiv geltenden Regeln der Kausalität zu kennen. Sie stützen sich auf die Wissenschaft und die mathematische Logik und auf eine lange Tradition der Untersuchung formaler logischer Schlussregeln. Allerdings müssten wir für diese Systeme, um ihre Autorität zu akzeptieren, zunächst selbst nachweisen oder wenigstens plausibel machen können, dass sie in dem Bereich des Sprechens, in dem wir unsere Diskussion gerade führen, die angemessenen Regeln bereitstellen. Bevor wir uns überhaupt der Frage zuwenden können, wie das gelingen kann, haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Zunächst können wir uns deshalb damit behelfen, dass wir einfach annehmen, dass wahrhaftige und nachsichtige Sprecher über ihre einleuchtenden Weisen des Schließens weitgehend einig sind.
Gleiche und ähnliche Gründe
In diesem Teil geht es um einen Aspekt des vernünftigen Sprechens, der recht einfach zu sein scheint: Die Stabilität oder Kontinuität der Begründungen.
Die These lautet: Für gleiche Aussagen müssen immer wieder gleiche Begründungen gegeben werden, für ähnliche Aussagen müssen ähnliche Begründungen gegeben werden. Umgekehrt muss beim Vorliegen gleicher oder ähnlicher Gründe vermutet werden können, dass jemand gleiche oder ähnliche Meinungen und Erwartungen aus diesen Gründen ableitet.
Warum ist die Kontinuitätsaussage so wichtig? Egal, wie genau die Menschen sich die Kausalität der Gründe vorstellen, Gründe können nur Begründungen sein, wenn sie als Ursachen immer wieder die gleichen Ergebnisse hervorrufen, und wenn sich bei kleinen Änderungen der Ursachen, die man kaum bemerkt, auch die Ergebnisse nicht sehr stark ändern. Über das Verhältnis von Grund und Ursache, sowie von begründeter Aussage und Ergebnis (oder Ereignis) werden wir später noch nachdenken. Klar ist: Wir kennen die Ursachen nie ganz detailliert, wir wissen sogar, dass das, was etwas anderes verursacht, nie ganz exakt zweimal auf genau die gleiche Weise passiert. Wenn wir trotzdem verlässlich mit dem, was passiert, umgehen wollen, dann muss Ähnliches, das sich kaum merklich von anderem unterscheidet, normalerweise auch zu Ergebnissen führen, die sich nur wenig von dem Ergebnis des anderen unterscheidet. Wir können das als die Stabilität oder Kontinuität der Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge beschreiben.
Wenn dann andererseits Ursachen als Begründungen für Aussagen über das, was passieren wird oder passieren kann, herangezogen werden, wenn wir also unsere Vermutungen, Sorgen und Hoffnungen mit der Annahme oder Behauptung von Ursachen begründen, dann muss sich die Kontinuität des Ursache-Wirkungs- Zusammenhangs auch in der Kontinuität der vernünftigen Begründung widerspiegeln.
Wenn Alice an einem Tag ihre Sorge, dass Trump wiedergewählt wird, mit der Beobachtung begründet, dass die Zustimmung zu seiner Politik hoch ist, obwohl er schlechte Politik macht, dann ist es nicht vernünftig, wenn sie sie am nächsten Tag sagt, dass sie vermutet, Trump würde nicht wiedergewählt werden, weil seine Politik immer schlechter wird. Es hat sich an der Begründung für ihre gestrige Sorge nicht viel geändert, also muss auch die Vermutung über das, was geschehen wird, ungefähr gleich bleiben. Allerdings gilt das nicht immer. Es gilt nur, wenn keine neuen Gründe auftauchen, die die Verschiebung begründen.
Bob als nachsichtiger Zuhörer wird Alice also nach den neuen Gründen fragen, die zu der Verschiebung der Erwartung von Alice geführt haben. Das Prinzip der Kontinuität besagt genau genommen nicht, dass eine leichte Verschiebung der Gründe immer nur eine leichte Verschiebung der Erwartungen erlauben darf, sondern dass es vernünftig ist, bei stärkeren Verschiebungen weitere Gründe zu fordern oder zu suchen, die die Diskontinuität begründen.
Verlässlichkeit
Das Prinzip der Kontinuität des Begründens ermöglicht es, unsere Gesprächspartner nicht nur als wahrhaftig und nachsichtig, sondern auch als verlässlich in ihrer Logik anzusehen. Diese drei Eigenschaften vernünftiger Teilnehmer an einer Diskussion genügen als Voraussetzung dafür, dass ein Gespräch über Erwartungen und deren Gründe erfolgreich sein kann. Weitere Bedingungen sind nicht erforderlich, schon gar nicht die Akzeptanz formaler abstrakter Regeln des Argumentierens. Mit diesen drei Voraussetzungen werden wir in den weiteren Teilen dieser Serie die Details einer Logik des vernünftigen Sprechens untersuchen.
Bevor wir das tun, müssen wir uns aber noch über eine Frage Gedanken machen: Was ist, wenn eine oder zwei dieser Voraussetzungen fehlen? Die Voraussetzung der Wahrhaftigkeit ist unabdingbar, wenn ich annehme, dass mein Gesprächspartner lügt oder täuscht, ist ein vernünftiges Gespräch nicht möglich. Ich kann natürlich versuchen, ihm die Lüge nachzuweisen, aber mit welchem Ziel? Er wird es ohnehin immer bestreiten. Anders ist es mit den Voraussetzungen der Nachsicht und der Verlässlichkeit. Hier hilft, wenn man der Meinung ist, dass diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, natürlich der Appell an den Gesprächspartner, dass es vernünftig ist, nachsichtig und verlässlich zu argumentieren. Das kann man jedoch nicht erzwingen. Man kann auch dann weiter diskutieren, wenn diese Bedingungen fehlen, ob das allerdings zu einem gelingenden Gespräch führt, muss man bezweifeln.
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Richtig streiten #4: Prinzipien und die herrschende Meinung
Die Logik des Begründens von Meinungen soll uns in dieser Serie beschäftigen. Dazu müssen jedoch immer noch einige Vorarbeiten geleistet werden, die das Feld, auf dem diese Logik wirkt, genauer beschreiben und damit den Gegenstand, das vernünftige Streiten um Meinungen, erst einmal hinreichend genau bestimmen. Schon diese Beschreibung liefert uns wertvolle Einsichten, auch wenn sie noch nicht die Logik des Streitens sind.
Im ersten Teil dieser Serie hatte ich das vernünftige Sprechen durch die Bereitschaft des Sprechers bestimmt, für seine Meinung Begründungen anzugeben. Das begründete Sprechen hatte ich mit dem vernünftigen Sprechen identifiziert und die Ablehnung der Angabe von Gründen als unvernünftig gekennzeichnet.
Allerdings kennen wir im Alltag viele Situationen, in denen eine Person es als absurd empfindet, Begründungen für ihre Meinung angeben zu sollen. Häufig stimmt sie darin mit der Mehrzahl derer überein, die sich an dem Gespräch beteiligen, in welchem die Meinung geäußert wurde.Golfspieler vor einem Waldbrand
Ein aktuelles Beispiel soll das erläutern: Vor einigen Tagen (die Erstveröffentlichung dieses Beitrags war am 10. Dezember 2018) wurde in sozialen Online-Netzwerken häufig ein Bild gepostet, auf dem Personen beim Golfspiel zu sehen waren, während im Hintergrund ein Wald brannte. Ein verlinkter Artikel erläuterte, dass das Bild anlässlich der aktuellen Waldbrände in den USA aufgenommen worden war und dass die Golfspieler durch einen Fluss von dem brennenden Waldgebiet getrennt waren.
Die Kommentatoren zu diesem Bild waren ziemlich einhellig der Meinung, dass sich die Golfspieler falsch verhalten. Mehr noch: Für viele war das Bild ein klares Symbol dafür, dass auf der Welt, in der Gesellschaft, etwas völlig falsch laufe. Das Golfspielen in Sichtweite eines Waldbrandes wurde einhellig abgelehnt, die Reaktionen reichten von Unverständnis für die Golfspieler bis zu offener Empörung über ihr Verhalten. Diese Meinungen wurden nicht begründet oder erläutert, sondern übereinstimmend und kurz schlicht geäußert.
Wer in so einer Situation nach Begründungen fragt oder nachfragt, was die Personen auf dem Bild denn besseres tun sollten, muss ebenfalls mit Ablehnung rechnen, die von Unverständnis bis Empörung reicht. Nachfragen dieser Art werden für gewöhnlich nicht beantwortet, vielmehr wird die Beantwortung ausdrücklich abgelehnt.
Meinungen, die keiner Begründung bedürfen
Das Beispiel zeigt, dass es Meinungen geben kann, die in den Augen der Person, die sie äußert, keiner Begründung bedürfen. Oft weiß sie sich dabei mit einer Gemeinschaft von Sprechern einig. In dieser Gemeinschaft würde man eher sagen, dass es unvernünftig ist, eine Begründung zu fordern, als dass man es als vernünftig ansieht, hier eine Begründung zu geben.
Müssen wir die Bestimmung des vernünftigen Sprechens als Bereitschaft zur Angabe von Gründen modifizieren? Oder müssen wir sagen, dass ein solches Verhalten des Sprechers und der Gemeinschaft, zu der er gehört, eben unvernünftig ist? Bevor wir uns leichtfertig dafür entscheiden, die Verweigerung einer Begründung für bestimmte Meinungen als unvernünftig anzusehen, sollten wir uns daran erinnern, dass es wohl für jeden zumindest Überzeugungen gibt, für die er die Angabe von Gründen ablehnt. Ich bin z.B. davon überzeugt, dass ich der Sohn zweier konkreter lebender Personen, meiner Eltern, bin. Wenn das jemand bezweifelt, könnte ich zwar Gründe beibringen, würde das aber normalerweise als absurd und überflüssig ansehen und wohl auch ablehnen. Genauso bin ich gemeinsam mit vielen Menschen in meiner Umgebung davon überzeugt, dass die Erde schon seit einem sehr langen Zeitraum existiert. Auch dafür gilt: Wenn das jemand bestreitet, könnte ich zwar Begründungen heraussuchen und angeben, aber ich würde es doch, wohl in Übereinstimmung mit vielen meiner Freude und Bekannten, als unsinnig ansehen. Vielmehr würden wir uns fragen, was mit demjenigen, der da Zweifel hat, nicht in Ordnung ist.
Was für solche Überzeugungen gilt, gilt auch für Meinungen. Mit vielen anderen bin ich der Meinung, dass Meinungsfreiheit eine gute Sache ist, und wir machen uns Sorgen, wenn sie eingeschränkt und verletzt wird. Wenn uns jemand nach Begründungen für unsere Sorge um die Meinungsfreiheit fragt, kann es sein, dass wir ihm mit Unverständnis begegnen und eine Begründung ablehnen.
Schließlich sei erwähnt, dass schon Aristoteles es für einen Mangel an Bildung hielt, für alles Begründungen zu fordern. Zur Vernunft gehört es seiner Meinung nach auch, zu wissen, wann das Fragen ein Ende haben muss.[1] Wir müssen Aristoteles hier nicht zustimmen, aber trotzdem sollten die Beispiele ein Hinweis darauf sein, dass die Ablehnung des Begründens nicht unbedingt unvernünftig ist. Das Prinzip der Nachsichtigkeit sollte uns auf der Suche nach einer vernünftigen Interpretation einer solchen Ablehnung leiten.
Genau genommen ist das Verhalten unserer Sprecher nämlich gar keine Verweigerung des Begründens. Als Grund wird jeweils eine andere Meinung angegeben, die lautet: „Ich bin sicher, dass diese Überzeugung keiner weiteren Begründung bedarf. Und die Gemeinschaft der Sprecher, zu der ich gehöre, zeigt mir mit ihrer Zustimmung, dass ich damit recht habe. Wenn du da Zweifel anmeldest, müsstest du deinerseits erst einmal sagen, wie du deinen Zweifel begründest.“[2]
Die Verweigerung einer Begründung für eine Meinung kann also durchaus selbst als Begründung angesehen werden. Sie sagt: Diese Meinung bringt eine grundlegende Überzeugung von mir zum Ausdruck, und die Tatsache, dass andere mit mir diese Grundüberzeugung teilen und dass zudem auch diese anderen der Meinung sind, dass das nicht weiter begründet werden muss, zeigt mir, dass meine Meinung selbst begründet ist: In unserem gemeinsamen Grundverständnis davon, was überhaupt richtig sein kann.
„Herrscht“ die Meinung?
Man könnte solche nicht weiter zu begründenden Meinungen als „herrschende Meinungen“ bezeichnen, aber ein solches Verständnis kann auch in die Irre führen. Richtig ist: Wer solche Meinungen nicht anerkennt, wer auch für sie Begründungen fordert, die anders sind als nur Verweise darauf, dass diese Meinung nun mal zu den grundlegenden Überzeugungen der Gemeinschaft gehört, wird zumeist aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen. Insofern „herrscht“ die Meinung.[3] Aber diejenigen, die die Meinung „haben“, müssen sich nicht unterworfen fühlen, sie werden also nicht beherrscht – jedenfalls ist das nicht zwingend.
Das bemerkt man auch, wenn man darüber nachdenkt, was mit einem selbst passiert, wenn eigene grundsätzliche Meinungen in Frage gestellt werden. Wenn Alice eine Meinung vertritt, die etwa mit den moralischen Vorstellungen von Bob nicht übereinstimmt, wird Bob nicht unbedingt sagen können, warum er diese Meinung ablehnt. Schon gar nicht wird er sich auf eine „herrschende Meinung“ berufen. Er weiß aber sicher, dass mit Alices Meinung etwas „nicht stimmt“.
Solche grundsätzlichen Meinungen können auch mit dem Satz begründet werden: „Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der so etwas üblich ist“. Sie haben dann also mit dem moralischen Wertesystem des Sprechers zu tun. Es ist hier nicht der Platz, die Herkunft und die „Wirkungsweise“ sowie die Veränderlichkeit dieses moralischen Kompasses zu untersuchen. Klar ist aber, dass Moral etwas ist, was nicht in jedem Einzelfall begründet werden kann, sondern selbst eine – wenigstens vorläufige – letzte Begründungsinstanz ist.
Das heißt nicht, dass es nicht auch Meinungen gibt, die nur geäußert werden oder denen nur zugestimmt wird, weil sie in der Gemeinschaft, zu der man gehört und gehören will, allgemeiner Konsens sind. Es ist auch möglich, dass die Begründung der Meinung an diese Gemeinschaft delegiert wird, und dass der einzelne es gar nicht für nötig hält, selbst über Gründe für seine Meinung nachzudenken, weil ihm die Tatsache, dass die Gemeinschaft diese Meinung vertritt, schon Grund genug ist. Dann ist es tatsächlich die Meinung, welche herrscht. Niemand konkretes muss die Meinung wirklich begründbar haben, es genügt, dass jeder weiß, dass die anderen diese Meinung auch vertreten werden. So kann ein jeder die betreffende Meinung äußern und kann sich sicher sein, dass die Bestätigung dieser Meinung durch die anderen die eigene Zugehörigkeit zur Gemeinschaft bestärkt.
Eine philosophische Unzufriedenheit
Aus philosophischer Perspektive können wir mit dieser Situation natürlich überhaupt nicht zufrieden sein. Zwar müssen wir zunächst akzeptieren, dass es einerseits Meinungsäußerungen gibt, die sich allein auf grundsätzliche Wertesysteme berufen, und andererseits solche, die sich nur auf den Konsens der Gemeinschaft stützen. Da aber weder die Grundüberzeugungen des Einzelnen noch der Konsens einer Gemeinschaft für einen Dritten überzeugend sein müssen, stellt sich die Frage, wie der Streit mit einem Dritten möglich ist, der diese Überzeugungen und diesen Konsens eben nicht teilt. Der Streit mit einem solchen Dritten führt womöglich dazu, dass der Konsens und die Grundüberzeugungen sich verschieben oder wenigstens fragwürdig werden. Das würde zu einer Logik des Streitens dazugehören.
Zum anderen haben die Überlegungen dieses Textes gezeigt, dass es offenbar ganz verschiedene Arten des vernünftigen Begründens gibt, die genauer differenziert werden müssen. Es gibt Begründungen, die Gründe für Meinungen geben sollen, die selbst wieder Meinungen sind. Mit diesem Begründen verbleiben wir in der sprachlichen Sphäre. Dann gibt es aber auch Begründungen, die diese Sphäre verlassen: das eigene moralische System, der Konsens der Gemeinschaft. Diese Begründungen verweisen auf noch andere Sphären. So kann es z.B. um die Stabilität der Gemeinschaft oder um das persönliche Wohlbefinden gehen. Außersprachliche Gründe wirken sicherlich auf andere Weise auf den Streit zurück als sprachliche. Das wird noch genauer zu untersuchen sein.
[1] Aristoteles spricht in der Metaphysik (4. Buch, Kapitel 4) über die grundlegendsten Prinzipien der Wissenschaft. Er schreibt: „Manche verlangen nun aus Mangel an Bildung, man solle auch dies beweisen; denn Mangel an Bildung ist es, wenn man nicht weiß, wofür ein Beweis zu suchen ist, und wofür nicht“ (1006a). Das, was Aristoteles (genauer, sein Übersetzer) hier „Bildung“ nennt, könnte man genauer als die Ausbildung und Einübung der Normen einer Gemeinschaft bezeichnen. Für uns interessant ist, dass diejenigen Überzeugungen, die keines Beweises bedürfen, von Aristoteles als die „Prinzipien“ bezeichnet werden. Ein Begriff, der uns im alltäglichen Sprachgebrauch auch heute genau in diesem Sinne begegnet. „Ich habe meine Prinzipien“ ist ein Verweis auf eben solche Grundüberzeugungen, an denen jemand festhält und die er nicht weiterführen begründungsbedürftig hält.
[2] Wir werden uns mit der Logik des Zweifels später noch genauer beschäftigen. Hier möchte ich schon einmal den Hinweis auf Ludwig Wittgensteins „Über Gewissheit“ geben, von dem ich auch die Art dieser Beispiele übernommen habe.
[3] Martin Heidegger spricht im §27 von Sein und Zeit von der „Diktatur“ des Man. „Weil Das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. Das Man kann es sich gleichsam leisten, dass ‚man‘ sich ständig auf es beruft.“
