Man muss José Antonio Kast lassen: Er hat Wort gehalten – zumindest in dem einen Punkt, in dem es ihm niemand zugetraut hätte. Der Mann, der im Wahlkampf vom „Ausnahmezustand“ sprach und dessen Vater im Zweiten Weltkrieg als Offizier in der Wehrmacht diente und 1950 nach Chile auswanderte1, regiert seit dem 11. März 2026 grundsolide. Sein Stil erinnert nicht an einen südamerikanischen Irrwisch mit gelegentlichen exzentrischen Anwandlungen, wie man es aktuell im Nachbarland Argentinien erlebt, sondern an einen oberbayerischen Provinzverwaltungsjuristen mit Rosenkranz in der Schreibtischschublade. Kein Kettensägen-Auftritt auf der Bühne, keine Schimpfkanonaden auf korrupte Eliten, kein Dauerfeuer auf Social Media. Stattdessen: Haushaltskonsolidierung, Ausgabenkürzungen, Steuersenkungen – das ordentliche, etwas humorlose Handwerk der klassischen liberal-konservativen Schule, wie man es früher, vor der Erfindung des politischen Trollings, für Politik hielt.2 Man könnte geradezu sagen, Chile wird von einem habituellen Wiedergänger Edmund Stoibers regiert und nicht von einer Kopie von Javier Milei.
Das ist bemerkenswert, denn „solide“ ist genau das, was Kast nicht sein wollte, als er bei der Wahl im Dezember 2025 gut 58 Prozent der Stimmen holte und alle sechzehn Regionen Chiles gewann.3 Die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik attestiert ihm einen „zurückhaltenden Stil“, der seine Regierungsführung – man höre und staune – „weniger disruptiv“ ausfallen lasse als jene von Donald Trump oder die des argentinischen Präsidenten Javier Milei.4 Ein lateinamerikanischer Präsident, der sich heutzutage weigert, öffentlich Kraftausdrücke zu benutzen oder die Kamera anzuschreien. Fast schon subversiv.
Die Bilanz: solide Buchhaltung, wacklige Basis
Nur: Regieren ohne Exzentrik hat in Lateinamerika offenbar seinen Preis, und der wurde in Umfragen bereits kassiert. Der politische Kredit schmolz schnell: Während Kast die Stichwahl mit gut 58 Prozent gewonnen hatte, lag seine Zustimmung nach rund hundert Tagen je nach Umfrage nur noch zwischen 34 und 44 Prozent; die Criteria-Erhebung wies 39 Prozent aus.5 Nach 69 Tagen musste bereits Sicherheitsministerin Trinidad Steinert gehen – ausgerechnet jenes Ressort, das im Wahlkampf das Herzstück von Kasts Versprechen war, die irreguläre Migration einzudämmen und für mehr Ordnung im Land zu sorgen.6 Die von der Vorgängerregierung geplante Regularisierung von rund 182.000 Migranten wurde zwar gestoppt, zudem begann die Regierung mit einem „Plan Escudo Fronterizo“, der unter anderem Gräben, technische Überwachung und einen verstärkten Militäreinsatz an der Nordgrenze vorsieht.7 Aber der große, spürbare Umbruch, den viele Wähler erwartet hatten, blieb bislang aus. Kast regiert außerdem ohne eigene parlamentarische Mehrheit; auch das Mitte-rechts-Lager kann im Kongress nicht einfach durchregieren.8 Für zentrale Reformen braucht er deshalb Kompromisse. Kompromissbereitschaft aber gehörte bislang nicht zu den Eigenschaften, die Kast im Wahlkampf demonstriert hat. Und für die politische Linke im Land ist Kast so etwas wie der Gottseibeiuns. Zumindest dort dürfte es auch künftig wenig Bereitschaft zum politischen Entgegenkommen geben.
Das Milei-Problem
Dabei ist die eigentliche Ironie der chilenischen Gegenwart: Ein erheblicher Teil von Kasts Anhängerschaft hatte sich, offen gesagt, etwas mehr von dem gewünscht, was der Argentinier Milei in seinem Werkzeugkasten hat. Knallharte Rhetorik, Tempo, Symbolik, das Gefühl, dass endlich „durchregiert“ wird. Stattdessen bekamen sie Doppelhaushalt und Dekretprüfung. Ob dem einstigen Manager im Familienunternehmen, dessen Wohlstand ausgerechnet auf einer Wurstwarenmarke namens Bavaria beruht, das schadet? Vermutlich ja – zumindest kurzfristig.9 Populismus lebt von der Inszenierung des Kampfes, nicht vom Ergebnis; Milei selbst beweist jedenfalls, dass auch das theatralische Modell keine Wunder liefert: Die argentinische Jahresinflation lag im Juli 2026 noch bei 33,8 Prozent, während seine Zustimmung in mehreren aktuellen Umfragen nur im niedrigen bis mittleren 30-Prozent-Bereich lag.10 Das theatralische Modell liefert also vor allem bessere Bilder. Kast hat sich, vielleicht aus Temperament, vielleicht aufgrund seiner Bewunderung für deutsche Disziplin, vielleicht aus seiner tiefen Verankerung im katholischen Glauben (was Kast nun tatsächlich mit dem früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber verbindet), in dem Maßhalten als Tugend gilt, für die unspektakulärere Variante entschieden: Politik als Verwaltung statt als Dauerkrise. Das ist staatstragender. Es ist nur leider nicht das, wofür man ihn gewählt hat.
Ferndiagnose aus Berlin: Der deutsche Bruder im Geiste
Wer an dieser Stelle mitleidig auf Kasts Regierungssitz „La Moneda“ herabblicken möchte, sei an den deutschen Bundeskanzler erinnert. Auch Friedrich Merz trat mit dem Versprechen an, in der Migrationspolitik für Ordnung zu sorgen – und musste schon früh erleben, wie ihm die Zustimmungswerte davonliefen. Nach 100 Tagen waren nur 32 Prozent mit seiner Arbeit zufrieden; Olaf Scholz hatte zum vergleichbaren Zeitpunkt noch deutlich besser abgeschnitten.11 Der Vergleich mit Kast drängt sich auf: Bei beiden entscheidet sich ein erheblicher Teil ihrer politischen Glaubwürdigkeit an Migration und Sicherheit. Der feine Unterschied: Kast setzte an der Grenze früh konkrete Maßnahmen in Gang.7 Merz führte vor allem öffentliche Debatten – mit Sprachbildern, die häufig kritisiert wurden –, während seine Umfragewerte weiter sanken. Ansonsten vertraut der deutsche Kanzler auf das Geschick seines Innenministers, der seine Vorhaben innerhalb der Koalition immer wieder abstimmen muss. Am Ende treffen sich die einstigen konservativen Hoffnungsträger aus Chile und Deutschland auf halbem Weg zwischen Enttäuschung und Ernüchterung: gewählt als Ordnungsmacht, wahrgenommen als Verwaltungsmacht.
Perspektiven
Was bleibt, ist eine Wette auf die Geduld der Wähler. Klassische liberal-konservative Politik – Haushaltsdisziplin, Rechtsstaat, schrittweise Reform – ist selten spektakulär, aber gegenüber einem permanent inszenierten Kettensägenkurs potenziell nachhaltiger. Ob Kast diesen Kredit bei seiner eigenen Wählerschaft bekommt, ist offen; ohne Kongressmehrheit und mit einer Basis, die auf schnelle Erfolge in Sicherheit und Migration wartet, bleibt sein Spielraum schmal. Sollte er scheitern, wird ihm die Geschichte vermutlich ausgerechnet das ankreiden, was liberale Beobachter in Europa eigentlich loben müssten: dass er es, ganz undiktatorisch, mit Gesetzen statt mit Gesten versucht hat.
Fußnoten / Quellen
1 Munzinger Archiv, „José Antonio Kast“: Biografische Angaben zu Michael Kast Schindele (Wehrmachtsoffizier, Emigration 1950) und zur Familie Kast; abgerufen am 24.08.2026. https://www.munzinger.de/register/portrait/biographien/kast%20jose%20antonio/00/34077
2 EFE, „Kast’s first 100 Days in Chile: Unrealistic promises, search for a security breakthrough“, 18.06.2026; Reuters, „Chile’s Kast launches legislative agenda as he seeks to restore popularity“, 01.06.2026. https://efe.com/english/latest-news/2026-06-18/kasts-first-100-days-in-chile/ ; https://www.reuters.com/world/americas/chiles-kast-launches-legislative-agenda-he-seeks-restore-popularity-2026-06-01/
3 Servicio Electoral de Chile (Ergebnis wiedergegeben u. a. bei Chilevisión): Kast gewann die Stichwahl vom 14.12.2025 mit rund 58,17 Prozent und lag in allen 16 Regionen vorn. https://www.chilevision.cl/noticias/nacional/kast-gano-en-todas-las-regiones-las-unicas-comunas-en-las-que-triunfo-jara-en-las-elecciones-2025/amp/
4 Stiftung Wissenschaft und Politik (Claudia Zilla), „Machtwechsel in Chile. Zwischen radikalem Wandel und institutioneller Pfadabhängigkeit“, SWP-Aktuell 2026/A 13, 12.03.2026. https://www.swp-berlin.org/publikation/machtwechsel-in-chile
5 Criteria, „Agenda Criteria 21 Junio 2026“: 39 Prozent Zustimmung, gleitender Vier-Wochen-Wert 38 Prozent; ergänzend CEP 34 Prozent und Cadem 44 Prozent. https://www.criteria.cl/agenda/agenda-criteria-21-junio-2026/
6 Emol, „A poco más de cuatro meses: Las 36 autoridades que han salido del Gobierno de Kast…“, 29.07.2026: Sicherheitsministerin Trinidad Steinert schied nach 69 Tagen aus dem Amt. https://www.emol.com/noticias/Nacional/2026/07/29/1206941/salidas-renuncias-autoridades-gobierno-kast.html
7 AFP, 30.03.2026, zum Stopp der Regularisierung von rund 182.000 Migranten; Reuters, 17.03.2026, zum Beginn der Grenzsicherungsmaßnahmen mit Gräben und verstärktem Militäreinsatz. https://www.youtube.com/watch?v=sAEDxceQddg ; https://www.reuters.com/world/americas/chile-begins-construction-anti-migration-trenches-peru-border-2026-03-17/
8 Reuters, „Chile elects Kast as president in sharp rightward shift“, 14.12.2025: geteilter Kongress; der Senat war politisch ausgeglichen, im Abgeordnetenhaus fehlte Kast eine sichere Mehrheit. https://www.reuters.com/world/americas/chile-votes-presidential-race-expected-lurch-country-right-2025-12-14/
9 La Tercera, „La ruta de los dineros de José Antonio Kast“: Kast arbeitete im Familienunternehmen und leitete dessen Immobilienzweig; der Familienwohlstand beruht u. a. auf Cecinas Bavaria. https://www.latercera.com/la-tercera-domingo/noticia/la-ruta-los-dineros-jose-antonio-kast/804622/
10 INDEC: Verbraucherpreise Juli 2026 +2,1 Prozent gegenüber dem Vormonat; 33,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aktuelle Umfragen meldeten für Milei Zustimmungswerte von rund 31 bis 37 Prozent. https://www.indec.gob.ar/Nivel4/Tema/3/5/31 ; https://bloomberglinea-bloomberglinea-prod.cdn.arcpublishing.com/latinoamerica/argentina/desaprobacion-de-milei-sube-al-624-segun-una-encuesta-de-atlasintel-para-bloomberg/
11 RND, „Bundesregierung von Friedrich Merz: Bilanz der ersten 100 Tage“, 13.08.2025: 32 Prozent Zufriedenheit mit Merz nach 100 Tagen gegenüber 51 Prozent bei Scholz zum gleichen Zeitpunkt. https://www.rnd.de/politik/bundesregierung-von-friedrich-merz-bilanz-der-ersten-100-tage-S2TNZXDWINA33CDA5CZLCXOGOI.html





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