Autor: Henning Hirsch

  • Bevor Star Wars kam, war Valerian schon lange da

    Bevor Star Wars kam, war Valerian schon lange da

    „Wir schreiben das Jahr 2720. Galaxity ist die Hauptstadt der Erde und des gesamten irdischen Machtbereichs in der Galaxie.“

    Mit diesem Satz beginnt 1967 eine der ungewöhnlichsten Science-Fiction-Sagas der Comicgeschichte. Kein Knall, kein Angriff einer außerirdischen Flotte, kein Held mit Superkräften. Stattdessen eine nüchterne Beschreibung einer fernen Zukunft: Die Menschheit hat die Grenzen des eigenen Planeten längst überwunden, Zeitreisen sind möglich, unbekannte Welten warten darauf, entdeckt zu werden.

    Und irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft sind zwei Agenten unterwegs, die im Auftrag des Raum-Zeit-Service das Gleichgewicht der Geschichte bewahren sollen: Valerian und Laureline.

    Eine Serie, die in Deutschland viele Leser allerdings zunächst unter einem anderen Namen kennenlernten: Valerian und Veronique. Warum aus der französischen Laureline eine deutsche Veronique wurde, gehört zu den zahlreichen Kuriositäten der deutschen Comicgeschichte.

    Vom Jugendzimmer ins Weltall

    Meine erste Begegnung mit den beiden Raumzeitagenten fand Anfang der 70er Jahre statt, als die Serie im Magazin ZACK erschien. Damals war die Welt der Comics noch eine andere. Man wartete eine Woche auf die nächste Fortsetzung, verschlang die großformatigen Seiten und ließ sich von Zeichnungen verführen, die größer waren als die eigene Fantasie.

    Heute wirkt das fast altmodisch.
    Damals war es Magie.

    Denn Valerian war kein Comic, den man einfach las und wieder weglegte. Diese Welten blieben im Kopf. Die fremden Wesen, die gigantischen Städte, die unbekannten Planeten – alles fühlte sich an wie eine Einladung, selbst durch das Universum zu reisen.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Zwei Freunde, zwei Talente, ein Universum

    Dass Valerian & Laureline überhaupt entstehen konnte, ist fast so ungewöhnlich wie die Geschichten selbst.

    Pierre Christin und Jean-Claude Mézières wurden beide 1938 geboren und lernten sich bereits als Kinder kennen – in einer denkbar ungewöhnlichen Situation. Während des Zweiten Weltkriegs saßen die beiden Jungen in einem Luftschutzkeller im Osten von Paris, während allierte Bombenangriffe die, von der Wehrmacht besetzte, Stadt erschütterten. Aus dieser ersten Begegnung entwickelte sich eine Freundschaft, die Jahrzehnte später zur Geburtsstunde einer der bedeutendsten europäischen Science-Fiction-Serien führen wird.

    Nach dem Krieg gingen die beiden zunächst unterschiedliche Wege. Pierre Christin interessierte sich für Literatur, Politik und gesellschaftliche Zusammenhänge. Er studierte an der Sorbonne und wurde später Professor für Journalismus und Kommunikation. Seine große Stärke lag in den Geschichten: in den Ideen, den politischen Hintergründen und den Fragen, die hinter den Abenteuern standen.

    Jean-Claude Mézières dagegen fand seine Heimat im Zeichnen. Er besuchte das Institut des Arts Appliqués in Paris und entwickelte früh eine besondere Leidenschaft für Comics und Illustration. Wie viele Künstler seiner Generation zog es ihn in den 60er Jahren in die USA. Dort arbeitete er unter anderem als Illustrator und lernte die amerikanische Comic- und Popkultur aus nächster Nähe kennen.

    Der entscheidende Moment kam Mitte der 60er Jahre. Beide hielten sich unabhängig voneinander in den Vereinigten Staaten auf und verabredeten sich für ein Treffen am Großen Salzsee in Utah. Dort entstand die Idee, gemeinsam eine Science-Fiction-Serie zu entwickeln. Die Inspirationen waren vielfältig: klassische Science-Fiction-Filme wie „Alarm im Weltall“ („Forbidden Planet“), „Metaluna IV antwortet nicht“ („This Island Earth“), die fantastische Welt von „Barbarella“ sowie die Romane von Autoren wie Isaac Asimov, Alfred E. van Vogt und John Wyndham.

    Doch Christin und Mézières kopierten ihre Vorbilder nicht. Sie entwickelten etwas Eigenständiges. 1967 erschien in der französischen Comiczeitschrift „Pilote“ die erste Geschichte „Schlechte Träume“. Was zunächst wie ein klassisches Weltraumabenteuer beginnt, entwickelt sich im Lauf weniger Jahrezu einer intelligenten Mischung aus Science-Fiction, Gesellschaftskritik, Satire und philosophischer Betrachtung.

    Christin lieferte die komplexen Welten und die politischen Untertöne. Mézières gab diesen Welten ein unverwechselbares Gesicht. Seine Zeichnungen waren gleichzeitig futuristisch und lebendig. Seine Städte wirkten nicht wie sterile technische Konstruktionen, sondern wie gewachsene Organismen. Seine Außerirdischen waren nicht einfach Monster oder exotische Staffage, sondern eigenständige Kulturen mit individuellen Formen, Lebensweisen und Geschichten. Gemeinsam erschufen die beiden Freunde über vier Jahrzehnte mehr als zwanzig Abenteuer von Valerian und Laureline. Eine bemerkenswerte Zusammenarbeit: ein Autor, der über die Zukunft nachdachte, und ein Zeichner, der ihr ein Gesicht gab.

    Oder anders gesagt: Pierre Christin erfand die Fragen.
    Jean-Claude Mézières zeigte uns die Welten, in denen sie gestellt wurden.

    Chronologie einer außergewöhnlichen Saga

    Christin und Mézières erweiterten den Handlungsraum der Serie über vier Jahrzehnte hinweg. Insgesamt entstanden mehr als zwanzig Abenteuer, in denen sich nicht nur die Figuren veränderten, sondern auch die gesamte Erzählweise.

    Die frühen Geschichten waren noch stark vom klassischen Abenteuercomic geprägt.

    Im ersten Abenteuer „Schlechte Träume“ (1967) lernen wir Valerian kennen, einen Raumzeitagenten aus dem 28. Jahrhundert. Während seiner Mission verschlägt es ihn ins mittelalterliche Frankreich des Jahres 1000. Dort trifft er auf Laureline, ein Bauernmädchen, das ursprünglich nur eine Nebenfigur sein sollte – und später zur zweiten Hauptfigur der Serie wird. Schon hier zeigt sich eine Idee, die Valerian später auszeichnen wird: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind keine getrennten Welten. Alles hängt miteinander zusammen.

    Mit „Die Stadt der tosenden Wasser“ (1968) entwickelt sich die Serie deutlich weiter. Die Geschichte führt die Leser in ein zerstörtes New York des Jahres 1986. Nach einer Katastrophe steigt der Meeresspiegel, ganze Kontinente verschwinden, die Zivilisation zerbricht. Was heute angesichts von Klimawandel und Umweltkrisen erstaunlich aktuell wirkt, war damals eine visionäre Dystopie. Valerian und Laureline müssen verhindern, dass ein Eingriff in die Vergangenheit die Entstehung ihrer eigenen Gegenwart unmöglich macht.

    Mit dem dritten Album „Im Reich der tausend Planeten“ (1969) verlässt die Serie endgültig die Erde. Es beginnt die kosmische Phase von Valerian. Syrtis Magnificus, ein gigantisches Reich aus unzähligen Welten, wird zum Schauplatz eines Abenteuers, das weniger an klassische Weltraumschlachten erinnert als an eine Mischung aus Fantasy, orientalischem Märchen und politischer Allegorie. Hier zeigt sich erstmals die ganze Stärke von Mézières’ Zeichenkunst: fremdartige Kulturen, bizarre Wesen, fantastische Landschaften – eine Galaxis, die nicht wie eine sterile Zukunft wirkt, sondern lebendig und voller Überraschungen.

    Auf Syrtis Magnificus zeigten Christin und Mézières, dass Science Fiction nicht nur aus Raumschlachten besteht. Szenen wie der schwebende Blumenregen gehören bis heute zu den poetischsten Momenten der europäischen Comicgeschichte.
    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Die Serie wird erwachsen

    In den folgenden Jahren lösen sich Christin und Mézières zunehmend vom reinen Abenteuerformat.

    „Das Land ohne Sterne“ (1972) führt die Helden auf einen Planeten, der von zwei verfeindeten Gesellschaften beherrscht wird. Schon hier geht es nicht mehr nur um Action, sondern um politische Systeme, Ideologien und die Frage, ob Konflikte zwischen Kulturen zwangsläufig sind.

    Mit „Willkommen auf Alflolol“ (ebenfalls: 1972) gelingt einer der großen Klassiker der Reihe. Die Geschichte erzählt von einem Volk, das nach langer Abwesenheit auf seinen ursprünglichen Heimatplaneten zurückkehrt – nur um festzustellen, dass Menschen ihn inzwischen wirtschaftlich nutzen. Eine Science-Fiction-Geschichte über Kolonialismus, Vertreibung und die Frage, wem ein Planet eigentlich gehört.

    Es ist bemerkenswert, wie früh Valerian Themen aufgreift, die Jahrzehnte später zum festen Bestandteil moderner Science-Fiction werden.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Die politische Phase

    In den 70er und 80er Jahren wird Valerian immer komplexer.

    „Botschafter der Schatten“ (1975) gilt vielen Fans als einer der Höhepunkte der gesamten Serie. Auf der Raumstation Point Central (so was wie die UN der gesamten Galaxie) treffen Vertreter zahlloser Spezies zusammen. Ein politischer Anschlag bedroht das fragile Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Völkern. Was zunächst wie ein klassisches Kriminalabenteuer im All wirkt, entpuppt sich als kluge Parabel über Diplomatie, Vorurteile und die schwierige Suche nach Verständigung.

    Gerade solche Geschichten unterscheiden Valerian von vielen anderen Science-Fiction-Werken. Während Star Wars den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse inszeniert, interessiert sich Valerian für die Grauzonen dazwischen.

    Nicht jeder Fremde ist ein Feind.
    Nicht jede Zivilisation hat die gleiche Vorstellung davon, was Fortschritt bedeutet.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Der große Bruch: Galaxity verschwindet

    Einen dramatischen Wendepunkt bildet der Zyklus um die Zukunft der Erde.

    In „Die Geister von Inverloch“ und „Der Zorn der Hypsis“ (1984/85) steht plötzlich nicht mehr irgendein ferner Planet im Mittelpunkt, sondern die eigene Heimat der Helden. Die Erde und Galaxity geraten in eine existenzielle Krise.

    Der Raum-Zeit-Service, Symbol der menschlichen Kontrolle über Zeit und Raum, beginnt zu zerfallen. Ausgerechnet die Agenten, die Jahrzehnte lang für die Stabilität der Geschichte gearbeitet haben, müssen erkennen, dass ihre eigene Welt nicht unantastbar ist.

    Diese Entwicklung macht die Serie ungewöhnlich erwachsen. Die Zukunft ist nicht automatisch besser als die Gegenwart. Auch hochentwickelte Zivilisationen können scheitern.

    Galaxity, die Hauptstadt der Erde im 28. Jahrhundert, bildet den Ausgangspunkt der Abenteuer von Valerian und Laureline. Von hier aus beginnt eine der außergewöhnlichsten Science-Fiction-Sagas der Comicgeschichte.
    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Eine Saga über Veränderung

    In den späteren Alben wird Valerian endgültig zu einer Geschichte über Verlust und Neubeginn.

    Die Figuren sind nicht mehr dieselben wie am Anfang. Valerian und Laureline werden älter, ihre Beziehung verändert sich, die Grenzen zwischen Held und Beobachter verschwimmen. Die großen Weltenrettungen treten zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen geht es um Identität, Erinnerung und die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält.

    Deshalb funktioniert die Serie noch heute.
    Denn hinter all den Raumschiffen, Aliens und Zeitreisen steckt immer eine sehr menschliche Geschichte.

    © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

    Als Hollywood nach Frankreich blickte

    Wer heute alte Valerian-Alben durchblättert, erlebt ein merkwürdiges Déjà-vu. Da tauchen Raumstationen auf, die an Coruscant erinnern. Riesige Handelsmetropolen voller fremder Spezies. Piloten in schnittigen Gleitern. Maskierte Gestalten, deren Silhouetten verdächtig vertraut wirken. Händler mit langen Ohren und grotesken Gesichtern. Eine Prinzessin mit Frisur, die Leia gut gestanden hätte. Und ein in einer harten Masse konservierter Held – Jahre bevor Han Solo in Karbonit eingefroren wurde.

    Natürlich wäre es vermessen zu behaupten, George Lucas habe Star Wars einfach bei Pierre Christin und Jean-Claude Mézières abgeschrieben. Lucas nannte als Einflüsse immer wieder die Flash-Gordon-Serials, Akira Kurosawa oder Joseph Campbells Heldenmythos. Doch ebenso wenig lässt sich übersehen, dass die französischen Valerian-Alben bereits seit 1967 Bilder und Ideen präsentierten, die Jahre später in der weit, weit entfernten Galaxis erstaunlich vertraut wirkten. Comic-Historiker und Filmjournalisten haben diese Parallelen immer wieder herausgearbeitet – von der Architektur futuristischer Metropolen über einzelne Figurenentwürfe bis hin zu Raumschiffen und ikonischen Szenen. Eine offizielle Bestätigung blieb zwar aus, doch die Übereinstimmungen sind zahlreich genug, um zumindest von einer bemerkenswerten visuellen Verwandtschaft zu sprechen.

    Noch deutlicher ist der Einfluss auf Luc Besson. Der französische Regisseur war bekennender Valerian-Fan und träumte jahrzehntelang davon, die Serie zu verfilmen. Weil die Tricktechnik der 1980er und frühen 1990er Jahre dafür noch nicht ausreichte, verwirklichte er zunächst eine Art Fingerübung: Das fünfte Element. Jean-Claude Mézières selbst entwarf dafür Konzeptzeichnungen und arbeitete am visuellen Design des Films mit. Wer sich beide Werke anschaut, erkennt sofort die Familienähnlichkeit: die schwindelerregenden Megastädte, die überfüllten Flugkorridore, die Vielfalt außerirdischer Kulturen und die Vorstellung einer Zukunft, die nicht steril, sondern chaotisch, laut und voller Leben ist.

    Zwanzig Jahre später erfüllte sich Besson schließlich seinen Lebenstraum und verfilmte mit Valerian – Die Stadt der tausend Planeten das Werk seiner Jugend. Visuell war der Film oft atemberaubend. Manche Einstellungen wirkten, als hätten sich Mézières‘ Zeichnungen direkt von den Comicseiten gelöst. Doch genau darin lag auch das Problem. Besson gelang es zwar, die Bildgewalt der Vorlage einzufangen, nicht aber ihren Geist. Die intelligente Mischung aus Abenteuer, Gesellschaftskritik und feinem Humor wich einem Effektfeuerwerk, das zwar staunen ließ, emotional aber erstaunlich kühl blieb. Hinzu kam eine für viele Zuschauer wenig überzeugende Chemie der beiden Hauptdarsteller. So entstand ein Film, der das Auge überwältigte, das Herz der Comicfans jedoch nur selten erreichte.

    Doch der Einfluss Valerians endet nicht bei Lucas und Besson, Auch James Camerons Avatar erinnert in seiner Vorstellung fremder, ökologisch geprägter Welten und eigenständiger außerirdischer Kulturen an Ideen, die Christin und Mézières Jahrzehnte zuvor ersonnen hatten. Ebenso finden sich Spuren von Galaxity in modernen Space Operas, deren Stärke weniger in Raumschlachten als im Worldbuilding liegt – in der Kunst also, glaubwürdige Zivilisationen zu erschaffen, die weit über bloße Kulissen hinausgehen. Ob bewusst oder unbewusst: Viele Bilder, die wir heute für typisch Science Fiction halten, tauchten zuerst in den Panels von Jean-Claude Mézières auf.

    Valerian hat das Space-Opera-Genre nie so dominiert wie Star Wars. Geprägt hat die Serie es dennoch. Viele ihrer Ideen sind längst Teil unseres kollektiven Bildgedächtnisses geworden – so selbstverständlich, dass ihr Ursprung oft vergessen wird.

    Bild „Star Wars“ von AdisResic! auf Pixabay

    Mehr als nur ein Comic

    Das größte Verdienst ihrer Schöpfer besteht jedoch darin, gezeigt zu haben, dass gute Science Fiction nicht allein von Technik lebt.

    Sie lebt von Neugier, Fantasie und dem Mut, sich auf das Unbekannte einzulassen.
    Sie lebt von Ideen.Von der Vorstellung, dass hinter dem nächsten Stern eine neue Geschichte wartet. Dass Fremde nicht automatisch Bedrohungen sind. Dass Zukunft nicht nur aus Maschinen besteht, sondern aus Menschen.

    Valerian & Laureline war nie die lauteste Science-Fiction-Saga.
    Aber sicher eine der klügsten.
    Und wer heute eines der alten Alben aufschlägt, merkt schnell: Manche Zukunftsvisionen altern nicht.
    Sie warten einfach darauf, wieder neu entdeckt zu werden.
    +++

    STECKBRIEF

    Originaltitel: Valérian et Laureline (bis 2007: Valérian, agent spatio-temporel)

    Genre: Science Fiction, Space Opera, Zeitreise, Abenteuer

    Schöpfer:
    Pierre Christin (*1938) – Szenario und Text
    Jean-Claude Mézières (1938–2022) – Zeichnungen

    Erstveröffentlichung: 9. November 1967 in der französischen Comiczeitschrift Pilote

    Abschluss der Hauptserie: 2010 (L’OuvreTemps)

    Umfang: 23 reguläre Alben (1967–2010) sowie mehrere Kurzgeschichten, Sonderbände und Begleitpublikationen

    Originalverlag: Dargaud (Frankreich)

    Deutsche Veröffentlichungen
    ZACK (ab 1972): Erste deutschsprachige Veröffentlichung als Fortsetzungscomic.
    Koralle-Verlag: Erste Alben in deutscher Sprache.
    Carlsen Verlag: Ab den frühen 1980er Jahren nahezu vollständige Veröffentlichung der Reihe; später Hardcover-Neuausgaben sowie die Gesamtausgabe.
    Splitter Verlag: Seit 2017 hochwertige Valerian & Veronique – Ultimative Edition in großformatigen Sammelbänden mit umfangreichem Bonusmaterial.

    Deutscher Serienname:
    Ursprünglich Valerian & Veronique – obwohl die weibliche Hauptfigur im französischen Original Laureline heißt. Erst spätere Ausgaben übernahmen den Originalnamen.

    Auszeichnungen (Auswahl):
    Mehrfach ausgezeichnet beim Festival International de la Bande Dessinée d’Angoulême
    Jean-Claude Mézières erhielt 1984 den Grand Prix de la Ville d’Angoulême, die höchste Ehrung des europäischen Comicfestivals.

    Verfilmung:
    Valerian – Die Stadt der tausend Planeten (Valerian and the City of a Thousand Planets, 2017)
    Regie: Luc Besson
    Mit Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Rihanna und Ethan Hawke.

    Bedeutung:
    Valerian & Laureline zählt zu den einflussreichsten europäischen Science-Fiction-Comics. Die Serie prägte Generationen von Zeichnern, Autoren und Filmemachern und gilt als wichtiger visueller und erzählerischer Wegbereiter moderner Science-Fiction-Filme wie Star Wars oder Das fünfte Element.
    +++

    Sämtliche Abbildungen: © Jean-Claude Mézières / Pierre Christin – Valerian & Veronique. Gesamtausgabe Band 1. © Dargaud 2009 sowie Valerian & Veronique. Sammelband 1. © Dargaud 2007 / © Carlsen Verlag GmbH 2011. Abdruck sämtlicher Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags.

  • !Fußball around the clock?

    !Fußball around the clock?

    Wieder einmal ist eine Fußball-Weltmeisterschaft fast vorbei. Zeit für einen Rückblick, wobei wir den gar nicht neu schreiben müssen, denn Henning Hirsch hat schon am Ende der WM in Katar einen Rückblick geschrieben, der noch heute aktuell ist und den wir deshalb als Perle des Kolumnismus noch einmal aus dem Archiv geholt haben. Lesen Sie selbst:

    Das Turnier in Katar ist ausgespielt, Messi hat den Titel im fünften Anlauf in einem ab Minute 70 wirklich spannenden bis hin zu hochdramatischen Finale gegen bärenstarke Franzosen geholt, Weihnachten und der Gaspreisdeckel können nun endlich kommen. Der Ball ruht jetzt eine kurze Zeit lang. In vier Wochen geht es weiter mit der Bundesliga, wo wir alle – so wir nicht Bayern-Fans sind – auf ein Überraschungsteam à la Marokko hoffen, das den Münchnern das Dauerabo auf die Meisterschale entreißen könnte. Aber so wie es Marokko nicht über Platz 4 hinaus geschafft hat, wird es auf absehbare Zeit auch niemand in der Buli schaffen, die Münchner vom Thron zu stoßen. Langeweile ist also angesagt in Deutschland, aber zumindest brauchen wir hier nicht darüber zu diskutieren, wie viele Arbeiter beim Bau unserer Stadien vom Gerüst fielen oder ob Mannschaftskapitäne bunte Armbinden tragen dürfen. Gäbe es eine Weltmeisterschaft für tadellose Haltung – Deutschland würde ganz sicher die Vorrunde überstehen. Aber leider geht’s beim Fußball unterm Strich halt immer darum, vorne mehr Tore als der Gegner zu schießen und hinten Tore zu verhindern. Und in diesen beiden klassischen Disziplinen ist das deutsche Team seit einigen Jahren nur noch bedingt wettbewerbsfähig.

    !Beste WM aller Zeiten?

    Die WM in der Wüste ist seit gestern Geschichte, und auch jemand wie ich, der von den Spielern keine Regenbogenbinden und Hand-vor-den-Mund-halte-Gesten verlangt, sondern einfach nur interessiert zuschaut, wie viele Tore vorne erzielt und hinten verhindert werden, ist froh, dass es jetzt vorbei ist. Die Melancholie nach dem Finale, die Angst vor der K.o.-Runden-leeren Zeit, die sich früher bei mir nach dem letzten Schlusspfiff oft einstellte, gibt es dieses Mal nicht. Aus zwei einfachen Gründen: Weder passt eine WM in den Winter – zumal in einen so kalten Winter wie diesen –, noch sollte sie in Ländern, die über Null Fußballhistorie verfügen, abgehalten werden. Weltmeisterschaften spielt man in West- & Südeuropa, Brasilien und Argentinien. Ausnahmsweise auch mal in Mexiko oder Japan. Aber auf gar keinen Fall am Westrand des Persischen Golfs.

    Ob die FIFA das verstanden hat? Deren Chef Gianni Infantino verkündete am vergangenen Freitag auf einer Pressekonferenz in Doha ein paar durchaus staunenswerte Sachen:

    Die WM …
    (A) … in Katar sei das beste Turnier seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte gewesen (Minimum seit der ersten Olympiade 776 vuZ … Frage des Autors dieser Kolumne: Wie wird das überhaupt gemessen?)
    (B) … müsse in noch viel mehr bisher Fußball-freie Länder exportiert werden (ganz aktuell = 2026 in die USA und Kanada)
    (C) … könne locker mit 48 und mehr Teilnehmern ausgespielt werden (das 48er-Feld für 2026 ist bereits beschlossen).
    Und überhaupt bräuchte es (D) sowieso viel mehr FIFA-Wettbewerbe. Weshalb nun eine Klub-WM mit 32 Teams und zusätzliche Interkontinental-Vergleiche zwischen europäischen, südamerikanischen, afrikanischen etc. Mannschaften in Planung sind.

    Mal abgesehen vom Umstand, dass das aktuelle Turnier stets zum besten aller Zeiten erklärt wird, bevor es dann in vier Jahren vom nächsten allerallerbesten abgelöst wird, Infantino diesbezüglich nur guter alter Funktionärseuphemismus-Tradition folgt, lässt der Rest doch aufhorchen. Noch mehr Teams, noch mehr Wettbewerbe, noch mehr Vergaben in (aus Fußballperspektive) exotische Länder? Was kommt als nächstes: die Reduzierung des zeitlichen Abstands zwischen den Weltmeisterschaften? Weshalb sollte der Titel nicht alle zwei Jahre ausgespielt werden? Beim Eishockey beträgt das Intervall nur 12 Monate. Die WM der Geräteturner:innen findet im 24-Monate-Rhythmus statt. Warum müssen ausgerechnet wir Fußballfans immer geschlagene 4 Jahre auf das nächste globale Event warten? Das ist voll unfair.

    Demnächst in Thailand & Malaysia?

    Da tun sich ungeahnte Möglichkeiten auf: 128 Mannschaften kämpfen 2034 in Thailand & Malaysia in einem drei Monate andauernden Turnier um die Krone des Weltfußballs. In FIFA-internen Expertenzirkeln muss bloß noch geklärt werden, ob die Vorrunde aus 32 4er- oder 42+ zwei Drittel 3er-Gruppen bestehen wird. Ins 64stel-Finale gelangen dann die 32 Erst- und Zweitplatzierten bzw. die 42,67 Erstplatzierten sowie 21.33 Zweitplatzierte, die sich in einem kleinen Vorrunden-shoot-out gegeneinander im Elfmeterschießen durchgesetzt haben. Direkt im Anschluss folgt eine Klub-WM, zu der die ersten 5 Vereine sämtlicher nationaler Ligen eingeladen sind u die ein halbes Jahr lang als Wanderzirkus in China abgehalten wird. Kurz darauf EM und Copa América, bevor dann – nunmehr im 2-Jahres-Rhythmus –, die nächste Weltmeisterschaft auf Kuba u Jamaika ihre Stadiontore öffnet. Dort dürfen auch erstmals 10 Frauen-Teams mit dabei sein, von denen die besten 2 auf jeden Fall bis ins VF vorrücken, egal ob sie die Vorrunde überstehen o nicht. So viel Gleichberechtigung u Diversity müssen sein. Die Vision der FIFA lautet: Soccer around the clock (inkl. lebenslange Präsidentschaft für Infantino).

    Und ich, der ich zugegebenermaßen gerne Fußball schaue, frage mich, ob der (zumindest mein eigener) Sättigungsgrad mittlerweile nicht schon erreicht ist, eventuell bereits überschritten wurde. Nie habe ich so wenig Partien angesehen wie bei dieser WM. Ob mein Interesse wieder wächst, wenn der Wettbewerb weiter aufgebläht und vielleicht demnächst im 24-Monatsturnus ausgespielt wird, wage ich zu bezweifeln. Und von Turnieren in Ländern, die über Null Fußballhistorie verfügen, halte ich ohnehin wenig. Soll heißen: das, was Infantino als Vision vorschwebt, sehe ich eher als Albtraum = die 24/7-Berieselung mit Partien wie Singapur vs. Andorra. Wer will so was ansehen? Also ich definitiv nicht.

    Hauptsache, der Effzeh steigt nicht ab

    Jetzt freue ich mich tatsächlich auf vier Fußball-lose Wochen, bevor es Ende Januar mit dem Effzeh (zu Hause gegen Werder Bremen) weitergeht. Köln steckt – mal wieder – mitten im Abstiegskampf und das Mitfiebern, ob’s zum Klassenerhalt reicht, wird mich bis Spieltag 34 voll in Anspruch nehmen. Für andere Sachen wie bspw. Vorbereitungsmatches der Nationalmannschaft oder Qualifikationsspiele zur Asienmeisterschaft bleibt da echt keine Zeit.

    Ob Bayern Meister wird, wollen Sie noch wissen? Ja, Bayern wird zum 123sten Mal Meister. Ob ich mir die EM in anderthalb Jahren anschauen werde? Ja, werde ich. Ob ich den Deutschen da Titelchancen einräume? Nein, tue ich nicht. Und was ich von der nächsten WM mit 48 Teilnehmern in den USA und Kanada halte? Da halte ich recht wenig von. Aber zumindest findet sie im Sommer statt und ein paar Spiele sind in Mexiko. Es besteht also ein bisschen Hoffnung, dass auch die WM 26 zum allerallerbesten Turnier der Menschheitsgeschichte avancieren wird. Fragen Sie mich das bitte erneut im Juli 2026. Aktuell bin ich doch etwas fußballmüde.

    Fazit
    Oft ist weniger (16 Mannschaften, die alle 4 Jahre um den Titel spielen) dann doch mehr.

  • Harlem brennt

    Harlem brennt

    2019 startete eine der besten Gangster-Serien aller Zeiten: Godfather of Harlem. 3 Staffeln TV-Hochgenuss à la Scorseses Boardwalk Empire bis Anfang 2023. Dann trat eine längere Schaffenspause ein. Die Fortsetzung erschien im Sommer 2025. Ich hab’s erst mit 1 Jahr Verspätung bemerkt und mir die 10 finalen Folgen an 5 aufeinander folgenden Abenden reingezogen. Hier meine Rezension:

    Staffel 1 – Die Rückkehr des Königs (1963)

    1963 kehrt Ellsworth „Bumpy“ Johnson nach elf Jahren Gefängnis nach Harlem zurück. Sein Imperium existiert nicht mehr. Die italienische Mafia hat weite Teile seines Reviers übernommen – allen voran Vincent Gigante. Gleichzeitig verändert sich das Viertel grundlegend: Arbeitslosigkeit, Armut und Gewalt nehmen zu, und Harlem wird zunehmend vom Heroin überschwemmt. Der Drogenhandel entwickelt sich zum lukrativsten Geschäft der Unterwelt und verändert das Machtgefüge dauerhaft.

    Bemerkenswert ist dabei ein zentraler Konflikt der Serie: Bumpy Johnson erkennt früh, dass Heroin zwar enorme Gewinne verspricht, zugleich aber das eigene Viertel zerstört. Er steht dem Drogengeschäft deshalb lange skeptisch gegenüber – weniger aus moralischer Lauterkeit als aus dem Bewusstsein, dass ein Herrscher sein eigenes Territorium nicht vergiften sollte. Historisch ist diese Haltung nicht in allen Facetten belegt, sie bildet jedoch einen der stärksten erzählerischen Fäden der Serie und schlägt zugleich die Brücke zum späteren Aufstieg Frank Lucas‘, der ausgerechnet mit dem Heroinhandel zum mächtigsten Drogenboss New Yorks in den 70-er Jahren aufsteigen wird.

    Schon die erste Staffel macht klar, dass Godfather of Harlem keine gewöhnliche Gangsterserie werden will. Harlem ist weit mehr als Schauplatz krimineller Geschäfte. Das Viertel steht exemplarisch für ein Amerika, das zwischen Rassentrennung, wirtschaftlicher Benachteiligung und politischem Aufbruch zerrieben wird.

    Forest Whitaker spielt Bumpy Johnson nicht als klassischen Mafioso, sondern als Mann voller Widersprüche: brutal und fürsorglich, skrupellos und zugleich von einem eigenen Ehrenkodex geleitet. Ihm gegenüber liefert Vincent D’Onofrio als Vincent „The Chin“ Gigante eine geradezu hypnotische Vorstellung. Selten wirkte ein Mafia-Boss gleichzeitig so ruhig und so bedrohlich.

    Staffel 2 – Malcolm X und die Nation of Islam (1964)

    Die zweite Staffel rückt die Bürgerrechtsbewegung stärker in den Mittelpunkt. Malcolm X gehört längst zu den wichtigsten Figuren der Serie.

    Besonders gelungen ist die Darstellung seines Bruchs mit der Nation of Islam. Nach seiner Pilgerreise nach Mekka verändert sich sein Weltbild grundlegend. Er verabschiedet sich von einem strikt separatistischen Kurs und entwickelt eine universellere Vorstellung von Menschenrechten. Damit gerät er zunehmend in Konflikt mit der Führung der Nation unter Elijah Muhammad.

    Die Serie zeichnet diese Entwicklung bemerkenswert differenziert nach. Zwar vereinfacht sie einzelne Zusammenhänge, macht aber verständlich, warum Malcolm X schließlich zur Zielscheibe ehemaliger Weggefährten wird.

    Staffel 3 – Tod eines Hoffnungsträgers (1965)

    Die dritte Staffel bildet den emotionalen und historischen Höhepunkt der Serie. Im Mittelpunkt steht der endgültige Bruch Malcolm Xs mit der Nation of Islam und die zunehmende Bedrohung, der er nach seiner öffentlichen Kritik an deren Führer Elijah Muhammad ausgesetzt ist.

    Mit der Ermordung Malcolm Xs am 21. Februar 1965 erreicht Godfather of Harlem den bewegendsten Moment der Geschichte. Der Tod des schwarzen Hoffnungsträgers ist weit mehr als das Ende einer herausragenden Persönlichkeit. Er markiert den Verlust einer moralischen und politischen Orientierung für viele Afroamerikaner. Die Hoffnung auf einen friedlichen Wandel schwindet, Misstrauen und Wut wachsen. Aus diesem Klima heraus gewinnen neue, kämpferischere Bewegungen wie die Black Panther Party an Bedeutung – eine Entwicklung, die hier ihren Anfang nimmt.

    Speziell in Staffel 3 zeigt die Serie ihre größte Stärke: Historie dient nicht als dekorative Kulisse, sondern verändert das Leben sämtlicher Figuren. Der Mord an Malcolm X ist kein isoliertes Ereignis, sondern der Wendepunkt, an dem sich die politische, gesellschaftliche und kriminelle Welt Harlems unwiderruflich verändert.

    Staffel 4 – Das Prequel zu „American Gangster“ (1966)

    1966 betritt eine neue Generation die Bühne.

    Die Black Panther Party gewinnt an Einfluss. Sie versteht sich als Antwort auf Polizeigewalt und strukturelle Benachteiligung schwarzer Amerikaner und verkörpert den zunehmenden Wunsch nach Selbstbestimmung und Selbstschutz. Die Serie beschreibt diese Entwicklung differenziert – ohne ihre Protagonisten zu verklären oder zu dämonisieren.

    Parallel rückt Frank Lucas immer stärker in den Mittelpunkt. Filmfans erkennen sofort den Mann wieder, den Denzel Washington später in American Gangster spielen wird. Noch arbeitet Lucas für Bumpy Johnson. Doch bereits jetzt wird sichtbar, wie aus dem loyalen Chauffeur der spätere Heroin-König New Yorks erwächst.

    Historisch nimmt sich die Serie dabei einige Freiheiten. Dass Frank Lucas für Bumpy Johnson arbeitete, gilt als wahrscheinlich. Wie eng ihre Beziehung tatsächlich war, ist jedoch umstritten. Die Serie nutzt die erzählerische Autonomie bewusst – und schafft damit ein faszinierendes inoffizielles Prequel zu American Gangster.

    Zwei Schauspieler auf dem Höhepunkt ihres Könnens

    Forest Whitaker trägt die Serie mit einer der besten Darstellungen seiner Karriere. Sein Bumpy Johnson bleibt trotz aller Brutalität stets menschlich.

    Vincent D’Onofrio steht ihm in nichts nach: Vincent (die Dopplung des Vornamens ist zufällig) Gigante ist kein cholerischer Mafia-Boss, sondern ein berechnender Stratege, dessen ruhige Ausstrahlung gefährlicher wirkt als jede offene Gewalt.

    Gemeinsam gehören beide zu den beeindruckendsten Serien-Duos der letzten Jahre.

    Die letzte Szene ist Geschichte

    Godfather of Harlem erzählt nicht nur von Gangstern. Die Serie erzählt von einem Amerika, das sich neu erfinden muss. Sie verbindet organisierte Kriminalität mit Zeitgeschichte, ohne je zur trockenen Geschichtsstunde zu werden.

    Wer anschließend American Gangster einschaltet, sieht die Handlung beinahe nahtlos weitergehen.

    Das schaffen nur sehr wenige Serien.

    Bewertung: 9,5 Punkte


    ***

    STECKBRIEF
    Originaltitel: Godfather of Harlem
    Genre: Gangsterdrama, Historienserie
    Produktionsland: USA
    Produktionsstart: 2019
    Staffeln: 4 (Stand: 2026)
    Folgen: 40 (Stand: Staffel 4)
    Schöpfer / Showrunner: Chris Brancato und Paul Eckstein
    Idee: Chris Brancato, Paul Eckstein
    Drehbuch: Chris Brancato, Paul Eckstein sowie ein wechselndes Autorenteam
    Regie: u. a. Guillermo Navarro, John Ridley, Erica Watson, Carl Seaton (wechselnde Episodenregie)
    Hauptdarsteller: Forest Whitaker, Vincent D’Onofrio, Ilfenesh Hadera, Erik LaRay Harvey, Lucy Fry, Antoinette Crowe-Legacy
    Produktionsfirmen: ABC Signature, Significant Productions
    Vertrieb: MGM Television (bis zur Integration in Amazon MGM Studios)
    Originalsender: MGM+ (Staffeln 1–4; bis 2023 unter dem Namen Epix)
    Historischer Zeitraum: 1963–1966
    Historische Persönlichkeiten: Bumpy Johnson, Malcolm X, Adam Clayton Powell Jr., Joe Colombo, Vincent Gigante, Frank Lucas, Elijah Muhammad u. a.
    Geplantes Finale: Herbst 2027/Anfang 2028 mit einem abschließenden Spielfim

    Speziell geeignet für Fans von: The Wire, Die Sopranos, Boardwalk Empire, American Gangster.
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    Daredevil
    Als Marvels blinder Rächer erstmals durch die Straßen von Hell’s Kitchen zog, ahnte kaum jemand, dass daraus eine der besten Superheldenserien aller Zeiten entstehen würde. Die drei Staffeln von Daredevil überzeugten mit düsterer Atmosphäre, starken Charakteren und einem überragenden Vincent D’Onofrio als Kingpin. Mit Born Again kehren Matt Murdock und sein Erzfeind zurück – diesmal jedoch in einem deutlich größeren MCU-Kosmos. Ein Vergleich zwischen einem modernen Serienklassiker und seiner ambitionierten Fortsetzung. (16.06.2026)

  • Die Würde des Scheiterns

    Die Würde des Scheiterns

    Vor zwei Wochen veröffentlichte ich die Kolumne Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt. Unter den Kommentaren fand sich dieser Hinweis eines Lesers:

    Die Verfilmung von Joseph Roths Die Legende vom heiligen Trinker mit Rutger Hauer ist ebenfalls sehr gelungen – leider viel zu unbekannt.

    Da fiel es mir wieder ein: Vor vielen Jahren hielt ich die Novelle schon mal in den Händen. Ich hatte sie damals aus dem Bücherregal einer Suchtklinik gezogen und im Raucherzimmer bei flackerndem Neonlicht mit zittrigen Fingern überflogen. An die Handlung erinnerte ich mich nur noch schemenhaft. Das mag einerseits an den fast zwanzig Jahren liegen, die seither vergangen sind. Andererseits verschwimmt vieles, was ich in jener Zeit unter Alkohol oder im Entzug erlebt, gelesen oder gedacht habe, hinter einer Nebelwand, die ich gar nicht immer lichten möchte.

    Also bestellte ich das schmale Büchlein kurzerhand bei Amazon. (Ich weiß: Eigentlich sollte man stattdessen den örtlichen Buchhandel unterstützen. Bei knapp 40 Grad siegte allerdings die Bequemlichkeit.). Diesmal war ich an 1 Abend mit der Geschichte durch. Ohne Alkohol oder Benzodiazepine im Blut geht das eben deutlich schneller – und außerdem erzählt Roth mit einer sprachlichen Eleganz und Leichtigkeit, die einen förmlich durch die Seiten trägt.

    Hier meine Rezension:

    Leben zwischen Monarchie und Exil

    Joseph Roth (1894–1939) wurde im galizischen Brody geboren, das damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte und heute in der Ukraine liegt. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Journalist und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller seiner Zeit. Werke wie Hiob und Radetzkymarsch machten ihn weit über die Grenzen Österreichs und Deutschlands hinaus bekannt.

    Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging Roth ins Exil. Die Heimatlosigkeit, die er dabei erlebte, prägte sein späteres Werk ebenso wie seine zunehmende Alkoholabhängigkeit. Er starb 1939 in Paris, wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Legende vom heiligen Trinker (posthum veröffentlicht) gilt als sein literarisches Vermächtnis.

    Ein Obdachloser mit einer ungewöhnlichen Schuld

    Er war ein Trinker, geradezu ein Säufer. Er hieß Andreas. Und er lebte von Zufällen.

    Die Handlung ist schnell erzählt. Der obdachlose Andreas Kartak lebt unter den Brücken von Paris und erhält eines Tages von einem Fremden zweihundert Francs. Das Geld soll er zurückzahlen – nicht dem Wohltäter selbst, sondern der heiligen Therese von Lisieux.

    Andreas nimmt sich fest vor, diese Verpflichtung zu erfüllen. Doch immer wieder kommt ihm das Leben dazwischen. Unerwartete Begegnungen, glückliche Zufälle, alte Bekanntschaften und nicht zuletzt der Alkohol sorgen dafür, dass das Geld nie dort ankommt, wo es eigentlich hingehört.

    Aus dieser scheinbar einfachen Prämisse entwickelt Roth eine Erzählung von erstaunlicher Tiefe.

    Die Kunst der leisen Töne

    Wer moderne Spannungsbögen, spektakuläre Wendungen oder psychologische Sezierungen erwartet, wird möglicherweise überrascht sein. Roth erzählt ruhig, beinahe beiläufig. Darin liegt die Stärke der Novelle.

    Seine Sprache ist klar, elegant und von einer bemerkenswerten Leichtigkeit. Kein Satz wirkt überladen, kein Wort zu viel. Die Geschichte liest sich wie eine Legende oder ein Märchen, bleibt dabei aber stets fest in der Realität verankert.

    Besonders beeindruckend ist die Wärme, mit der Roth die Hauptfigur betrachtet. Andreas ist kein Held. Er ist schwach, unzuverlässig und häufig sein eigener schlimmster Gegner. Dennoch begegnet ihm der Erzähler mit Respekt und Mitgefühl.

    Ein Buch über das Scheitern – und die Gnade

    Im Kern erzählt die Novelle von einer Erfahrung, die vermutlich jeder Mensch kennt: das Scheitern an den eigenen guten Vorsätzen.

    Andreas möchte das Richtige tun. Immer wieder. Und immer wieder gelingt es ihm nicht. Doch anstatt ihn dafür zu verurteilen, interessiert sich Roth für etwas anderes: Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn er seinen Ansprüchen nicht gerecht wird?

    Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!

    Die Antwort ist bemerkenswert versöhnlich. Die Würde des Menschen hängt nicht davon ab, ob er perfekt handelt. Sie zeigt sich vielmehr im fortwährenden Bemühen, trotz aller Schwächen das Richtige zu wollen.

    Zwischen Realität und Wunder

    Die Novelle bewegt sich ständig auf der Grenze zwischen Wirklichkeit und Märchen. Andreas begegnet einer Reihe von Zufällen, die fast zu schön erscheinen, um wahr zu sein. Immer wieder erhält er neue Chancen, neues Geld und neue Möglichkeiten.

    Ob man darin göttliche Fügung, Schicksal oder einfach literarische Poesie erkennen möchte, bleibt dem Leser überlassen. Roth verzichtet bewusst auf eindeutige Antworten. Das verleiht dem Text seinen schwebenden Charakter.

    Ein stilles Meisterwerk

    Die Legende vom heiligen Trinker umfasst kaum mehr als hundert Seiten und entfaltet dennoch eine Wirkung, an der viele umfangreiche Romane scheitern. Das Buch ist melancholisch, humorvoll, traurig und tröstlich zugleich.

    Wer Joseph Roth kennenlernen möchte, findet hier einen idealen Einstieg. Wer ihn bereits schätzt, begegnet noch einmal all den Qualitäten, die ihn zu einem der großen Erzähler des 20. Jahrhunderts gemacht haben: sprachliche Eleganz, Menschenkenntnis und eine tiefe, niemals sentimentale Humanität.

    Mehr als eine Trinkergeschichte

    Mit Die Legende vom heiligen Trinker gelang Joseph Roth kurz vor seinem Tod ein literarischer Abschiedsgruß von großer Schönheit. Die Novelle erinnert daran, dass Menschen fehlbar sind, dass sie scheitern dürfen – und dass gerade darin etwas zutiefst Menschliches und Würdevolles liegt.

    Das Wesentliche ist die Menschlichkeit.
    (c) Joseph Roth in einem Begleitbrief zur Erzählung

    PS. Den vom Kommentator empfohlenen Film mit Rutger Hauer werde ich mir selbstverständlich ansehen.

    STECKBRIEF

    Titel: Die Legende vom heiligen Trinker

    Autor: Joseph Roth

    Erscheinungsjahr: 1939 (posthum)

    Genre: Novelle

    Umfang: je nach Ausgabe ca. 80-100 Seiten

    Schauplatz: Paris

    Hauptfigur: Andreas Kartak, ein obdachloser polnischer Wanderarbeiter

    Bekanntester Satz:
    „Gott gebe uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“

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    Don Quixote ist, wie viele Genreromane heute, Literatur, die zugleich Literaturkritik sein will. Dabei macht der Roman so vieles besser als seine geistigen Nachfolger, dass es nicht nur beeindruckt: Die meisten Nachfolger wirken zudem wie Texte, die in völliger Unkenntnis des Quixote verfasst wurden. (Sören Heim, 20. Dez. 2020).

  • Zeitreise in den Wahnsinn

    Zeitreise in den Wahnsinn

    Es gibt Filme, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennen. Terry Gilliams 12 Monkeys gehört ganz sicher in diese Rubrik – und wenn man Jahre später erfährt, dass daraus eine Serie entstanden ist, stellt sich zuerst die Frage: Soll ich mich darauf einlassen? Denn nicht jede Serienadaption wird der Kraft und Faszination eines großen Originals gerecht.

    Negativbeispiele findet man zuhauf:  Serien wie Minority Report, Training Day, Taken, The Exorcist oder Rush Hour wirken vor allem wie der Versuch, bekannte Namen noch einmal zu verwerten, ohne die besondere Magie des Originals auch nur annähernd zu erreichen.

    Manche Serien schaffen es hingegen, eine Vorlage sinnvoll weiterzudenken und ihr neue Facetten abzugewinnen. So entwickeln Fargo, Westworld, What we do in the shadows, Cobra Kai und Stargate  eigenständige Welten, die über den ursprünglichen Film hinausreichen.

    Wo ist 12 Monkeys zwischen diesen beiden Polen zu verorten?

    Ich habe mir in den vergangenen Wochen sowohl den Film (geschätzt zum 20-sten Mal) als auch die gleichnamige Serie – auf die ich zufällig beim Stöbern durch den Apple-TV-Katalog stieß – angeschaut.

    Hier mein Eindruck:

    Ein ehemaliger Monty Python sieht die Zukunft düster

    Terry Gilliam war immer ein Fremdkörper im Hollywood-System. Während andere Regisseure Zukunftsvisionen mit Technik, Helden und klaren Erlösungsgeschichten erzählten, interessierte sich Gilliam für das Gegenteil: kaputte Systeme, überforderte Menschen und Welten, in denen Vernunft und Wahnsinn kaum noch auseinanderzuhalten sind.

    Seine Filme sind geprägt von einer ganz eigenen Bildsprache: überbordende Architektur, groteske Maschinen, kafkaeske Bürokratien und Figuren, die gegen übermächtige Apparate ankämpfen. Aus dem anarchischen Humor seiner Zeit bei Monty Python entwickelte Gilliam ein Kino, das gleichzeitig komisch, tragisch und zutiefst melancholisch ist.

    Mit Produktionen wie Brazil, Die Abenteuer des Baron Münchhausen oder später Fear and Loathing in Las Vegas wurde er zum Meister des filmischen Ausnahmezustands.

    Doch vielleicht findet sich die perfekte Balance all dieser Themen in keinem seiner Werke so eindrucksvoll wie in „12 Monkeys“.

    Vom Kurzfilm zum Zeitreise-Albtraum

    Die Geschichte basiert lose auf dem französischen Kurzfilm La Jetée (Am Rande des Rollfelds) von Chris Marker – einem experimentellen Werk aus dem Jahr 1962, das fast ausschließlich aus Standbildern besteht.

    Gilliam machte daraus 1995 einen großen Kinofilm, der die Grundidee übernahm, aber daraus ein komplexes Science-Fiction-Drama über Erinnerung, Identität und Schicksal spann.

    Die Welt im Jahr 2035 ist verwüstet: Ein Virus hat fast die gesamte Menschheit ausgelöscht. Der Sträfling James Cole (Bruce Willis) wird in die Vergangenheit geschickt, um den Ursprung der Katastrophe zu finden.

    Doch je weiter Cole zurückreist, desto unsicherer wird, was Realität ist. Ist er ein Retter? Ein Verrückter? Oder nur eine Figur in einem längst feststehenden Ablauf?

    Das Zeitreise-Paradox: Wo Logik an ihre Grenzen stößt

    Zeitreisen gehören zu den faszinierendsten, aber auch schwierigsten Erzählideen der Science-Fiction. Denn sobald ein Mensch in die Vergangenheit reist, entsteht ein grundlegendes Problem: Wenn er die Vergangenheit verändert, müsste sich auch seine eigene Gegenwart verändern – und damit der Auslöser für die Zeitreise verschwinden.

    Dieses sogenannte Zeitreise-Paradoxon stellt Autoren seit Jahrzehnten vor eine Herausforderung. Manche Geschichten lösen es über alternative Zeitlinien: Jede Veränderung erzeugt eine neue Realität. Andere gehen vom Prinzip der geschlossenen Zeitschleife aus: Alles, was passiert, ist bereits passiert – auch die Versuche, es zu verhindern.

    Gerade hier liegt die Stärke von „12 Monkeys“. Der Film und die Serie versuchen nicht, jede Regel der Zeitreise wissenschaftlich zu erklären. Stattdessen nutzen sie die Idee als philosophisches Gedankenexperiment: Sind wir frei in unseren Entscheidungen – oder bewegen wir uns nur auf einem Weg, der längst festgelegt ist?

    Bei Terry Gilliam wird die Zeitreise damit weniger zu einer technischen Möglichkeit als zu einem Spiegel menschlicher Ängste: der Angst vor dem Verlust, vor dem eigenen Scheitern und vor der Erkenntnis, dass manche Ereignisse vielleicht unvermeidbar sind.

    Bruce Willis gegen den Wahnsinn der Zeit

    Eine der großen Überraschungen des Films ist Bruce Willis selbst. Bekannt vor allem als Actionstar, stellt er Cole nicht als unbesiegbaren Helden dar, sondern als erschöpften, traumatisierten Menschen.

    Ihm gegenüber steht Brad Pitt als Jeffrey Goines – eine der exzentrischsten Figuren seiner Karriere. Pitt spielt den paranoiden Aktivisten mit einer Mischung aus Energie, Chaos und Irrsinn und erhielt dafür eine Oscar-Nominierung.

    Gilliam nutzt beide Figuren, um seine zentrale Frage zu stellen: Wer definiert eigentlich, was Wahnsinn ist?

    Ein perfekter Gilliam-Film

    „12 Monkeys“ ist vielleicht Gilliams geschlossenstes Werk. Er vereint fast alles, was sein Kino ausmacht:

    • die Angst vor totalitären Systemen
    • die Faszination für kaputte Zukunftswelten
    • den Kampf des Individuums gegen übermächtige Strukturen
    • die Frage, ob der Mensch überhaupt frei handeln kann

    Die Zeitreise ist dabei keine technische Spielerei. Sie ist eine Metapher für Trauma und Erinnerung.

    Cole reist nicht nur durch die Zeit – er reist durch seine eigene Vergangenheit.

    Mehr als nur eine Fortsetzung: Die Serie „12 Monkeys“

    Die Serienadaption „12 Monkeys“ (2015–2018) nimmt die Grundidee des Films auf, erzählt sie aber deutlich größer weiter. Im Mittelpunkt steht erneut ein Zeitreisender aus einer dystopischen Zukunft: James Cole (gespielt von: Aaron Stanford) wird in die Vergangenheit geschickt, um eine geheimnisvolle Organisation namens „Armee der 12 Monkeys“ aufzuspüren und die Ausbreitung eines tödlichen Virus zu verhindern.

    Während der Film von Terry Gilliam die Geschichte eines Mannes aufrollt, der an Erinnerung, Realität und Schicksal zerbricht, entwickelt die Serie daraus eine weit verzweigte Zeitreise-Erzählung. Cole und die Virologin Cassandra Railly (Amanda Schull) kämpfen über mehrere Jahrzehnte und Zeitebenen hinweg gegen eine Bedrohung, die immer komplexere Formen annimmt.

    Die Serie erweitert die Mythologie des Stoffes erheblich: Aus der paranoiden Vision des Films wird ein episches Spiel mit alternativen Zeitlinien, Prophezeiungen und der Frage, ob die Zukunft tatsächlich verändert werden kann. Dabei bleibt sie dem zentralen Gedanken des Originals treu – dass der Mensch vielleicht nicht die Zeit kontrolliert, sondern die Zeit den Menschen.

    Film gegen Serie: Zwei unterschiedliche Zeitmaschinen

    Während Gilliams Film ein konzentriertes, düsteres Kammerspiel ist, nutzt die Serie ihre Laufzeit für eine viel größere Mythologie.

    Der große Unterschied:

    Der Film fragt:
    Ist unser Schicksal unveränderlich?

    Die Serie fragt:
    Wie viele neue Möglichkeiten entstehen, wenn wir versuchen, unser Schicksal zu verändern?

    Bruce Willis’ Cole ist ein gebrochener Mann, der verzweifelt versucht, Wahrheit und Realität zusammenzuhalten. Der Serienheld entwickelt sich stärker zum klassischen Zeitreisenden, der aktiv in das Geschehen eingreift.

    Gilliams düsteres Meisterwerk

    Die TV-Adaption ist eine gelungene Weiterentwicklung – umfangreicher, erzählerisch größer und stark an modernen Serienformaten orientiert.

    Aber Gilliams „12 Monkeys“ bleibt die präzisere und verstörendere Vision. Ein Film, der keine Antworten liefert, sondern den Zuschauer mit der beunruhigenden Erkenntnis zurücklässt:Vielleicht ist die Zukunft nicht das, was vor uns liegt. Vielleicht ist sie nur eine Erinnerung, die wir noch nicht erlebt haben.

    Bewertung:
    Film: 9.5
    Serie: 8.5 Punkte

    STECKBRIEF (Serie)

    Originaltitel: 12 Monkeys
    Produktionsland: United States
    Originalsprache: Englisch

    Entwickelt für das Fernsehen von: Terry Matalas und Travis Fickett
    Showrunner: Terry Matalas
    Produktionsfirmen: Atlas Entertainment & Universal Cable Productions
    Ausstrahlung: 2015–2018
    TV-Sender: Syfy
    Staffeln: 4
    Episoden: 47
    Genre: Science Fiction, Mystery, Thriller, Drama
    Basierend auf: dem Film 12 Monkeys von Terry Gilliam sowie dem Kurzfilm La Jetée

    Besetzung
    Aaron Stanford – James Cole
    Amanda Schull – Dr. Cassandra Railly
    Barbara Sukowa – Dr. Katarina Jones
    Emily Hampshire – Jennifer Goines
    Todd Stashwick – Deacon

    Zu sehen u.a. auf: Amazon Prime und Apple TV
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    Penny Dreadful
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  • Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt

    Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt

    Alkohol gehört in unserer Kultur fast selbstverständlich dazu. Das Feierabendbier, der Wein zum Essen, der Sekt auf Familienfeiern. Die Grenze zwischen Genuss und Abhängigkeit bleibt dabei lange unsichtbar. Alkoholismus beginnt jedoch nicht erst mit mit dem Griff zur Wodkaflasche am frühen Morgen. Er beginnt viel früher – oft dort, wo niemand hinsieht.

    Filme und Serien können diese Entwicklung sichtbar machen. Die besten von ihnen erzählen nicht nur von Alkoholikern. Sie erzählen von Menschen. Von ihren Hoffnungen, ihren Lügen, ihren Beziehungen und den Folgen ihrer Entscheidungen.

    Hier eine Übersicht meiner Top 10-Alkoholgeschichten in Kino und TV:

    Wenn es kein Happy End mehr gibt: Leaving Las Vegas

    Wer nur einen einzigen Film über Alkoholismus sehen möchte, sollte mit Leaving Las Vegas beginnen.

    Der Film erzählt die Geschichte eines Drehbuchautors, der nach dem Verlust seines Jobs nach Las Vegas reist, um sich zu Tode zu trinken. Das Besondere daran: Der Film interessiert sich nicht für spektakuläre Entzugsszenen oder moralische Botschaften. Er zeigt die völlige Kapitulation vor der Sucht.

    Viele Werke erzählen davon, wie Menschen den Kampf gegen ihre Abhängigkeit gewinnen. Leaving Las Vegas zeigt das Gegenteil – und deshalb wirkt die Geschichte so erschütternd. Wer verstehen möchte, welche Macht Alkohol über einen Menschen gewinnen kann, findet hier eine schonungslose Antwort.

    Der Klassiker, der seiner Zeit voraus war

    Bereits 1945 erschien mit The Lost Weekend ein Film, der erstaunlich modern anmutet.

    Damals dominierten in Hollywood noch klare Helden- und Schurkenbilder. Alkoholiker galten häufig als willensschwach oder moralisch gescheitert. The Lost Weekend brach mit diesem Bild und zeigte Alkoholismus als zerstörerische Krankheit.

    Viele Mechanismen, die Suchtexperten heute beschreiben, finden sich bereits hier: Verdrängung, Selbstbetrug, Ausreden und der verzweifelte Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen.

    Der Film ist inzwischen über achtzig Jahre alt – seine Botschaft dagegen zeitlos.

    Zwischen Selbstzerstörung und Poesie: Barfly

    Kaum ein Film ist so eng mit dem Mythos des trinkenden Schriftstellers verbunden wie Barfly aus dem Jahr 1987. Die Vorlage stammt von Charles Bukowski, der auch das Drehbuch schrieb und dabei zahlreiche eigene Erfahrungen verarbeitete. Im Mittelpunkt steht Henry Chinaski, gespielt von Mickey Rourke, ein arbeitsloser Dichter, der seine Tage zwischen schäbigen Bars, Schlägereien und durchzechten Nächten totschlägt.

    Anders als viele Alkoholismus-Dramen erzählt Barfly keine klassische Absturzgeschichte. Der Film romantisiert seinen Protagonisten zwar stellenweise, zeigt aber gleichzeitig die Trostlosigkeit eines Lebens, das sich fast ausschließlich um den nächsten Drink dreht. Dieser Widerspruch macht den Film bis heute faszinierend: Er bewegt sich ständig zwischen Verklärung und Ernüchterung, zwischen Freiheit und Gefangenschaft.

    Wer verstehen möchte, warum Alkohol in Literatur, Film und Popkultur so oft mit Kreativität, Rebellion oder Genialität verbunden wird, findet in Barfly ein aufschlussreiches Zeitdokument. Gleichzeitig wird deutlich, wie schmal die Grenze zwischen dem romantischen Mythos des „saufenden Künstlers“ und der bitteren Realität einer Suchterkrankung tatsächlich ist. Barfly gehört zu den interessantesten – und kontroversesten – Filmen über Alkoholismus.

    Die Familie trinkt mit

    Für Angehörige sind oft andere Filme besonders wertvoll.

    Days of Wine and Roses und When a Man Loves a Woman zeigen in beklemmender Weise, dass Alkoholismus selten nur den Trinker betrifft. Partner, Kinder und Freunde werden häufig Teil eines Systems aus Vertuschung, Entschuldigungen und Hoffnungen auf Besserung.

    Die Verwandten und Freunde erkennen sich in diesen Geschichten oft schneller wieder als die Erkrankten selbst.

    Die Frage lautet dann nicht mehr nur: „Warum hört er nicht auf?“

    Sondern: „Warum mute ich mir eigentlich zu?“

    Damit berühren diese Filme ein Thema, das in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kommt: Co-Abhängigkeit.

    Euphorie und Absturz: Der Rausch

    Der dänische Film Der Rausch (Another Round) beginnt mit einer ebenso verrückten wie faszinierenden Idee: Vier Lehrer testen die Theorie, dass Menschen mit einem dauerhaft leicht erhöhten Alkoholpegel leistungsfähiger und glücklicher seien als ihre nüchternen Zeitgenossen. Tatsächlich scheint das Experiment zunächst zu funktionieren. Die Männer werden lockerer, selbstbewusster und lebensfroher.

    Doch der Film wäre nicht so brillant, wenn er bei dieser Botschaft stehen bliebe. Je weiter das Experiment eskaliert, desto deutlicher werden die Risiken. Aus kontrolliertem Konsum wird Gewohnheit, aus Gewohnheit Abhängigkeit. Mads Mikkelsen spielt diesen schleichenden Wandel mit beeindruckender Präzision. Der Rausch ist weder Alkohol-Verherrlichung noch Absturzdrama. Die Ambivalenz macht den Film sehenswert. Die Handlung macht klar, wie eng Lebensfreude und Selbsttäuschung beieinanderliegen: Wo endet Genuss, wo beginnt die Sucht? Und wie oft belügen wir uns selbst bei der Antwort auf diese Frage?

    Die beste Serie über Selbstzerstörung ist ein Zeichentrick

    Auf den ersten Blick wirkt BoJack Horseman wie eine absurde Animationsserie über ein ehemaliges TV-Pferd.

    Wer dranbleibt, entdeckt jedoch eine der intelligentesten und schmerzhaftesten Auseinandersetzungen mit Sucht, Depression und Selbsthass, die das Fernsehen hervorgebracht hat.

    BoJack trinkt nicht einfach zu viel. Er sabotiert Beziehungen, stößt Menschen von sich weg und findet immer neue Gründe, die Verantwortung für sein Leben nicht übernehmen zu müssen.

    Die Serie zeigt dabei etwas Entscheidendes: Alkoholismus ist nicht immer die Ursache aller Probleme – sondern der Versuch, mit ihnen fertigzuwerden.

    Alkohol als gesellschaftliche Normalität

    Nicht jede Serie über Alkoholismus handelt ausschließlich von Alkoholismus.: beispielsweise Mad Men.

    In der Welt der New Yorker Werbeagenturen der 1960er Jahre wird ständig getrunken. Im Büro, beim Mittagessen, auf Geschäftsreisen und zu Hause. Niemand stellt das infrage.

    Heute wirkt vieles davon beinahe schockierend. Genau darin liegt die Stärke der Serie. Sie macht sichtbar, wie sehr gesellschaftliche Normen beeinflussen, was wir als problematisch wahrnehmen.

    Don Draper ist kein klassischer Alkoholiker im Filmklischee. Er ist erfolgreich, attraktiv und beruflich angesehen. Dennoch wird zunehmend deutlich, wie stark sein Alkoholkonsum mit seinen inneren Konflikten verbunden ist.

    Tragikomödie mit bitterem Kern: Shameless

    Bei oberflächlicher Betrachtung ist Shameless bloß eine weitere Familien-Dramedy, wie sie zuhauf in Hollywood produziert werden. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem oft anarchischen Humor eine der eindringlichsten Darstellungen von Alkoholismus im Serienformat.

    Im Mittelpunkt steht Frank Gallagher, ein Vater, dessen Alkoholsucht das Leben seiner gesamten Umgebung prägt. Frank ist mal witzig, mal erschreckend, mal bemitleidenswert – und häufig alles zugleich. Die Serie zeigt, wie Kinder gezwungen werden, Verantwortung für Erwachsene zu übernehmen, und wie Sucht über Generationen hinweg ihre Spuren hinterlassen kann.

    Weil Shameless seine Figuren nie auf ihre Fehler reduziert, wirkt die Serie so authentisch. Hinter jedem Lacher lauert die Erkenntnis, dass Alkoholismus nicht nur den Betroffenen zerstört, sondern seine ganze Familie in Mitleidenschaft zieht.

    Selbsthilfe mit Humor: Loudermilk

    Wer bei dem Thema ausschließlich düstere Dramen erwartet, sollte Loudermilk eine Chance geben. Die Serie erzählt von Sam Loudermilk, einem trockenen Alkoholiker und ehemaligen Musikjournalisten, der eine Selbsthilfegruppe leitet und dabei jeden mit seiner gnadenlosen Ehrlichkeit vor den Kopf stößt.

    Was zunächst wie eine Situationskomödie wirkt, entwickelt sich schnell zu einer überraschend warmherzigen Geschichte über Rückfälle, Selbstvergebung und den schwierigen Alltag nach der Sucht. Denn Loudermilk zeigt etwas, das viele andere Filme und Serien ausblenden: Der eigentliche Kampf beginnt erst nach dem Entzug.

    Mit viel Humor, aber ohne die Realität zu beschönigen, erzählt die Serie davon, wie Menschen versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

    Eine Serie für alle, die Hoffnung suchen

    Während viele Werke vor allem den Absturz zeigen, verfolgt die Sitcom Mom einen anderen Ansatz.

    Hier stehen Menschen im Mittelpunkt, die versuchen, nüchtern zu bleiben. Rückfälle, Selbsthilfegruppen, Schuldgefühle und Versöhnungen gehören zum Alltag der Figuren.

    Trotz aller ernsten Themen verliert die Serie nie ihren Humor.

    Sie zeigt, dass ein Leben nach der Sucht möglich ist – ohne die Schwierigkeiten des steinigen Weges zu beschönigen.

    Was diese Geschichten erzählen

    Kein Film ersetzt eine Therapie. Keine Serie heilt eine Suchterkrankung.

    Aber gute Geschichten können Verständnis schaffen. Sie „erzählen“, wie sich Alkoholismus anfühlt – für die Betroffenen ebenso wie für deren Angehörige.

    Sie machen sichtbar, was im Alltag oft verborgen bleibt.

    Und sie helfen, das Thema !Alkoholismus“ einem breiten Publikum näherzubringen.

    Auf einen Blick: Alkoholismus in Film & Serie

    Filme
    (1) Leaving Las Vegas (USA, 1995)
    (2) The Lost Weekend (USA, 1945)
    (3) Under the Volcano (USA/Mexiko, 1984)
    (4) Days of wine and roses (USA, 1962)
    (5) Ironweed (USA, 1987)
    (6) Another round/ Der Rausch (Dänemark, 2020)
    (7) Flight (USA, 2012)
    (8) Clean and sober (USA, 1988)
    (9) When a man loves a woman (USA, 1994)
    (10) Barfly (USA, 1987)
    (11) Smashed (USA, 2012)
    (12) Crazy Heart (USA, 2009)

    Aus deutscher Produktion
    (13) Der Trinker (1995, Harald Juhnkes letzte Rolle)
    (14) Dunkle Tage (1999, Suzanne von Borsody als Sekretärin, die nach dem frühen Tod ihres Ehemanns dem Alkohol verfällt)
    (15) Rückfälle (1977, sehr eindrücklich gespielt von Günter Lamprecht)

    Serien
    (1) Mad Men (USA, 2007-15)
    (2) BoJack Horseman (USA, 2014-20)
    (3) Shameless (US-Version: USA, 2011-21)
    (4) Patrick Melrose (UK/USA: 2018)
    (5) Mom (USA, 2013-21)
    (6) Loudermilk (USA, 2017-19)
    (7) The Wire (USA, 2002-08)
    (8) Rescue Me (USA, 2004-11)
    (9) The Queen’s Gambit (USA, 2020)
    (10) Californication (USA, 2007-14)

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  • Der Teufel aus Hell’s Kitchen – zwischen Comic-Ikone und Serien-Ära

    Der Teufel aus Hell’s Kitchen – zwischen Comic-Ikone und Serien-Ära

    Seit ein paar Wochen läuft Staffel 2 von Daredevil born again. Hier meine Rezension:

    Ursprung auf Papier: Daredevil als moderner tragischer Held

    Die Figur stammt ursprünglich aus den Marvel-Comics der 1960er Jahre und gehört damit zu jener Generation von Superhelden, die weniger auf reine Fantasie als auf menschliche Brüche und urbane Realität setzen. Matt Murdock ist kein unverwundbarer Mythos, sondern ein blinder Strafverteidiger, der nachts als maskierter Vigilant gegen das Verbrechen in Hell’s Kitchen kämpft. Schon in der Vorlage steckt damit der Kern dessen, was spätere Adaptionen ausbauen: moralische Ambivalenz, körperliche Begrenzung und ein ständiger Konflikt zwischen Recht und Gerechtigkeit.

    Diese Grundidee – ein Mann, der das Gesetz verteidigt und es zugleich bricht – macht Daredevil bis heute zu einer der interessantesten Figuren des Marvel-Kosmos.

    Die Netflix-Ära: Eine düstere Serie als Ausnahmefall im Superheldengenre

    Die drei Auftakt-Staffeln der Netflix-Serie (2015-18) bilden rückblickend eine Art geschlossene Trilogie, die im Superheldenfernsehen lange Zeit unerreicht blieb. Staffel 1 etabliert eine fast noirhafte Version von Hell’s Kitchen: reduziert, schmutzig, moralisch eindeutig uneindeutig. Im Zentrum steht von Beginn an nicht nur der Protagonist, sondern sein Spiegelbild – Wilson Fisk.

    Staffel 2 erweitert das Universum um Punisher und Elektra, verliert dabei kurzzeitig die erzählerische Fokussierung, findet aber in Staffel 3 wieder zu einer beeindruckenden Geschlossenheit zurück. Besonders dieses Kapitel wirkt wie eine Rückkehr zur ursprünglichen Idee: ein psychologischer Zweikampf zwischen zwei Männern, die beide glauben, im Recht zu sein.

    Die Serie funktioniert dabei weniger als klassisches Superheldenabenteuer, sondern als Charakterdrama mit hoher physischer Intensität. Lange Plansequenzen, kompromisslose Action und ein erstaunlich ernsthafter Ton heben sie deutlich aus dem MCU-Standard heraus.

    Vincent D’Onofrio: Der Kingpin als moralische Spiegelgestalt

    Ein zentraler Grund für die nachhaltige Wirkung der Serie ist Vincent D’Onofrios Darstellung des Antagonisten Wilson Fisk.

    D’Onofrio spielt den Kingpin nicht als klassische Comic-Schablone, sondern als zutiefst menschliche, beinahe verletzliche Figur. Die Rolle lebt von extremen Kontrasten: kontrollierte Ruhe, plötzlich eruptive Gewalt, emotionale Unsicherheit hinter einer Fassade absoluter Macht. Dadurch wirkt Fisk weniger als klassischer Bösewicht, sondern vielmehr wie eine dunkle Parallelfigur zu Matt Murdock.

    Diese Dualität – zwei Männer, die beide Ordnung schaffen wollen, aber völlig unterschiedliche Mittel wählen – trägt die emotionale Wucht der gesamten Serie. In vielen Szenen entsteht der Eindruck, dass nicht Gut gegen Böse kämpft, sondern zwei beschädigte Weltbilder miteinander kollidieren.

    Der Neustart: Erweiterung statt Verdichtung
    Daredevil: Born Again im MCU-Kontext

    Born Again versucht genau dieses Erbe mitzunehmen – inklusive D’Onofrios Rückkehr als Fisk –, setzt aber stärker auf Erweiterung als auf die geschlossene Intimität der Netflix-Ära. Dadurch bleibt die Präsenz des Kingpins zwar zentral, wirkt aber weniger als alleiniger dramaturgischer Motor und mehr eingebettet in ein größeres, fragmentierteres MCU-Gefüge (Marvel Cimematic Universe).

    Während die Netflix-Serie nahezu vollständig aus der engen Dynamik zwischen Murdock und Fisk ihre Spannung zieht, öffnet Born Again das erzählerische Feld: politische Strukturen, neue Figurenkonstellationen und ein stärker institutionell geprägter Konflikt treten in den Vordergrund. Fisk ist nicht mehr nur krimineller Gegenpol, sondern zunehmend Machtpolitiker, der mit legalen und halblegalen Mitteln arbeitet, um Kontrolle auszuweiten.

    Das verändert die Serie spürbar. Einerseits gewinnt sie an thematischer Breite und Aktualität, andererseits verliert sie einen Teil jener klaustrophobischen Intensität, die die Netflix-Ära so prägend gemacht hat. Die Beziehung zwischen Held und Gegenspieler ist nicht mehr der alleinige Spannungsraum, sondern nur noch ein Teil eines größeren Netzes.

    Ton, Struktur und Wirkung: Zwei unterschiedliche Philosophien

    Die Netflix-Serie steht für Verdichtung: wenige Figuren, klare emotionale Linien, starke Fokussierung auf persönliche Konflikte. Born Again steht eher für Expansion: mehr Welt, mehr Politik, mehr Verflechtung mit dem MCU.

    Das führt zu einem grundlegenden Unterschied in der Wahrnehmung. Wo die erste Serie wie ein geschlossenes, düsteres Kammerspiel wirkt, fühlt sich der Neustart eher wie ein Baustein innerhalb eines größeren erzählerischen Universums an. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung – aber sie erzeugen sehr unterschiedliche Arten von Spannung.

    Zwischen Meisterwerk und Neuanfang

    Die Netflix-Ära bleibt in ihrer Geschlossenheit und atmosphärischen Dichte ein Ausnahmewerk im Superheldenfernsehen. Besonders die Staffel-1-und-3-Konstellation rund um Matt Murdock und Wilson Fisk wirkt bis heute wie ein Referenzpunkt für charaktergetriebenes Genre-TV.

    Born Again ist dagegen ein ambitionierter Neustart, der versucht, diese Figuren in eine neue erzählerische Architektur zu überführen. Das gelingt in Teilen sehr gut, geht aber zulasten der kompromisslosen Konzentration des Originals.

    Bewertung:
    Daredevil: 9,5 / 10
    Daredevil: Born Again: 8 / 10

    Die Netflix-Serie ist das düstere Kammerspiel zweier ikonischer Gegenspieler – Born Again der Versuch, dieses Duell in eine größere, moderne MCU-Landschaft zu überführen.

    Fußnote: Der frühe Kinoversuch

    Bereits 2003 wurde die Figur in Daredevil mit Ben Affleck in der Hauptrolle verfilmt. Der Film versuchte früh, den Comic-Stoff in ein düsteres Kino-Setting zu übertragen, blieb jedoch stilistisch und tonal deutlich hinter seiner Vorlage zurück. Während der Ansatz bereits die moralische Zerrissenheit der Figur anlegte, wurde er stark durch damalige Studiozwänge und ein noch unsicheres Superheldenfilm-Genre geprägt. Rückblickend wirkt der Film eher wie ein Übergangsversuch zwischen den frühen, oft verspielten Comic-Adaptionen und der späteren Ernsthaftigkeit moderner Serien- und Filminterpretationen.

    STECKBRIEF
    Originaltitel: Daredevil: Born Again
    Genre: Superheldendrama, Crime, Thriller, Justizdrama
    Basierend auf: den Marvel-Comics um Daredevil, insbesondere der berühmten Comic-Story Daredevil: Born Again (inhaltlich jedoch keine direkte Adaption)

    Erstausstrahlung: 4. März 2025
    Bisherige Staffeln: 2 (Staffel 3 bereits bestätigt)
    Episoden: 17 (9 + 8)

    Entwickelt von: Matt Corman & Chris Ord

    Showrunner: Dario Scardapane (kreative Neuausrichtung und finale Fassung)

    Regie: Mehrere Regisseure, darunter Justin Benson und Aaron Moorhead

    Produktionsfirmen: Marvel Studios und Disney Television Studios

    Hauptdarsteller:
    Charlie Cox (Matt Murdock / Daredevil)
    Vincent D’Onofrio (Wilson Fisk / Kingpin)
    Deborah Ann Woll (Karen Page)
    Elden Henson (Foggy Nelson)
    Margarita Levieva (Heather Glenn)
    Ayelet Zurer (Vanessa Fisk)

    Schauplätze: Hell’s Kitchen und New York City

    Streaming: exklusiv bei Disney+
    +++

    Lesen Sie auch: Der Vampir als Spiegel der Gesellschaft 
    Nosferatu
    Der Vampir ist keine reine Horrorfigur, sondern ein kulturelles Chamäleon. Seine Ursprünge reichen von antiken Dämonen über osteuropäische Blutsauger-Geschichten bis hin zu mittelalterlichen Vorstellungen vom unruhigen Toten. Am Ausgang des 19. Jahrhunderts formt Bram Stoker mit Dracula daraus eine literarische Ikone, die später durch Film, Fernsehen und Popkultur immer wieder neu erfunden wird – vom expressionistischen Schatten in Nosferatu bis zum Action-Mythos in Blade und zur modernen Serienfigur in True Blood. (26.05.2026)

  • Corto Maltese – ZACKs stiller Held

    Corto Maltese – ZACKs stiller Held

    An regnerischen Tagen stöbere ich mitunter in den Comics meiner Kindheit und Jugend, die bei mir 3 Regalreihen füllen. Also den Comics, die diverse Umzüge und durch Wasserrohrbrüche verursachte Schäden überlebt haben. Fronleichnam – für Nicht-Katholiken an dieser Stelle kurz erklärt: das sog. Hochfest des Leibes und Blutes Christi, das auf eine Vison der heiligen Juliana von Lüttich (13. Jhrd.) zurückgeht– war wettertechnisch recht durchwachsen, weshalb ich den ursprünglich geplanten Spaziergang durchs Siebengebirge verwarf und mich stattdessen dem Regal mit den Comics näherte und wahllos eine ältere Ausgabe des Magazins ZACK herauszog, in dem unter anderem die Fortsetzungsgeschichte Corto Maltese: Südseeballade von Hugo Pratt abgedruckt ist.

    Sofort poppten Erinnerungen auf: Rasen des Nachbarn gemäht, den Lohn (3 Mark) hälftig für Colafläschchen & Lakritz und die neueste Ausgabe ZACK verausgabt. Zu Hause im Heft geblättert: Mit Bruno Brazil und Luc Orient gestartet, um mich dann über Leutnant Blueberry und Valerian zu Mick Tangy vorzuarbeiten. Das Beste hob ich mir für den Schluss auf: Corto Maltese.

    Der Fin de Siècle-Globetrotter ist kein Held, der einen bestimmten Ort sucht. Er bleibt unterwegs, folgt dem Horizont, verschwindet nach jedem Abenteuer wieder hinter der nächsten Küstenlinie. Diese Unrast macht ihn bis heute einzigartig. Grund genug, einen Blick auf die Figur und ihren Schöpfer zu werfen. Beginnen wir mit dem kreativen Kopf der Reihe:

    Als gute Comics noch Comics, und nicht Graphic Novel, hießen

    Hugo Pratt (eigentlich: Ugo Eugenio Prat) wurde 1927 im italienischen Rimini geboren und wuchs in Venedig auf – einer Stadt, die mit ihren Häfen, Seefahrern und Geschichten aus aller Welt kaum passender zu seinem späteren Werk hätte sein können. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs prägten ihn früh. Nach dessen Ende arbeitete er zunächst als Comiczeichner in Italien, bevor er mehrere Jahre nach Buenos Aires übersiedelte. Dort entwickelte er gemeinsam mit dem Autor Héctor Germán Oesterheld seinen unverwechselbaren Stil weiter.

    Pratt war Zeit seines Lebens ein Reisender. Er lebte und arbeitete unter anderem in Argentinien, England, Frankreich und der Schweiz, bereiste Afrika und Südamerika und sammelte historische Stoffe mit der Neugier eines Abenteurers. Viele seiner Geschichten speisen sich aus diesen Erfahrungen. 1967 schuf er schließlich mit Corto Maltese jene Figur, die ihn weltberühmt machen sollte: einen Seemann ohne festen Heimathafen, der seinem Schöpfer in vielem erstaunlich ähnlich war.

    Pratt starb 1995 in Lausanne. Sein Werk gilt heute als Meilenstein des europäischen Comics und hat Generationen von Zeichnern und Autoren beeinflusst – deren Arbeiten man heute kaum noch schlicht „Comic“ nennen würde, sondern bevorzugt als Graphic Novels bezeichnet.

    Ein radikal neuer Held

    Als Hugo Pratt 1967 die erste Corto-Maltese-Geschichte veröffentlichte, ahnte wohl niemand, dass daraus eine der bedeutendsten Figuren der europäischen Comicgeschichte werden würde. Die Erzählung Die Südseeballade (Una Ballata del Mare Salato) erschien zunächst als Fortsetzungsserie und unterschied sich radikal von vielem, was damals im Abenteuercomic üblich war.

    Der Held trat nicht als strahlender Sieger auf. Als die Leser Corto Maltese erstmals begegnen, treibt er gefesselt auf einem Floß im Pazifik. Bereits dieser Auftritt verrät viel über die Figur: Corto ist kein Eroberer, sondern ein Überlebender. Er wird von den Ereignissen nicht beherrscht, sondern lässt sich durch sie hindurchtragen – mit einer Mischung aus Gelassenheit, Ironie und Unabhängigkeit.

    Pratt schuf seinen Helden aus vielen Quellen. Da war die romantische Tradition der großen Abenteuerliteratur von Autoren wie Robert Louis Stevenson, Joseph Conrad und Jack London. Da waren aber auch historische Berichte über Seefahrer, Entdecker, Revolutionäre und Glücksritter, die Pratt sein Leben lang sammelte. Hinzu kamen eigene Reiseerfahrungen und seine Faszination für Kulturen, die sich an den Rändern großer Imperien entwickelten.

    Corto Maltese selbst ist eine Figur zwischen den Welten. Geboren 1887 auf Malta als Sohn eines britischen Seemanns und einer andalusischen Mutter mit Roma-Wurzeln, besitzt er keine eindeutige nationale Identität. Das macht ihn zu einem idealen Begleiter durch die Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts. Er gehört keiner Nation vollständig an, keinem politischen Lager und keiner Ideologie. Er bewegt sich durch die Geschichte wie ein unabhängiger Beobachter, der sich seine Freiheit um jeden Preis bewahren will.

    Die Abenteuer spielen vor dem Hintergrund realer historischer Ereignisse. Corto begegnet Revolutionären, Spionen, Kolonialbeamten, Piraten und Dichtern. Er reist durch den Pazifik, die Karibik, Südamerika, Afrika, China, Irland und Sibirien. Immer wieder kreuzen tatsächliche historische Persönlichkeiten seinen Weg. Pratt verknüpft Fakten und Fiktion so geschickt, dass die Grenzen oft verschwimmen. Wer Corto Maltese liest, bewegt sich durch eine Welt, in der Legenden und Geschichte gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

    Besonders bemerkenswert ist dabei der historische Blick des Autors. Pratt interessierte sich weniger für die großen Sieger der Geschichte als für ihre Randfiguren: Seeleute, Exilanten, Rebellen, Abenteurer und Heimatlose. Seine Geschichten spielen häufig in den letzten Jahren des europäischen Kolonialzeitalters, einer Epoche, in der alte Gewissheiten zerfielen und neue Konflikte entstanden. Corto Maltese ist Zeuge dieser Veränderungen, ohne sich jemals vollständig von ihnen vereinnahmen zu lassen.

    Darin liegt bis heute die Faszination des Charakters. Während viele Comic-Protagonisten für bestimmte Werte oder Weltbilder stehen, verkörpert Corto Maltese vor allem eines: die Freiheit des Einzelnen. Er kämpft nicht für Ruhm, Macht oder Vaterland. Er folgt seiner Neugier, seinem Gerechtigkeitsempfinden und gelegentlich auch einfach dem Wind. Vielleicht wirkte er deshalb auf viele junge Leser des Magazins ZACK so anders als die übrigen Helden ihrer Comicwelt. Er war kein Sieger, sondern ein Suchender – und seine Abenteuer waren weniger actiongetriebene Stories als Reisen durch die verborgenen Winkel der Weltgeschichte.

    Die Südseeballade: Geburt einer Legende

    Die erste Begegnung mit Corto Maltese ist ebenso ungewöhnlich wie die Figur selbst: Gefesselt auf einem Floß dümpelt er in den unendlichen Weiten des Pazifiks, wo ihn der skrupellose Pirat Rasputin aus dem Meer fischt. Vor dem Hintergrund der Friktionen unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg entspinnt sich ein vielschichtiges Abenteuer zwischen Freibeutertum, Kolonialpolitik und persönlichen Loyalitäten. Im Mittelpunkt stehen auch die jungen Cousins Pandora und Cain Groovesnore, die unfreiwillig in die Machenschaften des geheimnisvollen „Mönchs“ geraten. Was als Südseeabenteuer beginnt, entwickelt sich zu einer melancholischen Erzählung über Macht, Freundschaft und den Verlust von Unschuld.

    Unter dem Zeichen des Steinbocks: Südamerika voller Geheimnisse

    In seiner zweiten großen Reise verschlägt es Corto nach Südamerika und in die Karibik. Gemeinsam mit dem exzentrischen Professor Jeremiah Steiner begleitet er den jungen Tristan Bantam auf der Suche nach dem sagenhaften versunkenen Kontinent Mu. Die Reise führt durch die Guayanas, nach Brasilien und auf die Inseln der Karibik. Dabei gerät Corto in Erbstreitigkeiten, politische Intrigen, Revolten und Voodoo-Mysterien. Die eigentliche Handlung tritt dabei oft hinter die surreale Atmosphäre zurück: Pratt zeichnet ein faszinierendes Bild eines Kontinents voller Legenden, kultureller Vielfalt und historischer Bruchlinien.

    Immer ein Stück weiter: Freiheit als Kompass

    Die dritte Abenteuer führt Corto Maltese erneut durch die Karibik und entlang der Küsten Mittel- und Südamerikas. Revolutionäre, Schmuggler, gescheiterte Idealisten und Verfolgte kreuzen seinen Weg. Anders als klassische Abenteuerhelden verfolgt Corto dabei selten ein konkretes Ziel. Er hilft, vermittelt, verschwindet wieder und gerät immer neu in die Strömungen der Geschichte. Die einzelnen Episoden wirken wie lose verbundene Reiseerzählungen, doch sie kreisen alle um dasselbe Thema: die Suche nach Freiheit in einer Welt voller politischer Umbrüche und persönlicher Schicksale. Hier wird besonders deutlich, dass der Maltese weniger ein Held als ein Wanderer durch die Randzonen der Weltgeschichte ist.

    Als der Wind nachließ

    Über fast drei Jahrzehnte hinweg schickte Hugo Pratt seinen Seemann durch die Häfen, Krisengebiete und Legenden der Welt am Anfang des 20-sten Jahrhunderts. Insgesamt entstanden rund drei Dutzend Geschichten, anfänglich kurze Episoden entwickelten sich zu umfangreiche Alben, und aus einer zunächst ungewöhnlichen Comicfigur wurde eine Ikone der europäischen Comickultur.

    1992 erschien mit die letzte Odyssee aus der Feder Pratts. Drei Jahre später, 1995, starb der Zeichner 68-jährig am Ufer des Genfer Sees. Mit ihm endete auch jene einzigartige Verbindung aus Abenteuerroman, Geschichtserzählung und gezeichneter Poesie, die Corto Maltese geprägt hatte.

    Für die Leser des Magazins ZACK war das jedoch nie wirklich ein Abschied. Die Geschichten blieben im Regal, zwischen vergilbten Heften und Erinnerungen an eine Zeit, in der man Woche für Woche gespannt auf die nächste Fortsetzung wartete. Wer heute wieder zu Corto Maltese greift, begegnet deshalb nicht nur einem Comichelden. Er begegnet einem Stück eigener Vergangenheit – und einem Erzähler, der gezeigt hat, dass Comics weit mehr sein können als triviale Unterhaltung.

    Das Vermächtnis von Hugo Pratt liegt vor allem darin, dass seine Geschichten die Welt nicht erklären sollten. Sie wollten Lust machen, sie zu entdecken. Und irgendwo hinter dem nächsten Horizont segelt Corto Maltese noch immer weiter – mit schief sitzender Schirmmütze, einem ironischen Lächeln und dem festen Vorsatz, sich von niemandem vereinnahmen zu lassen.
    +++

    Lesen Sie auch: Der partout nicht sterben wollende Gallier – zum 60sten einer Comic-Ikone


    Asterix wird 60 und wäre besser bereits mit 18 abgetreten. Ein nostalgischer Rückblick auf einen Comic-Helden seiner Jugend von Kolumnist Henning Hirsch. (21. Okt. 2019)

  • Die neue Lust am Psycho-Pulp

    Die neue Lust am Psycho-Pulp

    „Papa, du kennst doch Sydney Sweeney.“
    „Das ist die mit der Jeanswerbung, oder?“
    „Genau die.“
    „Was ist mit der?“
    „Die hat in einem echt guten Film mitgespielt: The Housemaid. Musst du dir unbedingt anschau’n!“
    „Bin ich dafür die richtige Zielgruppe?“
    „Nein, du bist definitiv zu alt dafür. Aber schau‘ ihn dir trotzdem an und schreib‘ ne Rezension darüber.“
    (c) Unterhaltung zwischen meiner Tochter und mir, Anfang des Jahres
    ***

    Mit ein paar Monaten Verspätung habe ich mir The Housemaid nun im Streaming angesehen. Hier mein Eindruck:

    The Housemaid: BookTok, Schundroman und psychologische Eskalation

    Bevor The Housemaid zum Kinohit wurde, war die Geschichte bereits ein globales Literaturphänomen. Die Vorlage stammt von Freida McFadden, deren geichnamige Thriller sich millionenfach verkauften – vor allem über TikTok, Instagram und digitale Lesebubbles.

    McFaddens Bücher funktionieren nicht über sprachliche Eleganz, sondern über maximale Sogwirkung. Kurze Kapitel. Cliffhanger im Dauertakt. Übertreibungen. Schocks. Geheimnisse. Fast jede Szene endet mit einer neuen Eskalation. Genau deshalb sind die Romane perfekte Streaming- und Kino-Stoffe.

    Der Reihe haftet etwas bewusst Trashhaftes an. The Housemaid gehört zu jener modernen Form des Psycho-Pulps, die man früher wahrscheinlich als Bahnhofsliteratur bezeichnet hätte – jetzt eben digitalisiert für das BookTok-Zeitalter.

    Interessant ist dabei vor allem die Hauptfigur Millie Calloway. Denn anders als viele klassische Thriller-Heldinnen bringt sie selbst Gewaltpotenzial mit. Ihre Gefängnisvergangenheit, ihre traumatischen Erfahrungen und ihre permanente Alarmbereitschaft machen sie gleichzeitig zur Täterin und zum Opfer.

    Die Bücher arbeiten diesen Aspekt stärker heraus als der erste Film. Vor allem der zweite Roman The Housemaid’s Secret (Sie kann dich hören) vertieft Millies psychische Zerrissenheit deutlich stärker und macht klar: Die eigentliche Geschichte der Reihe handelt weniger von reichen Familien mit Geheimnissen als von einer Frau, die niemals wirklich ihrem Trauma entkommt.

    Der perfekte Thriller für das TikTok-Zeitalter

    Es gibt Filme, die wirken wie aus einem Algorithmus geboren. The Housemaid gehört in diese Kategorie.

    Eine attraktive junge Frau mit dunkler Vergangenheit. Eine toxische Ehe hinter luxuriösen Mauern. Manipulation, sexuelle Spannungen, soziale Abhängigkeiten und ständig das Gefühl, dass gleich etwas eskalieren könnte.

    Der Film kombiniert klassische Erotikthriller der 1990er Jahre mit moderner Social-Media-Ästhetik. Alles wirkt stylisch, konsumierbar und emotional überhöht. Darin liegt seine Stärke.

    Denn auf dem Papier ist die Geschichte eigentlich nicht besonders originell. Millie nimmt eine Stelle als Haushälterin bei einer reichen Familie an und entdeckt nach und nach, dass hinter der perfekten Fassade Gewalt, Machtspiele und psychologische Manipulation lauern.

    DIe Handlung funktioniert vor allem deshalb, weil sie die Hauptfigur ernst nimmt.

    Millie Calloway: Opfer oder tickende Zeitbombe?

    Die Spannung entsteht nicht durch das anfängliche Rätsel, ob die Familie gefährlich ist. Die Spannung entsteht durch Millie selbst.

    Schon früh wird angedeutet, dass sie wegen eines gewalttätigen Vorfalls im Gefängnis saß. Sydney Sweeney spielt diese Vergangenheit nicht offensiv aus, sondern unterschwellig: vorsichtige Bewegungen, kontrollierte Körpersprache, ständig gespannte Aufmerksamkeit.

    Millie wirkt wie jemand, der gelernt hat, Gefahr permanent vorauszuahnen. Dadurch entsteht eine interessante Ambivalenz. Sie ist kein klassisches Opfer, sondern eine Frau, die in Extremsituationen selbst gefährlich werden kann.

    Das macht die Figur deutlich interessanter als viele moderne Thriller-Heldinnen. Millie trägt Trauma nicht wie ein erzählerisches Accessoire mit sich herum – sie lebt darin.

    Sydney Sweeney gegen ihr eigenes Image

    Für Sydney Sweeney markiert der Film einen entscheidenden Karrieremoment.

    Lange wurde sie vor allem über ihr Äußeres definiert: glamourös, erotisch aufgeladen, Projektionsfläche für Social Media und Hollywood-Marketing. The Housemaid nutzt dieses öffentliche Bild zunächst bewusst aus – und unterläuft es dann schrittweise.

    Millie ist erschöpft, beschädigt, misstrauisch und emotional instabil. Interessant ist vor allem, wie zurückgenommen Sweeney spielt. Viele Szenen funktionieren deshalb, weil sie ihre Emotionen zügelt, statt sie offen auszuspielen.

    Ohne diese kontrollierte Performance würde der Film vermutlich vollständig in campigen Thriller-Exzess abrutschen.

    Amanda Seyfried: der heimliche Star

    So sehr The Housemaid als Sydney-Sweeney-Film vermarktet wurde, so häufig drehten sich die Kritiken letztlich um Amanda Seyfried.

    Während Sweeney die innere Spannung und das Trauma verkörpert, liefert Seyfried die deutlich explosivere Performance. Sie spielt mit kontrollierter Hysterie, grotesker Eleganz und einer beinahe genüsslichen Überzeichnung.

    Dadurch bewegt sich ihre Figur permanent zwischen ernst gemeintem Psychodrama und streckenweise übertriebener Theatralik. Das passt erstaunlich gut zur Romanvorlage.

    Viele Kritiker bezeichneten Seyfrieds Darstellung sogar als eigentlichen Höhepunkt des Films.

    Und tatsächlich: In den besten Szenen gehört The Housemaid eindeutig Seyfried.

    Edelthriller vs. Groschenroman-Romantik

    Paul Feig versucht sichtbar, aus der trashigen Vorlage einen eleganten Prestige-Thriller zu formen. Die Kameraarbeit ist stilisiert, die Villen wirken wie aus Luxusmagazinen und viele Szenen erinnern bewusst an Filme wie Gone Girl oder klassische Noir-Thriller.

    Doch unter dieser schicken Oberfläche bleibt The Housemaid letztlich ein überdrehter Schundroman.

    Vor allem im letzten Drittel kippt die Geschichte vollständig in Penny-Dreadful-Eskalation. Figuren handeln in kaum nachvollziehbarer Weise. Konflikte explodieren plötzlich. Die Handlung wird immer extremer. Realismus spielt irgendwann kaum noch eine Rolle.

    Viele Kritiker beschrieben den Film deshalb treffend als „Edeltrash“ oder „Guilty Pleasure“. Tatsächlich lebt The Housemaid weniger von psychologischer Feinzeichnung als von emotionaler Wucht, großen Gesten und kalkulierter Übertreibung.

    Antje Wessels bezeichnete den Film treffend als „hochunterhaltsamen Edeltrash“. Dieses Urteil charakterisiert es trefflicher als jeder Versuch, das Ganze zu einem tiefgründigen Prestigeprojekt zu (v)erklären.

    Der Überraschungshit des Kinojahres

    Fast noch erstaunlicher als die Geschichte selbst war ihr kommerzieller Erfolg.

    Mit Produktionskosten von rund 35 Millionen Dollar galt The Housemaid ursprünglich eher als mittelgroßer Thriller für ein spezifisches Publikum. Doch der Film entwickelte sich zu einem weltweiten Überraschungshit.

    Knapp 400 Millionen Dollar Einspielergebnis machten ihn zu einem der profitabelsten Thriller des Kinojahres.

    Der Erfolg erklärt sich durch mehrere Faktoren:

    • den enormen BookTok-Hype um die Romanvorlage,
    • die Popularität von Sydney Sweeney,
    • den bewussten Guilty-Pleasure-Charakter,
    • und die Tatsache, dass Hollywood kaum noch klassische Erotik- und Psychothriller fürs Kino produziert.

    The Housemaid füllt eine Marktlücke: erwachsenes Hochglanzkino zwischen Suspense, toxischer Beziehungsfantasie und pulpiger Eskalation.

    Folgerichtig wurde die Fortsetzung schnell angekündigt und soll bereits im kommenden Jahr fertiggestellt sein.

    Sehr unterhaltsam, aber trotzdem Trash

    The Housemaid ist kein subtiler Film. Er ist laut, übertrieben, emotional aufgeladen und manchmal fast absurd eskalierend. Darin liegt sein Reiz.

    Die Geschichte schwankt permanent zwischen stylischem Hochglanzthriller und hemmungslosem Psycho-Pulp. Nicht jede Szene funktioniert. Manche Passagen ziehen sich, manche Twists wirken überkonstruiert. Aber der Film besitzt etwas, das vielen modernen Thrillern fehlt: Energie.

    Sydney Sweeney liefert ihre bislang wichtigste Mainstream-Rolle und verleiht Millie eine glaubwürdige innere Zerrissenheit. Amanda Seyfried bringt jene exzessive, beinahe campige Wucht hinein, die den Film endgültig zum Guilty Pleasure macht.

    Am Ende bleibt The Housemaid vor allem eines: hochunterhaltsamer Edeltrash mit überraschend viel psychologischer Schärfe.

    Bewertung: 7.5 Punkte
    +++

    STECKBRIEF

    Deutscher Titel: The Housemaid – Wenn sie wüsste
    Originaltitel :The Housemaid
    Länge: 132 Minuten
    Originalsprache: Englisch
    Vorlage: gleichnamige Romanreihe von Freida McFadden
    Genre Psychothriller, Erotikthriller, „Domestic Noir“
    Produktionsland: USA
    Kinostart: 19. Dez. 2025 (USA), 15. Jan. 2026 (Deutschland)
    Regie: Paul Feig
    Drehbuch: Rebecca Sonnenshine
    Produktionsunternehmen: Feigco Entertainment & Hidden Pictures
    Produktionskosten: ca. 35 Mio. USD
    Einspielergnis weltweit: geschätzt 400 Mio. USD
    Darsteller:innen:
    Sydney Sweeney: Millie Calloway
    Amanda Seyfried: Nina Winchester
    Brandon Sklenar: Andrew Winchester
    geplante Fortsetzung: The Housemaid’s Secret („The Housemaid 2“)

    +++

    Lesen Sie auch: Sieg mit Euphorie
    American Eagle Sydney Sweeney
    Chris Kaiser über die American Eagle Werbung. (13. Aug. 2025)

  • Der Vampir als Spiegel der Gesellschaft

    Der Vampir als Spiegel der Gesellschaft

    Vergangene Woche schrieb ich, dass mein erstes „erwachsenes“ Buch Dracula von Bram Stoker war, das ich als Noch-nicht-Teenager spätabends mit Taschenlampe in meinem Kinderzimmer verschlang (vielleicht verschlang der Roman auch mich) und im Anschluss, aus Angst vor ungebetenen Vampirbesuchen, eine Woche lang das Licht nachts nicht mehr löschte. Grund genug, uns heute etwas ausführlicher mit Herkunft und literarischer & filmischer Adaption des aristokratischsten aller Untoten zu beschäftigen. Wobei der Graf ursprünglich gar nicht blaublütig daherkam, sondern bloß ein gemeines Mitglied der weitverzweigten Familie „Blutsauger“ darstellte, bis ihn viktorianische Schriftsteller als Gruselsubjekt entdeckten und nachträglich in den Adelsstand erhoben. Aber wir wollen an dieser frühen Stelle des Textes nicht vorgreifen, sondern alles streng wissenschaftlich der Reihe nach abhandeln.

    Es gibt Geheimnisse, die der Mensch nur erahnen kann und die er im Laufe der Zeitalter stets nur teilweise zu enträtseln vermag.
    (c) Abraham Van Helsing, in: Dracula, Kap. 15: Dr. Sewards Tagebuch

    Vom Wiedergänger zum Aristokraten

    Der Vampir gehört zu den langlebigsten Figuren der Kulturgeschichte. Kaum ein anderes Monster hat einen vergleichbaren Wandel durchlaufen: vom verwesenden Wiedergänger mittelalterlicher Dorfmythen hin zum melancholischen Aristokraten, zum erotischen Verführer, zum tragischen Außenseiter oder gar zum Actionhelden moderner Popkultur.

    Dabei ist der Vampir keineswegs eine Erfindung des viktorianischen Romans oder gar des Horrorfilms. Die Vorstellung von Toten, die zurückkehren und den Lebenden ihre Kraft entziehen, reicht weit zurück – bis in die Antike. Erst im 19. Jahrhundert erhielt diese Figur jedoch ihre moderne Gestalt. Und erst Dracula machte aus einem regionalen Volksglauben einen globalen Mythos.

    Die frühen Ursprünge: Dämonen, Nachtwesen und Wiedergänger

    Schon antiken Kulturen graute es vor Wesen, die dem späteren Vampir erstaunlich nahekommen. Im alten Griechenland wimmelte es von Gestalten wie Lamia oder Empusa – weibliche Nachtwesen, die Männer verführten, Kinder bedrohten und den Lebenden ihre Energie entzogen.

    Auch die Römer kannten mit den „Striges“ vogelartige Dämonen, die nachts Blut tranken. Solche Vorstellungen standen meist in enger Verbindung mit Siechtum und Seuchen. Der frühe Vampir war daher kein eleganter Untoter, sondern Ausdruck einer existenziellen Angst vor Verwesung und dem unkontrollierbaren Tod.

    Im europäischen Mittelalter verdichteten sich diese Vorstellungen zum Glauben an Wiedergänger – Tote, die aus ihren Gräbern zurückkehrten, Familien heimsuchten und Krankheiten verbreiteten. Besonders in Osteuropa entstanden daraus jene Mythen, die später direkt in die Vampirliteratur einflossen. Dort glaubte man, bestimmte Verstorbene könnten nach ihrem Tod keine Ruhe finden und würden nachts in ihre Dörfer zurückkehren. Die Beschreibungen dieser Wesen waren grotesk und körperlich: aufgedunsene Leichen, blutverschmierte Münder und scheinbar unverwestes Fleisch galten als Beweis dafür, dass der Tote weiterhin aktiv sei.

    Die Vampirpaniken Osteuropas

    Im 17. und frühen 18. Jahrhundert kam es im Balkanraum und in Teilen Osteuropas sogar zu regelrechten Vampirpaniken. Menschen waren überzeugt, Verstorbene würden nachts ihre Gräber verlassen und den Lebenden Schaden zufügen.

    Berichte über angebliche Vampire wie der Arnold Paole vampire case gelangten über österreichische Verwaltungsberichte nach Westeuropa. Zum ersten Mal tauchte das Wort „Vampir“ in deutschen und französischen Zeitungen auf. Viele dieser Erscheinungen lassen sich heute durch natürliche Verwesungsprozesse erklären. Für die damaligen Menschen waren sie jedoch der Beweis dafür, dass der Tote nicht ruhte.

    In dieser Zeit entstanden auch zahlreiche Abwehrpraktiken, die später fester Bestandteil der Mythologie wurden. Man pfählte angebliche Vampire, enthauptete sie oder verbrannte ihre Körper. Knoblauch galt als Schutzmittel gegen dämonische Kräfte, geweihte Symbole sollten Untote fernhalten. Der Vampir war damals allerdings noch kein aristokratischer Verführer, sondern ein wandelnder Seuchenherd.

    Der literarische Vampir entsteht

    Die eigentliche Geburt des modernen Vampirs erfolgte erst in der Literatur des frühen 19. Jahrhunderts. 1819 veröffentlichte John Polidori die Erzählung The Vampyre.

    Hier erscheint erstmals jener Typus, der später Dracula prägen sollte: ein aristokratischer, kultivierter und gesellschaftsfähiger Vampir. Lord Ruthven war kein verwesender Dorfdämon mehr, sondern ein gefährlicher Gentleman, der sich mühelos in die feine Gesellschaft einfügte. Damit wurde der Vampir endgültig zur Projektionsfläche sexueller und gesellschaftlicher Ängste.

    Einen weiteren entscheidenden Schritt stellte Carmilla von Sheridan Le Fanu dar.

    Die Novelle verband Vampirismus mit Erotik, psychologischer Manipulation und unterschwelliger Sexualität. Viele Motive, die später mit Dracula assoziiert wurden, tauchen hier bereits auf: das dekadente Schloss, die Mischung aus Begehren und Gefahr sowie die Ambivalenz des Vampirs als zugleich faszinierende und zerstörerische Figur.

    Bram Stoker und die Vollendung des Mythos

    1897 erschien schließlich Dracula – jener Roman, der alle vorherigen Stränge zusammenführte.

    3. Mai. Bistritz. Abfahrt München am 1. Mai um 20:35 Uhr, Ankunft Wien am frühen Morgen des Folgetages; geplante Ankunft 18:46 Uhr, der Zug hatte aber eine Stunde Verspätung.
    (c) Einstiegssatz, Erstes Kapitel: Jonathan Harkers Tagebuch

    Bram Stoker griff dabei nicht einfach nur ältere Vampirgeschichten auf, sondern verband unterschiedlichste kulturelle Strömungen seiner Zeit zu einer neuen, außergewöhnlich komplexen Horrorgestalt. In Dracula treffen osteuropäischer Volksglaube, viktorianische Moralvorstellungen, religiöse Symbolik, koloniale Ängste und die Verunsicherung einer zunehmend modernen Welt aufeinander.

    Schon der Beginn des Romans erzeugt eine Atmosphäre kultureller Fremdheit. Jonathan Harker reist aus dem rationalen, industrialisierten England in eine abgelegene Region Transsylvaniens – eine Gegend, die im Roman wie  der Einstieg in eine Zeitmaschine anmutet. Der Ortswechsel markiert zugleich den Übergang von der modernen Welt in eine archaische Sphäre voller Aberglauben, alter Rituale und unaussprechlicher Bedrohungen. Stoker inszeniert Dracula damit nicht nur als Monster, sondern auch als Invasor aus einer vergangenen Epoche, der in die Gegenwart eindringt.

    Willkommen in meinem Haus! Tretet frei ein – aus eigenem Willen!
    (c) Der Graf begrüßt seinen englischen Gast, in: Kapitel 2: Jonathan Harkers Tagebuch

    Der Graf selbst bleibt dabei bewusst schwer greifbar. Anders als viele spätere Filmversionen zeigt ihn der Roman nicht primär als romantischen Verführer. Stokers Dracula ist zunächst ein alter Mann mit bleicher Haut, buschigen Augenbrauen, behaarten Handflächen und einem fast tierhaften Gesichtsausdruck. Erst im Verlauf der Handlung verjüngt er sich durch das Blut seiner Opfer. Gerade diese Wandelbarkeit macht die Figur so verstörend: Dracula erscheint mal als kultivierter Aristokrat, mal als Raubtier, Nebelgestalt, Wolf oder Fledermaus. Er besitzt keine feste Identität, sondern wirkt wie eine Verkörperung permanenter Bedrohung.

    Gleichzeitig erzählt der Roman viel über die Ängste der viktorianischen Gesellschaft. Hinter dem Vampirismus verbergen sich unterschwellige Themen wie Sexualität, Kontrollverlust und gesellschaftliche Dekadenz. Besonders die Szenen um Lucy Westenra zeigen, wie eng Erotik und Horror miteinander verknüpft sind. Der Vampirbiss erscheint bei Stoker oft wie eine Mischung aus Verführung, Krankheit und moralischem Verfall. Dass Dracula seine Opfer „infiziert“, verweist zugleich auf zeitgenössische Ängste vor Seuchen, Syphilis und körperlicher Degeneration.

    Bemerkenswert modern wirkt auch die Struktur des Romans. Dracula besteht aus Tagebucheinträgen, Briefen, Telegrammen, Schiffsprotokollen und Zeitungsausschnitten. Dadurch entsteht der Eindruck einer dokumentierten Fallakte. Die Figuren versuchen, das Übernatürliche mit den Mitteln moderner Wissenschaft zu verstehen und zu bekämpfen. Gerade dieser Gegensatz zwischen Rationalität und archaischem Grauen macht den Roman bis heute so faszinierend.

    Die Stärke des Vampirs besteht darin, dass niemand an ihn glaubt.
    (c) Abraham Van Helsing, in: Dracula, Kap. 23: Dr. Sewards Tagebuch

    Zentral für die Handlung ist schließlich Abraham Van Helsing – Arzt, Gelehrter und Vampirjäger zugleich. In seiner Figur verbindet Stoker wissenschaftliches Denken mit religiösem und okkultem Wissen. Van Helsing erkennt als Erster, dass moderne Rationalität allein nicht ausreicht, um Dracula zu besiegen. Der Roman beschreibt damit auch die Grenzen einer Welt, die glaubt, alles erklären zu können.

    Viele Elemente, die heute als typische Vampirregeln gelten, wurden durch Dracula endgültig kanonisiert: der Biss in den Hals, die Angst vor Kreuzen und Weihwasser, die Verbindung von Blut und Leben, der nächtliche Jäger im Schloss, der Kampf zwischen christlicher Symbolik und dämonischer Unsterblichkeit. Zugleich blieb die Figur offen genug, um in späteren Jahrzehnten immer wieder neu interpretiert zu werden.

    Der Vampir erobert das Kino

    Schon früh wurde Dracula zum perfekten Stoff für das Kino. Der Film verstärkte die visuellen und erotischen Aspekte der Figur – und erschuf dabei viele neue Regeln, die heute selbstverständlich erscheinen.

    Die erste große Dracula-Adaption war Nosferatu von F. W. Murnau.

    Da die Rechte am Roman fehlten, wurden Namen und Details verändert, doch die Vorlage blieb unverkennbar. Besonders einflussreich war die Darstellung des Vampirs als seuchenartige Bedrohung. Graf Orlok wirkt rattenhaft, krankhaft und beinahe unmenschlich. Auch die Idee, dass Sonnenlicht Vampire vernichtet, wurde hier erstmals prominent inszeniert – obwohl sie im Roman noch gar nicht existierte.

    1931 folgte Dracula mit Bela Lugosi.

    Lugosi definierte den klassischen Dracula der Popkultur: schwarzer Umhang, hypnotischer Blick, aristokratischer Akzent und elegante Gestik. Viele Menschen verwechseln heute diese Filmfigur mit Stokers Romanvorlage, obwohl zahlreiche ikonische Merkmale erst durch diese Verfilmung entstanden.

    Christopher Lee: die erotische Aufladung der Figur

    In den späten 1950er- und 1960er-Jahren erneuerte Hammer Film Productions den Vampirfilm grundlegend. Besonders Horror of Dracula mit Christopher Lee revolutionierte das Genre.

    Lees Dracula war körperlich, aggressiv und erotisch aufgeladen. Die Hammer-Filme machten den Vampirfilm farbiger, brutaler und deutlich sexueller als die klassischen Universal-Produktionen. Gleichzeitig etablierten sie jene üppige Gothic-Ästhetik aus Nebel, Kerzenlicht und verwunschenen Burgen, die bis heute untrennbar mit Dracula verbunden ist.

    Besonders prägend wurden Filme wie Dracula: Prince of Darkness oder Taste the Blood of Dracula, die den Vampir endgültig als Mischung aus Horrorfigur und erotischem Mythos etablierten.

    Coppolas Dracula als Gothic-Oper

    Als Bram Stoker’s Dracula von Francis Ford Coppola Anfang der 1990er-Jahre erschien, galt der klassische Dracula-Film eigentlich bereits als erschöpft. Coppolas Adaption verwandelte den Stoff jedoch in ein opulentes, visuell überwältigendes Gothic-Epos und schuf damit eine der einflussreichsten Vampirverfilmungen überhaupt.

    Der Film versucht einerseits ungewöhnlich nah an Bram Stokers Roman zu bleiben. Viele Figuren, Schauplätze und Handlungselemente wurden direkt übernommen: Jonathan Harkers Reise nach Transsylvanien, die Tagebuchstruktur, Dr. Seward, Renfield, Lucy Westenra oder die Jagd auf Dracula durch Van Helsing und seine Verbündeten. Gleichzeitig erweitert Coppola die Vorlage um eine große tragische Liebesgeschichte, die im Roman selbst nur angedeutet existiert.

    Bereits der Prolog verändert die Figur Draculas entscheidend. Coppola verbindet den Vampirenmythos mit der historischen Figur Vlad III. Drăculea, dem walachischen Fürsten, der später als Vorbild für den Namen Dracula diente. Im Film verliert Dracula seine Frau Elisabeta und wendet sich aus Verzweiflung gegen Gott. Dadurch wird der Vampir nicht nur Monster, sondern gefallener Liebender – eine Figur zwischen Verdammnis und Sehnsucht.

    Speziell diese romantische Dimension unterscheidet Coppolas Dracula stark von Stokers ursprünglicher Romanfigur. Gary Oldman spielt Dracula nicht bloß als dämonischen Eindringling, sondern zugleich als melancholischen, jahrhundertealten Außenseiter. Der Film macht ihn zur tragischen Figur, die unter ihrer eigenen Unsterblichkeit leidet. Viele spätere Vampirdarstellungen – von Serien bis Young-Adult-Romanen – greifen dieses Motiv des leidenden, romantisierten Vampirs auf.

    Visuell wirkt Coppolas Film wie eine Mischung aus Oper, Theater, expressionistischem Stummfilm und viktorianischem Albtraum. Besonders auffällig ist der bewusste Verzicht auf moderne Computereffekte. Stattdessen arbeitet der Film mit klassischen Tricktechniken, Schattenprojektionen, Miniaturen und surrealen Bildkompositionen. Dadurch entsteht eine traumartige Atmosphäre, die den Film bis heute einzigartig macht.

    Auch die Farbdramaturgie spielt eine zentrale Rolle. Rot dominiert nahezu jede Szene – als Farbe von Blut, Leidenschaft, Gewalt und Verdammnis. Dracula erscheint nicht nur als Untoter, sondern als Verkörperung körperlicher Begierde. Der Film macht offen sichtbar, was bei Stoker oft nur unterschwellig angedeutet wurde: die sexuelle Dimension des Vampirs.

    Gleichzeitig bleibt Coppolas Version tief im Gothic-Horror verwurzelt. Verfallene Burgen, Kerzenlicht, Nebel, religiöse Symbolik und groteske Körperbilder verbinden den Film mit der Tradition klassischer Dracula-Verfilmungen. Besonders Anthony Hopkins als exzentrischer Van Helsing bringt eine fast wilde Energie in die Geschichte – halb Wissenschaftler, halb fanatischer Dämonenjäger.

    Bis heute gilt Bram Stoker’s Dracula als eine der stilistisch prägendsten Vampiradaptionen überhaupt. Der Film verbindet Werktreue und Neuinterpretation, Horror und Melodram, Erotik und religiöse Bildsprache zu einer überhöhten Gothic-Oper. Gleichzeitig markiert er einen Wendepunkt: Nach Coppola wurde der Vampir endgültig zur tragischen, emotional aufgeladenen Popfigur der Moderne.

    Die 90-er Jahre: der Vampir als Nihilist

    Mit Vampires von John Carpenter und From Dusk till Dawn von Robert Rodriguez erreichte der Vampirfilm in den 1990er-Jahren eine neue, deutlich härtere und nihilistischere Phase. Beide Filme brachen bewusst mit dem klassischen Bild des aristokratischen Dracula-Vampirs und verlagerten das Genre in eine dreckige, gewalttätige und postmoderne Gegenwart.

    In Vampires entwirft Carpenter eine Welt, in der Vampire nicht mehr geheimnisvolle Verführer, sondern brutale Raubtiere sind. Die Vampirjäger wirken wie abgehalfterte Western-Söldner, die durch staubige Landschaften ziehen und Untote mit harter Gewalt vernichten. Der Film verbindet klassische Vampirmotive mit Elementen des Westerns und des Actionkinos. Besonders auffällig ist dabei die vollständige Entromantisierung des Vampirs: Carpenters Kreaturen sind monströs, körperlich und animalisch. Die gotische Eleganz früherer Dracula-Versionen wird durch Schmutz, Gewalt und eine fast apokalyptische Atmosphäre ersetzt.

    Noch radikaler zerlegt From Dusk till Dawn die traditionellen Regeln des Genres. Der Film beginnt zunächst wie ein Kriminal- und Roadmovie, bevor er abrupt in exzessiven Splatter-Horror umschlägt. In der berüchtigten Titty-Twister-Bar treffen Gangster, Outlaws und Trucker auf eine Horde grotesker Vampire. Gerade dieser Genrebruch machte den Film kultisch: Vampire erscheinen hier nicht mehr als elegante Nachtwesen, sondern als anarchische Monster in einer Welt aus Gewalt, Neonlicht und schwarzem Humor.

    Beide Filme markieren einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des Vampirkinos. Der Vampir verliert hier endgültig seine letzte aristokratische Würde und wird zur Figur einer desillusionierten Popkultur der 1990er-Jahre – laut, brutal, zynisch und von anderen Genres wie Western, Actionfilm und Splatterkino durchdrungen.

    Blade: Daywalker und Action-Held

    Mit Blade wurde der Vampirmythos noch einmal radikal neu interpretiert – weg von Gothic-Romantik und viktorianischer Melancholie, hin zu urbaner Action, Comic-Ästhetik und moderner Popkultur.

    Der Film basiert auf einer Figur aus dem Marvel-Universum und verbindet klassische Vampirmotive mit einem düsteren, urbanen Setting der Großstadt. Im Zentrum steht ein sogenannter „Daywalker“ – ein Halbvampir, der selbst Blut trinkt, aber gegen Vampire kämpft. Damit wird die traditionelle Trennung zwischen Mensch und Monster endgültig aufgehoben: Der Jäger ist selbst Teil der Bedrohung.

    Blade verschiebt den Vampirmythos in eine neue ästhetische Richtung. Statt gotischer Burgen und Nebel dominieren Clubs, Industriearchitektur, Neonlicht und eine von Gewalt geprägte urbane Gegenwart. Vampire sind hier keine aristokratischen Figuren mehr, sondern organisierte Untergrundgesellschaften, die sich wie kriminelle Netzwerke in unserer Welt bewegen.

    Gleichzeitig greift der Film viele klassische Motive wieder auf, allerdings in transformierter Form: Blut bleibt zentral, wird jedoch mit biochemischen und parasitären Vorstellungen verbunden; Unsterblichkeit wird weniger als Fluch der Seele, sondern als körperliche Mutation inszeniert; und die Jagd auf Vampire wird zu einem Mix aus Martial Arts, Horror und Superheldenfilm.

    Besonders einflussreich war dabei die stilistische Konsequenz: Blade II und Blade prägten die visuelle Sprache späterer Action- und Comicverfilmungen maßgeblich. Die Mischung aus Slow-Motion-Kampfsequenzen, dunkler Club-Ästhetik und körperlichem Horror wurde zu einem Vorbild für zahlreiche Filme der frühen 2000er Jahre.

    Damit steht Blade exemplarisch für eine weitere Transformation des Vampirs: Aus dem romantischen und gesellschaftlichen Symbol wird eine Figur des Action- und Genrekinos, in der sich Horror, Superheldenmythos und Urban Fantasy überlagern.

    True Blood: der Vampir wird bürgerlich

    True Blood lässt den Vampir endgültig in unsere Gegenwartskultur eintreten. Die Serie, basierend auf den Romanen von Charlaine Harris, kombiniert klassischen Südstaaten-Gothic mit Erotik, Horror, schwarzem Humor und gesellschaftspolitischen Themen.

    Die zentrale Idee ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Vampire leben nicht länger im Verborgenen, sondern treten gleichberechtigt in der Öffentlichkeit auf. Durch synthetisches Blut benötigen sie keine menschlichen Opfer mehr und fordern nun gesellschaftliche Akzeptanz. Damit wird der Vampir erstmals konsequent zur politischen und sozialen Metapher.

    True Blood verhandelt Themen wie Ausgrenzung, Identität, religiösen Fundamentalismus und Minderheitenrechte. Die Vampire fungieren dabei zugleich als gefährliche Raubwesen und diskriminierte Außenseiter. Dieser Spagat macht das Besondere der Serie aus: sie romantisiert den Vampir nicht vollständig, sondern zeigt ihn weiterhin als sexuelles, gewalttätiges und manipulierendes Wesen.

    Zugleich greift die Serie auf viele klassische Motive zurück – Blut, Verführung, religiöse Symbolik, Nachtleben und dekadente Erotik – und transportiert sie in die amerikanische Gegenwart. Die spezielle Atmosphäre der Südstaaten mit ihren Sümpfen, Kleinstädten und religiösen Spannungen verleiht True Blood eine eigene Identität innerhalb des Genres.

    Damit steht die Serie exemplarisch für die moderne Entwicklung des Vampirs: Aus dem mittelalterlichen Wiedergänger und dem viktorianischen Monster wurde endgültig eine vielschichtige Figur, die gesellschaftliche Konflikte, sexuelle Ängste und kulturelle Sehnsüchte gleichermaßen verkörpern kann.

    Spiegelbild der Gesellschaft

    Seitdem hat sich die Figur des Vampirs immer weiter verändert. In modernen Produktionen erscheint er mal als tragischer Existenzialist wie in Interview with the Vampire, mal als melancholischer Außenseiter wie in Only Lovers Left Alive oder als ironische Comedyfigur wie in What We Do in the Shadows.

    Und genau arin liegt die besondere Stärke des Vampirs: Er passt sich jeder Epoche an. Hinter der Figur verbergen sich immer auch die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Zeit – die Angst vor Krankheit und Tod ebenso wie die Faszination für Unsterblichkeit, Erotik und Grenzüberschreitung.

    So erzählt die Geschichte des Vampirs immer auch die Geschichte der Gesellschaften, die ihn nicht sterben lassen.
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    Peter Cushing
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