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Theorie der Verschwörung

Sind Verschwörungstheorien unplausibel, sollten sie immer bekämpft werden? Keineswegs. Sie haben auch eine sinnvolle Funktion als Korrektiv gegen allzu viel Vertrauen. Eine Analyse.

In der Naturwissenschaft gibt es so genannte theoretische Entitäten: das sind die Dinge, die man selbst nicht beobachten kann, mit denen man aber das erklären kann, was sich beobachten lässt. In der Physik sind z.B. die Elektronen solche Dinger: direkt sehen kann man sie nicht, man ist sogar uneins darüber, wie man sie sich vorstellen könnte, aber man kann eine Menge erklären, wenn man annimmt, dass es sie gibt, z.B. dass Strom fließt, das auf alten Fernsehern ein Bild zu sehen ist, und vieles mehr.

Während die Wissenschaftler selbst zumeist recht unbekümmert mit diesen versteckten unsichtbaren Dingen umgehen, zerbrechen sich die Wissenschaftsphilosophen den Kopf über die Frage, ob diese theoretischen Entitäten denn nun wirklich existieren, ob es notwendig ist, dass sie existieren, damit die Theorie brauchbar ist, oder ob es vielleicht ausreicht, dass sich mit der Theorie richtige Prognosen über Beobachtungen in Experimenten machen lassen oder nicht. Und wenn man dann als Philosoph den Blick von der Wissenschaft abwendet und auf die aktuelle Gesellschaft schaut, dann fragt man sich, ob es da auch so etwas gibt wie Elektronen in der Physik: Dinge, die man nicht sehen und nicht direkt beobachten kann, die aber dabei helfen, die Dinge zu verstehen, die sich tagtäglich beobachten lassen.

Zum Beispiel Verschwörungen.

Eine Theorie, die soziale Ereignisse und Entwicklungen als Wirkungen von Verschwörungen erklärt, ist eine Verschwörungstheorie. Das Wort hat derzeit keinen guten Ruf, Verschwörungstheoretiker, so könnte man meinen, wenn man die aktuelle Berichterstattung verfolgt oder auch mit klugen Freunden und Bekannten spricht, sind irgendwie irrationale Spinner, die man besser nicht ernst nehmen sollte – höchstens, um sie zu bekämpfen, denn vielleicht sind sie sogar gefährlich.

Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel betrachtete Verschwörungstheorien sogar als „Angriff auf unsere ganze Lebensweise“, denn, so meinte sie, Europa sei seit der Aufklärung den Weg gegangen, ein „Weltbild auf der Basis von Fakten“ aufzubauen, und dann sei es mit unserer ganzen Art zu leben schwer vereinbar, wenn ein Weltbild von Fakten losgelöst oder gar antifaktisch sei.

Nun ist es wissenschaftsphilosophisch anspruchsvoll, nachzuweisen, wie genau z.B. das Weltbild der Physik auf Fakten aufgebaut sei. Das diskutieren Physiker und Philosophen seit ca. 100 Jahren. Das Weltbild der Physik, wenn man diesen Begriff überhaupt mit guten Gründen verwenden kann, ist auf den Wechselwirkungen von Elementarteilchen oder Feldern aufgebaut, die man nicht sehen kann und die im Detail auch immer neu beschrieben werden. Die Fakten kommen erst ins Spiel, wenn es darum geht, aus den Grundelementen des Weltbildes Ereignisse zu erklären, die man tatsächlich beobachten kann. Und es ist auch für Physiker durchaus erträglich, über Elementarbausteine nachzudenken, die in dem Sinne losgelöst von den Fakten sind, dass sie durch tatsächliche Beobachtungen aktuell nicht bewiesen werden können, man denke an die Strings in der Stringtheorie oder die dunkle Materie in der Kosmologie.

Verschwörungen, Weihnachten und Elementarteilchen

Um zu klären, ob „Verschwörungstheorien“ wirklich etwas sind, was die Grundsätze unseres Weltbildes angreift, muss man also erst einmal klären, was eine Verschwörung in einer allgemeinen Sicht auf Theorien von einem Elementarteilchen unterscheidet. Was ist eine Verschwörung? Es handelt sich, um einmal eine einfache Begriffsbestimmung zu versuchen, um eine Gruppe von Menschen, die unbemerkt von der Öffentlichkeit ein Ziel erreichen will, welches wiederum von öffentlichem Interesse ist. Zwei Menschen, die gemeinsam ein Kind zeugen wollen, sind sicherlich keine Verschwörung, auch wenn sie unbemerkt von der Öffentlichkeit handeln wollen. Eltern, die beraten, was sie dem Kind zu Weihnachten schenken, sind auch keine Verschwörer, auch wenn sie sich verschwörerische Zeichen geben, wenn das Kind herauszufinden versucht, was sie besprochen haben. Auch eine Fußballmannschaft, die die Taktik fürs nächste Spiel abspricht, ist keine Verschwörung. Damit eine heimliche Absprache eine Verschwörung ist, ist es notwendig, dass die Heimlichkeit nicht als selbstverständlich akzeptiert ist. Wichtig für die Verschwörung ist, dass ihre Heimlichkeit nicht unproblematisch ist, dass sie nach gesellschaftlichen Normen verwerflich ist, dass ihre Aufdeckung zu gesellschaftlichen Sanktionen führt oder jedenfalls führen sollte. Es sind allerdings Verschwörungen denkbar von Personen, die selbst in Machtpositionen sind und deshalb keine Sanktionen zu befürchten haben. Sanktionen können aber auch in allgemeiner Verachtung durch diejenigen bestehen, die zwar nicht mächtig sind, deren Respekt die Mächtigen aber dennoch brauchen.

Zur Verschwörung gehört deshalb auch, dass sie dauerhaft unentdeckt bleiben will, auch, wenn sie ihre Ziele erreicht hat. Dabei mag es Ausnahmen geben, etwa, wenn sich die Verschwörer moralisch im Recht fühlen und wenn sie zudem einen gesellschaftlichen Umbruch anstreben, der ihr Tun im Nachhinein rechtfertigt.

Verschwörungstheorien betreffen gegenwärtig vor allem solche Fälle, in denen die Mächtigen selbst als Teil der Verschwörung angenommen werden. So werden etwa Netzwerke von Wirtschaftsakteuren und politisch Mächtigen vermutet, die Gesetzgebungsverfahren beeinflussen. In seiner Erklärung, warum die Friedrich-Naumann-Stiftung nicht mit Gunnar Kaiser zusammenarbeiten wollte, erklärte Karl-Heinz Paqué, dass dieser „seine Sicht der Dinge in einen größeren Zusammenhang einbettet. Hier beginnt die Welt der Verschwörungstheorie.“ Kaiser sehe ein „Kartell von Großkonzernen, Technokraten, Wissenschaftlern und internationalen Agenten wie dem Weltwirtschaftsforum, der Bill- und Melinda-Gates-Stiftung und der Weltgesundheitsorganisation am Werk“, welches das Ziel einer grundlegenden Umgestaltung unserer Gesellschaft verfolge.

Sind Kartelle keine Verschwörungen?

Solche vermuteten Kartelle können natürlich als Verschwörung angesehen werden – und da sie etwas erklären sollen, womit man es dann in der Realität zu tun hat, handelt es sich bei dieser Erklärung offenbar um eine Verschwörungstheorie. Wenn Paqués Beurteilung der Vorstellungen von Gunnar Kaiser zutrifft, und ich habe keine Veranlassung, daran zu zweifeln, handelt es sich wahrscheinlich um keine akzeptable Verschwörungstheorie, dazu weiter unten. Es stellt sich aber zunächst die Frage, ob es in der modernen Gesellschaft tatsächlich aufmerksame Beobachter gibt, die meinen, dass es Verschwörungen im Sinne von verborgenen Verbindungen, Kartellen und Netzwerken überhaupt nicht gibt. Das würde bedeuten, dass tatsächlich alle politischen Entscheidungsprozesse transparent wären und dass es ausschließlich Entscheidungswege und Abstimmungen zwischen Beteiligten gäbe, die prinzipiell auch öffentlich bekannt werden können, ohne dass Reputation und Respekt für diese Personen auf dem Spiel stünden oder sogar Sanktionen zu befürchten wären. Dass sich z.B. niemals Parteifunktionäre in kleinen Gruppen unter Vermeidung der Öffentlichkeit zusammenfinden, um über Optionen zur Absetzung eines aktuellen Vorsitzenden zu beraten, erscheint genauso naiv wie die Vorstellung, dass Industrievertreter nicht die Telefonnummern wichtiger politischer Entscheider im Telefon eingespeichert haben, um bei der Vorbereitung von Verordnungen die eigenen Interessen ohne Umwege und vor allem ohne öffentliche Aufmerksamkeit geltend machen zu können.

Dass es solche Verbindungen und Vernetzungen gibt, ist offensichtlich, und man muss sich aus der Sicht der Wissenschaftsphilosophie sogar fragen, ob man da überhaupt von einer Theorie und theoretischen Entitäten sprechen kann, denn oft genug werden solche Netzwerke auch aufgedeckt und unmittelbar sichtbar gemacht. Interessanter und auch komplizierter wird es, wenn man das Konzept der theoretischen Entitäten ernst nimmt und es weitgehender auf die politische Welt überträgt. Dann würde eine Verschwörungstheorie besagen, dass die politischen Prozesse und Entscheidungen ganz wesentlich beeinflusst oder gar gesteuert werden durch solche geheimen, unsichtbaren Netzwerke quer zu den politischen Institutionen, die unentdeckt bleiben und die Dinge zu ihrem Vorteil, in ihrem Interesse wirksam gestalten.

Es muss sich dabei nicht einmal um immer das gleiche Netzwerk handeln, also nicht etwa um eine globale Weltverschwörung oder gar um eine straff organisierte Geheimorganisation, wie sie womöglich Gunnar Kaiser im Sinn hat. Für Vertreter einer Verschwörungstheorie würde es genügen, etwa die Annahme zu vertreten, dass die meisten politischen Maßnahmen, Gesetze und Entscheidungen maßgeblich durch das Zusammenwirken von Interessengruppen zustande kommen, die nicht offen sichtbar sind, sondern verdeckt handeln.

Ist eine solche Theorie plausibel in dem Sinne, dass es gute Gründe gibt, die Theorie zu vertreten, auch wenn sie nichts sicher beweisen kann und es vielleicht auch ebenso gute Gründe gibt, andere Wirkmechanismen anzunehmen?

Die Erklärungskraft der Theorie

Aus der Perspektive des Wissenschaftsphilosophen kann man antworten: Das kommt darauf an, ob die Verschwörungstheorie relativ viele unterschiedliche Ereignisse in der Realität erklären kann, die sonst nur schwer erklärbar sind, und ob sie sich zudem auf andere Beobachtungen stützen kann, die ebenfalls in guter Übereinstimmung mit der Verschwörungstheorie sind. Oft machen es sich Verschwörungstheoretiker zu leicht, sie vermuten einfach hinter allem, was sie nicht verstehen, sogleich eine Verschwörung von Politikern und Wirtschaftsbossen und nehmen womöglich die Tatsache, dass man die gerade nicht erwischt, sogar noch als Beweis dafür, dass es sich um eine besonders raffinierte Verschwörung handelt. Wenn man sich zu jeder politischen Entscheidung, die man nicht sofort deuten kann, sogleich eine Verschwörung ausdenkt, ist man aus wissenschaftsphilosophischen Sicht kein guter Verschwörungstheoretiker.

Eine weitere Forderung der Wissenschaftsphilosophie an eine gute Verschwörungstheorie wäre womöglich, dass sie Prognosen über zukünftige Ereignisse macht, die dann auch eintreffen. Allerdings ist diese Forderung nur für die Möglichkeit von Theorien zwingend, die Experimente unter kontrollierten Bedingungen ermöglichen, was man für Theorien über gesellschaftliche Geschehnisse im allgemeinen auch in der Wissenschaft nicht verlangen kann. Eine schwächere Form dieser Forderung wäre, dass die Theorie Aussagen über bereits vergangene Geschehnisse macht, die bisher nicht bekannt geworden sind, nach der Theorie aber stattgefunden haben müssten – etwa geheime Treffen, Verabredungen und ähnliches.

In der Tat werden ja durchaus immer wieder solche Vernetzungen und Einflussnahmen aufgedeckt, was darauf hindeutet, dass es mehr verdeckte Beziehungen jenseits des demokratisch Akzeptablen gibt, als einem lieb sein kann. Dass einiges auch ganz unentdeckt bleibt, dürfte kaum zu bestreiten sein. Das spricht für die Existenz von Strukturen in der Gesellschaft, für die man den Begriff der Verschwörung vielleicht nur aus dem Grunde nicht verwenden will, weil am Ende kein Tyrannenmord und kein Putsch geplant ist.

Was man dann tatsächlich für plausibel hält, ob man meint, dass es nur temporäre, instabile Netzwerke aus alten Freundschaften oder Verbindlichkeiten sind, oder ob man eher glaubt, dass es sich um gut organisierte dauerhafte und stabile Organisationen handelt, die auf mafiöse Weise regelmäßig politische Entscheidungen in ihrem Interesse organisieren können, hängt sicherlich von unterschiedlichen Beurteilungen der Lauterkeit und Ehrlichkeit politisch handelnder Personen ebenso ab wie von grundsätzlichen Überzeugungen über die Frage, wie gut Kontrollmechanismen wie etwa die Medien und die Strafverfolgung funktionieren. Letztlich ist die Frage, wie viel Verschwörung man für plausibel hält oder was man für Gutgläubigkeit und Naivität hält, von lange aufgebauten, verinnerlichten und oft nicht mehr begründbaren Grundüberzeugungen abhängig, die jeder einzelne im Laufe des Lebens aufbaut. Zwingend beweisen lässt sich da kaum etwas, plausibel zweifeln lässt sich an vielem, insbesondere, wenn Verschwörungen und Verschwörer allmächtig überall am Werke sein sollen und alles, was man sieht und wirklich beobachten kann, in der Verschwörungstheorie nur als vorgespielter Schein auftaucht.

Weltverschwörung? Unplausibel.

Eine globale Weltverschwörung, die alles steuert und uns eine demokratische Gewaltenteilung überhaupt nur vorgaukelt, scheint jedenfalls unplausibel, dafür ist die Vielfalt der Abhängigkeiten und Interessen der handelnden Personen einfach zu groß. Nicht jeder Politiker, nicht jede Wirtschaftslenkerin, nicht jeder Richter und nicht jede Journalistin würde sich von einer solchen Weltverschwörung disziplinieren lassen. Aus den gleichen Gründen ist ein globales Kartell, wie es Paqué bei Gunnar Kaiser findet, unplausibel. Auch da gilt, dass schon auf Grund der verschiedenartigen Verbindlichkeiten, Interessen und Wertvorstellungen der angeblich beteiligten globalen Akteure kaum vorstellbar ist, dass diese ihre Aktivitäten ganz in den Dienst des Verschwörungsziels stellen würden, ganz zu schweigen davon, dass es unwahrscheinlich ist, dass im Grenzbereich zwischen Verschwörern und übriger Gesellschaft keine Personen zu finden wären, die ihr Wissen ausplaudern und damit die Verschwörung allgemein offensichtlich sichtbar machen würden.

Genauso unplausibel ist aber, anzunehmen, dass kurzfristige geheime Absprachen und langfristige wechselseitige Verbindlichkeiten, die aufgedeckt werden, nur Einzelfälle sind und dass unser politisches System in keinem nennenswerten Umfang von solchen Netzwerken beeinflusst wäre. Deshalb ist es notwendig, Verschwörungstheorien als mögliche Beschreibungen der Realität ernst zu nehmen, ihre Plausibilität sorgfältig zu prüfen und das Fundament der eigenen Überzeugungen an ihnen zu messen.

So gesehen muss man die Frage stellen, welchen Sinn es hat, den Begriff der Verschwörungstheorie grundsätzlich lächerlich zu machen und alle Skeptiker und Zweiflerinnen, die offiziellen Darstellungen von Politikern, populären Erklärungen von Wissenschaftlerinnen, staatstragenden Bewertungen von Intellektuellen und unkritischen Berichten von Journalistinnen prinzipiell kritisch in frage stellen, als Verschwörungstheoretiker zu diffamieren. Warum sind die Worte Skeptiker und Zweifler inzwischen zu Beleidigungen und Schimpfwörtern geworden? Der Sinn solcher Verurteilung kann eigentlich nur darin bestehen, sich selbst gegen Zweifel zu immunisieren, die gesellschaftliche Funktion besteht in einer Disziplinierung der betroffenen Menschen, denen man, womöglich in guter Absicht, die Fähigkeit zur kritischen und zugleich konstruktiven Weltsicht abspricht.

Verschwörungstheorie als Korrektiv

Man muss einer Verschwörungstheorie nicht anhängen, um zu akzeptieren, dass sie eine notwendige Rolle als Korrektiv gegen zu große unhinterfragte Akzeptanz von staatlichen Regelungen und Maßnahmen spielt. Gerade, wenn Menschen für solche Theorien empfänglich werden, die man bisher als vernünftig, friedlich und gesellschaftlich aktiv erlebt hat, sollte man sich eher fragen, wie sicher man eigentlich seiner eigenen Überzeugungen ist. Wenn Angela Merkel meint, das übliche Argumentieren würde da nicht helfen, ist das sicherlich in dieser Pauschalität falsch. Zwischen ihrem Weltbild der Aufklärung und verschwörungstheoretischen Überzeugungen klafft kein Abgrund, dazwischen ist vielmehr ein Kontinuum von gutgläubigen Annahmen, kritischen Überzeugungen, hartnäckigen Zweifeln, vereinfachenden Behauptungen und abwegigen Konstruktionen. Kritisches Argumentieren, das auch die eigenen Selbstverständlichkeiten in Frage stellt, ist da nie sinnlos. Das darf man gerade in schwierigen Krisenzeiten nicht vergessen, denn was in solchen Zeiten gesellschaftlich entschieden und gestaltet wird, kann die Gesellschaft immer auch nachhaltig verändern. Wer in solchen Zeiten seine Interessen unbemerkt durchsetzen kann, hat vielleicht langfristig Terrain besetzt, welches eine demokratische Gesellschaft besser verteidigt hätte.

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