Geld ist heutzutage reines Vertrauen. Nachdem die USA am 15. August 1971 die Goldbindung der Weltleitwährung Dollar gekappt haben, besitzt Geld keinen eigenen inneren Wert und ist nicht mehr durch Edelmetalle gedeckt. Ohne den kollektiven Glauben an seinen Wert und die Stabilität der Staaten und Notenbanken, die die jeweilige Währung herausgeben, wäre modernes Geld nur bloßes Papier oder digitale Nullen und Einsen.
Das Vertrauen in die eigenen nationalen Notenbanken und staatlichen Institutionen ist rund um den Globus ungleich verteilt. In Skandinavien ist dieses Vertrauen sehr groß, in Serbien oder Albanien ist es eher gering. In manchen Staaten Südamerikas fehlt es aufgrund von historischen Erfahrungen völlig. Die Konsequenz: Wenn die eigene Notenbank zur größten Gefahr für das eigene Ersparte wird, sucht sich das Geld neue Hüter. In Argentinien, Venezuela und zunehmend auch in Kolumbien und Bolivien heißt der neue Hüter nicht Präsident oder Gouverneur, sondern ein Kürzel: USDT. Das Kürzel steht für den aktuell weltweit größten und am häufigsten genutzten Stablecoin.
Eine Reise in die stille Entstaatlichung des Geldes.
Es gehört zu den Ironien der Wirtschaftsgeschichte, dass ausgerechnet Lateinamerika – ein Kontinent, dessen Regierungschefs oft mit der Notenpresse harte Politik machen wollen – zum Versuchslabor für die nachstaatliche Zukunft des Geldes geworden ist. Man muss dafür nicht nach Kalifornien blicken, wo Krypto-Milliardäre die schöne neue Welt der „finanziellen Souveränität“ beschwören. Man muss nach Buenos Aires, Caracas oder La Paz schauen, wo sich die Milch- und Brotpreise oft mit einer höheren Geschwindigkeit vervielfachen als die jeweilige Notenbank Geldscheine drucken kann. Und wo großspurige populistische Politiker Notlagen kreiert haben, in denen sich Menschen – aus purer Verzweiflung heraus – selbst eine neue digitale Finanzsouveränität erschaffen.
Wenn der Staat die eigene Währung ruiniert
Der Befund ist so nüchtern wie das Fach, aus dem er stammt, die Volkswirtschaftslehre: Wo Staaten eine ihrer elementarsten Aufgaben – die Bereitstellung einer stabilen Recheneinheit – über Jahrzehnte verfehlen, stimmen die Menschen mit ihren Füßen – oder treffender gesagt – mit ihrem Smartphone ab.1 Argentiniens Peso hat in den vergangenen Jahren einen Wertverlust erlitten, der sich nur noch in Potenzen sinnvoll ausdrücken lässt; die Inflation erreichte 2024 rund 118 Prozent2. Venezuela hat unter den sozialistischen Regierungen der Präsidenten Hugo Chávez und Nicolás Maduro gleich mehrere Währungsreformen und Nullstreichungen hinter sich; Bolivien steckt in einer akuten Devisenkrise, die den offiziellen Kurs und den Schwarzmarktkurs immer weiter auseinanderdriften lässt.3 In mehreren Ländern ist der Zugang zu Devisen obendrein administrativ eingehegt: Venezuela hält an strikten Kontrollen fest; Argentinien begrenzte den Dollarkauf jahrelang, hob den monatlichen Höchstbetrag für Bankkunden jedoch im April 2025 unter dem neuen libertären Präsidenten Javier Milei weitgehend auf. Peru garantiert dagegen grundsätzlich die freie Konvertierbarkeit seiner Währung4. Aber was ist das für eine Hybris von Regierungen, zu glauben, ihre Bürokratie könne stärker sein als die Gesetze der ökonomischen Schwerkraft? Vor allem in der modernen digitalen Welt mit Internet und Smartphones ist das mehr als ein Trugschluss. Wer dem eigenen Staat physisch keinen Dollar mehr abkaufen darf, kauft sich eben einen digitalen.
Warum ein privater Code mehr Vertrauen genießt als ein Gouverneur
Hier wird es interessant für jeden, der sich für Institutionenökonomie statt für Chartverläufe interessiert. Stablecoins wie Tether (USDT) oder Circles USDC sind, betrachtet man sie nüchtern, private Zahlungsversprechen, ausgestellt von Unternehmen, deren ökonomische Zukunftsperspektiven sich selbst von den besten Unternehmensberatern nicht zu 100 Prozent zuverlässig vorhersagen lassen. Die Emittenten veröffentlichen zwar Reservenachweise beziehungsweise Prüfberichte, doch Umfang und Form der Transparenz unterscheiden sich deutlich56. Dass ausgerechnet Millionen Lateinamerikaner solchen Privatunternehmen mehr vertrauen als der eigenen Zentralbank, ist kein Kompliment an Tether – es ist ein vernichtendes Urteil über die Zentralbanken und die Politiker vor Ort. Ein privater Emittent, der sein Versprechen im Durchschnitt eher einhält, schlägt einen staatlichen Emittenten, der seine Versprechen in der Vergangenheit deutlich öfter gebrochen als gehalten hat. Genau das hatte der liberale Ökonom Friedrich Hayek gemeint, als er vor einem halben Jahrhundert die Entnationalisierung des Geldes forderte: Wettbewerb diszipliniert auch Notenbanken – man muss ihnen nur erlauben, ihn zu verlieren7. In einem Punkt muss man die liberalen Anhänger Hayeks allerdings enttäuschen. Der Erfolg von privatem digitalem Geld beruht nicht allein auf der Tatsache, dass seine Herausgeber private Unternehmen sind. Richtig interessant werden solche Coins erst dadurch, dass sie an fremde, als stabil bekannte ausländische Währungen gekoppelt sind – in den meisten Fällen an den US-Dollar. Ironischerweise flüchten die Nutzer damit also nicht vor staatlichem Geld an sich, sondern vor der Schwäche der eigenen Landeswährung in die Stabilität einer fremden Großmacht.
Das Vertrauen ist dabei erstaunlich pragmatisch verteilt, nicht ideologisch. Niemand in Buenos Aires hält Tether für den Stein der Weisen. Und kaum jemand steht dort in der Fankurve des aktuellen US-Präsidenten. Man hält den Peso nur für deutlich instabiler und dessen Zukunftsperspektiven für deutlich schlechter. Sobald ein Staat – wie Brasilien mit seinem Real oder, mit Abstrichen, Peru mit dem Sol – eine halbwegs glaubwürdige Geldpolitik vorweisen kann, sinkt die Nachfrage nach digitalem Fluchtgeld spürbar. Vertrauen in private Emittenten ist also kein Selbstzweck, sondern die Reserveoption für Bürger, denen der Staat die Hauptoption vergällt hat.
Pix, Nubank und die Grenzen der Cleverness
Man sollte dabei nicht alles über einen Kamm scheren, was in Südamerika unter „digitalem Geld“ firmiert. Brasiliens Pix, das kostenlose Echtzeit-Zahlungssystem der Zentralbank, ist ein staatliches Erfolgsprojekt – es zeigt, dass ein Staat, der seine Hausaufgaben macht, sehr wohl mit privaten Innovationen wie Nubank oder Mercado Pago mithalten kann.9 Parallel dazu entfallen in Brasilien nach Angaben des Zentralbankpräsidenten rund 90 Prozent der Krypto-Flüsse auf Stablecoins – dort vor allem für Zahlungen und grenzüberschreitende Geschäfte, nicht nur für Spekulation10. Auch in Argentinien machen Stablecoins einen Großteil der mit Pesos abgewickelten Kryptokäufe aus; dort hat USDT längst die Funktion eines inoffiziellen zweiten Bankkontos übernommen, mit dem viele Menschen ihr Einkommen vor der eigenen Notenbank parken11.
Venezuela ist der Extremfall: Anfang 2026 liefen rund 90 Prozent des venezolanischen Devisenhandels auf der Plattform Binance P2P über den Stablecoin USDT. Die Triebfeder dahinter ist jedoch keine Spekulation: Für viele Familien sind digitale Währungen die einzig praktikable Möglichkeit, finanzielle Hilfe von Verwandten aus dem Ausland zu empfangen. So kommt das Geld direkt und sicher an – vorbei an den Kontrollen der häufig korrupten Behörden des krisengeschüttelten Landes. Bolivien hob sein faktisches Kryptoverbot 2024 auf – ein stilles Eingeständnis, dass sich Devisenknappheit nicht wegregulieren lässt14. Auch in Kolumbien machen Stablecoins inzwischen mehr als die Hälfte der über Börsen mit Pesos getätigten Kryptokäufe aus – der Dollar, nicht der Bitcoin, ist der eigentliche Fluchtpunkt15.
Der Staat schlägt zurück – ein wenig
Natürlich lassen sich Zentralbanken das nicht kampflos gefallen. Brasiliens Notenbank ordnet seit Februar 2026 den Kauf, Verkauf und Tausch von virtuellen Vermögenswerten, die an eine andere Währung gebunden sind, sowie internationale Zahlungen mit solchen Vermögenswerten dem Devisenrecht zu. Ab Ende Oktober 2026 dürfen regulierte Institute zudem grundsätzlich nicht mehr mit nicht zugelassenen oder nicht im Zulassungsverfahren befindlichen Anbietern virtueller Vermögenswerte kontrahieren16. Argentinien schuf bereits 2024 ein Register für Anbieter virtueller Vermögenswerte und verschärfte die Regeln 202517. Man kann das als Verbraucherschutz framen.18 Und in den funktionierenden Staaten Europas und Nordamerikas ist Verbraucherschutz im Zusammenhang mit digitalem Geld ein nicht nur sinnvoll, sondern sogar zwingend notwendig. Natürlich gilt das grundsätzlich auch in Südamerika. Allerdings sind die von populistischen Politikern wie Hugo Chavez in Venezuela oder den früheren peronistischen Regierungen in Argentinien astronomisch aufgeheizten Inflationsraten das Gegenteil von gelebtem Verbraucherschutz. Verbraucherschützer in Venezuela oder Argentinien hätten eher vor den wirtschaftlichen Folgen der eigenen Regierungspolitik warnen sollen. Chavez oder Cristina Fernandez in Argentinien haben Heerscharen von Menschen sehenden Auges zum einen in die Armut und zum anderen in die Hände der Herausgeber von digitalem Geld getrieben. Im Vordergrund dürfte zumindest in solchen lateinamerikanischen Staaten die Wiederherstellung staatlicher Kontrolle stehen, die die Bürger aus guten Gründen unterlaufen haben. Ein Land, dessen Bürger dem Algorithmus mehr trauen als dem Notenbank-Gouverneur, hat kein Krypto-Problem. Es hat ein Staatsproblem.
Fußnoten
1 Vgl. Yan Carrière-Swallow, José G. Contreras, Deniz Igan, Julio Roldós und Juan M. Yakhshilikov, „Crypto Assets and CBDCs in Latin America and the Caribbean: Opportunities and Risks“, IMF Working Paper 23/37, Washington, D.C. 2023, DOI: 10.5089/9798400234804.001. Die Studie ordnet die Nachfrage nach Kryptoassets und Stablecoins unter anderem als Währungs- beziehungsweise Vermögenssubstitution ein und verweist auf Inflationserfahrungen und institutionelle Risiken als wesentliche Treiber.
2 Instituto Nacional de Estadística y Censos (INDEC), Índice de precios al consumidor, Dezember 2024: Jahresinflation 117,8 Prozent; 211,4 Prozent entfielen auf 2023. Zusammenfassung: BBVA Research, 14. Januar 2025.
3 Zu Bolivien: International Monetary Fund, „Bolivia: 2025 Article IV Consultation“, IMF Country Report No. 25/116, Washington, D.C. 2025, insbesondere zur nahezu vollständigen Erschöpfung nutzbarer Devisenreserven und zur großen Differenz zwischen offiziellem und parallelem Wechselkurs. Zu Venezuela und dem Zusammenhang von Devisenrationierung, Parallelkurs und Inflation: Valerie Cerra, „Inflation and the Black Market Exchange Rate in a Repressed Market: A Model of Venezuela“, IMF Working Paper 16/159, Washington, D.C. 2016.
4 Associated Press, „What does it mean that President Milei ended Argentina’s strict controls on currency and capital?“, 15. April 2025; zur grundsätzlich freien Konvertierbarkeit in Peru: Verfassung von 1993 und Überblick „Peru – Foreign Exchange Controls“, U.S. Department of Commerce.
5 Tether veröffentlicht quartalsweise Reserveberichte; Circle veröffentlicht regelmäßige Reserve- und Prüfberichte zu USDC. Die Berichtsmodelle und die rechtliche Struktur beider Emittenten sind nicht identisch.
6 Vgl. Bank for International Settlements, Annual Economic Report 2025, Kap. III: „The next-generation monetary and financial system“, Basel 2025; sowie International Monetary Fund, „Understanding Stablecoins“, Departmental Paper 2025/009, Washington, D.C. 2025. Beide Arbeiten behandeln Stablecoins als private Verbindlichkeiten, deren Stabilität von Qualität, Liquidität, Transparenz und rechtlicher Durchsetzbarkeit der Reservedeckung abhängt.
7 Friedrich A. Hayek, Denationalisation of Money: The Argument Refined, Institute of Economic Affairs, 1976/1978.
8 Vgl. International Monetary Fund, External Sector Report 2025, Kap. 2: „Capital Flows to Emerging Markets: The Role of Global Risk Appetite, Monetary Policy, and New Financial Channels“, Washington, D.C. 2025. Der Bericht stellt fest, dass Stablecoin-Nachfrage und -Zuflüsse in Ländern mit schwächeren makroökonomischen Fundamentaldaten und politischen Rahmenbedingungen erhöht sein können und dadurch Risiken einer Währungssubstitution entstehen.
9 Vgl. Banco Central do Brasil, Annual Report 2024, Brasília 2025, Abschnitte zu Pix und finanzieller Inklusion; Banco Central do Brasil, Relatório de Cidadania Financeira 2021, Brasília 2021. Die Zentralbank dokumentiert die schnelle Verbreitung von Pix, seine breite Nutzung durch Privatpersonen und Unternehmen sowie Beiträge zu Wettbewerb, Digitalisierung und finanzieller Teilhabe.
10 Reuters, „Brazil’s Galipolo sees surge in crypto use, says 90% of flow tied to stablecoins“, 6. Februar 2025; Banco Central do Brasil, Informationen zu Pix.
11 Chainalysis, „Latin America Emerges as a Crypto Powerhouse Amid Volatile Growth“, 2. Oktober 2025: Stablecoins machten zwischen Juli 2024 und Juni 2025 in Argentinien mehr als die Hälfte der börslichen Käufe mit Landeswährung aus.
12 TRM Labs, Q1 2026 Global Crypto Adoption Index: USDT entfiel auf rund 90 Prozent der aktiven Binance-P2P-Angebote für venezolanische Fiat-Paare.
13 Vgl. Marco Pani und andere, „Cross-Border Payments Integration in Latin America and the Caribbean“, IMF Working Paper 24/119, Washington, D.C. 2024; sowie International Monetary Fund, „How Stablecoins Can Improve Payments and Global Finance“, 4. Dezember 2025. Die Arbeiten beschreiben hohe Kosten und Friktionen traditioneller grenzüberschreitender Zahlungen und das Potenzial digitaler, wertstabiler Instrumente für schnellere und günstigere Transfers, einschließlich Rücküberweisungen.
14 Banco Central de Bolivia, Resolución de Directorio Nr. 082/2024 vom 25. Juni 2024 und Pressemitteilung CP35/2024 vom 26. Juni 2024.
15 Chainalysis, „Latin America Emerges as a Crypto Powerhouse Amid Volatile Growth“, 2. Oktober 2025: Stablecoins machten bei Käufen mit kolumbianischen Pesos zwischen Juli 2024 und Juni 2025 mehr als die Hälfte der Börsenkäufe aus.
16 Banco Central do Brasil, Resoluções BCB Nr. 520 und 521 (Regelwerk für virtuelle Vermögenswerte und Devisengeschäfte, wirksam seit 2. Februar 2026) sowie Resolução BCB Nr. 520 in der geltenden Fassung zur Beschränkung von Geschäften mit nicht zugelassenen Anbietern ab 30. Oktober 2026.
17 Comisión Nacional de Valores (Argentinien), Resolución General Nr. 994 vom 25. März 2024 (Register der PSAV) und Resolución General Nr. 1058 vom 12. März 2025.
18 Zu den von Aufsichtsbehörden angeführten Risiken vgl. Carrière-Swallow et al., „Crypto Assets and CBDCs in Latin America and the Caribbean“, IMF Working Paper 23/37, 2023; Bank for International Settlements, BIS Papers No. 170, „The impact of stablecoins on the international monetary system“, Basel 2026. Genannt werden insbesondere Verbraucher- und Anlegerschutz, Geldwäscheprävention, Finanzstabilität, Kapitalflüsse und digitale Dollarisierung.


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