Kategorie: Filme und Serien

  • Harlem brennt

    Harlem brennt

    2019 startete eine der besten Gangster-Serien aller Zeiten: Godfather of Harlem. 3 Staffeln TV-Hochgenuss à la Scorseses Boardwalk Empire bis Anfang 2023. Dann trat eine längere Schaffenspause ein. Die Fortsetzung erschien im Sommer 2025. Ich hab’s erst mit 1 Jahr Verspätung bemerkt und mir die 10 finalen Folgen an 5 aufeinander folgenden Abenden reingezogen. Hier meine Rezension:

    Staffel 1 – Die Rückkehr des Königs (1963)

    1963 kehrt Ellsworth „Bumpy“ Johnson nach elf Jahren Gefängnis nach Harlem zurück. Sein Imperium existiert nicht mehr. Die italienische Mafia hat weite Teile seines Reviers übernommen – allen voran Vincent Gigante. Gleichzeitig verändert sich das Viertel grundlegend: Arbeitslosigkeit, Armut und Gewalt nehmen zu, und Harlem wird zunehmend vom Heroin überschwemmt. Der Drogenhandel entwickelt sich zum lukrativsten Geschäft der Unterwelt und verändert das Machtgefüge dauerhaft.

    Bemerkenswert ist dabei ein zentraler Konflikt der Serie: Bumpy Johnson erkennt früh, dass Heroin zwar enorme Gewinne verspricht, zugleich aber das eigene Viertel zerstört. Er steht dem Drogengeschäft deshalb lange skeptisch gegenüber – weniger aus moralischer Lauterkeit als aus dem Bewusstsein, dass ein Herrscher sein eigenes Territorium nicht vergiften sollte. Historisch ist diese Haltung nicht in allen Facetten belegt, sie bildet jedoch einen der stärksten erzählerischen Fäden der Serie und schlägt zugleich die Brücke zum späteren Aufstieg Frank Lucas‘, der ausgerechnet mit dem Heroinhandel zum mächtigsten Drogenboss New Yorks in den 70-er Jahren aufsteigen wird.

    Schon die erste Staffel macht klar, dass Godfather of Harlem keine gewöhnliche Gangsterserie werden will. Harlem ist weit mehr als Schauplatz krimineller Geschäfte. Das Viertel steht exemplarisch für ein Amerika, das zwischen Rassentrennung, wirtschaftlicher Benachteiligung und politischem Aufbruch zerrieben wird.

    Forest Whitaker spielt Bumpy Johnson nicht als klassischen Mafioso, sondern als Mann voller Widersprüche: brutal und fürsorglich, skrupellos und zugleich von einem eigenen Ehrenkodex geleitet. Ihm gegenüber liefert Vincent D’Onofrio als Vincent „The Chin“ Gigante eine geradezu hypnotische Vorstellung. Selten wirkte ein Mafia-Boss gleichzeitig so ruhig und so bedrohlich.

    Staffel 2 – Malcolm X und die Nation of Islam (1964)

    Die zweite Staffel rückt die Bürgerrechtsbewegung stärker in den Mittelpunkt. Malcolm X gehört längst zu den wichtigsten Figuren der Serie.

    Besonders gelungen ist die Darstellung seines Bruchs mit der Nation of Islam. Nach seiner Pilgerreise nach Mekka verändert sich sein Weltbild grundlegend. Er verabschiedet sich von einem strikt separatistischen Kurs und entwickelt eine universellere Vorstellung von Menschenrechten. Damit gerät er zunehmend in Konflikt mit der Führung der Nation unter Elijah Muhammad.

    Die Serie zeichnet diese Entwicklung bemerkenswert differenziert nach. Zwar vereinfacht sie einzelne Zusammenhänge, macht aber verständlich, warum Malcolm X schließlich zur Zielscheibe ehemaliger Weggefährten wird.

    Staffel 3 – Tod eines Hoffnungsträgers (1965)

    Die dritte Staffel bildet den emotionalen und historischen Höhepunkt der Serie. Im Mittelpunkt steht der endgültige Bruch Malcolm Xs mit der Nation of Islam und die zunehmende Bedrohung, der er nach seiner öffentlichen Kritik an deren Führer Elijah Muhammad ausgesetzt ist.

    Mit der Ermordung Malcolm Xs am 21. Februar 1965 erreicht Godfather of Harlem den bewegendsten Moment der Geschichte. Der Tod des schwarzen Hoffnungsträgers ist weit mehr als das Ende einer herausragenden Persönlichkeit. Er markiert den Verlust einer moralischen und politischen Orientierung für viele Afroamerikaner. Die Hoffnung auf einen friedlichen Wandel schwindet, Misstrauen und Wut wachsen. Aus diesem Klima heraus gewinnen neue, kämpferischere Bewegungen wie die Black Panther Party an Bedeutung – eine Entwicklung, die hier ihren Anfang nimmt.

    Speziell in Staffel 3 zeigt die Serie ihre größte Stärke: Historie dient nicht als dekorative Kulisse, sondern verändert das Leben sämtlicher Figuren. Der Mord an Malcolm X ist kein isoliertes Ereignis, sondern der Wendepunkt, an dem sich die politische, gesellschaftliche und kriminelle Welt Harlems unwiderruflich verändert.

    Staffel 4 – Das Prequel zu „American Gangster“ (1966)

    1966 betritt eine neue Generation die Bühne.

    Die Black Panther Party gewinnt an Einfluss. Sie versteht sich als Antwort auf Polizeigewalt und strukturelle Benachteiligung schwarzer Amerikaner und verkörpert den zunehmenden Wunsch nach Selbstbestimmung und Selbstschutz. Die Serie beschreibt diese Entwicklung differenziert – ohne ihre Protagonisten zu verklären oder zu dämonisieren.

    Parallel rückt Frank Lucas immer stärker in den Mittelpunkt. Filmfans erkennen sofort den Mann wieder, den Denzel Washington später in American Gangster spielen wird. Noch arbeitet Lucas für Bumpy Johnson. Doch bereits jetzt wird sichtbar, wie aus dem loyalen Chauffeur der spätere Heroin-König New Yorks erwächst.

    Historisch nimmt sich die Serie dabei einige Freiheiten. Dass Frank Lucas für Bumpy Johnson arbeitete, gilt als wahrscheinlich. Wie eng ihre Beziehung tatsächlich war, ist jedoch umstritten. Die Serie nutzt die erzählerische Autonomie bewusst – und schafft damit ein faszinierendes inoffizielles Prequel zu American Gangster.

    Zwei Schauspieler auf dem Höhepunkt ihres Könnens

    Forest Whitaker trägt die Serie mit einer der besten Darstellungen seiner Karriere. Sein Bumpy Johnson bleibt trotz aller Brutalität stets menschlich.

    Vincent D’Onofrio steht ihm in nichts nach: Vincent (die Dopplung des Vornamens ist zufällig) Gigante ist kein cholerischer Mafia-Boss, sondern ein berechnender Stratege, dessen ruhige Ausstrahlung gefährlicher wirkt als jede offene Gewalt.

    Gemeinsam gehören beide zu den beeindruckendsten Serien-Duos der letzten Jahre.

    Die letzte Szene ist Geschichte

    Godfather of Harlem erzählt nicht nur von Gangstern. Die Serie erzählt von einem Amerika, das sich neu erfinden muss. Sie verbindet organisierte Kriminalität mit Zeitgeschichte, ohne je zur trockenen Geschichtsstunde zu werden.

    Wer anschließend American Gangster einschaltet, sieht die Handlung beinahe nahtlos weitergehen.

    Das schaffen nur sehr wenige Serien.

    Bewertung: 9,5 Punkte


    ***

    STECKBRIEF
    Originaltitel: Godfather of Harlem
    Genre: Gangsterdrama, Historienserie
    Produktionsland: USA
    Produktionsstart: 2019
    Staffeln: 4 (Stand: 2026)
    Folgen: 40 (Stand: Staffel 4)
    Schöpfer / Showrunner: Chris Brancato und Paul Eckstein
    Idee: Chris Brancato, Paul Eckstein
    Drehbuch: Chris Brancato, Paul Eckstein sowie ein wechselndes Autorenteam
    Regie: u. a. Guillermo Navarro, John Ridley, Erica Watson, Carl Seaton (wechselnde Episodenregie)
    Hauptdarsteller: Forest Whitaker, Vincent D’Onofrio, Ilfenesh Hadera, Erik LaRay Harvey, Lucy Fry, Antoinette Crowe-Legacy
    Produktionsfirmen: ABC Signature, Significant Productions
    Vertrieb: MGM Television (bis zur Integration in Amazon MGM Studios)
    Originalsender: MGM+ (Staffeln 1–4; bis 2023 unter dem Namen Epix)
    Historischer Zeitraum: 1963–1966
    Historische Persönlichkeiten: Bumpy Johnson, Malcolm X, Adam Clayton Powell Jr., Joe Colombo, Vincent Gigante, Frank Lucas, Elijah Muhammad u. a.
    Geplantes Finale: Herbst 2027/Anfang 2028 mit einem abschließenden Spielfim

    Speziell geeignet für Fans von: The Wire, Die Sopranos, Boardwalk Empire, American Gangster.
    +++

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    Daredevil
    Als Marvels blinder Rächer erstmals durch die Straßen von Hell’s Kitchen zog, ahnte kaum jemand, dass daraus eine der besten Superheldenserien aller Zeiten entstehen würde. Die drei Staffeln von Daredevil überzeugten mit düsterer Atmosphäre, starken Charakteren und einem überragenden Vincent D’Onofrio als Kingpin. Mit Born Again kehren Matt Murdock und sein Erzfeind zurück – diesmal jedoch in einem deutlich größeren MCU-Kosmos. Ein Vergleich zwischen einem modernen Serienklassiker und seiner ambitionierten Fortsetzung. (16.06.2026)

  • Zeitreise in den Wahnsinn

    Zeitreise in den Wahnsinn

    Es gibt Filme, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennen. Terry Gilliams 12 Monkeys gehört ganz sicher in diese Rubrik – und wenn man Jahre später erfährt, dass daraus eine Serie entstanden ist, stellt sich zuerst die Frage: Soll ich mich darauf einlassen? Denn nicht jede Serienadaption wird der Kraft und Faszination eines großen Originals gerecht.

    Negativbeispiele findet man zuhauf:  Serien wie Minority Report, Training Day, Taken, The Exorcist oder Rush Hour wirken vor allem wie der Versuch, bekannte Namen noch einmal zu verwerten, ohne die besondere Magie des Originals auch nur annähernd zu erreichen.

    Manche Serien schaffen es hingegen, eine Vorlage sinnvoll weiterzudenken und ihr neue Facetten abzugewinnen. So entwickeln Fargo, Westworld, What we do in the shadows, Cobra Kai und Stargate  eigenständige Welten, die über den ursprünglichen Film hinausreichen.

    Wo ist 12 Monkeys zwischen diesen beiden Polen zu verorten?

    Ich habe mir in den vergangenen Wochen sowohl den Film (geschätzt zum 20-sten Mal) als auch die gleichnamige Serie – auf die ich zufällig beim Stöbern durch den Apple-TV-Katalog stieß – angeschaut.

    Hier mein Eindruck:

    Ein ehemaliger Monty Python sieht die Zukunft düster

    Terry Gilliam war immer ein Fremdkörper im Hollywood-System. Während andere Regisseure Zukunftsvisionen mit Technik, Helden und klaren Erlösungsgeschichten erzählten, interessierte sich Gilliam für das Gegenteil: kaputte Systeme, überforderte Menschen und Welten, in denen Vernunft und Wahnsinn kaum noch auseinanderzuhalten sind.

    Seine Filme sind geprägt von einer ganz eigenen Bildsprache: überbordende Architektur, groteske Maschinen, kafkaeske Bürokratien und Figuren, die gegen übermächtige Apparate ankämpfen. Aus dem anarchischen Humor seiner Zeit bei Monty Python entwickelte Gilliam ein Kino, das gleichzeitig komisch, tragisch und zutiefst melancholisch ist.

    Mit Produktionen wie Brazil, Die Abenteuer des Baron Münchhausen oder später Fear and Loathing in Las Vegas wurde er zum Meister des filmischen Ausnahmezustands.

    Doch vielleicht findet sich die perfekte Balance all dieser Themen in keinem seiner Werke so eindrucksvoll wie in „12 Monkeys“.

    Vom Kurzfilm zum Zeitreise-Albtraum

    Die Geschichte basiert lose auf dem französischen Kurzfilm La Jetée (Am Rande des Rollfelds) von Chris Marker – einem experimentellen Werk aus dem Jahr 1962, das fast ausschließlich aus Standbildern besteht.

    Gilliam machte daraus 1995 einen großen Kinofilm, der die Grundidee übernahm, aber daraus ein komplexes Science-Fiction-Drama über Erinnerung, Identität und Schicksal spann.

    Die Welt im Jahr 2035 ist verwüstet: Ein Virus hat fast die gesamte Menschheit ausgelöscht. Der Sträfling James Cole (Bruce Willis) wird in die Vergangenheit geschickt, um den Ursprung der Katastrophe zu finden.

    Doch je weiter Cole zurückreist, desto unsicherer wird, was Realität ist. Ist er ein Retter? Ein Verrückter? Oder nur eine Figur in einem längst feststehenden Ablauf?

    Das Zeitreise-Paradox: Wo Logik an ihre Grenzen stößt

    Zeitreisen gehören zu den faszinierendsten, aber auch schwierigsten Erzählideen der Science-Fiction. Denn sobald ein Mensch in die Vergangenheit reist, entsteht ein grundlegendes Problem: Wenn er die Vergangenheit verändert, müsste sich auch seine eigene Gegenwart verändern – und damit der Auslöser für die Zeitreise verschwinden.

    Dieses sogenannte Zeitreise-Paradoxon stellt Autoren seit Jahrzehnten vor eine Herausforderung. Manche Geschichten lösen es über alternative Zeitlinien: Jede Veränderung erzeugt eine neue Realität. Andere gehen vom Prinzip der geschlossenen Zeitschleife aus: Alles, was passiert, ist bereits passiert – auch die Versuche, es zu verhindern.

    Gerade hier liegt die Stärke von „12 Monkeys“. Der Film und die Serie versuchen nicht, jede Regel der Zeitreise wissenschaftlich zu erklären. Stattdessen nutzen sie die Idee als philosophisches Gedankenexperiment: Sind wir frei in unseren Entscheidungen – oder bewegen wir uns nur auf einem Weg, der längst festgelegt ist?

    Bei Terry Gilliam wird die Zeitreise damit weniger zu einer technischen Möglichkeit als zu einem Spiegel menschlicher Ängste: der Angst vor dem Verlust, vor dem eigenen Scheitern und vor der Erkenntnis, dass manche Ereignisse vielleicht unvermeidbar sind.

    Bruce Willis gegen den Wahnsinn der Zeit

    Eine der großen Überraschungen des Films ist Bruce Willis selbst. Bekannt vor allem als Actionstar, stellt er Cole nicht als unbesiegbaren Helden dar, sondern als erschöpften, traumatisierten Menschen.

    Ihm gegenüber steht Brad Pitt als Jeffrey Goines – eine der exzentrischsten Figuren seiner Karriere. Pitt spielt den paranoiden Aktivisten mit einer Mischung aus Energie, Chaos und Irrsinn und erhielt dafür eine Oscar-Nominierung.

    Gilliam nutzt beide Figuren, um seine zentrale Frage zu stellen: Wer definiert eigentlich, was Wahnsinn ist?

    Ein perfekter Gilliam-Film

    „12 Monkeys“ ist vielleicht Gilliams geschlossenstes Werk. Er vereint fast alles, was sein Kino ausmacht:

    • die Angst vor totalitären Systemen
    • die Faszination für kaputte Zukunftswelten
    • den Kampf des Individuums gegen übermächtige Strukturen
    • die Frage, ob der Mensch überhaupt frei handeln kann

    Die Zeitreise ist dabei keine technische Spielerei. Sie ist eine Metapher für Trauma und Erinnerung.

    Cole reist nicht nur durch die Zeit – er reist durch seine eigene Vergangenheit.

    Mehr als nur eine Fortsetzung: Die Serie „12 Monkeys“

    Die Serienadaption „12 Monkeys“ (2015–2018) nimmt die Grundidee des Films auf, erzählt sie aber deutlich größer weiter. Im Mittelpunkt steht erneut ein Zeitreisender aus einer dystopischen Zukunft: James Cole (gespielt von: Aaron Stanford) wird in die Vergangenheit geschickt, um eine geheimnisvolle Organisation namens „Armee der 12 Monkeys“ aufzuspüren und die Ausbreitung eines tödlichen Virus zu verhindern.

    Während der Film von Terry Gilliam die Geschichte eines Mannes aufrollt, der an Erinnerung, Realität und Schicksal zerbricht, entwickelt die Serie daraus eine weit verzweigte Zeitreise-Erzählung. Cole und die Virologin Cassandra Railly (Amanda Schull) kämpfen über mehrere Jahrzehnte und Zeitebenen hinweg gegen eine Bedrohung, die immer komplexere Formen annimmt.

    Die Serie erweitert die Mythologie des Stoffes erheblich: Aus der paranoiden Vision des Films wird ein episches Spiel mit alternativen Zeitlinien, Prophezeiungen und der Frage, ob die Zukunft tatsächlich verändert werden kann. Dabei bleibt sie dem zentralen Gedanken des Originals treu – dass der Mensch vielleicht nicht die Zeit kontrolliert, sondern die Zeit den Menschen.

    Film gegen Serie: Zwei unterschiedliche Zeitmaschinen

    Während Gilliams Film ein konzentriertes, düsteres Kammerspiel ist, nutzt die Serie ihre Laufzeit für eine viel größere Mythologie.

    Der große Unterschied:

    Der Film fragt:
    Ist unser Schicksal unveränderlich?

    Die Serie fragt:
    Wie viele neue Möglichkeiten entstehen, wenn wir versuchen, unser Schicksal zu verändern?

    Bruce Willis’ Cole ist ein gebrochener Mann, der verzweifelt versucht, Wahrheit und Realität zusammenzuhalten. Der Serienheld entwickelt sich stärker zum klassischen Zeitreisenden, der aktiv in das Geschehen eingreift.

    Gilliams düsteres Meisterwerk

    Die TV-Adaption ist eine gelungene Weiterentwicklung – umfangreicher, erzählerisch größer und stark an modernen Serienformaten orientiert.

    Aber Gilliams „12 Monkeys“ bleibt die präzisere und verstörendere Vision. Ein Film, der keine Antworten liefert, sondern den Zuschauer mit der beunruhigenden Erkenntnis zurücklässt:Vielleicht ist die Zukunft nicht das, was vor uns liegt. Vielleicht ist sie nur eine Erinnerung, die wir noch nicht erlebt haben.

    Bewertung:
    Film: 9.5
    Serie: 8.5 Punkte

    STECKBRIEF (Serie)

    Originaltitel: 12 Monkeys
    Produktionsland: United States
    Originalsprache: Englisch

    Entwickelt für das Fernsehen von: Terry Matalas und Travis Fickett
    Showrunner: Terry Matalas
    Produktionsfirmen: Atlas Entertainment & Universal Cable Productions
    Ausstrahlung: 2015–2018
    TV-Sender: Syfy
    Staffeln: 4
    Episoden: 47
    Genre: Science Fiction, Mystery, Thriller, Drama
    Basierend auf: dem Film 12 Monkeys von Terry Gilliam sowie dem Kurzfilm La Jetée

    Besetzung
    Aaron Stanford – James Cole
    Amanda Schull – Dr. Cassandra Railly
    Barbara Sukowa – Dr. Katarina Jones
    Emily Hampshire – Jennifer Goines
    Todd Stashwick – Deacon

    Zu sehen u.a. auf: Amazon Prime und Apple TV
    +++

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    Vampire, künstliche Menschen und viktorianische Abgründe: ‚Penny Dreadful‘ verwandelt die großen Figuren der Schauerliteratur in ein gemeinsames Universum aus Schuld, Begehren und psychischem Zerfall. Vor allem aber ist die Serie ein Triumph für Eva Green, deren Darstellung zu den intensivsten Performances des modernen Fernsehens gehört. (19.05.2026)

  • Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt

    Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt

    Alkohol gehört in unserer Kultur fast selbstverständlich dazu. Das Feierabendbier, der Wein zum Essen, der Sekt auf Familienfeiern. Die Grenze zwischen Genuss und Abhängigkeit bleibt dabei lange unsichtbar. Alkoholismus beginnt jedoch nicht erst mit mit dem Griff zur Wodkaflasche am frühen Morgen. Er beginnt viel früher – oft dort, wo niemand hinsieht.

    Filme und Serien können diese Entwicklung sichtbar machen. Die besten von ihnen erzählen nicht nur von Alkoholikern. Sie erzählen von Menschen. Von ihren Hoffnungen, ihren Lügen, ihren Beziehungen und den Folgen ihrer Entscheidungen.

    Hier eine Übersicht meiner Top 10-Alkoholgeschichten in Kino und TV:

    Wenn es kein Happy End mehr gibt: Leaving Las Vegas

    Wer nur einen einzigen Film über Alkoholismus sehen möchte, sollte mit Leaving Las Vegas beginnen.

    Der Film erzählt die Geschichte eines Drehbuchautors, der nach dem Verlust seines Jobs nach Las Vegas reist, um sich zu Tode zu trinken. Das Besondere daran: Der Film interessiert sich nicht für spektakuläre Entzugsszenen oder moralische Botschaften. Er zeigt die völlige Kapitulation vor der Sucht.

    Viele Werke erzählen davon, wie Menschen den Kampf gegen ihre Abhängigkeit gewinnen. Leaving Las Vegas zeigt das Gegenteil – und deshalb wirkt die Geschichte so erschütternd. Wer verstehen möchte, welche Macht Alkohol über einen Menschen gewinnen kann, findet hier eine schonungslose Antwort.

    Der Klassiker, der seiner Zeit voraus war

    Bereits 1945 erschien mit The Lost Weekend ein Film, der erstaunlich modern anmutet.

    Damals dominierten in Hollywood noch klare Helden- und Schurkenbilder. Alkoholiker galten häufig als willensschwach oder moralisch gescheitert. The Lost Weekend brach mit diesem Bild und zeigte Alkoholismus als zerstörerische Krankheit.

    Viele Mechanismen, die Suchtexperten heute beschreiben, finden sich bereits hier: Verdrängung, Selbstbetrug, Ausreden und der verzweifelte Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen.

    Der Film ist inzwischen über achtzig Jahre alt – seine Botschaft dagegen zeitlos.

    Zwischen Selbstzerstörung und Poesie: Barfly

    Kaum ein Film ist so eng mit dem Mythos des trinkenden Schriftstellers verbunden wie Barfly aus dem Jahr 1987. Die Vorlage stammt von Charles Bukowski, der auch das Drehbuch schrieb und dabei zahlreiche eigene Erfahrungen verarbeitete. Im Mittelpunkt steht Henry Chinaski, gespielt von Mickey Rourke, ein arbeitsloser Dichter, der seine Tage zwischen schäbigen Bars, Schlägereien und durchzechten Nächten totschlägt.

    Anders als viele Alkoholismus-Dramen erzählt Barfly keine klassische Absturzgeschichte. Der Film romantisiert seinen Protagonisten zwar stellenweise, zeigt aber gleichzeitig die Trostlosigkeit eines Lebens, das sich fast ausschließlich um den nächsten Drink dreht. Dieser Widerspruch macht den Film bis heute faszinierend: Er bewegt sich ständig zwischen Verklärung und Ernüchterung, zwischen Freiheit und Gefangenschaft.

    Wer verstehen möchte, warum Alkohol in Literatur, Film und Popkultur so oft mit Kreativität, Rebellion oder Genialität verbunden wird, findet in Barfly ein aufschlussreiches Zeitdokument. Gleichzeitig wird deutlich, wie schmal die Grenze zwischen dem romantischen Mythos des „saufenden Künstlers“ und der bitteren Realität einer Suchterkrankung tatsächlich ist. Barfly gehört zu den interessantesten – und kontroversesten – Filmen über Alkoholismus.

    Die Familie trinkt mit

    Für Angehörige sind oft andere Filme besonders wertvoll.

    Days of Wine and Roses und When a Man Loves a Woman zeigen in beklemmender Weise, dass Alkoholismus selten nur den Trinker betrifft. Partner, Kinder und Freunde werden häufig Teil eines Systems aus Vertuschung, Entschuldigungen und Hoffnungen auf Besserung.

    Die Verwandten und Freunde erkennen sich in diesen Geschichten oft schneller wieder als die Erkrankten selbst.

    Die Frage lautet dann nicht mehr nur: „Warum hört er nicht auf?“

    Sondern: „Warum mute ich mir eigentlich zu?“

    Damit berühren diese Filme ein Thema, das in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kommt: Co-Abhängigkeit.

    Euphorie und Absturz: Der Rausch

    Der dänische Film Der Rausch (Another Round) beginnt mit einer ebenso verrückten wie faszinierenden Idee: Vier Lehrer testen die Theorie, dass Menschen mit einem dauerhaft leicht erhöhten Alkoholpegel leistungsfähiger und glücklicher seien als ihre nüchternen Zeitgenossen. Tatsächlich scheint das Experiment zunächst zu funktionieren. Die Männer werden lockerer, selbstbewusster und lebensfroher.

    Doch der Film wäre nicht so brillant, wenn er bei dieser Botschaft stehen bliebe. Je weiter das Experiment eskaliert, desto deutlicher werden die Risiken. Aus kontrolliertem Konsum wird Gewohnheit, aus Gewohnheit Abhängigkeit. Mads Mikkelsen spielt diesen schleichenden Wandel mit beeindruckender Präzision. Der Rausch ist weder Alkohol-Verherrlichung noch Absturzdrama. Die Ambivalenz macht den Film sehenswert. Die Handlung macht klar, wie eng Lebensfreude und Selbsttäuschung beieinanderliegen: Wo endet Genuss, wo beginnt die Sucht? Und wie oft belügen wir uns selbst bei der Antwort auf diese Frage?

    Die beste Serie über Selbstzerstörung ist ein Zeichentrick

    Auf den ersten Blick wirkt BoJack Horseman wie eine absurde Animationsserie über ein ehemaliges TV-Pferd.

    Wer dranbleibt, entdeckt jedoch eine der intelligentesten und schmerzhaftesten Auseinandersetzungen mit Sucht, Depression und Selbsthass, die das Fernsehen hervorgebracht hat.

    BoJack trinkt nicht einfach zu viel. Er sabotiert Beziehungen, stößt Menschen von sich weg und findet immer neue Gründe, die Verantwortung für sein Leben nicht übernehmen zu müssen.

    Die Serie zeigt dabei etwas Entscheidendes: Alkoholismus ist nicht immer die Ursache aller Probleme – sondern der Versuch, mit ihnen fertigzuwerden.

    Alkohol als gesellschaftliche Normalität

    Nicht jede Serie über Alkoholismus handelt ausschließlich von Alkoholismus.: beispielsweise Mad Men.

    In der Welt der New Yorker Werbeagenturen der 1960er Jahre wird ständig getrunken. Im Büro, beim Mittagessen, auf Geschäftsreisen und zu Hause. Niemand stellt das infrage.

    Heute wirkt vieles davon beinahe schockierend. Genau darin liegt die Stärke der Serie. Sie macht sichtbar, wie sehr gesellschaftliche Normen beeinflussen, was wir als problematisch wahrnehmen.

    Don Draper ist kein klassischer Alkoholiker im Filmklischee. Er ist erfolgreich, attraktiv und beruflich angesehen. Dennoch wird zunehmend deutlich, wie stark sein Alkoholkonsum mit seinen inneren Konflikten verbunden ist.

    Tragikomödie mit bitterem Kern: Shameless

    Bei oberflächlicher Betrachtung ist Shameless bloß eine weitere Familien-Dramedy, wie sie zuhauf in Hollywood produziert werden. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem oft anarchischen Humor eine der eindringlichsten Darstellungen von Alkoholismus im Serienformat.

    Im Mittelpunkt steht Frank Gallagher, ein Vater, dessen Alkoholsucht das Leben seiner gesamten Umgebung prägt. Frank ist mal witzig, mal erschreckend, mal bemitleidenswert – und häufig alles zugleich. Die Serie zeigt, wie Kinder gezwungen werden, Verantwortung für Erwachsene zu übernehmen, und wie Sucht über Generationen hinweg ihre Spuren hinterlassen kann.

    Weil Shameless seine Figuren nie auf ihre Fehler reduziert, wirkt die Serie so authentisch. Hinter jedem Lacher lauert die Erkenntnis, dass Alkoholismus nicht nur den Betroffenen zerstört, sondern seine ganze Familie in Mitleidenschaft zieht.

    Selbsthilfe mit Humor: Loudermilk

    Wer bei dem Thema ausschließlich düstere Dramen erwartet, sollte Loudermilk eine Chance geben. Die Serie erzählt von Sam Loudermilk, einem trockenen Alkoholiker und ehemaligen Musikjournalisten, der eine Selbsthilfegruppe leitet und dabei jeden mit seiner gnadenlosen Ehrlichkeit vor den Kopf stößt.

    Was zunächst wie eine Situationskomödie wirkt, entwickelt sich schnell zu einer überraschend warmherzigen Geschichte über Rückfälle, Selbstvergebung und den schwierigen Alltag nach der Sucht. Denn Loudermilk zeigt etwas, das viele andere Filme und Serien ausblenden: Der eigentliche Kampf beginnt erst nach dem Entzug.

    Mit viel Humor, aber ohne die Realität zu beschönigen, erzählt die Serie davon, wie Menschen versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

    Eine Serie für alle, die Hoffnung suchen

    Während viele Werke vor allem den Absturz zeigen, verfolgt die Sitcom Mom einen anderen Ansatz.

    Hier stehen Menschen im Mittelpunkt, die versuchen, nüchtern zu bleiben. Rückfälle, Selbsthilfegruppen, Schuldgefühle und Versöhnungen gehören zum Alltag der Figuren.

    Trotz aller ernsten Themen verliert die Serie nie ihren Humor.

    Sie zeigt, dass ein Leben nach der Sucht möglich ist – ohne die Schwierigkeiten des steinigen Weges zu beschönigen.

    Was diese Geschichten erzählen

    Kein Film ersetzt eine Therapie. Keine Serie heilt eine Suchterkrankung.

    Aber gute Geschichten können Verständnis schaffen. Sie „erzählen“, wie sich Alkoholismus anfühlt – für die Betroffenen ebenso wie für deren Angehörige.

    Sie machen sichtbar, was im Alltag oft verborgen bleibt.

    Und sie helfen, das Thema !Alkoholismus“ einem breiten Publikum näherzubringen.

    Auf einen Blick: Alkoholismus in Film & Serie

    Filme
    (1) Leaving Las Vegas (USA, 1995)
    (2) The Lost Weekend (USA, 1945)
    (3) Under the Volcano (USA/Mexiko, 1984)
    (4) Days of wine and roses (USA, 1962)
    (5) Ironweed (USA, 1987)
    (6) Another round/ Der Rausch (Dänemark, 2020)
    (7) Flight (USA, 2012)
    (8) Clean and sober (USA, 1988)
    (9) When a man loves a woman (USA, 1994)
    (10) Barfly (USA, 1987)
    (11) Smashed (USA, 2012)
    (12) Crazy Heart (USA, 2009)

    Aus deutscher Produktion
    (13) Der Trinker (1995, Harald Juhnkes letzte Rolle)
    (14) Dunkle Tage (1999, Suzanne von Borsody als Sekretärin, die nach dem frühen Tod ihres Ehemanns dem Alkohol verfällt)
    (15) Rückfälle (1977, sehr eindrücklich gespielt von Günter Lamprecht)

    Serien
    (1) Mad Men (USA, 2007-15)
    (2) BoJack Horseman (USA, 2014-20)
    (3) Shameless (US-Version: USA, 2011-21)
    (4) Patrick Melrose (UK/USA: 2018)
    (5) Mom (USA, 2013-21)
    (6) Loudermilk (USA, 2017-19)
    (7) The Wire (USA, 2002-08)
    (8) Rescue Me (USA, 2004-11)
    (9) The Queen’s Gambit (USA, 2020)
    (10) Californication (USA, 2007-14)

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  • Der Teufel aus Hell’s Kitchen – zwischen Comic-Ikone und Serien-Ära

    Der Teufel aus Hell’s Kitchen – zwischen Comic-Ikone und Serien-Ära

    Seit ein paar Wochen läuft Staffel 2 von Daredevil born again. Hier meine Rezension:

    Ursprung auf Papier: Daredevil als moderner tragischer Held

    Die Figur stammt ursprünglich aus den Marvel-Comics der 1960er Jahre und gehört damit zu jener Generation von Superhelden, die weniger auf reine Fantasie als auf menschliche Brüche und urbane Realität setzen. Matt Murdock ist kein unverwundbarer Mythos, sondern ein blinder Strafverteidiger, der nachts als maskierter Vigilant gegen das Verbrechen in Hell’s Kitchen kämpft. Schon in der Vorlage steckt damit der Kern dessen, was spätere Adaptionen ausbauen: moralische Ambivalenz, körperliche Begrenzung und ein ständiger Konflikt zwischen Recht und Gerechtigkeit.

    Diese Grundidee – ein Mann, der das Gesetz verteidigt und es zugleich bricht – macht Daredevil bis heute zu einer der interessantesten Figuren des Marvel-Kosmos.

    Die Netflix-Ära: Eine düstere Serie als Ausnahmefall im Superheldengenre

    Die drei Auftakt-Staffeln der Netflix-Serie (2015-18) bilden rückblickend eine Art geschlossene Trilogie, die im Superheldenfernsehen lange Zeit unerreicht blieb. Staffel 1 etabliert eine fast noirhafte Version von Hell’s Kitchen: reduziert, schmutzig, moralisch eindeutig uneindeutig. Im Zentrum steht von Beginn an nicht nur der Protagonist, sondern sein Spiegelbild – Wilson Fisk.

    Staffel 2 erweitert das Universum um Punisher und Elektra, verliert dabei kurzzeitig die erzählerische Fokussierung, findet aber in Staffel 3 wieder zu einer beeindruckenden Geschlossenheit zurück. Besonders dieses Kapitel wirkt wie eine Rückkehr zur ursprünglichen Idee: ein psychologischer Zweikampf zwischen zwei Männern, die beide glauben, im Recht zu sein.

    Die Serie funktioniert dabei weniger als klassisches Superheldenabenteuer, sondern als Charakterdrama mit hoher physischer Intensität. Lange Plansequenzen, kompromisslose Action und ein erstaunlich ernsthafter Ton heben sie deutlich aus dem MCU-Standard heraus.

    Vincent D’Onofrio: Der Kingpin als moralische Spiegelgestalt

    Ein zentraler Grund für die nachhaltige Wirkung der Serie ist Vincent D’Onofrios Darstellung des Antagonisten Wilson Fisk.

    D’Onofrio spielt den Kingpin nicht als klassische Comic-Schablone, sondern als zutiefst menschliche, beinahe verletzliche Figur. Die Rolle lebt von extremen Kontrasten: kontrollierte Ruhe, plötzlich eruptive Gewalt, emotionale Unsicherheit hinter einer Fassade absoluter Macht. Dadurch wirkt Fisk weniger als klassischer Bösewicht, sondern vielmehr wie eine dunkle Parallelfigur zu Matt Murdock.

    Diese Dualität – zwei Männer, die beide Ordnung schaffen wollen, aber völlig unterschiedliche Mittel wählen – trägt die emotionale Wucht der gesamten Serie. In vielen Szenen entsteht der Eindruck, dass nicht Gut gegen Böse kämpft, sondern zwei beschädigte Weltbilder miteinander kollidieren.

    Der Neustart: Erweiterung statt Verdichtung
    Daredevil: Born Again im MCU-Kontext

    Born Again versucht genau dieses Erbe mitzunehmen – inklusive D’Onofrios Rückkehr als Fisk –, setzt aber stärker auf Erweiterung als auf die geschlossene Intimität der Netflix-Ära. Dadurch bleibt die Präsenz des Kingpins zwar zentral, wirkt aber weniger als alleiniger dramaturgischer Motor und mehr eingebettet in ein größeres, fragmentierteres MCU-Gefüge (Marvel Cimematic Universe).

    Während die Netflix-Serie nahezu vollständig aus der engen Dynamik zwischen Murdock und Fisk ihre Spannung zieht, öffnet Born Again das erzählerische Feld: politische Strukturen, neue Figurenkonstellationen und ein stärker institutionell geprägter Konflikt treten in den Vordergrund. Fisk ist nicht mehr nur krimineller Gegenpol, sondern zunehmend Machtpolitiker, der mit legalen und halblegalen Mitteln arbeitet, um Kontrolle auszuweiten.

    Das verändert die Serie spürbar. Einerseits gewinnt sie an thematischer Breite und Aktualität, andererseits verliert sie einen Teil jener klaustrophobischen Intensität, die die Netflix-Ära so prägend gemacht hat. Die Beziehung zwischen Held und Gegenspieler ist nicht mehr der alleinige Spannungsraum, sondern nur noch ein Teil eines größeren Netzes.

    Ton, Struktur und Wirkung: Zwei unterschiedliche Philosophien

    Die Netflix-Serie steht für Verdichtung: wenige Figuren, klare emotionale Linien, starke Fokussierung auf persönliche Konflikte. Born Again steht eher für Expansion: mehr Welt, mehr Politik, mehr Verflechtung mit dem MCU.

    Das führt zu einem grundlegenden Unterschied in der Wahrnehmung. Wo die erste Serie wie ein geschlossenes, düsteres Kammerspiel wirkt, fühlt sich der Neustart eher wie ein Baustein innerhalb eines größeren erzählerischen Universums an. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung – aber sie erzeugen sehr unterschiedliche Arten von Spannung.

    Zwischen Meisterwerk und Neuanfang

    Die Netflix-Ära bleibt in ihrer Geschlossenheit und atmosphärischen Dichte ein Ausnahmewerk im Superheldenfernsehen. Besonders die Staffel-1-und-3-Konstellation rund um Matt Murdock und Wilson Fisk wirkt bis heute wie ein Referenzpunkt für charaktergetriebenes Genre-TV.

    Born Again ist dagegen ein ambitionierter Neustart, der versucht, diese Figuren in eine neue erzählerische Architektur zu überführen. Das gelingt in Teilen sehr gut, geht aber zulasten der kompromisslosen Konzentration des Originals.

    Bewertung:
    Daredevil: 9,5 / 10
    Daredevil: Born Again: 8 / 10

    Die Netflix-Serie ist das düstere Kammerspiel zweier ikonischer Gegenspieler – Born Again der Versuch, dieses Duell in eine größere, moderne MCU-Landschaft zu überführen.

    Fußnote: Der frühe Kinoversuch

    Bereits 2003 wurde die Figur in Daredevil mit Ben Affleck in der Hauptrolle verfilmt. Der Film versuchte früh, den Comic-Stoff in ein düsteres Kino-Setting zu übertragen, blieb jedoch stilistisch und tonal deutlich hinter seiner Vorlage zurück. Während der Ansatz bereits die moralische Zerrissenheit der Figur anlegte, wurde er stark durch damalige Studiozwänge und ein noch unsicheres Superheldenfilm-Genre geprägt. Rückblickend wirkt der Film eher wie ein Übergangsversuch zwischen den frühen, oft verspielten Comic-Adaptionen und der späteren Ernsthaftigkeit moderner Serien- und Filminterpretationen.

    STECKBRIEF
    Originaltitel: Daredevil: Born Again
    Genre: Superheldendrama, Crime, Thriller, Justizdrama
    Basierend auf: den Marvel-Comics um Daredevil, insbesondere der berühmten Comic-Story Daredevil: Born Again (inhaltlich jedoch keine direkte Adaption)

    Erstausstrahlung: 4. März 2025
    Bisherige Staffeln: 2 (Staffel 3 bereits bestätigt)
    Episoden: 17 (9 + 8)

    Entwickelt von: Matt Corman & Chris Ord

    Showrunner: Dario Scardapane (kreative Neuausrichtung und finale Fassung)

    Regie: Mehrere Regisseure, darunter Justin Benson und Aaron Moorhead

    Produktionsfirmen: Marvel Studios und Disney Television Studios

    Hauptdarsteller:
    Charlie Cox (Matt Murdock / Daredevil)
    Vincent D’Onofrio (Wilson Fisk / Kingpin)
    Deborah Ann Woll (Karen Page)
    Elden Henson (Foggy Nelson)
    Margarita Levieva (Heather Glenn)
    Ayelet Zurer (Vanessa Fisk)

    Schauplätze: Hell’s Kitchen und New York City

    Streaming: exklusiv bei Disney+
    +++

    Lesen Sie auch: Der Vampir als Spiegel der Gesellschaft 
    Nosferatu
    Der Vampir ist keine reine Horrorfigur, sondern ein kulturelles Chamäleon. Seine Ursprünge reichen von antiken Dämonen über osteuropäische Blutsauger-Geschichten bis hin zu mittelalterlichen Vorstellungen vom unruhigen Toten. Am Ausgang des 19. Jahrhunderts formt Bram Stoker mit Dracula daraus eine literarische Ikone, die später durch Film, Fernsehen und Popkultur immer wieder neu erfunden wird – vom expressionistischen Schatten in Nosferatu bis zum Action-Mythos in Blade und zur modernen Serienfigur in True Blood. (26.05.2026)

  • Die neue Lust am Psycho-Pulp

    Die neue Lust am Psycho-Pulp

    „Papa, du kennst doch Sydney Sweeney.“
    „Das ist die mit der Jeanswerbung, oder?“
    „Genau die.“
    „Was ist mit der?“
    „Die hat in einem echt guten Film mitgespielt: The Housemaid. Musst du dir unbedingt anschau’n!“
    „Bin ich dafür die richtige Zielgruppe?“
    „Nein, du bist definitiv zu alt dafür. Aber schau‘ ihn dir trotzdem an und schreib‘ ne Rezension darüber.“
    (c) Unterhaltung zwischen meiner Tochter und mir, Anfang des Jahres
    ***

    Mit ein paar Monaten Verspätung habe ich mir The Housemaid nun im Streaming angesehen. Hier mein Eindruck:

    The Housemaid: BookTok, Schundroman und psychologische Eskalation

    Bevor The Housemaid zum Kinohit wurde, war die Geschichte bereits ein globales Literaturphänomen. Die Vorlage stammt von Freida McFadden, deren geichnamige Thriller sich millionenfach verkauften – vor allem über TikTok, Instagram und digitale Lesebubbles.

    McFaddens Bücher funktionieren nicht über sprachliche Eleganz, sondern über maximale Sogwirkung. Kurze Kapitel. Cliffhanger im Dauertakt. Übertreibungen. Schocks. Geheimnisse. Fast jede Szene endet mit einer neuen Eskalation. Genau deshalb sind die Romane perfekte Streaming- und Kino-Stoffe.

    Der Reihe haftet etwas bewusst Trashhaftes an. The Housemaid gehört zu jener modernen Form des Psycho-Pulps, die man früher wahrscheinlich als Bahnhofsliteratur bezeichnet hätte – jetzt eben digitalisiert für das BookTok-Zeitalter.

    Interessant ist dabei vor allem die Hauptfigur Millie Calloway. Denn anders als viele klassische Thriller-Heldinnen bringt sie selbst Gewaltpotenzial mit. Ihre Gefängnisvergangenheit, ihre traumatischen Erfahrungen und ihre permanente Alarmbereitschaft machen sie gleichzeitig zur Täterin und zum Opfer.

    Die Bücher arbeiten diesen Aspekt stärker heraus als der erste Film. Vor allem der zweite Roman The Housemaid’s Secret (Sie kann dich hören) vertieft Millies psychische Zerrissenheit deutlich stärker und macht klar: Die eigentliche Geschichte der Reihe handelt weniger von reichen Familien mit Geheimnissen als von einer Frau, die niemals wirklich ihrem Trauma entkommt.

    Der perfekte Thriller für das TikTok-Zeitalter

    Es gibt Filme, die wirken wie aus einem Algorithmus geboren. The Housemaid gehört in diese Kategorie.

    Eine attraktive junge Frau mit dunkler Vergangenheit. Eine toxische Ehe hinter luxuriösen Mauern. Manipulation, sexuelle Spannungen, soziale Abhängigkeiten und ständig das Gefühl, dass gleich etwas eskalieren könnte.

    Der Film kombiniert klassische Erotikthriller der 1990er Jahre mit moderner Social-Media-Ästhetik. Alles wirkt stylisch, konsumierbar und emotional überhöht. Darin liegt seine Stärke.

    Denn auf dem Papier ist die Geschichte eigentlich nicht besonders originell. Millie nimmt eine Stelle als Haushälterin bei einer reichen Familie an und entdeckt nach und nach, dass hinter der perfekten Fassade Gewalt, Machtspiele und psychologische Manipulation lauern.

    DIe Handlung funktioniert vor allem deshalb, weil sie die Hauptfigur ernst nimmt.

    Millie Calloway: Opfer oder tickende Zeitbombe?

    Die Spannung entsteht nicht durch das anfängliche Rätsel, ob die Familie gefährlich ist. Die Spannung entsteht durch Millie selbst.

    Schon früh wird angedeutet, dass sie wegen eines gewalttätigen Vorfalls im Gefängnis saß. Sydney Sweeney spielt diese Vergangenheit nicht offensiv aus, sondern unterschwellig: vorsichtige Bewegungen, kontrollierte Körpersprache, ständig gespannte Aufmerksamkeit.

    Millie wirkt wie jemand, der gelernt hat, Gefahr permanent vorauszuahnen. Dadurch entsteht eine interessante Ambivalenz. Sie ist kein klassisches Opfer, sondern eine Frau, die in Extremsituationen selbst gefährlich werden kann.

    Das macht die Figur deutlich interessanter als viele moderne Thriller-Heldinnen. Millie trägt Trauma nicht wie ein erzählerisches Accessoire mit sich herum – sie lebt darin.

    Sydney Sweeney gegen ihr eigenes Image

    Für Sydney Sweeney markiert der Film einen entscheidenden Karrieremoment.

    Lange wurde sie vor allem über ihr Äußeres definiert: glamourös, erotisch aufgeladen, Projektionsfläche für Social Media und Hollywood-Marketing. The Housemaid nutzt dieses öffentliche Bild zunächst bewusst aus – und unterläuft es dann schrittweise.

    Millie ist erschöpft, beschädigt, misstrauisch und emotional instabil. Interessant ist vor allem, wie zurückgenommen Sweeney spielt. Viele Szenen funktionieren deshalb, weil sie ihre Emotionen zügelt, statt sie offen auszuspielen.

    Ohne diese kontrollierte Performance würde der Film vermutlich vollständig in campigen Thriller-Exzess abrutschen.

    Amanda Seyfried: der heimliche Star

    So sehr The Housemaid als Sydney-Sweeney-Film vermarktet wurde, so häufig drehten sich die Kritiken letztlich um Amanda Seyfried.

    Während Sweeney die innere Spannung und das Trauma verkörpert, liefert Seyfried die deutlich explosivere Performance. Sie spielt mit kontrollierter Hysterie, grotesker Eleganz und einer beinahe genüsslichen Überzeichnung.

    Dadurch bewegt sich ihre Figur permanent zwischen ernst gemeintem Psychodrama und streckenweise übertriebener Theatralik. Das passt erstaunlich gut zur Romanvorlage.

    Viele Kritiker bezeichneten Seyfrieds Darstellung sogar als eigentlichen Höhepunkt des Films.

    Und tatsächlich: In den besten Szenen gehört The Housemaid eindeutig Seyfried.

    Edelthriller vs. Groschenroman-Romantik

    Paul Feig versucht sichtbar, aus der trashigen Vorlage einen eleganten Prestige-Thriller zu formen. Die Kameraarbeit ist stilisiert, die Villen wirken wie aus Luxusmagazinen und viele Szenen erinnern bewusst an Filme wie Gone Girl oder klassische Noir-Thriller.

    Doch unter dieser schicken Oberfläche bleibt The Housemaid letztlich ein überdrehter Schundroman.

    Vor allem im letzten Drittel kippt die Geschichte vollständig in Penny-Dreadful-Eskalation. Figuren handeln in kaum nachvollziehbarer Weise. Konflikte explodieren plötzlich. Die Handlung wird immer extremer. Realismus spielt irgendwann kaum noch eine Rolle.

    Viele Kritiker beschrieben den Film deshalb treffend als „Edeltrash“ oder „Guilty Pleasure“. Tatsächlich lebt The Housemaid weniger von psychologischer Feinzeichnung als von emotionaler Wucht, großen Gesten und kalkulierter Übertreibung.

    Antje Wessels bezeichnete den Film treffend als „hochunterhaltsamen Edeltrash“. Dieses Urteil charakterisiert es trefflicher als jeder Versuch, das Ganze zu einem tiefgründigen Prestigeprojekt zu (v)erklären.

    Der Überraschungshit des Kinojahres

    Fast noch erstaunlicher als die Geschichte selbst war ihr kommerzieller Erfolg.

    Mit Produktionskosten von rund 35 Millionen Dollar galt The Housemaid ursprünglich eher als mittelgroßer Thriller für ein spezifisches Publikum. Doch der Film entwickelte sich zu einem weltweiten Überraschungshit.

    Knapp 400 Millionen Dollar Einspielergebnis machten ihn zu einem der profitabelsten Thriller des Kinojahres.

    Der Erfolg erklärt sich durch mehrere Faktoren:

    • den enormen BookTok-Hype um die Romanvorlage,
    • die Popularität von Sydney Sweeney,
    • den bewussten Guilty-Pleasure-Charakter,
    • und die Tatsache, dass Hollywood kaum noch klassische Erotik- und Psychothriller fürs Kino produziert.

    The Housemaid füllt eine Marktlücke: erwachsenes Hochglanzkino zwischen Suspense, toxischer Beziehungsfantasie und pulpiger Eskalation.

    Folgerichtig wurde die Fortsetzung schnell angekündigt und soll bereits im kommenden Jahr fertiggestellt sein.

    Sehr unterhaltsam, aber trotzdem Trash

    The Housemaid ist kein subtiler Film. Er ist laut, übertrieben, emotional aufgeladen und manchmal fast absurd eskalierend. Darin liegt sein Reiz.

    Die Geschichte schwankt permanent zwischen stylischem Hochglanzthriller und hemmungslosem Psycho-Pulp. Nicht jede Szene funktioniert. Manche Passagen ziehen sich, manche Twists wirken überkonstruiert. Aber der Film besitzt etwas, das vielen modernen Thrillern fehlt: Energie.

    Sydney Sweeney liefert ihre bislang wichtigste Mainstream-Rolle und verleiht Millie eine glaubwürdige innere Zerrissenheit. Amanda Seyfried bringt jene exzessive, beinahe campige Wucht hinein, die den Film endgültig zum Guilty Pleasure macht.

    Am Ende bleibt The Housemaid vor allem eines: hochunterhaltsamer Edeltrash mit überraschend viel psychologischer Schärfe.

    Bewertung: 7.5 Punkte
    +++

    STECKBRIEF

    Deutscher Titel: The Housemaid – Wenn sie wüsste
    Originaltitel :The Housemaid
    Länge: 132 Minuten
    Originalsprache: Englisch
    Vorlage: gleichnamige Romanreihe von Freida McFadden
    Genre Psychothriller, Erotikthriller, „Domestic Noir“
    Produktionsland: USA
    Kinostart: 19. Dez. 2025 (USA), 15. Jan. 2026 (Deutschland)
    Regie: Paul Feig
    Drehbuch: Rebecca Sonnenshine
    Produktionsunternehmen: Feigco Entertainment & Hidden Pictures
    Produktionskosten: ca. 35 Mio. USD
    Einspielergnis weltweit: geschätzt 400 Mio. USD
    Darsteller:innen:
    Sydney Sweeney: Millie Calloway
    Amanda Seyfried: Nina Winchester
    Brandon Sklenar: Andrew Winchester
    geplante Fortsetzung: The Housemaid’s Secret („The Housemaid 2“)

    +++

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    American Eagle Sydney Sweeney
    Chris Kaiser über die American Eagle Werbung. (13. Aug. 2025)

  • Der Vampir als Spiegel der Gesellschaft

    Der Vampir als Spiegel der Gesellschaft

    Vergangene Woche schrieb ich, dass mein erstes „erwachsenes“ Buch Dracula von Bram Stoker war, das ich als Noch-nicht-Teenager spätabends mit Taschenlampe in meinem Kinderzimmer verschlang (vielleicht verschlang der Roman auch mich) und im Anschluss, aus Angst vor ungebetenen Vampirbesuchen, eine Woche lang das Licht nachts nicht mehr löschte. Grund genug, uns heute etwas ausführlicher mit Herkunft und literarischer & filmischer Adaption des aristokratischsten aller Untoten zu beschäftigen. Wobei der Graf ursprünglich gar nicht blaublütig daherkam, sondern bloß ein gemeines Mitglied der weitverzweigten Familie „Blutsauger“ darstellte, bis ihn viktorianische Schriftsteller als Gruselsubjekt entdeckten und nachträglich in den Adelsstand erhoben. Aber wir wollen an dieser frühen Stelle des Textes nicht vorgreifen, sondern alles streng wissenschaftlich der Reihe nach abhandeln.

    Es gibt Geheimnisse, die der Mensch nur erahnen kann und die er im Laufe der Zeitalter stets nur teilweise zu enträtseln vermag.
    (c) Abraham Van Helsing, in: Dracula, Kap. 15: Dr. Sewards Tagebuch

    Vom Wiedergänger zum Aristokraten

    Der Vampir gehört zu den langlebigsten Figuren der Kulturgeschichte. Kaum ein anderes Monster hat einen vergleichbaren Wandel durchlaufen: vom verwesenden Wiedergänger mittelalterlicher Dorfmythen hin zum melancholischen Aristokraten, zum erotischen Verführer, zum tragischen Außenseiter oder gar zum Actionhelden moderner Popkultur.

    Dabei ist der Vampir keineswegs eine Erfindung des viktorianischen Romans oder gar des Horrorfilms. Die Vorstellung von Toten, die zurückkehren und den Lebenden ihre Kraft entziehen, reicht weit zurück – bis in die Antike. Erst im 19. Jahrhundert erhielt diese Figur jedoch ihre moderne Gestalt. Und erst Dracula machte aus einem regionalen Volksglauben einen globalen Mythos.

    Die frühen Ursprünge: Dämonen, Nachtwesen und Wiedergänger

    Schon antiken Kulturen graute es vor Wesen, die dem späteren Vampir erstaunlich nahekommen. Im alten Griechenland wimmelte es von Gestalten wie Lamia oder Empusa – weibliche Nachtwesen, die Männer verführten, Kinder bedrohten und den Lebenden ihre Energie entzogen.

    Auch die Römer kannten mit den „Striges“ vogelartige Dämonen, die nachts Blut tranken. Solche Vorstellungen standen meist in enger Verbindung mit Siechtum und Seuchen. Der frühe Vampir war daher kein eleganter Untoter, sondern Ausdruck einer existenziellen Angst vor Verwesung und dem unkontrollierbaren Tod.

    Im europäischen Mittelalter verdichteten sich diese Vorstellungen zum Glauben an Wiedergänger – Tote, die aus ihren Gräbern zurückkehrten, Familien heimsuchten und Krankheiten verbreiteten. Besonders in Osteuropa entstanden daraus jene Mythen, die später direkt in die Vampirliteratur einflossen. Dort glaubte man, bestimmte Verstorbene könnten nach ihrem Tod keine Ruhe finden und würden nachts in ihre Dörfer zurückkehren. Die Beschreibungen dieser Wesen waren grotesk und körperlich: aufgedunsene Leichen, blutverschmierte Münder und scheinbar unverwestes Fleisch galten als Beweis dafür, dass der Tote weiterhin aktiv sei.

    Die Vampirpaniken Osteuropas

    Im 17. und frühen 18. Jahrhundert kam es im Balkanraum und in Teilen Osteuropas sogar zu regelrechten Vampirpaniken. Menschen waren überzeugt, Verstorbene würden nachts ihre Gräber verlassen und den Lebenden Schaden zufügen.

    Berichte über angebliche Vampire wie der Arnold Paole vampire case gelangten über österreichische Verwaltungsberichte nach Westeuropa. Zum ersten Mal tauchte das Wort „Vampir“ in deutschen und französischen Zeitungen auf. Viele dieser Erscheinungen lassen sich heute durch natürliche Verwesungsprozesse erklären. Für die damaligen Menschen waren sie jedoch der Beweis dafür, dass der Tote nicht ruhte.

    In dieser Zeit entstanden auch zahlreiche Abwehrpraktiken, die später fester Bestandteil der Mythologie wurden. Man pfählte angebliche Vampire, enthauptete sie oder verbrannte ihre Körper. Knoblauch galt als Schutzmittel gegen dämonische Kräfte, geweihte Symbole sollten Untote fernhalten. Der Vampir war damals allerdings noch kein aristokratischer Verführer, sondern ein wandelnder Seuchenherd.

    Der literarische Vampir entsteht

    Die eigentliche Geburt des modernen Vampirs erfolgte erst in der Literatur des frühen 19. Jahrhunderts. 1819 veröffentlichte John Polidori die Erzählung The Vampyre.

    Hier erscheint erstmals jener Typus, der später Dracula prägen sollte: ein aristokratischer, kultivierter und gesellschaftsfähiger Vampir. Lord Ruthven war kein verwesender Dorfdämon mehr, sondern ein gefährlicher Gentleman, der sich mühelos in die feine Gesellschaft einfügte. Damit wurde der Vampir endgültig zur Projektionsfläche sexueller und gesellschaftlicher Ängste.

    Einen weiteren entscheidenden Schritt stellte Carmilla von Sheridan Le Fanu dar.

    Die Novelle verband Vampirismus mit Erotik, psychologischer Manipulation und unterschwelliger Sexualität. Viele Motive, die später mit Dracula assoziiert wurden, tauchen hier bereits auf: das dekadente Schloss, die Mischung aus Begehren und Gefahr sowie die Ambivalenz des Vampirs als zugleich faszinierende und zerstörerische Figur.

    Bram Stoker und die Vollendung des Mythos

    1897 erschien schließlich Dracula – jener Roman, der alle vorherigen Stränge zusammenführte.

    3. Mai. Bistritz. Abfahrt München am 1. Mai um 20:35 Uhr, Ankunft Wien am frühen Morgen des Folgetages; geplante Ankunft 18:46 Uhr, der Zug hatte aber eine Stunde Verspätung.
    (c) Einstiegssatz, Erstes Kapitel: Jonathan Harkers Tagebuch

    Bram Stoker griff dabei nicht einfach nur ältere Vampirgeschichten auf, sondern verband unterschiedlichste kulturelle Strömungen seiner Zeit zu einer neuen, außergewöhnlich komplexen Horrorgestalt. In Dracula treffen osteuropäischer Volksglaube, viktorianische Moralvorstellungen, religiöse Symbolik, koloniale Ängste und die Verunsicherung einer zunehmend modernen Welt aufeinander.

    Schon der Beginn des Romans erzeugt eine Atmosphäre kultureller Fremdheit. Jonathan Harker reist aus dem rationalen, industrialisierten England in eine abgelegene Region Transsylvaniens – eine Gegend, die im Roman wie  der Einstieg in eine Zeitmaschine anmutet. Der Ortswechsel markiert zugleich den Übergang von der modernen Welt in eine archaische Sphäre voller Aberglauben, alter Rituale und unaussprechlicher Bedrohungen. Stoker inszeniert Dracula damit nicht nur als Monster, sondern auch als Invasor aus einer vergangenen Epoche, der in die Gegenwart eindringt.

    Willkommen in meinem Haus! Tretet frei ein – aus eigenem Willen!
    (c) Der Graf begrüßt seinen englischen Gast, in: Kapitel 2: Jonathan Harkers Tagebuch

    Der Graf selbst bleibt dabei bewusst schwer greifbar. Anders als viele spätere Filmversionen zeigt ihn der Roman nicht primär als romantischen Verführer. Stokers Dracula ist zunächst ein alter Mann mit bleicher Haut, buschigen Augenbrauen, behaarten Handflächen und einem fast tierhaften Gesichtsausdruck. Erst im Verlauf der Handlung verjüngt er sich durch das Blut seiner Opfer. Gerade diese Wandelbarkeit macht die Figur so verstörend: Dracula erscheint mal als kultivierter Aristokrat, mal als Raubtier, Nebelgestalt, Wolf oder Fledermaus. Er besitzt keine feste Identität, sondern wirkt wie eine Verkörperung permanenter Bedrohung.

    Gleichzeitig erzählt der Roman viel über die Ängste der viktorianischen Gesellschaft. Hinter dem Vampirismus verbergen sich unterschwellige Themen wie Sexualität, Kontrollverlust und gesellschaftliche Dekadenz. Besonders die Szenen um Lucy Westenra zeigen, wie eng Erotik und Horror miteinander verknüpft sind. Der Vampirbiss erscheint bei Stoker oft wie eine Mischung aus Verführung, Krankheit und moralischem Verfall. Dass Dracula seine Opfer „infiziert“, verweist zugleich auf zeitgenössische Ängste vor Seuchen, Syphilis und körperlicher Degeneration.

    Bemerkenswert modern wirkt auch die Struktur des Romans. Dracula besteht aus Tagebucheinträgen, Briefen, Telegrammen, Schiffsprotokollen und Zeitungsausschnitten. Dadurch entsteht der Eindruck einer dokumentierten Fallakte. Die Figuren versuchen, das Übernatürliche mit den Mitteln moderner Wissenschaft zu verstehen und zu bekämpfen. Gerade dieser Gegensatz zwischen Rationalität und archaischem Grauen macht den Roman bis heute so faszinierend.

    Die Stärke des Vampirs besteht darin, dass niemand an ihn glaubt.
    (c) Abraham Van Helsing, in: Dracula, Kap. 23: Dr. Sewards Tagebuch

    Zentral für die Handlung ist schließlich Abraham Van Helsing – Arzt, Gelehrter und Vampirjäger zugleich. In seiner Figur verbindet Stoker wissenschaftliches Denken mit religiösem und okkultem Wissen. Van Helsing erkennt als Erster, dass moderne Rationalität allein nicht ausreicht, um Dracula zu besiegen. Der Roman beschreibt damit auch die Grenzen einer Welt, die glaubt, alles erklären zu können.

    Viele Elemente, die heute als typische Vampirregeln gelten, wurden durch Dracula endgültig kanonisiert: der Biss in den Hals, die Angst vor Kreuzen und Weihwasser, die Verbindung von Blut und Leben, der nächtliche Jäger im Schloss, der Kampf zwischen christlicher Symbolik und dämonischer Unsterblichkeit. Zugleich blieb die Figur offen genug, um in späteren Jahrzehnten immer wieder neu interpretiert zu werden.

    Der Vampir erobert das Kino

    Schon früh wurde Dracula zum perfekten Stoff für das Kino. Der Film verstärkte die visuellen und erotischen Aspekte der Figur – und erschuf dabei viele neue Regeln, die heute selbstverständlich erscheinen.

    Die erste große Dracula-Adaption war Nosferatu von F. W. Murnau.

    Da die Rechte am Roman fehlten, wurden Namen und Details verändert, doch die Vorlage blieb unverkennbar. Besonders einflussreich war die Darstellung des Vampirs als seuchenartige Bedrohung. Graf Orlok wirkt rattenhaft, krankhaft und beinahe unmenschlich. Auch die Idee, dass Sonnenlicht Vampire vernichtet, wurde hier erstmals prominent inszeniert – obwohl sie im Roman noch gar nicht existierte.

    1931 folgte Dracula mit Bela Lugosi.

    Lugosi definierte den klassischen Dracula der Popkultur: schwarzer Umhang, hypnotischer Blick, aristokratischer Akzent und elegante Gestik. Viele Menschen verwechseln heute diese Filmfigur mit Stokers Romanvorlage, obwohl zahlreiche ikonische Merkmale erst durch diese Verfilmung entstanden.

    Christopher Lee: die erotische Aufladung der Figur

    In den späten 1950er- und 1960er-Jahren erneuerte Hammer Film Productions den Vampirfilm grundlegend. Besonders Horror of Dracula mit Christopher Lee revolutionierte das Genre.

    Lees Dracula war körperlich, aggressiv und erotisch aufgeladen. Die Hammer-Filme machten den Vampirfilm farbiger, brutaler und deutlich sexueller als die klassischen Universal-Produktionen. Gleichzeitig etablierten sie jene üppige Gothic-Ästhetik aus Nebel, Kerzenlicht und verwunschenen Burgen, die bis heute untrennbar mit Dracula verbunden ist.

    Besonders prägend wurden Filme wie Dracula: Prince of Darkness oder Taste the Blood of Dracula, die den Vampir endgültig als Mischung aus Horrorfigur und erotischem Mythos etablierten.

    Coppolas Dracula als Gothic-Oper

    Als Bram Stoker’s Dracula von Francis Ford Coppola Anfang der 1990er-Jahre erschien, galt der klassische Dracula-Film eigentlich bereits als erschöpft. Coppolas Adaption verwandelte den Stoff jedoch in ein opulentes, visuell überwältigendes Gothic-Epos und schuf damit eine der einflussreichsten Vampirverfilmungen überhaupt.

    Der Film versucht einerseits ungewöhnlich nah an Bram Stokers Roman zu bleiben. Viele Figuren, Schauplätze und Handlungselemente wurden direkt übernommen: Jonathan Harkers Reise nach Transsylvanien, die Tagebuchstruktur, Dr. Seward, Renfield, Lucy Westenra oder die Jagd auf Dracula durch Van Helsing und seine Verbündeten. Gleichzeitig erweitert Coppola die Vorlage um eine große tragische Liebesgeschichte, die im Roman selbst nur angedeutet existiert.

    Bereits der Prolog verändert die Figur Draculas entscheidend. Coppola verbindet den Vampirenmythos mit der historischen Figur Vlad III. Drăculea, dem walachischen Fürsten, der später als Vorbild für den Namen Dracula diente. Im Film verliert Dracula seine Frau Elisabeta und wendet sich aus Verzweiflung gegen Gott. Dadurch wird der Vampir nicht nur Monster, sondern gefallener Liebender – eine Figur zwischen Verdammnis und Sehnsucht.

    Speziell diese romantische Dimension unterscheidet Coppolas Dracula stark von Stokers ursprünglicher Romanfigur. Gary Oldman spielt Dracula nicht bloß als dämonischen Eindringling, sondern zugleich als melancholischen, jahrhundertealten Außenseiter. Der Film macht ihn zur tragischen Figur, die unter ihrer eigenen Unsterblichkeit leidet. Viele spätere Vampirdarstellungen – von Serien bis Young-Adult-Romanen – greifen dieses Motiv des leidenden, romantisierten Vampirs auf.

    Visuell wirkt Coppolas Film wie eine Mischung aus Oper, Theater, expressionistischem Stummfilm und viktorianischem Albtraum. Besonders auffällig ist der bewusste Verzicht auf moderne Computereffekte. Stattdessen arbeitet der Film mit klassischen Tricktechniken, Schattenprojektionen, Miniaturen und surrealen Bildkompositionen. Dadurch entsteht eine traumartige Atmosphäre, die den Film bis heute einzigartig macht.

    Auch die Farbdramaturgie spielt eine zentrale Rolle. Rot dominiert nahezu jede Szene – als Farbe von Blut, Leidenschaft, Gewalt und Verdammnis. Dracula erscheint nicht nur als Untoter, sondern als Verkörperung körperlicher Begierde. Der Film macht offen sichtbar, was bei Stoker oft nur unterschwellig angedeutet wurde: die sexuelle Dimension des Vampirs.

    Gleichzeitig bleibt Coppolas Version tief im Gothic-Horror verwurzelt. Verfallene Burgen, Kerzenlicht, Nebel, religiöse Symbolik und groteske Körperbilder verbinden den Film mit der Tradition klassischer Dracula-Verfilmungen. Besonders Anthony Hopkins als exzentrischer Van Helsing bringt eine fast wilde Energie in die Geschichte – halb Wissenschaftler, halb fanatischer Dämonenjäger.

    Bis heute gilt Bram Stoker’s Dracula als eine der stilistisch prägendsten Vampiradaptionen überhaupt. Der Film verbindet Werktreue und Neuinterpretation, Horror und Melodram, Erotik und religiöse Bildsprache zu einer überhöhten Gothic-Oper. Gleichzeitig markiert er einen Wendepunkt: Nach Coppola wurde der Vampir endgültig zur tragischen, emotional aufgeladenen Popfigur der Moderne.

    Die 90-er Jahre: der Vampir als Nihilist

    Mit Vampires von John Carpenter und From Dusk till Dawn von Robert Rodriguez erreichte der Vampirfilm in den 1990er-Jahren eine neue, deutlich härtere und nihilistischere Phase. Beide Filme brachen bewusst mit dem klassischen Bild des aristokratischen Dracula-Vampirs und verlagerten das Genre in eine dreckige, gewalttätige und postmoderne Gegenwart.

    In Vampires entwirft Carpenter eine Welt, in der Vampire nicht mehr geheimnisvolle Verführer, sondern brutale Raubtiere sind. Die Vampirjäger wirken wie abgehalfterte Western-Söldner, die durch staubige Landschaften ziehen und Untote mit harter Gewalt vernichten. Der Film verbindet klassische Vampirmotive mit Elementen des Westerns und des Actionkinos. Besonders auffällig ist dabei die vollständige Entromantisierung des Vampirs: Carpenters Kreaturen sind monströs, körperlich und animalisch. Die gotische Eleganz früherer Dracula-Versionen wird durch Schmutz, Gewalt und eine fast apokalyptische Atmosphäre ersetzt.

    Noch radikaler zerlegt From Dusk till Dawn die traditionellen Regeln des Genres. Der Film beginnt zunächst wie ein Kriminal- und Roadmovie, bevor er abrupt in exzessiven Splatter-Horror umschlägt. In der berüchtigten Titty-Twister-Bar treffen Gangster, Outlaws und Trucker auf eine Horde grotesker Vampire. Gerade dieser Genrebruch machte den Film kultisch: Vampire erscheinen hier nicht mehr als elegante Nachtwesen, sondern als anarchische Monster in einer Welt aus Gewalt, Neonlicht und schwarzem Humor.

    Beide Filme markieren einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des Vampirkinos. Der Vampir verliert hier endgültig seine letzte aristokratische Würde und wird zur Figur einer desillusionierten Popkultur der 1990er-Jahre – laut, brutal, zynisch und von anderen Genres wie Western, Actionfilm und Splatterkino durchdrungen.

    Blade: Daywalker und Action-Held

    Mit Blade wurde der Vampirmythos noch einmal radikal neu interpretiert – weg von Gothic-Romantik und viktorianischer Melancholie, hin zu urbaner Action, Comic-Ästhetik und moderner Popkultur.

    Der Film basiert auf einer Figur aus dem Marvel-Universum und verbindet klassische Vampirmotive mit einem düsteren, urbanen Setting der Großstadt. Im Zentrum steht ein sogenannter „Daywalker“ – ein Halbvampir, der selbst Blut trinkt, aber gegen Vampire kämpft. Damit wird die traditionelle Trennung zwischen Mensch und Monster endgültig aufgehoben: Der Jäger ist selbst Teil der Bedrohung.

    Blade verschiebt den Vampirmythos in eine neue ästhetische Richtung. Statt gotischer Burgen und Nebel dominieren Clubs, Industriearchitektur, Neonlicht und eine von Gewalt geprägte urbane Gegenwart. Vampire sind hier keine aristokratischen Figuren mehr, sondern organisierte Untergrundgesellschaften, die sich wie kriminelle Netzwerke in unserer Welt bewegen.

    Gleichzeitig greift der Film viele klassische Motive wieder auf, allerdings in transformierter Form: Blut bleibt zentral, wird jedoch mit biochemischen und parasitären Vorstellungen verbunden; Unsterblichkeit wird weniger als Fluch der Seele, sondern als körperliche Mutation inszeniert; und die Jagd auf Vampire wird zu einem Mix aus Martial Arts, Horror und Superheldenfilm.

    Besonders einflussreich war dabei die stilistische Konsequenz: Blade II und Blade prägten die visuelle Sprache späterer Action- und Comicverfilmungen maßgeblich. Die Mischung aus Slow-Motion-Kampfsequenzen, dunkler Club-Ästhetik und körperlichem Horror wurde zu einem Vorbild für zahlreiche Filme der frühen 2000er Jahre.

    Damit steht Blade exemplarisch für eine weitere Transformation des Vampirs: Aus dem romantischen und gesellschaftlichen Symbol wird eine Figur des Action- und Genrekinos, in der sich Horror, Superheldenmythos und Urban Fantasy überlagern.

    True Blood: der Vampir wird bürgerlich

    True Blood lässt den Vampir endgültig in unsere Gegenwartskultur eintreten. Die Serie, basierend auf den Romanen von Charlaine Harris, kombiniert klassischen Südstaaten-Gothic mit Erotik, Horror, schwarzem Humor und gesellschaftspolitischen Themen.

    Die zentrale Idee ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Vampire leben nicht länger im Verborgenen, sondern treten gleichberechtigt in der Öffentlichkeit auf. Durch synthetisches Blut benötigen sie keine menschlichen Opfer mehr und fordern nun gesellschaftliche Akzeptanz. Damit wird der Vampir erstmals konsequent zur politischen und sozialen Metapher.

    True Blood verhandelt Themen wie Ausgrenzung, Identität, religiösen Fundamentalismus und Minderheitenrechte. Die Vampire fungieren dabei zugleich als gefährliche Raubwesen und diskriminierte Außenseiter. Dieser Spagat macht das Besondere der Serie aus: sie romantisiert den Vampir nicht vollständig, sondern zeigt ihn weiterhin als sexuelles, gewalttätiges und manipulierendes Wesen.

    Zugleich greift die Serie auf viele klassische Motive zurück – Blut, Verführung, religiöse Symbolik, Nachtleben und dekadente Erotik – und transportiert sie in die amerikanische Gegenwart. Die spezielle Atmosphäre der Südstaaten mit ihren Sümpfen, Kleinstädten und religiösen Spannungen verleiht True Blood eine eigene Identität innerhalb des Genres.

    Damit steht die Serie exemplarisch für die moderne Entwicklung des Vampirs: Aus dem mittelalterlichen Wiedergänger und dem viktorianischen Monster wurde endgültig eine vielschichtige Figur, die gesellschaftliche Konflikte, sexuelle Ängste und kulturelle Sehnsüchte gleichermaßen verkörpern kann.

    Spiegelbild der Gesellschaft

    Seitdem hat sich die Figur des Vampirs immer weiter verändert. In modernen Produktionen erscheint er mal als tragischer Existenzialist wie in Interview with the Vampire, mal als melancholischer Außenseiter wie in Only Lovers Left Alive oder als ironische Comedyfigur wie in What We Do in the Shadows.

    Und genau arin liegt die besondere Stärke des Vampirs: Er passt sich jeder Epoche an. Hinter der Figur verbergen sich immer auch die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Zeit – die Angst vor Krankheit und Tod ebenso wie die Faszination für Unsterblichkeit, Erotik und Grenzüberschreitung.

    So erzählt die Geschichte des Vampirs immer auch die Geschichte der Gesellschaften, die ihn nicht sterben lassen.
    +++

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    Zum einjährigen Jubiläum der Kolumnisten zeigt Wolfgang Brosche: wir können auch anders …nämlich nostalgisch schwärmen von den Ikonen der Populärkultur. Hier hat er sich vorgenommen, die angeblichen Trivialfilme der britischen Produktionsfirma Hammer und ihren frappantesten Darsteller zu rühmen. (17. Okt. 2016)

  • Monster der Seele

    Monster der Seele

    Prolog

    Eins der ersten „erwachsenen“ Bücher, das ich nach Pippi Langstrumpf und Fünf Freunde in die Finger bekam, war Bram Stokers Dracula. Entweder in der städtischen Bibliothek ausgeliehen oder im Regal meiner Eltern entdeckt (wahrscheinlicher ist die Bibliothek, denn meine Eltern lasen zwar beide viel, aber Schauerliteratur gehörte nicht zu den von ihnen bevorzugten Genres). Ich erinnere mich daran, dass ich die Geschichte vom blutrünstigen Grafen aus den nebelverhangenen Karpaten geradezu verschlang – auch spätabends mit Taschenlampe unter der Bettdecke: Jonathan Harkers Reise auf die unheimliche Burg in Transsylvanien, die furchterregende Aura des aristokratischen Vampirs und die von Kapitel zu Kapitel zunehmende Bedrohung Mina Murray’s entwickelten auf mich eine Wirkung, wie ich sie bis dahin aus Büchern nicht kannte.  Im Anschluss bat ich meine meine Mutter, nachts das Licht anzulassen, denn speziell bei Dunkelheit war mir nun bange vor Besuchen von Untoten aller Art. Die Sorge währte circa eine Woche; danach war der Spuk ausgestanden und ich wechselte literarisch zu Karl May und den damals neu auf den deutschen Markt kommenden französischen Comics (abgedruckt im famosen Magazin ZACK).

    Mit Mary Shelleys Frankenstein oder Der moderne Prometheus und Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray geriet ich erst später in Kontakt. Beide Romane okay – wobei ich Frankenstein aufgrund des leicht angestaubten Schreibstils etwas mühsam fand –, hinterließen bei mir allerdings nicht denselben prägenden Eindruck wie Stokers Erzählung. Was hauptsächlich daran lag, dass ich mich als Student generell nicht mehr vor nächtlichen Spukgestalten fürchtete, bzw. ich hatte mir mittlerweile aufgrund zu viel Alkohols neue Monster erschaffen, die Die Kreatur im direkten Vergleich wie eine niedliche Figur aus einem viktorianischen Kindermärchen erscheinen ließen. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Warum ich das vorneweg schreibe?
    Weil Penny Dreadful zugegebenermaßen nicht mehr ganz taufrisch ist. Lief zwischen 2014 und 2016 im TV. Ich zögerte lange, da mir die Kurzbeschreibung Magenschmerzen bereitete:

    The classic tales of Dracula, Frankenstein, Dorian Gray and more are woven together in this horror series set on the dark streets of Victorian London.
    © Showtime

    Als Boomer, der in traditionellen Denkmustern verhaftet ist, bevorzuge ich klare Trennlinien: Dracula pur, Frankenstein pur, Dorian Gray pur. Alle 3 – zzgl. womöglich weitere Horrorgestalten – in 1 Produktion -> eher nicht so meins. Das wird noch hanebüchener sein als Kong fights Godzilla oder Predator meets Alien, dachte ich.

    Vor ein paar Wochen zappte ich dann – der Auslöser für diesen Sinneswandel ist weiterhin mysteriös. Ich kann mir den plötzlichen Entschluss nicht rational erklären – doch rein in die Serie, geriet bereits während Folge 1 in den magnetischen Sog von morbider Handlung, düsterer Atmosphäre und schauspielerischer Leistung (Eva Green) und schaute – wie von einem Dämon besessen – jeden Abend Minimum 3 Episoden.

    Damit soll’s genug sein mit dem Prolog.
    Wenden wir uns jetzt endlich der versprochenen Rezension zu.

    Herkunft des Titels

    Der Titel verweist auf sogenannte „Penny Dreadfuls“ – billige britische Heftromane des 19. Jahrhunderts (wörtlich in etwa: Schreckliches für 1 Penny). Diese oft reißerischen Schauergeschichten handelten von Monstern, Verbrechen, Wahnsinn, dem Übernatürlichen und gelten als frühe Form moderner Massen-Horrorliteratur. Der Serienname ist deshalb mehr als bloß eine nostalgische Anspielung: Er beschreibt zugleich das kulturelle Fundament der Serie – viktorianische Grusel- und Sensations-Novellen als bedrückendes Spiegelbild gesellschaftlicher Ängste.

    John Logan: Architekt der Serie

    Dass Penny Dreadful trotz der vielen literarischen Vorlagen nie wie bloße Fan-Fiction wirkt, liegt wesentlich an John Logan. Der Autor und Showrunner interessiert sich weniger für Monster-Mythologien als für beschädigte Figuren und emotionale Grenzzustände. Schon in Arbeiten wie Gladiator, The Aviator oder Skyfall zeigte sich seine Vorliebe für Charaktere, die an Obsession, Macht oder innerer Isolation zerbrechen.

    Diese Handschrift prägt auch Penny Dreadful. Logan behandelt Dracula, Frankenstein oder Dorian Gray nicht als ikonische Popfiguren, sondern als Ausdruck existenzieller Konflikte. Dadurch entsteht eine Serie, die weniger an modernen Franchise-Erzählungen interessiert ist als an der melancholischen Grundidee des Gothic: dass der Mensch seine tiefsten Abgründe niemals vollständig kontrollieren kann.

    Gothic Horror: Psychologie des Dunklen

    Das Genre „Gothic“ war nie bloß Horror. Seit dem 19. Jahrhundert erzählt es von den verborgenen Räumen des Menschen: unterdrückte Begierden, moralische Schuld, religiöse Angst und die Furcht vor dem eigenen inneren Abgrund. Verfallene Häuser, Friedhöfe, Nebel und Monster sind dabei weniger Selbstzweck als sichtbare Zeichen einer beschädigten Seele.

    An dieser Stelle setzt Penny Dreadful an. Die Serie nutzt die Ikonen der viktorianischen Schauerliteratur nicht als nostalgische Zitate, sondern als psychologische Werkzeuge. Figuren aus Dracula, Frankenstein und The Picture of Dorian Gray begegnen sich nicht einfach – sie spiegeln unterschiedliche Formen menschlicher Zerrissenheit.

    Das Ergebnis ist weniger ein Monster-Crossover als eine düstere Anatomie des Inneren.

    Eva Green: emotionales Zentrum der Erzählung

    Im Mittelpunkt dieser Welt steht Eva Green als Vanessa Ives. Ihre Darstellung ist nicht bloß stark besetzt, sondern stilprägend für die gesamte Serie. Green spielt Vanessa wie eine Figur, die permanent zwischen Spiritualität, Wahnsinn, Trauma und dämonischer Versuchung oszilliert.

    Bemerkenswert ist dabei vor allem die Körperlichkeit ihres Spiels. Viele Szenen funktionieren weniger über Dialoge als über Blick, Stimme, Atemrhythmus und Haltung. Green schafft es, Angst und Verlangen gleichzeitig sichtbar zu machen – eine Fähigkeit, die im Gothic Horror zentral ist, weil das Genre stets von ambivalenten Gefühlen lebt.

    Gerade in den Besessenheits- und Zusammenbruchsszenen erreicht die Serie eine Intensität, die weit über klassischen Fernsehhorror hinausgeht. Vanessa Ives wird dadurch nicht nur Hauptfigur, sondern eine Art seelischer Resonanzraum für alle Themen der Serie: Schuld, Isolation, Begehren und Selbstzerstörung.

    Ohne Eva Green wäre Penny Dreadful vermutlich eine stilvolle Horrorserie geblieben. Durch sie wird sie zu einem psychologischen Drama von fast opernhafter Wucht.

    Wie Penny Dreadful den shelleyschen Frankenstein neu interpretiert

    Besonders spannend ist Penny Dreadful dort, wo die Serie Motive aus Frankenstein übernimmt und zugleich verändert. Mary Shelleys Roman war nie bloß eine frühe Horrorgeschichte, sondern ein philosophischer Text über Verantwortung, Einsamkeit und die Hybris menschlicher Schöpfungskraft. Genau diesen Kern bewahrt die Serie erstaunlich konsequent.

    Wie im Roman steht auch hier weniger das „Monster“ im Mittelpunkt als die Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Victor Frankenstein erschafft Leben, verweigert seiner Kreatur jedoch emotionale Anerkennung und moralische Verantwortung. Der eigentliche Horror entsteht dadurch nicht im Labor, sondern in der Zurückweisung. Die Kreatur wird zum Wesen ohne Zugehörigkeit – intelligent, empfindsam und von radikaler Einsamkeit geprägt.

    Speziell bei diesem Asekt bleibt die Serie sehr nah an Shelley. Auch in Frankenstein ist das Monster keine stumpfe Bestie, sondern eine tragische Figur mit Bewusstsein, Sehnsucht und Verletzlichkeit. Die Gewalt entsteht aus Isolation und Ausgrenzung. Rory Kinnear spielt diese Dimension in der Serie eindrucksvoll: weniger als Horrorgestalt denn als zutiefst verletzten Menschen im falschen Körper.

    Gleichzeitig verschiebt Penny Dreadful den Schwerpunkt deutlich. Während Shelley stark philosophisch argumentiert und die Geschichte als Reflexion über Wissenschaft und Aufklärung anlegt, emotionalisiert und romantisiert die Serie den Stoff stärker. Victor Frankenstein erscheint weniger als Symbol wissenschaftlicher Hybris denn als narzisstisch Getriebener, dessen emotionale Unreife immer neue Katastrophen hervorbringt.

    Auch ästhetisch gibt es Unterschiede. Shelleys Roman arbeitet eher mit innerem Schrecken und moralischer Reflexion, während die Serie den Stoff tief in die Bildwelt des Gothic Horror einbettet: Kerzenlicht, Verfall, körperliche Dekadenz und opernhafte Emotionalität dominieren die Inszenierung. Dadurch wird Frankenstein in Penny Dreadful weniger zu einer Warnung vor entgrenzter Wissenschaft als zu einer Tragödie über Einsamkeit und die Unfähigkeit des Menschen, echte Nähe herzustellen.

    Gerade diese Verschiebung macht die Adaption interessant. Die Serie modernisiert Shelleys Themen nicht durch technische Aktualisierung, sondern durch psychologische Verdichtung. Aus dem philosophischen Schauerroman wird ein emotionales Gothic-Drama – und genau darin liegt eine der größten Stärken von Penny Dreadful.

    Nebenstränge: Dracula und Dorian Gray

    Auch andere literarische Bezüge werden intelligent verarbeitet. Der Vampirismus aus Dracula erscheint weniger als klassische Monsterjagd denn als Metapher für Verführung und seelische Korruption. Das Böse wirkt hier nicht wie eine äußere Bedrohung, sondern wie ein innerer Sog.

    Mit The Picture of Dorian Gray kommt zudem die Idee der gespaltenen Identität ins Spiel: äußere Schönheit gegen innere Verwesung. Viele Figuren der Serie leben genau in dieser Spannung zwischen gesellschaftlicher Maske und verborgenem Abgrund.

    Visuell erinnert die Serie dabei oft an die expressionistische Tradition von Nosferatu – Schatten, Kerzenlicht, enge Räume und eine Atmosphäre körperlicher Dekadenz prägen die Bildsprache. Horror entsteht nicht durch Schockeffekte, sondern durch eine allgegenwärtige Stimmung des Verfalls.

    Schönheit des Untergangs

    Natürlich ist Penny Dreadful nicht frei von Schwächen. Die Serie verliert sich gelegentlich in Nebenhandlungen und Symbolik, manche Erzählstränge wirken überladen oder erzählerisch unfokussiert. Besonders in den Staffeln 2 und 3 wird deutlich, dass Atmosphäre manchmal wichtiger genommen wird als dramaturgische Präzision.

    Und doch liegt genau darin auch ihr Reiz. Die Serie folgt nicht der modernen Logik effizienter Plotmaschinen, sondern der älteren Tradition des Gothic: Gefühle, Bilder und Zustände sind wichtiger als narrative Ökonomie.

    Eine Serie wie ein viktorianischer Fiebertraum

    Penny Dreadful ist eine der ungewöhnlichsten Horror-Produktionen der vergangenen Jahre – weniger wegen ihrer Monster als wegen ihrer melancholischen Konsequenz. Sie verwandelt die großen Figuren der Schauerliteratur in eine gemeinsame Meditation über Einsamkeit, Schuld und menschliche Zerrissenheit.

    Vor allem aber gehört die Serie Eva Green. Ihre Performance verleiht dem Gothic-Grusel eine emotionale Wucht, die das Genre sonst nur selten erreicht. Dadurch wird Penny Dreadful nicht nur zu einer stilvollen Hommage an die viktorianische Schauerliteratur, sondern zu einer düsteren Studie über die Zerbrechlichkeit des Menschen selbst.

    Steckbrief

    Titel: Penny Dreadful
    Genre: Gothic Horror, Mystery, Psychodrama
    Produktionsländer: USA / Großbritannien / Irland
    Originalsprache: Englisch
    Erstausstrahlung: 2014
    Finale: 2016
    Staffeln: 3
    Episoden: 27
    Idee & Showrunner: John Logan
    Produktion: Showtime
    Musik: Abel Korzeniowski
    Spin-off: City of Angels

    Hauptdarsteller:innen:
    Eva Green – Vanessa Ives
    Josh Hartnett – Ethan Chandler
    Timothy Dalton – Sir Malcolm Murray
    Harry Treadaway – Victor Frankenstein
    Reeve Carney – Dorian Gray
    Rory Kinnear – Die Kreatur

    Literarische Vorlagen:
    Dracula – Bram Stoker
    Frankenstein – Mary Shelley
    The Picture of Dorian Gray – Oscar Wilde

    Bewertung

    ⭐⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ 9 / 10 – atmosphärisch herausragender Gothic Horror mit kleineren dramaturgischen Schwächen
    +++

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  • Der perfekte Plan scheitert am Menschen

    Der perfekte Plan scheitert am Menschen

    „Kennst du schon ‚Haus des Geldes‘, Papa?“
    „Nein.“
    „Diese Serie MUSST du UNBEDINGT sehen, wenn du mitreden willst.“
    „Okay, werde ich tun.“
    (c) Dialog mit meiner Tochter im Skiurlaub 2020/21, während wir gemeinsam im Sessellift sitzen

    Es dauerte dann zwar über 5 Jahre, bis ich mir die Serie angeschaut habe; aber es hat sich wirklich gelohnt.

    Beginnen wir ganz konventionell mit der Inhaltsangabe:

    Ein Überfall entwickelt sich zur Tragödie

    Die Handlung von Haus des Geldes (La casa de papel …. wörtl. Übersetzung = Das Papierhaus) setzt mit einer genialen Idee – bereits an dieser frühen Stelle des Textes ein großes Lob an den Schöpfer der Serie: Álex Pina – ein: Ein Mann, der sich „Der Professor“ (Álvaro Morte) nennt, entwickelt über Jahre hinweg den Plan für einen perfekten Raub – ohne klassischen Diebstahl. Statt Geld zu stehlen, will er es selbst herstellen. Dafür rekrutiert er acht Kriminelle, die gescheitert sind und am Rand der Gesellschaft stehen. Sie haben nichts zu verlieren – und sind bereit, alles zu riskieren.

    Um persönliche Bindungen zu vermeiden, geben sich alle Codenamen nach Städten:

    • Tokyo (Úrsula Corberó), impulsiv, emotional und unberechenbar, fungiert als Erzählerin und emotionales Zentrum der Geschichte.
    • Berlin (Pedro Alonso), der Halbbruder des Professors, ist im Inneren der Bank die dominante Führungsfigur – brillant, aber skrupellos und zunehmend unberechenbar.
    • Nairobi (Alba Flores) leitet die Geldproduktion und verkörpert Optimismus und Zusammenhalt.
    • Rio (Miguel Herrán) ist der junge Hacker, dessen Beziehung zu Tokyo früh zur emotionalen Sollbruchstelle wird.
    • Denver (Jaime Lorente) bringt eine rohe, ungestüme Energie mit, während sein Vater Moskau (Paco Tous) als erfahrener Tunnelbauer für Bodenhaftung sorgt.
    • Helsinki (Darko Perić) und Oslo (Roberto García Ruiz) bilden die physische Durchsetzungskraft der Gruppe.

    Der Überfall auf die staatliche Banknotendruckerei in Madrid folgt einem minutiös ausgearbeiteten Drehbuch: Die Gruppe nimmt Geiseln, kontrolliert die Kommunikation nach außen und beginnt, Milliarden Euro zu drucken. Der eigentliche Coup besteht darin, Zeit zu gewinnen – Zeit, um Geld zu produzieren, während Polizei und Öffentlichkeit in ein komplexes Täuschungsmanöver verstrickt werden.

    Parallel dazu operiert der Professor im Verborgenen. Von außen steuert er die Ereignisse, manipuliert Informationen und beeinflusst gezielt die Ermittlungen. Im Zentrum steht dabei die leitende Inspektorin Raquel Murillo (Itziar Ituño), mit der er – zunächst als Teil seines Plans – eine persönliche Beziehung aufbaut. Was als kalkulierte Nähe beginnt, entwickelt sich zu einer echten emotionalen Verbindung – und wird damit selbst zum Risiko.

    Je länger der Überfall dauert, desto stärker zerfällt die Illusion von Kontrolle. Die klaren Regeln des Professors – keine persönlichen Beziehungen, keine unüberlegten Handlungen – werden zunehmend gebrochen. Tokyos Impulsivität, Berlins Machtansprüche, Rios Unerfahrenheit und die wachsende Angst innerhalb der Gruppe führen zu Spannungen, die den Plan immer wieder gefährden. Auch unter den Geiseln entstehen Dynamiken, die sich kaum noch kontrollieren lassen.

    Der Druck steigt immer mehr: Polizei und Militär verschärfen ihre Maßnahmen, die Medien inszenieren den Überfall als nationales Drama, und die öffentliche Meinung schwankt zwischen Faszination und Empörung. Gleichzeitig gelingt es der Gruppe immer wieder, die Situation im letzten Moment zu ihren Gunsten zu wenden – zuvorderst durch psychologische Tricks und gezielte Inszenierungen.
    +++

    Das war jetzt zugegebenermaßen viel gespoilert; aber die Serie ist nun auch nicht mehr taufrisch. Die meisten, die diese Kolumne lesen, dürften die Geschichte also schon kennen.

    Bei rein oberflächlicher Betrachtung  gehört „Haus des Geldes“ in die Rubrik „Heist“, die von der Google-KI wie folgt definiert wird = ein durchdachter, oft spektakulärer Raubüberfall mit Plan. Bekannte Vertreter dieses Genres sind bspw.: Inside Man, Ocean’s Eleven, The Italian Job, The Town, Heat, Prison Break, Lupin und Kaleidoscope.

    Jedoch würde man der Serie nicht gerecht werden, wenn man sie auf ihre formale Kategorie reduziert, denn die Erzählung bietet weitaus mehr als bloß einen minutiös ausgetüftelten Bankraub,  denn sie verschiebt den Fokus zugleich stark auf die handelnden Menschen.

    Möglich sind 4 zusätzliche Blickwinkel:
     Die politische Parabel: Rebellion gegen ein System, Inszenierung als Widerstand (Robin Hood)
     Das psychologische Kammerspiel: Druck im geschlossenen Raum, Konflikte innerhalb der Gruppe (Reservoir Dogs)
     Das Beziehungsdrama: Liebe, Loyalität, Verrat (Breaking Bad)
     Die Tragödie: Figuren scheitern an sich selbst, Kontrolle kippt in Kontrollverlust (Macbeth)

    Da ich die Figur des Macbeth schon seit der Oberstufe (Englisch-LK) überaus faszinierend finde – obwohl uns die Lehrerin mit der frühneuenglischen Originalversion quälte –, und Shakespeare ohnehin ein Fixstern am Autorenhimmel ist, wähle ich aus der obigen Liste die Tragödie aus. Weshalb wir in der folgenden Passage kurz unser Schulwissen auffrischen müssen.

    Macht um jeden Preis

    Der schottische Feldherr Macbeth – den gab es tatsächlich. Er lebte und wirkte im 11-ten Jhrd. und gilt bei Historikern als guter Herrscher. In Shakespeares gleichnamigem Drama wurde er stark fiktionalisiert – begegnet nach einer siegreichen Schlacht drei Hexen, die ihm prophezeien, er werde König werden. Zunächst zögert er – doch angetrieben vom eigenen Ehrgeiz und dem Drängen seiner Frau, entscheidet er sich, das Schicksal zu erzwingen.

    Macbeth ermordet König Duncan und besteigt den Thron. Doch mit der Macht kommt keine Sicherheit, sondern Angst: Um seine Position zu sichern, lässt er weitere Morde begehen, darunter den an seinem Vertrauten Banquo. Schritt für Schritt verstrickt er sich tiefer in Gewalt und Misstrauen.

    Je mehr Macbeth versucht, Kontrolle zu behalten, desto stärker verliert er sie. Schuldgefühle, Visionen und wachsende Paranoia treiben ihn in den inneren Zerfall, während sich zugleich Widerstand gegen seine Herrschaft formiert. Auch Lady Macbeth zerbricht an der Last ihrer Taten.

    Am Ende wird Macbeth im Kampf gestürzt und getötet – und mit ihm zerfällt die Macht, die er sich durch Gewalt angeeignet hat.

    Wenn Kontrolle zur Illusion wird: Die tragische Parallele

    Die Verbindung zwischen Haus des Geldes und Macbeth liegt nicht in der äußeren Handlung, sondern in ihrer inneren Dramaturgie: Beide erzählen von Figuren, die glauben, ein System vollständig kontrollieren zu können – und genau daran scheitern.

    Sowohl Macbeth als auch der Professor handeln aus einer Position scheinbarer Klarheit heraus. Der eine folgt der Vision von Macht, der andere einem perfekt durchkalkulierten Plan. In beiden Fällen wirkt der Anfang kontrolliert, fast kühl rational. Doch dieser Zustand ist fragil. Denn er blendet aus, dass Menschen keine berechenbaren Variablen sind.

    Der Wendepunkt liegt jeweils im Erfolg selbst. Macbeth wird König – und genau damit beginnt seine Angst, diese Macht wieder zu verlieren. Aus einem einmaligen Verbrechen wird eine Kette von Gewalttaten, die sich immer weiter verselbstständigt. In Haus des Geldes funktioniert der Plan zunächst ebenfalls: Die Geiseln sind unter Kontrolle, die Geldproduktion läuft, die Polizei wird ausmanövriert. Doch auch hier setzt mit dem Fortschritt die Erosion ein: „verbotene“ Beziehungen entstehen, Hierarchien werden infrage gestellt, Emotionen brechen durch.

    In beiden Werken zeigt sich dieselbe Mechanik: Jeder Versuch, Kontrolle zu sichern, erzeugt neue Unsicherheit.

    Macbeth reagiert auf seine Angst mit noch mehr Gewalt – und verstärkt damit genau die Bedrohung, die er verhindern will. Die Figuren in der Serie treffen impulsive Entscheidungen, um den Plan zu retten – und treiben ihn damit weiter in Richtung Scheitern. Kontrolle wird zur Illusion, weil sie auf Voraussetzungen beruht, die sich nicht stabilisieren lassen.

    Hinzu kommt die Zersetzung von innen. Weder bei Macbeth noch im Überfall ist es primär der äußere Gegner, der das System zu Fall bringt. Es sind Misstrauen, Ego, Angst und widersprüchliche Interessen, die die Struktur untergraben. Die Ordnung, die Sicherheit geben sollte, wird selbst zum Risiko. Loyalitäten verschieben sich, Autorität wird infrage gestellt, und das System beginnt, sich von innen heraus aufzulösen.

    Auch die Protagonisten selbst verkörpern diese Tragik: Sie erkennen zunehmend, dass sich das Drama in die verkehrte Richtung entwickelt – und sind doch nicht in der Lage, es zu stoppen. Macbeth sieht die Konsequenzen seines Handelns, geht aber weiter. Ähnlich verhalten sich die Figuren in Haus des Geldes: Sie wissen um die Risiken, handeln aber dennoch gegen den ursprünglichen Plan, getrieben von Emotionen oder situativem Druck.

    Am Ende steht in beiden Fällen keine Niederlage im klassischen Sinne, sondern eine tragische Konsequenz: Der Plan geht auf – aber die Menschen, die ihn ausführen, zerbrechen daran.

    Gerade darin liegt die eigentliche Nähe zwischen beiden Werken: Nicht das Scheitern trotz Planung ist entscheidend, sondern das Scheitern durch Planung – weil sie den Menschen ausklammert, der sie umsetzen soll.

    Zwischen Kammerspiel und Spektakel

    Haus des Geldes gehört zu den seltenen Serien, die ihre größte Stärke gleich zu Beginn vollständig ausspielen – und sich später bewusst davon entfernen. Darin liegen ihre Faszination, aber auch ihr Bruch. Die ersten beiden Staffeln funktionieren nahezu ideal als reduziertes Kammerspiel: Der Schauplatz ist begrenzt, die Handlung konzentriert, die Dramaturgie klar. Spannung entsteht hier nicht primär durch Action, sondern durch Entscheidungen unter Druck. Jede Figur gewinnt an Kontur, jede Dynamik an Gewicht. Der Minimalismus wirkt wie ein Verstärker – weil sich die Serie beschränkt, wird alles intensiver. Der Zuschauer versteht den Plan, erkennt seine Logik und erlebt zugleich, wie er Schritt für Schritt durch menschliche Impulse unterlaufen wird. Gerade diese enge Verzahnung von Raum, Figuren und Konflikt verleiht dem ersten Raub seine außergewöhnliche Dichte.

    Hinzu kommt die Stärke der Figuren: Das Ensemble ist nicht nur funktional im Sinne eines Heist-Plans aufgebaut, sondern emotional tragfähig. Beziehungen, Loyalitäten und Brüche entwickeln sich organisch und treiben die Handlung glaubwürdig voran. Auch die Grundidee der Serie überzeugt durch ihre Klarheit und Originalität – ein Raub, bei dem nicht gestohlen, sondern Geld produziert wird, ist zugleich einfach zu erfassen und erzählerisch hoch anschlussfähig. Hier hebt sich die Serie vom klassischen Genre ab: Der Plan ist nicht nur Mittel zur Spannung, sondern Bühne für ein Drama über Kontrolle, Macht und menschliches Scheitern.

    Mit den Staffeln drei bis fünf verschiebt sich der Fokus jedoch deutlich. Der zweite Überfall erweitert die erzählerische Welt: mehr Außenaufnahmen, diverse Schauplätze, mehr Action, stärkere militärische Eskalation und ein intensiverer Einsatz von Rückblenden. Das erzeugt zunächst Größe und Dynamik, führt aber zugleich zu einem Verlust an Verdichtung. Wo der erste Raub von Begrenzung lebte, nährt sich der zweite von Ausweitung – und darin liegt das Problem. Die ursprüngliche Stärke, die enge Verbindung von Raum, Figuren und Konflikt, wird großenteils aufgelöst. Die Handlung wirkt stellenweise konstruiert, Wendungen weniger zwingend, Konflikte entstehen häufiger durch äußere Zuspitzung als aus innerer Logik heraus. Auch die zunehmende Rückblendenstruktur nimmt der Gegenwartshandlung etwas von ihrer Unmittelbarkeit und ihrem Druck.

    So entsteht eine ambivalente Entwicklung: Der zweite Raub gewinnt an visueller Wucht und epischer Dimension, verliert aber an Präzision und Glaubwürdigkeit. Dennoch bleibt die Serie wirksam, weil sie ihre Figuren nie ganz aus dem Blick verliert. Immer wieder blitzen jene Momente auf, in denen die ursprüngliche Stärke sichtbar wird – wenn Entscheidungen aus Beziehungen heraus getroffen werden und nicht allein aus der Logik der Eskalation. Am Ende zeigt sich eine klare Tendenz: Haus des Geldes ist dann am stärksten, wenn es sich selbst begrenzt. Der erste Raub demonstriert eine nahezu perfekte Balance aus Konzept, Figuren und Spannung, während der zweite diese Welt erweitert und dafür einen Teil ihrer erzählerischen Präzision opfert. Oder zugespitzt: Je größer die Serie wird, desto mehr entfernt sie sich von dem, was sie ursprünglich stark gemacht hat.

    Emotion vor Distanz: Die Handschrift spanischer Serien

    Spanische (Kriminal-)Serien haben sich in den letzten Jahren eine eigene, klar erkennbare Handschrift erarbeitet – allerdings weniger über ein einheitliches Stil-Label als über eine gemeinsame Erzählhaltung. Produktionen wie Haus des Geldes, Elite oder Vis à Vis setzen nicht auf kühle Distanz oder nüchterne Milieustudien, sondern auf Emotionalität, Tempo und maximale Zuspitzung.

    Im Zentrum steht fast immer ein klarer erzählerischer Motor – ein Mord, ein Verbrechen, ein Plan –, doch dieser dient häufig nur als Ausgangspunkt. Entscheidend ist, was daraus entsteht: ein dichtes Geflecht aus Beziehungen, Loyalitäten und Konflikten. Figuren handeln selten rein rational; sie reagieren impulsiv, widersprüchlich, oft getrieben von Gefühlen. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu vielen nordeuropäischen Formaten, die stärker auf Zurückhaltung und unterkühlte Verdichtung setzen.

    Hinzu kommt eine ausgeprägte Lust an Dramatisierung. Spanische Serien scheuen weder große Gesten noch starke Kontraste: Wendungen sind zugespitzt, Konflikte werden offensiv ausgespielt, Emotionen klar markiert. Gleichzeitig gelingt es vielen Produktionen, diese Überhöhung mit einer hohen erzählerischen Dynamik zu verbinden. Die Geschichten sind schnell, dicht erzählt, oft mit Cliffhangern strukturiert und auf unmittelbare Wirkung hin inszeniert.

    Ein weiteres Merkmal ist die Verschränkung von Genre und Drama. Kriminalhandlung, Thriller-Elemente und persönliche Geschichten sind selten getrennt, sondern greifen ineinander. Das Verbrechen ist nicht nur Plot, sondern Katalysator für Beziehungen und Charakterentwicklung. Dadurch entstehen Formate, die zugleich zugänglich und vielschichtig sind – sie funktionieren als Spannungserzählung, tragen aber immer auch eine emotionale und oft gesellschaftliche Dimension in sich.

    Diese Mischung aus Tempo, Emotionalität und „großer“ Erzählung erklärt auch den internationalen Erfolg vieler spanischer Serien. Sie sind leicht anschlussfähig, ohne beliebig zu wirken, und verbinden klassische Genre-Elemente mit einer intensiven Figurenorientierung. Oder zugespitzt: Spanische Krimiserien interessieren sich weniger für die perfekte Aufklärung eines Falls als für die Frage, was dieser Fall mit den Menschen macht, die in ihn verwickelt sind.

    Zwei Raubzüge, zwei Bewertungen

    Raub 1 (Staffeln 1–2): 9/10
    Der erste Überfall zeigt Haus des Geldes in Bestform: dicht, fokussiert, fast klaustrophobisch. Der Minimalismus sorgt für maximale Spannung, die Figuren tragen die Handlung, und der Plan wirkt zugleich nachvollziehbar und fragil. Kleine Unwahrscheinlichkeiten treten in den Hintergrund, weil die psychologische und dramaturgische Präzision überzeugt.

    Raub 2 (Staffeln 3–5): 7/10
    Der zweite Coup setzt auf Größe, Ausweitung und Spektakel. Das bringt visuelle Wucht und eine größere Bühne, geht jedoch teilweise zulasten von Stringenz und Glaubwürdigkeit. Die Handlung wird komplexer, manchmal auch konstruiert, bleibt aber durch die Figuren emotional verankert – nur eben weniger zwingend als im ersten Raub.

    Steckbrief

    Genre:
    Heist-Thriller mit tragischer Dramaturgie

    Idee und Showrunner:
    Álex Pina

    Produktionsfirmen:
    Vancouver Media
    Atresmedia (für die ursprüngliche Ausstrahlung in Spanien)
    Netflix (ab Staffel 3 als Hauptproduzent/Distributor)

    Erstausstrahlung:
    2017 (Spanien), internationaler Durchbruch über Netflix

    Originalsprache:
    Spanisch

    Staffeln:
    5 (aufgeteilt in zwei große Handlungsbögen / „Raub 1“ und „Raub 2“)

    Länge der einzelnen Folgen:

    Staffeln 1–2 (Raub 1): ca. 40–50 Minuten pro Episode
    Staffeln 3–5 (Raub 2): ca. 45–60 Minuten pro Episode

    Zentrale Figuren:

    Der Professor (Álvaro Morte)
    Tokyo (Úrsula Corberó)
    Berlin (Pedro Alonso)
    Nairobi (Alba Flores)
    Rio (Miguel Herrán)
    Raquel Murillo (Itziar Ituño)

    Ein als Thriller inszeniertes Drama über Kontrolle und Scheitern – oft näher an Macbeth als an klassischen Heist-Konventionen.

    Spin-off: Berlin

    +++

    Zum Schluss noch 2 Fragen an den Autor:

    (1) Ist diese Rezension nicht arg lang geraten?
    JA, aber ich habe deutlich weniger Zeit dafür aufgewendet als der Professor für die Planung der beiden Überfälle.

    (2) Ob die Analogie der Serie mit Macbeth an den Haaren herbeigezogen ist, gem. dem Motto, „Nicht alles was hinkt, ist ein sinnvoller Vergleich“?
    Mag schon sein. Ich hatte trotzdem Spaß beim Schreiben dieser Kolumne. Und darauf kommt’s ja auch an.

    +++

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  • Selbstzerstörung als letzter Wille

    Selbstzerstörung als letzter Wille

    Gehört zum abendlichen Pflichtprogramm in jeder Suchtklinik und ist auch zu Hause auf dem Sofa im Abstand einiger Jahre immer wieder sehenswert: Leaving Las Vegas – die (neben The lost weekend) cineastisch schonungsloseste Auseinandersetzung mit dem Thema Alkoholismus.  Ich habe mir den Fillm vor ein paar Tagen (zum zehnten Mal?) angeschaut und will nun endlich die seit Langem fällige Rezension zu Papier bringen:

    Worum geht es?

    In Leaving Las Vegas – basierend auf dem gleichnamigen (stark autobiografisch gefärbten) Roman von John O’Brien – reist der arbeitslose Drehbuchautor Ben Sanderson (Nicolas Cage) an der Welt berühmtesten Sehnsuchtsort der Zocker und Feierlustigen, um sich in einem billigen Motel systematisch zu Tode zu trinken. Dort begegnet er der Prostituierten Sera (Elisabeth Shue). Zwischen beiden entsteht eine fragile Beziehung – getragen von einer stillschweigenden Vereinbarung: Sie akzeptiert seinen Alkoholismus, er billigt ihren Lebenswandel. Während sich zwischen ihnen eine Form von Nähe entwickelt, schreitet seine Selbstzerstörung unaufhaltsam voran – ohne Therapie, ohne Rettung, ohne moralische Auflösung.

    Alkoholismus als radikaler Realismus

    Leaving Las Vegas gehört zu den kompromisslosesten Darstellungen von Alkoholismus im Kino, weil sich der Film konsequent weigert, die Krankheit dramaturgisch zu „lösen“. Alkoholismus erscheint hier nicht als Krise, die überwunden werden kann, sondern als Zustand, der sich verselbständigt hat. Der Protagonist trinkt nicht aus situativer Schwäche oder romantischer Melancholie, sondern aus einer inneren Entscheidung heraus, die längst jede Alternative verdrängt hat.

    Gerade diese Konsequenz erzeugt den Realismus des Films. Alkohol strukturiert jeden Moment des Tages, bestimmt Wahrnehmung, Verhalten und soziale Beziehungen. Statt spektakulärer Abstürze zeigt der Film vor allem Wiederholung: Trinken, Funktionieren, Zerfall. Diese Monotonie ist es, die die Darstellung so glaubwürdig macht – Alkoholismus erscheint nicht als dramatisches Ereignis, sondern als alltäglicher Prozess der Selbstauflösung.

    Funktionaler Alkoholiker ohne Hoffnung

    Eine besondere Stärke des Films liegt in der Darstellung eines funktionalen Alkoholikers. Der Protagonist ist kein klischeehafter Randständiger, sondern ein intelligenter, reflektierter Mensch, der sein Verhalten durchschaut – und dennoch fortsetzt. Diese Diskrepanz zwischen Einsicht und Handlung gehört zu den realistischsten Elementen des Films.

    Viele Erzählungen über Sucht setzen auf den Wendepunkt: Einsicht führt zur Veränderung. Leaving Las Vegas verweigert genau diesen Mechanismus. Es gibt keine Intervention, keine Therapie, keinen Versuch der Rettung. Stattdessen wird Alkoholismus als Entwicklung gezeigt, in der Erkenntnis ihre handlungsleitende Kraft verloren hat. Der Protagonist weiß, was er tut – und entscheidet sich dennoch dafür.

    Körperlicher Verfall und psychologische Leere

    Der Film zeigt Alkoholismus nicht nur als psychologisches, sondern auch als körperliches Phänomen. Zittern, Orientierungslosigkeit, Kontrollverlust und zunehmende Isolation erscheinen nicht als dramatische Höhepunkte, sondern als schleichender Prozess. Es ist gerade diese Unspektakularität, die die Darstellung so beklemmend macht.

    Parallel dazu wird eine tiefere Ebene sichtbar: die vollständige Entleerung von Sinn. Alkohol ist hier weder Genuss noch Flucht, sondern die letzte verbliebene Struktur im Leben. Der Protagonist trinkt nicht, um etwas zu erreichen, sondern um die Abwesenheit von Bedeutung auszuhalten. In dieser Reduktion liegt die eigentliche Radikalität des Films.

    Selbstzerstörung als bewusste Entscheidung: Parallelen zum Steppenwolf

    In seiner Konsequenz erinnert der Film an literarische Figuren wie Harry Haller aus Der Steppenwolf von Hermann Hesse. Auch dort steht ein Protagonist im Zentrum, der seine Existenz als unauflösbaren Widerspruch erlebt und den Gedanken an Selbstvernichtung als ständige Möglichkeit mit sich trägt.

    Ähnlich organisiert auch die Hauptfigur in Leaving Las Vegas ihr Leben um die eigene Auflösung. Alkohol ersetzt die punktuelle Entscheidung durch einen Prozess: nicht der plötzliche Akt, sondern die kontinuierliche Umsetzung einer inneren Haltung.

    Der Unterschied liegt jedoch im Ausgang: Während Der Steppenwolf noch eine Bewegung zur Selbsterkenntnis und Transformation offenhält, verweigert der Film jede Form von Entwicklung. Es gibt kein „magisches Theater“, keinen Ausweg, keine Dialektik. Was bei Hesse als Möglichkeit existiert, erscheint hier als bereits vollzogene Entscheidung.

    Nihilismus als gelebter Zustand

    Der Film lässt sich als Studie eines radikal gelebten existenziellen Nihilismus verstehen. Allerdings nicht im Sinne einer reflektierten Weltanschauung, sondern als Zustand, in dem Sinnfragen ihre Relevanz verloren haben. Es gibt kein „Warum“ mehr, das beantwortet werden müsste, und kein „Wofür“, das Handlungen strukturieren könnte.

    In diesem Sinne zeigt Leaving Las Vegas das Endstadium eines Prozesses, der in der Literatur oft noch verhandelt wird. Während Figuren wie im Steppenwolf zwischen Verzweiflung und Möglichkeit oszillieren, hat der Film-Protagonist dieses Stadium bereits hinter sich gelassen. Reflexion wird nicht mehr in Handlung übersetzt – sie ist bedeutungslos geworden, mutiert zum Ausdruck völliger Leere.

    Alkohol fungiert dabei als Medium dieser Haltung: nicht als Flucht, sondern als kontinuierliche Auflösung von Bedeutung. Der Film zeigt keinen denkenden Nihilismus, sondern einen, der gelebt wird.

    Beziehung ohne Rettungsfantasie

    Auch die Liebesgeschichte folgt dieser Logik. Die Beziehung basiert nicht auf Hoffnung oder Veränderung, sondern auf Akzeptanz. Sie versucht nicht, ihn zu retten, und er verspricht nicht, sich zu ändern. Gerade diese Konstellation wirkt realistischer als die in vielen Filmen dominierende Vorstellung, Liebe könne Sucht überwinden.

    Nähe entsteht hier unter Bedingungen, die ihre eigene Zukunft ausschließen. Der Film zeigt damit, wie Sucht Beziehungen nicht einfach zerstört, sondern transformiert: Zuneigung ist möglich, aber sie bleibt folgenlos. Die Krankheit setzt die Grenzen, innerhalb derer Beziehung überhaupt stattfinden kann.

    Verzicht auf moralische Botschaften

    Ein zentrales Element des Realismus liegt im völligen Verzicht auf moralische Einordnung. Der Film erklärt Alkoholismus nicht, er bewertet ihn nicht und er bietet keine Lösung an. Diese Zurückhaltung erzeugt eine fast dokumentarische Wirkung.

    Das Publikum wird nicht entlastet. Es gibt keine klare Schuld, keine pädagogische Botschaft und kein therapeutisches Narrativ. Gerade diese Leerstelle macht den Film so eindringlich, weil er die Realität von Sucht nicht in eine sinnstiftende Dramaturgie überführt.

    Was bleibt am Ende?

    Leaving Las Vegas ist eine der radikalsten filmischen Auseinandersetzungen mit Alkoholismus. Der Film zeigt Sucht nicht als überwindbare Krise, sondern als existenziellen Zustand, in dem Entscheidung, Einsicht und Handlung auseinanderfallen. In Verbindung mit literarischen Motiven, wie sie sich im Steppenwolf finden lassen, wird deutlich, dass es hier um mehr geht als um Abhängigkeit: nämlich um die Möglichkeit, sich bewusst gegen das Leben zu entscheiden.

    Gerade weil der Film auf Erlösung, Entwicklung und moralische Orientierung verzichtet, wirkt er so realistisch und verstörend. Er zeigt Selbstzerstörung nicht als Absturz, sondern als Haltung – und genau darin liegt seine nachhaltige Wirkung.

    Bewertung: 9.5 Punkte
    +++

    Steckbrief

    Titel: Leaving Las Vegas
    Regie und Drehbuch: Mike Figgis
    Jahr: 1995
    Genre: Drama
    Basierend auf dem gleichnamigen Roman von John O’Brien (1990)
    Produktionsfirmen: Initial Productions & Lumière Pictures
    Filmverleih: United Artists (USA) & Metro-Goldwyn-Mayer (international)

    Hauptdarsteller:
    Nicolas Cage – Ben Sanderson
    Elisabeth Shue – Sera

    Auszeichnungen u.a.: Academy Award für Nicolas Cage als Bester Hauptdarsteller
    +++

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  • Vampire im Baumwollfeld

    Vampire im Baumwollfeld

    Blood & Sinners gehört mit 4 Trophäen (u.a. bester männlicher Hauptdarsteller) zu den großen Gewinnern der Academy Awards 2026.

    Ich habe mir den Film vor ein paar Tagen angeschaut – hier mein Eindruck:

    Handlung im Zeitraffer

    Der Protagonist – streng genommen sind es Zwillingsbrüder (Michael B. Jordan in einer Doppelrolle) – kehrt nach vielen Jahren in der Ferne, wo er (als Gangster?) zu Geld gekommen ist – in seine alte Heimat – das ländliche Mississippi – zurück und eröffnet dort ein Lokal. Am Eröffnungsabend fließt hektoliterweise der Alkohol, die Gäste legen eine flotte Sohle aufs Parkett, und es gibt Livemusik. Speziell ein junger Gitarrist versetzt das Publikum mit seinen Bluesnummern in Ekstase.

    Bis hierher ein solides 30-er Jahre Südstaatendrama: strikte Rassentrennung, die Schwarzen schuften auf den Feldern (und feiern abends), die Weißen sind entweder reiche Plantagenbesitzer oder tumbe Klan-Mitglieder, Gewalt/Mord & Totschlag liegen ständig in der Luft, und am Sonntag besuchen alle brav den Gottesdienst (natürlich die Weißen eine andere Kirche als die Schwarzen).

    Schöne, opulente Bilder. Man kann die Baumwolle auf den endlosen Feldern des Deep South quasi anfassen und den Schweiß, der beim Pflücken vergossen wird, beinahe riechen.

    Nun – wir sind ungefähr bei der Hälfte der Geschichte angelangt – ändert sich schlagartig die Szenerie: drei Vampire tauchen vor dem Tanzschuppen auf und begehren Einlass … mehr soll nicht gespoilert werden.

    Zwischen Historie und Horror

    Ryan Coogler’s Beitrag überquert die Grenze des klassischen Genre-Kinos. Er nutzt dabei den Horror nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel, um die kulturellen und historischen Tiefenschichten des amerikanischen Südens freizulegen. Die Bedrohung ist nie nur übernatürlich – sie speist sich aus einer Realität, die auch ohne Vampire und andere Spukgestalten täglich von Gewalt, Ungleichheit und Angst geprägt ist. Genau darin liegt die besondere Stärke der Produktion: Das Unheimliche wirkt nicht wie ein Fremdkörper, sondern wie eine logische Erweiterung der Welt.

    Gleichzeitig lässt sich Blood & Sinners klar im Kontext des modernen Black Cinema verorten. Der Film erzählt nicht nur von schwarzen Figuren, sondern konsequent aus einer afroamerikanischen Perspektive heraus – kulturell, historisch und ästhetisch. Themen wie struktureller Rassismus, kollektive Erinnerung und kulturelle Identität sind dabei keine Nebenschauplätze, sondern bilden das Fundament der Handlung.

    Dabei geht der Film jedoch einen Schritt weiter: Er nutzt bewusst die Mittel des Genrekinos, um diese Perspektive zu erweitern. Ähnlich wie Get Out von Jordan Peele verbindet Blood & Sinners gesellschaftliche Analyse mit Horror-Elementen – allerdings weniger zugespitzt, dafür atmosphärisch dichter und historisch stärker verankert. Das Ergebnis ist ein Werk, das sich nicht auf eine Kategorie reduzieren lässt: Es ist Black Cinema, aber zugleich auch eine Neuvermessung dessen, was dieses Kino leisten kann.

    King Cotton rules

    Im Hintergrund schwingt stets das Erbe von „King Cotton“ mit – die Zeit, in der der Baumwollanbau den Süden wirtschaftlich dominierte und eine Gesellschaftsordnung hervorbrachte, die auf Ausbeutung und rassischer Hierarchie beruhte. Auch nach dem Ende der Sklaverei blieb diese Struktur bestehen, abgesichert durch Gewalt und Einschüchterung, unter anderem durch den Ku Klux Klan.

    Blood & Sinners macht daraus kein explizites Historienreferat, aber die Spuren dieser Vergangenheit sind überall sichtbar: in den Lebensumständen der Figuren, in den Machtverhältnissen, in der ständigen, unterschwelligen Bedrohung. Der Horror des Films steht damit immer auch im Schatten realer Geschichte.

    Der Blues als Stimme und Beschwörung

    Auf diesem schweiß- und blutgetränkten Boden entsteht der Blues – und genau hier entfaltet der Film seine kulturelle Tiefe. Die Musik, die im Mississippi-Delta ihren Ursprung hat, geht zurück auf Arbeitslieder versklavter Menschen, auf Spirituals und afrikanische Traditionen. Sie erzählt von Schmerz, Verlust und Entwurzelung, aber auch von Würde und Widerstand.

    Im Film wird der Blues zur tragenden Kraft: Er ist nicht nur Ausdruck, sondern wirkt fast wie eine Beschwörung. Er strukturiert Emotion, gibt dem Unsagbaren Form – und scheint zugleich eine Verbindung zu etwas Größerem, vielleicht auch Dunklerem herzustellen.

     

    Aberglaube und die Logik des Unsichtbaren

    Diese Wirkung der Musik ist eng verbunden mit dem Aberglauben des Deep South. In der Welt von Blood & Sinners existiert keine klare Trennung zwischen Realität und Übernatürlichem. Christliche Motive, afrikanische Spiritualität und Hoodoo-Traditionen (zwar verwandt, aber nicht dasselbe wie Voodoo) bilden eine kulturelle Matrix, in der das Unsichtbare selbstverständlich ist.

    Mythen wie jene um Robert Johnson – der an einer Kreuzung dem Teufel seine Seele verkaufte, um der beste Gitarrist des Südens zu werden – sind Ausdruck dieser Denkweise. Sie zeigen, wie eng Musik, Schicksal und Magie miteinander verknüpft sind. Der Film greift dieses Spannungsfeld auf und macht es zu einem zentralen Element seiner Atmosphäre.

    Filmische Verwandtschaften

    Ähnliches habe ich allerdings schon gesehen: Rodriguez‘ Kultstreifen „From dusk till dawn“ (1995) arbeitet mit demselben Twist-Konzept. Und ja, einige Szenen im Mississippi-Tanzschuppen könnten sich auch im mexikanischen Titty Twister Club zugetragen haben.

    Die rohe, körperliche Darstellung der Blutsauger erinnert wiederum an Vampires (1998) von John Carpenter, der das Übernatürliche ebenfalls entglamourisiert und als brutale Kraft inszeniert. Dazu kommt noch ein bisschen Crossroads (1986), wo der Teufel einem jungen Musiker zu seiner Ausnahmekönner-Gabe verhilft.

    Und schließlich trägt das Finale eine melancholische Note, die aus Interview with the Vampire (1994) entnommen sein könnte: Der Horror weicht hier einer nachdenklichen Perspektive, in der Unsterblichkeit nicht als Triumph, sondern als Verlust erscheint.

    Gute Unterhaltung, aber …

    Blood & Sinners ist ein Film, der sich herkömmlichen Kategorien entzieht. Er verbindet Horror, Historie und Musik zu einem kulturellen Porträt des amerikanischen Südens. Als Werk des modernen Black Cinema erzählt er nicht nur von Gewalt und Vergangenheit, sondern auch von Identität, Erinnerung und künstlerischem Ausdruck.

    Seine größte Stärke liegt dabei in der Atmosphäre: in Bildern, die nachhallen und in Musik, die mehr beschwört als begleitet.

    Allerdings wirkt die Geschichte inhaltlich dann doch wie ein Abklatsch von From dusk till dawn – wobei Rodriguez der abrupte Schwenk hin zum Blutsauger-Spektakel deutlich besser gelingt als Coogler –, und auch die Verknüpfung von realer und übernatürlicher Gewalt plus die holzschnittartige Gut-Böse-Verteilung zwischen Schwarz und Weiß überzeugen nicht vollends. So ambitioniert der Film sein mag, verheddert er sich letztlich in seiner thematischen Überfrachtung, sodass nicht alle erzählerischen und symbolischen Handlungsfäden die gleiche Tiefe erreichen und der hohe Anspruch am Ende nur teilweise eingelöst wird.

    Nach 137 Minuten verbleibt beim Zuschauer deshalb das Gefühl: war ganz nette Unterhaltung, mehr allerdings leider nicht.
    +++

    Am Schluss eine 3-geteilte Bewertung:
    – Handlung: 4
    – Handlung + Bilder: 5
    – Handlung + Bilder + Musik: 7 Punkte.

    Steckbrief

    Regie & Drehbuch: Ryan Coogler
    Hauptdarsteller: Michael B. Jordan (Doppelrolle)
    In weiteren Rollen sind zu sehen: Hailee Steinfeld, Delroy Lindo, Jayme Lawson, Omar Benson Miller, Wunmi Mosaku, Jack O’Connell
    Kamera: Autumn Durald Arkapaw
    Musik: Ludwig Göransson

    Genre: Horror, Drama, Historienfilm
    Produktionsland: USA
    Erscheinungsjahr: 2025
    Laufzeit: 137 Minuten

    Produktion: Proximity Media
    Verleih: Warner Bros. Pictures

    Auszeichnungen (Auswahl):
    Mehrfach prämiert bei den Academy Awards 2026: männlicher Hauptdarsteller, Drehbuch, Kamera und Filmmusik.
    +++

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