Texte zur Sache

Meinung und Debatte, Rezensionen, Kunst, Sport, Politik und Gesellschaft

Zur Wahrheit des Berliner Wahlkampfs

Eine erfinderische Reise zum Berliner Wahlkampf 2026, die jüngst von der Pädagogik und Philosophie der Demokratie veranstaltet wurde, hat zu Entdeckungen, Erfahrungen und Erlebnissen geführt, von denen Berno Hoffmann mit diesem Text zur Sache humorvoll berichtet, um die Erneuerung unserer freiheitlich-demokratischen Lebensform und ihres Begriffs der Politischen Bildung mit dem gebotenen Ernst der Politsatire zu inspirieren.

Mit dem Berliner Wahlkampf ist die Landtagswahl gemeint, die am 20. September 2026 um 18 Uhr zu Ende sein wird und bei der über die Zusammensetzung des Berliner Abgeordnetenhauses und die 12 Bezirksverordnetenversammlungen (so etwas wie Kreistage in den Flächenländern) des Landes Berlin entschieden wird. Man darf diesen Kleinen Berliner Wahlkampf deswegen bundesweit interessant finden, weil sich der Berliner in Sachen Politik und Kultur unglaublich gerne als Vorhut der sogenannten Berliner Republik und ihres Großen Berliner Wahlkampfs versteht, frei nach dem Motto der wirklich nur herzlich gemeinten Scherzfrage:

„Wie heißt der größte Berliner See? Die Berliner Schnauz(se)e!“

Noch sachlicher: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Analyse des Kleinen Berliner Wahlkampfes nicht nur deutliche Hinweise auf die Stärken und Schwächen der zeitgeistigen Politischen Bildung und ihrer vornehmlich semantischen Konkurrentinnen Demokratiepädagogik, Demokratiebildung und Democratic Education liefert.

Darüber hinaus dürfte man eine Vorahnung bekommen, was uns in der nächsten Bundestagswahl bevorstehen könnte.

Außerdem wird je nach Gemütslage die Hoffnung befeuert, dass die ehemals Große Koalition bis zum Ende der Legislaturperiode hält oder in diesem Jahr zusammenbricht, weil niemand die großartigen Reformen gesehen hat, die in den Landtagswahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern verschwunden sind, da es nach der großen Kraftanstrengung nach hinten raus nicht mehr für die überzeugende Kommunikation der eigentlichen Sieger reichte.

Der Kleine Berliner Wahlkampf springt mir derzeit, da ich zu selten in Berlin weile und kaum die RBB-Abendschau zu sehen bekomme, vor allem auf Facebook ins Auge. Besonders erfolgreich hat in dieser Hinsicht Burkhard Wahle am 11. August 2026 gewirkt. Sein abendliches Posting gehört insoweit zur politischen Aufklärung vom Feinsten, als er die Irritationen, die die Landschaft der Berliner Wahlplakate bei ihm ausgelöst hat, als er nach seinem Urlaub wieder zurück in Berlin ist, in die Form öffentlich zugänglicher Fotos mit lesenswerten Anmerkungen überführt hat.

Auf diesen Fotos ist unter anderem zu sehen: Wie sich die Berliner CDU nicht weniger geschickt als die Bayerische CSU mit ihrem Konservativismus zwischen Tradition und Innovation bewegt. Den Posten des Regierenden Bürgermeisters will man nämlich auch in der nächsten Legislaturperiode besetzen, indem man mit Wahlplakaten das von unserem Bundeskanzler Merz wortgewaltig monierte Stadtbild verbessert, die zum einen

FREIHEIT STATT SOZIALISMUS

und zum anderen

FREIHEIT STATT ISLAMISMUS

versprechen.

„Da piekst die Erbse, wa!!!“

mag man sich da nicht nur als Westberliner denken, der im American Sector of Westberlin sozialisiert wurde und mit seinem kriegerischen Innenleben friedfertig harmoniert: Wie hat es bloß dazu kommen können, dass wir Berliner sowohl im Islamismus als auch im Sozialismus leben müssen! Kann mir mal jemand erklären, wie die beiden zusammengefunden haben und ob es sehr dolle wehgetan hat!! Vor allem bei wem und wo genau!!!

Vom Berliner mit tiefen Wurzeln im „Roten Wedding“ (ein verrufener Bezirk, der wegen der Panke und dem Plötzensee immer eine Reise wert und bereit ist, seine Schönheit nicht allein in den Fußballkäfigen, in denen der Weltruhm von Kevin-Prince Boateng anders als meiner unnachahmlich elegant startete, zu offenbaren), wird sogar gesagt, dass er wisse, welch Schwierigkeiten diese Rechten damit hätten,

FREIHEIT STATT SOZIALISMUS und FREIHEIT STATT ISLAMISMUS

nicht für Tautologien und Volksverblödung in bester (Westberliner) Springerpresse-Tradition zu halten.

Bei der Gelegenheit: Um wieviel schlimmer sind die sogenannten Sozialen Medien von heute eigentlich als die vielfältig analysierte Springerpresse von damals, die mit ihrer Hetze die Westberliner spaltete und in die Gewalt trieb? Passt hierfür der Dual „antisozial vs. sozial“? Wo beginnt der Begriff des Qualitätsjournalismus, wo endet er? Inwieweit unterscheidet sich dieses Problem von jenem, das die alten Griechen mit ihren Sophisten und dem Volk hatten, das weder Sokrates noch Platon oder Aristoteles so richtig gut verstehen wollten, obwohl es keine Medien, die man sozial nennen musste, sondern vornehmlich Gespräche zwischen freien und gleichen Personen gab, die gesellschaftlich kooperierten und sowohl an die Gerechtigkeit glaubten als auch den Göttern frommten: insofern in einer Form sozial waren, die man heute beliebt, mit dem Wort „kollaborieren“ zu bezeichnen, ohne sich als „Pointe“ zu bemerken.

Ich will mich aus der Ferne natürlich nicht in den Kleinen Berliner Wahlkampf einmischen, wahlberechtigt bin ich dort eh nicht mehr.

Andererseits, wie gesagt, der Kleine Berliner Wahlkampf geht dem Großen der Berliner Republik voraus, wenn die Politische Bildung nicht aufpasst und die Aufklärung mit dem Mythos oder böswilligen Vorurteilen und Ressentiments verwechselt.

Das heißt: Auch wegen meiner Habermas-Hommage, die unter der Überschrift „Kompliment Altparteien (Systemparteien)“ am 27. August 2026 von Texte zur Sache publiziert worden ist, ist mir schwergefallen, mich nicht meiner intuitiven Verhaltenssteuerung zu ergeben und mir ästhetisch ambitionierte und bildsame Wahlkampfslogans für die alten und neuen Parteien zu überlegen, die die Wähler tatsächlich zur freien Selbsttätigkeit im Sinne der politischen Bildung der wirklich vernünftigen und gerechten freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland auffordern könnten. Schließlich bin ich dafür bekannt, parteiübergreifend tätig zu sein und meine Beitrag dafür zu leisten, dass die politische Rechte Lust bekommt, sich in Richtung „Mitte“ statt Rechtsextremismus zu bewegen und auszuprobieren, inwieweit das gute Leben im ethisch-moralischen Sinne nicht doch erst dort beginnt, wo die linke Mitte sich mit ihrer Excellenz aufhält.

Wie auch immer!

Die SPD könnte mit

FREIHEIT STATT KAPITALISMUS und FREIHEIT STATT GOTTES WILLE

plakatieren.

DIE LINKEN mit

FREIHEIT STATT FASCHISMUS und FREIHEIT STATT GOTTES BEFEHL

kongenial ergänzen: eine Ergänzung, die ganz zur Freude des Saarlandes sein dürfte.

Denn das Saarland hat am 26. April 2026 (!) in die Präambel seiner Verfassung aufgenommen, was seit 1949 (!) in der Präambel des Grundgesetzes steht und seither kontrovers diskutiert wird, namentlich: „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“: und zwar mit 46 Ja-Stimmen (SPD, CDU) und drei Nein-Stimmen (AfD). Folglich  stellt sich die Frage, ob der im rheinländischen Trier geborene Karl Marx als einer der zentralen Ideengeber der sozialdemokratischen Bewegung und Partei heute nicht gut erklären könnte, warum sich „der Arbeiter“ und andere revolutionäre Subjekte von der SPD ab- und der AfD zuwendet.

Okay, das ist jetzt wohl doch ein wenig zu böse, vom kleinen Saarland mit seinen eine Million Einwohnern VORWÄRTS-weisende Vorschläge zur Renovierung der Präambel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zu erwarten und sich mit der Rede von der Religion als dem Opium des Volkes zu identifizieren, die Karl Marx 1844 in seiner Einleitung „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ im Anschluss an Ludwig Feuerbach zum Besten gab, um den 1781 von Immanuel Kant mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ eingeleiteten (philosophischen) Tod Gottes, der schließlich 1882 von Friedrich Nietzsche quasi-soziologisch in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ beobachtend festgestellt wurde, zu zelebrieren.

Auf der anderen Seite sollte sich auch in Saarbrücken rumgesprochen haben, dass unser Grundgesetz eine menschenrechtliche und keine theokratische Ausrichtung hat, der wirklich existierende deutsche Mensch mit seiner wirklich existierenden Verantwortung vor der wirklich deutschen Geschichte schon genug zu tun hat und es kritische Lesarten von Ödön von Horvaths Roman „Jugend ohne Gott“ aus dem Jahre 1937 gibt, die der Berliner Gymnasiast, wenn ich mich recht erinnere, in der 8. Schulklasse im Deutschunterricht zur Kenntnis nimmt: mittlerweile sogar regelmäßig in Verbindung mit einer Einheit „Suchtprävention“, in der in Kooperation mit dem Ethikunterricht über das Opium und alternative sowie ersatzreligiöse Betäubungsmittel fürs Volk gesprochen wird.

Genug gelästert!

Als Motto für einen gottfreien und strukturell gegen jedweden linken Antisemitismus gewappneten Koalitionsvertrag nach dem Kleinen Berliner Wahlkampf 2026 würde sich sodann ein Klassiker des Westlichen Marxismus und Vorbild des bundesdeutschen Staatsphilosophen Jürgen Habermas – Wolke 7 hab ihn selig! –  anbieten, namentlich Max Horkheimers methodologisches Prinzip aus dem Jahre 1939, veröffentlich unter der Überschrift „Die Juden und Europa“:

„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN jedenfalls wären gut geschmückt mit

FREIHEIT STATT HITZETOD und FREIHEIT STATT PATRIARCHAT

und könnten sich mit SPD und DIE LINKEN einig werden, wenn man die leidige Frage „Haupt- oder Nebenwiderspruch“ nicht vor dem Austrocknen bewahrte oder vergäße, dass sich die Anfänge der deutschen Demokratiebewegung dort befinden, wo heute Cem Özdemir in Nachfolge von Winfried Kretzschmann das Land mit den sich in den vergangenen drei Legislaturperioden deutlich gemauserten Christdemokraten kreativ und effektiv in freiheitlich-demokratischer Form nachhaltig regiert.

Für die FDP böte sich an mit

FREIHEIT STATT DEMOKRATISMUS und FREIHEIT STATT ISLAMISMUS

ihren eigentümlichen bundesdeutschen Liberalismus unters Volk zu bringen und das allumfassende Elend wenigstens zu lindern, welches ein Leben als gesellschaftliche Randgruppe notwendig zu implizieren und zu ergreifen scheint.

Das BSW dürfte mit

FREIHEIT FÜR DAS NEUE LEBEN IN DER ALTEN WELT

koalitionstechnisch auf der sicheren Seite sein, wenn die nicht mehr ganz so neue AfD sich entschlösse

FREIHEIT FÜR EINWANDERUNG IN DAS SOZIALE SYSTEM

zum Wahlkampf-Motto zu erheben und sich nicht dafür zu schämen, damit im Wesentlichen in eigener Sache tätig zu werden, sprich, das Parteiverbotsverfahren abzuwenden, das man sich reichlich verdient hat, weil man sich so einfach nicht benimmt, wenn man im einem der weltweit besten SOZIALEN SYSTEME neu ist und von ihm finanziell hervorragend ausgestattet wird.

Zugestanden sei, dass meine Überlegungen nur dann als Politsatire zu erkennen sind, wenn meine Habermas-Hommage „Kompliment ‚Altparteien (Systemparteien)‘“ zur Kenntnis genommen und kongenial verarbeitet und damit (an)erkannt, wenigstens gebilligt worden ist.

Für alle Fälle: Was Politsatire betrifft, bin ich ein Laie und vornehmlich mitdenkender Konsument.

Oder sollte ich gerade einen Beitrag zur Politischen Bildung der Pädagogik der Demokratie geleistet habe, der der Demokratiepädagogik als Demokratiebildung durchginge, weil DEMOCRATIC EDUCATION nicht jedermann verständlich ist.

Jedenfalls darf man sich fragen, ob ein Lehrer – das „:innen“ bitte immer unaufgefordert und selbstständig mitdenken – vor seine Klasse treten und in einer Unterrichtseinheit zum Kleinen Berliner Wahlkampf 2026 sagen darf, dass sich die AfD ihr Verbotsverfahren reichlich verdient hat. Verstößt ein solcher Satz gegen das Neutralitätsgebot der politischen Bildung in staatlicher Verantwortung oder unterstützt er es? Kommt drauf an, doch dazu ein anderes Mal mehr.

Bis dahin kann ja der eine oder andere Lehrer seine Schüler auffordern, diese Frage in Gruppen- oder Stillarbeit gut unterrichtet zu beantworten. Dabei dürfte sich das antiödipale Prinzip als hilfreich erweisen, das Felix Guattari und Gilles Deleuze in ihren philosophischen Meditationen entfaltet haben, um in ihrer guten Durchmischung von freudianischen und marxistischen Theoriefragmenten die absolut nicht-faschistische, nicht-paternalistische und politisch wie pädagogisch dienstleistende und nicht ausbeutende und instrumentalisierende Kultur zu fördern: dass es nämlich in Wahrheit niemals, weder scheinbare noch wirkliche, Widersprüche, sondern nur Stufen des Humors gibt.

Ist dies nicht ein Prinzip, das sich dadurch aufdrängt, dass es sich zwanglos an die Wahlplakate des Kleinen Berliner Wahlkampfes anzupassen vermag? Kann man sich des Eindrucks erwehren, es sei von ihm ausdrücklich hergestellt, ja, mit ihm erkannt worden, was der Kleine Berliner Wahlkämpfer mit seinem Tun und Sagen immer schon anerkennt?

Doch irgendwann muss echt mal Schluss mit Lustig sein.

Wäre Michel Foucaults (französischer Meisterphilosoph 1926-1984) Überzeugung, dass die Verliebtheit in die Macht den Faschisten auszeichnet, nicht dann missverstanden, wenn man daraus ableitete, es müssten denen nicht machtvoll die Macht verboten werden, die in die Macht verliebt sind und alles vernichten wollen, was sich ihnen dadurch in den Weg stellt, dass es anders ist als sie selbst?

Falls man nun meint, im Kleinen Berliner Wahlkampf 2026 trifft man an jeder Straßenecke auf Plakate, auf denen die Parteien, die sich hinter der sogenannten Brandmauer verschanzt haben, verdeutlichen, welches ihre Argumente für eine AfD-Parteiverbotsverfahren sind oder welche alternative Strategien sie verfolgen, um die Partei, die sich laut Verfassungsschutz zwischen „rechtsextremistischer Verdachtsfall“ und „gesichert rechtsextrem“ bewegt, daran zu hindern, sich in der exekutiven, legislativen und judikativen Gewalt der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu verankern, hat man den Kontakt zur Realität des Kleinen Berliner Wahlkampfes 2026 vollständig verloren.

Philosophisch interessanter und der politischen Bildung nicht weniger bekömmlich wäre allerdings, die Frage parteipolitisch kontrovers zu erörtern, die der paradigmatische us-amerikanische Philosoph John Dewey 1930 gestellt hat, um zu einem zeitgemäßen Begriff von Freiheit, Kultur und Individualismus zu gelangen: „Capitalistic or Public Socialism?“

Wenn man die Debatte anschaut, die in Berlin zur Frage der Sozialisierung des Wohneigentums in Privatbesitz geführt wird, erhält man von Dewey insoweit eine fruchtbare Anregung, als Dewey den Kapitalismus seiner Zeit als einen Sozialismus interpretiert hat, der dem menschenrechtlichen Demokratismus respektive der freiheitlich-demokratischen Lebensform so wenig bekömmlich ist wie das, was heute als real-existierender Sozialismus bezeichnet und nicht der ganz rechten, sondern der ganz linken Seite des politischen Spektrums zugeordnet wird.

In einer solchen Debatte seine deutsche Identität zu verlieren, weil man von einem Amerikaner berührt wird, der sich als liberalistisch-sozialistischer Demokrat verstanden hat und den man dank der vielen Übersetzungen mittlerweile gut auf Deutsch lesen kann, muss wohl nur fürchten, wer nicht erkannt hat, dass der wenigstens faschistoide Neo-Ossi, Ex-Wessi und Thüringer light Björn Höcke eines ganz sicher nicht sicher hat: seine Identität als Deutscher. Andernfalls müsste er nicht so laut schreien und gegen das deutsche Grundgesetz stürmen. Doch will ich hier nicht zum Sozial(arbeits)pädagogen werden.

Kurzum: (Kleiner) Berliner Wahlkampf ist nichts für Spaßbremsen.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert