Kategorie: Gesellschaft

  • Wann endet das Patriarchat?

    Wann endet das Patriarchat?

    Es trifft zu: die ganz überwiegende Zahl der Mächtigen ist männlich. Auch die überwiegende Zahl der Gewalttäter ist männlich, die der Experten, die ins Fernsehen geholt werden, die der bestbezahlten Fußballspieler, die der Professoren aller Fachrichtungen. Es sind Männer, die herrschen, die dominieren, die vorschreiben, wo es langgeht.

    Aber leben wir deshalb unter einer Männerherrschaft, in einem Patriarchat?

    Mächtige und ohnmächtige Männer

    Wechseln wir die Perspektive: die überwiegende Zahl der Männer, wie auch der Frauen, herrscht nicht, ist nicht gewalttätig, sitzt nicht als Experte im Fernsehen, verdient keine Millionen mit Fußballspielen, ist kein Professor und keine Führungskraft. Die meisten Männer haben mit den meisten Frauen gemeinsam, dass ihnen einer, meistens ein Mann, sagt, wo es langgeht.

    Es gibt plausible Gründe, die sich wissenschaftlich belegen lassen, wie es dazu gekommen ist, dass die Machtpositionen heute von Männern besetzt sind. Manche dieser Gründe liegen offen zutage, andere mögen verdeckt sein. Man weiß heute auch schon, wie man diese Gründe beseitigen kann, auf dass mehr Frauen an die Macht gelangen. Das wird nichts daran ändern, dass es nur wenige Mächtige gibt – und dass diese wenigen in ihrem Machtdenken gefangen sind und nach den Prinzipien des Machtstrebens entscheiden und handeln, seien sie Männer oder Frauen.

    Und zweifelsohne gab es einmal ein Patriarchat. Es gab Zeiten, in denen Frauen der Zugang zur Universität versagt war, in denen sie den Mann um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie eine Arbeit annehmen wollten, in denen jeder Mann, der selbst im Job, im Verein, bei der Armee einem anderen untergeordnet war, zu Hause in der Familie zum Ausgleich den Herrscher geben konnte. Das ist noch nicht lange her – aber das ist hierzulande heute nur noch in Resten vorhanden. Und die beseitigt man gerade nicht, indem man die heutige Gesellschaft noch vehementer und immer radikaler als Patriarchat bekämpft. Im Gegenteil.

    Zwei Fehler beim Kampf gegen das Patriarchat

    Die Rede vom Patriarchat, der Kampf gegen die angebliche Männerherrschaft, macht zwei entscheidende Fehler: erstens – die Machtstrukturen werden gar nicht angetastet, sie werden nicht verstanden, nicht analysiert. Man versucht stattdessen, auch Frauen in diesen Strukturen zu etablieren. Mittelfristig wird es vermutlich genug Frauen geben, denen das gelingt, sie erlernen die Taktiken des Machterwerbs, sie richten ihr Leben genau so ein, wie es die Männer tun, die in die Führungspositionen gelangen wollen. Genau besehen ist es völlig unwichtig, ob die Frauenquote irgendwann 50% beträgt, denn der Typus des Machtmenschen hat kein Geschlecht.

    Zweites – der kompromisslose Kampf gegen das vermeintliche Patriarchat macht potentielle Verbündete zu Gegnern. Indem jeder Mann zur Gruppe der Herrschenden gerechnet wird, auch wenn er wie die Frau neben dem Beruf die Kinder und die alten Eltern betreut und versorgt, zudem den Kampf mit dem Vermieter führt und die Gardinenstange repariert, verliert man ihn im Kampf gegen die strukturellen Ungerechtigkeiten der Gesellschaft und riskiert, dass er sich mit denen solidarisiert, deren Herrschaftsposition eigentlich ins Wanken geraten sollte.

    Nur noch Reste

    Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten bereits gewandelt, vom Patriarchat, das Männer allein deshalb besser stellte als Frauen, weil sie eben Männer sind (was sie darüber hinwegtröstete, dass sie sonst trotzdem wenig zu sagen hatten) sind nur noch Reste geblieben. Wenn man da so tut, als sei es noch immer der ungeheure mächtige Gegner, den man radikal bekämpfen muss, provoziert man die Frage: wann soll dieser Kampf denn zu Ende sein? Wenn Zorn und Empörung über die Männer nicht nachlassen mit den Verbesserungen, die doch zweifellos erreicht wurden, sondern immer lauter, immer unerbittlicher werden, je kleiner und schwächer der Gegner wird, dann fragt man sich: werden die, die da kämpfen, je sagen: wir haben unser Ziel erreicht? Aber die Gesellschaft sollte ja friedlicher werden mit dem Niedergang des Patriarchats. Wie soll das dann gelingen?

  • Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt

    Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt

    Alkohol gehört in unserer Kultur fast selbstverständlich dazu. Das Feierabendbier, der Wein zum Essen, der Sekt auf Familienfeiern. Die Grenze zwischen Genuss und Abhängigkeit bleibt dabei lange unsichtbar. Alkoholismus beginnt jedoch nicht erst mit mit dem Griff zur Wodkaflasche am frühen Morgen. Er beginnt viel früher – oft dort, wo niemand hinsieht.

    Filme und Serien können diese Entwicklung sichtbar machen. Die besten von ihnen erzählen nicht nur von Alkoholikern. Sie erzählen von Menschen. Von ihren Hoffnungen, ihren Lügen, ihren Beziehungen und den Folgen ihrer Entscheidungen.

    Hier eine Übersicht meiner Top 10-Alkoholgeschichten in Kino und TV:

    Wenn es kein Happy End mehr gibt: Leaving Las Vegas

    Wer nur einen einzigen Film über Alkoholismus sehen möchte, sollte mit Leaving Las Vegas beginnen.

    Der Film erzählt die Geschichte eines Drehbuchautors, der nach dem Verlust seines Jobs nach Las Vegas reist, um sich zu Tode zu trinken. Das Besondere daran: Der Film interessiert sich nicht für spektakuläre Entzugsszenen oder moralische Botschaften. Er zeigt die völlige Kapitulation vor der Sucht.

    Viele Werke erzählen davon, wie Menschen den Kampf gegen ihre Abhängigkeit gewinnen. Leaving Las Vegas zeigt das Gegenteil – und deshalb wirkt die Geschichte so erschütternd. Wer verstehen möchte, welche Macht Alkohol über einen Menschen gewinnen kann, findet hier eine schonungslose Antwort.

    Der Klassiker, der seiner Zeit voraus war

    Bereits 1945 erschien mit The Lost Weekend ein Film, der erstaunlich modern anmutet.

    Damals dominierten in Hollywood noch klare Helden- und Schurkenbilder. Alkoholiker galten häufig als willensschwach oder moralisch gescheitert. The Lost Weekend brach mit diesem Bild und zeigte Alkoholismus als zerstörerische Krankheit.

    Viele Mechanismen, die Suchtexperten heute beschreiben, finden sich bereits hier: Verdrängung, Selbstbetrug, Ausreden und der verzweifelte Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen.

    Der Film ist inzwischen über achtzig Jahre alt – seine Botschaft dagegen zeitlos.

    Zwischen Selbstzerstörung und Poesie: Barfly

    Kaum ein Film ist so eng mit dem Mythos des trinkenden Schriftstellers verbunden wie Barfly aus dem Jahr 1987. Die Vorlage stammt von Charles Bukowski, der auch das Drehbuch schrieb und dabei zahlreiche eigene Erfahrungen verarbeitete. Im Mittelpunkt steht Henry Chinaski, gespielt von Mickey Rourke, ein arbeitsloser Dichter, der seine Tage zwischen schäbigen Bars, Schlägereien und durchzechten Nächten totschlägt.

    Anders als viele Alkoholismus-Dramen erzählt Barfly keine klassische Absturzgeschichte. Der Film romantisiert seinen Protagonisten zwar stellenweise, zeigt aber gleichzeitig die Trostlosigkeit eines Lebens, das sich fast ausschließlich um den nächsten Drink dreht. Dieser Widerspruch macht den Film bis heute faszinierend: Er bewegt sich ständig zwischen Verklärung und Ernüchterung, zwischen Freiheit und Gefangenschaft.

    Wer verstehen möchte, warum Alkohol in Literatur, Film und Popkultur so oft mit Kreativität, Rebellion oder Genialität verbunden wird, findet in Barfly ein aufschlussreiches Zeitdokument. Gleichzeitig wird deutlich, wie schmal die Grenze zwischen dem romantischen Mythos des „saufenden Künstlers“ und der bitteren Realität einer Suchterkrankung tatsächlich ist. Barfly gehört zu den interessantesten – und kontroversesten – Filmen über Alkoholismus.

    Die Familie trinkt mit

    Für Angehörige sind oft andere Filme besonders wertvoll.

    Days of Wine and Roses und When a Man Loves a Woman zeigen in beklemmender Weise, dass Alkoholismus selten nur den Trinker betrifft. Partner, Kinder und Freunde werden häufig Teil eines Systems aus Vertuschung, Entschuldigungen und Hoffnungen auf Besserung.

    Die Verwandten und Freunde erkennen sich in diesen Geschichten oft schneller wieder als die Erkrankten selbst.

    Die Frage lautet dann nicht mehr nur: „Warum hört er nicht auf?“

    Sondern: „Warum mute ich mir eigentlich zu?“

    Damit berühren diese Filme ein Thema, das in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kommt: Co-Abhängigkeit.

    Euphorie und Absturz: Der Rausch

    Der dänische Film Der Rausch (Another Round) beginnt mit einer ebenso verrückten wie faszinierenden Idee: Vier Lehrer testen die Theorie, dass Menschen mit einem dauerhaft leicht erhöhten Alkoholpegel leistungsfähiger und glücklicher seien als ihre nüchternen Zeitgenossen. Tatsächlich scheint das Experiment zunächst zu funktionieren. Die Männer werden lockerer, selbstbewusster und lebensfroher.

    Doch der Film wäre nicht so brillant, wenn er bei dieser Botschaft stehen bliebe. Je weiter das Experiment eskaliert, desto deutlicher werden die Risiken. Aus kontrolliertem Konsum wird Gewohnheit, aus Gewohnheit Abhängigkeit. Mads Mikkelsen spielt diesen schleichenden Wandel mit beeindruckender Präzision. Der Rausch ist weder Alkohol-Verherrlichung noch Absturzdrama. Die Ambivalenz macht den Film sehenswert. Die Handlung macht klar, wie eng Lebensfreude und Selbsttäuschung beieinanderliegen: Wo endet Genuss, wo beginnt die Sucht? Und wie oft belügen wir uns selbst bei der Antwort auf diese Frage?

    Die beste Serie über Selbstzerstörung ist ein Zeichentrick

    Auf den ersten Blick wirkt BoJack Horseman wie eine absurde Animationsserie über ein ehemaliges TV-Pferd.

    Wer dranbleibt, entdeckt jedoch eine der intelligentesten und schmerzhaftesten Auseinandersetzungen mit Sucht, Depression und Selbsthass, die das Fernsehen hervorgebracht hat.

    BoJack trinkt nicht einfach zu viel. Er sabotiert Beziehungen, stößt Menschen von sich weg und findet immer neue Gründe, die Verantwortung für sein Leben nicht übernehmen zu müssen.

    Die Serie zeigt dabei etwas Entscheidendes: Alkoholismus ist nicht immer die Ursache aller Probleme – sondern der Versuch, mit ihnen fertigzuwerden.

    Alkohol als gesellschaftliche Normalität

    Nicht jede Serie über Alkoholismus handelt ausschließlich von Alkoholismus.: beispielsweise Mad Men.

    In der Welt der New Yorker Werbeagenturen der 1960er Jahre wird ständig getrunken. Im Büro, beim Mittagessen, auf Geschäftsreisen und zu Hause. Niemand stellt das infrage.

    Heute wirkt vieles davon beinahe schockierend. Genau darin liegt die Stärke der Serie. Sie macht sichtbar, wie sehr gesellschaftliche Normen beeinflussen, was wir als problematisch wahrnehmen.

    Don Draper ist kein klassischer Alkoholiker im Filmklischee. Er ist erfolgreich, attraktiv und beruflich angesehen. Dennoch wird zunehmend deutlich, wie stark sein Alkoholkonsum mit seinen inneren Konflikten verbunden ist.

    Tragikomödie mit bitterem Kern: Shameless

    Bei oberflächlicher Betrachtung ist Shameless bloß eine weitere Familien-Dramedy, wie sie zuhauf in Hollywood produziert werden. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem oft anarchischen Humor eine der eindringlichsten Darstellungen von Alkoholismus im Serienformat.

    Im Mittelpunkt steht Frank Gallagher, ein Vater, dessen Alkoholsucht das Leben seiner gesamten Umgebung prägt. Frank ist mal witzig, mal erschreckend, mal bemitleidenswert – und häufig alles zugleich. Die Serie zeigt, wie Kinder gezwungen werden, Verantwortung für Erwachsene zu übernehmen, und wie Sucht über Generationen hinweg ihre Spuren hinterlassen kann.

    Weil Shameless seine Figuren nie auf ihre Fehler reduziert, wirkt die Serie so authentisch. Hinter jedem Lacher lauert die Erkenntnis, dass Alkoholismus nicht nur den Betroffenen zerstört, sondern seine ganze Familie in Mitleidenschaft zieht.

    Selbsthilfe mit Humor: Loudermilk

    Wer bei dem Thema ausschließlich düstere Dramen erwartet, sollte Loudermilk eine Chance geben. Die Serie erzählt von Sam Loudermilk, einem trockenen Alkoholiker und ehemaligen Musikjournalisten, der eine Selbsthilfegruppe leitet und dabei jeden mit seiner gnadenlosen Ehrlichkeit vor den Kopf stößt.

    Was zunächst wie eine Situationskomödie wirkt, entwickelt sich schnell zu einer überraschend warmherzigen Geschichte über Rückfälle, Selbstvergebung und den schwierigen Alltag nach der Sucht. Denn Loudermilk zeigt etwas, das viele andere Filme und Serien ausblenden: Der eigentliche Kampf beginnt erst nach dem Entzug.

    Mit viel Humor, aber ohne die Realität zu beschönigen, erzählt die Serie davon, wie Menschen versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

    Eine Serie für alle, die Hoffnung suchen

    Während viele Werke vor allem den Absturz zeigen, verfolgt die Sitcom Mom einen anderen Ansatz.

    Hier stehen Menschen im Mittelpunkt, die versuchen, nüchtern zu bleiben. Rückfälle, Selbsthilfegruppen, Schuldgefühle und Versöhnungen gehören zum Alltag der Figuren.

    Trotz aller ernsten Themen verliert die Serie nie ihren Humor.

    Sie zeigt, dass ein Leben nach der Sucht möglich ist – ohne die Schwierigkeiten des steinigen Weges zu beschönigen.

    Was diese Geschichten erzählen

    Kein Film ersetzt eine Therapie. Keine Serie heilt eine Suchterkrankung.

    Aber gute Geschichten können Verständnis schaffen. Sie „erzählen“, wie sich Alkoholismus anfühlt – für die Betroffenen ebenso wie für deren Angehörige.

    Sie machen sichtbar, was im Alltag oft verborgen bleibt.

    Und sie helfen, das Thema !Alkoholismus“ einem breiten Publikum näherzubringen.

    Auf einen Blick: Alkoholismus in Film & Serie

    Filme
    (1) Leaving Las Vegas (USA, 1995)
    (2) The Lost Weekend (USA, 1945)
    (3) Under the Volcano (USA/Mexiko, 1984)
    (4) Days of wine and roses (USA, 1962)
    (5) Ironweed (USA, 1987)
    (6) Another round/ Der Rausch (Dänemark, 2020)
    (7) Flight (USA, 2012)
    (8) Clean and sober (USA, 1988)
    (9) When a man loves a woman (USA, 1994)
    (10) Barfly (USA, 1987)
    (11) Smashed (USA, 2012)
    (12) Crazy Heart (USA, 2009)

    Aus deutscher Produktion
    (13) Der Trinker (1995, Harald Juhnkes letzte Rolle)
    (14) Dunkle Tage (1999, Suzanne von Borsody als Sekretärin, die nach dem frühen Tod ihres Ehemanns dem Alkohol verfällt)
    (15) Rückfälle (1977, sehr eindrücklich gespielt von Günter Lamprecht)

    Serien
    (1) Mad Men (USA, 2007-15)
    (2) BoJack Horseman (USA, 2014-20)
    (3) Shameless (US-Version: USA, 2011-21)
    (4) Patrick Melrose (UK/USA: 2018)
    (5) Mom (USA, 2013-21)
    (6) Loudermilk (USA, 2017-19)
    (7) The Wire (USA, 2002-08)
    (8) Rescue Me (USA, 2004-11)
    (9) The Queen’s Gambit (USA, 2020)
    (10) Californication (USA, 2007-14)

    +++

    Lesen Sie auch: Weshalb trinken wir? 
    Rilke 150. Geburtstag
    Was ist ein Rausch? Gibt es ein Grundrecht, sich in den Orbit zu katapultieren? Ist Alkohol eine harte Droge? Gesoffen-wird-immer-Kolumne von Henning Hirsch. (19. Nov. 2025)

  • Ostermontag – Hinaus aus der Stadt

    Ostermontag – Hinaus aus der Stadt

    Zufällig ist in den letzten Tagen eine kleine Feiertagsserie bei den Kolumnisten entstanden, begonnen hat Chris Kaiser am Palmsonntag, Gründonnerstag hat Matthias von Schramm übernommen, gefolgt von Ulf Kubanke am Karfreitag. Gestern war am Ostersonntag Chris Kaiser noch einmal dran, und diese Ostermontagskolumne bildet nun den Schluss.

    Ich bin an einem Ostermontag geboren worden. Allerdings war das für mich nichts Besonderes, denn in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, wurde der Ostermontag als gesetzlicher Feiertag bald nach meiner Geburt abgeschafft – was allerdings nichts damit zu tun hat, dass meine Geburt auf diesen Tag fiel. Es ist eigentlich erstaunlich, dass ich immer gewusst habe, dass ich an diesem zweiten österlichen Feiertag das Licht der Welt erblickt habe, denn einerseits, wie man weiß, ist so ein Geburtstag im ersten Frühlingsmonat keineswegs jeder Jahr in Feiertagsnähe und andererseits bin ich in einem sehr atheistischen Land in einer sehr atheistischen Familie zu einem sehr atheistischen Menschen herangewachsen, der mit Ostern keinerlei religiöse Gefühle verband und der den Ostermontag deshalb auch nicht vermisst hat.

    Nachdenken über Religion

    Wann ich angefangen habe, mich mit den christlichen Feiertagen und den Geschichten, die mit ihnen verbunden sind, zu beschäftigen, weiß ich nicht mehr. So richtig erwacht ist mein religiöses Interesse erst mit meinem Philosophiestudium, bei der Beschäftigung mit der Religionsphilosophie. Ich begann, darüber zu spekulieren, wie man sich einen Gott überhaupt denken kann, wie ein Gott mit unserem Erleben der Welt zusammenpassen könnte. Eine Beschäftigung, die schließlich darin mündete, dass ich das Buch „Der plausible Gott“ geschrieben habe, und die zunächst natürlich nichts mit den christlichen Feiertagen zu tun hatte. Allerdings passte in meine Überlegungen sehr gut, dass Autoren – nicht nur die der Bibel, aber auch die – von einem göttlichen Geist inspiriert sein könnten, und dass das erklären könnte, warum manche Geschichten, eben auch die der Bibel, uns über einen Zeitraum von Jahrtausenden immer noch „etwas sagen“ können.

    Was an den biblischen Texten ja so erstaunlich ist, sind diese Geschichten, die mit bestimmten Tagen im Jahr verbunden sind und die jedes Jahr wieder dazu einladen, über existenzielle Aspekte des menschlichen Lebens nachzudenken. Ostermontag ist da keine Ausnahme, auch wenn das Geschehen dieses Tages, welches da gefeiert wird, den meisten Menschen nicht so präsent ist wie die Ereignisse in der Heiligen Nacht, am Karfreitag oder gar am Ostersonntag.

    Was geschah an diesem Montag nach der Auferstehung?

    Zwei der Jünger Jesu hatten Jerusalem, den Ort des Leidens und der Niederlage, verlassen und waren voller Trauer auf dem Weg. Zwar wussten sie schon, dass das Grab leer war und dass die Frauen erzählt hatten, Jesus sei ihnen erschienen, aber offenbar glaubten sie es nicht. Ein Fremder schloss sich ihnen an und fragte nach dem Grund ihrer Traurigkeit. Sie waren irritiert, dass er offenbar über die Ereignisse der letzten Tage in Jerusalem nichts wusste und erzählten ihm, was geschehen war. Er, natürlich war es der auferstandene Jesus, den sie nicht erkannten, erklärte ihnen, warum der Menschensohn dieses ganze Leid ertragen musste.

    Im nächsten Ort luden die beiden den Fremden zum Essen ein, und als er das Brot brach, erkannten sie Jesus plötzlich, der aber im gleichen Moment verschwand. Sie eilten nach Jerusalem zurück und erzählten den anderen Jüngern von ihrer Begegnung mit Jesus.

    Diese Ostermontagsgeschichte ist, wie viele anderen Geschichten der Bibel, ein Geschehen, das symbolisch steht für vieles, was uns Menschen charakterisiert, hier für unseren zweifelnden und blinden Umgang mit der Realität. Was andere erzählen, glauben wir schon mal nicht, wenn wir es für unglaublich halten, selbst wenn diese Leute gute Freunde sind und eigentlich vertrauenswürdig. Und wenn wir in unseren Überzeugungen auch emotional tief gefangen sind, dann erkennen wir die Wirklichkeit nicht, auch wenn sie uns vor Augen steht.

    Vor allem aber ist an der Ostermontagsgeschichte bedenkenswert, in welchem Moment die Wahrheit dann doch offenbar wird: nicht Worte und lange, beeindruckende Erklärungen überzeugen, sondern die einfache, sichtbare, physische Handlung, das Brechen des Brotes – daran erkennen sie ihren Freund und das macht ihnen schlagartig sichtbar, dass er es ist.

    Osterspaziergang

    Darüber kann man heute beim Osterspaziergang sinnieren, und es heißt, dass der Osterspaziergang überhaupt an diese Wanderung der beiden Jünger am Ostermontag erinnern soll. Pass auf, liebe Leserin, wem du heute begegnest, achte auf seine Worte, aber vor allem auf seine Hände, auf das, was er tut – vielleicht erkennst du jemanden, auf den du nicht mehr gehofft hast. Heute oder an einem anderen Tag.

  • Rechts-konservative und Links-progressive Moral

    Rechts-konservative und Links-progressive Moral

    Das politische Spektrum wird heute gern zwischen Links und Konservativ aufgespannt, was komisch klingt, weil das Gegenstück zu Links eigentlich Rechts wäre. Komischerweise will aber keiner Rechts sein. Das Gegenteil zu Konservativ wäre, wenn Konservativ etwas mit „Bewahren und Erhalten“ zu tun hat, vielleicht „Progressiv“, jedenfalls irgendwas mit Veränderung.

    Fortschreiten und Festhalten

    Progressiv klingt toll, wer will nicht progressiv sein, fortschrittlich und der Zukunft zugewandt. Seit Jahrhunderten denkt man sich, dass Veränderung und Entwicklung etwas Gutes ist und jeder will dabei sein. Natürlich sind auch die Konservativen oft sehr progressiv, sie befeuern den technischen Fortschritt und die Globalisierung und die weltweite Modernisierung und da ist dann die Frage, ob die Progressiven, die die Linken sein wollen, eigentlich auch diesem Fortschritt so begeistert folgen.

    Also konzentrieren wir uns lieber auf die gesellschaftlichen und die kulturellen Dinge, da ist die Sache auf den ersten Blick einfacher: Die Progressiven, die sich dann meist auch als Linke bezeichneten, wobei viele natürlich auch beanspruchen, eigentlich Mitte sein zu wollen, die meinen, dass die Welt sich ändern muss, dass die Gesellschaft eine andere werden muss, dass sich unser Umgang miteinander und der mit der Natur ändern muss, dass kulturelle und moralische Normen sich ändern müssen.

    Die Konservativen, die aus unerfindlichen Gründen nicht rechts, sondern Mitte sein wollen, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist, sie sehen keine Notwendigkeit der Änderung, weil eigentlich alles in Ordung ist, die Gesellschaft, die Moral, die Kultur.

    In einer Gesellschaft, die sich nunmal aber ohnehin immer verändert, wollen die Konservativen allerdings nicht, dass alles bleibt, wie es ist, sondern dass es wieder so wird, wie es mal war. In der Unzufriedenheit mit der Gegenwart sind sich Konservative und Progressive sogar einig, den Progressiven gehen die Veränderungen nicht weit genug, die Konservativen wollen alle Veränderungen rückgängig machen. Die Konservativen haben den Progressiven gegenüber den Vorteil, dass sie meinen, ihr Ideal zu kennen, sie können sich dran erinnern. Die Progressiven hingegen haben nur das Ideal, die Vision, eine Vorstellung von einer besseren Welt. Ob die wirklich besser wäre, ist ungewiss.

    Aber die Konservativen täuschen sich natürlich auch, denn auch ihre Erinnerung ist ja ein Ideal, eine Idealisierung. Sie wollen oft zu etwas zurück, was es nie gab. Vermutlich wollen die Progressiven hingegen etwas schaffen, was es nie geben wird. Eigentlich wollen beide die Welt verändern, beide natürlich zum Besseren und beide in Richtung eines vermutlich unerreichbaren Ideals.

    Der Unterschied ist, dass die Konservativen meinen, dass die Welt schon mal gut war, sie benötigen deshalb keine neuen Normen, keine neue Moral, sie meinen, dass ihre Moral, die sie ja aus der Vergangenheit übernommen haben, schon völlig in Ordnung sei. Die Progressiven hingegen finden, dass die Welt bisher eigentlich immer schlecht war, dass die bisherige Moral dazu geführt hat, dass die Welt noch immer schlecht ist, und dass es deshalb eine neue Moral braucht.

    Wo ist die Heimat der Moralapostel?

    Chris Kaiser war in ihrer Kolumne vor gut einer Woche irritiert davon, dass ich kurz zuvor geschrieben hatte, im linken, progressiven Spektrum würde man erwarten, dass Politiker moralische Vorbilder seien. Sie vertrat die Meinung, die Heimat der Moralapostel sei doch eher der konservative Teil der Gesellschaft. Das mag ja sein, genauer, Moralapostel sind wohl hier wie dort unterwegs, man unterscheidet sich nur darin, was man für moralisch gut hält. Die Konservativen haben eben eine konservative Moral, die progressiven eine progressive. Wobei nicht ausgemacht ist, welche von beiden dem Einzelnen die größere Freiheit gewährt, denn offensichtlich schränkt jede Moral die Freiheit auf irgendeine Weise ein.

    Mein Punkt war aber ein anderer, und der wird aus dem oben Gesagten nun auch verständlich: Die Konservativen sind ja der Meinung, dass sie die richtige Moral schon haben, einschließlich aller Freiheiten, etwa des ungezügelten Fleischkonsums, des zu schnellen Autofahrens. Sie brauchen und wollen keine Politiker, die besser sind als sie selbst. Alles, was sie sich selbst erlauben, gestatten sie natürlich auch den Politikern, dass er so sei wie sie selbst und so, wie auch die früheren schon waren, ist ihnen Garant dafür, dass er auch die Welt, die Kultur und die Moral so lässt, wie sie ist, oder so wieder herstellen will, wie sie mal war.

    Die Progressiven aber brauchen eben Vorbilder, sie brauchen den besseren Menschen an der Spitze, in der Öffentlichkeit – und möglichst nicht nur an der Spitze der eigenen progressiven Bewegung, sondern, so die Idee, sie wollen, dass alle Politiker und jeder, der irgendwie die Öffentlichkeit moralisch beeinflussen könnte, die Moral der Zukunft verkörpert. Das aber ist in einer Demokratie zu viel verlangt. Mögen die Progressiven an ihr eigenes politisches Personal die Anforderung stellen, dass sie Vertreter der angestrebten zukünftigen Moral seien, den Konservativen aber müssen sie es lassen, dass deren Politiker eben auch die Moral der Vergangenheit vertreten – auch wenn sie noch jung sind. Denn auch Junge können konservativ sein.

  • Wenn Angst nach Härte verlangt

    Wenn Angst nach Härte verlangt

    Aus der Serie: Die besten Bücher sind die, die man sich selbst zum Geburtstag schenkt.

    Wenn ich sage, Trumps Verbot von kritischer Literatur, das ist ja wie die Bücherverbrennung, unterstelle ich dann womöglich, dass da demnächst so etwas wie die Endlösung passiert? Natürlich nicht. Und deshalb scheint mir, dass wir auf einer übergeordneten, abstrakteren Ebene nach Definitionen des neuen Faschismus suchen müssen, die sowohl für vergangene aber auch gegenwärtige Mobilisierungen greifen.
    © Eva v. Redecker (im Interview mit ttt, 15.03.2026)

    Die Härte, die wir meinen, wenn wir „Realität“ sagen

    Es ist ein vertrautes Gefühl dieser Gegenwart:
    Dass irgendetwas verteidigt werden muss.

    Die eigene Wohnung.
    Der eigene Lebensstandard.
    Das „Eigene“ überhaupt.

    Und je diffuser die Bedrohung, desto entschlossener der Ton. Genau hier setzt Eva von Redecker an. Ihr neues Buch ist kein Beitrag zur historischen Einordnung des Faschismus. Es ist ein Versuch, die Stimmung zu fassen, die ihn heute wieder denkbar macht.

    Der Titel ist dabei fast zu harmlos. Dieser Drang nach Härte klingt wie eine Charaktereigenschaft. Was Redecker beschreibt, ist jedoch ein hochproblematischer gesellschaftlicher Aggregatzustand.

    Besitz ohne Boden

    Der schärfste und originellste Begriff des Buches ist der des Phantombesitzes.

    Gemeint ist damit nicht einfach Eigentum. Sondern etwas viel Instabileres:
    ein Anspruch, der sich absolut setzt, obwohl seine Grundlage längst brüchig ist.

    Redecker beschreibt – sinngemäß – eine Welt, in der Menschen so tun, als sei ihr Besitz unantastbar, obwohl alles darauf hinweist, dass er es nicht ist: ökologisch, ökonomisch, politisch. Der Lebensstil der Gegenwart basiert auf Voraussetzungen, die er gleichzeitig zerstört.

    Und genau daraus entsteht diese eigentümliche Härte.

    Denn was keinen festen Boden mehr hat, muss umso aggressiver verteidigt werden.
    Phantombesitz ist Besitz im Alarmzustand.

    Das zeigt sich konkret:

    • im Beharren darauf, dass Ressourcen „uns zustehen“, obwohl sie global längst umkämpft sind
    • im Widerstand gegen Klimapolitik, die als Enteignung empfunden wird
    • in der Vorstellung, Grenzen könnten den eigenen Wohlstand einfach konservieren.

    Der Clou besteht darin: Dieser Besitz ist nicht weniger verteidigungswert, weil er illusionär ist. Im Gegenteil. Gerade weil er nicht gesichert ist, wird er mit umso größerer Vehemenz behauptet.

    Härte als Antwort auf Kontrollverlust

    Redeckers Diagnose ist unangenehm präzise:
    Die neue Härte entsteht nicht trotz, sondern wegen der offensichtlichen Krisen.

    Die Welt zeigt ihre Grenzen – ökologisch, politisch, sozial. Und die Reaktion darauf ist nicht Anpassung, sondern Verhärtung.

    Sinngemäß formuliert sie:
    Die Realität wird nicht anerkannt, sondern als Zumutung zurückgewiesen.

    Das lässt sich derzeit überall beobachten:

    • Wenn Klimamaßnahmen als „Bevormundung“ gelten
    • wenn Migration primär als Störung gedacht wird
    • wenn politische Kompromisse als Schwäche erscheinen.

    Härte wird so zur Ersatzhandlung.
    Sie stellt eine scheinbare Kontrolle her, die real längst verloren gegangen ist.

    Oder anders gesagt:
    Der Homo autoritarius besteht auf Unnachgiebigkeit, weil er spürt, dass er nichts mehr sicher in der eigenen Hand hält.

    Der neue Faschismus kommt ohne Pathos aus

    Wer den heutigen Faschismus nur am Maßstab der NS-Zeit misst, verpasst seine neue Gestalt – und damit die Chance, ihn rechtzeitig zu erkennen.
    (c) Henriette Hufgard : Wer staunt, begeht den ersten Fehler. Rezension zu „Dieser Drang nach Härte“. In: taz vom 14.03.2026

    Redecker verwendet den Begriff des Faschismus bewusst – und riskiert damit Widerspruch. Zu Recht. Aber sie nutzt ihn nicht historisierend, sondern strukturell.

    Es geht ihr nicht um eine 1-zu-1 Wiederkehr von Hitlers Nationalsozialismus oder Mussolinis Faschismus. Sondern um etwas Unauffälligeres.

    Der neue Faschismus, den sie beschreibt, trägt keine Uniform.
    Er organisiert sich nicht notwendig in Massenparteien.
    Er braucht nicht einmal ein geschlossenes Weltbild.

    Was er braucht, ist bloß diese Haltung:
    dass das Eigene absolut gilt und alles andere relativ ist.

    Ein Beispiel, das Redecker indirekt aufruft, ist der Umgang mit Grenzen.
    Nicht mehr Expansion steht im Vordergrund, sondern radikale Abschottung. Die Gewalt verlagert sich:

    • in Verfahren,
    • in Zuständigkeiten
    • in das  bewusste Wegsehen.

    Menschen sterben dann nicht, weil jemand sie aktiv verfolgt, sondern weil man entschieden hat, dass ihr Leben nicht mehr in den Ordnungsrahmen der Mehrheitsbevölkerung passt.

    Das ist eine kühlere, leisere Form von Härte. Aber keineswegs eine harmlosere.

    Affekte: Die Moral der Gekränkten

    Was das Buch besonders stark macht, ist sein Gespür für die affektive Dimension.

    Redecker beschreibt keine Ideologie im engeren Sinne, sondern eine Gefühlslage:

    • das Gefühl, zu kurz zu kommen
    • die Überzeugung, dass andere bevorzugt werden
    • die stille Wut darüber, dass die Welt sich verändert.

    Daraus entsteht eine Logik, die sich ungefähr so zusammenfassen lässt:
    Wenn ich schon verliere, dann soll wenigstens die Ordnung hart bleiben.

    Oder schärfer:
    Dann sollen wenigstens die anderen es auch schwer haben.

    Das ist kein Zynismus von außen, sondern eine präzise Beschreibung einer Haltung, die politisch enorm wirksam ist. Sie erklärt, warum Härte oft gerade dort gefordert wird, wo sie den Fordernden objektiv schadet.

    Die Verwechslung von Freiheit und Verfügung

    Ein wiederkehrendes Motiv bei Redecker ist die Kritik an einem bestimmten Freiheitsbegriff.

    Freiheit erscheint in der von ihr beschriebenen Gegenwart oft als:
    die Möglichkeit, über etwas zu verfügen, ohne Rücksicht auf andere.

    Genau das aber wird im Zustand des Phantombesitzes zur Falle. Denn diese Form von Freiheit lässt sich nur aufrechterhalten, wenn man ständig Grenzen zieht und verteidigt.

    Die Alternative, die Redecker andeutet, bleibt bewusst leiser.
    Sie spricht von Verbundenheit, von Abhängigkeit, von einem Leben, das nicht auf Kontrolle basiert.

    Man kann das pathetisch finden. Oder notwendig.

    Ein Buch gegen die Selbstverständlichkeit der Verhärtung

    Was dieses Buch so lesenswert macht, ist nicht, dass es alles erklärt.
    Sondern dass es etwas verschiebt.

    Nach der Lektüre wirken viele Debatten plötzlich anders:

    • die Schärfe in Migrationsfragen
    • die Aggression in Klimadebatten
    • die merkwürdige Lust an Strenge und Ordnung.

    All das erscheint nicht mehr als Sammlung einzelner Konflikte, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen Musters.

    Und dieses Muster hat einen Kern:
    den Versuch, etwas festzuhalten, das sich nicht mehr festhalten lässt.

    Was nach der Lektüre bleibt

    „Dieser Drang nach Härte“ ist ein unbequemes Buch.
    Nicht, weil es marktschreierisch daherkommt, sondern weil es kühl analysiert:

    Dass die Härte, die wir so gern bei anderen verorten,
    möglicherweise auch uns selbst bereits mehr, als uns lieb ist, ergriffen hat.

    Der Begriff des Phantombesitzes bringt das auf den Punkt.
    Er beschreibt eine Gesellschaft, die verteidigt, was sie nicht mehr begründen kann –
    und gerade deshalb nicht damit aufhört.

    Man kann Redecker vorwerfen, dass sie vieles nur anreißt.
    Dass ihre Begriffe und Zustandsbeschreibungen offen bleiben, sie häufig bloß an der Oberfläche kratzt, statt wissenschaftlich erxakt zu erklären.
    Dass ihre Gegenentwürfe vage sind.

    Aber vielleicht liegt genau darin die Stärke dieses Buches.

    Es liefert keine fertige Theorie.
    Es konfrontiert uns stattdessen mit einer Irritation.
    +++

    Eva von Redecker
    Dieser Drang nach Härte: Über den neuen Faschismus
    S. Fischer Verlage
    272 Seiten (Print)
    Erschienen: März 2026
    ISBN: 978-3103977240
    +++

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    Tech-Lords

  • Habermas-Bashing: Faul, dumm und stolz darauf

    Habermas-Bashing: Faul, dumm und stolz darauf

    Selten zeigte sich die Dummheit im Netz so selbstbewusst wie an diesem Montag, an dem die Zeitungen voll waren von Nachrufen auf Jürgen Habermas und von Analysen seiner Bedeutung für die öffentlichen Debatten der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten. Auf die ausführlichen Würdigungen folgten bald tausende Postings von diesem und von jenem, die zum Besten gaben, dass sie ja niemals ein Wort von dem, was Habermas geschrieben hat, verstanden haben, und die sich sicher gaben, dass auch sonst niemand den Habermas, wie auch den Adorno und den Heidegger je verstanden habe, weil da ja auch gar nichts zu verstehen sei, weil das ja alles nur Gefasel, Geschwätz, verdrehtes Geschwurbel sei.

    Was ich nicht verstehe, muss unverständlich sein

    Es war wirklich erstaunlich, mit welcher Selbstgewissheit da Leute, die vorgaben, selbst Sozialwissenschaften, Politik oder ähnliches studiert zu haben, damit prahlten, dass sie nichts von dem, was sie da im Studium von diesen Leuten lesen mussten, je verstanden haben. Natürlich ist es nicht so selten, dass Studenten nicht wirklich verstehen, was sie als Prüfungsstoff doch pauken und dann im richtigen Moment herbeten und aufsagen können müssen. Auch Mathematik- und Physikstudenten kennen dieses Problem: sie pauken irgendwelche Sätze, lernen auswendig, wie sie die zusammenbringen sollen, trainieren einen Formalismus des Aufeinanderfolgens irgendwelcher Sätze und sind froh, wenn drei Wochen nach der Prüfung niemand mehr danach fragt. Aber keiner von ihnen wird später mit seinem Nichtwissen prahlen – allenfalls damit, trotzdem die Prüfung bestanden zu haben. Jedem ist klar, dass es nicht an Newton, Einstein, Bohr oder Heisenberg liegt, dass sie die Theorie nicht verstehen, sondern an ihnen selbst.

    Von einem Geisteswissenschaftler aber verlangen die Studierenden, dass er ihnen die Theorie in leichter Sprache serviert. Und sie meinen, dass diese Light-Version dann tatsächlich das Gleiche ist wie das, was Denker wie Kant, Hegel, Heidegger oder Habermas in ihren Hauptwerken entwickelt haben. Bestärkt werden sie darin von Karl Popper, der sich zwar auch immer beklagt hat, dass die, die ihm widersprochen haben, ihn bloß nicht verstehen, der aber in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ in schön einfachen Sätzen den Faulenzern und Ignoranten die Ausreden geliefert hat: Alles müsse man eben auch einfach ausdrücken können. Eine Meinung, die der junge Wittgenstein bekanntlich auch vertreten hatte, und für die er genauso geliebt wird von denen, die zu faul sind, komplexe Zusammenhänge und Theorieentwicklungen nachzuvollziehen, und die natürlich gern ignorieren, dass Wittgenstein das später beharrlich revidiert hat.

    Es ist anstrengend

    Aber die Dinge sind nun mal nicht einfach, schon gar nicht so simpel, wie ein Karl Popper es sich gedacht hat, und sie sind vor allem nicht einfach zu formulieren in einer Sprache, die mit Vorurteilen und missverständlichen Begriffen durchsetzt ist. Physiker, Chemiker und Mathematiker haben ja bekanntlich den Vorteil, dass sie sich einfach eine neue Sprache erfinden können, mit klaren Bedeutungen und Definitionen – Geisteswissenschaftler müssen nun mal eine Sprache benutzen, die auf Anhieb so aussieht wie die Alltagssprache, sie müssen an die Bedeutungen der Wörter anschließen, die die in dieser Alltagssprache haben, müssen Sätze hinschreiben, die die unpräzise und intuitive Logik des Alltags in sich tragen und müssen mit denen die komplexe Logik ihrer Gegenstände entwickeln, beschreiben und zu fassen kriegen.

    Das ist anstrengende Arbeit, und das Ergebnis kann man nur verstehen, wenn man sich selbst anstrengt, wenn man sich auf das einlässt, was der Denker da entwirft, wenn man seinen Denkweg mitgeht. Aber das ist offenbar zu viel verlangt von vielen, die meinen, dass man ihnen die Welt in verdaulichen, einfach handhabbaren Häppchen zu präsentieren habe. Das Schlimme ist, dass diese Leute inzwischen in den Lehranstalten selbst zu Lehrern geworden sind. Sie schreiben ihren Studenten die einfachen Merksätze hin – mehr noch, sie präsentieren der Öffentlichkeit gleiches in Sachbüchern, in Radio-Interviews, in Talkshows und Vorträgen. So entsteht der Eindruck, dass die Welt wirklich so einfach wäre, dass es keiner Anstrengung bedürfte, sie zu verstehen. Und wenn man sie doch nicht versteht, dann hat man ja die Experten, die einem alles „einordnen“ wie das neue Zauberwort der öffentlichen Debatte heißt, in denen die bescheidwissenden Experten dem schaudernden Publikum Bescheid geben, das verkünden, was sie wissen müssen, um das zu tun, was die Experten als das notwendige erkannt haben.

    Und dazu gehört natürlich das abfällige Lästern über die großen Denker, die nun zum Glück alle tot sind, die es sich selbst nicht leicht gemacht haben und die es ihren Lesern und Zuhörern nicht leicht machen konnten. Ihnen unterstellt man nun, dass sie sich ja nur so kompliziert ausgedrückt haben, um klug dazustehen und die anderen dumm dastehen zu lassen. Es ist genau umgekehrt: Sie haben gezeigt, wie schwierig alles ist und dass man es nur halbwegs durchschauen kann, wenn man die Anstrengung nicht scheut. Heute stehen die dumm da, die meinen, alles sei einfach – uns sie merken es nicht.

  • Für wen ich schreibe

    Für wen ich schreibe

    Seitdem ich publizistisch arbeite, muss ich mir von irgendjemandem Vorwürfe machen lassen, dass ich meine Texte in diesem oder jenem Medium veröffentliche. Nun habe ich schon in vielen Zeitungen und auf ganz verschiedenen Plattformen publiziert, ein paar Beiträge standen in der FAZ, einer auf Spiegel Online, einer im Tagesspiegel. Ein paar Beiträge liefen auf Deutschlandfunk Kultur, einige erschienen bei Telepolis, ein paar auf den Nachdenkseiten. Beim Freitag schrieb und schreibe ich gern, auch bei Cicero, in der leider nicht mehr erscheinenden Philosophiezeitschrift Hohe Luft gab es Beiträge. Nicht zu vergessen die WELT. Aus diesem Anlass gab es zum ersten Mal so richtig Unverständnis dafür, dass ich „für Springer schreiben“ würde. Noch nie aber war die Empörung so groß wie in den letzten Tagen, als in der gerade neu erschienenen Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung gleich am vergangenen Montag der Leitartikel von mir kam – was eigentlich ein ziemlicher Zufall und für mich auch eine Freude war. Dieser Widerspruch hat mich nachdenklich gemacht.

    Wer jetzt hofft, dass das Nachdenken dazu geführt hat, dass ich nun nicht mehr dort publiziere, den will ich gleich enttäuschen: das Gegenteil ist der Fall. Das will ich erläutern.

    Anderer Anfang: Das Für-Wort

    Seitdem ich publizistisch arbeite, wundere ich mich über die Formulierung, ich würde für dieses Medium schreiben, nur, weil ein Beitrag von mir dort erscheint. Ich schreibe nie für eine Zeitung oder eine Plattform. Ich schreibe für die Leute, von denen ich denke, dass sie dort lesen. Und ich schreibe für mich. Das Medium ist für mich genau das, was das Wort Medium sagt: Ein Vermittler, der meine Botschaft, mein Anliegen, meine Argumentationen zu den Empfängern bringt. Und natürlich schreibe ich meine Nachrichten nicht für den Vermittler, sondern für die Leute, die das Medium wiederum nutzen, um die Botschaften von Leuten wie mir aufzunehmen.

    Ich will nicht behaupten, dass ich mir die Medien frei danach aussuchen könnte, ob sie wohl die Vermittlung zu genau den Leuten herstellen, von denen ich gern gehört oder gelesen werden möchte. Fast könnte man sagen, mir sei jedes Medium recht, denn es ist verdammt schwer in der Mediengesellschaft, überhaupt ein Medium zu finden, dass Texte wie meine aufnimmt und verbreitet. Genauer: Es gibt so viele Leute wie mich, die da gern Verbreitung finden wollen, dass die Medien sich aussuchen können, wem sie sich als Medium zur Verfügung stellen. Wenn aber ein Medium eine recht große Zahl von Empfängern versorgt, dann ist die Chance auch groß, dass ein paar Leute dabei sind, die ich gern als Empfänger haben möchte – jedenfalls deutlich mehr als ich erreichen kann, wenn ich meine Texte einfach so, ohne mediale Vermittlung (ja, das ist ein Pleonasmus, ich weiß), irgendwo hinschreibe.

    Aber ein bisschen Auswahl habe ich schon, und wenn ich wähle, dann suche ich mir am liebsten ein Medium, wo ich Rezipienten erwarte, die nicht ohnehin schon so denken wie ich, aber vielleicht bereit sind, über meine etwas abweichenden, aber immer noch anschlussfähigen Gedanken – nachzudenken. Sich irritieren zu lassen. Das ist jedenfalls meistens so. Manchmal, etwa in den Zeiten der Corona-Maßnahmen, will ich auch bestätigen und bestärken, will denen, die so fühlen wie ich denke, Argumente liefern, mit denen sie ihre Meinungen, die ich teile, fundieren können.

    Das alles führt dazu, dass ich eher in Medien auftauche, die an den Rändern des Meinungsspektrums zu finden sind: Sie sind einerseits daran interessiert, meine Beträge zu transportieren, und sie erreichen andererseits vor allem diejenigen, die auch ich erreichen will.

    Es ist nicht so, dass mir völlig egal ist, was von diesen Medien sonst noch so verbreitet wird, schon gar nicht, wie viel Deformation meiner Botschaft vom Medium gefordert wird, damit sie verbreitet wird. Dann kommt es zum Zerwürfnis, ich bin ein Türen-Zuschlager und ein Brücken-Abbrenner, was ich manchmal nach einiger Zeit bereue, wie bei der WELT, oft aber dauerhaft als befreiend empfinde. Manchmal schließen sich Türen auch leise, wenn ich in einem Medium zu viel von dem lese, was ich für Unsinn halte. Und es kommt auch vor, dass ich einem Medium keine Vorschläge mehr mache, weil ich den Eindruck habe, dass es nur die ungefährlichen Stücke von mir will und ablehnt, wenn es kontrovers wird.

    Aber das ist eigentlich gar nicht wichtig, der letzte Absatz war vielleicht nur aus Eitelkeit geschrieben, Abarbeitung von Kränkungen oder Ärger über meine eigene arrogante Sturheit.

    Zum Schluss noch ein dritter Anfang:

    Wer meint, ein Autor ließe sich vom Herausgeber eines Mediums „vor den Karren spannen“, wenn er da publiziert, der hat ein merkwürdig undialektisches Verständnis davon was so ein Medium eigentlich ist oder macht. Natürlich hat der Herausgeber einen Plan, ein Ziel, eine Vorstellung davon, wie oder wo sein Medium wirken soll. Und er wird dafür Sorge tragen, dass das Medium auch möglichst auf die Weise wirkt, wie er das wünscht. Und natürlich verändert das Medium auch die Botschaft. Der Kontext, das Umfeld, auch die Vorurteile wirken modulierend und deformierend auf die Botschaft. Wobei am intensivsten wohl die Vorurteile wirken, weshalb im Konkurrenzkampf auf dem Medienmarkt vor allem mit Vorurteilen gefochten wird. Sehr schön konnte man das bei den ersten Berichten und Kommentaren zur Ostdeutschen Allgemeinen berichten, die die politische Einordnung des Ganzen schon aus den ersten paar Beiträgen und aus ihren Vorurteilen zum Herausgeber abschließend vorgenommen haben.

    Der Vorwurf, für ein Medium zu schreiben, behauptet, mit dem Beitrag auch alle anderen Beiträge zu unterstützen, die da erscheinen. Das ist nichtmal ganz falsch, denn jeder Beitrag, der viel gelesen wird, vergrößert natürlich auch die Reichweite das anderen, die das gleiche Medium nutzen. Allerdings eben nicht auf deren, sondern auf seine Weise.

    Das, was am Ende wirklich entsteht, ist eben auch Ergebnis der Arbeit der Publizisten, die da schreiben. Jeder Beitrag verändert auch das Medium, wirkt darauf zurück. Und das auf vielfältige Weise: Einmal natürlich durch seine Botschaft, die die Leser wiederum dem Medium zurechnen. Dadurch wird das Bild des Mediums konturiert, es verändert aber auch das Selbstverständnis. Zweitens durch den Erfolg, den der Beitrag beim Publikum hat: ist er bemerkenswert, dann ist das Medium, das sich ja am Markt behaupten will, bereit sich in die Richtung des Beitrags zu bewegen. Drittens dadurch, dass die Leser sich durch den Beitrag verändern und dass sie zukünftig, wenn der Beitrag für sie ein positiver Impuls war, vom Medium weitere Beiträge dieser Art erwarten. Und wer meint, die Veränderungen, die ein Beitrag im Medium und bei den Lesern vornimmt, sei aber sehr klein, dem kann man entgegenhalten: vermutlich aber größer als der vorgebliche Schaden, den ich anrichte, indem ich dieses Medium nutze und es damit „unterstütze“. Wobei ich deutlich sagen muss, dass ich bei keinem Medium, welches ich bisher für meine Publikationen genutzt habe, ein schlechtes Gewissen habe, weil ich es damit womöglich „unterstützt“ habe.

    Deshalb ist es so anregend, gerade bei einem neuen Medium dabei zu sein, bei dem alles im Fluss ist und Bewegung noch möglich ist. Und deshalb schreibe ich zwar nicht für die Ostdeutsche Allgemeine, aber gern in ihr für ihre Leser. Aber weiter auch gern bei den Kolumnisten, beim Freitag, beim Cicero und einigen anderen (wer weiß, wer demnächst fragt). Es gibt so vieles, was geschrieben werden muss, und es gibt so viele, für die ich schreiben mag.

  • Instagram erst ab 14?

    Instagram erst ab 14?

    Mindestalter Social Media Jugendliche

    Dies ist meine allererste Audio-Kolumne. An der ich – wegen VIEL Technik (Stichwort: Voice Cloning) – deutlich länger als an einem geschriebenen Text gesessen habe. Schau’n wir mal, ob es von den Klickzahlen her was bringt. Meine Kinder haben mir versprochen, meine schlauen (und weniger schlauen) Beiträge ab sofort nicht mehr komplett zu negieren, wenn ich sie von nun an vorlese, und sie sich nicht mehr mit ellenlangen Texten rumquälen müssen. Tun sie eh nicht also mehr als max. 1 Audio-Kolumne von mir anhören. Aber es ist ein (für mich) neues Format und beweist, dass auch Ü60-Jährige gewillt sind, mit der Zeit zu gehen … ja ja, mit großer Verspätung. Schon klar.

    Heute spreche ich über ein mögliches Social-Media-Verbot für Jugendliche, Beziehungsweise die Festlegung eines Mindestalters, um Instagram und TikTok unbeschränkt nutzen zu können … los geht's:

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  • Reiches Land, arme Seelen

    Reiches Land, arme Seelen

    Bei immer mehr Menschen reicht das Geld nicht aus. Etwa 13,3 Millionen galten laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr als armutsgefährdet. Noch dramatischer fallen die Zahlen mit Blick auf die soziale Teilhabe aus.
    (c) tagesschau.de am 3. Februar 2026: Mehr als 13 Millionen Menschen von Armut bedroht

    13,3 Millionen Menschen gelten in Deutschland als armutsgefährdet. Wenn man nicht nur Einkommen, sondern auch Teilhabe (Wohnen, Bildung, Kultur, Konsum, soziale Kontakte) betrachtet, sind es sogar 17,6 Millionen. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung bedeutet das 16,1 bzw. 21,3 Prozent, die am Existenzminimum herumkrebsen. Zahlen, die sich gut in einer Grafik machen, die in Nachrichtensendungen zwischen Wetter und Börse auftauchen und am nächsten Tag wieder vergessen sind.

    Für mich stellen diese Zahlen jedoch keine abstrakten Werte dar. Sie sind ein Geruch, ein Gefühl, ein Geräusch. Sie sind der Klang des Kühlschranks, der nachts brummt, obwohl kaum etwas drinsteht. Sie sind der Blick auf das Konto am 20. des Monats. Sie sind das Warten.

    Ich habe 4 Jahre so gelebt. Getrunken. Lausig entlohnte Gelegenheitsjobs, Kohle am Ende eines Arbeitstages bar auf die Hand. 1 Jahr lang Hartz IV, um mal wieder krankenversichert zu sein und mir Wurzelbehandlungen beim Zahnarzt leisten zu können. Klamotten aus der Kleiderkammer. Lebensmittel von der Tafel. Bier und Schnaps vom Discounter. Immer in Unsicherheit, ob ich morgen die Telefonrechnung und übermorgen den Strom bezahlen kann. Jeder Tag eine Kalkulation, jede Woche eine Herausforderung, jeder Monat ein Risiko.

    Armut als Lebensmodus

    Armut ist kein Zustand, den man einmal erlebt und dann abhakt. Armut ist ein Lebensmodus. Sie strukturiert Zeit, Denken, Beziehungen, Selbstbild. Sie frisst sich in den Alltag wie Feuchtigkeit in die Wände einer schlecht isolierten Wohnung.

    Ich erinnere mich an das Rechnen. Immer das Rechnen.
    Im Supermarkt die Addition im Kopf: Brot, Nudeln, Dosen, die billigste Margarine. Fleisch selten, Obst nur, wenn es im Angebot war. An der Kasse der Moment, in dem man hofft, dass die Summe mit dem übereinstimmt, was man im Kopf überschlagen hat. Wenn nicht, dann das leise Entfernen eines Artikels, begleitet vom leicht vorwurfsvollen Blick der Kassiererin.

    Kleiderkammer, Tafel, Discounter

    Ich erinnere mich an die Kleiderkammer.
    Diese Mischung aus Dankbarkeit und Demütigung. Die Ständer mit gespendeten Jacken, die nie richtig passten. Die Hosen, die man umkrempeln musste. Der Geruch von fremden Haushalten. Und dieses Gefühl, dass man in den Augen der Helfenden immer ein bisschen Objekt ist, nie ganz Kunde, nie ganz gleichwertig.

    Die Tafel war ähnlich.
    Ich bin dankbar für jede Institution, die hilft. Aber Armut bedeutet, dass Hilfe immer mit einem Beigeschmack kommt. Man steht Schlange, man wird geprüft, man bekommt, was übrig ist. Es ist Versorgung, aber keine Wahl. Und Wahlfreiheit ist eine unterschätzte Form von Würde.

    Getrunken habe ich viel.
    Bier und Schnaps vom Discounter. Nicht aus Hedonismus, sondern aus Flucht. Alkohol ist billig, verfügbar und wirksam. Er dämpft die Scham, die Langeweile, die Angst. Er macht die Leere erträglicher. Aber er verstärkt das, wovor man flieht. Ein Teufelskreis, der in Statistiken als „Suchtproblem“ erscheint, im Leben aber oft als Symptom von Perspektivlosigkeit.

    Der 20. des Monats

    Das Warten ab dem 20. war das Schlimmste.
    Der Monat teilte sich in zwei Hälften: die Zeit des Überlebens und die Zeit des Wartens. Warten auf das Geld vom Amt, warten auf den Bescheid, warten auf den nächsten Termin. Zeit wurde zu etwas, das gegen einen arbeitet. Der Kalender war ein Countdown, kein Planungsinstrument.

    Armut verändert die Wahrnehmung von Zeit.
    Man plant nicht langfristig, weil langfristig ein Luxus ist. Man denkt in Tagen, manchmal in Stunden. „Reicht es bis Freitag?“ ist eine reale Frage. „Wo will ich in fünf Jahren sein?“ ist eine absurde.

    Gut, wenn es einem gelingt, rechtzeitig den Absprung zu schaffen, bevor Hartz 4 zum prekären Dauerzustand wird.

    Isolation mit System

    Armut verändert auch Beziehungen.
    Freunde gehen essen, man sagt ab. Kollegen planen Urlaub, man schweigt. Familie fragt, wie es läuft, man lügt. Armut isoliert, weil Teilhabe Geld kostet. Und weil man irgendwann müde wird, sich zu erklären.

    Ich erinnere mich an die Post vom Jobcenter.
    Jeder Brief ein potenzielles Problem. Sanktionen, Termine, Nachweise. Bürokratie ist für Wohlhabende ein Ärgernis, für Arme eine Bedrohung. Ein fehlendes Formular kann existenzielle Konsequenzen haben. Man lebt in einem administrativen Ausnahmezustand.

    Die innere Veränderung

    Und dann die innere Veränderung.
    Armut macht etwas mit dem Selbstbild. Man beginnt, sich selbst als Problem zu sehen. Als Versager, als Abgehängter. Man internalisiert das Urteil einer Gesellschaft, die gern von Leistung spricht, aber selten von Startbedingungen. Man vergleicht sich und verliert. Jeden Tag ein bisschen.

    Ich habe mich oft gefragt, wie ich hier gelandet bin.
    Die Antwort war nie einfach. Schlechte Entscheidungen, ja. Alkohol, ja. Aber auch Brüche, Zufälle, fehlende Netzwerke, falsche Abzweigungen. Armut ist selten monokausal. Sie ist ein Knoten aus Biografie, Struktur und Pech (und Wodka).

    In Statistiken heißt das „Risikofaktoren“.
    In der Realität sind es Lebensgeschichten.

    Unsichtbare Armut

    Das Perfide an Armut ist ihre Unsichtbarkeit.
    Sie spielt sich in Wohnungen ab, die niemand sieht. In Köpfen, die niemand hört. In Kontoauszügen, die niemand liest. Man kann arm sein und geschniegelt aussehen. Man kann arm sein und lächeln. Man kann arm sein und funktionieren. Gerade das Funktionieren macht Armut so schwer sichtbar.

    Heute lese ich die Zahlen anders.
    13,3 Millionen armutsgefährdete Menschen. 17,6 Millionen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das ist kein Rand. Das ist ein Fünftel der Gesellschaft. Das ist die Größe eines Landes. Und trotzdem reden wir über Armut, als sei sie ein Spezialproblem von Randgruppen.

    Armut als Spiegel

    Armut ist in Deutschland kein Randphänomen mehr.
    Sie betrifft Alleinerziehende, Rentner, Niedriglöhner, Selbstständige, Studierende, Migranten, Ostdeutsche, Westdeutsche. Sie ist quer durch die Gesellschaft verteilt, aber ungleich konzentriert. Und sie ist politisch unbequem.

    Denn Armut ist ein Spiegel.
    Sie zeigt, wie eine Gesellschaft mit den Schwächsten umgeht. Sie zeigt, wie fair Chancen verteilt sind. Sie zeigt, ob Wohlstand nach unten durchsickert oder oben kleben bleibt.

    Ich weiß, wie es ist, sich klein zu fühlen.
    Wie man sich entschuldigt, überhaupt da zu sein. Wie man den Raum verlässt, wenn Geld Thema wird. Wie man das eigene Leben als Randnotiz betrachtet.

    Der mentale Aspekt

    Das ist vielleicht der tiefste Effekt von Armut:
    Sie verkleinert Menschen. Nicht körperlich, sondern mental. Sie schrumpft Träume, Ambitionen, Selbstanspruch. Sie macht aus Bürgern Bittsteller, aus Kunden Empfänger, aus Individuen Fälle.

    Und doch gibt es in dieser Erfahrung auch eine merkwürdige Klarheit.
    Wenn Geld fehlt, wird sichtbar, was wirklich zählt: Wärme, Essen, ein Dach über dem Kopf, ein Mensch, der anruft. Der Rest ist Dekoration. Aber diese Klarheit ist teuer erkauft.

    Heute habe ich Abstand.
    Ich habe einen anderen Blick auf Konsum, auf Sicherheit, auf Reichtum. Ich weiß, wie fragil alles ist. Wie schnell man fallen kann. Und wie schwer es ist, wieder aufzustehen, wenn man einmal unten ist.

    Die falsche Debatte

    Deshalb ärgert mich die moralische Debatte über Armut.
    Wenn Politiker über „Anreize“ sprechen, wenn Talkshows über „Arbeitsunwillige“ diskutieren, wenn Kommentare suggerieren, Armut sei vor allem ein individuelles Versagen. Diese Debatte ignoriert, was Armut im Inneren anrichtet.

    Armut ist Stress. Chronischer Stress.
    Sie ist ein permanenter Alarmzustand. Und Stress macht krank, unkonzentriert, kurzsichtig. Er verengt den Horizont. Wer im Überlebensmodus ist, denkt nicht strategisch. Das ist kein Charakterfehler, das ist Biologie.

    Armut ist auch eine Form von Gewalt.
    Keine physische, aber eine strukturelle. Sie zwingt Menschen in Lebenslagen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Sie begrenzt Freiheit. Sie diktiert Entscheidungen. Sie schreibt Biografien vor.

    13,3 Millionen Geschichten

    Wenn ich heute die Zahl 13,3 Millionen lese, sehe ich mich selbst in dieser Statistik.
    Ich sehe die Flaschen im Einkaufswagen. Ich sehe die Schlange vor der Tafel. Ich sehe den Kontoauszug mit null. Ich sehe das Warten auf den Geldeingang. Und ich sehe die innere Stimme, die sagt: „Das ist jetzt dein Platz.“

    Diese Stimme ist das Gefährlichste.
    Denn sie macht Armut reproduzierbar. Wer sich klein fühlt, greift seltener zu Chancen, traut sich weniger zu, erwartet weniger vom Leben. Armut ist dann nicht nur mehr materiell, sondern wird zum mentalen Problem.

    Moralischer Befund

    Vielleicht ist das der Grund, warum mich diese Statistiken wütend machen.
    Nicht wegen der Zahlen, sondern wegen der Gleichgültigkeit, die sie begleitet. Man kann sich an 13,3 Millionen gewöhnen. Man kann sie als Hintergrundrauschen betrachten. Man kann sie politisch instrumentalisieren. Aber man sollte sie nicht normalisieren.

    Armut ist kein Naturgesetz.
    Sie ist das Ergebnis von Politik, Wirtschaft, Kultur, Geschichte. Sie ist gestaltbar. Aber sie erfordert Willen. Und Empathie. Und die Bereitschaft, über Zahlen hinauszusehen.

    Ich habe Armut erlebt.
    Ich habe sie überlebt. Aber ich habe auch gesehen, wie sie Menschen bricht. Wie sie Beziehungen zerstört. Wie sie Leben verkleinert. Wie sie Zukunft raubt.

    Gesellschaftlicher Offenbarungseid

    In einem der reichsten Länder der Welt darf Armut kein Randproblem bleiben – sie ist ein fortwährendes kollektives Versagen, das wir schulterzuckend akzeptieren, weil wir uns damit arrangieren.
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  • Die Rosenmontagskolumne

    Die Rosenmontagskolumne

    [Diese Kolumne wurde das erste Mal am 4. März (Rosenmontag) 2019 veröffentlicht]

    Beginnen wir mit der guten Nachricht: der Karneval ist unkaputtbar. Das war immer so und wird auch in hundert Jahren noch so sein. Vielleicht wird es an Rosenmontag 2119, der übrigens am 16. Februar stattfinden wird – das können Sie sich ja schon mal notieren – mehr virtuelle Funkenmariechen geben als heute; aber es wird Funkenmariechen geben. Das ist so sicher wie der Umstand, dass 50 Prozent der Kamelle an Sankt Martin wiederverwendet werden.

    Im Schweinsgalopp durch die Karnevalshistorie

    Die Ursprünge des Karnevals reichen tief in die Geschichte zurück. Waltari erzählt in seinem sehr lesenswerten Roman Sinuhe vom Fest des falschen Königs in Babylon, an dem ein zufällig ausgewählter Fremder 24 Stunden lang den Platz des angestammten Herrschers einnahm und seinem Leih-Volk allerlei merkwürdige Aufträge erteilte, die ohne Murren zu erfüllen waren, was die Zuschauer sehr erheiterte. In dieser kurzen Zeitspanne war alles erlaubt, der Alkohol floss in Strömen, jede kopulierte mit jedem, ohne dabei einen Gedanken an Moral und Standeszugehörigkeit zu verschwenden. Über Zwischenstationen im alten Ägypten, Griechenland und die römischen Saturnalien erreichten Mummenschanz und die damit einhergehende – zeitlich eng getaktete – freie Liebe das Mittelalter, in dem sie mal verboten, dann wieder erlaubt waren. Seine offizielle Geburtsstunde feierte der Karneval allerdings erst im Jahr 1823, als sich in Köln das Festordnende Comite zusammenfand, um alte Narrenbräuche neu zu beleben und vom Geruch der Semi-Illegalität zu befreien.

    Angefeindet wurde er nämlich oft, der Karneval. Von der Obrigkeit, der Kirche, von Moralaposteln. Aus unterschiedlichen Gründen heraus. Taten sich die Preußen anfangs schwer damit, dass ihr geliebter Militärdrill von den Tanzcorps persifliert und ins Lächerliche gezogen wurde, störte sich der Klerus vor allem am 133stündigen Sittenverfall mit seiner zügellosen Promiskuität. Kostümorgien galten den Priestern als besonders schlimme Manifestation des Bösen. Was die Menschen im Allgemeinen und den Rheinländer im Besonderen aber nicht daran hinderte, sich ausgangs des Winters weiterhin zu verkleiden und mit der Nachbarin ins Bett zu steigen. Nachdem katholische Kirche und Behörden ihren Frieden mit den Narren geschlossen hatten – es gibt keine treueren Besucher der Sitzungen als Landes-/ Kommunalpolitiker und Dechanten & Prälaten –, den evangelischen Pastorsgattinnen klargeworden war, dass man schlecht gegen den Alkoholmissbrauch an den tollen Tagen zu Felde ziehen kann, solange der eigene Mann herzhaft mitsäuft, man im vergangenen Jahr einen Zwist mit den Tierschützern wegen des Promillegehalts der mitlaufenden Pferde (oder waren es die Reiter?) mittels eines Kompromisses gütlich beigelegt hatte, droht nun Ungemach aus einer neuen Ecke: Der Karneval sei in weiten Teilen politisch unkorrekt und strukturell sexistisch, behaupten Vereine, die sich die flächendeckende Durchsetzung politischer Korrektheit auf die Fahnen geschrieben haben und Neo-Feministinnen.

    Struktureller Hast-du-sie-noch-alle?

    Beginnen wir mit dem strukturellen Sexismus. Was das genau ist, weiß ich nicht. Klingt auf jeden Fall übel und grenzt vermutlich hart an §177 StGB, in dem die Tatbestände sexueller Übergriff & Nötigung und Vergewaltigung definiert werden. Nun wohnt dem Karneval unbestritten ein orgiastisches Element inne, stellt die Promiskuität eine seiner drei – im Volksmund mit „suffe, poppe, danze“ umschriebenen – Haupttriebfedern dar. Wofür andere Landsmannschaften Swingerclubs benötigen, dafür reichen dem Rheinländer die sechs tollen Tage aus. Aus meiner – zugegebenermaßen subjektiven, zumal männlichen – Erfahrung heraus, die aber immerhin fünfzig Sessionen umfasst, scheint mir der Wunsch nach dem Rosenmontagspätabend-Quickie allerdings recht gleichmäßig auf beide Geschlechter verteilt zu sein. Was ist mit geilen Blicken ins Dekolleté und unerwünschten Berührungen in den Kneipen, fragen Sie mich? Wer geile Blicke nicht aushält und allergisch auf Berührung reagiert, sollte Kneipen in der Karnevalszeit meiden, antworte ich. Wichtig ist: am Aschermittwoch ist alles vorbei und für den Rest des Jahres breitet man den Mantel des Schweigens über die außerehelichen Aktivitäten. Schnelle Beichte, drei Rosenkränze und ein Ave-Maria, Aschekreuz; un jot es et widder. Weshalb das in die Kategorie struktureller Sexismus fallen soll: keine Ahnung.

    Aber der Karneval ist auf jeden Fall politisch unkorrekt, werfen Sie nun hinterher, nachdem der Sexismusvorwurf ins Leere lief? Klar ist der Karneval politisch unkorrekt. Das ist ja seine zweite Haupttriebfeder. Alles darf und soll durch den Kakao gezogen werden. Vor allem die Politiker, denn da trifft es immer die richtigen. Aber natürlich ebenfalls alte Männer mit Erektionsproblemen, blonde Drogeriefachverkäuferinnen, E-Rollstuhlfahrer mit Deutschlandwimpel, Düsseldorfer, Stotterer, Schwule und der Erzbischof. Zumindest früher war das so. Da durfte über jeden ein Witz gerissen werden, und der Saal brach in Gelächter aus. Ob die Bonmots immer geistreich waren? Geschenkt – ü1,5 Promille applaudiert man auch zu müden Schenkelklopfern. Und wer nüchtern eine Sitzung besucht, ist selbst schuld. Klingt doch alles ganz harmlos, Hauptsache die Menschen amüsieren sich, sagen Sie jetzt? Sehe ich zwar genauso, aber seit einigen Jahren ist im Karneval nichts mehr harmlos; auf jeden Fall sind die Dinge komplizierter geworden.

    Kostümwahl ohne Handbuch nicht mehr möglich

    Nehmen wir die Kostüme:

    ▪ Frechener  Negerköpp: geht gar nicht
    ▪ Zigeunerin: ei ei ei
    ▪ Araber/ Scheich: das Schicksal der unterdrückten Palästinenser scheint Ihnen völlig egal zu sein
    ▪ Indianer: Ihnen ist schon klar, dass wir Europäer die amerikanische Urbevölkerung nahezu ausgerottet haben?
    ▪ Indische Tempeltänzerin: an Respekt vor anderen Religionen mangelt es bei Ihnen augenscheinlich
    ▪ Mann verkleidet sich als Frau ohne ärztliches Attest, dass er sich auch jenseits des Karnevals primär als Frau fühlt: no way!

    Ich bin Anfang der 80er mal als Erich Honecker gegangen: beiger Kunstfaseranzug, speckiger, kleiner Hut, dicke Hornbrille, Modell 70er-Kassengestell. Wäre heute wegen Verunglimpfung der Ostdeutschen und ihrer Historie undenkbar. Versuchen Sie – setzt ein bisschen Mut voraus –, sich als Reinigungskraft oder UPS-Fahrer zu verkleiden. Sofort sehen Sie sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass Ihnen deren prekäre Situationen ganz offensichtlich am Arsch vorbeigehen. Um auf der sicheren Seite zu sein, sind folgende Kostüme (noch) zulässig:

    Mann. Astronaut, Clown, Kardinal (wegen des Missbrauchsskandals vermutlich ein Auslaufmodell) und großer hellblauer Vogel
    Frau: Pilotin/ Polizistin, Clown, kleiner hellblauer Vogel. Bei Funkenmariechen geht’s ja schon wieder in Richtung struktureller Sexismus und Wäscherin deutet stark auf antiquierte Geschlechterrollen hin.

    Männernamen toll, Frauennamen Scheiße, Doppelnamen Doppelscheiße

    Nachdem wir bei den Kostümen mittlerweile auf einem guten Weg sind, muss nun endlich beim Sitzungskarneval ausgemistet werden. Sie erinnern sich noch an das, was ich weiter oben geschrieben hatte: um den Sitzungskarneval durchgängig lustig zu finden, muss man entweder Kölner, betrunken oder am besten beides zusammen sein? Das Spektrum, über das man Witze reißen darf, wurde in den vergangenen Jahren eh schon sehr ausgedünnt. Zahlreiche Minderheiten in die Tabu-Liste aufgenommen. Wie lange ist es her, seit ich den letzten Joke über Stotterer oder E-Rollstuhlfahrer gehört habe? Das muss im letzten Jahrhundert gewesen sein. Aufgrund der mannigfaltigen Beschränkungen weichen die Redner deshalb bereits auf so Sachen wie dämliche Doppelnamen aus, wenngleich dieses Thema eigentlich völlig ausgelutscht ist. Von denen – also den grenzwertigen Doppelnamen – gibt’s natürlich viele. Kramp-Karrenbauer befindet sich aufgrund Unaussprechlichkeit – was vor allem für Angelsachsen und Bewohner der südlichen EU-Mitgliedsländer gilt – dabei allerdings bloß im Mittelfeld der Bindestrich-Anomalien.

    Bernd Stelter, Büttenveteran seit dreißig Jahren, reißt darüber ein paar zahme Kalauer, Publikum lächelt, applaudiert müde, in Gedanken schon bei der nächsten Tanznummer, ein weiblicher Gast pfeift sich die Seele aus dem Leib, Stelter bittet, das zu unterlassen, Gast – im originellen Kostüm einer Leichtmatrosin: Ringelhemd, 5€-Käppi vom KIK – springt vom Stuhl hoch, stürmt zur Bühne, baut sich vor dem Comedian auf, schnaubt sichtlich erregt: „Ich hab gerade gepfiffen … fragt mal irgendjemand, was für’n Scheißnamen nen Mann hat, den die Frau annimmt?  … Ja, Männernamen sind immer toll, und Frauennamen sind immer Scheiße. Und Doppelnamen sind Doppelscheiße“.
    Stelter antwortet verdutzt: „Wir machen hier Karneval“.

    Ich habe mir die Szene dreimal im Netz angeschaut: Fremdschämen at it’s best.

    Trend zur demokratisch mitbestimmten Büttenrede

    Die Dame, eine Touristin aus einem der östlichen Bundesländer, die selbst einen unaussprechlichen und beim besten Willen nicht merkbaren Bindestrichnamen spazieren führt, erklärt am Tag danach auf Anfrage des WDR: „Im 21. Jahrhundert muss man sich nicht über Namen lustig machen. Das hat mich auch dazu bewegt, meinem Unmut Luft zu machen“.

    Wow! Im 21sten Jahrhundert dürfen wir keine Witze über Doppelnamen mehr machen. Einfach so, Erklärung braucht es nicht. Ich, Lotte aus Weimar bestimme das, und der Kölner Karneval hat sich gefälligst nach meiner Befindlichkeit zu richten. Schließlich habe ich für die Eintrittskarte bezahlt, und Kunst muss sich dem Publikumsgeschmack – vor allem meinem – beugen, weshalb wir, startend ab Session 2020, die Büttenreden vorab veröffentlichen, darüber abstimmen lassen und selbstverständlich Streichungen, falls sich irgendeine der drei Millionen Minderheiten in unserem Land unfair brüskiert fühlen sollte, vornehmen werden. Das wäre endlich die komplette Demokratisierung des Karnevals, auf die der seit Jahrtausenden gewartet hat. Initiiert von einer Weimarer Leichtmatrosin. Danke dafür!

    Jetzt erfolgt ein Tusch.

    Nachtrag 1 – hier noch eine letzte Frage zur Bindestrich-Problematik, bevor man die ab 2020 nicht mehr stellen kann:

    Und warum genau darf man keine Witze über Doppelnamen machen, Frau Manhatmir-Insgehirngeschissen?
    © Perscheid

    Nachtrag 2: Lasst den Karneval bloß auch weiterhin alkoholgeschwängert, promiskuitiv und vor allem unkorrekt sein. Er hat Gottseidank bisher alle seine Kritiker überlebt, und die waren teils von anderem Kaliber als Lotte. Notfalls eine Zeit lang für Touristen aus dem Osten sperren. Wir Rheinländer amüsieren uns an diesen sechs Tagen auch prima mit uns selbst.

    Ich schließe mit einem dreifachen „Knüllig-Dingeldey folgt Guise-Rübe nach, Alaaf!“