Kategorie: Gesellschaft

  • Meinungen sind wie Pflanzen

    Meinungen sind wie Pflanzen

    Die Meinungen der Menschen sind wie Pflanzen. Es gibt solche, die stark wie Bäume sind, denen man mit einer Axt nicht beikommt und die selbst von einem Sturm nicht umgehauen werden können, und es gibt zarte Pflänzchen, die man schützt und die man ungern in der Öffentlichkeit zeigt, weil sie unter der rauen Atmosphäre dort leiden könnten. Meinungen sind auch wie Pflanzen, weil es in der Gesellschaft einen Konsens gibt, was Unkraut und was nützlich ist, weil man meint, dass manche Pflanzen nicht dort wachsen sollten, wo wir Menschen leben. Man will einen gepflegten Lebensraum, in dem man die Übersicht behält, man will keine Wildnis, sondern Ordnung. Meinungen sind wie Pflanzen, die sich gegenseitig den Lebensraum streitig machen. Meinungen sind auch wie Pflanzen, weil das Überleben des ganzen Ökosystems am Ende davon abhängt, dass es eine Unzahl von Verschiedenheit gibt, durch die selbst dann, wenn eine Art mal die Oberhand gewonnen hat, auf Dauer wieder Vielfalt des Lebens entsteht. Meinungen sind auch deshalb wie Pflanzen, weil die Menschen, die inmitten der gepflegten Ordnung die Unordnung erhalten, wenig geachtet sind und über die, die Daheim die merkwürdigsten Orchideen und Kakteen züchten, zwar ein bisschen gstaunt, zumeist aber doch gespottet und gelacht wird.

    Die Grenzen der Gesetze

    Es gibt viele Möglichkeiten, die Pflanzenvielfalt zu begrenzen, und so ist es auch mit der Meinungsfreiheit. Gesetzliche Regelungen sind eine davon. Bekanntlich ist die Meinungsvielfalt durch das Grundgesetz geschützt, genauer gesagt, geschützt sind die Menschen bis zu einem gewissen Grad vor staatlichen Eingriffen in ihre Möglichkeiten, die Meinung zu äußern, das führt natürlich noch nicht zu Meinungsvielfalt, ist aber eine Voraussetzung dafür. Aus dem Grundgesetz folgt aber keine Verpflichtung für den Staat, Meinungsvielfalt zu befördern. Umgekehrt eröffnet es einige Möglichkeiten, die Meinungsäußerungen und damit deren Vielfalt zu begrenzen, das alles ist schon anderswo diskutiert worden und wird auch noch des öffteren diskutiert werden. Heute geht es um etwas anderes.

    Es gibt Gefahren für die Meinungsfreiheit, die durch das Grundgesetz und den Staat nicht bekämpft werden können, eben weil die Grundrechte in erster Linie eben Abwehrrechte gegen Eingriffe des Staates sind, der Staat aber deshalb noch längst nicht die Pflicht hat, für besonders gute Bedingungen für den Austausch von Meinungen zu sorgen. Man könnte sagen: der Staat wird zwar selbst in seinen Möglichkeiten begrenzt, die Meinungspflanzen zu bekämpfen oder ihr Wachstum zu verhindern, er ist aber nicht verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jede Meinung wachsen und gedeihen kann.

    So, wie das Grundgesetz uns keine Pflanzenvielfalt in den Städten garantieren kann, so kann es uns auch keine Meinungsvielfalt garantieren. Manches müssen wir einfach selbst, miteinander oder auch mal gegeneinander, erarbeiten und erstreiten. Dazu gehören dann Toleranz, vor allem aber Mut und Standhaftigkeit.

    Gärten und Risse im Asphalt

    Außerhalb des staatlichen Zugriffs gibt es bekanntlich einige Bedingungen und Situationen, die es der einen und der anderen Meinung schwer machen, zu wachsen und zu erblühen, um ihre Samen zu streuen. So braucht jede Meinung ein Medium, in dem sie wachsen kann und wahrgenommen wird, so wie die Pflanzen Parks und Gärten oder auch Risse im Asphalt und Fugen zwischen Pflastersteinen brauchen, in denen sie sich ausbreiten können. Wie die Parks und Straßen haben aber auch die Medien sowohl Eigentümer als auch Benutzer. Die Eigentümer entscheiden, was sich bei ihnen ausbreiten darf, und die Benutzer protestieren, wenn ihnen das, was sie da vorfinden, unwirtlich vorkommt. Meist lieben sie die gepflegte Ordnung, sie wollen das sehen, was sie kennen, sie wollen nicht durch unordentliches Unkraut gestört werden, und verlangen, dass man ihnen gefährliches Zeug, das womöglich schmerzt und Unwohlsein verursacht, wenn man damit in Kontakt kommt, vom Leibe hält. Das schränkt die Vielfalt und die Freiheit der Erzeuger ein.

    Man sagt dann: Such dir doch einen Garten, in dem du pflanzen kannst, was du willst! Aber pass auf, dass die Samen nicht über die Zäune fliegen! Man verweist darauf, dass die öffentlichen Plätze doch ohnehin schon voll sind von allem möglichen unansehnlichen Gewächs, und dass doch hier und da – sehr zum Leidwesen der ordnungsliebenden Bevölkerung – das unerwünschte Kraut schon wächst und gedeiht. Und in dieser und jener Sendung des Fernsehens würde doch regelmäßig auch das Unkraut vorgeführt, da könne doch keiner sagen, dass es nicht zugelassen wäre, nur, weil man es nicht überall sehen will!

    Reale Gefahren

    Nicht ganz so metaphorisch: dass jede Meinung irgendwo einen Platz findet, an dem sie willkommen ist und ausgesprochene werden kann, und dass fast jede Ansicht auch immer wieder in den öffentlich-rechtlichen Medien geäußert werden kann, heißt nicht, dass es um die Vielfalt der freien Meinung gut bestellt ist. Die Frage bleibt nämlich, woher denn der Konsens kommt, dass die eine Meinung herzlich willkommen und die andere nur zähneknirschend gelitten ist, woher wir die Übereinstimmung nehmen, um wieder ins Metaphorische zu wechseln, dass dieses eine schöne Blume und jenes ein hässliches Unkraut ist, das eigentlich ausgerottet gehört.

    Und dieser Konsens bleibt nicht ohne Folgen, denn fast jeder von uns wünscht sich Anerkennung und ein bisschen Geborgenheit in der Gemeinschaft und nur wenige haben die Stärke, ihr Kraut zu pflegen, weil sie es für eine Heilpflanze halten, wenn man ihnen ständig sagt, es sei giftiges Zeug.

    Dass einige von diesen selbstbewussten Menschen es dann immer wieder in die Öffentlichkeit schaffen und dort sagen können, dass es um die Meinungsfreiheit schlecht bestellt sei, zeigt eben nicht, dass sie unrecht haben, weil sie es ja sagen können. Sie sprechen ja nicht nur für sich, sie sprechen im Namen derer, die sich längst entschieden haben, nicht mehr zu sprechen, die ihr Kräuterbeet nur noch auf dem heimischen Balkon pflegen und ab und zu ein paar Freunde einladen, um sich mit ihnen darüber zu verständigen, dass die Welt viel besser wäre, wenn statt Blumen überall dieses Kraut wachsen würde.

    Nur Mut (auch zum Kalenderspruch)

    Natürlich muss man auch mutig genug sein, seine Meinungs-Saat einfach immer wieder in die Welt zu streuen, auch wenn man dafür von den ordnungsliebenden Bürgern beschimpft oder verachtet wird. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, ist der passende Kalenderspruch dazu. Und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, ist gleich noch ein weiterer. Wer beim „Man darf je eh nicht…“ stehenbleibt, macht sich lächerlich, wenn er es nicht immer mal wieder probiert hat. Aber zu negieren, dass die Gesellschaft mit ihrer Sehnsucht nach Ordnung, Klarheit und Einfachkeit es den Außenseitern oft fast unerträglich schwer macht, ist auch nur ein Schutzmechanismus, um die eigene Verantwortung für Vielfalt und Freiheit zu bestreiten.

    Welche Kräuter und welche Meinungen die Menschen wirklich brauchen, um zu genesen, weiß niemand, gewiss scheint mir, dass wir derzeit so etwas wie ein Artensterben in der Meinungsvielfalt beobachten. Es bleiben nur die ganz harten übrig, die stacheligen und die dicken glatten. Die zarten, filigranen, schillernden, die Mischformen sterben aus.

    Aber zum Glück sind Meinungen wie Pflanzen. Sie streuen ihre Samen, und die können lange Dürreperioden überstehen. Irgendwann ändert sich das Klima, dann treiben sie wieder aus und wachsen und blühen in einer Vielfalt, dass es eine Freude ist.

  • Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat

    Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat

    Ich trage den Gedanken an Selbstmord immer bei mir wie einen Ersatzreifen. Das gibt mir ein seltsames Gefühl von Sicherheit.
    (c) Charles Bukowski

    Der ultimative Ausgang

    Bukowski saß in billigen Zimmern und starrte Löcher in die Wand. Nicht, weil er auf Erleuchtung wartete, sondern weil da nichts mehr war, was sich lohnte, angeschaut zu werden. In solchen Momenten kam der Gedanke. Nicht laut. Kein Drama. Einfach da. Der Gedanke an den Ausgang.

    Der Poet aus East-Hollywood nannte ihn den Ersatzreifen. Kein Symbol der Hoffnung, sondern der nüchterne Beweis, dass man nicht ausgeliefert ist. Wer weiß, dass er anhalten könnte, fährt ruhiger. Man fährt weiter, nicht weil man muss, sondern weil man es gerade noch will.

    Der Gedanke an den Selbstmord ist selten der Wunsch zu sterben. Meist ist es der Wunsch, dass etwas aufhört. Der Lärm. Die Rechnungen. Die immer gleichen Gesichter. Das ewige Sich-Zusammenreißen. Es ist kein Todestrieb. Es ist Erschöpfung.

    Das Problem beginnt dort, wo wir diesen Gedanken entweder dämonisieren oder verklären. Die einen rufen sofort den Arzt, die anderen die Moral. Beide hören nicht zu. Dabei ist der Gedanke oft nur ein Signal: So geht es nicht weiter. Noch kein Plan. Noch keine Entscheidung. Nur ein inneres Aufleuchten der Möglichkeit.

    Die offene Tür

    Lange vor Bukowski saßen die Stoiker da und dachten nüchtern über dasselbe nach. Seneca. Epiktet. Männer, die wussten, dass Würde nichts mit Durchhalten um jeden Preis zu tun hat. Seneca sprach von der offenen Tür. Wenn der Raum zu verraucht ist, geht man. Nicht aus Schwäche, sondern aus Klarheit.

    Das Leben war für sie kein Gefängnis. Es war ein Aufenthalt. Und jeder Aufenthalt darf beendet werden. Wer diese Möglichkeit kennt, ist kein Opfer. Er ist anwesend aus Entscheidung.

    Der Zwang zum Leben

    Heute nennen wir das krank. Wer sagt, dass er nicht mehr will, wird verwaltet. Überwacht. Korrigiert. Der moderne Staat liebt das Leben, solange es funktioniert. Abweichung gilt als Störung.

    Ich bin fast blind, meine Augen verdrehen sich nach hinten in die dunklen Höhlen meines Schädels und halten Ausschau nach einem gnädigen Tod.
    (c) Charles Bukowski: Die letzten Tage des Suicide Kid

    Aber was, wenn das Weiterleben um jeden Preis selbst die Störung ist? Was, wenn ein Mensch klar sieht, dass das, was er lebt, nur noch eine Gewohnheit ist? Bukowski wusste: Das Normale ist oft wahnsinniger als der Wunsch nach Ruhe.

    Wenn der Gedanke kippt

    Gefährlich wird es nicht durch den Gedanken, sondern durch sein Alleinsein. Wenn er keine Sprache mehr findet. Wenn aus „Ich könnte gehen“ ein „Ich sollte gehen“ wird. Dann wird aus dem Ersatzreifen eine Wand.

    Deshalb geht es nicht darum, den Gedanken zu verbieten oder zu feiern. Es geht darum, ihn auszuhalten, ohne sofort ernst zu machen. Denken ist noch kein Handeln. Zwischen beidem liegt Zeit. Und Zeit ist manchmal alles.

    Das falsche Heldentum

    Wir lieben Durchhalteparolen. Kämpfen. Stark sein. Funktionieren. Das klingt gut und hilft niemandem. Es macht aus Erschöpfung ein Versagen.

    Manchmal steigst du morgens aus dem Bett und denkst, ich schaffe das nicht, aber du lachst innerlich – erinnerst dich an all die Male, als du dich so gefühlt hast.
    (c) Charles Bukowski

    Vielleicht reicht es manchmal, nicht zu sterben. Nicht heroisch zu sein. Einfach einen weiteren Tag zu verbrauchen. Bukowski wusste: Man muss das Leben nicht lieben. Es reicht, wenn man es aushält.

    Die letzte Freiheit

    Das Paradox ist simpel: Erst wer gehen dürfte, kann bleiben. Wer gezwungen lebt, ist ein Gefangener. Wer bleiben kann, obwohl er gehen dürfte, handelt.

    Bukowski ist nicht durch Suizid gestorben. Er starb alt, krank, widerspenstig. Aber er lebte mit dem Wissen um den Ausgang. Vielleicht hat ihn genau das am Leben gehalten.

    Der Ersatzreifen ist keine Einladung zum Tod. Er ist eine Erinnerung daran, dass niemand uns besitzen darf. Nicht der Staat. Nicht die Moral. Nicht die Angst der anderen.

    Man darf über den Ausgang nachdenken. Man sollte ihn nur nicht verwechseln mit Freiheit. Die beginnt oft niedriger. In einem Glas Bourbon (oder für Abstinenzler: Coke Zero). In einem weiteren Morgen. In dem Gedanken: Heute noch nicht.

    Schlechte Tage sind kein Argument

    Es gibt Tage, an denen alles falsch sitzt. Der Körper. Die Gedanken. Die Art, wie das Licht durchs Fenster fällt. Tage, an denen selbst das Atmen wie eine Beleidigung wirkt. Bukowski kannte diese Tage. Er hat sie nicht therapieren lassen. Er hat sie aufgeschrieben oder weggesoffen. Beides keine Lösung, aber immerhin ehrlich.

    Das Schlimmste ist nicht der Tod, sondern das Leben, das die Leute bis zu ihrem Tod führen.
    (c) Charles Bukowski

    Das Problem unserer Zeit ist nicht, dass Menschen zu früh an den Tod denken. Das Problem ist, dass sie glauben, jeder schlechte Tag müsse sofort eine Diagnose sein. Dabei sind viele Tage einfach nur schlecht. Sie wollen nicht analysiert, sondern überlebt werden.

    Die Buchhaltung des Lebens

    Irgendwann beginnt jeder Mensch zu rechnen. Was habe ich gegeben, was habe ich bekommen? Wie viel Kraft steckt noch drin? Bukowski hat diese Rechnungen nie schön gerechnet. Meist stand da ein Minus. Und trotzdem blieb er sitzen.

    Vielleicht, weil er wusste: Solange man noch rechnet, ist man nicht fertig. Der gefährliche Moment ist nicht der Gedanke an den Ausgang. Es ist der Moment, in dem einem alles egal wird. Auch der Gedanke.

    Das Gerede der Anderen

    Es sind selten die eigenen Gedanken, die einen töten. Es ist das Gerede. Die Erwartungen. Die Sätze wie: Reiß dich zusammen. Andere haben es schlimmer. Sei dankbar.

    Bukowski hätte darüber gelacht. Dankbarkeit lässt sich nicht erzwingen. Sie kommt oder sie kommt nicht. Wer sie fordert, hat meistens keine Ahnung vom Gewicht fremder Tage.

    Der Körper lügt nicht

    Vieles, was wir Todessehnsucht nennen, ist schlicht Überforderung des Körpers. Zu wenig Schlaf. Zu viel Druck. Zu lange funktioniert. Der Körper zieht dann die Notbremse. Der Kopf nennt das Suizidgedanken.

    Vielleicht müsste man öfter fragen: Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Wann hast du zuletzt nichts leisten müssen?

    Bleiben ist Arbeit

    Bleiben ist keine romantische Entscheidung. Es ist Arbeit. Jeden Tag neu. Oft ohne Applaus. Man bleibt nicht, weil es schön ist, sondern weil man es noch aushält.

    Bukowski wusste das. Er hat das Bleiben nie gefeiert. Er hat es dokumentiert. Zeile für Zeile. Bier für Bier.

    Kein Schlusswort

    Diese Kolumne ist kein Plädoyer für den Tod. Sie ist auch keines fürs Leben. Sie ist ein Text über Wahlmöglichkeiten. Über Würde. Über das Recht, müde zu sein, ohne gleich verschwinden zu müssen.

    Der Ersatzreifen ist kein Versprechen. Er ist nur ein Gegenstand im Kofferraum. Man hofft, ihn nie zu brauchen.
    Aber man fährt anders, wenn man weiß, dass er da ist.

    Und manchmal reicht genau das, um weiterzufahren.
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    Lesen Sia auch: Warten auf die Schlangengrube

    Warten auf die Schlangengrube
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  • Warten auf die Schlangengrube

    Warten auf die Schlangengrube

    Gelassen sterben à la Vikings

    Kurz vor Weihnachten sah bzw. hörte ich in Vikings (ja, ich weiß, dass ich mit dieser Serie SEHR spät dran bin) diesen kurzen Dialog:

    „Ich habe in letzter Zeit viel über den Tod nachgedacht, Egbert.“

    „Das ist das Faszinierende an euch Nordmännern: Sobald ihr aus dem Mutterschoß kriecht, denkt ihr täglich an den Tod, bis er euch schließlich ereilt. Aber was ist mit der Zeit dazwischen; worüber denkt ihr da nach, Ragnar?“

    „Ihr meint so was wie Frauen?“

    Diese Szene – die alt gewordenen Protagonisten Egbert von Wessex und Ragnar Lodbrok sitzen sich spätabends in einem kargen Raum gegenüber und lassen ihre Leben Revue passieren: Wein, Gelächter, fast unverschämte Gelassenheit – gehört zu den wirklich starken Momenten der langen Wikingersaga. Kurz darauf lässt sich der Wikingerfürst ohne jede Gegenwehr, in eine Schlangengrube werfen. Egbert wiederum trennt sich von seiner jüngeren Geliebten, um sich ab sofort ohne Zerstreuung auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren zu können (und stirbt ebenfalls ein paar Folgen später).

    Und ich hocke auf meinem Sofa, schaue zu und denke: Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn – oder, weniger pathetisch formuliert, nach den wichtigen Dingen des Lebens – hängt fundamental davon ab, wann sie einem gestellt wird.

    Die falschen Antworten der ersten Lebenshälfte

    Bis 40 (von mir aus auch bis 50) hätte ich ohne Zögern geantwortet: Geld/Vermögensaufbau, Frau(en), Kinder. Vielleicht noch Karriere, Status, irgendetwas, das sich nach Bedeutung anfühlt. Sterben war damals ein Randthema. Etwas für später. Für andere. Für Menschen mit grauen Haaren, denen man unauffällig den Sitzplatz in der Bahn anbot.

    Was nach ein paar Jahrzehnten übrig bleibt

    Heute – 20 Jahre und rund 30 Aufenthalte in Suchtkliniken später – gewichte ich anders. Heute sage ich: Gott (oder wer auch immer diesen Laden hier verwaltet) gib mir noch ein paar Jahre bei einigermaßen passabler Gesundheit. Lass mich in der Zeit an Kindern, Enkeln und Facebook erfreuen. Mehr brauche ich nicht.

    Kein eitler Tand wie Vermögen mehr. Die Kohle muss fürs Auskommen eines Minimalisten reichen, nicht für ein Leben im Hochglanzformat. Frau(en) sind ü60 komplett entbehrlich. Nicht, weil ich sie nicht mag oder geringschätze (ich treffe mich gerne mit alten Schulfreundinnen, höre hin und wieder auf deren Ratschläge und nicke gelegentlich sogar verständnisvoll), sondern weil ich sie nicht mehr 24/7 um mich herum benötige. Auch nicht als Bettgenossinnen.

    Allein, aber nicht einsam

    Früher hätte ich mich allein wahrscheinlich einsam gefühlt. Heute fühle ich mich ab und zu allein, aber keineswegs einsam. Einsamkeit ist ein Defizit. Alleinsein ein Zustand. Und Zustände kann man aushalten, manchmal sogar genießen.

    Beim Gedanken an eine jüngere Geliebte – die man(n) sich finanziell ja auch erst einmal leisten können muss – bekomme ich nervösen Schluckauf. An ihrer Seite würde ich mich noch älter fühlen, als ich es ohnehin schon bin. Von fünfmal Sex in einer Nacht bin ich körperlich mittlerweile eh weiter entfernt als Ragnar Lodbrok vom Friedensnobelpreis. Insofern verstehe ich König Egbert voll und ganz. Wenn man sich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren möchte, tut man das am Ende des Lebens am besten allein.

    Warum man ab 60 keine (weniger) Angst vor dem Tod hat

    Was sich ab 60 einschleicht, ist nicht die Angst vor dem Tod. Das glauben nur Jüngere. Ab 60 kommt etwas anderes: eine nüchterne Vertrautheit mit dem Gedanken, dass das hier alles endlich ist. Keine theoretische Endlichkeit mehr, sondern eine statistisch belastbare. Man kennt plötzlich mehr Tote als Lebende. Man geht häufiger auf Beerdigungen als auf Hochzeiten. Und man merkt: Das Leben wird nicht kürzer, es wird enger.

    Wenn Sterben medizinisch wird

    Sterben ist ab 60 auch kein philosophisches Thema mehr, sondern ein medizinisches. Und ein organisatorisches. Man denkt über Patientenverfügungen nach, über Vorsorgevollmachten, über Beerdigungen. Nicht, weil man sterben will, sondern weil man nicht falsch sterben möchte.

    Denn was einen wirklich umtreibt, ist weniger der Tod als die Zeit davor. Die Apparate. Die Schläuche. Die Maschinen, die einen am Leben halten, obwohl man selbst längst freiwillig gegangen wäre, wenn man bloß dürfte.

    Krankenhäuser, Pflegeheime und andere Warteschleifen

    Ab einem gewissen Alter beginnt man, Krankenhäuser anders wahrzunehmen. Nicht mehr als Orte der Heilung, sondern als Übergangszonen. Als Hallen, in denen entschieden wird, ob man noch repariert wird oder nur noch verwaltet. Man kennt plötzlich Begriffe wie „Austherapiert“, „Palliativ“, „Komfortversorgung“.

    Pflegeheime verlieren ebenfalls ihren Schrecken – aber auf eine unangenehme Art. Man weiß: Das ist kein Ort zum Leben, sondern ein Ort zum Sterben mit Verzögerung. Man sieht dort Menschen, die nicht mehr krank sind, sondern verbraucht. Und man denkt unweigerlich: So bitte nicht.

    Apparate können Leben verlängern, aber nichts erklären

    Die Apparate-Medizin hat uns viele Jahre geschenkt. Aber sie nimmt sich am Ende auch welche zurück. Mit Zinsen. Beatmungsgeräte, Magensonden, Dialyse – technisch beeindruckend, menschlich fragwürdig. Man kann Leben verlängern, aber keine Würde. Und schon gar keinen Sinn.

    Palliativ, Sterbehäuser und der Wunsch nach Ruhe

    Deshalb beginnt man, sich für Palliativmedizin zu interessieren. Nicht aus Todessehnsucht, sondern aus Pragmatismus. Schmerzfrei. Angstfrei. Möglichst leise. Nicht als medizinischer Erfolg, sondern als menschlicher Abschied.

    Und irgendwann stolpert man über den Begriff „Sterbehäuser“. Orte, an denen Sterben kein Versagen ist. Keine Niederlage. Sondern ein Vorgang. Das wirkt auf Jüngere morbide. Auf Ältere wirkt es beruhigend.

    Was man nicht hinterlassen muss

    Was ebenfalls verschwindet, ist die Illusion, man müsse „etwas hinterlassen“. Kinder und Enkel reichen völlig. Niemand braucht meine Bücher, meine Meinungen oder meine Facebook-Kommentare für die Ewigkeit. Der Gedanke, dass nach mir nichts kommt außer ein paar Erinnerungen, die ebenfalls verblassen, ist überraschend tröstlich.

    Noch nicht Ragnar

    Ganz so weit wie Ragnar Lodbrok bin ich allerdings noch nicht. Mich milde lächelnd in eine Schlangengrube werfen zu lassen – in unsere moderne Welt übersetzt: dem Tod gefasst oder gar freudig entgegenzusehen – gelingt mir bislang nicht. Ich hänge noch zu sehr an Kleinigkeiten. An Routinen. An Kaffee. An dem Gefühl, morgens aufzuwachen und zu denken: Ah. Noch da.

    Warten

    Aber der Gedanke an den Tod hat seinen Schrecken verloren. Er ist kein Feind mehr. Eher ein stiller Begleiter. Einer, der irgendwann sagt: Jetzt reicht’s.
    Bis dahin warte ich.

    Nicht unbedingt auf den Tod.

    Eher darauf, ihm irgendwann ohne Apparate, ohne Panik und ohne falsche Hoffnungen zu begegnen.
    Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man alt genug ist, um zu sterben.
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    Unser Hörmal-Kolumnist Ulf Kubanke empfiehlt den zu Vikings gehörenden Soundtrack von Wardruna, um sich so richtig in Todeslaune zu versetzen:

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    Lesen Sie auch: Der Lebens-Koffer
    Lebens-Koffer

    und: Gesund sterben wollen wir alle
    Ich laufe, also bin ich noch

  • Der Lebens-Koffer

    Der Lebens-Koffer

    Wer will schon ewig leben? Die Frage stellte Freddy Mercury bekanntlich in einem Lied, das zur Filmmusik ausgerechnet für einen Film gehörte, in dem es irgendwie tatsächlich Aufgabe war, das ewige Leben zu erreichen, indem man alle anderen, die diese Fähigkeit auch hatten, eben umbrachte.

    Es scheint ein hartnäckiger Konsens in der Gesellschaft zu sein, dass der Mensch, wenn schon nicht ewig, doch so lange wie irgendwie möglich leben wollen müsste. Wir würden am Leben hängen, behauptet man, wir würden, wenn das Ende naht, so sehr hoffen, dass es noch nicht zu Ende sei. Wir hätten so einen unbändigen Weiterlebenswillen, der uns plötzlich zu Kämpfern macht, die mit dem Tode ringen, wenn es ans Sterben geht oder gehen könnte.

    Ich frage mich seit langem, ob das tatsächlich so ist, und wenn es so wäre, ob das vielleicht einfach aus diesem selbstverständlichen Konsens, dieser gesellschaftlichen Erzählung stammt. Es gibt für mich, ehrlich gesagt, gar keinen Grund, möglichst lange zu leben.

    Meine Vorstellung vom Leben ist die von einem Koffer oder einem Paket. Man kann Erfahrungen und Erlebnisse hineintun, man kann auch welche wieder rausnehmen (die vergisst man dann eben), wenn was Neues hinzukommt. Aber die Menge, die da reinpasst, ist überschaubar. Das Faszinierende aber ist, dass irgendwann gar nichts wirklich Neues mehr kommt, was man hineintun müsste, weil eine Version dieses vermeintlich Neuen schon enthalten ist.

    Familiäres

    Beispiel Familie: Man macht zunächst die Erfahrung, Kind zu sein, mit Eltern, Geschwistern, Verwandten. Diese Erfahrung ist ohnehin einmalig, die macht man kein zweites Mal. Man verliebt sich, vielleicht ein zweites, vielleicht ein drittes Mal. Die Erfahrung „sich neu verlieben“ kann man im Laufe des Lebens mehrfach machen, aber wer meint, da müsse immer noch eine Erfahrung „Neue Liebe“ dazu, ist vielleicht einfach vergesslich und weiß nicht mehr, dass er die schon kennt.

    Man macht die Erfahrung, selbst Kinder zu haben, die kann man auch ein paarmal machen, und die zweite unterscheidet sich auf jeden Fall von der ersten, aber die dritte ähnelt schon der zweiten und irgendwann weiß man, wie es ist, Kinder zu haben.

    Natürlich gibt es Menschen, die diese Erfahrung, und einige Weitere, die ich noch nennen werde, nicht haben – aber denen nützt ab irgendwann auch kein längeres Leben mehr, sie haben diese Erfahrung verpasst und können sie nicht mehr nachholen.

    Ich selbst habe inzwischen drei Enkel, und ich möchte die Erfahrung, Großvater zu sein, nicht missen. Ich spiele mit der Dreizehnjährigen gemeinsam Gitarre („Who wants to live forever…?) und mit den Achtjährigen Fußball. Ich freue mich darauf, diese Enkel noch als Erwachsene zus sehen. Ich bin auch erst 60, das passt also noch in meinen Koffer. Gern können noch ein paar Enkel dazukommen, aber die Erfahrung, Enkel zu haben, die hab ich schon, und Urenkel, was vielleicht noch mal anders ist, sind noch drin. Unbedingt noch Ur-Ur-Enkel zu haben – das muss nicht zwingend in den Koffer.

    Ich weiß schon, wie es ist, wenn nahe Verwandte sterben, und ich weiß, dass diese Erfahrung in den nächsten Jahren noch auf mich wartet. Ich werde auch von den traurigen Erfahrungen noch genug in den Koffer packen können.

    Was schaffen

    Ich weiß, wie es ist, etwas zu lernen, eine Ausbildung abzuschließen (habe ich drei Mal in den Koffer gepackt), einen Beruf auszuüben, etwas zu schaffen, etwas nicht zu schaffen, zu scheitern, zu versagen, wieder Erfolg zu haben. Auch das kann man noch öfter wiederholen, klar. Man kann immer was Neues beginnen, und wer es noch nicht getan hat, der hat in meinem Alter noch genug Zeit, damit anzufangen und diese Erfahrungen noch einzusammeln.

    Ebenso ist es mit anderen wichtigen Dingen. Ich habe- mit mäßigem Erfolg – zwei Musikinstrumente zu spielen und sogar mal etwas Singen gelernt, ich ärgere mich über mangelnden Fleiß und Beharrlichkeit, und ich weiß, dass ich das wohl nicht mehr perfekt hinkriegen werde – aber da würde es mir auch nicht helfen, meinen Tod am Ende noch hinauszuzögern. Ich bin in die Berge gegangen, stand auf ein paar Gipfeln, nichts Extremes, ich habe Wildnistouren im Winter in Nordfinnland gemacht. Ich werde das auch zukünftig tun und Freude daran haben. Vielleicht werde ich auch neue Herausforderungen suchen, aber die Erfahrung, unter unwirtlichen Verhältnissen in der Natur klarzukommen, die habe ich schon ein paarmal im Koffer. Einiges, was ich mal machen wollte, werde ich nicht mehr schaffen, das weiß ich schon, aber auch das macht mir den Abschied vom Leben nicht schwer.

    Spuren hinterlassen

    Ich will Spuren in der Welt hinterlassen und ein bisschen was dazu tun, dass sie nicht schlechter wird und nicht kaputtgeht. Als Kind dachte ich, ich würde da was ganz großes, unvergessliches Notwendiges vollbringen. Inzwischen meine ich, dass das bisher niemandem gelungen ist und auch mir nicht gelingen wird. Zudem ist mir klargeworden, dass die Wirkung, die man erzielen will, nie die ist, die man wirklich erzielt, und es ist vielleicht besser, sich auf kleine, überschaubare Wirkungen zu konzentrieren, die man selbst noch ein wenig korrigieren kann, als etwas zu tun was „nicht in Äonen untergehen“ kann aber dann das Gegenteil von dem ist, was man beabsichtigt hat. Also habe ich einiges geschrieben und geredet und zu bewegen versucht und werde das weiterhin tun, auch da habe ich die Erfahrung kleiner Erfolge und großen Scheiterns bereits gemacht und in den Koffer gepackt, auch in der Ecke ist noch ein bisschen Platz, aber es würde sich nicht lohnen, um ein paar Wochen oder Monate weiteren Lebens zu kämpfen, damit da unbedingt noch die ganz große Leistung, der große Erfolg oder die Überzeugung, nun doch unvergesslich in die Ahnengalerie der Guten eingetragen zu sein, hinzukommt.

    Fortschritt und Rückschritt

    Ich habe staunenswerte technische Fortschritte und begeisternde gesellschaftliche Entwicklungen erlebt, ich habe die Kehrseiten und die Rückschritte ebenso kennengelernt. Auch da passt noch was in den Koffer, aber auch da ähnelt sich das Erleben von mal zu mal mehr, das Erstaunen und die Freude bleiben, aber sie werden durch die Sorge vor dem Kommenden schon getrübt.

    Was die Welt und die Menschheit überhaupt betrifft, meine ich, dass sie in Schwingungen oder Wellen existiert, jedenfalls in einem endlosen Auf und Ab. Ich habe eine Zeit erlebt, in der wir schon mal dachten, alles wäre bald zu Ende (Kalter Krieg, Atomkriegsgefahr, Wettrüsten), ich habe in einer Zeit gelebt, in der wir dachten, nun käme doch der ewige Frieden, ich erlebe heute wieder, dass wir Angst vor den weiteren Geschehnissen haben müssen. Ich weiß nicht, wie schlimm es wird, aber der Blick in die Geschichte lehrt mich, dass es auch wieder besser wird – und ich hoffe, dass die bessere Zeit dann die ist, in der ich gehe – und dass ich mit dem Gedanken sterben kann, dass ich ein bisschen was dafür getan habe. Aber wenn es in einer schlechten Zeit mit mir zu Ende geht, dann bringt es auch nichts, auf ein klein wenig Verlängerung zu hoffen. Die Gewissheit, dass es irgendwann wieder aufwärts geht, habe ich schon heute, und die hätte ich dann auch.

    Noch nicht ganz voll

    Mein Koffer ist nach 60 Jahren eines intensiven Lebens schon ganz gut gefüllt, es passt noch etwas rein, aber das Meiste ist „im Kasten“. Wer in meinem Alter ist und das noch nicht sagen kann, dem kann ich nur empfehlen: Los geht’s, es ist noch nicht zu spät, jedenfalls für das Meiste, und das, was nicht mehr geht, das kann man noch durch anderes ersetzen. Bei mir passt noch einiges rein, und ich werde den Koffer gern bis zum Rand füllen, aber wenn es demnächst irgendwann, warum auch immer, zu Ende gehen würde, dann könnte ich auch sagen: es ist auch so schon genug.

    Traurig ist es für die, deren Leben zu Ende geht, ohne dass sie ihren Koffer schon halbwegs gefüllt haben. Für die lohnt es sich, um das Weiterleben zu kämpfen, wenn es durch Krankheit oder Unfall auf der Kippe steht. Und da sehe ich auch die gesellschaftliche Aufgabe, diesen Menschen mit allem zu helfen, damit die Chancen bewahrt werden, dass sie ihren Koffer weiter füllen können, vielleicht anders als zuvor, aber es gibt ja so viele Möglichkeiten.

    In meinem eigenen Koffer bleibt wahrscheinlich immer noch etwas Platz, um noch eine schöne oder eine traurige und dennoch bedeutende Kleinigkeit hineinzupacken. Ich stelle mir aber vor, dass ich, wenn es zu Ende geht, einfach sagen kann, er ist gut gefüllt, jetzt kann ich ihn schließen.

  • Macht Feuerwerk!

    Macht Feuerwerk!

    Alle Jahre wieder, dieses Wortspiel muss erlaubt sein, kehrt pünktlich nach Weihnachten die Diskussion um das Böllerverbot in die deutschen Medien zurück. Kurz nach Neujahr hat sie nun auch die Kolumnisten erreicht, die Kollegin Cythia Tschoëk findet, die Tradition brauche ein Update und das Böllern gehöre endlich verboten, weil wir ja schließlich auch andere Dummheiten schon lange nicht mehr machen würden, etwa genüsslich bei der Vollstreckung von Todesurteilen zuschauen.

    Das Tierschutz-Argument

    Es sind immer die gleichen drei Argumente, die vorgetragen werden, in den letzten Jahren sind alledings die armen Haustiere, die so sehr unter der Silvester-Feuerwerkerei leiden würden, in den Mittelpunkt gerückt. Tierleid zieht schon lange am besten gegen jeden Spaß, den sich Menschen gern erlauben würden. Im Falle des Böllerns zu Silvester ist das allerdings besonders makaber: Diejenigen, die das ganze Jahr über Hunde und Katzen in engen Wohnungen und in Städten, die für Tiere nun wirklich nicht gemacht sind, halten, die, die ihre Tiere 365 Tage im Jahr wegsperren oder an einer Leine durch den Straßenverkehr führen, die, die sich für Exemplare von Tierrassen entscheiden, die künstlich gezüchtet sind und nur unter extrem künstlichen Bedingungen halbwegs überleben können, die ihre Tiere mit hochgradig denaturiertem Futter ernähren, das als Menschennahrung mit Sicherheit verboten wäre, die erregen sich darüber, dass andere an einem Tag im Jahr, konzentriert auf wenige Stunden, etwas tun, was diesen Tieren Angst macht und was sie dazu bringt, dass sie sich notdürftig unter einem Tisch oder einem Sofa verstecken, die mit ihren natürlichen Verstecken nichts gemein haben.

    Dass Tiere sich erschrecken, wenn was knallt und blitzt, ist übrigens nicht so unnatürlich, bei weitem nicht so unnatürlich wie ein beliebiges „Gespräch“, das Katzen- und Tierhalter mit ihren „Schützlingen“ führen, wenn sie sie an der Leine führen, in den Kofferraum sperren oder auf ihren Schoß zwingen. In der Natur, das wissen vielleicht die wenigsten dieser besorgten Tierhalter, blitzt, kracht und brennt es immer wieder, nicht nur ein Mal im Jahr. Tiere verstecken sich dann, das ist in Ordnung und völlig natürlich. Allerdings bieten die Wohnungen der Tierhalter leider weder gute Verstecke noch Fluchtmöglichkeiten. Und ja, manche Tiere sterben auch, wenn sie sich erschrecken und in Panik geraten. Dass Tiere, die weitab vor der Natur leben müssen und gezüchtet wurden, um menschlichen Spiel- und Geselligkeitsbedürfnissen zu genügen, da besonders anfällig sind, ist tragisch, aber sicherlich nicht die Schuld von Feuerwerks-Liebhabern.

    Umwelt- und Gesundheitsschutz

    Das zweite Argument ist natürlich der Umweltschutz. Dass das Silvester-Feuerwerk eine größere Umweltsünde ist als einige andere menschliche Rituale, wie etwa das Osterfeuer, Kreuzfahrtschiffe, Lagerfeuer am Strand und vieles mehr, ist nicht bekannt. Es wäre natürlich nicht überraschend, wenn Leute, die gern das Feuerwerk in der Neujahrsnacht verbieten würden, auch gleich noch das Osterfeuer und die Kreuzfahrtschiffe mit verbieten würden. Dem Verbieten unvernünftiger menschlicher Handlungen kann man kein Ende setzen, das ist das Tolle daran, man findet immer noch was, was unvernünftig und irgendwie sogar gefährlich ist, was man noch verbieten könnte. Das Menschen Freude daran haben, ist egal, denn auf Freude kommt es nicht an, wenn man vernünftig sein will, koste es, was es wolle.

    Damit sind wir auch schon beim dritten Argument, der Unfallgefahr. Denn es ist ja so gefährlich, in betrunkenem Zustand Feuerwerk zu zünden, es belastet die Feuerwehren und die Rettungsdienste. Das ist korrekt, aber der Mensch ist nun mal kein vernünftiges Wesen. Der Schreiber dieses Textes wird sich, kaum ist dieser Text erschienen, auf dem Weg in den hohen Norden befinden, mit einem Flugzeug wird er an die Nordspitze Skandinaviens reisen um dort sechs Tage auf Schi bei -25°C durch die Wildnis zu stapfen, von einer Wildnishütte zur anderen, die übrigens selbst mit Holz beheizt werden müssen, das ist auch irgendwie gefährlich und zudem völlig sinnlos – es ist unvernünftig. Wenn da was schief geht, rücken Rettungskräfte aus und sammeln ihn hoffentlich lebend wieder ein, um ihn dann in einem modernen Krankenhaus gesund zu pflegen, damit er schon bald wieder ärgerliche Kolumnen schreiben kann. Sollte man das nicht auch verbieten, so wie Bergsteigerei, übermäßigen Sport, Marathonläufe?

    Das Unvernünftige ist das Sinnvolle

    Wenn die Menschen nur noch vernünftige Dinge tun, dann stellt sich die Frage, wozu sind sie überhaupt da? Welchen Sinn hat ein vernünftiges Leben? Das, was wir uns erzählen, ist immer das Unvernünftige, das hat Bedeutung für uns.

    Und dazu gehört auch ein buntes, glitzerndes, leuchtendes und ja, auch geräuschvolles Feuerwerk. Wir stehen da und staunen und sind begeistert. Das Wort Feuerwerk ist ja geradezu ein Synonym für den Rausch, nach dem wir uns sehnen und den wir genießen, weil wir wissen, dass er vergänglich ist. Ein Feuerwerk der Farben, ein Feuerwerk der Gefühle, selbst die Erklärung der Neurobiologen für das, was da geschieht, heißt Neuronenfeuerwerk.

    Natürlich gäbe es auch Alternativen zu einem vollständigen Verbot, und an einigen wird ja schon lange gearbeitet. Feuerwerkskörper werden immer sicherer, und daran kann man weiter arbeiten. Es gibt Feuerwerke, die leuchtende Effekte erzielen ohne viel Krach zu machen. Man kann daran arbeiten, Schadstoffe zu reduzieren. Aber leider kennt die öffentliche Debatte, wie so oft, nur die Extreme, alles oder nichts. Es wird kein Konsens oder gar Kompromisse gesucht, es wird nur nach Verboten gerufen.

    Deshalb ist zu befürchten, dass es mit dem Feuerwerk bald vorbei ist. Umfragen wollen ermittelt haben, dass 60% der Deutschen dafür sind, das Silvesterfeuerwerk zu verbieten oder allenfalls noch ein gesittetes, zentrales, offizielles Feuerwerk zu gestatten. Wie das den Hunden und Katzen hilft und warum es weniger umweltbelastend ist, bleibt das Geheimnis derer, die so etwas als „Kompromiss“ vorschlagen. Aber es wäre natürlich ein geschickter Schritt zum Komplettverbot: Hat man das Feuerwerk erstmal in städtische Hand gegeben, kann man im nächsten Schritt darauf hinweisen, dass die Städte doch viel zu wenig Geld haben, sowas zu finanzieren. Und denen, die Feuerwerke lieben, weil sie es auch gern selbst machen und in der Nähe erleben wollen, wird es bald egal sein, weil ein zentrales Feuerwerk an einem Platz eh nicht das gleiche Erlebnis ist.

    Den 60% angeblichen Feuerwerks-Gegnern stehen zwar die steigenden Umsätze des Feuerwerkshandels entgegen, aber es ist zu befürchten, dass die Politik schon bald erwacht und verkündet, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Nichts ist bekanntlich einfacher als etwas zu verbieten, von dem Umfragen behaupten, dass die Mehrheit der Menschen dagegen sei, und was zudem noch mit dem Vorwand des angeblichen Tier-, Umwelt- und Gesundheitsschutzes versehen werden kann. Wir sehen trostlosen, grauen Zeiten entgegen, in denen wir sehr sehr lange leben können, wenn man das dann noch Leben nennen mag.

  • Warum wir lieber suchen als finden

    Warum wir lieber suchen als finden

    „Du kannst doch nicht für immer allein bleiben“, sagt die alte Schulfreundin, die seit Jahren in einer Beziehung feststeckt, die sie nur mit Sarkasmus und (zu viel) Rotwein erträgt, während sie sich hin und wieder unter einem Pseudonym beim Online-Dating tummelt.

    „Doch“, sage ich. „Das geht.“

    „Aber willst du das tatsächlich?“

    „Nein. Aber ich will den Rest auch nicht.“

    Damit sind wir schon im Thema. Partnersuche im fortgeschrittenen Erwachsenenalter ist kein romantisches Unterfangen mehr, sondern eine Abwägung zwischen zwei Übeln: Alleinsein oder Kompromiss. Wer behauptet, es gehe noch um große Gefühle, hält Wunschdenken für einen Plan oder verdient sein Geld mit Paartherapie.

    Ein bisschen Statistik, um die Illusion zu töten

    Gefühlt 80 Prozent der Menschen zwischen 40 und 60 sind entweder frisch getrennt, latent unzufrieden oder offiziell „offen für Neues“. Das ist keine belastbare Studie, sondern eine Kneipenstatistik, aber wie bei allen guten Statistiken stimmt die Richtung. Kaum jemand ist glücklich vergeben, kaum jemand wirklich gern allein. Die meisten dümpeln dazwischen wie Treibgut nach einem Beziehungs-Tsunami.

    Interessant ist: Alle suchen. Und fast alle klagen über dieselben Dinge. Die anderen seien schwierig, bindungsgestört, oberflächlich, egoistisch, psychisch angeschlagen oder schlicht unattraktiv. Niemand kommt auf die Idee, dass er selbst Teil des Problems sein könnte. Das wäre ja auch unerquicklich.

    Online-Dating: Der Markt regelt – leider

    Partnersuche ist heute Markt. Punkt. Angebot, Nachfrage, Selbstdarstellung, Konkurrenz. Wer das leugnet, ist entweder neu dabei oder hoffnungslos romantisch deformiert. Datingplattformen funktionieren wie Online-Shops. Man filtert, sortiert aus, legt Kriterien fest, die man früher nie formuliert hätte.

    „Nichtraucher, sportlich, humorvoll, emotional verfügbar, bitte ohne Altlasten.“ Altlasten – ein wunderschönes Wort für Kinder, Ex-Partner, Lebenserfahrung.

    Gleichzeitig bringt jeder selbst einen ganzen LKW davon mit.

    Man selbst ist das Produkt. Mit Bildern, Texten, Versprechen. „Reiselustig“, „tiefgründig“, „lache gerne“. Wer nicht gerne lacht, schreibt das natürlich nicht rein. Ehrlichkeit ist hier ein theoretisches Konzept.

    Die große Lüge vom Matching

    Uns wird suggeriert, Algorithmen könnten Passung berechnen. Als ließe sich Begehren mathematisch erfassen. In Wahrheit filtern diese Systeme nur grob vor: Alter, Entfernung, Bildungsgrad. Der Rest ist Zufall. Oder Pech.

    Das Matching erzeugt vor allem eines: die Illusion unbegrenzter Auswahl. Und diese Illusion ist Gift. Denn wer glaubt, es gäbe immer noch etwas Besseres, bleibt innerlich unverbindlich. Warum investieren, wenn der nächste Swipe vielleicht ein Upgrade bringt?

    So entsteht eine Generation emotionaler Leasingverträge. Jeder ist ersetzbar, niemand unverzichtbar.

    Kontaktaufnahme – oder: der stille Massenfriedhof

    Die meisten Nachrichten versanden. Das ist kein Drama, sondern Normalität. Wer damit nicht umgehen kann, sollte sofort aufhören. Ghosting ist keine persönliche Beleidigung, sondern eine Effizienzmaßnahme. Die Postfächer quellen über. Selektion erfolgt brutal.

    Männer schreiben zu viel, Frauen antworten zu wenig – das alte Lied. Daraus resultieren Frust, Ressentiments und bizarre Theorien über das jeweils andere Geschlecht. Er glaubt, sie sei überheblich. Sie glaubt, er sei verzweifelt. Beide haben recht.

    Gespräche ohne Risiko

    Kommt es zum Austausch, ist alles merkwürdig glatt. Niemand will anecken. Niemand zeigt sich wirklich. Man spricht über Reisen, Essen, Serien. Tiefe wird behauptet, aber vermieden. Bloß nicht zu früh ehrlich sein. Ehrlichkeit könnte abschrecken. Und Abschrecken ist das Schlimmste, was passieren kann – noch schlimmer als sich selbst zu verlieren.

    Das Resultat sind Gespräche, die man nach zwei Tagen vergessen hat. Menschen werden austauschbar. Nicht, weil sie es sind, sondern weil man sie so behandelt.

    Das erste Treffen – 30 Sekunden Wahrheit

    Das erste Treffen ist gnadenlos. Innerhalb von Sekunden entscheidet sich alles. Stimme, Geruch, Präsenz. Dinge, die kein Profil abbildet. Danach läuft ein inneres Protokoll:

    – Könnte ich mir vorstellen, mit dieser Person aufzuwachen?
    – Würde mich ihre/seine Art auf Dauer nerven?
    – Ist genug Anziehung da, um mich selbst zu belügen?

    Häufige Antwort: nein.

    Dann folgt der Satz: „Du bist total nett, aber…“ Nett ist der diplomatische Begriff für: keinerlei erotische Relevanz. Nett ist Endstation.

    Warum es strukturell nicht funktioniert

    Die meisten scheitern nicht an einzelnen Begegnungen, sondern an systemischen Widersprüchen:

    Man will Nähe, aber keine Verpflichtung.
    Man will Freiheit, aber nicht allein sein.

    Man will verstanden werden, ohne sich erklären zu müssen.
    Man will einen reifen Partner, ist selbst aber kaum kompromissfähig.

    Hinzu kommt die Vorgeschichte. Jeder bringt Verletzungen mit, die angeblich verarbeitet sind. Spoiler: sind sie nicht. Man reagiert auf alte Muster, nicht auf den aktuellen Menschen. Ein falsches Wort, und die Vergangenheit übernimmt.

    Der Mythos der „richtigen Zeit“

    Oft heißt es: „Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt.“ Das ist Unsinn. Der Zeitpunkt ist fast nie richtig. Entweder ist man noch beschädigt von der letzten Beziehung oder bereits zynisch von der Suche. Das Zeitfenster emotionaler Offenheit ist schmal – und wird mit zunehmendem Alter eher kleiner.

    Illusionsverzicht als Überlebensstrategie

    Vielleicht liegt die Lösung nicht darin, besser zu suchen, sondern weniger zu erwarten. Keine ewige Liebe, keine Seelenverwandtschaft, kein Hollywood-Finale, sondern: stattdessen funktionierende Nähe auf Zeit. Respekt. Humor. Sexuelle Anziehung. Und die Fähigkeit, sich wieder zu trennen, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen.

    Das ist unromantisch. Aber realistisch.

    Wer ohne Illusionen sucht, hat bessere Chancen, nicht bitter zu werden. Die Partnersuche wird dadurch nicht erfolgreicher, aber erträglicher. Und manchmal ist das schon ein Gewinn.

    Oder man lässt es ganz. Auch das ist legitim. Alleinsein ist kein Makel, sondern ein Zustand. Mit Vorteilen. Vor allem Ruhe.

    Und Ruhe, das stellt man irgendwann fest, ist ohnehin das attraktivste Beziehungsmodell.
    +++

    Lesen Sie auch: Männer und Frauen sind das nackte Grauen

  • Mehr Denkmäler bitte!

    Mehr Denkmäler bitte!

    Immer wenn Denkmäler gestürzt oder abmontiert werden, wenn Straßen, Plätze oder Universitäten umbenannt werden, regt sich Widerstand. Reden wir nicht von den Ewiggestrigen, die die alten Kaiser, Sklavenhändler und sonstigen Größen vergangener Zeiten immer noch verehren, denen die Denkmäler und Benennungen gewidmet waren. Gegen das „Ausradieren der Vergangenheit“ wenden sich auch diejenigen, die befürchten, dass auch die Erinnerung an die dunkle Vergangenheit verschwindet, wenn man die Namen der früheren Helden aus der Öffentlichkeit verbannt. Wir sollten dazu stehen, so das Argument, dass diese Männer einmal verehrt wurden, wir sollten ihre Abbilder und Namen als verstörende Erinnerung in der Öffentlichkeit bewahren, damit wir immer an die Zeiten erinnert werden, in denen diese Leute als Vorbilder und Lichtgestalten verehrt wurden.

    Denkmäler einreißen als Befreiung

    Das ist ein gutes Argument, und es gibt sicher auch andere Möglichkeiten, zu zeigen, dass wir inzwischen anders über diese Menschen denken als zu der Zeit, als ihnen Denkmäler gebaut wurden.

    Andererseits kann das Einreißen von Denkmälern, das Austauschen von Straßennamen, das Umbenennen von Institutionen auch ein Akt der Befreiung sein. „Jemanden vom Sockel stoßen“, dass ist sogar ein geflügeltes Wort, das bedeutet, sich mit Kraft und Gewalt von einer Last zu befreien. Der Akt des öffentlichen Vernichtens von Symbolen der Verehrung ist selbst eine Form der Umgestaltung der Gesellschaft, des Diskurses, des Kampfes mit der Vergangenheit, der Neubestimmung. Die zivilisierte Gesellschaft ist in der Lage, dem Sturz des Denkmals selbst einen Erinnerungsort zu schaffen, sie hat Museen, in denen die gestürzte Statue ihren Platz finden kann, sie kann die Geschichte der Straßennamen dokumentieren und den Befreiungsaktion selbst in der Erinnerung bewahren. Insofern wäre es gut, wenn an jedem neuen Namensschild eine Erinnerungsplakette angebracht würde, die auf den alten Namen hinweist und an den Moment der Umbenennung erinnert.

    Erinnerung wird vermieden

    Bedenklich ist, dass wir in einer Zeit leben, die die Erinnerung an Personen und an Ereignisse, auf die die Gesellschaft stolz sein könnte, vermeidet. Als der Hindenburgplatz in Münster zu Recht umbenannt wurde, hätte man ihn z.B. nach der ersten Frau, die in Münster promoviert hat, „Johanna-Richter-Platz“ nennen können. Statt dessen heißt er jetzt Schlossplatz. Die Umbenennung der Westfälischen Wilhelms-Universität brachte der Hochschule den wenig kreativen Namen „Universität Münster“. Gerade einmal Hamburg und München haben es gewagt, ihre Flughäfen nach Politikern zu benennen. Und wo stehen die Denkmäler für die Helden unserer Zeit? Wenn Denkmäler gebaut werden, sind sie selten großen Ereignissen und schon gar keinen verehrungswürdigen Personen gewidmet. Abstrakten Idealen werden Denkmäler gesetzt, die in Zukunft kaum Anstoß erregen werden, weil sie je nach politischer Lage auch umgedeutet werden können.

    Unseren Nachkommen nehmen wir so die Chance, über unsere Zeit zu streiten, sich an unseren Denkmälern abzuarbeiten und sie womöglich zu stürzen. Wie wird man in späteren Jahren über uns diskutieren können, wie wird man sich von unseren Fehlern distanzieren können, wenn wir keine Denkmäler für die Menschen errichten, die wir als Symbole unserer Ideale verehren? Wir brauchen mehr Straßen und Plätze mit den Namen der „Großen unserer Zeit“, Denkmäler für unsere Helden – damit unsere Nachfahren sie stürzen können, wenn sie meinen, dass sie gestürzt werden müssen.

  • Rosa Parks und der Mut, Nein zu sagen

    Rosa Parks und der Mut, Nein zu sagen

    Heute vor 70 Jahren wurde Rosa Parks in Montgomery verhaftet, weil sie nicht bereit war, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Passagier herzugeben. Ihre Weigerung, sich den absurden diskriminierenden Gesetzen der „Rassentrennung“ zu beugen, wurde zum Symbol, war ein Auslöser des Bus-Boykotts, der letztlich dazu beitrug, dass die Gesetze zur Diskriminierung Farbiger in den USA aufgehoben wurden.

    Ich selbst bin der Geschichte von Rosa Parks erst spät begegnet, in der Episode Rosa der britischen Science-Fiction-Zeitreisen-Serie Dr. Who von 2018, die die Ereignisse dieses 1. Dezember 1955 nachzeichnet, um zu zeigen, dass es die kleinen Ereignisse sind, die den Lauf der Geschichte nachhaltig beeinflussen können. Ob das geschichtsphilosophisch haltbar ist, kann dahingestellt bleiben. Sicher ist, ohne die mutigen Entscheidungen einzelner Personen, die aufstehen (oder im Falle von Rosa Parks eben sitzenbleiben) und „Nein“ sagen, geht es nicht. Das wird in diesem berührenden Film von der Schauspielerin Vinette Robinson auf eindringliche Weise gezeigt. Damit persönlicher Mut eine gesellschaftliche Veränderung auslöst, muss einiges zusammenkommen, und manchmal kommt der Mut zu früh und kann nicht zum Impuls werden, manchmal sind es mehrere mutige Entscheidungen verschiedener Menschen, die unübersehbar zeigen, dass es so nicht weitergeht und dass die Zeit gekommen ist für einen Wandel. So war es auch im Falle von Rosa Parks, sie war nicht die einzige Mutige, aber auch auf sie kam es an.

    Wann der richtige Moment ist, weiß man nie oder immer erst im Nachhinein, wenn aus dem Anstoß eine Bewegung geworden ist, die die Welt, wenigstens für eine Zeit, zu einer besseren macht. Deshalb brauchen wir auch diese Geschichte, die uns Menschen wie Rosa Parks und ihre Bereitschaft, sich gegen die Ungerechtigkeit aufzulehnen, im Gedächtnis hält.

    Im Film, der eine der besten Episoden der Dr-Who-Staffeln der letzten Jahre ist, wird die berührende Schlussszene von dem Lied Rise Up von Andra Day begleitet, eine wunderbare Musikerin, die ich ohne Dr. Who und ohne Rosa Parks vielleicht auch nie bemerkt hätte. Es lohnt sich, die Werbung zu ertragen und sich diese Szene in voller Länge anzusehen.

  • Der Fluchtreflex der Privilegierten oder …

    Der Fluchtreflex der Privilegierten oder …

    Prolog

    Als Anfang der 80-er Jahre der Kalte Krieg noch ziemlich kalt war, erzählte mir der Vater einer Schulfreundin – ein mit regionaler Abfallentsorgung zu Wohlstand gelangter Mittelständler – davon, dass er für den Fall, „der Russe“ marschiere in Westdeutschland ein, jederzeit einlösbare Flugtickets nach sowie Daueraufenthaltstitel für Kanada – und zwar für die gesamte Familie, die aus ihm, Ehefrau, meiner Schulfreundin zzgl. zwei Brüdern bestand – im Wandtresor seines Arbeitszimmers aufbewahre. Der Iwan würde nämlich zuallererst erfolgreiche Unternehmernaturen wie ihn an die Wand stellen, weshalb rechtzeitiges In-Sicherheit-bringen die klügste Option darstelle. Im Gegensatz zu ihm befürchtete ich zwar nicht die baldige Invasion der Russen, grämte mich jedoch wegen des demnächst eventuell anstehenden Abschieds von meiner Schulfreundin, denn die mochte ich damals sehr. Als ich zurück im eigenen Elternhaus meinem Vater von den Überlegungen des Nachbarn berichtete und mich danach erkundigte, ob wir nicht ebenfalls solche Vorsichtsmaßnahmen – tunlichst mit Destination Kanada – ergreifen wollten, antwortete er ohne jegliches Zögern: „Nein, das werden wir nicht tun. Probleme löst man nicht durch Flucht, sondern indem man sich ihnen stellt“. Okay, wir hätten das mit Flugtickets und Daueraufenthaltstiteln finanziell auch nicht bewerkstelligen können, denn im Unterschied zum wohlhabenden Nachbarn war mein Vater Beamter mit überschaubarem Einkommen, das zwar im Sommer für drei Wochen Italienurlaub ausreichte, allerdings nicht annähernd gelangt hätte, um unseren Lebensmittelpunkt von Köln nach Vancouver zu verlagern. Aber selbst bei einem Millionen-Lottogewinn wären wir mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ausgewandert, weil gemäß väterlicher Maxime Patrioten so was nicht tun und meine Mutter sich zudem vor der kanadischen Kälte im Winter sorgte.

    Sprung in die Jetztzeit

    Vor einigen Tagen erklärte der Satiriker Jan Böhmermann in einem Interview mit der SZ, dass er im Falle einer Machtübernahme durch die AfD konkret über Auswanderung nachdenke:

    Wohin er auswandern würde, wollte der Moderator des „ZDF Magazin Royale“ nicht verraten: „Sage ich nicht, ich will ja nicht gefunden werden.“ Er stellte auch gleich klar, dass er das nicht als Witz gemeint hat: „Ist keiner!“
    © t-online: „Kein Witz“: Böhmermann will bei AfD-Sieg Deutschland verlassen

    Nun gut. Wandern wir einmal durch diesen Gedankengang.

    Die Gründe wechseln, der Fluchtreflex bleibt derselbe

    Die Gründe fürs Auswandern haben sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. Stand in den 70-er und 80-er Jahren die Angst vor der russischen Invasion im Vordergrund (siehe den Prolog oben), war’s nach dem Fall der Mauer oft das deprimierende mitteleuropäische Wetter, das Menschen, die es sich leisten konnten, in Richtung Dauerwohnsitz Gran Canaria & Côte d’Azur trieb, während heutzutage die (angeblich) mangelhafte Sicherheitslage und die (angeblich) drohende Machtübernahme der AfD die Promis zur Migration zwingen.

    Mir persönlich ist es einerseits völlig egal, wo die Reichen & Schönen wohnen. Ob Mallorca, Teneriffa, Londoner Westend, Beverly Hills oder eine dieser künstlichen Palmeninseln vor Dubai – sollen sie doch, wenn’s ihnen gefällt. Wer erfolgreich ist, hat andere Möglichkeiten, und warum sollte ich jemandem neiden, dass er im November nicht durch den Bremer Nieselregen stapfen muss? Leben und leben lassen.

    Andererseits käme ich persönlich nie auf die Idee, den Wohnort zu wechseln, nur weil das politische Klima rauer wird. Mein innerer Kompass sagt mir: Mitgefangen, mitgehangen. Demokratie bedeutet nicht nur, die Ergebnisse zu feiern, die einem gefallen. Demokratie bedeutet ebenfalls auszuhalten, wenn Millionen Menschen anders wählen als man selbst. Und nein, das heißt nicht, dass man die Hände in den Schoß legen soll. Man kann kämpfen, sich engagieren, widersprechen – von hier, aus diesem Land. Man muss dafür nicht unbedingt von einer mediterranen Dachterrasse aus Tweets des Widerstands in die Timeline schicken.

    Ja, der importierte Antisemitismus und die Gewaltbereitschaft einiger Flüchtlinge sind veritable Probleme. Und wenn man auf eine erzreaktionäre, rechtspopulistische Partei in Regierungsverantwortung keine große Lust verspürt – so kann ich auch das nachvollziehen. Jedoch: was wird in Deutschland besser, wenn wohlhabende Bürger den Boden, der ihnen zu heiß wird, fluchtartig verlassen? Wer kümmert sich darum, dass es wieder besser wird?

    Egoismus & elitäres Gehabe

    Böhmermann – stellvertretend für viele ähnlich argumentierende Promis – demonstriert mit seiner Auswanderungsankündigung zwei Dinge, die mich irritieren:

    Erstens: Egoismus.
    Wenn jemand öffentlich sagt, er verlasse das Land, sobald die politische Lage ungemütlich wird, dann klingt das für mich nach Flucht aus persönlicher Unannehmlichkeit. Während Millionen Menschen, die keine öffentlichkeitswirksame Stimme haben oder deren Existenzen tatsächlich bedroht wären, bleiben müssen und aushalten. Wenn ein wohlhabender Promi sich verabschiedet, hilft das niemandem, der hier lebt – im Gegenteil, es verstärkt das Gefühl, dass sich die, die gesehen und gehört werden, aus dem Staub machen, sobald es ernst wird.

    Zweitens: elitäres Gehabe.
    99,9 Prozent der Deutschen können sich nicht mal eben eine Finca auf Mallorca, ein Loft in Manhattan oder eine Villa auf Teneriffa leisten. Für die meisten ist Auswandern keine Option, sondern ein Gedankenspiel aus Fernsehformaten. Wer mit solch einer Ankündigung in die Mikrofone spricht, zeigt vor allem, wie groß die Distanz zwischen Prominenz und Normalbürger inzwischen geworden ist. Und wenn man schon privilegiert ist – muss man dann wirklich so laut damit klingeln?

    Vielleicht ist das der Punkt, der mich am meisten stört: Nicht, dass jemand weg will. Sondern dass es öffentlichkeitswirksam inszeniert wird, als politisch-moralischer Akt, als eine Art Notwehrsymbolik. Dabei ist es am Ende einfach ein persönlicher Sicherheits- oder Komfortwunsch. Was auch okay wäre! Aber weshalb muss immer dieses Pathos mitschwingen? Warum nicht einfach sagen: „Ich habe keinen Nerv mehr auf den Stress und gönne mir ein paar Jahre Sonne“? Das wäre ehrlich, sympathisch und unaufgeregt.

    Denn machen wir uns nichts vor: Die meisten dieser öffentlichen „Ich wandere aus, wenn …“-Sätze sind keine politischen Analysen. Sie sind Statements fürs eigene Publikum. Wer sich moralisch positionieren will, schlägt oft mehr Lärm als nötig. Das gilt für links wie rechts. Beide Seiten nutzen Pathos, beide Seiten inszenieren sich als bedroht, beide Seiten deklarieren ihre Emotionen gern als Allgemeinbefund.

    Doch gerade Menschen, die im Rampenlicht stehen, sollten eigentlich wissen: Öffentlichkeit ist kein Wohnzimmer. Worte haben Wirkung. Und wer den Eindruck erweckt, er wolle sich im Ernstfall als erster vom Acker machen, vermittelt zwei Botschaften – und beide sind unglücklich. Erstens: „Ich traue meinem Land nicht zu, eine schwierige Phase auszuhalten.“ Zweitens: „Ich habe genug Geld, um mir einen Fluchtweg zu kaufen.“

    Geh, aber tu es leise!

    Ich finde: Wenn man wirklich gehen will – bitte, gute Reise. Aber dann eben leise. Ohne moralische Sirenen, ohne große Erklärungen, ohne Ankündigungsmarathon. Wer im Stillen seinen Lebensmittelpunkt verändert, wirkt souverän. Wer es öffentlich verkündet, erscheint empfindlich.

    Zum Schluss noch etwas, das in der ganzen Aufregung oft untergeht: Viele Menschen bleiben. Sie kämpfen weiter, diskutieren weiter, wählen weiter, engagieren sich weiter. Nicht, weil sie heldenhaft sind, sondern weil dies ihr Zuhause ist. Weil man nicht nur dort kämpft, wo die Sonne scheint.

    Und vielleicht ist genau das die unaufgeregte Form von Patriotismus, die man selten in Kolumnen und Interviews liest: Hier bleiben, auch wenn’s ungemütlich wird. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Verbundenheit. Nicht aus Trotz, sondern weil man weiß, dass kein Land perfekt ist – und dass Demokratie manchmal eben das Bohren dicker Bretter ist.

    Deshalb: Geh, aber tu es leise!

    PS. Was aus der Nachbarsfamilie geworden ist?
    Da die Russen nicht einmarschierten, und der Nachbar Mitte der 80-er zuerst in finanzielle Schieflage geriet, bevor er zwei Jahre später Insolvenz anmelden musste, verfielen sowohl die Flugtickets als auch die Daueraufenthaltstitel. Ich hatte zu dieser Zeit eine andere Freundin und verlor deshalb die bildhübsche Nachbarstochter für lange Zeit aus den Augen. Als wir uns kurz nach dem Corona-Lockdown anlässlich des 40sten Abitur-Jahrestags wiedersahen, unterhielten wir uns freundlich; die damalige gegenseitige erotische Anziehung war jedoch erloschen.

  • Weshalb trinken wir?

    Weshalb trinken wir?

    Der Wunsch, sich zu berauschen, ist so alt wie die Menschheit und soll deshalb neben Essen, Trinken, Sex, eigenem Auto und Bausparvertrag als eines der elementaren Grundbedürfnisse unserer Spezies angesehen werden. Und keine Sorge – ich möchte Ihnen mit diesem Buch Ihren Rausch nicht vermiesen oder gar verbieten. 90 % der Primaten kommen mit ihren gelegentlichen Wochenend- und Weihnachtsfeierräuschen gut zurecht, und daran will auch niemand ernsthaft etwas ändern.

    Gefährlich sind die Räusche jedoch für das Zehntel, das sich mit Feiertagsbenebelungen nicht zufriedengibt, sondern diesen Zustand immer wieder, und zwar in kurz getakteten Zeitabständen, erleben möchte. Die 10 % der Bevölkerung, welche die Bewusstseinsveränderung, die durch ihre bevorzugte Droge eintritt, als genauso normal ansehen wie die nüchterne Realität, werden eines Tages die ständige Flucht in ihre Fantasiewelt der mausgrauen Wirklichkeit vorziehen. Dieses Zehntel nennt man drogenaffin, man könnte es auch weniger wissenschaftlich als „gierig auf das Eintauchen in ihre rosarote Parallelwelt“ ausdrücken.

    Zuerst einmal eine Begriffserklärung: Was genau ist eigentlich ein Rausch? „Der Rausch bezeichnet einen emotionalen Zustand der Ekstase, der jemanden über seine normale Gefühlslage hinaushebt. Die Ursachen hierfür können vielfältig sein, z. B. eine akute Vergiftung mit Rauschmitteln oder auch manische Zustände“, so formuliert es Wikipedia. Von den manischen Zuständen wollen wir hier absehen und uns im Folgenden auf die Räusche konzentrieren, die aufgrund des Genusses – in der obigen Definition wird interessanterweise von „akuter Vergiftung“ gesprochen – psychotroper Substanzen ausgelöst werden.

    Ach so, psychotrope Substanz müssen wir vorab ebenfalls klären: In diese Kategorie sortieren Fachleute all diejenigen (natürlichen und chemischen) Wirkstoffe ein, die unsere Psyche sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Die gängigsten Mittelchen, um uns zeitweilig in den Orbit zu katapultieren, sind: Alkohol, Opiate/Opioide, Kokain, Marihuana, LSD, MDMA und alle möglichen Pharmaka wie beispielsweise die großen Wirkstoff-Familien der Tranquilizer, Hypnotika und Neuroleptika.

    In diesem Ratgeber befassen wir uns ausschließlich mit Alkohol, wenngleich die Rauschzustände, die Opium & Co. bewirken, denen von Wodka und Lakritzlikör teilweise ähneln, die Abhängigkeiten und deren gesundheitliche Konsequenzen nur graduell variieren und es für den Trinker genauso schwierig ist, vom Schnaps wegzukommen wie für den Junkie, die Finger von der Nadel zu lassen. Der Hauptunterschied beim Herstellen der Räusche besteht darin, dass es gesellschaftlich akzeptiert und vor allem legal ist, wenn Sie sich mit Maibowle und Rumpunsch bis in die Stratosphäre schießen, während Sie bereits auf der Rückbank eines Polizeiautos Platz nehmen dürfen, falls Sie dasselbe mit ein paar Gramm Marihuana zu viel tun.

    Wenn die Endorphine nicht mehr reichen

    Was genau geschieht nun in unserem Gehirn, wenn wir uns Rauschmittel (wozu natürlich auch der gute alte Doppelkorn gehört) reinpfeifen? Wir müssen uns das – laienhaft vereinfacht – in etwa so vorstellen: Unser Körper produziert selbst Drogen, z. B. Serotonin, Dopamin, Endorphine, die Glücksgefühle verursachen. Beispielsweise beim Essen von Schokolade, beim Sex, beim Anblick eines schönen Bildes, am Ende eines Marathonlaufs, nachdem wir eine Felswand hochgeklettert sind und erschöpft, aber rundum zufrieden am Gipfelkreuz lehnen, oder nachdem wir ein 90-minütiges Workout-Training schweißgebadet absolviert haben.

    Allerdings – und das ist wichtig – müssen wir aktiv etwas dafür tun, damit diese Glückshormone produziert und ausgeschüttet werden. Dieser Weg ist manchen zu aufwendig – das Matterhorn besteigen, um im Anschluss als Belohnung ein Nanogramm Dopamin zu bekommen, klingt nicht wirklich verlockend –, weshalb sie zu einer List greifen: Sie schlucken, inhalieren, injizieren eine psychotrope Substanz, z. B. ein, zwei oder drei Gläser Captain Morgan; wenn sie ihn nicht direkt aus der Flasche trinken.

    Und jetzt passiert Folgendes: Die im Schnaps in großer Anzahl rumschwimmenden C2H5OH-Moleküle (so lautet die chemische Formel für Ethanol, auch Trinkalkohol genannt) docken an jeder Menge Rezeptoren an – das sind Nervenzellen, die Reize aufnehmen und in Erregung umwandeln –, blockieren die einen und überstimulieren die anderen. Ein künstlich produziertes Euphoriegefühl stellt sich ein. Die Fachleute sprechen hier von einem Ungleichgewicht beim Austausch der Nervenbotenstoffe.

    Wir wollen hier nur festhalten: Die in Drogen enthaltenen Wirkstoffe verkürzen den Weg zum körpereigenen Belohnungssystem. Statt mühsam einen Marathon zu absolvieren, kann dieselbe Hochstimmung, die den Läufer nach Kilometer 42 – unter der Voraussetzung, dass man ihn nicht erst mal in ein Sauerstoffzelt zwecks Druckbeatmung verfrachten muss – durchflutet, ebenfalls mittels eines Viertelliters Cognac erzeugt werden. Die Droge, in diesem Fall der Alkohol, verkürzt nicht nur sporadisch den Weg, sondern führt des Weiteren zu Bequemlichkeit – wozu anstrengend laufen, wenn’s ein halber Kasten Bier, zu Hause auf dem Sofa genossen, genauso tut? – und zu dem Wunsch, sich diesen einfach herzustellenden Glücksmomenten öfter hinzugeben als von der Natur vorgesehen. Falls es schlecht ausgeht, endet man bei zu häufiger Wiederholung in der Sucht.

    Aber damit greifen wir schon voraus, denn über Sucht reden wir erst drei Kapitel später. An dieser Stelle reicht es, wenn Sie verinnerlichen: Die Droge bzw. der Alkohol beschleunigt den Weg zum Belohnungssystem und potenziert das Euphoriegefühl. So viel kann man gar nicht joggen, um sich so sauwohl wie nach einer Pulle Rotwein zu fühlen!

    Drei Vernebelungsstufen, um in den Orbit zu gelangen

    Zurück zum Rausch. Bei diesem unterscheiden wir grob drei Vernebelungsstufen:
    Schwips: Man fühlt sich angeheitert, kichert, lacht, die Welt ist schön, die griesgrämige Bürokollegin wirkt auf einmal gar nicht mehr so griesgrämig etc. etc.
    Leichter Rausch: Beginnt in etwa jenseits der 0,5 Promille, weshalb man sich ab dieser Grenze auch tunlichst nicht mehr ans Steuer eines Fahrzeugs setzen sollte. Man sieht die griesgrämige Bürokollegin plötzlich unscharf, manchmal sogar doppelt, sagt Sachen, die man sonst eher nicht sagt, und wünscht – falls man sich am Tag darauf noch daran erinnern sollte –, man hätte das alles besser nicht gesagt. Vielleicht landet man sogar im Bett der griesgrämigen Bürokollegin und hofft am Morgen danach, es habe sich nur um einen erotischen Traum gehandelt, wogegen allerdings der BH spricht, den man in der Aktentasche entdeckt. Beim leichten Rausch kann es zu Wortfindungs- und Artikulationsschwierigkeiten kommen. Bei manchem bewirkt dieser Aggregatszustand das Gegenteil, und man redet stundenlang, ohne dabei zwischendurch Luft zu holen, dummes Zeug. Einige beginnen zu schwanken und zu wanken, und ein nicht ganz so betrunkener Kollege muss sie unterhaken, ins Taxi setzen und dem Fahrer erklären, wo er den leicht Berauschten abliefern soll. Der Morgen darauf ist bestimmt von Katzenjammer und Aspirin, und der leicht Berauschte schwört, nie mehr einen einzigen Tropfen anzurühren. Dieser gute Vorsatz währt zwar nur bis zur nächsten Happy Hour, hält aber immerhin ein paar Tage. Der leichte Rausch endet – in Abhängigkeit vom Trainingszustand des Konsumenten – irgendwo im Bereich zwischen 1,5 und 2,0 Promille, und über diese Schwelle treten wir nun ein ins dunkle Reich der dritten Stufe:
    Schwerer oder gar Vollrausch: Über Wortfindung, Artikulation und Gangsicherheit brauchen wir uns hier keine Gedanken mehr zu machen: Sie sind allesamt komplett perdu. Die Welt
    verschwimmt im Nebel, für manche wird sie gar zappenduster. Wenn’s gut läuft, fällt der schwer Berauschte in ein zufällig in der Nähe stehendes Bett, wo er seinen Rausch komatös ausschläft. Wenn’s schlecht läuft – und es läuft oft schlecht –, beleidigt er den Chef, zertrümmert das halbe Büro, erwacht steifgefroren auf einer Parkbank oder in der Ausnüchterungszelle und bekommt am Tag darauf per Einschreiben mit Rückschein die fristlose Kündigung zugestellt.

    Ein Rauschzustand auf der Betriebsfeier kann also helfen, endlich den Mut zu fassen, die seit Jahren heimlich angehimmelte Kollegin aus der Exportabteilung nach einem Date zu fragen. Ein Rausch kann dabei behilflich sein, den eben zugestellten Mahnbescheid mit Pfändungsandrohung ein paar Stunden lang beiseitezuschieben. Ein Rausch kann Wunder beim Sex wirken. Ein Rausch ist auch schön, wenn man ihn in der Gruppe genießt und alle zusammen Schlager aus den Fünfzigern und Sechzigern trällern und dazu nackt im Vorgarten des Nachbarn herumhüpfen. Ein leichter Rausch macht körperliche und seelische Schmerzen vergessen und wiegt einen angenehm in den Schlaf.

    Ein Rausch kann auch sinnvoll sein, wenn man vorhat, sich umzubringen. Der Blick in eine Revolvermündung, die man sich gleich in den Mund schieben wird, ist weniger angsteinflößend, wenn man vorher eine Flasche Bourbon geleert hat. Ein Rausch ist auch eine prima Sache, um sich an Peinlichkeiten, die man im Zustand alkoholbedingter Verwirrung angestellt hat, nicht erinnern zu müssen. Wer hat schon ernsthaft etwas einzuwenden, wenn ein Trinker am Morgen darauf zerknirscht, die linke Hand an der schmerzenden Stirn festgetackert, während die rechte zitternd versucht, ein Glas Wasser mit drei darin aufgelösten Aspirin an die Lippen zu führen, sagt: „Das soll ich gestern Abend alles gemacht haben? Unmöglich!“

    Der Morgen nach dem Rausch ist ohnehin nicht so schön, weder für den Hobby- noch für den Profitrinker. Während der eine kotzend über der Kloschüssel hängt, macht sich der andere auf zum nächstgelegenen Supermarkt, um dort Nachschub zu besorgen. Dazu mehr im Abschnitt „Wann ist man Alkoholiker?“

    Der Profi gehorcht anderen Regeln als der Amateur

    Achtung: Ein Promillegehalt, bei dem für den Normaltrinker die Lichter ausgehen und durch den er sich eine Stunde später fixiert auf der Intensivstation wiederfindet, kann für den Profisäufer den Normalzustand bedeuten, ab dem er überhaupt erst Betriebstemperatur erreicht. Ich kenne einige, die sich ein Leben unterhalb von zweieinhalb Umdrehungen nicht vorstellen können. 4,0 Promille gelten als letale Dosis, bei deren Erreichen 80 % der Menschen den finalen Atemzug tun, bevor der Notarzt bedauernd konstatiert: „Nichts mehr zu machen. Transportieren Sie den Leichnam direkt in die Kühlkammer.“ Das gilt allerdings nicht für den Profitrinker. Der wankt noch zur Nachttankstelle, um sich einen letzten Schlummer-Flachmann zu genehmigen, bevor er endlich alle Viere von sich streckt und auf dem Flur vor der Wohnungstür seinen Vollrausch ausschläft.

    In diesem Kapitel haben Sie erfahren, dass gegen Gelegenheitsräusche prinzipiell nichts einzuwenden ist, insofern Sie dabei nicht auf die Idee kommen, einem zufällig vorbeispazierenden Passanten das Nasenbein zu zertrümmern oder auf dem Heimweg von einem feuchtfröhlichen Gelage mit Tempo 240 eine Abkürzung durch eine verkehrsberuhigte Wohngegend zu nehmen. Solange es beim Gelegenheitsrausch bleibt und der Zecher am nächsten Tag nicht das Verlangen spürt, den Rauschzustand ein weiteres Mal herbeizuführen, ist alles im grünen Bereich, von den Anzeigen wegen zertrümmerter Nase und Rasen in einem Wohngebiet mal abgesehen.

    Das Herbeiführen eines Rausches kann aus unterschiedlichen Beweggründen heraus geschehen. Am unteren Ende der Skala steht dabei der Wunsch, beim Sex mit der Kollegin aus der Abteilung Rechnungswesen länger als fünf Minuten durchzuhalten, während die oberste Treppenstufe vom Versuch gekennzeichnet ist, sich durch die Zuführung von Alkohol in einen Trancezustand zu versetzen, durch den man befähigt wird, mit den Göttern zu kommunizieren. Ob die Stimmen, die man dann raunen hört, tatsächlich von den Göttern stammen oder doch eher von den inneren Dämonen herrühren, soll an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.

    MERKE
    Hin und wieder ein Rausch ist okay, wenn er nicht in die Ausnüchterungszelle führt und kurz darauf wiederholt werden muss.
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    Entnommen aus:
    Raus aus dem Rausch

    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen. Ein Erfahrungsratgeber
    Henning Hirsch
    Verlag humboldt
    ISBN 9783842630550
    +++

    In den vergangenen Wochen haben wir uns hier beschäftigt mit:
    Unter Gleichgesinnten – die Selbsthilfegruppe
    Den Schalter im Kopf umlegen
    Doppeldiagnose