Kategorie: Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer

  • Die Würde des Scheiterns

    Die Würde des Scheiterns

    Vor zwei Wochen veröffentlichte ich die Kolumne Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt. Unter den Kommentaren fand sich dieser Hinweis eines Lesers:

    Die Verfilmung von Joseph Roths Die Legende vom heiligen Trinker mit Rutger Hauer ist ebenfalls sehr gelungen – leider viel zu unbekannt.

    Da fiel es mir wieder ein: Vor vielen Jahren hielt ich die Novelle schon mal in den Händen. Ich hatte sie damals aus dem Bücherregal einer Suchtklinik gezogen und im Raucherzimmer bei flackerndem Neonlicht mit zittrigen Fingern überflogen. An die Handlung erinnerte ich mich nur noch schemenhaft. Das mag einerseits an den fast zwanzig Jahren liegen, die seither vergangen sind. Andererseits verschwimmt vieles, was ich in jener Zeit unter Alkohol oder im Entzug erlebt, gelesen oder gedacht habe, hinter einer Nebelwand, die ich gar nicht immer lichten möchte.

    Also bestellte ich das schmale Büchlein kurzerhand bei Amazon. (Ich weiß: Eigentlich sollte man stattdessen den örtlichen Buchhandel unterstützen. Bei knapp 40 Grad siegte allerdings die Bequemlichkeit.). Diesmal war ich an 1 Abend mit der Geschichte durch. Ohne Alkohol oder Benzodiazepine im Blut geht das eben deutlich schneller – und außerdem erzählt Roth mit einer sprachlichen Eleganz und Leichtigkeit, die einen förmlich durch die Seiten trägt.

    Hier meine Rezension:

    Leben zwischen Monarchie und Exil

    Joseph Roth (1894–1939) wurde im galizischen Brody geboren, das damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte und heute in der Ukraine liegt. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Journalist und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller seiner Zeit. Werke wie Hiob und Radetzkymarsch machten ihn weit über die Grenzen Österreichs und Deutschlands hinaus bekannt.

    Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging Roth ins Exil. Die Heimatlosigkeit, die er dabei erlebte, prägte sein späteres Werk ebenso wie seine zunehmende Alkoholabhängigkeit. Er starb 1939 in Paris, wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Legende vom heiligen Trinker (posthum veröffentlicht) gilt als sein literarisches Vermächtnis.

    Ein Obdachloser mit einer ungewöhnlichen Schuld

    Er war ein Trinker, geradezu ein Säufer. Er hieß Andreas. Und er lebte von Zufällen.

    Die Handlung ist schnell erzählt. Der obdachlose Andreas Kartak lebt unter den Brücken von Paris und erhält eines Tages von einem Fremden zweihundert Francs. Das Geld soll er zurückzahlen – nicht dem Wohltäter selbst, sondern der heiligen Therese von Lisieux.

    Andreas nimmt sich fest vor, diese Verpflichtung zu erfüllen. Doch immer wieder kommt ihm das Leben dazwischen. Unerwartete Begegnungen, glückliche Zufälle, alte Bekanntschaften und nicht zuletzt der Alkohol sorgen dafür, dass das Geld nie dort ankommt, wo es eigentlich hingehört.

    Aus dieser scheinbar einfachen Prämisse entwickelt Roth eine Erzählung von erstaunlicher Tiefe.

    Die Kunst der leisen Töne

    Wer moderne Spannungsbögen, spektakuläre Wendungen oder psychologische Sezierungen erwartet, wird möglicherweise überrascht sein. Roth erzählt ruhig, beinahe beiläufig. Darin liegt die Stärke der Novelle.

    Seine Sprache ist klar, elegant und von einer bemerkenswerten Leichtigkeit. Kein Satz wirkt überladen, kein Wort zu viel. Die Geschichte liest sich wie eine Legende oder ein Märchen, bleibt dabei aber stets fest in der Realität verankert.

    Besonders beeindruckend ist die Wärme, mit der Roth die Hauptfigur betrachtet. Andreas ist kein Held. Er ist schwach, unzuverlässig und häufig sein eigener schlimmster Gegner. Dennoch begegnet ihm der Erzähler mit Respekt und Mitgefühl.

    Ein Buch über das Scheitern – und die Gnade

    Im Kern erzählt die Novelle von einer Erfahrung, die vermutlich jeder Mensch kennt: das Scheitern an den eigenen guten Vorsätzen.

    Andreas möchte das Richtige tun. Immer wieder. Und immer wieder gelingt es ihm nicht. Doch anstatt ihn dafür zu verurteilen, interessiert sich Roth für etwas anderes: Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn er seinen Ansprüchen nicht gerecht wird?

    Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!

    Die Antwort ist bemerkenswert versöhnlich. Die Würde des Menschen hängt nicht davon ab, ob er perfekt handelt. Sie zeigt sich vielmehr im fortwährenden Bemühen, trotz aller Schwächen das Richtige zu wollen.

    Zwischen Realität und Wunder

    Die Novelle bewegt sich ständig auf der Grenze zwischen Wirklichkeit und Märchen. Andreas begegnet einer Reihe von Zufällen, die fast zu schön erscheinen, um wahr zu sein. Immer wieder erhält er neue Chancen, neues Geld und neue Möglichkeiten.

    Ob man darin göttliche Fügung, Schicksal oder einfach literarische Poesie erkennen möchte, bleibt dem Leser überlassen. Roth verzichtet bewusst auf eindeutige Antworten. Das verleiht dem Text seinen schwebenden Charakter.

    Ein stilles Meisterwerk

    Die Legende vom heiligen Trinker umfasst kaum mehr als hundert Seiten und entfaltet dennoch eine Wirkung, an der viele umfangreiche Romane scheitern. Das Buch ist melancholisch, humorvoll, traurig und tröstlich zugleich.

    Wer Joseph Roth kennenlernen möchte, findet hier einen idealen Einstieg. Wer ihn bereits schätzt, begegnet noch einmal all den Qualitäten, die ihn zu einem der großen Erzähler des 20. Jahrhunderts gemacht haben: sprachliche Eleganz, Menschenkenntnis und eine tiefe, niemals sentimentale Humanität.

    Mehr als eine Trinkergeschichte

    Mit Die Legende vom heiligen Trinker gelang Joseph Roth kurz vor seinem Tod ein literarischer Abschiedsgruß von großer Schönheit. Die Novelle erinnert daran, dass Menschen fehlbar sind, dass sie scheitern dürfen – und dass gerade darin etwas zutiefst Menschliches und Würdevolles liegt.

    Das Wesentliche ist die Menschlichkeit.
    (c) Joseph Roth in einem Begleitbrief zur Erzählung

    PS. Den vom Kommentator empfohlenen Film mit Rutger Hauer werde ich mir selbstverständlich ansehen.

    STECKBRIEF

    Titel: Die Legende vom heiligen Trinker

    Autor: Joseph Roth

    Erscheinungsjahr: 1939 (posthum)

    Genre: Novelle

    Umfang: je nach Ausgabe ca. 80-100 Seiten

    Schauplatz: Paris

    Hauptfigur: Andreas Kartak, ein obdachloser polnischer Wanderarbeiter

    Bekanntester Satz:
    „Gott gebe uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“

    +++

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    Don Quixote ist, wie viele Genreromane heute, Literatur, die zugleich Literaturkritik sein will. Dabei macht der Roman so vieles besser als seine geistigen Nachfolger, dass es nicht nur beeindruckt: Die meisten Nachfolger wirken zudem wie Texte, die in völliger Unkenntnis des Quixote verfasst wurden. (Sören Heim, 20. Dez. 2020).

  • Wenn Angst nach Härte verlangt

    Wenn Angst nach Härte verlangt

    Aus der Serie: Die besten Bücher sind die, die man sich selbst zum Geburtstag schenkt.

    Wenn ich sage, Trumps Verbot von kritischer Literatur, das ist ja wie die Bücherverbrennung, unterstelle ich dann womöglich, dass da demnächst so etwas wie die Endlösung passiert? Natürlich nicht. Und deshalb scheint mir, dass wir auf einer übergeordneten, abstrakteren Ebene nach Definitionen des neuen Faschismus suchen müssen, die sowohl für vergangene aber auch gegenwärtige Mobilisierungen greifen.
    © Eva v. Redecker (im Interview mit ttt, 15.03.2026)

    Die Härte, die wir meinen, wenn wir „Realität“ sagen

    Es ist ein vertrautes Gefühl dieser Gegenwart:
    Dass irgendetwas verteidigt werden muss.

    Die eigene Wohnung.
    Der eigene Lebensstandard.
    Das „Eigene“ überhaupt.

    Und je diffuser die Bedrohung, desto entschlossener der Ton. Genau hier setzt Eva von Redecker an. Ihr neues Buch ist kein Beitrag zur historischen Einordnung des Faschismus. Es ist ein Versuch, die Stimmung zu fassen, die ihn heute wieder denkbar macht.

    Der Titel ist dabei fast zu harmlos. Dieser Drang nach Härte klingt wie eine Charaktereigenschaft. Was Redecker beschreibt, ist jedoch ein hochproblematischer gesellschaftlicher Aggregatzustand.

    Besitz ohne Boden

    Der schärfste und originellste Begriff des Buches ist der des Phantombesitzes.

    Gemeint ist damit nicht einfach Eigentum. Sondern etwas viel Instabileres:
    ein Anspruch, der sich absolut setzt, obwohl seine Grundlage längst brüchig ist.

    Redecker beschreibt – sinngemäß – eine Welt, in der Menschen so tun, als sei ihr Besitz unantastbar, obwohl alles darauf hinweist, dass er es nicht ist: ökologisch, ökonomisch, politisch. Der Lebensstil der Gegenwart basiert auf Voraussetzungen, die er gleichzeitig zerstört.

    Und genau daraus entsteht diese eigentümliche Härte.

    Denn was keinen festen Boden mehr hat, muss umso aggressiver verteidigt werden.
    Phantombesitz ist Besitz im Alarmzustand.

    Das zeigt sich konkret:

    • im Beharren darauf, dass Ressourcen „uns zustehen“, obwohl sie global längst umkämpft sind
    • im Widerstand gegen Klimapolitik, die als Enteignung empfunden wird
    • in der Vorstellung, Grenzen könnten den eigenen Wohlstand einfach konservieren.

    Der Clou besteht darin: Dieser Besitz ist nicht weniger verteidigungswert, weil er illusionär ist. Im Gegenteil. Gerade weil er nicht gesichert ist, wird er mit umso größerer Vehemenz behauptet.

    Härte als Antwort auf Kontrollverlust

    Redeckers Diagnose ist unangenehm präzise:
    Die neue Härte entsteht nicht trotz, sondern wegen der offensichtlichen Krisen.

    Die Welt zeigt ihre Grenzen – ökologisch, politisch, sozial. Und die Reaktion darauf ist nicht Anpassung, sondern Verhärtung.

    Sinngemäß formuliert sie:
    Die Realität wird nicht anerkannt, sondern als Zumutung zurückgewiesen.

    Das lässt sich derzeit überall beobachten:

    • Wenn Klimamaßnahmen als „Bevormundung“ gelten
    • wenn Migration primär als Störung gedacht wird
    • wenn politische Kompromisse als Schwäche erscheinen.

    Härte wird so zur Ersatzhandlung.
    Sie stellt eine scheinbare Kontrolle her, die real längst verloren gegangen ist.

    Oder anders gesagt:
    Der Homo autoritarius besteht auf Unnachgiebigkeit, weil er spürt, dass er nichts mehr sicher in der eigenen Hand hält.

    Der neue Faschismus kommt ohne Pathos aus

    Wer den heutigen Faschismus nur am Maßstab der NS-Zeit misst, verpasst seine neue Gestalt – und damit die Chance, ihn rechtzeitig zu erkennen.
    (c) Henriette Hufgard : Wer staunt, begeht den ersten Fehler. Rezension zu „Dieser Drang nach Härte“. In: taz vom 14.03.2026

    Redecker verwendet den Begriff des Faschismus bewusst – und riskiert damit Widerspruch. Zu Recht. Aber sie nutzt ihn nicht historisierend, sondern strukturell.

    Es geht ihr nicht um eine 1-zu-1 Wiederkehr von Hitlers Nationalsozialismus oder Mussolinis Faschismus. Sondern um etwas Unauffälligeres.

    Der neue Faschismus, den sie beschreibt, trägt keine Uniform.
    Er organisiert sich nicht notwendig in Massenparteien.
    Er braucht nicht einmal ein geschlossenes Weltbild.

    Was er braucht, ist bloß diese Haltung:
    dass das Eigene absolut gilt und alles andere relativ ist.

    Ein Beispiel, das Redecker indirekt aufruft, ist der Umgang mit Grenzen.
    Nicht mehr Expansion steht im Vordergrund, sondern radikale Abschottung. Die Gewalt verlagert sich:

    • in Verfahren,
    • in Zuständigkeiten
    • in das  bewusste Wegsehen.

    Menschen sterben dann nicht, weil jemand sie aktiv verfolgt, sondern weil man entschieden hat, dass ihr Leben nicht mehr in den Ordnungsrahmen der Mehrheitsbevölkerung passt.

    Das ist eine kühlere, leisere Form von Härte. Aber keineswegs eine harmlosere.

    Affekte: Die Moral der Gekränkten

    Was das Buch besonders stark macht, ist sein Gespür für die affektive Dimension.

    Redecker beschreibt keine Ideologie im engeren Sinne, sondern eine Gefühlslage:

    • das Gefühl, zu kurz zu kommen
    • die Überzeugung, dass andere bevorzugt werden
    • die stille Wut darüber, dass die Welt sich verändert.

    Daraus entsteht eine Logik, die sich ungefähr so zusammenfassen lässt:
    Wenn ich schon verliere, dann soll wenigstens die Ordnung hart bleiben.

    Oder schärfer:
    Dann sollen wenigstens die anderen es auch schwer haben.

    Das ist kein Zynismus von außen, sondern eine präzise Beschreibung einer Haltung, die politisch enorm wirksam ist. Sie erklärt, warum Härte oft gerade dort gefordert wird, wo sie den Fordernden objektiv schadet.

    Die Verwechslung von Freiheit und Verfügung

    Ein wiederkehrendes Motiv bei Redecker ist die Kritik an einem bestimmten Freiheitsbegriff.

    Freiheit erscheint in der von ihr beschriebenen Gegenwart oft als:
    die Möglichkeit, über etwas zu verfügen, ohne Rücksicht auf andere.

    Genau das aber wird im Zustand des Phantombesitzes zur Falle. Denn diese Form von Freiheit lässt sich nur aufrechterhalten, wenn man ständig Grenzen zieht und verteidigt.

    Die Alternative, die Redecker andeutet, bleibt bewusst leiser.
    Sie spricht von Verbundenheit, von Abhängigkeit, von einem Leben, das nicht auf Kontrolle basiert.

    Man kann das pathetisch finden. Oder notwendig.

    Ein Buch gegen die Selbstverständlichkeit der Verhärtung

    Was dieses Buch so lesenswert macht, ist nicht, dass es alles erklärt.
    Sondern dass es etwas verschiebt.

    Nach der Lektüre wirken viele Debatten plötzlich anders:

    • die Schärfe in Migrationsfragen
    • die Aggression in Klimadebatten
    • die merkwürdige Lust an Strenge und Ordnung.

    All das erscheint nicht mehr als Sammlung einzelner Konflikte, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen Musters.

    Und dieses Muster hat einen Kern:
    den Versuch, etwas festzuhalten, das sich nicht mehr festhalten lässt.

    Was nach der Lektüre bleibt

    „Dieser Drang nach Härte“ ist ein unbequemes Buch.
    Nicht, weil es marktschreierisch daherkommt, sondern weil es kühl analysiert:

    Dass die Härte, die wir so gern bei anderen verorten,
    möglicherweise auch uns selbst bereits mehr, als uns lieb ist, ergriffen hat.

    Der Begriff des Phantombesitzes bringt das auf den Punkt.
    Er beschreibt eine Gesellschaft, die verteidigt, was sie nicht mehr begründen kann –
    und gerade deshalb nicht damit aufhört.

    Man kann Redecker vorwerfen, dass sie vieles nur anreißt.
    Dass ihre Begriffe und Zustandsbeschreibungen offen bleiben, sie häufig bloß an der Oberfläche kratzt, statt wissenschaftlich erxakt zu erklären.
    Dass ihre Gegenentwürfe vage sind.

    Aber vielleicht liegt genau darin die Stärke dieses Buches.

    Es liefert keine fertige Theorie.
    Es konfrontiert uns stattdessen mit einer Irritation.
    +++

    Eva von Redecker
    Dieser Drang nach Härte: Über den neuen Faschismus
    S. Fischer Verlage
    272 Seiten (Print)
    Erschienen: März 2026
    ISBN: 978-3103977240
    +++

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    Tech-Lords

  • Bei Hank im Wohnzimmer

    Bei Hank im Wohnzimmer

    „Du feierst alsbald ein Jubiläum“, sagt Gisela, unsere virtuelle Redaktionsassistentin.
    „Was für’n Jubiläum?“, frage ich verwundert.
    „Deine 250-ste Kolumne.“
    „WAS??? SO VIELE???“
    „Ja. Wir sind so stolz auf dich.“

    „Und nun soll ich bestimmt ne Jubiläums-Kolumne schreiben, mit ner Menge unsinnigem Jubiläumskram drin.“
    „Du könntest dich auf deine Wurzeln rückbesinnen.“
    „Das Bonner Westend, wo ich aufgewachsen bin?“
    „Nein, deine allererste Kolumne.“
    „Die ist lange her. Hilf mir auf die Sprünge.“

    „Du hast dich bei Bukowski ins Wohnzimmer gesetzt und mit deinem literarischen Idol unterhalten.“
    „Stimmt, erinnere mich dunkel. Hab ich damals noch getrunken?“
    „Du warst schon ein paar Jahre trocken.“
    „Dann waren weniger Tippfehler drin.“

    „Die Redaktion hat den Hut rumgehen lassen und zusätzlich die Kaffeekasse geplündert und spendiert dir 1 Nacht im Tropicana Motel. Das gefiel dir doch so gut.“
    „Damit ich mich nach all den Jahren wieder mit Hank verabrede? Wahrscheinlich hat der kurzfristig gar keinen Termin frei.“
    „Längst alles arrangiert. Du triffst dich übermorgen mit ihm in East Hollywood. Touristenvisum habe ich ebenfalls klargemacht … jetzt benötige ich bloß noch deine Kreditkarte“, flötet Gisela.
    „???“
    „Um die Flugtickets und den Mietwagen zu bezahlen. Für eine eventuell zweite Übernachtung müsstest selbstverständlich auch du aufkommen.“
    „War klar.“

    „Und lösche vor deiner Abreise vorsichtshalber alle Posts in Facebook, in denen du dich negativ über den US-Präsidenten geäußert hast. Andernfalls riskierst du …“
    „… 4 Wochen in einem ICE-Internierungslager … könntest du das bitte für mich tun? Bin in Eile: Will mir noch ein paar schlaue Fragen fürs Interview überlegen und muss vorher dringend zum Friseur.“
    „Ich lösche ALLE kritischen Posts von Henning“, sagt Gisela. Dann legt sie auf.
    +++

    In Hank’s Wohnzimmer

    48 Stunden plus 2 Dutzend Coke Zero & 5 Liter Kaffee und 1 AUSGIEBIGE Einreisekontrolle später: 5124 De Longpre Avenue, Los Angeles, CA 90027.

    Ich sitze wieder bei Hank.
    Im Wohnzimmer.
    East Hollywood.

    Der Bungalow döst in der Hitze wie ein altes Krokodil, das auf seine Verdauung wartet.

    Drinnen riecht es nach billigem Alkohol, Papier und schlechten Entscheidungen.

    Ein kleines Jubiläum

    Ich sehe mich um.
    Bierdosen.
    Papierstapel.
    Die alte Schreibmaschine.
    Alles noch da.

    Hank liegt auf dem Sofa.
    Bademantel.
    Offen.

    Er sitiert mich an.

    „Du siehst aus, als wärst du falsch abgebogen.“

    „Ich habe ein Jubiläum.“

    „Klingt nach 20 Jahre mit der falschen Frau zusammen.“

    „Meine 250ste Kolumne.“

    Er nimmt einen Schluck Bier.

    „Du zählst die?“

    „Manche Leute zählen Schritte. Unsere Redaktionsassistentin zählt Texte.“

    „Hübsch?“

    „Wer?“

    „Eure Redaktionsassistentin.“

    „Ist eine Maschine.“

    „Krasser Scheiß!“

    Was ist eigentlich eine Kolumne?

    „Als ich angefangen habe“, sage ich, „wusste ich nicht mal, was eine Kolumne ist.“

    „Das merkt man vielen Autoren auch nach Jahrzehnten noch an.“

    „Ich habe damals einen Kollegen gefragt.“

    „Das war dein erster Fehler.“

    „Ich fragte: Was ist eine Kolumne?“

    „Und?“

    „Der Kollege sagte: Eine Kolumne ist das, was du darunter verstehst.“

    Hank nickt.

    „Gute Antwort. Heißt: Keiner weiß es so genau.“

    Zwischen einem und einer Million Wörter

    „Dann fragte ich: Wie lang muss so ein Text sein?“

    „Du bist ganz offensichtlich Deutscher.“

    „Er sagte: Zwischen einem und einer Million Wörter.“

    Hank grinst.

    „Das nenne ich mal genügend Spielraum für kreative Freiheit.“

    Der Kerl, der sich bezahlen ließ

    „Ich fragte ihn: Welches Thema?“

    „Jetzt kommt der Teil, wo alles schiefgeht.“

    „Er antwortete: Schreib zuerst über Bukowski. Davon hast du doch ein bisschen Ahnung.“

    Hank setzt sich auf.

    Der Bademantel klafft weit auseinander. Ich bemühe mich, nicht hinzuschauen.

    „Ein bisschen Ahnung“, knurrt er.

    Er zeigt auf sich.

    „Ich habe jahrelang Kolumnen geschrieben.“

    „Ich weiß.“

    „Woche für Woche. „Notizen eines schmutzigen alten Mannes“ …

    … „Ich habe den Dreck aufgeschrieben.
    Die Bars.
    Die Pferde.
    Die Frauen.
    Die Rechnungen …

    … und weißt du, was der Unterschied zwischen uns ist?“

    „Du hast dich bezahlen lassen.“

    „Verdammt richtig.“

    Du sitzt seit Jahren in meinem Wohnzimmer

    „Nach meinem ersten Besuch hier“, sage ich, „habe ich meiner Kolumne eine Rubriküberschrift gegeben.“

    „Hoffentlich nicht was Deutsch-Verkopftes.“

    „Ich taufte sie: Bei Hank im Wohnzimmer.“

    Mein Gegenüber lässt den Blick durch den Raum wandern.

    Die Dosen.
    Das Sofa.
    Den Teppich.

    „Du sitzt also seit Jahren literarisch in meinem Wohnzimmer.“

    „So ungefähr.“

    Er hebt die Augenbraue.

    „Und ich sehe keinen Cent Miete.“

    Nach fünfzig Texten erlischt das anfängliche Feuer

    Ich zögere kurz, bevor ich weiterrede: „Spätestens nach der fünfzigsten Kolumne merkte ich, dass ich mich geirrt hatte.“

    „Womit?“

    „Mit der Vorstellung, dass man mit Texten die Welt besser machen kann.“

    Hank lacht.

    Es ist kein freundliches Lachen.

    „Du dachtest ernsthaft, Kolumnen retten die Welt?“

    „Vielleicht ein bisschen.“

    „Junge, was für ein romantischer Bullshit.“

    Er lehnt sich zurück.

    „Die Welt ist ein schmutziger Boxring. Und Kolumnisten sind bloß die Leute mit Notizblock am Rand.“

    Idealismus zahlt keine Rechnungen

    „Warum hast du deine Kolumnen geschrieben?“, frage ich.

    Er zuckt mit den Schultern, leert eine Dose warmes Bier auf ex.

    „Weil ich Material hatte. Und Rechnungen. Du hast mit Idealismus angefangen“, sagt er, „Ich mit Existenzangst.“

    „Und wer hatte Recht?“

    „Keiner. Aber ich wurde bezahlt.“

    Warum man trotzdem weiterschreibt

    Stille.

    Die Hitze hängt im Raum.

    „Was würdest du im 250sten Text schreiben?“, frage ich.

    Bukowski denkt kurz nach.

    „Schreib, dass du keine Ahnung hattest, was eine Kolumne ist. Schreib, dass man dir sagte: zwischen einem und einer Million Wörter. Schreib, dass du dachtest, du könntest mit deinen Texten etwas verändern. Und schreib, dass du nach fünfzig gemerkt hast, dass das kompletter Unsinn ist.“

    „Mehr hast du nicht auf Lager? Ich jette 12 Stunden oneway nach L.A., nur um von dir wiederholt zu bekommen, was ich dir selbst vor 5 Minuten erzählt habe? Da hätte ich mir die Reise echt sparen können für dieses  dünne Gelaber.“

    „Ja, du hättest stattdessen einen Zoom-Call vereinbaren können. Wäre kostengünstiger gewesen. Aber eure virtuelle Assistentin bestand auf einem persönlichen Treffen. Das wäre wichtig für dich, damit du mal rauskommst aus deinem eigenen Wohnzimmer. Von wegen Luftveränderung täte dir gut. Sehr charmant übrigens, die Dame; weshalb ich ihr den Wunsch nicht abschlagen wollte …  aber einen Hinweis habe ich noch für dich. Den wichtigsten.“

    „Welcher wichtige Hinweis soll das sein?“

    „Schreib, dass du trotzdem weitergemacht hast.“

    „Warum?“

    Er lehnt sich zurück, schließt die Augen.

    „Weil Schreiben nicht dazu da ist, die Welt zu retten. Die Welt hört sowieso nicht zu. Schreiben ist nur dafür da, dass du selbst nicht völlig verrückt wirst. Das ist der wahre Grund, weshalb du 250 Kolumnen geschrieben hast und nichts anderes.“

    „Da ist was dran“, sage ich.

    „Natürlich ist da was dran. Ich mach das seit über 80 Jahren. Und nun entschuldige mich: Ich muss meinen Rausch ausschlafen, mir dann Nachschub besorgen und will heute Abend noch 2 Kurzgeschichten tippen. 1 wird von einem orientierungslosen deutschen Kolumnisten handeln, der nach L.A. fliegt, um sich dort Rat von einem Profi zu holen und am Ende doch nichts verstanden hat … du weißt, wo die Tür ist .“ … „Hol dir unbedingt Hilfe, wenn du wieder in Deutschland bist! Das geht sonst nicht gut aus“, ruft er mir zum Abschied hinterher.
    +++

    Zurück am Schreibtisch in Bonn stelle ich fest, dass Gisela ALLE meine Posts in Facebook gelöscht hat.
    Ich rufe in der Redaktion an: „WO IST GISELA?“
    „Die hat sich diese Woche freigenommen. Dringende Wartungsarbeiten am System.“
    „Wusstet ihr, dass sie ALLE Posts von mir gelöscht hat?“
    „Sie sagte, du hättest ihr diesen Auftrag kurz vor deiner Abreise erteilt.“
    „Sie sollte bloß die kritischen Beiträge rausnehmen.“
    „Aus ihrer Sicht waren wahrscheinlich alle deine Beiträge kritisch.“
    „Was für eine Scheiße!“
    „Ärger dich nicht. Schreibst du halt neue Posts. Wofür bist du sonst Autor? … Wie war’s übrigens in L.A.? Hast du ein paar Tipps von Hank bekommen? Wäre schön, wenn du uns die in unserer internen Gruppe mitteilen würdest. Davon können wir alle profitieren und nicht nur du alleine. Sei zur Abwechslung mal ein Teamplayer und nicht das übliche Ich-hasse-meine-Kollegen-Arschloch.“
    „Ihr könnt mich alle mal!“
    +++

    Lesen Sie auch: Das Wiedersehen – Kapitel 1
    Das Wiedersehen
    Ein Interview mit Charles Bukowski für DieKolumnisten? Geht doch gar nicht, der ist doch tot? Natürlich geht das bei Henning Hirsch. (erschienen am 21. Jul 2017).

    Die beste Einstiegslektüre für Charles Bukowski ist sein Debütroman Post Office (dt. Der Mann mit der Ledertasche)

  • Der rote Teppich von Gaza

    Der rote Teppich von Gaza

    (für SEO: Berlinale Staatsgeld Palästina Debatte 🙂  )

    Die Scheinwerfer sind aus, der rote Teppich eingerollt, die letzten Branchen-Visitenkarten längst wieder in zu engen Jacketts verstaut. Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind vorbei. Und wie so oft kam der eigentliche Knall erst mit dem Finale: Die Chefin des Festivals, Tricia Tuttle, soll  – wenn es nach Kulturstaatsminister Wolfram Weimer geht – schnellstmöglich ihren Hut bzw. Palästinaschal nehmen und Platz für einen politisch mit mehr Fingerspitzengefühl ausgestatteten Nachfolger (m/w/d) machen. Quasi ein Abspann mit Personalnote. Fast wirkt es, als gieren diese Festspiele selbst dann noch nach Drama, wenn die Kameras schon längst weitergezogen sind.*

    Wozu das alles?

    Man könnte ohnehin fragen: Wozu benötigt man dieses Festival eigentlich noch? Braucht die Welt wirklich ein weiteres – mit Verlaub – künstlich aufgeblasenes Regional-Event, das sich global geriert, aber im Kern vor allem Berliner Selbstvergewisserung betreibt? Cannes hat das Meer, Venedig die Patina, Hollywood die Industrie. Berlin hat den Diskurs. Und Diskurs, das weiß man hier, ersetzt zur Not auch Glamour.

    Vielleicht liegt genau darin die Daseinsberechtigung: Die Berlinale als moralische Volkshochschule mit Sektempfang. Als Ort, an dem nicht nur Filme laufen, sondern Haltungen. Wo Premieren schneller politisiert werden als sie ausverkauft sind. Wo das Festival weniger Marktplatz des Kinos ist als Marktplatz der Gesinnungen.

    Und als Zuschauer stellt sich noch eine andere Frage: Warum eigentlich wird ein derart hochpolitisches Event mit Staatsgeld gefördert? Wenn auf den Bühnen politische Resolutionen verlesen und außenpolitische Botschaften formuliert werden, ist das dann noch Kultur – oder längst halboffizielle Diplomatie? Und falls es tatsächlich einzig Branche ist: Kann sich eine milliardenschwere internationale Filmindustrie ihre eigenen Festivals nicht selbst leisten? Muss der Steuerzahler das moralische Dauerpanel subventionieren?

    Der rote Teppich als Tribüne

    Und damit wären wir beim zuverlässigsten Programmpunkt der vergangenen Jahre: der wahlweise erstaunlichen oder anstößigen Palästina-Liebe der Kulturschaffenden.

    Kaum ein Panel, kaum ein Empfang, kaum ein improvisiertes Statement vor laufender Kamera, das nicht wenigstens in einem Nebensatz „Gaza“ fallen lässt. Man trägt Kufiya wie andere Leute Seide, man unterschreibt Aufrufe, die klingen, als seien sie zwischen Häppchenbuffet und Branchenempfang entstanden, und man ist sich vor allem in einem einig: Man steht auf der richtigen Seite der Geschichte.

    Das Problem beginnt nicht mit Mitgefühl. Mitgefühl ist nie das Problem. Das Problem beginnt dort, wo Mitgefühl zur Pose gerinnt – und Komplexität als Störgeräusch empfunden wird.

    Projektionsfläche Palästina

    Denn diese merkwürdige Palästina-Liebe ist oft weniger konkrete Solidarität mit real existierenden Menschen als Projektionsfläche. Palästina funktioniert in diesem Milieu wie ein ästhetisch aufgeladenes Symbol: für Widerstand, für das „Globale“, für das romantisierte Narrativ vom edlen Opfer gegen den übermächtigen Westen. Es ist die perfekte Leinwand für die eigene moralische Selbstvergewisserung.

    Israel hingegen taugt in dieser Dramaturgie selten für Zwischentöne. Der jüdische Staat wird – bewusst oder unbewusst – zur Chiffre für Militär, Macht, Westen, Komplizenschaft. Und damit ist die Rollenverteilung im kulturellen Kopfkino schnell geklärt. Dass die Realität vor Ort aus konkurrierenden Traumata, religiösen Radikalisierungen, politischen Sackgassen und einer tragischen Geschichte beider Völker besteht, stört da nur.

    Selektive Empörung

    Was auffällt: Die Leidenschaft ist selektiv. Wo sind die großen Bühnenmomente für die Kurden? Für die Uiguren? Für die Opfer sudanesischer Milizen? Man hört sie gelegentlich, ja. Aber sie erzeugen nicht annähernd dieselbe identitätsstiftende Wucht im Berliner Kulturbetrieb. Palästina ist anschlussfähig – ästhetisch, politisch, biografisch. Es erlaubt maximale Empörung bei minimalem Risiko.

    Denn riskant wäre es, Ambivalenz auszuhalten. Riskant wäre es, zu sagen: Ja, das Leid in Gaza ist entsetzlich – und ja, auch israelische Zivilisten wurden massakriert. Riskant wäre es, die eigene Szene darauf hinzuweisen, dass moralische Eindeutigkeit selten mit analytischer Tiefe korreliert.

    Applaus im eigenen Echo

    Stattdessen erlebt man eine Art performativen Internationalismus. Je globaler das Statement, desto lokaler die Selbstvergewisserung. Man sendet Signale an das eigene Milieu – und bekommt Applaus aus genau diesem Milieu zurück. Es ist ein geschlossener Kreislauf der Bestätigung.

    Natürlich gibt es Ausnahmen. Natürlich gibt es kluge Stimmen, die differenzieren, die historische Verantwortung und gegenwärtiges Leid zusammen denken wollen. Aber sie gehen im Getöse unter. Differenzierung ist kein guter Hashtag.

    Die subversive Zumutung

    Und so wird die Berlinale immer wieder zur Bühne für ein moralisches Schaulaufen, bei dem politische Komplexität auf Festivalformat geschrumpft ist. Drei Minuten Statement, Applaus, weiter zur nächsten Premiere – oder eben weiter zur nächsten Personaldebatte im Nachgang.

    Vielleicht wäre die wirklich subversive Geste nicht die nächste Resolution, sondern ein Satz wie: „Ich weiß es nicht.“ Vielleicht wäre die radikalere Haltung, die eigene Ungewissheit öffentlich zu machen, statt sie mit Parolen zu übertönen.

    Aber Ungewissheit trägt sich schlecht – selbst dann noch, wenn der Teppich längst eingerollt ist.
    +++

    * Wie es mit dem Machtkampf Minister vs. Intendantin ausgegangen ist, stand zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Kolumne (Donnerstagmorgen) noch nicht fest. Wer’s dennoch unbedingt erfahren möchte -> bitte die Feuilletons der einschlägigen Zeitungen auf „Push-Benachrichtigung“ einstellen.
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  • Reiches Land, arme Seelen

    Reiches Land, arme Seelen

    Bei immer mehr Menschen reicht das Geld nicht aus. Etwa 13,3 Millionen galten laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr als armutsgefährdet. Noch dramatischer fallen die Zahlen mit Blick auf die soziale Teilhabe aus.
    (c) tagesschau.de am 3. Februar 2026: Mehr als 13 Millionen Menschen von Armut bedroht

    13,3 Millionen Menschen gelten in Deutschland als armutsgefährdet. Wenn man nicht nur Einkommen, sondern auch Teilhabe (Wohnen, Bildung, Kultur, Konsum, soziale Kontakte) betrachtet, sind es sogar 17,6 Millionen. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung bedeutet das 16,1 bzw. 21,3 Prozent, die am Existenzminimum herumkrebsen. Zahlen, die sich gut in einer Grafik machen, die in Nachrichtensendungen zwischen Wetter und Börse auftauchen und am nächsten Tag wieder vergessen sind.

    Für mich stellen diese Zahlen jedoch keine abstrakten Werte dar. Sie sind ein Geruch, ein Gefühl, ein Geräusch. Sie sind der Klang des Kühlschranks, der nachts brummt, obwohl kaum etwas drinsteht. Sie sind der Blick auf das Konto am 20. des Monats. Sie sind das Warten.

    Ich habe 4 Jahre so gelebt. Getrunken. Lausig entlohnte Gelegenheitsjobs, Kohle am Ende eines Arbeitstages bar auf die Hand. 1 Jahr lang Hartz IV, um mal wieder krankenversichert zu sein und mir Wurzelbehandlungen beim Zahnarzt leisten zu können. Klamotten aus der Kleiderkammer. Lebensmittel von der Tafel. Bier und Schnaps vom Discounter. Immer in Unsicherheit, ob ich morgen die Telefonrechnung und übermorgen den Strom bezahlen kann. Jeder Tag eine Kalkulation, jede Woche eine Herausforderung, jeder Monat ein Risiko.

    Armut als Lebensmodus

    Armut ist kein Zustand, den man einmal erlebt und dann abhakt. Armut ist ein Lebensmodus. Sie strukturiert Zeit, Denken, Beziehungen, Selbstbild. Sie frisst sich in den Alltag wie Feuchtigkeit in die Wände einer schlecht isolierten Wohnung.

    Ich erinnere mich an das Rechnen. Immer das Rechnen.
    Im Supermarkt die Addition im Kopf: Brot, Nudeln, Dosen, die billigste Margarine. Fleisch selten, Obst nur, wenn es im Angebot war. An der Kasse der Moment, in dem man hofft, dass die Summe mit dem übereinstimmt, was man im Kopf überschlagen hat. Wenn nicht, dann das leise Entfernen eines Artikels, begleitet vom leicht vorwurfsvollen Blick der Kassiererin.

    Kleiderkammer, Tafel, Discounter

    Ich erinnere mich an die Kleiderkammer.
    Diese Mischung aus Dankbarkeit und Demütigung. Die Ständer mit gespendeten Jacken, die nie richtig passten. Die Hosen, die man umkrempeln musste. Der Geruch von fremden Haushalten. Und dieses Gefühl, dass man in den Augen der Helfenden immer ein bisschen Objekt ist, nie ganz Kunde, nie ganz gleichwertig.

    Die Tafel war ähnlich.
    Ich bin dankbar für jede Institution, die hilft. Aber Armut bedeutet, dass Hilfe immer mit einem Beigeschmack kommt. Man steht Schlange, man wird geprüft, man bekommt, was übrig ist. Es ist Versorgung, aber keine Wahl. Und Wahlfreiheit ist eine unterschätzte Form von Würde.

    Getrunken habe ich viel.
    Bier und Schnaps vom Discounter. Nicht aus Hedonismus, sondern aus Flucht. Alkohol ist billig, verfügbar und wirksam. Er dämpft die Scham, die Langeweile, die Angst. Er macht die Leere erträglicher. Aber er verstärkt das, wovor man flieht. Ein Teufelskreis, der in Statistiken als „Suchtproblem“ erscheint, im Leben aber oft als Symptom von Perspektivlosigkeit.

    Der 20. des Monats

    Das Warten ab dem 20. war das Schlimmste.
    Der Monat teilte sich in zwei Hälften: die Zeit des Überlebens und die Zeit des Wartens. Warten auf das Geld vom Amt, warten auf den Bescheid, warten auf den nächsten Termin. Zeit wurde zu etwas, das gegen einen arbeitet. Der Kalender war ein Countdown, kein Planungsinstrument.

    Armut verändert die Wahrnehmung von Zeit.
    Man plant nicht langfristig, weil langfristig ein Luxus ist. Man denkt in Tagen, manchmal in Stunden. „Reicht es bis Freitag?“ ist eine reale Frage. „Wo will ich in fünf Jahren sein?“ ist eine absurde.

    Gut, wenn es einem gelingt, rechtzeitig den Absprung zu schaffen, bevor Hartz 4 zum prekären Dauerzustand wird.

    Isolation mit System

    Armut verändert auch Beziehungen.
    Freunde gehen essen, man sagt ab. Kollegen planen Urlaub, man schweigt. Familie fragt, wie es läuft, man lügt. Armut isoliert, weil Teilhabe Geld kostet. Und weil man irgendwann müde wird, sich zu erklären.

    Ich erinnere mich an die Post vom Jobcenter.
    Jeder Brief ein potenzielles Problem. Sanktionen, Termine, Nachweise. Bürokratie ist für Wohlhabende ein Ärgernis, für Arme eine Bedrohung. Ein fehlendes Formular kann existenzielle Konsequenzen haben. Man lebt in einem administrativen Ausnahmezustand.

    Die innere Veränderung

    Und dann die innere Veränderung.
    Armut macht etwas mit dem Selbstbild. Man beginnt, sich selbst als Problem zu sehen. Als Versager, als Abgehängter. Man internalisiert das Urteil einer Gesellschaft, die gern von Leistung spricht, aber selten von Startbedingungen. Man vergleicht sich und verliert. Jeden Tag ein bisschen.

    Ich habe mich oft gefragt, wie ich hier gelandet bin.
    Die Antwort war nie einfach. Schlechte Entscheidungen, ja. Alkohol, ja. Aber auch Brüche, Zufälle, fehlende Netzwerke, falsche Abzweigungen. Armut ist selten monokausal. Sie ist ein Knoten aus Biografie, Struktur und Pech (und Wodka).

    In Statistiken heißt das „Risikofaktoren“.
    In der Realität sind es Lebensgeschichten.

    Unsichtbare Armut

    Das Perfide an Armut ist ihre Unsichtbarkeit.
    Sie spielt sich in Wohnungen ab, die niemand sieht. In Köpfen, die niemand hört. In Kontoauszügen, die niemand liest. Man kann arm sein und geschniegelt aussehen. Man kann arm sein und lächeln. Man kann arm sein und funktionieren. Gerade das Funktionieren macht Armut so schwer sichtbar.

    Heute lese ich die Zahlen anders.
    13,3 Millionen armutsgefährdete Menschen. 17,6 Millionen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das ist kein Rand. Das ist ein Fünftel der Gesellschaft. Das ist die Größe eines Landes. Und trotzdem reden wir über Armut, als sei sie ein Spezialproblem von Randgruppen.

    Armut als Spiegel

    Armut ist in Deutschland kein Randphänomen mehr.
    Sie betrifft Alleinerziehende, Rentner, Niedriglöhner, Selbstständige, Studierende, Migranten, Ostdeutsche, Westdeutsche. Sie ist quer durch die Gesellschaft verteilt, aber ungleich konzentriert. Und sie ist politisch unbequem.

    Denn Armut ist ein Spiegel.
    Sie zeigt, wie eine Gesellschaft mit den Schwächsten umgeht. Sie zeigt, wie fair Chancen verteilt sind. Sie zeigt, ob Wohlstand nach unten durchsickert oder oben kleben bleibt.

    Ich weiß, wie es ist, sich klein zu fühlen.
    Wie man sich entschuldigt, überhaupt da zu sein. Wie man den Raum verlässt, wenn Geld Thema wird. Wie man das eigene Leben als Randnotiz betrachtet.

    Der mentale Aspekt

    Das ist vielleicht der tiefste Effekt von Armut:
    Sie verkleinert Menschen. Nicht körperlich, sondern mental. Sie schrumpft Träume, Ambitionen, Selbstanspruch. Sie macht aus Bürgern Bittsteller, aus Kunden Empfänger, aus Individuen Fälle.

    Und doch gibt es in dieser Erfahrung auch eine merkwürdige Klarheit.
    Wenn Geld fehlt, wird sichtbar, was wirklich zählt: Wärme, Essen, ein Dach über dem Kopf, ein Mensch, der anruft. Der Rest ist Dekoration. Aber diese Klarheit ist teuer erkauft.

    Heute habe ich Abstand.
    Ich habe einen anderen Blick auf Konsum, auf Sicherheit, auf Reichtum. Ich weiß, wie fragil alles ist. Wie schnell man fallen kann. Und wie schwer es ist, wieder aufzustehen, wenn man einmal unten ist.

    Die falsche Debatte

    Deshalb ärgert mich die moralische Debatte über Armut.
    Wenn Politiker über „Anreize“ sprechen, wenn Talkshows über „Arbeitsunwillige“ diskutieren, wenn Kommentare suggerieren, Armut sei vor allem ein individuelles Versagen. Diese Debatte ignoriert, was Armut im Inneren anrichtet.

    Armut ist Stress. Chronischer Stress.
    Sie ist ein permanenter Alarmzustand. Und Stress macht krank, unkonzentriert, kurzsichtig. Er verengt den Horizont. Wer im Überlebensmodus ist, denkt nicht strategisch. Das ist kein Charakterfehler, das ist Biologie.

    Armut ist auch eine Form von Gewalt.
    Keine physische, aber eine strukturelle. Sie zwingt Menschen in Lebenslagen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Sie begrenzt Freiheit. Sie diktiert Entscheidungen. Sie schreibt Biografien vor.

    13,3 Millionen Geschichten

    Wenn ich heute die Zahl 13,3 Millionen lese, sehe ich mich selbst in dieser Statistik.
    Ich sehe die Flaschen im Einkaufswagen. Ich sehe die Schlange vor der Tafel. Ich sehe den Kontoauszug mit null. Ich sehe das Warten auf den Geldeingang. Und ich sehe die innere Stimme, die sagt: „Das ist jetzt dein Platz.“

    Diese Stimme ist das Gefährlichste.
    Denn sie macht Armut reproduzierbar. Wer sich klein fühlt, greift seltener zu Chancen, traut sich weniger zu, erwartet weniger vom Leben. Armut ist dann nicht nur mehr materiell, sondern wird zum mentalen Problem.

    Moralischer Befund

    Vielleicht ist das der Grund, warum mich diese Statistiken wütend machen.
    Nicht wegen der Zahlen, sondern wegen der Gleichgültigkeit, die sie begleitet. Man kann sich an 13,3 Millionen gewöhnen. Man kann sie als Hintergrundrauschen betrachten. Man kann sie politisch instrumentalisieren. Aber man sollte sie nicht normalisieren.

    Armut ist kein Naturgesetz.
    Sie ist das Ergebnis von Politik, Wirtschaft, Kultur, Geschichte. Sie ist gestaltbar. Aber sie erfordert Willen. Und Empathie. Und die Bereitschaft, über Zahlen hinauszusehen.

    Ich habe Armut erlebt.
    Ich habe sie überlebt. Aber ich habe auch gesehen, wie sie Menschen bricht. Wie sie Beziehungen zerstört. Wie sie Leben verkleinert. Wie sie Zukunft raubt.

    Gesellschaftlicher Offenbarungseid

    In einem der reichsten Länder der Welt darf Armut kein Randproblem bleiben – sie ist ein fortwährendes kollektives Versagen, das wir schulterzuckend akzeptieren, weil wir uns damit arrangieren.
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  • Wenn ‚(links-) liberal‘ plötzlich zum Schimpfwort wird

    Wenn ‚(links-) liberal‘ plötzlich zum Schimpfwort wird

    Wie wurde ich (links-) liberal?

    Ich stamme aus einem konservativen Elternhaus. Politik war dort eine Frage von Ordnung, Verantwortung und Skepsis gegenüber allzu großen gesellschaftlichen Experimenten. Umso bemerkenswerter war es vielleicht, dass ich der erste Liberale in der Familie wurde – und das nicht aus Rebellion, sondern aus Überzeugung. Als Student fand ich meine politische Sozialisation zunächst bei den Jungen Liberalen, später in der FDP. Liberalismus bedeutete für mich damals – und lange Zeit danach – weder Marktgläubigkeit noch kulturelle Beliebigkeit, sondern die Verbindung von Freiheit, Rechtsstaat und sozialer Verantwortung.

    Meine Vorbilder waren entsprechend keine schrillen Provokateure, sondern liberale Staatsmänner im klassischen Sinne: Gerhart Baum und Burkhard Hirsch, die den Liberalismus als Bollwerk der Bürgerrechte verstanden; Otto Graf Lambsdorff, der ökonomische Freiheit mit politischer Ernsthaftigkeit verband; und nicht zuletzt Hans-Dietrich Genscher, für den Liberalismus immer auch Außenpolitik, Ausgleich und Maßhalten war. Hinzu kam die intellektuelle Prägung durch die Freiburger Thesen der FDP von 1971, maßgeblich entworfen von Ralf Dahrendorf – jenem Soziologen, der Liberalismus nicht als Zustand, sondern als permanenten Konflikt begriff: Freiheit als institutionalisierte Möglichkeit zum Widerspruch, soziale Gerechtigkeit als Voraussetzung individueller Autonomie, Fortschritt als offener, niemals abgeschlossener Prozess. Dahrendorfs Liberalismus war kein Milieu, sondern eine Haltung zur offenen Gesellschaft. In diesem Koordinatensystem habe ich mich lange ohne Zögern als (links-) liberal verortet. Nicht als politisches Bekenntnis mit Parteibuch, eher als eine Art geistige Koordinate. (Links-) liberal – das klang nach Freiheit ohne Rücksichtslosigkeit, nach Fortschritt ohne Autoritarismus, nach Skepsis gegenüber Macht, egal von welcher Seite sie kommt. Es war ein Wort, das keine Parolen brauchte.

    Umso erstaunter stelle ich seit einiger Zeit fest, dass „linksliberal“ offenbar nicht mehr beschreibt, sondern denunziert. Es ist zu einem Kampfbegriff geworden, bevorzugt in den Mündern der Rechten, manchmal auch der selbsternannten Konservativen. Wer „linksliberal“ sagt, meint dann nicht mehr eine politische Tradition, sondern ein Milieu, eine Blase, eine moralisch überhebliche Klasse, die angeblich den „normalen Menschen“ belehrt, bevormundet und mundtot macht.

    Was bedeutete Linksliberalismus ursprünglich?

    Historisch betrachtet ist Linksliberalismus erst einmal etwas ziemlich Unaufgeregtes. Er war nie revolutionär, aber auch nie reaktionär. Sein Kern war die Idee, dass individuelle Freiheit und soziale Verantwortung kein Widerspruch sind. Dass der Staat nicht alles regeln soll, aber manches regeln muss, damit Freiheit nicht zum Privileg der Starken wird. Dass Minderheitenrechte keine Marotte sind, sondern ein Lackmustest für die Qualität einer Demokratie. In Deutschland stand diese Tradition einmal für die Verteidigung der Republik gegen ihre Feinde, für Bürgerrechte gegen Obrigkeitsstaat und Kollektivzwang, für Wehrhaftigkeit mit Augenmaß gegen nationalen Taumel.

    Kurz gesagt: Linksliberalismus war immer eher eine Haltung als ein Programm. Eine gewisse Vorsicht gegenüber einfachen Antworten, ein Misstrauen gegen ideologische Reinheitsgebote – und eine deutliche Abneigung gegen alles, was nach autoritärer Erlösungsfantasie riecht.

    Warum ist „linksliberal“ heute ein Vorwurf?

    Gerade deshalb verwundert mich die heutige Verwendung des Begriffs. Wenn rechte Publizisten, Politiker oder Internetkrieger gegen „den Linksliberalismus“ wettern, dann geht es selten um Wirtschaftspolitik oder Verfassungsfragen. Gemeint ist etwas Diffuseres: Urbanität, Akademisierung, kulturelle Offenheit, Gendersternchen, Klimasorgen, Migrationsdebatten. „Linksliberal“ wird zum Container für alles, was als fremd, elitär oder moralisch anmaßend empfunden wird.

    Der Begriff funktioniert dabei wie ein politischer Kurzschluss. Er erlaubt es, sehr unterschiedliche Phänomene – von Identitätspolitik über Medienkritik bis zur Corona-Politik – in einen Topf zu werfen und als geschlossene Front zu markieren. Das „linksliberale Milieu“ wird so zur Projektionsfläche, zur Chiffre für eine vermeintliche Meinungsdiktatur, die zwar allgegenwärtig, aber nie ganz greifbar ist.

    Wie konnte Liberalismus zum Schimpfwort werden?

    Paradox ist dabei: Ausgerechnet „liberal“ dient nun als Schimpfwort. Also jenes Wort, das Freiheit, Pluralismus und Toleranz bezeichnet. Niemand spricht ernsthaft von einem „rechtsliberalen Milieu“, obwohl es liberale Positionen rechts der Mitte selbstverständlich gibt. Und ebenso selten hört man den naheliegenden Begriff „links-illiberal“, obwohl genau das oft der eigentliche Vorwurf ist: Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen, moralische Selbstgewissheit, soziale Sanktionierung.

    Dass diese begriffliche Schieflage funktioniert, sagt weniger über den Liberalismus als über den Zustand der politischen Debatte. „Links“ ist längst nicht mehr nur eine Richtungsangabe, sondern für viele ein moralischer Marker – so wie „rechts“ inzwischen reflexhaft mit Extremismus kurzgeschlossen wird. In dieser Logik kann „liberal“ gar nicht mehr für sich stehen. Es wird zum Adjektiv, das seine ursprüngliche Bedeutung verliert und nur noch Zugehörigkeit signalisiert.

    Wahrscheinlich liegt genau darin der eigentliche Verlust. (Links-) Liberalismus war einmal der Versuch, Spannungen auszuhalten: zwischen Freiheit und Gleichheit, zwischen Offenheit und Ordnung, zwischen individueller Autonomie und gesellschaftlicher Verantwortung. Heute wird er entweder als moralische Pose karikiert oder mit all den Illiberalitäten identifiziert, die er historisch gerade kritisieren wollte.

    Was sagt das über unsere politische Debattenkultur?

    Dass mich das irritiert, hat weniger mit verletzter Selbstzuschreibung zu tun als mit einer grundsätzlichen Sorge. Wenn selbst Begriffe, die einst für Ausgleich, Maß und Zweifel standen, zu Kampfbegriffen mutieren, dann schrumpft der Raum zwischen den Fronten. Und genau dieser Raum war immer das natürliche Biotop des (Links-) Liberalismus.

    Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich heute als eine Art heimatloser Liberaler empfinde. Der klassische Liberalismus, in dem ich sozialisiert wurde, ist in Parteien, Milieus und Debatten kaum noch als eigenständige Tradition erkennbar. Er ist zerrieben zwischen einem wirtschaftsliberalen Pragmatismus ohne gesellschaftlichen Ehrgeiz und einem kulturellen Progressivismus, der mitunter erstaunlich illiberal geworden ist.

    Was mir einst selbstverständlich erschien – Freiheit als Skepsis gegenüber Macht, Liberalismus als Zumutung zur Mäßigung, zur Ambiguität, zur Selbstironie –, wirkt heute wie ein Relikt aus einer fernen politischen Epoche. Vielleicht bin nicht ich weniger (links-) liberal geworden, sondern die Koordinaten haben sich verschoben. Vielleicht ist der Liberalismus selbst in eine Identitätspolitik geraten, die ihm fremd ist. Sicher ist nur: Wer heute liberal sein will, muss sich seinen Platz neu suchen – und damit leben, dass dieser Platz kaum noch vorgesehen ist.

    Wo ist der (Links-) Liberalismus geblieben?

    Möglicherweise ist es also an der Zeit, den Begriff wieder ernster zu nehmen – oder ihn zumindest nicht kampflos denen zu überlassen, die ihn nur noch als Etikett für ihre Feindbilder benutzen. Denn eine politische Kultur, in der Liberalismus zum Schimpfwort verkommt, hat ein größeres Problem als ein paar falsche Vokabeln.
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  • TV-Philosoph sieht Meinungsfreiheit in Gefahr

    TV-Philosoph sieht Meinungsfreiheit in Gefahr

    Vergangene Woche hatte ich mich an dieser Stelle über die Prognosefähigkeit von Deutschlands TV-Philosoph Nummer 1 ausgelassen, weil der in 3 Jahren Alice Weidel im Kanzleramt sieht (unter der Voraussetzung natürlich, dass viele Dinge, in diesen 36 Monaten passieren, von denen jedoch keinesfalls sicher ist, ob sie jemals passieren; weswegen es durchaus sein kann, dass die Vorhersage überhaupt nicht eintritt). Bezugnehmend auf ein Interview Prechts in der NZZ. Was mir erst im Nachgang auffiel – da war meine Kolumne allerdings schon raus –: Es ging in dem Gespräch nicht nur um die Kanzlerschaft, sondern es wurde ebenfalls über die (angeblich) gefährdete Meinungsfreiheit in unserem Land geredet.

    Und da ich dieses Thema echt wichtig finde, gibt’s deshalb heute eine Draufgabe:

    Wie Rechte und TV-Philosophen ständig die Meinungsfreiheit bedroht sehen – und warum das bloß ein billiger Taschenspielertrick ist

    Es gibt diese merkwürdige, immer gleiche Szene im deutschen Debattentheater. Jemand mit sehr viel Sendezeit, sehr vielen Büchern im Schaufenster und sehr vielen Einladungen in sehr viele Talkshows erklärt mit ernster Miene: „Die Meinungsfreiheit ist in Gefahr.“ Applaus brandet auf – nicht etwa von Menschen, die wirklich zum Schweigen gebracht wurden, sondern von denen, die seit Jahren zuverlässig jede Bühne bespielen, die man ihnen hinstellt.

    Aktuell ist es mal wieder Richard David Precht, der Deutschen liebster Welterklärer, der ohne auch nur eine Sekunde zu zögern in jedes Mikrofon spricht, das man ihm vor die Nase hält. „Der Philosoph sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet“, meldete die NZZ am 27.01.2026. Man könnte meinen, jemand habe ihm den Stift weggenommen, seine Bücher verboten, sein Podcast-Feed gelöscht. Doch nein: Precht ist allgegenwärtig. Er ist Talkshow-Dauergast, Bestsellerautor, Podcaster, Leitartikler. Wenn das „Gefahr“ ist, dann möchte man den Zustand der Sicherheit erst gar nicht kennenlernen.

    Der rechte Mythos vom engen Meinungskorridor

    „Meinungskorridor“, „Cancel Culture“, „Mainstream-Medien“ – diese Begriffe sind die Heilige Dreifaltigkeit eines Diskurses, der sich selbst für rebellisch hält, während er längst zum Standardprogramm der rechten Empörungsindustrie gehört. Das Narrativ ist immer gleich: Es gibt ein Kartell aus progressiven Eliten, Journalisten, Wissenschaftlern und „woken Aktivisten“, das abweichende Meinungen unterdrückt. Wer trotzdem etwas sagt, wird „gecancelt“ – also moralisch vernichtet, beruflich ruiniert, sozial geächtet.

    Das Problem: Diese Geschichte ist empirisch nicht nachweisbar. Die angeblich Mundtotgemachten sind in der Regel Menschen mit Reichweite, Macht und finanzieller Absicherung. Sie sind Kolumnisten großer Zeitungen, Professoren mit Lehrstühlen, YouTuber mit Millionenpublikum. Sie werden nicht gecancelt – ihnen wird widersprochen. Und das ist, man höre und staune, ebenfalls Meinungsfreiheit.

    Meinungsfreiheit heißt nicht Widerspruchsfreiheit

    Der zentrale Taschenspielertrick besteht darin, Kritik als Zensur umzudeuten. Wer widerspricht, wird zum Zensor erklärt. Wer protestiert, wird zum Feind der Freiheit. Wer einen Boykott fordert, gilt als totalitärer Aktivist. Dabei ist all das selbst Ausdruck von Meinungsfreiheit. Niemand hat ein Grundrecht darauf, unwidersprochen zu bleiben. Es gibt kein Menschenrecht auf Applaus.

    Die rechte Rhetorik verschiebt die Begriffe so lange, bis alles verschwimmt. „Cancel Culture“ wird zur Chiffre für jede Form sozialer Sanktion. Wenn ein Verlag ein Buch nicht drucken will: Cancel Culture. Wenn ein Sender jemanden nicht einlädt: Cancel Culture. Wenn Menschen auf Twitter sagen, dass sie jemanden unsympathisch finden: Cancel Culture. Der Staat spielt dabei oft gar keine Rolle – und genau das ist der Punkt.

    Denn Meinungsfreiheit ist primär ein Abwehrrecht gegen den Staat. Es schützt vor staatlicher Zensur, vor Verboten, vor Repression. Es schützt nicht vor den Reaktionen anderersdenkender Bürger. Wer das  nicht akzeptiert, möchte im Grunde die Gesellschaft zur Applausmaschine umbauen.

    Die Mainstream-Medien als Feindbild

    Besonders beliebt ist das Schlagwort von den „Mainstream-Medien“. Es suggeriert Gleichschaltung, Monopol, Ideologie. Tatsächlich ist die deutsche Medienlandschaft pluralistischer als je zuvor: Von linksprogressiv bis marktradikal, von öffentlich-rechtlich bis libertär, von Boulevard bis Feuilleton. Dass bestimmte Positionen häufiger vertreten sind als andere, ist kein Beweis für Unterdrückung – sondern schlicht Ausdruck gesellschaftlicher Mehrheiten.

    Doch Mehrheiten sind in diesem Narrativ per se verdächtig. Wer von Mehrheiten spricht, gilt als Konformist. Wer sich dagegenstellt, als mutiger Dissident. Das ist intellektuell bequem und moralisch lukrativ. Man kann sich als Galilei fühlen, während man im ZDF sitzt. Die Pose des verfolgten Denkers ist attraktiver als die Mühe, seine Thesen empirisch zu untermauern.

    Der Blick nach Amerika: Wenn die Bedrohung real ist

    Das wirklich Absurde an dieser Debatte ist, dass es reale Bedrohungen der Pressefreiheit gibt – nur kommen sie nicht von den üblichen Verdächtigen. Wer wissen will, wie staatliche Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit aussieht, muss nicht in deutsche Talkshows schauen, sondern in die Vereinigten Staaten unter Donald Trump.

    Dort werden Journalistinnen und Journalisten systematisch diffamiert, Medien als „Feinde des Volkes“ bezeichnet, kritische Reporter von Pressekonferenzen ausgeschlossen, staatliche Informationen selektiv verteilt. Whistleblower werden verfolgt, investigativer Journalismus behindert, unabhängige Medien delegitimiert. Das ist keine „Cancel Culture“, das ist Machtpolitik gegen die Öffentlichkeit. Wer in Deutschland ernsthaft von Diktatur des Meinungskorridors spricht, sollte einmal ein White-House-Briefing mit Trumps Pressesprecherin Leavitt besuchen.

    Precht als Symptom – und seine Mitstreiter

    Precht ist dabei allerdings weniger Ursache als Symptom. Er artikuliert ein Gefühl, das in Teilen des Bürgertums weit verbreitet ist: die Sorge, den kulturellen Ton nicht mehr anzugeben. Früher definierten die Etablierten, was sagbar ist. Heute widersprechen jüngere Generationen, Minderheiten, Aktivistinnen. Das fühlt sich für manche wie Zensur an, ist aber in Wahrheit Demokratisierung.

    Precht selbst liefert reichlich Material für dieses Narrativ. Er beklagt, die „sozialen Kosten, seine Meinung zu sagen, sind stark gestiegen“ (Berliner Zeitung). In Talkshows spricht er von einer „gesellschaftlichen Ächtung für freie Meinungsäußerungen“. Im Podcast Lanz & Precht warnt er, die Meinungsfreiheit sei „gefährdet“, und bei Markus Lanz erklärt er: „Die Grenzen der Meinungsfreiheit fangen bei der Selbstzensur an“. Selbstzensur – also die eigene Vorsicht im Umgang mit Kritik – wird zur staatlichen Repression umgedeutet.

    Prechts Co-Autor Harald Welzer hat dieses Gefühl in Buchform gegossen. In „Die vierte Gewalt“ behaupten beide, Medien und Politik erzeugten künstliche Mehrheitsmeinungen und engten den Debattenraum systematisch ein. Welzer fabuliert von einer „gemachten Mehrheitsmeinung“. Kritiker warfen dem Buch vor, es operiere im Behauptungsmodus und liefere kaum empirische Belege. Aber das ist ja gerade der Trick: Wer von Meinungskorridor spricht, muss keinen beweisen, er muss ihn nur fühlen.

    Noch direkter formuliert Ulf Poschardt seine Kulturkampf-Ängste. Über die Pandemiepolitik sagte er: „Corona hat mich eigentlich radikalisiert“ und sprach von einem moralischen „Terrorregime“ der Eliten. Wenn der Chefredakteur eines der reichweitenstärksten Blätter des Landes von Terror redet, während er täglich Leitartikel publiziert, ist das weniger Analyse als Pose.

    Auch der Medientheoretiker Norbert Bolz warnt seit Jahren vor einem Klima, in dem Abweichler mit „massiven beruflichen Sanktionen“ rechnen müssten, wenn sie vom Mainstream abweichen. Das mag sich dramatisch anhören, ist aber selten belegt – und oft vor allem Gefühlspolitik derjenigen, die es nicht gewohnt sind, dass ihnen Widerspruch entgegenbrandet.

    Das Geschäftsmodell mit der gekränkten Meinungsfreiheit

    Man sollte dabei nicht unterschätzen, wie lukrativ die permanente Beschwörung der bedrohten Meinungsfreiheit inzwischen ist. Für Precht & Co. ist das Lamento nicht nur Haltung, sondern auch Geschäftsmodell. Wer behauptet, man dürfe „nichts mehr sagen“, sagt in der Regel sehr viel – und verkauft dabei Bücher, Podcasts, Bühnenauftritte und Talkshowformate. Empörung ist eine verlässliche Währung im Aufmerksamkeitsmarkt, und nichts generiert mehr Reichweite als das Gefühl, unterdrückt zu werden. Das Narrativ vom engen Meinungskorridor ist perfekt: Es macht den Sprecher zum Dissidenten, immunisiert ihn gegen Kritik und garantiert mediale Dauerpräsenz. Der angeblich verengte Debattenraum wird so zur Bühne, auf der sich dieselben Figuren immer wieder als mutige Grenzgänger inszenieren – und aus der Pose der Bedrohten ein stabiles Einkommen ziehen. Meinungsfreiheit als Markenstrategie, Empörung als Content, Opfergehabe als Geschäftsplan.

    Warum das Opfer-Narrativ so verführerisch ist

    Warum also halten sich diese Klagen über den engen Meinungskorridor so hartnäckig? Weil sie psychologisch funktionieren. Wer sich als Opfer einer übermächtigen Mehrheit inszeniert, immunisiert sich gegen Kritik. Jede Gegenrede bestätigt die eigene These. Widerspruch wird zum Beweis für Unterdrückung. Es ist ein hermetisch abgeschlossenes Weltbild.

    Zugleich ermöglicht es moralische Selbstaufwertung. Man ist nicht einfach jemand mit einer unpopulären Meinung – man ist Freiheitskämpfer. Man ist nicht jemand, der Unsinn redet – man wird mundtot gemacht. Diese Rhetorik verwandelt jede Debatte in einen Kulturkampf und jede Kritik in eine existenzielle Bedrohung.

    Demokratisierung fühlt sich für Privilegierte wie Zensur an

    Vielleicht ist das der Kern des Problems: Demokratisierung fühlt sich für Privilegierte wie Zensur an. Wenn plötzlich mehr Stimmen gehört werden, wenn Minderheiten widersprechen, wenn Aktivisten die moralische Agenda mitbestimmen, verliert die alte Sprecherelite ihre Deutungshoheit. Was früher selbstverständlich war, wird verhandelbar. Und Verhandelbarkeit fühlt sich für diejenigen, die es gewohnt sind, Recht zu haben, wie ein Verlust an Freiheit an.

    Die Ironie der Freiheit

    Die Ironie ist, dass gerade diejenigen, die am lautesten „Meinungsfreiheit!“ rufen, häufig selbst wenig tolerant gegenüber abweichenden Meinungen sind. Freiheit wird selektiv verstanden – für sich selbst, nicht für andere. Wer gegen Migration polemisiert, argwöhnt Gesinnungsdiktatur, sobald ihm widersprochen wird. Wer Gendern ablehnt, sieht sich als Opfer eines Sprachregimes, fordert aber gleichzeitig, andere sollten gefälligst „normal“ sprechen. Die Freiheit der anderen ist oft nur lästig.

    Robuster als behauptet

    Die Meinungsfreiheit in Deutschland ist robust. Sie wird täglich genutzt – von Linken, Liberalen, Konservativen, Rechten. Sie wird manchmal strapaziert, oft missverstanden, selten wirklich gefährdet. Wer sie dennoch permanent bedroht sieht, betreibt ein rhetorisches Kunststück: Er verwandelt Privileg in Unterdrückung und Widerspruch in Zensur.

    Das ist jedoch kein philosophischer Tiefgang, sondern bloß ein rethorischer Taschenspielertrick. Und vielleicht sollte man, statt immer wieder über den angeblich engen Meinungskorridor zu klagen, einfach akzeptieren: Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden, lauter, widersprüchlicher. Das bedeutet keine Bedrohung der Freiheit. Das ist ihre Verwirklichung.
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    Genutzte Quellen:

    1. Richard David Precht, Der Philosoph sieht die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet, Neue Zürcher Zeitung, 27. Januar 2026.

    2. Richard David Precht, mehrere Interviews in Berliner Zeitung zum Thema „Öffentlichkeit, Debattenkultur und Diskursverengung“.
    z.B.: Ich kann wunderbar damit leben, dass mich jemand Schwachkopf nennt. Interview in: Berliner Zeitung, 17. Oktober 2025.

    3. Markus Lanz und Richard David Precht: Sagen, was ist: Wie gefährdet ist unsere Meinungsfreiheit?
    Podcast Lanz & Precht, Ausgabe 194, ZDF, 2025.

    4. Richard David Precht in der Talkshow Markus Lanz, ZDF, Sendung Mai 2025 (Thema: Meinungsfreiheit, Selbstzensur, Diskursklima).
    gefunden in Münchner Merkur: Lanz und Precht sorgen sich um die Meinungsfreiheit, 31.05.2025

    5. Richard David Precht und Harald Welzer, Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist (Frankfurt am Main: S. Fischer, 2022).

    6. Ulf Poschardt, diverse Kolumnen zu Cancel Culture, Meinungsfreiheit und Illiberalisierung des Diskurses“.
    z.B.: Nur Pseudo-Liberale leiden an der Meinungsfreiheit. Die Welt, 16. April 2022.

    7. Norbert Bolz, Die Konformisten-Rebellion. Wie wir in der Konsensgesellschaft unsere Freiheit verspielen (Paderborn: Wilhelm Fink, 2017).
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    Lesen Sie auch: Facebook kann Meinungsfreiheit völlig egal sein
    Meinungfsreiheit in Facebook
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    Prechts Welt: Kaffeesatz statt Analyse

    Denkbar – oder nur Kaffeesatz?

    Richard David Precht hält es in einem Interview mit der NZZ für denkbar, dass Alice Weidel in drei Jahren Kanzlerin ist. Denkbar. Kaum ein Wort hat es im politischen Diskurs zu solcher Macht gebracht wie dieses. Es klingt vorsichtig und mutig zugleich, öffnet Fantasie(t)räume und schließt gleichzeitig jede Verantwortung aus. Wer „denkbar“ sagt, behauptet nichts – und sagt doch alles.

    Ist Alice Weidel wirklich Kanzlerin in spe?

    Precht begründet seine Überlegung mit der Reformunfähigkeit Deutschlands, dem Erstarken der politischen Ränder und möglichen Verschiebungen innerhalb der CDU. Das klingt nach Analyse. Doch Analyse beginnt dort, wo Zusammenhänge erklärt werden, nicht dort, wo sie in der Schwebe bleiben. Precht beschreibt Stimmungen, aber keine Mechanismen. Er benennt Entwicklungen, ohne ihren inneren Zwang offenzulegen. Am Ende steht kein Argument, sondern ein Szenario.

    Dieses Verfahren ist vertraut. Reale Akteure ersetzen reale Kausalität. AfD, CDU, Alice Weidel – bekannte Namen erzeugen Plausibilität, ohne sie begründen zu müssen. Doch zwischen gesellschaftlicher Unzufriedenheit und einer Kanzlerschaft der AfD liegen politische Hürden, die nicht beiläufig übersprungen werden können. Parteitage, Koalitionsverhandlungen, strategische Verluste, internationale Isolation, innerparteiliche Machtkämpfe – all das verschwindet hinter dem eleganten Schleier des „Denkbaren“.

    Analyse oder nur Andeutung?

    So wird aus politischer Analyse eine intellektuelle Projektion. Kaffeesatzlesen mit akademischem Tonfall.

    Wer Precht länger verfolgt, erkennt das Muster sofort. Auch frühere Prognosen folgten demselben Prinzip. Mal war es der baldige Bedeutungsverlust der Demokratie zugunsten technokratischer Steuerung. Mal das absehbare Scheitern der Energiewende in ihrer damaligen Form. Mal der unausweichliche gesellschaftliche Bruch nach der Pandemie. Immer wurde ein düsteres Szenario entworfen, stets eingerahmt von Vorsichtssignalen, nie jedoch mit überprüfbaren Kriterien versehen. Die Zukunft erschien als Abfolge großer Umbrüche – denkbar, dramatisch, offen.

    Gemeinsam ist diesen Prognosen weniger ihre inhaltliche Richtung als ihre Struktur. Sie sind groß genug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, und vage genug, um nicht falsifizierbar zu sein. Was eintritt, bestätigt die These. Was nicht eintritt, war eben noch nicht so weit. Der Prognostiker bleibt unversehrt.

    Welterklärer auf Sendung – wer hört noch zu?

    Bemerkenswert ist dabei weniger die Spekulation selbst als die Rolle ihres Urhebers. Precht tritt seit Jahren als selbsternannter Welterklärer auf, als Allround-Philosoph für jede Lage. Pandemie, Krieg, Bildung, Klima, Kapitalismus, nun auch Koalitionsarithmetik – es gibt kaum ein Feld, zu dem er nichts zu sagen hätte. Seine Autorität speist sich weniger aus fachlicher Tiefe als aus medialer Präsenz. Wer zu allem spricht, muss zu nichts wirklich ins Detail gehen. Der Universalanspruch ersetzt die Präzision.

    Gerade diese Rolle macht Precht für Medien so attraktiv. Er liefert große Linien, einfache Erzählungen und zugespitzte Möglichkeiten. Er spricht ruhig, wägt scheinbar ab und formuliert so, dass jede These als Nachdenklichkeit erscheint. Das verleiht auch unbelegten Annahmen den Anschein von Vernunft. Der Welterklärer darf andeuten, wo andere erklären müssten.

    Medienliebling ohne Substanz?

    Problematisch ist das nicht, weil Precht irren könnte. Prognosen dürfen irren. Problematisch ist, dass seine Prognosen strukturell so gebaut sind, dass sie sich jeder Überprüfung entziehen. Tritt das Szenario ein, gilt es als Weitsicht. Tritt es nicht ein, war es ja nur eine Möglichkeit. Unangreifbar durch Unverbindlichkeit.

    Bemerkenswert ist zudem, wie bereitwillig Medien dieses Verfahren akzeptieren. Precht erhält zuverlässig ein Forum, weil seine Thesen zugleich drastisch und folgenlos sind. Sie erzeugen Aufmerksamkeit, ohne überprüfbar zu sein. Genau das macht sie sendefähig. Er liefert keine belastbaren Analysen, sondern Gesprächsanlässe – und Gesprächsanlässe sind eine stabile Währung in einem medialen Betrieb, der permanent nach Relevanz sucht.

    Wie viel Zukunft ist noch denkbar?

    Dabei wäre Skepsis angebracht. Wer regelmäßig Möglichkeiten in den Raum stellt, ohne Wahrscheinlichkeiten zu benennen, ohne Alternativen zu gewichten, ohne empirische Anker zu setzen, trägt nicht zur Aufklärung bei. Er produziert Stimmung. Doch statt diese Leerstelle offenzulegen, wird die Spekulation zur Schlagzeile verdichtet. Aus einem Gedankenspiel wird ein politisches Menetekel.

    Das Ergebnis ist ein Diskurs, in dem alles möglich scheint und nichts erklärt wird. Analyse wird mit Zuspitzung verwechselt, Autorität mit Argument. Intellektueller Habitus ist kein Ersatz für analytische Substanz.

    Folgt man dieser Logik konsequent, wird der Möglichkeitsraum grenzenlos. Denkbar ist, dass politische Tabus über Nacht verdampfen. Denkbar ist, dass Parteien Dinge tun, für die sie jahrelang gewählt wurden, um sie gerade nicht zu tun. Denkbar ist alles, was nicht physikalisch unmöglich ist.

    Wer sagt’s uns wirklich?

    Und damit öffnet sich das Tor zur Absurdität.

    Denkbar ist dann auch, dass der 1. FC Köln im Jahr 2029 deutscher Meister wird – sofern nur genug investiert wird. Denkbar ist eine Rückkehr Walter Whites aus dem Totenreich, sollte Netflix dramaturgischen Bedarf anmelden. Denkbar ist ebenso eine Kanzlerschaft Ricarda Langs nach der Abschaffung des Klimaschutzes durch die Grünen. All das ist nicht ausgeschlossen. All das ist denkbar.

    Der Unterschied zu Prechts Prognose ist kein methodischer, sondern ein ästhetischer. Hier Rollkragen und Feuilleton, dort Ironie. Die Logik jedoch ist identisch: beliebige Voraussetzungen, beliebige Zukunft. Wer die Latte der Begründung niedrig genug legt, kommt immer darüber.

    Alles möglich – aber was ist wahrscheinlich?

    Denkbar ist vieles.
    Aber wer alles für denkbar erklärt, sagt am Ende nichts darüber, was wahrscheinlich ist.
    Und ohne diese Unterscheidung bleibt politische Analyse nichts weiter als gut verpackter Nebel.
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  • Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat

    Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat

    Ich trage den Gedanken an Selbstmord immer bei mir wie einen Ersatzreifen. Das gibt mir ein seltsames Gefühl von Sicherheit.
    (c) Charles Bukowski

    Der ultimative Ausgang

    Bukowski saß in billigen Zimmern und starrte Löcher in die Wand. Nicht, weil er auf Erleuchtung wartete, sondern weil da nichts mehr war, was sich lohnte, angeschaut zu werden. In solchen Momenten kam der Gedanke. Nicht laut. Kein Drama. Einfach da. Der Gedanke an den Ausgang.

    Der Poet aus East-Hollywood nannte ihn den Ersatzreifen. Kein Symbol der Hoffnung, sondern der nüchterne Beweis, dass man nicht ausgeliefert ist. Wer weiß, dass er anhalten könnte, fährt ruhiger. Man fährt weiter, nicht weil man muss, sondern weil man es gerade noch will.

    Der Gedanke an den Selbstmord ist selten der Wunsch zu sterben. Meist ist es der Wunsch, dass etwas aufhört. Der Lärm. Die Rechnungen. Die immer gleichen Gesichter. Das ewige Sich-Zusammenreißen. Es ist kein Todestrieb. Es ist Erschöpfung.

    Das Problem beginnt dort, wo wir diesen Gedanken entweder dämonisieren oder verklären. Die einen rufen sofort den Arzt, die anderen die Moral. Beide hören nicht zu. Dabei ist der Gedanke oft nur ein Signal: So geht es nicht weiter. Noch kein Plan. Noch keine Entscheidung. Nur ein inneres Aufleuchten der Möglichkeit.

    Die offene Tür

    Lange vor Bukowski saßen die Stoiker da und dachten nüchtern über dasselbe nach. Seneca. Epiktet. Männer, die wussten, dass Würde nichts mit Durchhalten um jeden Preis zu tun hat. Seneca sprach von der offenen Tür. Wenn der Raum zu verraucht ist, geht man. Nicht aus Schwäche, sondern aus Klarheit.

    Das Leben war für sie kein Gefängnis. Es war ein Aufenthalt. Und jeder Aufenthalt darf beendet werden. Wer diese Möglichkeit kennt, ist kein Opfer. Er ist anwesend aus Entscheidung.

    Der Zwang zum Leben

    Heute nennen wir das krank. Wer sagt, dass er nicht mehr will, wird verwaltet. Überwacht. Korrigiert. Der moderne Staat liebt das Leben, solange es funktioniert. Abweichung gilt als Störung.

    Ich bin fast blind, meine Augen verdrehen sich nach hinten in die dunklen Höhlen meines Schädels und halten Ausschau nach einem gnädigen Tod.
    (c) Charles Bukowski: Die letzten Tage des Suicide Kid

    Aber was, wenn das Weiterleben um jeden Preis selbst die Störung ist? Was, wenn ein Mensch klar sieht, dass das, was er lebt, nur noch eine Gewohnheit ist? Bukowski wusste: Das Normale ist oft wahnsinniger als der Wunsch nach Ruhe.

    Wenn der Gedanke kippt

    Gefährlich wird es nicht durch den Gedanken, sondern durch sein Alleinsein. Wenn er keine Sprache mehr findet. Wenn aus „Ich könnte gehen“ ein „Ich sollte gehen“ wird. Dann wird aus dem Ersatzreifen eine Wand.

    Deshalb geht es nicht darum, den Gedanken zu verbieten oder zu feiern. Es geht darum, ihn auszuhalten, ohne sofort ernst zu machen. Denken ist noch kein Handeln. Zwischen beidem liegt Zeit. Und Zeit ist manchmal alles.

    Das falsche Heldentum

    Wir lieben Durchhalteparolen. Kämpfen. Stark sein. Funktionieren. Das klingt gut und hilft niemandem. Es macht aus Erschöpfung ein Versagen.

    Manchmal steigst du morgens aus dem Bett und denkst, ich schaffe das nicht, aber du lachst innerlich – erinnerst dich an all die Male, als du dich so gefühlt hast.
    (c) Charles Bukowski

    Vielleicht reicht es manchmal, nicht zu sterben. Nicht heroisch zu sein. Einfach einen weiteren Tag zu verbrauchen. Bukowski wusste: Man muss das Leben nicht lieben. Es reicht, wenn man es aushält.

    Die letzte Freiheit

    Das Paradox ist simpel: Erst wer gehen dürfte, kann bleiben. Wer gezwungen lebt, ist ein Gefangener. Wer bleiben kann, obwohl er gehen dürfte, handelt.

    Bukowski ist nicht durch Suizid gestorben. Er starb alt, krank, widerspenstig. Aber er lebte mit dem Wissen um den Ausgang. Vielleicht hat ihn genau das am Leben gehalten.

    Der Ersatzreifen ist keine Einladung zum Tod. Er ist eine Erinnerung daran, dass niemand uns besitzen darf. Nicht der Staat. Nicht die Moral. Nicht die Angst der anderen.

    Man darf über den Ausgang nachdenken. Man sollte ihn nur nicht verwechseln mit Freiheit. Die beginnt oft niedriger. In einem Glas Bourbon (oder für Abstinenzler: Coke Zero). In einem weiteren Morgen. In dem Gedanken: Heute noch nicht.

    Schlechte Tage sind kein Argument

    Es gibt Tage, an denen alles falsch sitzt. Der Körper. Die Gedanken. Die Art, wie das Licht durchs Fenster fällt. Tage, an denen selbst das Atmen wie eine Beleidigung wirkt. Bukowski kannte diese Tage. Er hat sie nicht therapieren lassen. Er hat sie aufgeschrieben oder weggesoffen. Beides keine Lösung, aber immerhin ehrlich.

    Das Schlimmste ist nicht der Tod, sondern das Leben, das die Leute bis zu ihrem Tod führen.
    (c) Charles Bukowski

    Das Problem unserer Zeit ist nicht, dass Menschen zu früh an den Tod denken. Das Problem ist, dass sie glauben, jeder schlechte Tag müsse sofort eine Diagnose sein. Dabei sind viele Tage einfach nur schlecht. Sie wollen nicht analysiert, sondern überlebt werden.

    Die Buchhaltung des Lebens

    Irgendwann beginnt jeder Mensch zu rechnen. Was habe ich gegeben, was habe ich bekommen? Wie viel Kraft steckt noch drin? Bukowski hat diese Rechnungen nie schön gerechnet. Meist stand da ein Minus. Und trotzdem blieb er sitzen.

    Vielleicht, weil er wusste: Solange man noch rechnet, ist man nicht fertig. Der gefährliche Moment ist nicht der Gedanke an den Ausgang. Es ist der Moment, in dem einem alles egal wird. Auch der Gedanke.

    Das Gerede der Anderen

    Es sind selten die eigenen Gedanken, die einen töten. Es ist das Gerede. Die Erwartungen. Die Sätze wie: Reiß dich zusammen. Andere haben es schlimmer. Sei dankbar.

    Bukowski hätte darüber gelacht. Dankbarkeit lässt sich nicht erzwingen. Sie kommt oder sie kommt nicht. Wer sie fordert, hat meistens keine Ahnung vom Gewicht fremder Tage.

    Der Körper lügt nicht

    Vieles, was wir Todessehnsucht nennen, ist schlicht Überforderung des Körpers. Zu wenig Schlaf. Zu viel Druck. Zu lange funktioniert. Der Körper zieht dann die Notbremse. Der Kopf nennt das Suizidgedanken.

    Vielleicht müsste man öfter fragen: Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Wann hast du zuletzt nichts leisten müssen?

    Bleiben ist Arbeit

    Bleiben ist keine romantische Entscheidung. Es ist Arbeit. Jeden Tag neu. Oft ohne Applaus. Man bleibt nicht, weil es schön ist, sondern weil man es noch aushält.

    Bukowski wusste das. Er hat das Bleiben nie gefeiert. Er hat es dokumentiert. Zeile für Zeile. Bier für Bier.

    Kein Schlusswort

    Diese Kolumne ist kein Plädoyer für den Tod. Sie ist auch keines fürs Leben. Sie ist ein Text über Wahlmöglichkeiten. Über Würde. Über das Recht, müde zu sein, ohne gleich verschwinden zu müssen.

    Der Ersatzreifen ist kein Versprechen. Er ist nur ein Gegenstand im Kofferraum. Man hofft, ihn nie zu brauchen.
    Aber man fährt anders, wenn man weiß, dass er da ist.

    Und manchmal reicht genau das, um weiterzufahren.
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    Lesen Sia auch: Warten auf die Schlangengrube

    Warten auf die Schlangengrube
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  • Warten auf die Schlangengrube

    Warten auf die Schlangengrube

    Gelassen sterben à la Vikings

    Kurz vor Weihnachten sah bzw. hörte ich in Vikings (ja, ich weiß, dass ich mit dieser Serie SEHR spät dran bin) diesen kurzen Dialog:

    „Ich habe in letzter Zeit viel über den Tod nachgedacht, Egbert.“

    „Das ist das Faszinierende an euch Nordmännern: Sobald ihr aus dem Mutterschoß kriecht, denkt ihr täglich an den Tod, bis er euch schließlich ereilt. Aber was ist mit der Zeit dazwischen; worüber denkt ihr da nach, Ragnar?“

    „Ihr meint so was wie Frauen?“

    Diese Szene – die alt gewordenen Protagonisten Egbert von Wessex und Ragnar Lodbrok sitzen sich spätabends in einem kargen Raum gegenüber und lassen ihre Leben Revue passieren: Wein, Gelächter, fast unverschämte Gelassenheit – gehört zu den wirklich starken Momenten der langen Wikingersaga. Kurz darauf lässt sich der Wikingerfürst ohne jede Gegenwehr, in eine Schlangengrube werfen. Egbert wiederum trennt sich von seiner jüngeren Geliebten, um sich ab sofort ohne Zerstreuung auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren zu können (und stirbt ebenfalls ein paar Folgen später).

    Und ich hocke auf meinem Sofa, schaue zu und denke: Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn – oder, weniger pathetisch formuliert, nach den wichtigen Dingen des Lebens – hängt fundamental davon ab, wann sie einem gestellt wird.

    Die falschen Antworten der ersten Lebenshälfte

    Bis 40 (von mir aus auch bis 50) hätte ich ohne Zögern geantwortet: Geld/Vermögensaufbau, Frau(en), Kinder. Vielleicht noch Karriere, Status, irgendetwas, das sich nach Bedeutung anfühlt. Sterben war damals ein Randthema. Etwas für später. Für andere. Für Menschen mit grauen Haaren, denen man unauffällig den Sitzplatz in der Bahn anbot.

    Was nach ein paar Jahrzehnten übrig bleibt

    Heute – 20 Jahre und rund 30 Aufenthalte in Suchtkliniken später – gewichte ich anders. Heute sage ich: Gott (oder wer auch immer diesen Laden hier verwaltet) gib mir noch ein paar Jahre bei einigermaßen passabler Gesundheit. Lass mich in der Zeit an Kindern, Enkeln und Facebook erfreuen. Mehr brauche ich nicht.

    Kein eitler Tand wie Vermögen mehr. Die Kohle muss fürs Auskommen eines Minimalisten reichen, nicht für ein Leben im Hochglanzformat. Frau(en) sind ü60 komplett entbehrlich. Nicht, weil ich sie nicht mag oder geringschätze (ich treffe mich gerne mit alten Schulfreundinnen, höre hin und wieder auf deren Ratschläge und nicke gelegentlich sogar verständnisvoll), sondern weil ich sie nicht mehr 24/7 um mich herum benötige. Auch nicht als Bettgenossinnen.

    Allein, aber nicht einsam

    Früher hätte ich mich allein wahrscheinlich einsam gefühlt. Heute fühle ich mich ab und zu allein, aber keineswegs einsam. Einsamkeit ist ein Defizit. Alleinsein ein Zustand. Und Zustände kann man aushalten, manchmal sogar genießen.

    Beim Gedanken an eine jüngere Geliebte – die man(n) sich finanziell ja auch erst einmal leisten können muss – bekomme ich nervösen Schluckauf. An ihrer Seite würde ich mich noch älter fühlen, als ich es ohnehin schon bin. Von fünfmal Sex in einer Nacht bin ich körperlich mittlerweile eh weiter entfernt als Ragnar Lodbrok vom Friedensnobelpreis. Insofern verstehe ich König Egbert voll und ganz. Wenn man sich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren möchte, tut man das am Ende des Lebens am besten allein.

    Warum man ab 60 keine (weniger) Angst vor dem Tod hat

    Was sich ab 60 einschleicht, ist nicht die Angst vor dem Tod. Das glauben nur Jüngere. Ab 60 kommt etwas anderes: eine nüchterne Vertrautheit mit dem Gedanken, dass das hier alles endlich ist. Keine theoretische Endlichkeit mehr, sondern eine statistisch belastbare. Man kennt plötzlich mehr Tote als Lebende. Man geht häufiger auf Beerdigungen als auf Hochzeiten. Und man merkt: Das Leben wird nicht kürzer, es wird enger.

    Wenn Sterben medizinisch wird

    Sterben ist ab 60 auch kein philosophisches Thema mehr, sondern ein medizinisches. Und ein organisatorisches. Man denkt über Patientenverfügungen nach, über Vorsorgevollmachten, über Beerdigungen. Nicht, weil man sterben will, sondern weil man nicht falsch sterben möchte.

    Denn was einen wirklich umtreibt, ist weniger der Tod als die Zeit davor. Die Apparate. Die Schläuche. Die Maschinen, die einen am Leben halten, obwohl man selbst längst freiwillig gegangen wäre, wenn man bloß dürfte.

    Krankenhäuser, Pflegeheime und andere Warteschleifen

    Ab einem gewissen Alter beginnt man, Krankenhäuser anders wahrzunehmen. Nicht mehr als Orte der Heilung, sondern als Übergangszonen. Als Hallen, in denen entschieden wird, ob man noch repariert wird oder nur noch verwaltet. Man kennt plötzlich Begriffe wie „Austherapiert“, „Palliativ“, „Komfortversorgung“.

    Pflegeheime verlieren ebenfalls ihren Schrecken – aber auf eine unangenehme Art. Man weiß: Das ist kein Ort zum Leben, sondern ein Ort zum Sterben mit Verzögerung. Man sieht dort Menschen, die nicht mehr krank sind, sondern verbraucht. Und man denkt unweigerlich: So bitte nicht.

    Apparate können Leben verlängern, aber nichts erklären

    Die Apparate-Medizin hat uns viele Jahre geschenkt. Aber sie nimmt sich am Ende auch welche zurück. Mit Zinsen. Beatmungsgeräte, Magensonden, Dialyse – technisch beeindruckend, menschlich fragwürdig. Man kann Leben verlängern, aber keine Würde. Und schon gar keinen Sinn.

    Palliativ, Sterbehäuser und der Wunsch nach Ruhe

    Deshalb beginnt man, sich für Palliativmedizin zu interessieren. Nicht aus Todessehnsucht, sondern aus Pragmatismus. Schmerzfrei. Angstfrei. Möglichst leise. Nicht als medizinischer Erfolg, sondern als menschlicher Abschied.

    Und irgendwann stolpert man über den Begriff „Sterbehäuser“. Orte, an denen Sterben kein Versagen ist. Keine Niederlage. Sondern ein Vorgang. Das wirkt auf Jüngere morbide. Auf Ältere wirkt es beruhigend.

    Was man nicht hinterlassen muss

    Was ebenfalls verschwindet, ist die Illusion, man müsse „etwas hinterlassen“. Kinder und Enkel reichen völlig. Niemand braucht meine Bücher, meine Meinungen oder meine Facebook-Kommentare für die Ewigkeit. Der Gedanke, dass nach mir nichts kommt außer ein paar Erinnerungen, die ebenfalls verblassen, ist überraschend tröstlich.

    Noch nicht Ragnar

    Ganz so weit wie Ragnar Lodbrok bin ich allerdings noch nicht. Mich milde lächelnd in eine Schlangengrube werfen zu lassen – in unsere moderne Welt übersetzt: dem Tod gefasst oder gar freudig entgegenzusehen – gelingt mir bislang nicht. Ich hänge noch zu sehr an Kleinigkeiten. An Routinen. An Kaffee. An dem Gefühl, morgens aufzuwachen und zu denken: Ah. Noch da.

    Warten

    Aber der Gedanke an den Tod hat seinen Schrecken verloren. Er ist kein Feind mehr. Eher ein stiller Begleiter. Einer, der irgendwann sagt: Jetzt reicht’s.
    Bis dahin warte ich.

    Nicht unbedingt auf den Tod.

    Eher darauf, ihm irgendwann ohne Apparate, ohne Panik und ohne falsche Hoffnungen zu begegnen.
    Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man alt genug ist, um zu sterben.
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    Unser Hörmal-Kolumnist Ulf Kubanke empfiehlt den zu Vikings gehörenden Soundtrack von Wardruna, um sich so richtig in Todeslaune zu versetzen:

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    Ich laufe, also bin ich noch