Kategorie: Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer

  • Ein Jahr Trump II – (mein) Abschied von Amerika

    Ein Jahr Trump II – (mein) Abschied von Amerika

    Ein Jahr, das alles verändert hat

    Heute vor einem Jahr trat Donald Trump seine zweite Amtszeit an. Was seither geschehen ist, sprengt selbst die Prognosefähigkeit eines notorischen Pessimisten, wie ich einer bin. Damals, am 20. Januar 2025, hätte ich nicht gedacht, dass schon zwölf Monate später ein wehmütiger Abschied notwendig sein würde. Ein Abschied nicht nur von einer Regierung, sondern von einem Land, wie ich es seit früher Kindheit wahrgenommen, erlebt und – ja – geliebt habe.

    Dieser Text ist kein politikwissenschaftlicher Lagebericht. Er ist auch keine Chronik aller Verwerfungen, die diese zwölf Monate hervorgebracht haben. Er ist persönlicher. Vielleicht auch sentimentaler. Denn es geht um den Verlust eines inneren Bildes: der USA als moralischem Bezugspunkt, als Freund, als Beschützer – als Sehnsuchtsort.

    Wie Amerika Teil meines Lebens wurde

    Meine Amerika-Sozialisation begann früh. 1968 lernte ich lesen mit Donald Duck und Micky Maus. Keine Helden mit Übermenschlichkeit, sondern Figuren mit Fehlern, Humor und einem unerschütterlichen Glauben daran, dass es am Ende irgendwie gut ausgeht. 1969 saß ich gebannt vor dem Fernseher und fieberte bei der Mondlandung mit. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit“ – das war nicht nur Technikgeschichte, das war ein Versprechen.

    1978 ging ich als Schüler nach New York. Die Stadt war schmutzig, laut, manchmal beängstigend – und elektrisierend. Freiheit hatte hier einen Geruch, einen Soundtrack, eine Geschwindigkeit. 1990 durfte ich mit einem Promotionsstipendium nach Washington, D.C. Ich lernte Archive kennen, Debatten, die Ernsthaftigkeit eines Systems, das sich seiner Verantwortung bewusst war. Bis 2010 folgten immer wieder Aufenthalte in den USA. Teile meiner Familie leben bis heute über das Land verstreut – von der Ost- bis zur Westküste.

    Als Student in den 1980er-Jahren entdeckte ich meine Liebe zu Charles Bukowski. Seine brutale Ehrlichkeit, die Lakonie, der Trotz gegen jede Form von Selbstbetrug – all das war für mich eine andere, dunklere Variante des amerikanischen Way of Life. Allein seinetwegen hätte ich mir vorstellen können, die letzten Lebensjahre, die mir als Alsbald‑Rentner bleiben, in East Hollywood zu verbringen: nicht aus Nostalgie, sondern aus Nähe zu einer Wahrheit, die sich nichts vormacht. Dieser Traum ist nun ebenfalls geplatzt. Nicht weil Bukowski verschwunden wäre, sondern weil das Land, das solche Stimmen aushielt, sich selbst nicht mehr erträgt.

    Das amerikanische Versprechen

    Bei aller – oft berechtigten – Kritik und bei allen Schattenseiten waren die USA für mich immer vier Dinge zugleich: Erstens die Guten. Zweitens unser Freund. Drittens der Beschützer des Westens. Und viertens ein Traumziel.

    Nach einem Jahr Trump II haben sich diese Vorstellungen beim Blick über den Atlantik nahezu verflüchtigt.

    Die Erosion begann früher

    Natürlich begann dieser Prozess nicht erst 2025. Wer ehrlich ist, muss einräumen: Die Erosion setzte früher ein. Spätestens mit der ersten Trump-Präsidentschaft, vielleicht schon mit dem Irakkrieg, mit Guantánamo, mit der Finanzkrise. Aber es gab immer die Hoffnung auf Korrektur. Auf das berühmte amerikanische Pendel. Auf Institutionen, die stärker sind als ein Mann.

    Diese Hoffnung ist in den vergangenen zwölf Monaten in Siebenmeilenstiefeln zerstört worden, bis von ihr kaum noch was übrigblieb.

    Trump II: Kein Chaos mehr, sondern Programm

    Trump II ist nicht Trump I. Was in der ersten Amtszeit noch wie Chaos, Inkompetenz und Eitelkeit wirkte, erscheint heute als Generalprobe. Die zweite Amtszeit begann vorbereitet, organisiert, entschlossen. Loyalisten statt Fachleute. Dekrete statt Debatten. Drohungen statt Diplomatie.

    Der Ton hat sich verändert – und mit ihm die Substanz. Verbündete werden nicht mehr brüskiert, sondern offen verachtet. Internationale Abkommen gelten als Schwäche. Demokratie wird zur Verhandlungssache erklärt, abhängig vom eigenen Wahlergebnis. Medien sind nicht mehr nur Fake News, sondern konkrete Zielscheiben politischer Repression.

    Die gefährliche Normalisierung

    Was mich dabei am meisten erschüttert, ist nicht Trump selbst. Er ist, bei allem Entsetzen, eine bekannte Größe. Er tut, was er immer getan hat. Er sagt, was er immer gesagt hat. Er meint es diesmal nur ernster.

    Erschütternd ist etwas anderes: die Normalisierung. Die Normalisierung der Grenzüberschreitung. Die Normalisierung der Lüge. Die Normalisierung der offenen Verachtung rechtsstaatlicher Prinzipien. Und vor allem: die Normalisierung der Gleichgültigkeit. Ein Land, das einst stolz darauf war, „a city upon a hill“ zu sein, wirkt müde. Abgekämpft. Zynisch. Die großen Worte – Freiheit, Verantwortung, Führung – sind zu Requisiten in einem innenpolitischen Kulturkampf verkommen. Außenpolitik dient der Kränkung, nicht mehr der Ordnung der Welt.

    Europas strategische Zäsur

    Für Europa ist das mehr als ein Stimmungsproblem. Es ist eine strategische Zäsur. Jahrzehntelang konnten wir uns – manchmal bequem, manchmal naiv – darauf verlassen, dass im Ernstfall jemand da ist, der es gut meint mit dem Westen. Nicht immer klug, nicht immer selbstlos, aber im Kern verlässlich.

    Diese Verlässlichkeit ist weg. An ihre Stelle ist eine transaktionale Logik getreten: Was bringt es uns? Wer zahlt? Wer ordnet sich unter? Freundschaft wird bilanziert, Sicherheit privatisiert, Solidarität verspottet.

    Und ja, Europa hätte früher erwachsen werden müssen. Ja, wir haben uns zu lange in moralischer Überlegenheit eingerichtet. Aber all das ändert nichts an der Tatsache, dass der Verlust der USA als stabilisierender Faktor ein historischer Einschnitt ist.

    Abschied von einem alten Freund

    Für mich persönlich fühlt es sich an wie der Abschied von einem alten Freund, den man nicht wiedererkennt. Jemand, mit dem man Erinnerungen teilt, gemeinsame Werte, gemeinsame Siege und Niederlagen – und der nun in einer Sprache spricht, die einem fremd geworden ist.

    Ich weiß, dass es die anderen USA noch gibt. Die Professorin in Boston. Den Erdnussfarmer in Georgia. Die Krankenschwester in Seattle. Die Studentinnen in Yale und Stanford. Menschen, die verzweifelt zusehen, wie ihr Land sich resend schnell von etwas entfernt, das sie selbst verkörpern: Toleranz und Weltoffenheit. Aber sie sind leiser geworden. Oder wurden leise gemacht.

    Vielleicht ist das der schmerzhafteste Punkt: Nicht der Aufstieg des Autoritären, sondern der Rückzug des Liberal-Demokratischen aus dem öffentlichen Raum. Aus Angst. Aus Erschöpfung. Aus dem Gefühl heraus, ohnehin nichts mehr ändern zu können.

    Ein Richtungsentscheid

    Ein Jahr Trump II reicht, um zu verstehen: Dies ist kein Betriebsunfall. Es ist ein Richtungsentscheid.

    Ob er irreversibel ist, weiß ich nicht. Geschichte kennt Wendungen, Überraschungen, Comebacks. Aber sie kennt auch Kipppunkte. Momente, nach denen nichts mehr so wird wie zuvor.

    Der 20. Januar 2025 könnte ein solcher Moment gewesen sein.

    Ich schreibe diese Zeilen nicht aus antiamerikanischem Affekt. Im Gegenteil. Sie kommen aus einer tiefen Verbundenheit heraus. Aus Dankbarkeit für das, was dieses Land einmal war – und für das, was es mir gegeben hat.

    Gerade deshalb schmerzt der Abschied. Vielleicht ist es kein endgültiger. Vielleicht ist es nur ein langes, trauriges Auf Wiedersehen. Aber im Moment fühlt es sich an, als müsste ich ein inneres Kapitel schließen.

    Die USA waren für mich die Guten. Unser Freund. Der Beschützer des Westens. Eine feste positive Größe in meinem Weltbild.
    Heute, ein Jahr nach Trumps zweiter Amtseinführung, bleibt davon vor allem die Erinnerung.
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    Lesen Sie auch: Der Untergang des Abendlandes – Trump und wie er Europa sieht

  • 63 ist das neue 45 – mit Narkose

    63 ist das neue 45 – mit Narkose

    „Du musst dringend was machen lassen, siehst mittlerweile aus wie ne Bulldogge, die demnächst eingeschläfert gehört“, sagt die alte Schulfreundin.
    „Ich mach 5x/Woche was!“
    „Ich mein‘ nicht das blöde Fitness, sondern dein Gesicht. Zerknitterter als meine Bluse nach ner 2 Stunden Kochwäsche.“
    „So’n Botox-Zeug?“
    „Ein bisschen Botox hat noch keinem 63-jährigen geschadet. Und wenn du schon dabei bist: tausch die morschen Brücken gegen Implantate aus und lass die Augenlider straffen. Ein bisschen Fettabsaugen an den Hüften wäre auch nicht verkehrt.“
    „Nur über meine Leiche!“

    Das Gesicht als letzte Baustelle

    Aha. Mein Gesicht. Das eigentliche Problem. Zerknitterter als ihre Bluse nach zwei Stunden 90-Grad-Wäsche. Botox, Implantate, Augenlider, Hüften. Ein Komplettangebot, als wäre ich kein Mensch, sondern ein Altbau mit Schimmel, Asbest und unklarer Statik.

    Wir leben in einer Zeit, in der Altern nicht mehr vorgesehen ist. Jedenfalls nicht sichtbar. Falten sind kein Zeichen gelebten Lebens, sondern mangelnder Wartung. Wer mit über 60 aussieht wie über 60, hat etwas falsch gemacht. Oder schlimmer: aufgegeben.

    Früher wurde man alt. Heute altert man nur noch, wenn man es sich leisten kann, es zu kaschieren. Altern ist kein Naturprozess mehr, sondern ein Imageproblem.

    Der Körper als Dauerprojekt

    Der moderne Mensch ist nie fertig. Schon gar nicht mit sich selbst. Der Körper ist kein Zuhause mehr, sondern eine Baustelle. Und wer nichts macht, wird gemacht – nämlich aussortiert.

    Die Industrie hilft gern. Sie spricht nicht von Schnitten, sondern von Behandlungen. Nicht von Narben, sondern von Ergebnissen. Nicht von Angst, sondern von Selbstfürsorge.

    Die große Lüge vom gefühlten Alter

    „Man ist so alt, wie man sich fühlt.“

    Ein Satz wie ein warmes Bad. Leider endet seine Glaubwürdigkeit beim Blick in den Spiegel. Oder beim Aufstehen aus dem Sessel. Oder beim Geräusch, das die Knie dabei machen. Das Gefühl mag jung sein. Die Oberfläche ist es nicht. Und genau hier setzt die ästhetische Medizin an. Sie verspricht Ausgleich. Innen 45, außen bitte synchron.

    Botox kann viel – nur keine Zeit anhalten

    Was dabei gern verschwiegen wird: Altern ist kein Softwareproblem. Botox ist kein Update. Es lähmt Muskeln, nicht Jahrzehnte. Implantate ersetzen Zähne, nicht Biografien. Fettabsaugung entfernt Fett, aber nicht die Jahre, in denen man gelernt hat, sich selbst zu belohnen.

    Aber Hoffnung verkauft sich besser als Realität. Und die Hoffnung lautet: Vielleicht merkt es ja keiner.

    Die Vergleichshölle

    Wir sind umgeben von Siebzigjährigen, die aussehen, als hätten sie einen Wartungsvertrag mit der Ewigkeit. Prominente, Nachbarn, LinkedIn-Profile mit Fotos aus der Ära Schröder I. Der Vergleich ist permanent. Und er ist brutal.

    Wer nicht mithält, fällt auf. Wer auffällt, verliert. Sichtbares Altern ist heute ein Wettbewerbsnachteil.
    Männer holen auf – leider

    Lange durften Männer altern. Grau galt als interessant, Bauch als souverän, Falten als Zeichen von Denken. Diese Zeiten sind vorbei.
    Heute gilt auch für Männer: Wer nicht optimiert, wird überholt. Der Bauch ist kein Genuss mehr, sondern Disziplinlosigkeit. Die Falte kein Denkmal, sondern ein Makel. Der alternde Mann ist nicht mehr würdevoll, sondern verdächtig.

    Es bleibt nie beim „bisschen“

    „Ich hab ja nur ein bisschen machen lassen.“

    Das ist der Satz, mit dem alles beginnt. Ein bisschen Botox hier, ein bisschen Lidstraffung da. Man will ja nur wieder aussehen wie man selbst – nur weniger müde, weniger vergangen.

    Das Problem: Wer anfängt, sieht plötzlich überall Defizite. Ist die Stirn glatt, stört der Mundwinkel. Sind die Augen offen, wirkt der Hals beleidigt. Der Körper wird zur Excel-Tabelle voller Optimierungspotenziale.

    Wenn Gesichter ihre Geschichte verlieren

    Irgendwann kippt es. Dann sieht man nicht jünger aus, sondern gemacht. Nicht gepflegt, sondern bearbeitet. Das ist kein moralisches Urteil, sondern ein ästhetisches.

    Der Körper altert im Zusammenhang. Wenn man einzelne Teile herausoperiert, zerfällt oft das Ganze. Junges Gesicht, alter Gang. Glatte Haut, müde Augen.

    Instagram-Filter trifft Treppenhaus.

    Natürlich gibt es gute Gründe
    Ja, es gibt sie. Medizinische, funktionale, nachvollziehbare. Hängende Lider, die das Sichtfeld einschränken, sind kein Charaktertest. Rekonstruktionen nach Krankheit oder Unfall sind keine Eitelkeit. Und wer sich wohler fühlt, wenn der Spiegel nicht jeden Morgen „Endstadium“ ruft, hat jedes Recht zu handeln.
    Der entscheidende Punkt ist nicht der Eingriff. Es ist der Grund.

    Selbstfürsorge oder Selbstverleugnung?

    Will ich etwas machen lassen, weil ich mich selbst kaum noch ertrage? Oder weil ich Angst habe, im Vergleich alt auszusehen? Will ich mir etwas Gutes tun – oder renne ich einem Ideal hinterher, das sich permanent verschiebt?

    Denn dieses Spiel ist nicht zu gewinnen. Die Zeit ist ein geduldiger Gegner. Sie lässt sich irritieren, aber nicht besiegen. Jede OP kauft Aufschub, keine Erlösung.

    Wenn Pflege in Panik kippt

    Irgendwann übersteigt der Aufwand den Ertrag. Dann wird aus Pflege Nervosität. Aus Optimierung Angst. Aus Selbstbestimmung Zwang.
    Man erkennt es daran, dass der Spiegel nicht mehr konsultiert, sondern bekämpft wird.

    Die große gesellschaftliche Ausrede

    Besonders unerquicklich ist die Behauptung, all das sei eine rein private Entscheidung. Ist es nicht. Jede geglättete Stirn verschiebt die Norm. Jedes „Sieht man gar nicht!“ erhöht den Druck auf alle, bei denen man es sieht.

    Wir altern nicht mehr gemeinsam. Wir konkurrieren.

    Die eigentliche Zumutung

    Vielleicht sollten wir die Frage neu stellen. Nicht: Soll man im Alter Schönheits-OPs machen lassen oder nicht?
    Sondern: Halten wir es überhaupt noch aus, alt auszusehen?

    Nicht heroisch. Nicht würdevoll. Sondern einfach sichtbar.

    Alter als Marktsegment

    Was dabei gern übersehen wird: Altern ist inzwischen ein lukratives Marktsegment. Die Generation, die früher als „alt“ galt, heißt heute „Best Ager“ und verfügt über Zeit, Geld und diffuse Angst. Eine ideale Zielgruppe.

    Die Botschaft ist immer dieselbe: Du darfst alt sein – aber bitte nicht danach aussehen. Du darfst Erfahrung haben – aber keine Spuren davon. Das Alter wird toleriert, solange es unsichtbar bleibt.

    Würde ist kein Verkaufsargument

    „Würdevoll altern“ klingt gut, verkauft sich aber schlecht. Würde hat keinen Vorher-Nachher-Effekt. Keine Rabattaktion. Keine Ratenzahlung.

    Die ästhetische Industrie dagegen liefert klare Versprechen: jünger, frischer, straffer. Nicht glücklicher, wohlgemerkt. Aber konkurrenzfähig. Und das reicht offenbar.

    Stille Verachtung fürs Alte

    Hinter all dem steckt etwas Unangenehmes: eine tiefe Abneigung gegen sichtbares Alter. Alte Haut gilt als unästhetisch, alte Körper als störend, alte Gesichter als Zumutung.

    Man sagt es nur nicht mehr so. Man nennt es jetzt Optimierung.

    Illusion der Kontrolle

    Schönheits-OPs verkaufen Kontrolle. Die Vorstellung, man könne den eigenen Verfall managen wie ein Projekt. Checklisten statt Schicksal.

    Das funktioniert eine Weile. Und dann nicht mehr. Spätestens dann, wenn trotz aller Eingriffe das Alter zurückblickt – nicht im Gesicht, sondern im Gang, im Tempo, in der Erschöpfung.

    Wenn Altern wieder sichtbar wird

    Das ist der Moment, in dem viele noch mehr machen lassen. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Trotz. Gegen die Erkenntnis, dass der Körper kein Vertragspartner ist, sondern ein eigenwilliger Mitbewohner.

    Was bleibt

    Vielleicht wäre es an der Zeit, dem Alter wieder etwas Platz einzuräumen. Nicht als Heldentat, sondern als Normalität. Nicht jede Falte ist ein Problem. Nicht jede Veränderung eine Katastrophe.

    Das heißt nicht, dass man nichts machen darf. Aber vielleicht, dass man nicht alles muss.

    Ein letzter Blick

    Die Bulldogge im Spiegel jedenfalls hat mir heute Morgen wieder zugezwinkert. Nicht optimiert, nicht gestrafft, nicht verhandlungsbereit. Ich habe zurückgezwinkert. Mit beiden, leicht hängenden Lidern. Und ohne Termin beim Chirurgen.

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    Ich laufe, also bin ich noch

  • Vom Sonntagsbraten zum Deutschland-Korb

    Vom Sonntagsbraten zum Deutschland-Korb

    Als Essen noch kein politisches Thema war

    In meiner Kindheit, in den 60er- und 70er-Jahren, war Essen vor allem eines: berechenbar. Lebensmittelpreise kannten im Alltag kaum Überraschungen. Butter kostete, was Butter eben kostete, Brot war Brot, und Fleisch gab es sonntags. Nicht, weil es so teuer war, sondern weil es etwas Besonderes blieb. Niemand sprach von „Inflation an der Kühltheke“, niemand verglich Preise über Apps oder scannte Grundpreise pro 100 Gramm. Gegessen wurde, was da war – und gekocht wurde zu Hause.

    Natürlich war damals nicht alles billiger. Der Anteil der Ausgaben für Lebensmittel am Einkommen lag deutlich höher als heute. Aber die Preise bewegten sich langsam, verlässlich, fast geräuschlos. Das Gefühl permanenter Verteuerung, dieses ständige „Schon wieder teurer?“, kannte man nicht. Essen war kein politisches Thema, sondern Teil des Alltags.

    Teurer geworden – aber nicht unbezahlbar

    Heute ist das anders. Lebensmittel sind teurer geworden. Das ist keine gefühlte Wahrheit, sondern eine statistische. Seit 2020 haben sich viele Preise um rund ein Drittel erhöht. Butter, Obst, Gemüse – alles Dinge, die man nicht aus Luxus kauft, sondern weil man essen muss. Gleichzeitig gilt: Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland ein Niedrigpreisland. Wer einmal in Frankreich, Italien oder Skandinavien an der Supermarktkasse stand, weiß, dass „teuer“ ein sehr relativer Begriff ist.

    Die Politik greift nach dem Einkaufswagen

    Und doch greift nun die Politik nach dem Einkaufswagen. Genauer: die SPD. Aus ihrer Ideenküche stammt der Vorschlag eines sogenannten „Deutschland-Korbs“ – eines Bündels aus günstigen, preisstabilen, in Deutschland produzierten Grundnahrungsmitteln. Freiwillig angeboten vom Handel, gut sichtbar für die Kundschaft, gedacht als schnelle Entlastung für Verbraucher. Ein griffiger Name, ein verständliches Anliegen – aber ein Konzept, das bei näherem Hinsehen mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

    Günstiger als günstig?

    Zunächst die Grundannahme: Der Handel soll günstiger verkaufen. Aber günstiger als was? Als die ohnehin knallhart kalkulierten Eigenmarken? Als die Preise, die im europäischen Vergleich bereits niedrig sind? Wer glaubt, dass zwischen Molkerei, Schlachthof, Logistik, Energie, Personal und Miete noch nennenswerte Luft steckt, verwechselt politische Wunschvorstellungen mit betriebswirtschaftlicher Realität.

    Freiwillig – und trotzdem flächendeckend?

    Dann die Freiwilligkeit. Der Deutschland-Korb soll freiwillig sein – und gleichzeitig flächendeckend wirken. Das erinnert an Diätvorsätze am Neujahrstag: gut gemeint, aber ohne Durchschlagskraft. Warum sollte ein Händler mitmachen, wenn der Wettbewerber zwei Straßen weiter es nicht tut? Und wenn alle mitmachen – wer definiert dann, was „preisstabil“ ist und wie lange diese Stabilität gelten soll?

    Deutsch produziert, billig verkauft?

    Noch komplizierter wird es beim Etikett „in Deutschland produziert“. Das klingt nach Regionalität, Versorgungssicherheit und fairen Bedingungen. In der Praxis aber heißt es: höhere Produktionskosten. Deutsche Standards sind teuer – aus gutem Grund. Doch genau diese Kosten stehen im Widerspruch zum politischen Wunsch nach dauerhaft niedrigen Preisen. Beides zugleich geht nur, wenn jemand die Differenz trägt. Die Frage ist: Wer?

    Am Ende zahlt immer jemand

    Der Staat? Dann reden wir über Subventionen, also Steuergeld. Der Handel? Dann schrumpfen Margen, die ohnehin nicht üppig sind. Die Hersteller und Landwirte? Dann konterkariert man das Ziel fairer Erzeugerpreise gleich mit. Oder am Ende doch der Verbraucher – über kleinere Packungen, geringere Auswahl oder Qualitätseinbußen?

    Mehr Symbol als Lösung

    Der Deutschland-Korb ist damit weniger ein wirtschaftliches Instrument als ein politisches Symbol. Er signalisiert Handlungsbereitschaft, ohne das Grundproblem zu lösen: Lebensmittel sind teurer geworden, weil Energie, Löhne, Rohstoffe und Regulierung teurer geworden sind. Das lässt sich nicht wegkörben.

    Die offene Rechnung

    Vielleicht wäre mehr Ehrlichkeit hilfreicher als neue Wortschöpfungen. Ja, Essen kostet mehr. Nein, Deutschland ist kein Hochpreisland. Und ja, soziale Entlastung ist notwendig – aber sie lässt sich nicht dauerhaft an der Supermarktkasse organisieren. Wer Grundversorgung sichern will, muss Einkommen stärken oder gezielt unterstützen, nicht den Einkaufskorb neu erfinden.

    Denn am Ende bleibt die einfache Frage: Wer trägt den Deutschland-Korb nach Hause? Und wer bezahlt ihn wirklich?
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    Bauer als Feindbild

    Bild: Pixabay

  • Der Alte aus Rhöndorf

    Der Alte aus Rhöndorf

    Nähe und Distanz

    Gäbe es ein nicht-karnevalistisches rheinisches Dreigestirn des 20. Jahrhunderts, es würde aus Konrad Adenauer, Wolfgang Overath Overath und Willy Millowitsch bestehen. Diese drei gehören zu Köln wie der Dom zur Silhouette, der Rhein zum Lebensgefühl und der Karneval zur Sinnenfreude. Sie stehen für Politik, Fußball und Bühne, für Macht, Leidenschaft und Humor – und damit für jene rheinische Mischung aus Ernst und Leichtigkeit, ohne die diese Stadt kaum zu denken ist.

    Am 5. Januar jährt sich der Geburtstag Konrad Adenauers zum 150. Mal. Ein Datum, das in Geschichtsbüchern fett gedruckt gehört, im Alltag aber leicht untergeht. Und doch: Wer, wie ich, im Bonner Süden lebt, kommt an Adenauer schlicht nicht vorbei. Die Adenauerallee zieht sich wie eine historische Magistrale am Rhein entlang, die Villa in Rhöndorf liegt nur einen kurzen Ausflug entfernt, sein Name prangt an Schulen, Stiftungen, Brücken, Preisen. Adenauer ist hier keine ferne Figur aus dem Schwarzweiß-Fernsehen, sondern Teil der Topografie.

    Und trotzdem ist da eine merkwürdige Distanz. Selbst ich, Ü60, kenne die Geschichten über „den Alten“ vor allem vom Hörensagen. Erzählungen meiner Eltern und Großeltern, die ihn erlebt haben: als knorrigen Patriarchen, als sturen Rheinländer, als jemanden, der mit 73 Jahren Kanzler wurde und mit 87 immer noch regierte. Adenauer ist für meine Generation weniger Erinnerung als Überlieferung. Vielleicht ist gerade das ein guter Anlass, ihn neu zu betrachten – mit Respekt, aber ohne Ehrfurchtsstarre.

    Der Alte und der Neubeginn

    Adenauer war kein Mann der großen Gesten. Er war kein Charismatiker im modernen Sinne, keiner, der mitreißende Reden hielt oder Visionen in poetische Bilder goss. Seine Stärke lag woanders: im Beharren, im Taktieren, im nüchternen Machtinstinkt. „Keine Experimente“ – dieser Satz bringt nicht nur einen Wahlkampf, sondern eine ganze politische Haltung auf den Punkt. Nach 1945 war das vielleicht genau das, was ein zerstörtes, moralisch diskreditiertes Land brauchte.

    Zu seinen unbestreitbaren Verdiensten gehört die konsequente  Neuorientierung der jungen Bundesrepublik. Adenauer entschied sich früh und klar für die Anbindung an die westlichen Demokratien, für die Integration in europäische und transatlantische Strukturen. Diese Entscheidung war keineswegs alternativlos. Sie bedeutete, die deutsche Teilung zunächst zu akzeptieren und Hoffnungen auf eine schnelle Wiedervereinigung hintanzustellen. Adenauer hat dafür viel Kritik geerntet – und doch zeigt die Rückschau, wie weise diese Weichenstellung war.

    Annäherung an Israel und Grundsteinlegung für ein friedliches Europa

    Zu den leisen, aber historisch besonders gewichtigen Linien seiner Politik gehört die allmähliche Annäherung an Israel. In einer Zeit, in der offene Kontakte politisch wie gesellschaftlich hoch umstritten waren, suchte Adenauer den Weg der Verantwortung. Das Luxemburger Wiedergutmachungsabkommen von 1952 war kein Akt der Versöhnung im emotionalen Sinn, sondern ein nüchternes, zugleich mutiges politisches Signal: Deutschland bekannte sich zu seiner Schuld gegenüber den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus. Diese Annäherung blieb vorsichtig, oft technokratisch, aber sie legte den Grundstein für die späteren diplomatischen Beziehungen – und für ein Verhältnis, das bis heute von besonderer historischer Verpflichtung geprägt ist.

    Die Montanunion, aus der später die Europäische Gemeinschaft und schließlich die Europäische Union hervorgingen, war mehr als ein wirtschaftliches Projekt. Sie war der Versuch, die alten Erbfeindschaften – allen voran zwischen Deutschland und Frankreich – durch gegenseitige Abhängigkeit zu überwinden. Kohle und Stahl, die Grundlage jeder Rüstungsindustrie, sollten gemeinsam verwaltet werden. Frieden durch Verflechtung. Auch das war Adenauer: ein Pragmatiker mit historischem Instinkt.

    Nicht zu unterschätzen ist auch die emotionale Bedeutung der Rückholung der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion 1955. Für viele Familien war das ein zutiefst persönlicher Moment, ein spätes Ende des Krieges. Adenauer reiste nach Moskau, verhandelte zäh und brachte Menschen zurück, die mancher schon abgeschrieben hatte. Politisch mag das Kalkül dahinter nüchtern gewesen sein, menschlich war es für viele ein Akt der Erlösung. Solche Gesten prägen das Bild eines Staatsmannes nachhaltig.

    Der Hobby-Erfinder

    Zu diesem Bild des nüchternen Machtpolitikers passt auf den ersten Blick kaum eine andere, fast liebenswerte Seite Adenauers: seine Leidenschaft fürs Erfinden. Adenauer war ein notorischer Tüftler, ein Hobby-Ingenieur mit erstaunlicher Hartnäckigkeit. Schon als Kölner Oberbürgermeister meldete er Patente an – etwa für eine verbesserte Sojawurst, die in den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg Fleisch ersetzen sollte. Später beschäftigte er sich mit energiesparenden Backöfen und alternativen Heizmethoden. Vieles davon war technisch unausgereift oder wirtschaftlich erfolglos, aber es zeigt einen Mann, der Probleme nicht nur politisch, sondern auch praktisch lösen wollte. Vielleicht erklärt sich daraus auch sein Politikstil: weniger Vision als Konstruktion, weniger Pathos als Funktionsfähigkeit.

    Die blinden Flecken

    Doch Adenauer nur zu würdigen hieße, ihn zu verklären. Gerade eine Kolumne darf – ja muss – die Schattenseiten benennen. Eine der schwersten Hypotheken seiner Kanzlerschaft ist der Umgang mit der NS-Vergangenheit. Adenauer setzte auf Integration statt auf umfassende Aufarbeitung. Das mag aus seiner Sicht staatspolitisch motiviert gewesen sein: Er wollte Stabilität, Funktionsfähigkeit, einen Neuanfang ohne permanente Selbstanklage. Der Preis dafür war hoch.

    Symbolisch dafür steht die Rolle Hans Globkes, Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt. Globke war Mitverfasser der Kommentare zu den Nürnberger Rassengesetzen – ein Faktum, das Adenauer kannte und bewusst in Kauf nahm. Globke galt als effizient, loyal, unersetzlich. Moralische Bedenken traten hinter politische Zweckmäßigkeit zurück. Dass dies bis heute irritiert, ja empört, ist mehr als verständlich.

    Auch insgesamt war Adenauers Interesse an einer tiefgehenden Aufarbeitung der NS-Verbrechen begrenzt. Viele Täter wurden rasch wieder integriert, Entnazifizierungsverfahren abgekürzt, belastete Biografien stillschweigend akzeptiert. Die junge Bundesrepublik funktionierte – aber sie tat es auf einem Fundament des Schweigens. Erst spätere Generationen, vor allem ab den 1960er- und 70er-Jahren, brachen die Grabesstille auf. Adenauer hat diesen Prozess nicht angestoßen, eher gebremst.

    Hier zeigt sich die Ambivalenz seiner Politik: Er war ein Staatsmann der Stabilisierung, nicht der moralischen Erneuerung.

    Alt trifft Jung: Adenauer und Kennedy

    Diese Ambivalenz wurde auch im persönlichen Auftreten sichtbar. Als John F. Kennedy 1963 Berlin besuchte, prallten Welten aufeinander. Hier der junge, dynamische amerikanische Präsident, mediengewandt, lässig, Projektionsfläche einer neuen Generation. Dort Adenauer, inzwischen 87 Jahre alt, misstrauisch gegenüber Kameras, skeptisch gegenüber Charisma und schnellen Bildern. Kennedy sprach zu den Massen, Adenauer dachte in Aktenvermerken und Machtachsen. Für viele Deutsche wirkte dieser Kontrast wie ein Blick in die Zukunft – und zugleich wie ein leiser Abschied von der politischen Ära des „Alten“. Vielleicht konnte er Letzteres auch gar nicht leisten. Vielleicht war seine Generation zu sehr verstrickt, zu sehr geprägt von autoritären Denkweisen und eigenen Verdrängungsmechanismen. Das entschuldigt nichts, erklärt aber manches.

    Macht und Abgang

    Adenauers Verhältnis zur Macht blieb bis zuletzt spannungsgeladen. Er klammerte sich an das Kanzleramt, überging mögliche Nachfolger und verschob seinen Rückzug immer wieder. Als er schließlich 1963 abtrat, wirkte der Abgang unerquicklich und unfreiwillig, eher Ergebnis parteiinterner Ermüdung als souveräner Entschluss. Der große Gestalter fand keinen großen Schlussakkord – vielleicht, weil Macht für ihn nie Mittel, sondern immer auch Zweck gewesen war.

    Wenn man heute, 150 Jahre nach seiner Geburt, durch den Bonner Süden geht, kann man diese Ambivalenz fast körperlich spüren. Die gepflegten Villen, die ruhigen Straßen, der Blick auf den Rhein – all das atmet den Geist der alten Bundesrepublik: bürgerlich, westlich, stabil. Adenauer hat diesen Geist geprägt wie kaum ein anderer. Er hat dem Provisorium Bonn ein politisches Gewicht gegeben, das weit über seine Größe hinausging.

    Einordnung

    Am Ende bleibt die Frage: Wie ordnet man Adenauer ein? Für mich gehört er – bei aller Kritik – in die Reihe der großen Nachkriegs-Staatsmänner. Neben Charles de Gaulle, der Frankreich neu erfand und versöhnte, neben Alcide De Gasperi, der Italien demokratisch stabilisierte. Männer, die aus Trümmern Staaten formten, nicht perfekt, nicht frei von Fehlern, aber mit historischem Format.

    Adenauer war kein Held im moralischen Sinn. Er war ein Machtpolitiker mit klaren Prioritäten, begrenzter Empathie für Opfer jenseits seines Kalküls und einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber allzu viel Selbstkritik. Und doch: Ohne ihn sähe Deutschland heute anders aus. Vielleicht unsicherer, vielleicht weniger fest verankert, vielleicht anfälliger für alte Versuchungen.

    150 Jahre nach seiner Geburt darf man Adenauer würdigen, ohne ihn übermäßig zu feiern. Man darf ihn kritisieren, ohne ihn zu verdammen. Und man darf – gerade hier im Bonner Süden – anerkennen, dass Historie manchmal näher ist, als sie scheint. Sie liegt nicht nur in Archiven, sondern auf unseren täglichen Wegen. Und sie bleibt widersprüchlich, so wie der Mann, der sie geprägt hat.

    Vielleicht liegt darin auch die leise Wehmut dieses Jubiläums: dass mit Adenauer nicht nur die Geschichte der eigenen Kindheit vorüberzieht, sondern eine überwiegend glückliche  politische Epoche immer mehr verblasst, die sich nicht mehr wiederholen lässt.
    +++

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  • Essen ohne Illusionen

    Essen ohne Illusionen

    „Deine Kolumne über Fitness war total depri“, sagt die alte Schulfreundin, „am Ende wollte ich mich umbringen.“
    „Du hattest nen depri Text bestellt und hast einen depri Text bekommen“, antworte ich.
    „Du musst doch nicht alles, was ich sage, buchstabengetreu verstehen.“
    „Das höre ich heute zum ersten Mal von dir.“
    „Manchmal ist es besser, die Botschaft zwischen den Zeilen zu erkennen. Aber das war noch nie deine Stärke. Du nimmst alles wortwörtlich, wie ein kleines Kind.“
    „Okay, hab’s verstanden. Beim nächsten Mal achte ich auf die unausgesprochene Botschaft und mach’s weniger depri.“

    „Du solltest den Text ein zweites Mal schreiben: positiver, mit heiterer Grundnote: Weshalb es auch für 60-jährige sinnvoll und wichtig ist, regelmäßig ins Sportstudio zu gehen. Zuzüglich ein paar altersgerechte Fitnesstipps. Sowas in der Art.“
    „Ich schreibe doch nicht denselben Text 2x!!“
    „Warum nicht?“
    „Kein Kolumnist, der auf sich hält, tut das.“
    „Kein anständiger Mensch wird Kolumnist. Zumindest keiner, den ich außer dir kenne. Das ist ein Beruf für Taugenichtse.“
    „Hast du mir schon 100x gesagt.“

    „Dann schreib was über Ernährung“, ruft die alte Schulfreundin aus der Küche.
    „Davon habe ich NULL AHNUNG“, rufe ich vom Sofa zurück.
    „Seit wann haben Kolumnisten Ahnung davon, worüber sie schreiben? Das wäre mir neu … dieses Mal könnte ich dich dabei unterstützen. Denn von Kochen & gesunder Ernährung habe ich VIEL AHNUNG.“
    „Na gut, dann schreibe ich die nächste Kolumne über Ernährung. Warum nicht? Ist ein Thema wie jedes andere … zufrieden?“
    „Das weiß ich erst, wenn ich den Entwurf gelesen habe. Mein Tipp: weniger depri, mehr hoffnungsvoll. Also nicht: egal, wie gesund wir uns ernähren, wir sterben sowieso. Stattdessen: Bewusstes Essen kann dein Leben bereichern und verlängern.“
    „Ist das jetzt die Botschaft, oder gibt’s zusätzlich ne dahinter verborgene Message?“
    „Das ist DIE Botschaft! … und erwähne unbedingt, dass ich 1x/Woche liebevoll für dich koche und dadurch vor dem ansonsten unweigerlich bald eintretenden Junk-Food-Tod bewahre.“

    „Ich geh jetzt und setz mich zu Hause an den Text.“
    „Tu das. Und nimm was vom Blumenkohl-Kichererbsen-Auflauf mit. Den kannst du morgen Mittag in der Mikrowelle aufwärmen: 6 Minuten bei 400 Watt. NICHT 600 Watt!! Schaffst du das?“
    „Ich versuch’s.“

    Früher war essen einfach

    Und nun sitze ich am Schreibtisch und brüte darüber, was nicht allzu Depressives zum Thema „Ernährung im Alter“ zu Papier zu bringen. Hoffnungsvoll soll es sein. Heiter. Ernährung im Alter. Schon beim Tippen des Titels merke ich, wie mein Körper innerlich die Schultern hochzieht. Aber gut. Ich habe es versprochen. Und Versprechen sind im Alter ohnehin das Einzige, was man noch halbwegs einhält.

    Früher war Essen einfach. Ich aß, was mir schmeckte, und hörte auf, sobald nichts mehr da war. Heute rühre ich Sachen wie Chiasamen und Kurkuma drunter, wenn ein schlauer Ökotrophologe in einem auf Senioren zugeschnittenen Ratgeber das gegen vorzeitige Demenz empfiehlt. Oder ich zwinge mir trockenen Blumenkohl-Kichererbsen-Auflauf rein, den mir die alte Schulfreundin verpackt in einer Tupperdose (die ich ihr unbedingt zurückbringen soll) in die Hand drückt und dabei so schaut, als hätte sie gerade einen Hund aus dem Tierheim gerettet.

    Ernährung im Alter beginnt mit einer schmerzhaften Erkenntnis: Der Körper ist kein Verhandlungspartner mehr. Früher konnte ich ihn überreden. Mit Ausreden. Mit Sport am nächsten Tag. Mit guten Vorsätzen. Heute reagiert er sofort. Und zwar beleidigt. Auf Fett. Auf Zucker. Auf Alkohol. Auf alles, was früher ein halbwegs erträgliches Leben ausgemacht hat. Der Körper hat irgendwann beschlossen, ab jetzt ehrlich zu sein. Brutal ehrlich. Ohne Kulanz.

    Dabei geht es gar nicht darum, ab sofort geregelten Stuhlgang zu haben und kein Sodbrennen mehr zu bekommen. Das funktioniert nur in der Werbung für kleine, sündhaft teure, Trinkjoghurts. Es geht vielmehr darum, nicht aktiv gegen sich selbst zu arbeiten. Ein Ziel, das mit zunehmenden Jahren immer ambitionierter wird. Man ersetzt Dinge. Nicht mutig. Nicht radikal. Sondern aufgrund altersbedingter Vorsicht und schrittweise. Weißbrot durch etwas, das aussieht wie Baustoff. Wurst durch veganen Aufstrich. Sahnesoße durch die Erinnerung daran, wie Sahnesoße geschmeckt hat.

    Das Erstaunliche: Man gewöhnt sich schneller daran, als einem lieb ist. Nach drei Wochen schmeckt das Zeug nicht mehr schlecht, nur noch egal. Nach sechs Wochen verteidigt man es. Nach drei Monaten hört man sich Sätze sagen wie: „Eigentlich fehlt mir nichts.“ Spätestens dann sollte man kurz innehalten und prüfen, ob noch alles mit einem stimmt.

    Warum Männer bei Junk Food schwachwerden

    Missverstanden wird oft die männliche Liebe für Junk Food. Big Mac. Whopper. Chicken Wings. Döner. Pommes. Das ist keine Ernährung, das ist Identität. Der letzte akzeptierte Ort, an dem Männlichkeit noch fettig sein darf, laut, maßlos und ohne Rechtfertigung. Junk Food ist der Restbestand aus einer Zeit, in der niemand nach Inhaltsstoffen fragte und der Körper einfach mitmachte. Wer glaubt, man könne diese Beziehung einfach kündigen, versteht nichts. Ein Mann über 60 geht an einer Dönerbude nicht vorbei – er passiert sie mit Haltung. Kurz langsamer werdend. Blick geradeaus. Innere Verhandlung. Junk Food ist kein Laster, es ist das letzte Stück Unabhängigkeit. Wenn auch das wegfällt, bleibt nur noch Disziplin. Und Disziplin ist kein Ersatz für Würde.

    Die Kapitulation kommt später. Still. Ohne Drama. Meist unterwegs. Ich fahre irgendwo im Niemandsland zwischen Köln-Süd und Bonn-Nord an einer Imbissbude vorbei, spontan hungrig aus einem Grund, den ich nicht exakt benennen kann, stoppe mit quietschenden Reifen, überfliege das Tagesangebot und bestelle. Nicht aus Lust, sondern aus Erschöpfung. Der Burger schmeckt nicht mehr wie früher, aber er beruhigt. Für zehn Minuten bin ich wieder jemand, der nicht optimiert werden muss. Danach geht es weiter. Mit Salat. Mit Vernunft. Mit dem Wissen, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist, sondern nur zu verwalten. Als ginge es darum, sich alles zu verbieten, um dafür Gevatter Tod ein paar zusätzliche Jahre abzuluchsen, in denen man dann weiter verzichtet. Verzicht, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Ich esse nicht weniger gern. Ich esse vorsichtiger. Wie jemand, der weiß, dass der Boden rutschig ist.

    Besonders abends. Wer abends schwer isst, schläft schlecht. Wer schlecht schläft, ist schlecht gelaunt. Wer schlecht gelaunt ist, trifft schlechte Entscheidungen. Zum Beispiel beim Frühstück. Ernährung ist im Alter weniger Genuss als Logistik. Wer das nicht versteht, verliert.

    Routine als letztes Bollwerk

    Superwichtig ist Regelmäßigkeit. Früher das Synonym für Spießertum. Heute das letzte Bollwerk gegen den vollständigen Zerfall. Der Körper mag Routine. Feste Zeiten. Keine Überraschungen. Keine kulinarischen Experimente nach 18 Uhr. Was früher Abenteuer war, ist heute ein medizinisches Risiko. Wobei „essen“ inzwischen ein dehnbarer Begriff ist. Es gibt Tage, die beginne und beende ich mit Proteinpulver. Verrührt in Magermilch und in einem Handshaker ordentlich geschüttelt. Oder Astronautennahrung in Tablettenform. Nicht, weil ich daran glaube, sondern weil ich dem ganzen Theater misstraue. Ich weiß, was drin ist, es ist schnell erledigt, und niemand versucht, mir dabei Lebensfreude unterzujubeln. Das ist keine Kapitulation. Es ist der Versuch, Essen auf das zu reduzieren, was es im Kern geworden ist: Wartung.

    Gemüse spielt dabei seit einigen Jahren eine zentrale Rolle. Leider. Gemüse ist das, was man isst, damit alles andere noch eine Weile funktioniert. Es ist nicht aufregend, nicht sexy, nicht erinnerungswürdig. Aber zuverlässig. Wie ein Kollege, den man nie mochte, der aber seit 30 Jahren pünktlich ist. Blumenkohl zum Beispiel. Ich hätte nie gedacht, dass dieses staubtrockene Zeug einmal so viel Macht über mein Leben haben würde. Aber da ist er nun. Gedämpft. Gekocht. Wieder aufgewärmt. Und plötzlich nicht mehr der Feind, sondern Teil des Systems. Einer, der still seine Arbeit macht und keine Fragen stellt.

    Ich esse langsamer. Nicht aus Achtsamkeit, sondern weil alles länger dauert. Der Körper braucht Zeit. Der Kopf auch. Wer langsam isst, merkt eher, wann es reicht. Früher aß ich, bis nichts mehr da war. Heute höre ich auf, bevor etwas eskaliert.

    Zu zweit isst man gesünder (z.B. Blumenkohl)

    Ernährung im Alter ist auch ein soziales Thema. Alleine isst man schlechter. Achtloser. Lustloser. Wenn jemand für einen kocht, isst man besser. Regelmäßiger. Und sagt Danke. Auch das gehört dazu. Dankbarkeit ist im Alter kein Gefühl mehr, sondern eine Technik.

    Perfektion ist dabei keine Option. Niemand hält das durch. Es gibt Ausnahmen. Geburtstage. Feiern. Tage, an denen ich beschließe, dass es jetzt auch egal ist. Wer sich alles verbietet, scheitert. Wer sich gelegentlich selbst sabotiert, bleibt erstaunlich stabil.

    Am Ende geht es bei Ernährung im Alter nicht darum, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Der hat Zeit. Es geht darum, die Strecke bis dahin halbwegs benutzbar zu halten. Mit möglichst wenig Schmerzen. Mit möglichst wenig Selbstbetrug.

    Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft zwischen den Zeilen: Hoffnung ist nichts Großes. Sie steckt im Alltag. Im Einkauf. Im Kochen. Im Aufwärmen von Blumenkohl bei exakt 400 Watt. Nicht 600.
    +++

    Ich lese den Text noch einmal final durch. Er macht nicht satt. Aber er passt. Mehr kann man im Alter weder von einem Essen, noch von einer Kolumne darüber, verlangen. Ob er der alten Schulfreundin gefallen wird? Wahrscheinlich nicht (v.a. weil ich sie zu wenig erwähnt habe) Aber die meckert eh gerne mit mir. Und im Anschluss tauschen wir die zurückgebrachte Tupperdose gegen was Neues, Supergesundes zum Aufwärmen aus.

    PS. Wie ich das ab übermorgen mit der Weihnachtsvöllerei halten werde?

    Keinen blassen Schimmer, aber trotzdem eine in diesem Zusammenhang legitime Frage.

    Wahrscheinlich im Januar die Blumenkohl-Kichererbsen-Dosis spürbar erhöhen, bis die Waage wieder (deutlich) <90kg anzeigt.

    +++

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  • Gesund sterben wollen wir alle, oder …

    Gesund sterben wollen wir alle, oder …

    „Du gehst doch jeden Tag ins Fitnessstudio“, sagt die alte Schulfreundin, und es klingt leicht vorwurfsvoll, wie sie das sagt.
    „Nur 5x/Woche“, antworte ich.
    „Das ist 5x mehr als ich und die meisten meiner Freundinnen.“
    „Nicht mein Problem.“
    „Was machst du da so oft? Läufst du vor dem Tod davon? Denn dass du in deinem fortgeschrittenen Alter attraktiver wirst, glaubst du doch nicht wirklich?“
    „Ich mach’s, weil ich es halt mache.“
    „Na, das ist ja mal wieder eine superschlaue Antwort … aber weißt du was: Du könntest darüber einen Ratgeber schreiben.“
    „Einen Ratgeber?“
    „Genau: einen Ratgeber. Tenor: Warum ich 5x/Woche zum Training gehe, wissend, dass es wenig bringt, weil mein Körper seine beste Zeit definitiv hinter sich hat. Welches tiefere Geheimnis verbirgt sich hinter dem Fitnesswahn von Rentnern?“
    „Ich bin kein Rentner!!!“
    „Aber bald … so ein ü60-Ratgeber wäre sicher ein Verkaufsschlager. Fang klein an mit 1 Kolumne. Damit beschäftigst du dich doch gerne, wenn du ausnahmsweise mal nicht an der Klimmzugstange hängst.“
    „Ich überleg’s mir.“
    „Aber überlege nicht zu lange; denn eines nicht fernen Tages fällst du tot vom Laufband. Und vorher solltest du auf jeden Fall das Manuskript fertiggestellt haben.“
    +++

    Okay, hier der erste Versuch – mit Betonung auf der Vergeblichkeit des (Training-) Tuns, so wie es die alte Schulfreundin gerne hören bzw. lesen möchte:

    Wandelndes Mahnmal

    Mit 60 geht man nicht mehr ins Fitnessstudio, man entschuldigt sich: für den Zustand des Körpers, für die seufzenden Geräusche, die einem auf der Hantelbank (oral!) entfahren, für die langsame Fortbewegung zwischen den Geräten. Man ist nicht Kunde, man ist Mahnmal. Ein lebender Beweis dafür, dass Zeit keine Gnade kennt und dass gute Vorsätze irgendwann aussehen wie orthopädische Maßnahmen. Man kommt nicht, um etwas zu werden, sondern um nicht ganz zu verfallen. Der Körper ist kein Aufbauprojekt mehr, sondern ein Sanierungsfall.

    Trainiert wird trotzdem.

    Nicht aus Hoffnung. Hoffnung wäre unangebracht. Hoffnung setzt einen Spielraum voraus, den es nicht mehr gibt. Ich trainiere, weil ich es tue. Weil es in meinem Alter verdächtig wäre, es nicht zu tun. Stillstand gilt als Geständnis. Wer stehen bleibt, hat kapituliert. Und Kapitulation führt unweigerlich zum vorzeitigen Tod.

    Das Fitnessstudio ist kein Ort der Gesundheit. Es ist ein Ort der Flucht. Niemand kommt hierher, weil er glaubt, etwas grundlegend zu verbessern. Wir kommen, weil wir glauben, etwas hinauszuzögern. Zeit. Abbau. Ende. Das reicht als Motivation.

    Der Tod sieht schweigend zu

    Ich steige auf das Laufband. Das ist mein bevorzugter Fluchtweg. Er ist begrenzt, überwacht und vollkommen sinnlos. Ich laufe, ohne voranzukommen. Ich bleibe exakt dort, wo ich bin, und tue so, als würde ich entkommen. Das ist ehrlich. Ehrlicher als jede andere Form von Aktivität in diesem Alter. Der Tod läuft nicht hinter mir her. Er steht irgendwo und wartet. Geduldig. Ohne Pulsuhr. Ich weiß das. Ich laufe trotzdem. Nicht, um schneller zu sein, sondern um beschäftigt zu wirken. Wer läuft, sieht aus, als hätte er noch etwas vor.

    Das Display zeigt Zahlen. Zahlen sind wichtig. Sie ersetzen Bedeutung. Geschwindigkeit, Distanz, Kalorien. Alles messbar. Alles ohne Konsequenz. Der Tod interessiert sich nicht für Zahlen. Aber Zahlen beruhigen mich. Sie sagen mir, dass etwas passiert. Auch wenn nichts passiert.

    Der Körper macht die Flucht schwer. Er ist schwerfällig, laut, widerständig. Die Gelenke melden sich bei jedem Schritt. Sie knacken, knirschen, melden Bedenken an. Früher war mein Körper still. Heute kommentiert er alles. Er ist kein Werkzeug mehr, sondern ein Protokoll.

    Ich ignoriere ihn. Flucht ist kein Gespräch. Flucht ist ein Monolog.

    Trainieren, um nicht zu verfallen

    Die Geräte im Studio sind für junge Körper konzipiert. Sie gehen von Voraussetzungen aus, die bei einem 60-jährigen längst entfallen sind: Beweglichkeit. Belastbarkeit. Regeneration. Ich passe mich an. Langsamer. Vorsichtiger. Mit der stillen Hoffnung, dass nichts reißt, was nicht wieder zusammenwächst.

    Ich trainiere nicht, um besser zu werden. Ich trainiere, um nicht schlechter zu werden. Und selbst das gelingt nur eingeschränkt. Jede Woche kostet mehr als die vorherige. Mehr Zeit. Mehr Konzentration. Mehr Erholung. Der Ertrag schrumpft. Das ist kein Training, das ist Verwaltung.

    Um mich herum schwitzen andere. Manche glauben noch an Fortschritt. Andere tun zumindest so. Ich habe diese Phase hinter mir. Ich schwitze nicht, weil ich glaube, dass es etwas bringt. Ich schwitze, weil Schweiß in diesem Kontext als Einsatz gilt. Wer schwitzt, darf behaupten, er habe es versucht.

    Ich hebe angestrengt Gewichte, mit denen ich mich früher aufgewärmt habe. Heute sind sie Arbeit. Harte Arbeit. Nicht heroisch, nicht beeindruckend. Nur notwendig, um das Gefühl zu vermeiden, endgültig abgehängt zu sein. Wer nichts mehr hebt, hebt irgendwann nur noch Erinnerungen.

    Zwischen den Sätzen pausiere ich länger als früher. Ich nenne es bewusstes Atmen. In Wahrheit sammle ich mich. Mein Körper braucht diese Pausen. Er fordert sie ein. Ignorieren kann ich seinen Wunsch nur bis zu einem gewissen Punkt.

    Ich weiß, dass ich hier niemanden täusche. Am wenigsten mich selbst. Ich werde nicht fitter im klassischen Sinn. Ich verfalle etwas langsamer. Das ist der Maßstab. Nicht mehr Leistungssteigerung, sondern Funktions­erhalt. Und selbst der ist fragil.

    Flucht auf dem Laufband

    Ich laufe weiter. Auf dem Laufband. Wieder und wieder. Es ist eine Flucht ohne Hoffnung auf Erfolg. Aber es ist Bewegung. Und Bewegung ist die letzte akzeptierte Form des Widerstands.

    Sitzen ist gefährlich. Sitzen signalisiert Aufgabe. Wer sitzt, gehört bald nicht mehr dazu. Wer sitzt, wird angesprochen. Behandelt. Geschont. Ich will nicht geschont werden. Ich will noch ignoriert werden dürfen. Dafür muss ich laufen.

    Ich laufe nicht, um dem Tod zu entkommen. Ich laufe, um ihm zu zeigen, dass ich ihn wahrgenommen habe. Dass ich nicht einfach stehen geblieben bin. Dass ich wenigstens versucht habe, ihm nicht kampflos entgegenzugehen.

    Natürlich wird er mich einholen. Das steht außer Frage. Die Frage ist nur, in welchem Zustand. Laufend oder sitzend. Beschäftigt oder wartend. Aktiv oder abgestellt.

    Vergebliche Liebesmüh

    Das Training im Alter ist nahezu vergeblich. Das weiß ich. Jeder hier weiß es. Aber niemand spricht es aus. Vergeblichkeit ist schlecht fürs Geschäft. Also reden wir von „dranbleiben“, von „Kontinuität“, von „Lebensstil“. Große Worte für kleine Effekte. Das Training ändert nichts am Ausgang. Es ändert nur die Haltung. Wer läuft und fleißig Gewichte stemmt, stirbt nicht besser. Aber vielleicht später. Vielleicht noch nicht mal das. Egal. Wichtig ist nur, dass man nicht kampflos aufgibt.

    Das Fitnessstudio ist kein Ort der Hoffnung. Es ist ein Wartesaal auf den Tod mit Bewegungspflicht und Spiegeln. Wer hier ist, hat verstanden, dass es keine Lösung gibt. Nur Beschäftigung.

    Solange ich laufe, sitze ich nicht.
    Solange ich laufe, bin ich nicht fertig.
    Solange ich laufe, tue ich so, als hätte ich noch Zeit.

    Mehr verlange ich nicht.

    PS. Ob dieser– zugegebenermaßen leicht depressive – Text der Schulfreundin gefallen wird? Wenn ich ihn mir jetzt am Ende noch mal durchlese, kommen mir doch Zweifel, ob er ihr zusagt. Denn insgeheim findet sie es ja gut, dass ich 5x/Woche trainieren gehe. Egal. Notfalls schreibe ich morgen eine neue Kolumne mit etwas heiterer Grundnote.
    +++

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  • Der Weltinnenraum: Wo Gefühle wohnen lernen, oder …

    Der Weltinnenraum: Wo Gefühle wohnen lernen, oder …

    Poetry is what happens when nothing else can.
    © Charles Bukowski

    Heute würde er seinen 150-sten Geburtstag feiern: René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke. Einer der größten Lyriker, den der deutschsprachige Raum an der Schwelle des 19-ten zum 20-sten Jahrhundert hervorgebracht hat. Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag –  Hauptstadt Böhmens und der habsburgischen Doppelmonarchie angehörig – als zweites Kind des Bahnbeamten Josef Rilke und seiner Frau Sophie. Die Kindheit ist überschattet vom frühen Tod der Schwester – worüber die Mutter nie hinwegkommt – und einer zunehmendem Zerrüttung der elterlichen Ehe. Mit der vom strengen Vater verordneten militärischen Ausbildung fremdelt der musische Junge und wechselt deshalb ins kaufmännische Fach, wo er ebenfalls nach kurzer Zeit die Brocken hinschmeißt. Es folgen Abitur (damals ‚Matura‘ genannt), zwei Semester Jura und ein ebenfalls nicht bis zum Abschluss durchgehaltenes Studium von Literatur und Kunstgeschichte. Bis hierhin also, von häufigem Ausbildungs-Hopping abgesehen, nichts Besonderes an dem jungen Mann zu beobachten.

    Das ändert sich schlagartig, als Rilke 1897 die 14 Jahre ältere Literatin Lou Andreas-Salomé kennen- und lieben lernt. Mit ihr – einer Schülerin Siegmund Freuds – unternimmt er ausgedehnte Reisen nach Italien und Frankreich. Das Paar übersiedelt nach Berlin, wo R.M. – der Austausch des Vornamens René in Rainer erfolgt auf den Rat der Freundin hin, weil sich das männlicher anhört – in Kontakt mit der Schreiberszene der pulsierenden deutschen Metropole gerät. Erste holprige Poesieversuche deuten Rilkes Talent zwar an, lassen aber noch nicht auf sein lyrisches Genie schließen. 1900 löst sich Lou von Rainer, der dem Trennungsschmerz mit einem spontanen Tapetenwechsel nach Worpswede – damals eine hippe Künstlerkolonie vor den Toren Bremens – zu entfliehen versucht. Ein paar Monate später heiratet er die Bildhauerin Clara Westhoff. Das emotionale Fundament der Ehe erweist sich als nicht allzu tragfähig, weshalb R.M. ein weiteres Mal flieht: dieses Mal nach Paris. In der Stadt der Liebe – und verkrachten Künstler – will er endlich den literarischen Durchbruch schaffen. Mit Prosa und vor allem Lyrik. In Gedanken immer noch der verflossenen Liebe Lou hinterhertrauernd, die er nie mehr wiedersehen wird. In den restlichen 25 Jahren seines kurzen und von mehrfachen Umzügen in neue Umgebungen geprägten Lebens entstehen knapp 1000 Gedichte (ungefähr hälftig deutsch & französisch) sowie zahlreiche Novellen (die bekannteste dürfte ‚Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‘ sein) und ein paar Dramen.

    Am 29. Dezember 1926 stirbt der Großmeister der Wehmut im Alter von nur 51 Jahren in Montreux – er hatte die letzten Jahre am Genfer See verbracht – und wird dort zur letzten Ruhe gebettet. Auf dem Grabstein steht zu lesen:

    Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
    Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
    Lidern.

    Und damit soll es an dieser Stelle genug sein mit der Biografie. Wer es ausführlicher wissen will, der kann hier nachschlagen.

    Nun ist es an der Zeit, den kleinen Gedichtband von Rilke aus dem Bücherregal hervorzuholen, darin zu blättern und uns im Anschluss der Sache zu widmen, um die es sich eigentlich dreht = immerwährende Sehnsucht nach der wahren Liebe, die in der rauen Realität nicht existiert, sondern nur im Weltinnenraum zu finden ist; oder:

    Und sowieso wird man Dichter nur durch das Mädchen, das man nicht bekommt.
    © Søren Kierkegaard

    Die Welt wird kleiner

    Wenn man Rilke heute liest, geschieht etwas Merkwürdiges: Die Welt wird kleiner, und das Innere wird größer. Dinge, die eben noch selbstverständlich schienen, beginnen zu flimmern. Gefühle, die man selbst kaum benennen kann, tauchen in seinen Sätzen auf wie alte Bekannte. Und plötzlich erkennt man: Dieser Mann lebte weniger in Ländern als in Zuständen. Weniger in Räumen als in Räumen im Raum.

    Der Weltinnenraum ist kein mystischer Nebel, keine esoterische Spielerei. Es ist Rilkes tiefstes Konzept: dass das Äußere in uns hineinwächst, und das Innere eine Landschaft wird, die man betreten kann wie ein Zimmer. Und dass die Liebe – vor allem die unerfüllte, die schmerzhafte, die schmerzlich-schöne – die Architektin dieses Raumes ist.

    Rilke war kein Liebender im klassischen Sinn. Er war ein Liebender im existenziellen Sinn. Liebe war für ihn kein Ereignis, sondern eine Bewegung. Sie hatte keine Richtung nach außen, sondern immer nach innen. Jeder Verlust schuf einen neuen Raum. Jeder Schmerz eine neue Tiefe. Jedes Begehren eine neue Tür.

    Vielleicht war das der Grund, warum er realen Beziehungen oft auswich: Der wahre Ort seines Liebens war nicht der Körper des anderen, sondern die innere Topografie, die sich um diesen anderen herum bildete.

    Man könnte sagen: Die Menschen liebte er, aber die Räume liebte er mehr. Und diese Räume entstanden, wenn er litt.

    Wenn wir ehrlich sind, kennen wir das alle. Der Moment, in dem Liebeskummer nicht nur wehtut, sondern etwas umstellt in uns. Etwas verschiebt, aufreißt, erweitert. Ein Innenraum entsteht, den es vorher nicht gab. Man wird empfindlicher, verletzlicher, aber auch wahrnehmender. Man hört den eigenen Herzschlag anders. Man spürt die Welt anders. Alles bekommt diese feine Membran.

    Rilke wusste das. Er wusste es so sehr, dass er es durch und durch fühlte, bis daraus Gedichte wurden.

    Mit Schreiben die Liebe aushalten

    Manchmal frage ich mich, ob sein Schreiben nicht ein einziger Versuch war, die Liebe auszuhalten. Nicht, sie zu besitzen – sondern zu ertragen, zu verstehen, in etwas Verwandlungsfähiges zu überführen. Er suchte nicht die Nähe der Geliebten, sondern die Durchdringung des Gefühls. Nicht die Harmonie, sondern die Schwingung. Nicht das Glück, sondern die Möglichkeit von Innerlichkeit.

    Deshalb lesen sich seine Gedichte heute, als säße er mit einer Kerze in einem unmöblierten Zimmer – und würde das Flackern studieren.

    Was mich an Rilke besonders berührt, ist diese leise, fast kindliche Zärtlichkeit gegenüber allem, was vergeht. Er hält nichts fest. Er flüchtet nicht vor der Vergänglichkeit – er richtet sich in ihr ein. Die Wehmut ist bei ihm kein Defekt, sondern ein Zustand von Klarheit. Ein Wissen darum, dass das, was schmerzt, zugleich das ist, was lebt.

    Wenn er vom Weltinnenraum spricht, spricht er von diesem Zwischenzustand: der Ort, an dem Verlust zu Bedeutung wird. An dem die Liebe nicht endet, sondern nur ihre Richtung ändert.

    Eines Tages schrieb er, der Liebende solle große Geduld mit sich haben, weil Liebe der schwierigste Auftrag des Menschen sei. Und vielleicht ist genau das die Funktion des Weltinnenraums: Er ist der Ort, an dem wir lernen, mit jener Art von Gefühl zu leben, die wir nicht lösen können — nur verwandeln.

    Um dieser Stimmung nachzuspüren, hier ein erstes Gedicht:

    DAS IST DIE SEHNSUCHT
    Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
    und keine Heimat haben in der Zeit.
    Und das sind Wünsche: leise Dialoge
    täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

    Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
    die einsamste von allen Stunden steigt,
    die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
    dem Ewigen entgegenschweigt.

    Bei mir bringt vor allem die Zeile „und keine Heimat haben in der Zeit“ irgendwas, was ich aber nicht konkret in Worte fassen kann, zum Schwingen: Einsamer Wanderer, nirgendwo zu Hause, Sonderling, beschäftigt sich lieber mit seiner Kunst als mit anderen Menschen. So in diese Richtung; aber vielleicht auch komplett anders.

    Allein sein, um wahrhaft spüren zu können

    In Rilkes Welt ist Liebeskummer kein Zustand der Schwäche, sondern eine Form von Verfeinerung. Man beginnt zu hören, was vorher stumm war. Zu spüren, was man sonst überdeckt hätte. Man entdeckt in sich Räume, die tief, schmal, hell, verworren sein können – aber immer wahr.

    Und diese Wahrhaftigkeit ist es, die Rilke auf Distanz zu vielen Menschen brachte. Er wollte lieben, aber er wollte vor allem spüren. Und das Spüren war intensiver, wenn er allein war. Lou Andreas-Salomé verstand das vermutlich besser als jeder andere: dass Rilke zwar liebte, aber nicht dauerhaft im Außen lieben konnte. Dass seine innere Sensibilität ihn in eine Welt führte, die andere zwar besuchen konnten – aber nie ganz bewohnen.

    Vielleicht macht genau das ihn so modern. Heute, wo alle über Liebe reden, aber kaum jemand über die inneren Räume, in denen sie stattfindet. Heute, wo Liebeskummer schnell überdeckt, wegtherapiert, weggescrollt wird. Rilke dagegen hielt inne. Er wartete. Er hörte zu. Er ließ zu.

    Und dadurch wuchs in ihm eine Welt, die in keine Wohnung, keinen Körper, keine Beziehung passt.

    Der Weltinnenraum ist das wahre Werk Rilkes.
    Die Gedichte sind nur die Fenster.

    Zum Schluss zweite weitere Gedichte, die diesen Gedanken weiterführen.

    Herzerreißend traurig formuliert der Poet kurz nach der Trennung von Lou:

    LÖSCH MIR DIE AUGEN AUS
    Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
    wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
    und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
    und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
    Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
    mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
    halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
    und wirfst du in mein Hirn den Brand,
    so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

    Und klingt ein paar Jahre später gefasst, aber wehmütig, wenn er sich an die Italienreisen mit der früheren Freundin erinnert:

    DIE KURTISANE
    Venedigs Sonne wird in meinem Haar
    ein Gold bereiten: aller Alchemie
    erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
    den Brücken gleichen, siehst du sie

    hinführen ob der lautlosen Gefahr
    der Augen, die ein heimlicher Verkehr
    an die Kanäle schließt, so daß das Meer
    in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer

    mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
    weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
    die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,

    die unverwundbare, geschmückt, erholt -.
    Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
    gehen wie an Gift an meinem Mund zugrund

    Was für ein Finale furioso: Gehen wie Gift an meinem Mund zugrund. Wow!

    So bleibt Rilke für uns bis heute der Dichter, der die Welt nicht beschreibt, sondern verwandelt. Der die Liebe nicht erklärt, sondern erträgt. Und der den Schmerz nicht fürchtet, weil er weiß, dass gerade er die Türen öffnet – zu jener inneren Landschaft, die er Weltinnenraum nannte:

    Den einzigen Ort,
    an dem Liebe bleibt,
    wenn sie nicht mehr da ist.

    Rubrik: Liebesgedichte, wir brauchen dringend mehr Liebesgedichte!

  • Es wird schlimm enden

    Es wird schlimm enden

    Ich geb’s unumwunden zu: mit fortschreitendem Alter weise ich eine zunehmende Tendenz in Richtung Pessimismus auf. Bei „meinem“ Verein, dem Effzeh, orakele ich jeden Spieltag aufs Neue den in Kürze drohenden (dann 8-ten) Abstieg herbei, von Beziehungen halte ich mich fern, weil die eh immer zerbrechen, das früher (halbwegs) erheiternde Facebook sehe ich dem baldigen Hate-Speech-Untergang geweiht. Meine Psychologin sagt, ich soll mir darüber nicht allzu sehr den Kopf zerbrechen: das sei ein ganz normaler Vorgang für ältere Männer, die ihrer schwindenden Virilität nachtrauern und sich vor dem Tod fürchten. Wenn’s schlimmer wird, könne sie mir ein paar gute Selbsthilfegruppen empfehlen oder Stimmungsaufheller verschreiben. Ganz so schlimm ist es aber GSD noch nicht.

    Die Tristesse ergreift mich seit einigen Monaten am heftigsten, sobald ich auf die wöchentlichen Umfragen der Meinungsforschungsinstitute blicke und dort den hellblauen Balken beständig in die Höhe klettern sehe: das Überqueren der (kritischen) 30-Prozent-Schwelle scheint mittlerweile wahrscheinlicher als der Rückfall unter die 20%-Marke. Wer wählt diese Partei bloß, dachte ich lange, ich kenne niemanden, der Sympathien für den irrlichternden Haufen hegt. Und dabei muss es doch statistisch gesehen nahezu jeder Dritte sein, der sich vorstellen kann, bei denen sein Kreuz zu setzen. Wo haben sich all diese Menschen versteckt? Als ich vor ein paar Tagen las, nur noch knapp jeder Zweite würde auf keinen Fall die AfD wählen, geriet ich ins Grübeln und rief mir Unterhaltungen, die ich in den vergangenen Wochen geführt und Satzfetzen, die ich in der Bürokantine, im Sportstudio und an der Supermarktkasse aufgeschnappt hatte, ins Gedächtnis zurück. Davon handelt die folgende Kolumne.

    Es beginnt mit einem Räuspern

    Es gibt Entwicklungen, die beginnen nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem Räuspern. Mit beiläufigen Bemerkungen, die man zunächst gar nicht ernst nimmt, weil sie so unspektakulär wirken. Ein Satz hier, ein Kommentar da, irgendwo zwischen Smalltalk, Kaffeemaschine und Umkleidekabine. Und genau in dieser Unverbindlichkeit liegt das Problem: Die Worte wirken harmlos — dabei sind sie Vorboten.

    Ich erlebe das in meinem unmittelbaren Umfeld: Nachbarn, Bekannte, Kollegen, Menschen im Sportstudio. Ganz normale Leute, gesetzte Mittvierziger und Endfünfziger, engagierte Eltern, beruflich etabliert, viele davon politisch interessiert. Und plötzlich hört man von diesen Menschen Dinge, die sie vor kurzem noch nicht einmal im Halbschlaf gemurmelt hätten:

    „Weißt du was? Ich hab echt Angst vor dem Weihnachtsmarkt dieses Jahr.“
    „Wir können nicht alle aufnehmen, irgendwann ist Schluss.“
    „Die EU hat sich doch komplett verselbstständigt. Ein undemokratisches Monstrum.“
    „Der Ukrainekrieg… sollen die das mal unter sich ausmachen. Was haben wir damit zu tun?“
    „Warum haben wir überhaupt aufgehört, Gas aus Russland zu kaufen? War doch alles günstiger.“

    Neuerdings höre ich zudem: „Vielleicht sollten wir mal was Neues probieren. Die Weidel kann’s ja auch nicht schlechter machen.“

    Das alles klingt noch nicht nach Umsturz. Aber es klingt nach Verschiebung. Nach einer leisen, aber unübersehbaren Bewegung in Richtung einer politischen Zone, die lange als unbetretbar galt. Und so kommt es, dass ich inzwischen seltener darüber nachdenke, was die AfD den Menschen verspricht — sondern viel häufiger darüber, was die Menschen in ihr zu sehen beginnen.

    Fatale Radikalisierungs-Trias

    Man muss an dieser Stelle eines betonen: Es geht nicht darum, Umfragen zu sezieren. Ob irgendein Institut 25, 28 oder 30 Prozent Zustimmung misst, ist nebensächlich. Das eigentliche Problem ist nicht numerisch, sondern atmosphärisch. Die Stimmung in diesem Land kippt nicht an einem Wahlabend, sondern lange vorher auf Supermarkt-Parkplätzen, in WhatsApp-Chats, im Wartezimmer des Zahnarztes.

    Und genau dort, in diesen Mikro-Öffentlichkeiten, höre ich seit einiger Zeit Erklärungen, die jedes Mal einer erstaunlich ähnlichen Logik folgen. Eine Art Dreisatz des privatisierten Unbehagens:

    (1) „Alles wird schlimmer.“
    Gefühlt sind wir von Bedrohungen umzingelt: Migration, Inflation, Energiepreise, Kriminalität, Krieg. Die Reihenfolge variiert, der Kern bleibt: Es ist zu viel.

    (2) „Die Politik kriegt nichts geregelt.“
    Damit ist nicht gemeint, dass Fehler passieren. Fehler waren immer Teil demokratischer Politik. Gemeint ist: Die Politik ist strukturell unfähig. Das ist eine ganz andere Kategorie.

    (3) „Dann probieren wir halt mal was Neues.“
    Gemeint ist nicht „neu“, sondern: „anders“. Härter. Radikaler. Grenzen setzen. Aufräumen. Endlich mal Schluss mit dem ganzen Durcheinander.

    Diese Trias findet sich überall — in den Gesprächen, die ich höre, in den Kommentaren, in den zunehmend gereizten Reaktionen auf Komplexität. Und wer glaubt, das sei nur eine Randerscheinung, verkennt, wie Normalisierung funktioniert.

    Eine verführerische Erzählung

    Früher habe ich diese Verschiebungen als temporäre Verstimmungen abgetan. Politik ist nun einmal frustrierend, besonders in einem Land, das sich manchmal selbst das Leben schwerer macht als nötig. Doch inzwischen sehe ich eine andere Dynamik: Es geht nicht mehr um Frust. Es geht um eine Erzählung.

    Eine Erzählung, die ausgesprochen anschlussfähig ist — und zwar gerade in der Mitte. Sie lautet: Die demokratischen Parteien sind zu schwach — also muss jemand Stärkeres her.

    Damit ist allerdings nicht die Stärke von Argumenten gemeint. Sondern Stärke im Sinne von Durchgreifen, ohne lange zu fragen. Stärke, die sich als Entlastung verkauft: Endlich weniger reden müssen, weniger abwägen, weniger Kompromisse, weniger Europa, weniger Rücksicht, weniger Differenzierung. Eine politische Sehnsucht nach dem einfachen Hebel.

    Das ist der Punkt, an dem man hellhörig werden sollte. Denn die Geschichte zeigt: Autoritäre Politik beginnt nicht mit dem Versprechen der Repression, sondern mit dem Versprechen der Entlastung.

    Besonders bemerkenswert ist, wer diese Sätze inzwischen ausspricht. Nicht die üblichen politischen Ränder, nicht jene, die schon immer eine Affinität zu harten Parolen hatten. Sondern Menschen, die früher FDP, SPD oder CDU gewählt haben. Menschen, die in Sonntagsreden von Europa schwärmten und werktags von sozialer Balance. Menschen, die das institutionelle Gefüge dieses Landes als wertvoll empfanden, weil es Stabilität versprach.

    Und genau diese Menschen beginnen nun zu zweifeln — nicht an einzelnen Maßnahmen, sondern am System. An den „Altparteien“, wie sie neuerdings sagen, obwohl sie den Begriff früher bestenfalls belächelt haben.

    Müdigkeit ist aller Autokratie Anfang

    Was folgt, ist ein bemerkenswerter Gedankensprung: Vielleicht muss wirklich mal jemand aufräumen. Die anderen schaffen es offenbar nicht mehr.

    „Aufräumen“ — ein unscheinbares Wort, das so tut, als ginge es um den alljährlichen Frühjahrsputz zu Hause und nicht um Staatsordnung.

    Und dann kommt das eigentlich Gefährliche: der Zusatz, der inzwischen regelmäßig fällt, fast schon als rhetorische Beruhigungspille: Und wenn es nichts taugt, wählen wir sie in vier Jahren halt wieder ab.

    Dieser Satz offenbart ein tiefes Missverständnis. Er setzt voraus, dass demokratische Institutionen stabil bleiben, auch wenn man sie in die Hände einer Partei legt, die sie ablehnt. Er setzt voraus, dass autoritäre Politik so funktioniert wie ein schlechtes Produkt: ausprobieren, zurückgeben, Reklamationsrecht. Doch Politik kennt kein Rückgaberecht — zumindest nicht, wenn man zuvor den Laden in Trümmer gelegt hat.

    Ich glaube inzwischen, dass viele nicht begreifen, wie schnell sich eine liberale Demokratie verändern kann. Nicht durch einen großen Knall, sondern durch viele kleine. Nicht durch einen Aufmarsch, sondern durch Gewöhnung. Nicht durch Extremisten, sondern durch die, die finden, man müsse doch „mal was probieren“.

    Die AfD nähert sich der Mitte, weil die Mitte sich nach klaren Antworten sehnt. Und weil der demokratische Diskurs der letzten Jahre ein nahezu perfektes Umfeld geschaffen hat: voller widersprüchlicher Erwartungen, komplexer Krisen, wackeliger Koalitionen und einer Medienlogik, die aus jeder Unschärfe ein Drama bastelt.

    So entsteht das Gefühl, dass niemand mehr entscheidet. Und in dieses gefühlte Vakuum drängen jene, die Entscheidungsfreude mit Härte verwechseln.

    Man darf sich deshalb keiner Illusion hingeben: Die Leute, die heute noch sagen, sie hätten nichts mit Rechts am Hut, könnten morgen exakt jene sein, die die Tür weit aufmachen — nicht aus Überzeugung, sondern aus Müdigkeit.

    Ich höre diese Müdigkeit überall. Eine politische Erschöpfung, die sich gewaschen hat. Und genau diese Erschöpfung ist der Nährboden, auf dem autoritäre Sehnsüchte wachsen. Die Geschichte hat diesen Vorgang dutzendfach beschrieben, aber offenbar lernt man ihn nur durch Wiederholung.

    Es wird schlimm enden

    Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss: Die größte Gefahr lauert nicht in den Radikalen, sie liegt hauptsächlich in den Erschöpften.

    Und daher steht am Ende der Kolumne leider dieses traurige Fazit:

    (a) Die (schleichende) Dosis macht das Gift
    (b) Die AfD rückt zunehmend in die Mitte vor
    (c) Lange wird das nicht mehr gutgehen.

    Es wird schlimm enden.
    Langsam, leise, und genau deshalb unaufhaltsam.

    PS. bei der nächsten Sitzung werde ich meine Psychologin nach einer Liste von Selbsthilfegruppen für im Alter von Pessimismus geplagte Männer fragen.

  • Lasst die Kiffer in Ruhe kiffen

    Lasst die Kiffer in Ruhe kiffen

    Hin und wieder 1 Joint hat noch niemand geschadet

    Gedanken eines trockenen Alkoholikes übers Kiffen 

    Rufen wir uns nochmal kurz ins Gedächtnis, was im April vergangenen Jahres nach LANGER Vorarbeit und hunderten von innerkoalitionären (Ampel-) Diskussionsrunden endlich auf den Weg gebracht wurde = das sog. (Konsum-) Cannabisgesetz/(K) CanG. Es reguliert und (teil-) legalisiert privaten Besitz, Anbau und medizinisch-wissenschaftlichen Gebrauch der weiblichen Hanfblüten. Wir wären nicht in Deutschland, wenn dieses Gesetz nicht mehr Paragrafen als Weed-Sorten enthielte und einem nach dem Studium des Textes derart der Schädel schmerzt, dass man erst mal 1 kräftigen Zug White Widow benötigt, um wieder runterzukommen.

    Die Eckpunkte der (Teil-) Legalisierung bestehen in:
    (A) Privater Anbau zwecks Eigenkonsum ist erlaubt
    (B) Dasselbe gilt für gemeinschaftlichen, nicht-gewerblichen Anbau in sog. Anbauvereinigungen
    (C) Die Grenze für ‚Cannabis am Körper (oder im Rucksack)‘ wird bundeseinheitlich auf 25gr festgelegt.

    Man darf jetzt also zu Hause ein paar Pflanzen kultivieren, einen Verein zum Zwecke der Aufzucht und gerechten Verteilung von Hanf gründen (bzw. die Mitgliedschaft in einem beantragen) u.v.a. halbwegs unbeschwert mit dem Stoff durch unsere Straßen spazieren, ohne in ständiger Sorge sein zu müssen, wegen ein paar Krümeln hops genommen zu werden.

    Klingt erst mal gut, ist aber von der Komplettlegalisierung nach wie vor so weit entfernt wie die Haschisch-Hochburg Ketama (sehr malerisch am Fuße des Rif-Gebirges in Marokko gelegen) vom Kiffer-Partykeller in Köln-Klettenberg.

    Kolumnistenkollege Heinrich Schmitz urteilte deshalb:

    Kein großer Wurf: Wer nun aber glaubt, ab dem 1.4.2024 sei für Konsumenten großartig etwas gewonnen, der irrt. Denn was da nun gesetzlich geregelt wurde, wird nicht allzu viel ändern. Jedenfalls nicht auf die Schnelle.
    © Heinrich Schmitz: Das Cannabis-Gesetzchen (23.03.2024)

    Der konservativen Opposition missfiel der Gesetzesvorschlag aus dem Hause Lauterbach, es kam zu leidenschaftlichen Debatten im Parlament über die (Teil-) Freigabe und den dadurch (angeblich) unweigerlich eintretenden Rutschbahneffekt in Richtung harter Drogen. Das Ding ging nach mehreren Lesungen knapp in Bundestag und -Rat durch, der Gesundheitsminister wischte sich den Schweiß von der Stirn, die Kiffer freuten sich und orderten Hanfsamen im Internet. Jedoch freuten sie sich eventuell zu früh, denn die seit diesem Frühjahr farblich anders zusammengesetzte Regierung will das Gesetzchen wieder aufschnüren, was wahrscheinlich nichts anderes als einen Euphemismus für dessen geplante Totalrücknahme bedeutet.

    Hendrik Streeck (CDU), der neue Drogenbeauftragte, bemängelt:
    (1) Jugendliche erleiden psychische Schäden durch den Konsum
    (2) Die Menge, die man zum privaten Gebrauch mit sich führen darf, sei zu hoch
    (3) Sog. Medizinalcannabis unterliegt nicht mehr dem BtMG und ist somit (zu) einfach zu beschaffen
    (4) Es wird weiterhin in großem Stil gedealt.

    Was ist von diesen Argumenten zu halten?

    Das zählebige Schauermärchen von der Einstiegsdroge

    Obwohl sich meine persönliche Erfahrung mit Haschisch (so hieß das Kraut in meiner Boomer-Jugend) auf eine Handvoll Joints während der Studentenzeit beschränkt, hatte ich weder damals, noch habe ich es heute, Probleme mit Menschen, die regelmäßig konsumieren. Kiffer sind überwiegend friedliche Zeitgenossen (was sie von häufig zu Gewalt neigenden Alkoholikern angenehm unterscheidet), bekommen tagsüber ihr Leben geregelt und schaffen den Ausstieg zumeist problemlos in Eigenregie, ohne dafür eine Suchtklinik von innen gesehen haben zu müssen. Das (konservative) Mantra, Marihuana sei DIE Einstiegsdroge für härtere Substanzen, ist Nonsens. Die Korrelation von THC zu Kokain/Crack & Oxys/Heroin ist genauso stark bzw. schwach ausgebildet wie die von Alkohol.

    Menschen, die sogenannte «harte Drogen» wie Kokain oder Heroin nehmen, konsumieren in vielen Fällen auch Cannabis. Doch der Umkehrschluss, wonach Menschen, die Cannabis konsumieren, später auch zu «harten Drogen» greifen, lässt sich daraus nicht ableiten! Tatsache ist: Es steigen nur wenige Cannabiskonsument:innen langfristig auf andere Drogen um.
    © Arud Zentrum für Suchtmedizin: Was ist dran am Mythos «Einstiegsdroge Cannabis»?

    Psychische (Langzeit-) Schäden begrenzen sich nicht auf Cannabis

    Dass Jugendliche (gemeint sind Personen bis 25 Jahre) durch häufigen Konsum evtl. einen psychischen Schaden erleiden können, ist unbestritten. Wobei dieser Anteil im kleinen einstelligen Prozentbereich liegt. Aber einen an der Waffel bekommen Minimum ebenfalls so viele junge Menschen durch die missbräuchliche Verwendung von Spirituosen. Sinnvoller, als Cannabis wieder zu kriminalisieren, wäre es mithin, den zulässigen THC-Anteil gesetzlich zu deckeln. Ähnlich wie Trinkern dazu zu raten, so lange als möglich bei Bier & Wein zu verharren und nicht sofort auf Wodka umzusteigen.

    Und gedealt wird sowieso

    Ein derart kompliziertes Gesetz, wie es das CanG unzweifelhaft darstellt, das Anbau und Konsum nur in sehr engen Grenzen zulässt, lädt selbstverständlich dazu ein, das Kraut weiterhin beim Dealer des Vertrauens zu kaufen. Die Kultivierung der Pflanzen auf dem eigenen Balkon dauert, die Beantragung der Mitgliedschaft in einem Liebhaber-der-Hanfpflanze-Klub dauert noch länger, und die Zeitspanne, bis ein neuer Verein gegründet und von den Behörden genehmigt wird, kann je nach Ordnungsamt bis zu einem halben Kifferleben betragen. Kein Wunder also, dass sich der 08/15 Pothead den Stoff auch künftig am Bahnhof oder im Darknet besorgt.

    Das CanG angewendet auf die feuchtfröhliche Welt des Alkohols würde zur Folge haben, dass man Bier (in geringer Menge) zu Hause brauen (und ausschließlich dort konsumieren) darf, alternativ einen Verein zum Zwecke des Weinbaus gründet, dessen handverlesene Mitglieder den edlen Saft jedoch nur im streng überwachten Klubhaus genießen können, und der Normalo-Trinker die Herkunft der 3 Flachmänner im Kofferraum bei einer Polizeikontrolle nicht zu erklären braucht. Wen würde es bei solcher Gesetzeslage wundern, wenn alsbald Flüsterkneipen aus dem Boden schießen, und der Stoff entweder illegal produziert oder bei Nacht & Nebel ins Land reingeschmuggelt wird?

    Klingt aberwitzig, sagen Sie?
    Jap, ist es; aber im Drogensegment THC halt traurige Realität.

    Warum ohne Not ein zweites Fass aufmachen?

    Die Diskussion über Sinn & Unsinn der Freigabe von Cannabis führe ich periodisch wiederkehrend seit meiner Studentenzeit. Die Argumente Pro & Contra sind dabei immer dieselben. Auf meinen Einwand, dass Alkohol mit WEITEM Abstand die Position als Volkskiller Nr. 1 einnimmt, dessen Produktion, Vertrieb und Verzehr trotz der damit verbundenen Risiken nahezu unreguliert vonstatten gehen, antwortete eine befreundete Ärztin vor ein paar Jahren: „Stimmt; ich behandle in meiner Praxis sehr viel mehr chronische Schluckspechte als Konsumenten anderer Rauschmittel. Aber weshalb sollte ich zusätzlich zum ersten verdorbenen Fass ein verkehrtes zweites öffnen? Die Probleme mit der Sauferei reichen völlig; zusätzliche Schwierigkeiten mit legalisiertem Marihuana brauchen wir nicht“. Das leuchtete mir aus ihrer medizinischen Perspektive vordergründig ein; wobei die jährlich von der DHS veröffentlichten Zahlen eindeutig was anderes besagen = 20-30.000 Alkoholtote (in Kombination mit Nikotin kann man die Zahlen verdoppeln) und 100-200.000 klinische Entzüge, denen 0 Cannabis-Tote und stationäre THC-Entgiftungen im kleinen dreistelligen Bereich (jeweils pro Jahr) gegenüberstehen. Hinsichtlich Gefährlichkeit für die Volksgesundheit unterscheiden sich die beiden deutschen Lieblingsdrogen mithin stark; und zwar eindeutig zu Lasten des Alkohols.

    Ausweichen auf Nebenkriegsschauplatz

    Der konservative Feldzug gegen den Hanf wäre SEHR viel glaubwürdiger, wenn der Gesetzgeber nur ein Viertel des Anti-THC-Elans ebenfalls in die Prävention des überall verbreiteten Alkoholmissbrauchs investierte. Z.B. Preise rauf, Verkaufsstellen ausdünnen, Konsumverbot in der Öffentlichkeit, keine Werbung. Davor scheut die Politik jedoch zurück. Die Volksdroge Nr. 1 ist sakrosankt und fordert Jahr für Jahr viele Menschenleben (nicht nur das eigene, sondern ebenfalls Dritte), um von den im Suff verprügelten Ehefrauen/Partnerinnen und in Mithaftung genommenen Co-Abhängigen gar nicht erst anzufangen.

    Statt dieses Megaproblem endlich beherzt anzupacken, weicht man lieber auf einen Nebenkriegsschauplatz aus und dämonisert Cannabis.

    Um es zugespitzt auf den Punkt zu bringen: eine Welt voller Kiffer wäre weitaus ungefährlicher als der momentane Zustand mit gewaltaffinen (u sich betrunken ans Steuer setzenden) Trinkern.

    Fazit: Um den mafiösen Schwarzmarkt auszutrocknen, muss bei THC genauso verfahren werden wie beim Alkohol = völlige Freigabe der Droge. Aufklärung und (im Bedarfsfall) ausreichend Therapieangebote sind die eindeutig vernünftigeren Lösungen als Kriminalisierung. Das CanG kann deshalb tatsächlich weg (weil zu kompliziert und nicht liberal genug) … lasst die Kiffer (endlich) in Ruhe kiffen!

    Rubrik: immer das (konservative) Gschiss mit dem Marihuana.
    +++

    In der vorherigen Kolumne von Henning Hirsch ging es um das Thema Doppeldiagnose.

  • Von dunklen Tech-Lords und schwindelfreien Populisten

    Von dunklen Tech-Lords und schwindelfreien Populisten

    „Wenig Text fürs Geld“, sagt die Tochter, die mir freundlicherweise Giuliano da Empolis neues Werk „Die Stunde der Raubtiere“ in einer Kölner Buchhandlung besorgt hat, und sonderlich umfangreich ist das Buch tatsächlich nicht. Ich nehme es sofort zur Hand, denn düstere Tech-Lords à la Darth Vader finde ich seit Kindheit hochspannend.

    Was es braucht, um Gesellschaften zu destabilisieren

    Der „dunkle Fürstenspiegel“ (so steht es im Klappentext) ist in 12 Kapitel unterteilt, in denen der Autor anhand persönlicher Begegnungen mit den Spitzen aus Politik und Hochfinanz nachzuweisen versucht, dass wir uns am Übergang der regelbasierten Periode – wie wir sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kannten – in eine Phase des Social Media getriebenen Chaos befinden. Da die meisten Kipppunkte bereits unwiderruflich überschritten sind, ist die Rückkehr zur alten Ordnung unwahrscheinlicher als der Eintritt ins Zeitalter ungezügelter Geldgier und zunehmender Brutalität.

    Die neue Ära wird bestimmt von Tech-Lords und Populisten, die einander bedingen. Ohne Musk & Zuckerberg keine Trump & Bukele, ohne Cambridge Analytica keine zielgenaue Manipulation des individuellen Wahlverhaltens, ohne superschlaue Algorithmen und künstliche Intelligenz keine Abstiegsängste der Mittelschicht. Während das Silicon Valley den Nährboden für die Demagogen bereitet, verschonen diese, sobald sie an den Schalthebeln der Macht sitzen, die Tech-Branche vor jeglicher Regulierung: Hass und Hetze werden nicht gesetzlich sanktioniert, sondern gelten als legitime Manifestationen des Rechts auf freie Meinungsäußerung, K.I. – obwohl längst als gefährlichste Waffe seit Erfindung der Atombombe ausgemacht – wird in den Händen der Privatwirtschaft belassen, anstatt sie strikter staatlicher Kontrolle zu unterziehen. Den offenkundigen Arbeitsplatzverlusten in traditionellen Branchen aufgrund von immer mehr Technik wird kein öffentliches Konjunkturprogramm entgegengestellt; man lässt die Sache einfach weiterlaufen. Wer nicht clever genug ist, sich vom Taxifahrer zum Smartphone-App-Programmierer umschulen zu lassen, landet auf der Straße. Ohne jegliche Alimentierung. Survival of the fittest.

    Da Empoli stellt 4 Thesen auf:
    (I) (Tech-) Milliardäre & Demagogen benötigen Chaos, um erfolgreich handeln zu können
    (II) Aktion (oft erratisch wirkend) tritt an die Stelle von Diplomatie
    (III) Angriffswaffen werden immer billiger -> Krieg lohnt sich
    (IV) Das Zeitalter unregulierter Gewalt steht unmittelbar bevor.

    Keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse

    Das sind keine brandneuen Einsichten; wer aufmerksam die Zeitung studiert oder hin und wieder Dokus auf Arte schaut, hat das alles schon mal gelesen und gehört. Dass Musk & Trump, auch wenn sie sich mitunter um Aufmerksamkeit buhlend auf ihren Plattformen bis aufs Blut fetzen, dennoch Best buddys bleiben, hat seinen Grund darin, weil sie beide voneinander abhängig sind: die Meinungsmache in X und die Milliarden von Musk bewirken hohe Zustimmungswerte für handwerklich schlechte Politik, und diese Politik wiederum garantiert, dass der Tech-Lord ungebremst weiter agieren kann, ohne staatliche Beaufsichtigung seines mitunter dubiosen Geschäftsgebarens befürchten zu müssen. Dass der US-amerikanische Präsident keine Memos studiert, bevor er ans Rednerpult tritt und oft Sachen sagt, die altgedienten Diplomaten den Angstschweiß auf die Stirn treiben – das ist ebenfalls bekannt. Drohnen revolutionieren die Kriegsführung nicht nur, sie machen Angriffskrieg vor allem rentabel. Der Verteidiger muss jetzt mehr Geld aufwenden als der Aggressor. Und die Verächtlichmachung von Völker- & Menschenrecht führt natürlich in der Konsequenz zu Grausamkeiten à la Krieg in der Ukraine und dem allmählichen Schleifen des Minderheitenschutzes in Ländern, die von Autokraten gekapert werden.

    Neu sind die einzelnen Thesen des Autors also nicht; neu ist allenfalls ihre Synthese in gestraffter Form.

    Französische Könige, Condottieri & Konquistadoren

    Da Empoli widersteht dem Reflex, die 20-er Jahre des 21-sten Jahrhunderts mit den frühen 30-ern des 20-sten gleichzusetzen, sondern springt stattdessen 500 Jahre zurück an den Beginn der sog. Neuzeit, als Franz VIII mit Hilfe der damals die Kriegsführung revolutionierenden schweren Artillerie weite Teile Italiens eroberte und eine längere Periode des Friedens auf der Apennin-Halbinsel abrupt beendete, Konquistadoren wie Cortez & Pizarro mit kleinen Mannschaften – aber technisch überlegen – die großen Reiche der Azteken und Inkas quasi im Handstreich in die Knie zwangen und schillernde Figuren wie Cesare Borgia die Bühne der Politik betraten, wo sie eine Zeit lang schwindelfrei agierten, bevor sie von der nächsten Generation machthungriger Thronanwärter beseitigt wurden.

    Das ist eine durchaus gelungene historische Analogie und man möchte nachträglich Henry Kissinger applaudieren, der auf die Frage, wie man sich am besten darauf vorbereitet, eine führende Rolle in der Weltpolitik zu spielen, antwortete: „Studieren Sie Geschichte, studieren Sie Geschichte, studieren Sie Geschichte!“ [Bonmot wird ursprünglich Churchill zugeschrieben].

    Autokratie mit Tech-Lords als politischer Normalzustand?

    Wer Bekanntes – unter der Voraussetzung, Sie lesen regelmäßig Zeitung und schauen Dokus auf Arte – in geraffter Form präsentiert haben möchte, dem sei „Die Stunde der Raubtiere“ durchaus ans Herz gelegt. Unser unaufhaltsamer Marsch ins neue Zeitalter von Disruption & Brutalität wird von da Empoli unterhaltsam geschildert, er verliert interessanterweise kaum Worte darüber, was man hätte anders machen können, wo (vertane) Chancen bestanden, den Prozess im letzten Moment zu stoppen. Der Weg in die Autokratie quasi als politisches „Natur-“ Gesetz. Der Aufbau des Buchs – alle Kapitel schildern persönliche Begegnungen mit Staatsmännern und Top-Unternehmenslenkern – wirkt ein bisschen eitel: schaut her, welche Politpromis ich kenne und mit wem ich schon alles geredet habe. Aber das sei dem Autor verziehen. Dessen Conclusio ist übrigens pessimistisch:

    Wir hatten das große Glück, eine lange Zeit des Friedens und der Demokratie zu erleben. Aber der Glaube, dass dieser Zustand normal ist, ist falsch. Tatsächlich ist das erfolgreiche Fernhalten der Raubtiere in der Geschichte eher die Ausnahme als die Regel. Es gibt immer wieder Phasen, in denen die Raubtiere frei umherstreifen, unterbrochen wiederum von Phasen, in denen sie gebändigt werden können.
    © Giuliano da Empoli im Interview: „Jetzt kommt die bitterböse Rechnung“
    +++

    Giuliano da Empoli: Die Stunde der Raubtiere
    Verlag C.H. Beck
    127 Seiten
    3. Aufl., Sep. 2025
    ISBN: 978-3-406-83821-7