Kategorie: Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer

  • Ein unbekanntes Virus

    Ein unbekanntes Virus

    Ulla war so alt wie ich
    vielleicht ein Jahr jünger oder älter
    wir kannten uns aus der Tanzstunde
    hatten in der Pfarrdisco
    zu Rod Stewarts „Sailing“ wild gefummelt
    dann verlor ich Ulla aus den Augen
    hörte, dass sie die Schule geschmissen hatte
    mit Freiern rumzog,
    in Clubs tanzte
    trank und Linien zog
    eine Welt, die mir Milchbubi fremd war

    In einer lauen Frühlingsnacht traf ich sie vor dem Coconut
    Ulla balancierte auf roten Pumps
    hatte eine riesige Designertasche umgehängt
    „Du hier?“, sagte sie
    fischte mich aus der langen Schlange heraus
    und hakte sich bei mir ein
    „Das ist mein kleiner Bruder“, erzählte sie dem Hünen von Türsteher
    „Blamier mich bloß nicht“, flüsterte sie mir ins Ohr

    An der Theke bestellte ich ein Bier
    „Du Kleinkind“, kicherte Ulla
    sie schob mir einen Whiskey Sour zu
    „Auf ex!“
    ich gehorchte. Mir wurde es warm im Bauch und
    heiß ums Herz
    eine halbe Stunde später knutschten wir auf dem Männerklo
    „Wo hast du gesteckt?“, fragte Ulla
    „Schule, Fußball, Partys mit den Kumpels“
    „Wie langweilig“
    wir tranken abwechselnd Wodka, Gin und bunte Cocktails

    Um drei Uhr nahm sie mich mit in ihre Wohnung
    „Du weißt, wie es funktioniert?“
    „Klar!“
    ich versagte komplett
    wusste nicht, wohin mit meinem Schwanz
    spritzte nach drei Minuten ab
    „Du bist ein elender Lügner. Es war deine allererste Nummer, und
    die war das Schlechteste, was ich bisher erlebt habe“
    danach schlief sie an meiner Schulter ein
    während ich stundenlang wach lag

    Wir vögelten nun ein- oder zweimal in der Woche
    meistens Dienstag- und Mittwochnachmittag, wenn Ulla frei hatte
    ich erkundigte mich nicht nach ihrem Job
    ahnte, womit sie ihre Kohle verdiente
    wollte es aber nicht so genau wissen
    abends lernte ich für meine Prüfungen
    Ulla tanzte in den Clubs der Stadt

    Sie kannte viele Männer. ließ mich gerne zappeln, versetzte mich
    ging nicht ans Telefon
    öffnete nicht, wenn ich wütend sturmklingelte
    „Du bist süß, aber zu jung für mich“, hauchte sie im Bett
    und fuhr mit der Zunge durch mein Ohr
    „Leck mich!“, schrie ich
    sprang auf und zog mich in Windeseile an
    „Du wirst zurückkommen. Immer wieder“, lächelte sie
    „Nein!“
    ich knallte die Tür ins Schloss und schwor
    sie nie mehr wiedersehen zu wollen
    FUNKSTILLE

    Ein paar Monate später war Ulla tot
    „Das neue unbekannte Virus. Hochgradig ansteckend“,
    erklärte mir eine gemeinsame Freundin
    ich schwitzte, ging zum Urologen
    und ließ mich durchchecken
    große Beerdigung
    zig hundert Menschen, etliche weinten
    ich hatte keine Ahnung gehabt, wie viele Leute Ulla kannte

    Das nächste halbe Jahr rührte ich keine Frau an
    döste in der Schule, konnte mich auf nichts konzentrieren
    wurde beim Fußball auf die Ersatzbank gesetzt
    war ständiger Gast im Coconut, trank alleine Whiskey Sour
    bekam Herzstiche am Urinal
    während ich ihren Namen an die Kacheln pisste

    In der Adventszeit besuche ich regelmäßig ihr Grab
    Ulla D. … † Dezember 1983
    steht dort in schlichten weißen Buchstaben auf schwarzem Stein geschrieben
    manchmal bringe ich Blumen mit, aber nicht immer.

    © H.H.

  • Schweinehälften

    Schweinehälften

    In diesem Jahr schloss der FC die Saison als Achter ab. Im Pokal bereits in der zweiten Runde rausgeflogen. Zumindest auf europäischer Ebene das Halbfinale erreicht, wo man dann gegen Ipswich die Segel streichen musste. Alles in allem recht mager für eine Mannschaft, in der Schumacher, Cullmann, Engels, Dieter Müller, Bonhof, Woodcock und die blutjungen Littbarski und Bernd Schuster spielten. Ich hatte die vorletzte Partie von der Südkurve aus angeschaut. 1:2 verkackt. Und das ausgerechnet gegen Düsseldorf. Ich war restlos bedient und schwor mir, das Müngersdorfer Stadion nie mehr zu betreten.

    Unser Nachbar kann Menstruation riechen und gibt mir maximal 60 Lebensjahre

    Und nun stand ich drei Wochen später an einem subtropisch schwülen Donnerstagnachmittag Ende Juni im Wohnzimmer unseres Nachbarn. „Ich kann es riechen, wenn Frauen ihre Tage haben.“ Der Nachbar saß in mausgrauer Jogginghose breitbeinig auf seinem roten Ledersofa und nahm einen tiefen Zug aus einer Flasche Küppers. „Sie merken das wirklich?“ Mich interessierte das Thema nicht allzu sehr, aber ich wollte freundlich sein, weil er mir vor zehn Minuten einen lukrativen Job angeboten hatte.

    „Ich arbeite seit dreißig Jahren im Fleischgeschäft. Schlachte jeden Tag hunderte Schweine. Glaub mir, Kleiner: falls einer hier im Viertel weiß, wie Blut riecht, dann bin ich das … und sag nicht Sie zu mir. Ich bin Karl-Heinz.“
    „Wozu soll das gut sein?“ Das Thermometer zeigte am frühen Abend noch 30 Grad; ich war müde und geistig träge.
    „Wozu das gut sein soll? Will ich dir gerne erklären.“ Karl-Heinz rülpste, sein Bieratem kroch über den Wohnzimmertisch und stieg mir in die Nase. „Frauen sind in den Tagen ihrer Menstruation besonders empfindsam und willig.“ Er schnalzte genießerisch mit der Zunge, so als ob er in Gedanken gerade in einem Porno mitspielte.
    „Ist das nicht ein bisschen eklig?“
    „Du bist zwar jung. Trotzdem hätte ich bei dir mehr Erfahrung in Bezug auf Weiber vermutet. Na ja, lassen wir das Thema. Bringt nichts, sich mit einem Grünschnabel über Sex zu unterhalten.“

    Bei Karl-Heinz war ich mir oft unsicher, ob er bereits als Arschloch auf die Welt gekommen war oder sich im Lauf einer verkorksten Kindheit und Jugend erst zu einem entwickelt hatte. Er schien sich aber darüber im Klaren zu sein, dass alle Welt ihn hasste und ging mit dieser Tatsache recht souverän um. Dafür bewunderte ich ihn; obwohl ich ihn eigentlich zum Kotzen fand. Schizophrenie eines 19-Jährigen.
    „Wann kann ich anfangen?“
    „Am besten heute Nacht.“
    „Heute schon?“
    „Du bist völlig abgebrannt; brauchst dringend Kohle. Was also spricht gegen heute Nacht?“
    „Nichts“, antwortete ich und dachte Scheiße, weil ich mich mit Caroline verabredet hatte, der ich vorher noch absagen musste.

    „Dann gehe ich jetzt nach Hause und lege mich zwei Stunden aufs Ohr, damit ich nachher fit bin.“
    „Tu das und komm an deinem ersten Arbeitstag bloß nicht zu spät. Sonst schmeiße ich dich sofort wieder raus. Völlig egal, ob du der Sohn vom Nachbarn bist. Ich bevorzuge niemanden.“
    „Klar; ich werde pünktlich sein.“ Ich stand auf. Als ich die Türklinke berührte, rief Karl-Heinz in meinem Rücken: „Du wirst nicht alt werden.“
    „Wie meinst du das?“
    „Ich kann nicht nur den Geruch von Blut unterscheiden, sondern sehe Tieren und Menschen an, wann sie sterben werden … du mit circa 60.“
    „Lass mich in Ruhe mit dem Unsinn! Sonst suche ich mir was anderes.“
    „Du wirst exakt um Mitternacht hier sein“, sagte der Nachbar, ließ seinen Kopf nach rechts fallen und schlief mit geöffnetem Mund auf dem roten Sofa ein.

    „Versoffenes Arschloch“, murmelte ich, während ich über den Gartenzaun stieg. Obwohl ich noch keine zwanzig war und mich kerngesund fühlte, betrübte mich die Aussicht auf meinen frühen Tod. Spontan beschloss ich, ab sofort jeden Tag so zu genießen, als ob es der letzte wäre. Aber zuerst mal wartete der Job im Kölner Schlachthof auf mich.

    Nächtlicher Weg zum Schlachthof

    Um halb zwölf schlich ich leise aus dem Haus. Meine Eltern hatten zwar kein Problem damit, dass ich mir Geld dazu verdiente, mit der Arbeit im Schlachthaus wären sie jedoch auf keinen Fall einverstanden gewesen. „Zu blutig, unappetitlich … nachts solltest du schlafen“ und solche Sachen hätten sie gesagt. Von daher war es besser, sie gar nicht erst zu informieren. Zwanzig Mark war ein guter Stundenlohn; dafür würde ich auch Toiletten reinigen. Den Weg kannte ich schlafwandlerisch: die Nussbaumer entlang zum Gürtel, nach rechts bis zur Subbelrather, dort links, unter der Bahn durch, und ein paar hundert Meter weiter stand ich vor dem Eingangstor. Eine viertel Stunde zu früh; aber das war okay, denn ich musste nun noch das Büro von Karl-Heinz finden.

    »Wo sitzt Herr Profitlich?«
    »Im Keller. Bei den Schweinen«, antwortete ein Hüne, einen Kopf größer und doppelt so breit wie ich.
    »Wie komme ich dahin?«
    »Dahinten die Treppe runter. Wenn du magst, kannst du aber auch mit den Viechern im Lift fahren.« Er wieherte wie ein alter Gaul und entblößte dabei sein Gebiss, in dem jeder zweite Zahn fehlte.

    Ich nahm die Stufen. Je tiefer ich nach unten gelangte, desto wärmer wurde es. Süßer Blutgeruch waberte durch die Gänge. In einem großen Raum, der mit hundert Neonlampen taghell erleuchtet war, entdeckte ich Profitlich. Er stand an einem Gatter und betrachtete ein paar Dutzend verängstigte Schweine.
    «Du bist pünktlich. Schon Mal ein guter Anfang … das ist Henning, Sohn meiner Nachbarn», stellte er mich zwei Typen vor, die von Physiognomie und Körperbau her die Brüder des Pferds von oben zu sein schienen. Beide steckten in blutbesudelten Kitteln und trugen Gummistiefel.

    «Horst und Vitalij. Die werden dir zeigen, wie du dich nützlich machen kannst.»
    «Komm mit und schau einfach zu.»
    «Eigentlich müssten wir ihn erstmal mit Blut taufen», brummte Vitalij.
    «Das hat bis morgen Zeit. Sonst haut der Kleine sofort wieder ab.» Horst schien über größere Menschenkenntnis als sein Arbeitskumpel zu verfügen.
    «Welche Klamottengröße hast du?», fragte er.
    «Normalerweise 50.»
    «Das ist ungefähr Medium … komm mit. Lass uns nachsehen, ob wir was Passendes für dich hier haben.»

    Ich begleitete ihn zu einem Spind, aus dem er Hose und lange Schürze hervorholte. Ich legte meine Jeans auf einen klapprigen Holzstuhl und schlüpfte in die Arbeitskleidung hinein.

    In die Arbeitsklamotten muss ich noch reinwachsen

    «In Ordnung?»
    «Kneift ein bisschen. Wenn ich zwei Kilo abnehme, dann ist’s okay.»
    «Also passt’s. Schuhgröße?»
    «Zwischen 42 und 43.»
    «Sonderanfertigungen haben wir nicht. Probier die mal.»
    «Das ist 44.»
    «Kleinere sind im Moment ausgegangen. Zieh morgen dicke Wintersocken an.»
    «Klar.»
    «Kopf?»
    «Was meinst du?»
    «Na, wie groß ist dein Schädel?»
    «Keine Ahnung.»
    «Sieht groß aus. Hier eine Mütze für dich.»

    Ausstaffiert mit gebrauchter – aber immerhin frisch gewaschener – Arbeitskleidung stiefelte ich in den zu großen Gummischuhen zurück zu Vitalij und Profitlich. Der Nachbar wählte gerade mit Kennerblick dreißig Tiere aus und gab mit Handzeichen zu verstehen, dass wir uns nun um alles Weitere kümmern sollten. Wir trieben die kleine Herde in den Nachbarraum, wo die Schweine mit einer Elektrozange, die ihnen hinter die Ohren geklemmt wurde, betäubt wurden. Sie sanken mit weit aufgerissenen Augen, quiekend und seufzend zuerst in die Knie, bevor sie bewusstlos zur Seite rollten. Ich spürte ein schlechtes Gewissen, beruhigte mich jedoch mit dem Gedanken an die Kohle, die ich hier verdienen konnte.

    «Na Kleiner, hält dein Magen das aus? Es wird gleich noch spannender.» Der Russe war ein Sadist.
    «Du freust dich bestimmt, wenn ich dir über die Schuhe kotze.» Mein Magen rumorte. Horst grinste. Der mochte den Russen also auch nicht.

    Als die Schweine nicht mehr zappelten, stachen die beiden mit einem Elektro-Spieß zu. Blut spritzte. Einige Tiere erwachten aus ihrem Dämmer und quiekten jämmerlich. Horst und Vitalij achteten nicht darauf. Mit der Abgebrühtheit gewerbsmäßiger Killer beförderten sie Tier um Tier in den Schweinehimmel. Ich stand mit weit aufgerissenen Augen daneben; denn es ist ein Unterschied, ob man sich solch ein Gemetzel in seiner Fantasie ausmalt oder real mitansieht. Meine Beine wurden schwach. Ich stützte mich an die Wand, um nicht umzufallen. Vitalij sah das und lächelte böse. Um dem Arschloch zu zeigen, dass ich kein Weichei war, richtete ich mich kerzengerade auf und sagte: «Was gibt’s für mich zu tun?»

    Mir wird schlecht von all dem Blut

    «Mach hinter uns sauber!» Horst drückte mir einen Schlauch in die Hand. Während meine zwei Kollegen die dreißig toten Körper in einen Lastenaufzug hievten, sprühte ich mit einem Hochdruckreiniger hektoliterweise Wasser, das nach Desinfektionsmittel roch, auf das Linoleum. Die dunkelroten Blutlachen lösten sich auf und versickerten in Metallgittern, die in den Boden eingelassen waren, oder flossen seitlich durch Schlitze in den Wänden.
    «Scheiße, scheiße», rief ich. «Was tue ich hier?»
    «Du gehst erst raus, wenn alles wieder blitzt», antwortete Profitlich, dessen Hereinkommen ich nicht bemerkt hatte. «Und dann schaust du, was du für Horst und Vitalij tun kannst.»
    «Okay», sagte ich. Leck mich, dachte ich.

    Eine Stunde später stand ich im Erdgeschoss. Horst nahm mich in Empfang.
    «Schau uns bloß zu. Sobald’s dir schlecht wird, melde dich. Brauchst dich nicht zu schämen. Jeder hier kotzt am ersten Tag. Du gewöhnst dich aber daran.»
    «Danke. Ich werd’s schon überleben. Hab Schlimmeres gesehen.»
    «Wo: warst du im Krieg dabei?» Horst ließ mich stehen und widmete sich wieder seinem Job. Der bestand gerade darin, Augen und Ohren zu entfernen.
    «Soll ich bloß zusehen, oder gibt’s für mich auch was zu tun?»
    «Ist alles ein bisschen viel für dich heute?»
    «Mir ginge es deutlich besser, wenn ich mit anpacken könnte.»
    «Hast Recht … genug geglotzt für den ersten Tag. Geh nach hinten und melde dich bei Vitalij. Dem kannst du beim Schleppen helfen.»

    Während Horst mit mir sprach, packte er in den Körper eines besonders fetten Exemplars hinein und fingerte die Reste des Darms heraus. Mein Abendessen, das viele Stunden zurücklag, stieg bedrohlich bis in die Nähe des Kehlkopfs hinauf.
    «Jede Wette, dass du ein paar Tage lang auf Schnitzel und Wurst verzichtest.» Horst lachte, klopfte mit der blutigen Linken auf meine Schulter und schickte mich zu Kumpel Vitalij.

    Schweineschleppen ist ein schweißtreibender Job

    Vitalij und einige mir unbekannte Typen, die wohl ebenfalls auf Karl-Heinz Gehaltsrolle standen, hatten die dreißig Schweine in der Zwischenzeit mit Sägen in Einzelteile zerlegt. Zumeist in Hälften; manchmal – vermutlich auf Spezialbestellung – direkt in Keulen und Schnitzel.

    «Hey Kleiner, mach dich nützlich!»
    «Dafür bin ich hier.»

    Vitalij schnappte sich mit einer Leichtigkeit, als ob er mit zwei Pfund Orangen jonglieren würde, ein halbiertes Schwein und legte es mir auf die Schulter.

    «Häng es an den Karabinerhaken!» Meine Wirbelsäule knackste; würde sicher gleich auseinandersplittern. Ich ging ein paar Zentimeter in die Knie und stöhnte leise.
    «Stell dich nicht so an. Der Boss hat erzählt, du trainierst mit Gewichten. Machst auf Schwarzenegger. Dann ist das für dich doch bloß ein Aufwärmprogramm … oder sollen wir dir helfen, damit du nicht zusammenklappst?»
    «Ich schaffe es schon, Arschloch», sagte ich.

    Die zwanzig Meter bis zum Haken schaffte ich. Das zentnerschwere Teil in die Höhe zu hieven, war jedoch zu viel für mich. Beim Versuch kreisten plötzlich transparente Sterne vor meinen Augen, und ich fühlte Schwindel.

    «Ich zeige es dir.» Zwei Pranken, zwischen denen man einen Ford Capri wie in einer Schrottpresse glattbügeln konnte, griffen von der Seite zu und wuchteten das halbe Schwein mühelos nach oben.

    «Danke», flüsterte ich. «Hast was gut bei mir.»
    «Vergiss es nicht. Ich heiße Martin.»
    «Henning.»
    «Seltener Name.»
    «Meine Eltern waren betrunken, als sie sich den für mich ausgedacht haben.»
    «Ach so. Verlier deinen Humor nicht, Kleiner.»

    Nach der ersten Schicht soll ich schon wieder gekündigt werden

    Vitalij lächelte böse, als ich zur Schlachtbank zurückkehrte. «Bist doch nicht so stark, wie du angekündigt wurdest.»
    «Leck mich.»

    Schweigend warf er den nächsten Klumpen auf meinen Rücken. Dieses Mal ein besonders blutiges Teil. Obwohl es nur wenige Meter waren, die ich zurücklegen musste, schmerzte jeder einzelne Schritt höllisch. Am liebsten hätte ich den Fleischberg auf den Boden geschmissen, mir die schweißnassen Klamotten vom Körper gestreift und wäre ohne Bezahlung nach Hause gegangen. Aber diese Schmach wollte ich mir nicht antun. Ich würde durchhalten. Und wenn ich danach mein Leben lang im Rollstuhl säße. Am Haken wartete Martin auf mich.

    «Profitlich hat Anweisung gegeben, dich am ersten Tag nicht allzu hart ranzunehmen. Hast Pech, dass Vitalij heute das Kommando führt.»
    «Übler Menschenschinder.»
    «Ja; nützt aber nichts, darüber zu jammern. Das Schwein muss nach oben.»

    Mit Unterstützung meines neuen Freundes schaffte ich zehn Schweinehälften. Mehr war nicht drin. Bei Nummer elf wäre ich zusammengebrochen und alleine nicht mehr auf die Füße gekommen. Das spürte ich. Die Uhr zeigte kurz vor fünf.

    «Hast dich wacker geschlagen», sagte Martin, «Lass uns draußen noch eine rauchen.»
    «Werde dem Boss raten, dich nicht weiter zu beschäftigen.» Vitalij tat empört, obwohl ich als Youngster gute Arbeit abgeliefert hatte.
    «Tu, was du willst. Ich möchte jetzt bloß noch nach Hause und heiß baden. Alles andere ist mir egal.»

    Die Nacht war vorüber. Im Osten hinter dem Dom stieg bereits die Sonne empor. Wir standen in blutverklebten Kitteln auf dem Parkplatz neben dem Schlachthof. Martin bot mir eine Marlboro an. Ich nahm ein paar Züge.

    Profitlich lügt mir frech ins Gesicht

    «Du paffst ja», bemerkte er.
    «Wenn ich auf Lunge rauche, muss ich husten.»
    «Du Amateur», lachte er.
    «Und jetzt?», fragte ich.
    «Verabschieden wir uns vom Boss.»

    Gemeinsam gingen wir in Profitlichs kleines Büro im Erdgeschoss. Der brütete über Zahlenkolonnen.
    «Wie lief es?», erkundigte er sich, ohne uns anzusehen.
    «Alles bestens, Karl-Heinz», antwortete ich.
    «Tatsächlich? Da hat mir Vitalij eben was anderes berichtet. Du wärst weniger kräftig, als wir angenommen hatten, und du gibst Widerworte. Beides nicht so gut … und tu mir einen Gefallen: nenn mich hier nicht Karl-Heinz. Entweder Boss, wie es die anderen Kollegen tun oder Herr Profitlich. Verstanden?»
    «Ja.»
    «Dann hätten wir das geklärt. Für heute ist Schluss. Ihr könnt gehen.»
    «Hm … »
    «Was gibt’s noch?»
    «Wie ist es mit dem Geld?»
    «Wird einmal wöchentlich ausbezahlt. Aber nicht heute.»
    «Fünf Stunden macht einen Hunderter.»
    «Bist du wieder pleite, Henning?»
    «Noch nicht ganz.»
    «Musst du mit dem Zocken aufhören.»
    «Danke für den Tipp, Boss.»
    «Morgen und übermorgen haben wir für dich hier nichts zu tun. Vielleicht in der Nacht von Sonntag auf Montag. Ruf Vitalij an. Der teilt deine Schichten ein.»
    «Vitalij??»
    «Ja! Hörst du schlecht, oder hast du ein Problem damit?»
    «Alles in Ordnung, Herr Profitlich.»

    Ausgepowert und abgebrannt

    «Da hast du in die Scheiße gepackt», sagte Martin, als wir im hellen Morgenlicht auf der Liebigstraße standen. «Vitalij ist ein Dreckskerl. Dem macht es Spaß, andere so lange zu quälen, bis sie ihn anbetteln, damit aufzuhören. Da kommen üble Wochen auf dich zu.»
    «Kann ich mir lebhaft vorstellen bei dem Arschloch.»
    «Du sagst oft Arschloch. Also verdammt oft für einen verwöhnten Sohn von reichen Eltern.»
    «Wer erzählt, dass wir reich sind?»
    «Vitalij. Und der hat’s vom Boss.»
    «Glaub nicht alles, was rumgequatscht wird. Ich bin bettelarm.»
    «Weil du Backgammon spielst … schau nicht so erstaunt. Weiß ich ebenfalls von Vitalij.«
    «Dann seid ihr ja alle bestens informiert über mich.»
    «Ich muss jetzt heim. Meine Frau wartet mit dem Frühstück. Danach haue ich mich aufs Ohr, und sie geht putzen. Krankenhaus Merheim. Ist so eine Psychoklinik.»
    «Ciao … schön, dich kennengelernt zu haben. Wir sehen uns dann Sonntagnacht.»
    «Scheißtermin. Versaut das halbe Wochenende.»
    «Ja!»

    Martin verschwand Richtung Linie 5, und ich spazierte den Radweg oberhalb der Autobahn entlang. Vogelgezwitscher im Blücherpark mischte sich mit dem Knattern von LKW-Motoren. Die Temperatur lag bereits am frühen Morgen bei knapp zwanzig Grad. Ich fühlte mich total zerschlagen, wollte bloß noch duschen und mich dann ins Bett legen. Heute Abend war ich für ein kleines Backgammon-Turnier verabredet. Da musste ich fit sein.

    Meine Eltern passen mich an der Haustür ab

    Gegen halb sechs schloss ich die Haustür auf und wollte leise in mein Zimmer schleichen.
    «Wo warst du?», hörte ich die Stimme meines Vaters.
    «Du bist schon wach??» Beide Eltern standen frontal vor mir im Flur. Keine Chance, an ihnen vorbeizukommen.
    «Wo warst du?»
    «Unterwegs.»
    «Wo genau?»
    «Hier und da. Halt unterwegs … ist das wichtig?»
    «Lüg uns nicht an!»
    «Weshalb sollte ich euch anlügen?»
    «Du warst im Schlachthof.»
    «War ich nicht … wie kommt ihr darauf?»
    «Der Nachbar hat’s uns gesagt.»
    «Er hat was??»
    «Herr Profitlich hat vor zehn Minuten angerufen.» Das war also, nachdem wir uns für Sonntagnacht verabredet hatten.
    «So ein Arschloch.»
    «Solche Worte nicht in meinem Haus! … wie kommst du dazu, im Schlachthof zu jobben? Ich hatte es dir verboten.»
    «Weil ich da gute Kohle verdiene. Das bisschen Taschengeld reicht ja kaum von Montag bis Mittwoch.»
    «Du bist maßlos geworden.»
    «Herr Profitlich meint, dass es besser ist, wenn du dir was anderes suchst. Die Arbeit im Schlachthof ist zu schwer und blutig. Dem bist du nicht gewachsen.»
    «Bin ich doch!» Ich trommelte mit der Faust gegen die Tapete.

    Mein Lebenswandel ist nicht unbedingt billig

    «Keine Widerrede! Du wirst den Schlachthof nie mehr betreten. Sonst fliegst du hier raus.»
    «Und wer bezahlt mir den Verdienstausfall?»
    «Die Tochter von Müllers benötigt Nachhilfe in Mathe und Englisch.»
    «Die ist so blöde. Das ist eine Strafe für jeden Nachhilfelehrer.»
    «Lern einfach, mit deinem Geld auszukommen … weshalb bist du überhaupt jede Nacht unterwegs? Kann doch nicht jeden Tag Partys geben?»
    «Okay, okay … ich bin müde und lege mich hin. Frühstück nicht vor 16 Uhr.»
    «Du bist seit dem Abitur völlig verlottert. Wird Zeit, dass du eine geregelte Arbeit findest.»
    «Gute Nacht.»

    Ich ging nach oben in mein Zimmer und zog die Tür hinter mir zu. Meine Alten waren vom Grundsatz her nicht übel. Aber immerzu besorgt. Was tust du jede Nacht draußen? Ist dir klar, dass Köln eine gefährliche Stadt ist? Weshalb schläfst du so lange? Wieso brauchst du ständig Geld? Minütlich fragten sie mich was. Ich hatte schon überlegt, die Antworten auf Zettel zu schreiben und ihnen wortlos zu überreichen. Neben einem Bücherstapel lag die neue LP von Billy Idol, die legte ich auf.

    «Muss das so laut sein?», hörte ich von unten.

    Ich schloss den Kopfhörer an und drehte die Musik bis zum Anschlag. Die Vorteile des Beamtenlebens meiner Eltern – gutes Gehalt, Kohle wird pünktlich zum Monatsende überwiesen, zwei Urlaube im Jahr, Chefarztbehandlung auch bei Schnupfen – empfand ich als gähnend langweilig. Seitdem mich eine Klassenkameradin vor zwei Jahren zum ersten Mal ins Le Bateaux und Coconut mitgenommen hatte, wurde ich schnell vom Fieber der Nacht infiziert. Auf den Ringen pulsierte das Leben. Daran wollte ich teilhaben. Mit großen Augen beobachtete ich, wie die coolen Jungs im La Strada Backgammon zockten. Bündel Scheine, die mit goldenen Spangen zusammengehalten wurden, wechselten die Besitzer. Das war jeden Abend mehr Geld, als es mein Vater in einem Jahr verdiente. Die Aussicht auf schnellen Gewinn elektrisierte mich. Ich setzte mich stumm daneben, sah den erfahrenen Zockern zu, merkte mir Züge und Würfelkombinationen. Kaufte mir ein Lehrbuch, um die Wahrscheinlichkeiten besser einschätzen zu können. Spielte mit Kumpels ohne den Dopplerwürfel, um meine Fortschritte zu testen. Nach acht Wochen fühlte ich mich bereit, am Profitisch Platz zu nehmen. Ich verlor dreihundert Mark an diesem Abend. Das entsprach dem Taschengeld eines Quartals. Und ich musste in den kommenden Monaten noch viel mehr Lehrgeld bezahlen, bis ich endlich zum ersten Mal als Matchwinner das Lokal verließ. «Du hast Potenzial, Kleiner», sagte der dürre Hein und adelte mich damit. Die kleinen Gewinne wurden jedoch durch häufige Verluste aufgezehrt, sodass ich chronisch pleite und gezwungen war, mir Kohle mit Jobs wie Nachhilfe, Rasenmähen und Autowaschen hinzuzuverdienen. In der Schule schlief ich deshalb häufig ein.

    Und nun hatten das Arschloch Profitlich und mein Vater verabredet, mich von der lukrativen Erwerbsquelle Schlachthof fernzuhalten. Mein Vater verfügte über einen starken Widerwillen gegen Blut und rohes Fleisch. Aß kein Mett, ekelte sich vor Tartar und englischem Steak. Machte um Metzgereien und Fleischtheken einen großen Bogen. Hatte im Krieg zu viele Tote und Verletzte gesehen. Er war zwar kein Vegetarier; wollte aber nicht wissen, wie halbe Hähnchen und Wiener Würstchen produziert wurden. Ein Job im Schlachthof stand für meine Eltern auf derselben Stufe wie Leichenwaschen, Totengräber und Zuhälterei.

    Ich bin mal wieder völlig blank

    Von daher konnte ich ihren Widerwillen gegen diese Form des Gelderwerbs nachvollziehen. Welcher Teufel hatte aber Profitlich geritten, mich direkt im Anschluss an meine erste Schicht zu verraten? Und mir – was ich noch niederträchtiger fand – nicht direkt ins Gesicht zu sagen, dass er mich für den Job als untauglich einstufte? Ich würde ihn morgen fragen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, ihn fortan wie Luft zu behandeln. Durch ihn hindurchzusehen, wenn wir uns auf der Straße begegneten. Das wäre allerdings dumm gewesen, denn er schuldete mir noch hundert Mark. Kohle, die ich dringend benötigte, um den Rest des Monats über die Runden zu kommen.

    Im Bett wälzte ich mich hin und her. Vergeblich; es gelang mir nicht, zur Ruhe zu kommen. Tausend Gedanken wirbelten durch meinen Kopf. Ich musste jedoch pennen; andernfalls wäre ich am Abend nicht fit genug für ein kleines Backgammon-Turnier, das im Hinterzimmer einer türkischen Kneipe angekündigt war. Ich stand auf, räumte die zehnbändige Enzyklopädie „Geschichte der europäischen Kultur“ – ein Weihnachtsgeschenk meiner Großeltern – zur Seite, griff nach einer dahinter versteckten Flasche Bourbon, schüttete ein Wasserglas voll, leerte es in zwei Zügen und fiel ein paar Minuten später in einen tiefen Schlaf.

    Drei Tage darauf begegnete ich dem Nachbarn am Zaun, der seinen von unserem Garten trennte. Karl-Heinz lehnte im kurzärmligen Hawaiihemd an einem Birnbaum und beobachtete mich dabei, wie ich Liegestützte machte.

    «Hast echt schon Muskelmasse aufgebaut», begrüßte er mich. «Sahst vor einem Jahr noch viel mickriger aus. Nimmst du irgendwas?»
    «Was sollte das am Freitag mit meinen Eltern?»
    «Du willst wissen: warum ich sie informiert habe?»
    «Genau.»
    «Glaub mir Kleiner, das war besser für dich.»
    «Sie meinen: besser für Sie?» In meinem Zorn hatte ich vergessen, dass ich mit Profitlich ja schon auf Du war.
    «Lass uns sagen: vernünftig für uns beide.»
    «Verstehe ich nicht.»
    «Ich will keinen Ärger mit deinen Eltern haben. Die sind die einzigen in der Straße, die mich wie einen Menschen behandeln.»

    Das stimmte. Profitlich war ein Exot in unserem von mittlerem Bildungsbürgertum beherrschten Viertel. Je stärker er mit Sportwagen und teuren Armbanduhren protzte, desto mehr entfremdete er sich von seiner Umgebung. Sobald die Altphilologen, Musikpädagogen und Oberstudienräte ihn vor der Haustür erblickten, grüßten sie freundlich, vermieden es jedoch, sich von ihm in eine längere Unterhaltung verwickeln zu lassen und hasteten schnell weiter. Es war, als ob sie unsichtbares Schweineblut an seinen Händen kleben sahen. Mutter sagte manchmal: »Herr Profitlich ist ein Neureicher«. Und so wie sie »neureich« betonte, verhieß das Wort nichts Gutes. Ich wiederum wünschte mir hin und wieder ein neureiches Leben, da mich meine Eltern in Punkto Taschengeld recht knapp hielten.

    Profitlich bietet mir nen neuen Job an

    «Und das ist Ihnen erst eingefallen, nachdem wir uns um fünf Uhr verabschiedet hatten. Sie hätten’s mir doch direkt sagen können.»
    «Ja und nein.»
    «Wie nein?»
    «Ich wollte dich nicht kränken.»
    «Das war alles?»
    «Und Vitalij meinte, dass es schwierig wird, aus dir einen Arbeiter zu machen. Du stellst zu viele Fragen, machst die anderen damit aufsässig. Es wäre klüger, sich solch eine Laus nicht unnötigerweise in den Pelz zu setzen.»
    «Und dann haben Sie sich für die bequeme Möglichkeit entschieden, mich bei meinem Vater anzuschwärzen.»
    «Sieh es positiv: der Job ist hart und blutig. Nix für einen Jungen wie dich. Zu dir passt eher Nachhilfe.»
    «Was ist mit den hundert Mark?«
    «Die schulde ich dir?»
    «Ja.»
    «Brauchst du das Geld jetzt?»
    «Ja.»
    «Warte einen Moment. Ich schaue, wo mein Portemonnaie liegt.»

    Profitlich ging zurück ins Haus, ließ mich eine Minute warten und kehrte mit zwei Fünfzigern zurück.
    «Damit sind wir quitt.»
    «Danke.» Ich wandte mich zur Seite, um mich wieder den Liegestützen zu widmen, da packte mich der Nachbar am Oberarm.
    «Hast du morgen Abend schon was vor?»
    «Warum?»
    «Beantworte meine Fragen nicht ständig mit Gegenfragen. Ja oder nein?»
    «Bisher nein.»
    «Dann sei gegen acht Uhr bei mir. Ich stelle dir eine Bekannte vor.»
    «Und dann?»
    «Lass dich überraschen. Wirst es nicht bereuen.

  • Eine weißhaarige Fut

    Eine weißhaarige Fut

    »Charles Bukowski ist ein Trivialautor. Seine Bücher sind schmuddelig«, sagte die Oberschwester der Andernacher Suchtklinik, als Herbert und ich von unserem Abendspaziergang zurückkamen.
    »Sie haben keine Ahnung!«, sagte Herbert, der ein großer Fan von Bukowski war und zehn Bücher des Trivialautors mit in den Entzug genommen hatte. Ich bewunderte Menschen wie ihn. Wenn ich in den Entzug ging, hatte ich außer den Klamotten, die ich am Körper trug, nichts dabei und musste mir die Zahnbürste vom Klinikpersonal leihen.
    »Sie haben echt KEINE Ahnung, Schwester«, sagte Herbert nochmal. »Bukowski ist der GRÖßTE US-amerikanische Schriftsteller nach dem zweiten Weltkrieg. Wer was anderes behauptet, hat von Literatur keine Ahnung.«
    »Wie viele Distra bekommen Sie zur Nacht?«, erkundigte sich die Oberschwester bei Herbert.
    »Noch 4.«
    »Komisch, auf meinem Plan stehen bloß 2.«
    »Das kann nicht sein. Hundert Prozent sind es 4.«
    »Wenn auf dem Plan nur 2 draufstehen, darf ich Ihnen auch nur 2 geben. Tut mir leid.«
    »Rufen Sie den Arzt vom Dienst. Sofort!«, schrie Herbert.
    »Der ist unterwegs. Kommt frühestens in 5, 6 Stunden zurück. Bis dahin schlafen Sie schon«, sagte die Oberschwester und gab Herbert die 2 Distra.

    »Und Sie, Herr Hirsch, was halten Sie von Bukowski?«, wandte sich die Oberschwester nun an mich.
    »Ein interessanter Autor«, sagte ich, »aber ich kenne ehrlich gesagt nicht allzu viel von ihm. Das was ich bisher gelesen habe, ließ sich recht einfach lesen. Ist halt großenteils trivial und an manchen Stellen wirklich schmuddelig.«
    »Wie viele Pillen bekommen Sie heute Abend?«
    »4.«
    »Stimmt: 4. Steht so auch im Plan drin«, sagte die Oberschwester und drückte mir 4 Distra in die Hand.

    »Du bist ein Arsch«, sagte Herbert, als wir wieder draußen auf dem Flur standen. Er war das erste Mal im Entzug und musste die Spielregeln der Klinik noch lernen. Heute Nacht, zitternd, mit zu wenig Pillen im Bauch, würde er sie begreifen.

    Von Andernach nach L.A.

    Henry Charles – ursprünglich getauft auf die schönen deutschen Vornamen Heinrich und Karl – Bukowski wurde am schwül-heißen 16. August 1920 – übrigens ein Montag –, Uhrzeit von der Hebamme nicht protokolliert, in Andernach geboren. Ein beschauliches Städtchen , malerisch gelegen am Fuß der Vulkaneifel mit sehenswertem Blick über den Rhein – der hier Stromkilometer 612 durchfließt – auf die am jenseitigen Ufer schroff ansteigenden Hügel des Westerwalds. In der Aktienstraße 12 (keine Ahnung, welche Aktien dort jemals gehandelt wurden) in einer Erdgeschosswohnung, in der heute ein Karnevalsshop traditionelle Prinzengarde- & Funkemariechenkostüme und Fastnachtsorden vertreibt, was dem großen Dichter sicher sehr gefallen hätte. Vater Henry Bukowski sen. war als Besatzungssoldat nach WK1 für ein paar Jahre im Rheinland stationiert worden, patrouillierte tagsüber den Fluss entlang und stellte abends den einheimischen Mädchen nach. Wie man es als anständiger Besatzungssoldat halt so tut. Dabei verguckte er sich in die damals reizend anzusehende und mit ihren Reizen nicht geizende Andernacherin Katharina Fett, schwängerte und – auf sanften Druck der zukünftigen Schwiegerfamilie hin – ehelichte diese. Die Romantischer-Mittelrhein-Periode währte nur kurz. 1923 übersiedelte die Familie nach Los Angeles. Heinrich Karl – mittlerweile zu Charles Henry amerikanisiert –, der zeitlebens gerne deftig nach Hausfrauenart aß und sich von seinem Onkel (mütterlicherseits) Heinrich jede Weihnachten ein paar Pullen Müller-Thurgau (lieblich) aus dem Ahrtal nach East Hollywood schicken ließ, wird seine Heimat nun für lange Zeit nicht wiedersehen. Ein einziges Mal anlässlich einer Deutschlandtournee, die er auf Einladung seines Übersetzers und engen Freunds Carl Weissner absolvierte, kehrte er Ende der 70er Jahre für 24 Stunden in seine Geburtsstadt zurück.

    Klein-Charles spricht anfangs Englisch mit einem starken deutschen Akzent, wird deshalb – und wegen seiner starken Akne – von den anderen Kindern gehänselt, begreift schnell, dass er anders ist, sondert sich ab. Seinen Vater schildert er in Briefen und einzelnen Textfragmenten als sehr streng, teils cholerisch mit Hang zu häuslichen Prügelorgien. Es gibt sogar eine Kurzgeschichte – Titel ist mir leider entfallen – in der der junge Charles seinen Vater krankenhausreif schlägt, bevor er das Elternhaus für immer verlässt. Wie viel daran Realität ist, und wie viel dazu erfunden wurde? Keine Ahnung. Die Mutter beschreibt er als still, genau wie er unter der Tyrannei des Vaters leidend. Charles verbringt viel Zeit in der kommunalen Bibliothek, kommt dort mit den Werken von Sinclair Lewis, D.H.Lawrence, John Dos Passos, Sherwood Anderson, Ernest Hemingway und den russischen Autoren in Berührung, verschlingt deren Bücher. 1939 schreibt er sich am Los Angeles City College für das neue Fach Journalistik ein, bricht das Studium jedoch nach kurzer Zeit wieder ab, beginnt seine Wanderjahre, die ihn kreuz und quer durch die USA führen. Er jobbt als Briefträger, Verkäufer in einem Antiquitätenshop, hängt im Akkord Schweinehälften im Schlachthof an Eisenhaken, macht die Tür in nem Striplokal in Texas, pflückt Äpfel und Pfirsiche auf südkalifornischen Obstplantagen. Allein die Liste seiner Hilfstätigkeiten würde eine komplette Kolumne füllen.

    Nach ner Magenblutung beginnt Bukowski mit dem Gedichteschreiben

    1943 wird er gemustert und aufgrund physischer sowie mentaler Unzulänglichkeiten als untauglich für den Militärdienst eingestuft, weshalb ihm ein Einsatz an den Fronten des Zweiten Weltkrieges erspart bleibt. Hat ihm vielleicht das Leben gerettet. Denn von diesen Fronten im Pazifik und in Europa sind viele G.I.s gar nicht oder als Krüppel zurückgekehrt.

    Ab 1952 probiert er sich drei Jahre lang als Briefträger. 1954 wird er wegen einer Magenblutung, die beinahe tödlich verläuft, in ein Krankenhaus eingeliefert und beginnt danach mit dem Gedichteschreiben. 1958 erneut zur Post, diesmal im Innendienst. Elf stupide Jahre als Briefsortierer. Diese Erlebnisse verarbeitet er in seinem ersten – 1971 erschienenen – Roman Der Mann mit der Ledertasche. Er schreibt nachts und am Wochenende für diverse Magazine, die Namen tragen wie: Sparrow Press, Harlequin, Open City und The Outsider.

    Er gilt als ungeschliffenes Juwel, ist bekannt bei Underground-Insidern, befindet sich jedoch von literarischem Ruhm noch so weit entfernt wie Wladimir Putin vom Friedensnobelpreis.

    Seit den frühen 70er Jahren konzentriert sich Bukowski nur noch aufs Schreiben, mit dem er sich anfangs mehr schlecht als recht über Wasser hält. Die Schilderungen seiner verschimmelten Apartments in East Hollywood, in denen die Farbe von der Decke bröckelt, die Wasserhähne chronisch lecken und die Klospülungen nie funktionieren, sind Legion. Der schriftstellerische Erfolg mitsamt den dazugehörigen Tantiemen stellt sich erst in den 80ern ein. Bukowski zieht nun von Downtown nach San Pedro. Vom Kiez in einen noblen Vorort. Böse Zungen behaupten, dass von diesem Moment an auch seine Schreibe zahmer, müder, beinahe altersmild wird. Auf seiner klapprigen Olympia Traveller de Luxe tippt er ohne Unterlass bis kurz vor seinem Tod, der ihn im März 1994 ereilt. Ein unglaubliches Œuvre, das er hinterlassen hat: 6 Romane, hunderte Kurzgeschichten, tausende Gedichte, mehrere Regalmeter voller Briefe.

    Bukowski war einige Male fest liiert – davon zweimal verheiratet – und hat eine Tochter, Marina Louise (*1964), an der er sehr hing, und die in Interviews zärtlich von ihm als liebevollem Vater spricht.

    Beim Dichten und wenn ihn der Blues packte – was häufig gemeinsam passierte – hörte er gerne Musik von Mahler, Beethoven, Schumann, Wagner, Bruckner und in späteren Jahren Bach.

    Mit diesem soliden Hintergrundwissen ausgestattet wollen wir uns nun einige seiner Texte zu Gemüte führen.

    Nichts riecht so fein wie guter, sauberer Schweiß

    Beginnen wir mit zwei, qua Zufallsstichprobe ausgewählten, kurzen Passagen aus seinen Romanen:

    Sie hatten diese Sache, die sie Schulung nannten, dreißig Minuten in jeder Nacht, und in der Zeit brauchten wir wenigstens keine Post zu sortieren
    […]
    »Nichts riecht so fein wie guter sauberer Schweiß, doch nichts riecht schlimmer als alter, abgestandener Schweiß.«
    […]
    »Ich möchte, daß Sie verstehen, daß wir unter allen Umständen sparen müssen! Über eines müssen Sie sich im klaren sein: JEDER BRIEF, DEN SIE VERTEILEN – JEDE SEKUNDE, JEDE MINUTE, JEDE STUNDE, JEDEN TAG, JEDE WOCHE – JEDER BRIEF, DEN SIE ZUSÄTZLICH ZU DER VORGESCHRIEBENEN ANZAHL VERTEILEN, TRÄGT DAZU BEI, DIE RUSSEN ZU BESIEGEN! So, das ist alles für heute. Bevor Sie weggehen, bekommen Sie noch Ihre Tabelle mit den Zustellbezirken.
    Tabelle mit den Zustellbezirken. Was war denn das?
    Einer ging herum und teilte diese Listen aus.
    »Chinaski?«, sagte er.
    »Ja?«
    »Sie haben Bezirk 9.«
    »Danke«, sagte ich.
    © Der Mann mit der Ledertasche, Kap. 18

    Können Sie den Schweiß, der aus 50 Briefsortierer-Achselhöhlen während der mitternächtlichen Unterrichtseinheit durch den Schulungsraum wabert, förmlich riechen? Also, ich kann es. Und dass die Russen alsbald kommen, wusste noch mein Vater bis weit in die 80er Jahre hinein zu berichten.

    Der Mann mit der Ledertasche war Bukowskis erster Roman. Nix Langes: 200 Taschenbuchseiten. Ginge auch noch für ne Novelle durch. Die Rohfassung angeblich binnen vier Wochen zu Papier gebracht. Kann man, wenn man vier Wochen lang nicht kocht, duscht und staubsaugt sicher schaffen. Danach sieht man aus wie der Penner, der einen immer am Eingangsportal der S-Bahnstation um nen Euro anhaut, und riecht auch nicht besser. Aber man hält stolz 200 Seiten Manuskript in den Händen. Sein Erstling ist mMn der beste Roman von Bukowski. Weil er hier halt seine sonst manchmal etwas ermüdende Sauf-Fick-Rennbahn-Kohle-im-Striplokal-verprassen-Handlung mit einer ordentlichen Portion Sozialkritik anreichert. Wer Mann mit der Ledertasche gelesen hat, möchte ums Verrecken nicht bei der Post arbeiten. Weder als Briefträger noch als Sortierer im Innendienst.

    Ich war 50 und hatte seit vier Jahren keine Frau mehr im Bett gehabt. Es ergab sich einfach nichts mit Frauen. Ich sah sie an, wenn sie mir auf der Straße oder sonstwo begegneten, doch ich sah sie ohne Verlangen an und mit einem Gefühl von Vergeblichkeit. Ich onanierte viel, doch die Vorstellung, ein Verhältnis mit einer Frau zu haben, selbst ohne Sex, war für mich in weite Ferne gerückt.
    © Das Liebesleben der Hyäne, Kap. 1

    Liebesleben der Hyäne war übrigens der erste Roman, den ich – auf Empfehlung eines Kumpels hin – von Bukowski las. Muss so um 1985 herum gewesen sein. Wie ich das damals als viel Zeit habender Student gerne mit Büchern, die mir gefielen, tat: an einem verregneten Wochenende in einem Rutsch durch. Wow!, sagte ich im Anschluss zu mir selbst, dieser Autor hat’s drauf. Und ich besorgte mir umgehend den zweiten Roman, Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend, dem ich noch ein drittes Buch, Faktotum, folgen ließ. Danach hatte ich erstmal genug von Bukowski. Mich faszinierte seine schnörkellose Sprache, sein Mut, Obszönes und Unappetitliches unbeschönigt zu Papier zu bringen, sein sich in den Dunkelgrau-Bereichen der menschlichen Existenz Bewegen. Aber dieses beständige Sich-in-den-Dunkelgrau-Bereichen-Bewegen ließ mich nach diesen drei Büchern auch an meine Sättigungsgrenze geraten. Ich wusste nun – oder glaubte als Student, der noch nicht richtig trocken hinter den Ohren war, zu wissen – was Bukowski mir und der Welt mitteilen wollte: Das Leben ist eines der härtesten, zu ertragen bloß mit Unmengen Alkohol, Verachtung jeglichen Konsums, der über die rein primäre Bedürfnisbefriedigung hinausgeht, und Frauen bumst man, man verliebt sich aber nicht in sie. Botschaft, die ich zwar zu 50 Prozent damals teilte, deren häufige Wiederholung in den drei o.g. Romanen mich jedoch alsbald langweilte. Ich legte Bukowski beiseite, las andere Autoren, verliebte mich ein paar Mal, versuchte eine Zeit lang, ein erfolgreicher und gut verdienender Geschäftsmann zu werden, heiratete, beschäftigte mich mit Ehefrau und Kindern, sorgte mich um die Liquidität auf unserem Bankkonto und die pünktliche Ratenzahlung fürs kleine Haus, das wir uns gekauft hatten, und verlor bei dieser täglichen Ameisentätigkeit den Grantler aus East Hollywood komplett aus den Augen.

    Buk hätte dazu gesagt:

    Manchmal muss man einfach ins Waschbecken pinkeln.

    Die Stripperin, die sich die Mösenhaare weiß färbte

    Ich begegnete ihm tatsächlich erst zwanzig Jahre später wieder, als Herbert, von dem Sie – falls Sie die Kolumne bis hierhin aufmerksam gelesen haben – bereits erfuhren, dass er ein Riesen-Fan des sMn größten US-amerikanischen Schriftstellers nach dem Zweiten Weltkrieg war, mit zehn Bukowski-Büchern im Gepäck in der Andernacher Suchtklinik aufschlug. Begleitet von seiner Mutter, was ich damals als etwas unmännlich empfand, denn ein richtiger Kerl wie ich ging mutterselenallein in die Klinik. Wobei ich der Ehrlichkeit halber zugeben muss, dass ich so oft in der Klinik war, dass ich beim besten Willen nicht mehr sagen kann, ob ich tatsächlich jedes Mal solo dort aufkreuzte. Die statistische Wahrscheinlichkeit legt nahe, dass ich bei insgesamt rund dreißig Aufenthalten 3x von irgendjemand dorthin begleitet worden war. Aber das ist an dieser Stelle unwichtig und nur nebenbei erzählt. Zurück zu Bukowski. Herbert, nachdem er sich tränenreich von seiner Mutter getrennt und in einem Dreierzimmer eingecheckt und erstmal seinen Rausch ausgeschlafen hatte, entpuppte sich am darauffolgenden Tag beim Mittagessen als netter und sehr belesener Mensch, mit dem man sich auch mal über was anderes als den Krankenhausfraß, die Tablettenration, die von Abteilung zu Abteilung variierte, was einige Patienten als himmelschreiende Ungerechtigkeit ansahen, und den Knackarsch der jungen Therapeutin unterhalten konnte. Er gab mir einen Band mit Kurzgeschichten und sagte: »Lies die. Die sind zum einen besser als die Romane und zum anderen im Alkoholentzug leichter verdaulich«.

    Und ich las so Sachen wie: Knochenarbeit mit einem 45er Colt, Der Tag, als wir über James Thurber sprachen, Irrenhaus in East Hollywood, Der große Kiffer-Schwindel und Eine weißhaarige Fut.

    Sie lacht und geht rüber, um das Gift zu mixen. Ich drehe mich um, damit sie’s leichter hat. Sie stellt das Glas vor mich hin.
    »Ich mag dich«, sagt sie. »Mit dir fick ich jederzeit nochmal. Für’n alten Mann bringst du ganz gute Tricks auf die Matratze.«
    »Danke. Deine weiße Perücke bringt immer das Beste aus mir raus. Ich bin abartig veranlagt. Ich steh auf junge Weiber, die so tun, als wären sie alt. Und auf alte, die so tun, als wären sie jung. Ich steh auf Strumpfhalter, Strapsen, hochhackige Latschen, hauchdünne rosarote Slips, auf das ganze geile Drumherum.«
    »Ich hab ne Nummer drauf, wo ich mir die Mösenhaare weiß färbe.«
    »Hervorragend.«
    »Trink dein Gift.«
    »Oh ja, danke.«
    »Nichts zu danken.«

    Ich trinke den Mickey und lege sie alle rein.
    © Eine weißhaarige Fut, in: Schlechte Verlierer

    Ist das obszön, ist das trivial, ist das (zu) leicht verdauliche Literatur? Keine Ahnung. Sagen Sie es mir. mMn ist es eine hervorragend dargestellte, leicht ins Groteske gesteigerte, Szene, die in nem abgeranzten Stripschuppen in der Nähe des L.A.-Güterbahnhofs spielt, in dem die Kerle entweder an der Bar über Pferdewetten diskutieren, den Stripperinnen beim Strippen zuschauen und hin und wieder mit ner Stripperin in deren verschimmeltes Zimmer verschwinden. Mehr an Botschaft steckt nicht dahinter? Nein, mehr an Botschaft steckt nicht dahinter. Muss ja nicht hinter jeder Güterbahnhof-Stripschuppen-Barszene immer gleich ne Riesenbotschaft verborgen sein. Mir persönlich reicht mitunter ne Stripperin, die sich die Möse weiß färbt, um mich gut unterhalten zu fühlen.

    Großmeister des spontanen Zeilenumbruchs

    Die Kurzgeschichten, die mir Herbert in die Hand gedrückt hatte, gefielen mir außerordentlich gut. Binnen eines Tages war ich damit durch und verlangte Nachschub. Nun gab er mir einen Band mit Bukowski-Gedichten: Nicht mit sechzig, Honey – Gedichte vom südlichen Ende der Couch.

    Und hier könnten wir nun einen uferlosen literaturtheoretischen Diskurs über das Wesen von Gedichten starten. Ist das, was uns Bukowski als Gedicht kredenzt, überhaupt ein Gedicht im strengen Deutschlehrer-Sinn? Also reimt sich, verfügt über Versmaß und Rhythmus und all solche, aus Sicht von Deutschlehrern essenzielle, Bestandteile, die Lyrik von der Prosa unterscheiden? Vergessen Sie all das, was Sie im Deutschunterricht über Poesie gelernt haben, wenn Sie Bukowski lesen. Bei ihm ähneln die Gedichte eher Kurzgeschichten und Textsplittern, bei denen die einzelnen Sätze mittels unergründlichen Zeilenumbrüchen voneinander getrennt werden. Habe darüber in den vergangenen Jahren endlose und zu keinem Ergebnis führende Diskussionen in diversen Autorenforen geführt. Wer sich streng am Wilhelm-Busch-Versmaß orientiert und alles andere für schlechte Lyrik einschätzt, wird mit Bukowski nicht glücklich werden. Für alle anderen, die es nicht so Wilhelm-Busch-dogmatisch sehen wie ihr Deutschlehrer, hier drei – wiederum zufällig ausgewählte – Gedichte vom Großmeister des Spontanzeilenumbruchs:

    DOCH EIN GUTER HAUFEN
    Ich höre immer noch von den
    alten Hunden: Männer, die
    seit Jahrzehnten schreiben
    alles Dichter, sie sitzen
    weiter an ihren Maschinen
    und schreiben
    besser denn je
    trotz Ehefrauen und Kriegen
    und Jobs und allem
    was so passiert.
    Viele konnte ich als Menschen
    oder Künstler nicht leiden
    doch ich übersah ihr
    Stehvermögen und
    ihre Fähigkeit
    sich zu verbessern.

    Diese alten Hunde
    die in verräucherten
    Buden hausen und zur
    Flasche greifen …

    Sie dreschen auf das
    Farbband – sie sind da
    um zu kämpfen.
    © aus: Roter Mercedes, Gedichte 1984-86

    EIN GENIE
    Heute hab ich im Zug einen
    genialen Jungen
    kennengelernt.
    Er war ungefähr 6 Jahre alt,
    saß direkt neben mir,
    und als der Zug an der Küste
    entlangfuhr
    sah man das Meer
    und wir schauten beide aus dem
    Fenster
    und sahen das Meer an
    und dann drehte er sich
    zu mir um
    und sagte,
    „Das is nich schön.“

    Da ging mir das zum
    ersten Mal
    auf.
    © u.a. in: Charles Bukowski, 439 Gedichte

    Bei all seiner vordergründigen Misanthropie, Bärbeißigkeit und offenkundigem Hang zu Alkohol und schnellem Sex hat Bukowski auch wunderschöne Liebesgedichte hinterlassen, von denen ich nun eins im englischen Original vorstellen werde:

    FOR JANE
    225 days under grass
    and you know more than I.
    They have long taken your blood,
    you are a dry stick in a basket.
    Is this how it works?
    In this room
    the hours of love
    still make shadows.

    When you left
    you took almost
    everything.
    I kneel in the nights
    before tigers
    that will not let me be.

    What you were
    will not happen again.
    The tigers have found me
    and I do not care.
    © in: The days run away like wild horses over the hills

    Nach 225 Tagen unter Dauerstrom verlässt sie ihn Hals über Kopf. Und er, alleine zu Hause in der ausgeräumten Wohnung sagt: „In diesem Raum werfen die Stunden unserer Liebe immer noch lange Schatten“: Wow! Prägnanter kann man Schmerz und Leere nicht ausdrücken. „Die Tiger haben mich gefunden, und mir ist es egal.“ Genau so fühlt sich Liebeskummer an, der einer mittelschweren Depression gleicht.

    Und damit soll es in dieser Kolumne genug sein mit Passagen aus Romanen & Kurzgeschichten und Bukowski-Gedichten. Was ist mit seinen Briefen, sagen Sie? Er hat doch auch ne Unmenge an Briefen hinterlassen. Ja, hat er, antworte ich. Aber Briefe sind aus meinem Verständnis heraus was Bilaterales und gemäß meiner Erziehung etwas, dessen Inhalt vertraulich ist und außer Sender und Empfänger niemand anderen was angeht. Weshalb ich fremder Leute Briefe weder lese, noch aus ihnen hier zitieren will.

    Der Misanthrop aus East Hollywood  war zeitlebens ein Liebender

    Ich möchte die Stories und Gedichte auch nicht langatmig interpretieren oder gar totanalysieren, sondern einzig auf mich und Sie wirken lassen. Wer noch über einen letzten Rest Empathie verfügt, spürt, dass sich hinter dem ganzen Dreck, dem Suff, dem häufig miesen Lyrischen Ich ein hochsensibler Mann verbirgt, der zeitlebens auf der verzweifelten Suche nach Nähe war. Ein kalifornischer Steppenwolf. Ein LIEBENDER! Es ging ihm niemals darum, sich in billigen Absteigen von fetten Nutten das Gehirn aus dem Schädel vögeln zu lassen; er will uns mit diesen grellen Bildern bloß das Dasein mit all seiner Härte aufzeigen. Niemand beschreibt den tristen Alltag der Menschen und ihre widersprüchlichen Gefühlslagen so exakt wie der misanthrope Schriftsteller aus East Hollywood. Wenn ihn die Traurigkeit ergriff – und die hätte ihn heute bei all den Trumps, Johnsons, Le Pens, Salvinis und Gaulands ganz sicher oft gepackt –, zog er sich in sein kleines Arbeitszimmer zurück und dichtete die Nächte durch. Von ihm stammt das Bonmot:

    Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel.

    Wobei dieses Zitat mittlerweile inflationär von Leuten verwendet wird, die den monatlichen Absacker mit den Kollegen aus der Buchhaltungsabteilung bei der Happy Hour in der Eckkneipe bereits als eine wilde Alkoholsause à la Barfly einstufen, bevor sie sich am Morgen danach erst zu Hause die Seele aus dem Leib kotzen, und danach ab 9h wieder brav vor ihren Bildschirm setzen, wo sie mit schmerzendem Schädel Zahlenreihen im Akkord eintippen und miteinander abgleichen. Bis zur nächsten Happy-Hour-Alkoholsause mit den Kollegen im kommenden Monat. Aber dafür kann Bukowski ja nichts.

    Besser gefällt mir dieser Spruch hier:

    Ich mag Hunde lieber als Menschen. Und Katzen lieber als Hunde. Und mich, besoffen in meiner Unterwäsche aus dem Fenster schauend, am liebsten von allen.

    Mein Ehrgeiz wird ständig durch meine Faulheit behindert

    Bukowskis Werk ist rein mengenmäßig betrachtet enorm. Alle Seiten ausgedruckt und übereinander gelegt erhielte man vermutlich einen Stapel in der Größenordnung des Kölner Fernsehturms. Sie kennen den Kölner Fernsehturm nicht? Ist völlig okay. Lohnt auf jeden Fall nicht, nur für diesen architektonisch belanglosen Fernsehturm nach Köln zu fahren. Hoch ist er übrigens 266 Meter.

    Solch ein Output ist schon erstaunlich für einen Mann, der einst sagte:

    My ambition is handicapped by my laziness.

    Ich behaupte, dass ICH, was tägliches Schreiben anbelangt, SEHR viel fauler bin als Bukowski. Schon das Tippen dieser mittlerweile 3000 Wörter langen Kolumne bereitet mir so langsam schlechte Laune. Mehr als zwei Stunden sitze ich nicht gerne an einem Text. Aber wie viele Stunden, Nächte – und das über Jahrzehnte hinweg – muss Bukowski vor seiner Schreibmaschine verbracht haben? Zum einen der kreative Schaffensakt, zum anderen die Korrekturen am Morgen darauf. Und das immer mit 2 bis 3 Promille in der Blutbahn? Ich kann das nicht so richtig glauben. Wenn man säuft, dann säuft man. Wenn man säuft und dabei noch was schreibt, dann schreibt man erfahrungsgemäß nicht allzu viel. Ne Seite max. Und diese Seite ist am Morgen darauf oft so fehlerbehaftet bis hin zu unverständlich, dass man sie in 95 Prozent der Fälle in die Mülltonne schmeißt, statt sie mühsam zu korrigieren. Soll heißen: kreativ sein unter Alkoholeinfluss ist möglich, der Output dürfte jedoch bei täglicher Zufuhr eher nach unten gehen und nicht ansteigen. Was mich vermuten lässt, dass Bukowski zwar trinken konnte wie Spencer Tracey und Harald Juhnke, wenn die zusammen Party feierten, allerdings zwischendurch auch längere trockene Perioden kannte, in denen er seine Stories produzierte. Gibt auch böse Zungen, die behaupten, dass er die Trunkenheit bei Lesungen nur spielte, in der Whiskeyflasche vor ihm gar kein Whiskey, sondern Kamillentee drin war. Ob das stimmt? Keine Ahnung. Ich war zu jung, um Bukowski-Lesungen zu besuchen, und den Trick mit dem Kamillentee hätte ich vor vierzig Jahren eh noch nicht gekannt. Die letzten Jahre seines Lebens war Bukowski abstinent. Ein Umstand, der in seiner Rezeption erstaunlicherweise wenig Beachtung findet.

    Alter-Sack-Geschichten für Alte-Sack-Leser?

    Bukowski mag man entweder und erkennt in seinen Geschichten den fortwährenden Stachel im Arsch der amerikanischen Gesellschaft, oder man hält ihn für einen Trivialautor. Etwas dazwischen ist aus meiner Beobachtung heraus nicht möglich. Wobei es vielleicht auch irgendwas dazwischen gibt. Keine Ahnung.

    Kann durchaus sein, dass Bukowski Alter-Sack-Autor-Geschichten für Alte-Sack-Leser geschrieben hat. Kann ich als Alter-Sack-Leser nicht beurteilen. Vielleicht gibt’s aber auch junge Säcke und Frauen und Transen, die seine Stories lieben. Ihm wär‘s wahrscheinlich egal gewesen, wie sich seine Zielgruppe altersmäßig und geschlechterseitig zusammensetzt. In seiner frühen Phase hätte er sich vor allem dafür interessiert, von seinem Agenten nen schnellen Hunderter für eine Geschichte zu bekommen und später wollte er vor allem seine Ruhe haben.

    Ich lese 2 oder 3, max. 5 Stories von ihm, klappe das Buch zu, lese einen Monat später wieder ein paar Geschichten. Bei den Gedichten schaffe ich mehr am Stück, aber auch bei denen ist mein Tagesquantum irgendwann erreicht. Von den Romanen – Ausnahme sein Erstling (Der) Mann mit der Ledertasche lasse ich die Finger weg. Die sind nicht so meins. Zu viel Text für unterm Strich zu wenig Handlung. Aber das ist natürlich alles individuelle Geschmackssache.

    Und damit möchte ich nach knapp 4000(!!) Wörtern zum Ende dieser Kolumne kommen. Bukowski ist für mich der wahrhaftigste und unprätentiöseste Erzähler banaler und häufig ordinärer Alltagsgeschichten, den ich kenne. An ihn heran reicht noch Carver, aber danach kommt lange nichts.

    Happy birthday, Mr. Bukowski!

    Habe die Story mit der Stripperin, die sich die Möse weiß färbt, heute wieder mit Vergnügen gelesen. Und aufs Vergnügen kommt es ja beim Lesen auch an, oder?

    PS. Die organisierte deutsche Fan-Dependance, die sich den schönen Namen Charles-Bukowski-Gesellschaft gegeben hat, plante ursprünglich für das Jubiläumsjahr eine Menge Lesungen kreuz und quer über die Republik verstreut und Gastauftritte von noch lebenden Wegbegleitern des großen Dirty old man der US-Literatur. Diese fielen nun Corona-bedingt allesamt ins Wasser, sollen aber 2021 nachgeholt werden unter dem Motto: Bukowski wird 100+1 — Wir feiern!

  • Aus deutschen Schlachthöfen

    Aus deutschen Schlachthöfen

    Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt. Das wird überall passieren,

    antwortete NRWs Ministerpräsident Armin Laschet Mitte vergangener Woche auf die Frage, was der Corona-Ausbruch im Schlachtbetrieb Tönnies über die bisherigen Lockerungen aussage.

    Tags darauf ruderte Laschet zurück und erklärte:

    Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben, verbietet sich.

    Womit wir es auch fürs Erste gut sein lassen wollen. Jedem von uns rutscht ja hin und wieder ein politisch unkorrekter Satz raus, von dem er im Nachhinein wünscht, dass er ihm nie über die Lippen gekommen wäre. Jedoch offenbart obige unbedachte Äußerung doch Folgendes:

    (a) einreisende Saisonarbeiter werden anscheinend immer noch nicht richtig auf Covid-19 getestet
    (b) Rumänen und Polen scheinen in unserer Wertschätzung auf einer niedrigeren Stufe als bspw. Franzosen und Schweden zu stehen. Oder könnten Sie sich den Laschet-Satz auch mit Franzosen und Schweden vorstellen? Also ich ehrlich gesagt nicht.

    Corona offenbart schonungslos Schwachstellen

    Corona legt schonungslos die Schwachstellen in jeder Gesellschaft offen. Sei es ein marodes Gesundheitssystem, sei es ein zu großer informeller Sektor, der den notwendigen Lockdown nahezu unmöglich macht, seien es die Schulen, die noch nicht ausreichend auf Homelearning eingestellt sind, oder seien es eben ausbeuterische Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie.

    Gemäß den zwei spätkapitalistischen Mantras:
    (1) Geiz ist geil
    (2) Bei kleiner Gewinnmarge muss eben die Menge kontinuierlich gesteigert werden …
    … lassen wir ausländische Leiharbeiter zu Bedingungen bei uns schuften, die im Falle, dass wir Deutsche davon betroffen wären, zu monatelangen Streiks bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Aufständen führen würden. Wir entschuldigen die Zweiklassen-Arbeitsgesellschaft damit, dass diese Menschen (zum überwiegenden Teil Osteuropäer) zum einen von zu Hause her nichts anderes gewohnt und die niedrigen Herstellkosten v.a. deshalb notwendig sind, um die riesige Fleischnachfrage der Nation sicherstellen zu können. Ein Tag ohne Billig-Schweinenackensteak ist kein deutscher Tag.

    Dass die niedrigen Lohnkosten in Kombination mit den überhöhten Mieten für verschimmelte Schrottwohnungen auch dazu dienen sollen, dem Unternehmer ein schönes Leben zu ermöglichen – geschenkt. Wer auf den zweitgenannten Aspekt hinweist, ist eh ein Neider und hat nicht verstanden, dass die Fleischproduktion binnen Wochen ins Ausland abwandern kann, sobald wir es den Produzenten hier unnötig schwer machen. Wobei ich mich frage – unterstellt, das mit der Abwanderung binnen Wochenfrist funktionierte –, welche Arbeitsplätze würden dann bei uns verlorengehen? Die unterbezahlten, die eh nur von Osteuropäern wahrgenommen werden, weil wir Deutsche zu verwöhnt dafür sind, und uns unsere Hände nicht mit Tierblut besudeln wollen? Falls ja: dann wäre diese Art des Arbeitsplatzverlustes ja zu verkraften.

    Und die Gewerbesteuer, was ist mit der Gewerbesteuer, fragen Sie mich nun? Stimmt, die würde bei einer Fleischfabrikverlagerung natürlich entfallen. Aber die entgeht uns ebenfalls in vielen anderen möglichen, aber aus gutem Grund nicht erlaubten, Gewerben: z.B. der Herstellung von Koks und Heroin. Nicht alles, was die Verbraucher ständig haben wollen, muss deshalb auch ständig produziert werden. Es gibt Entscheidungsfaktoren, die sich außerhalb rein betriebswirtschaftlicher Überlegungen befinden.

    Betriebswirtschaft contra ethische Überlegungen

    Losgelöst von der ethischen Problematik, Tiere millionenfach bis zur Schlachtreife aufzuziehen, hunderte von Kilometern eng zusammengepfercht in LKWs und Zugwaggons zu transportieren und am Ende der Reise im Sekundentakt zu bolzen, erschießen und zu vergasen, nur um den junkie-artigen Heißhunger des Volkes auf Currywurst und panierte Lendenkoteletts 365/24/7 just in time zu obszön niedrigen Preisen zu befriedigen, was nicht mehr weit entfernt vom Kannibalismus ist, wie wir ihn aus Zombiefilmen kennen, müssen die Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter DRINGEND auf den Prüfstand. Es kann nicht sein, dass hier mit zweierlei Vertragsmodellen hantiert wird: Die einen, die das Glück haben, einen deutschen Pass zu besitzen und die anderen, die dummerweise in Osteuropa das Licht der Welt erblickten.

    Wer auf deutschem Boden arbeitet, für den müssen exakt dieselben Bedingungen herrschen wie für deutsche Staatsbürger. Völlig egal, ob der Vertrag mit dem deutschen Betrieb direkt oder via Subunternehmer geschlossen wurde. Es darf nicht sein, dass osteuropäische Saisonarbeiter zum einen weniger verdienen als ihre deutschen Kollegen und zum anderen bei den Mieten für die ranzigen Massenunterkünfte in nahezu betrügerischer Weise über den Tisch gezogen werden. Und natürlich gilt das für sämtliche Branchen. Also ebenfalls die Landwirtschaft. Und wenn dann der Spargel nicht mehr gestochen wird, dann ist es eben so. Ist noch keiner gestorben, bloß weil im Frühjahr kein frischer Spargel serviert wurde.

    Sollten wir diese seit langem überfällige Gleichstellung nicht hinbekommen, dann handeln wir auch nichts anders als die Golf-Araber, die ihre philippinischen Hausangestellten schikanieren, die Kataris, bei denen die pakistanischen Bauarbeiter entkräftet von den Fußball-WM-Stadiondächern fallen und die Amerikaner, die die Mexikaner für die Orangenernte reinlassen und sobald die letzte Apfelsine gepflückt ist, sofort wieder über den Rio Grande nach Süden verjagen. Nur weil die Ausbeutung in Deutschland geschieht, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass es sich hierbei auf keinen Fall um Ausbeutung handeln kann. Denn wir Deutsche sind ja qua Geburt und Erziehung immer gut. Nein, sind wir, was die Bedingungen in unserer Fleischindustrie anbelangt, ganz und gar nicht. Die Politik hat jahrzehntelang weggeschaut. Wird jetzt wirklich allerhöchste Bratwurst, dass sich bei Tönnies & Co. ZEITNAH was ändert. Und zwar nachprüfbar was ändert. Reine Lippenbekenntnisse à la:

    So werden wir nicht weitermachen. Wir werden die Branche verändern
    © Clemens Tönnies

    … verpuffen schneller, als Sie Ihr Rumpsteak medium verputzen.

    Kein Grundrecht auf Billigfleisch

    Und die Fleischpreise, was ist mit den Fleischpreisen, löchern Sie mich? Die werden ja in der Konsequenz durch die Decke schießen. Wer soll sich denn dann noch ein Schnitzel und ne Scheibe deutsche Mortadella leisten können? Zum einen werden die Preise nicht durch die Decke schießen, sondern nur ein paar Prozentpunkte nach oben gehen, zum anderen kenne ich keinen Artikel im Grundgesetz, der uns den täglichen Verzehr von Billigfleisch garantiert, erwidere ich Ihnen.

    Ausbeutung von Arbeitskraft bei gleichzeitig fragwürdigen Hygienebedingungen darf es im Kernland der Europäischen Union nicht mehr geben. Oder sind wir wohlstandsmäßig bereits dermaßen verderbt, dass es uns nicht mehr interessiert, wie die Produkte in unseren Fabriken hergestellt werden? Hauptsache, das (heute mal wieder im Sonderangebot-) Schweinenackensteak steht pünktlich um 12.30 auf dem Mittagstisch?

    Geiz und Habsucht stellen eine der sieben Todsünden dar, wurde mir früher im Religionsunterricht beigebracht. Sehe ich mittlerweile genauso.

    PS. der Autor dieser Zeilen ist weder Vegetarier noch gar Veganer. Und bei seinem bescheidenen Kolumnisten-Salär ist es ihm auch nicht völlig egal, ob die Fleischpreise demnächst durch die Decke schießen. Aber lieber einen Tag lang keine Currywurst als täglich nen Billig-Döner auf dem Teller

  • Unsere tägliche Grillwurst gib uns heute

    Unsere tägliche Grillwurst gib uns heute

    Jedes Volk hat seine heiligen Sitten und Gebräuche, von denen es nur ungern lassen möchte. So pochen die Amerikaner auf den zweiten Verfassungszusatz, der ihnen zugesteht, jeden, der in ihren Vorgarten uriniert, ungestraft erschießen zu können. Die Briten wiederum mögen sich eine Welt ohne 24/7 Dart-Turniere im TV nicht vorstellen. Die Italiener liefen Amok, falls man ihrer geliebten Pasta Eigelb beimischte. In Spanien läge Revolution in der Luft, wenn eine Regierung es wagen sollte, die Stierkämpfe zwischen Granada und Bilbao zu verbieten. Die Japaner sind ganz verrückt auf irgendwas, was mir aber im Moment gerade nicht einfällt. So hat eben jedes Volk seine speziellen Eigenheiten, die es widerstandslos auf gar keinen Fall hergibt.

    Grillen: ne deutsche Passion

    Was dem Amerikaner das halbautomatische Sturmgewehr ist uns Deutschen der Grill. Ein besonders edles Gerät muss es sein. Ich kenne Haushalte, die investieren in die Anschaffung eines Weber Smokefire mehr Kohle als in die Bildung ihrer Kinder. Und damit sich diese Anlage amortisiert, muss das Teil ständig unter Pellets bzw. Gas gehalten werden. Gibt Tage, an denen in unserem Stadtviertel Weber-Smokefire-bedingt mehr Smog herrscht als auf dem Autobahnring in Los Angeles zur Rush Hour. Von den Gerüchen ganz zu schweigen. Eine empfindliche Nase darf man bei uns im Sommer nicht haben.
    Und auf den Grill kommt was drauf?
    Richtig: (Billig-) Fleisch.

    Ich will Sie jetzt gar nicht damit langweilen, dass bei meinen Großeltern Fleisch bloß am Wochenende auf den Tisch kam: der sagenumwobene Sonntagsbraten. Und auch meinen Eltern war täglicher Fleischkonsum fremd. Der Verzicht gründete nicht auf esoterischen Essgewohnheiten oder Mitleid mit dem Schwein, das im Schlachthof sein Leben für unser Schnitzel lassen muss, sondern basierte rein auf Sparsame-Hausfrau- Erwägungen: Fleisch galt bis weit in die 70er Jahre hinein als Luxusgut.

    Das änderte sich im darauf folgenden Jahrzehnt, und wir Deutsche gewöhnten uns an die Dauerzufuhr von Kotelett, Bratwurst, Sahnegulasch und doppellagig Schinken auf der Frühstückssemmel. Gab’s plötzlich alles niedrigpreisig im Discounter und noch dazu ständig im Sonderangebot. Ein wahrer Fleischrun setzte ein. Das Volk war auf Billigfleisch. Ganz egal, wo es herkam, welche Wälder dafür gerodet werden mussten, unter was für grausamen Bedingungen die Transporte abliefen, ob die Schlachtmethoden halbwegs „human“ über die Bolzenschussrampe gingen. Ein Tag ohne Doppel-Whopper und ne 30er Packung Chicken Nuggets war mit einem Mal unvorstellbar geworden. Und wie das mit schlechten Gewohnheiten so ist: man hält sie so lange für normal, bis einem der Arzt die Blutwerte erklärt und hinzufügt: „Wenn Sie Ihre Ernährung nicht sofort ändern, erleben Sie Ihren nächsten Geburtstag nicht mehr“.

    Teures Gerät und billige Bestückung

    Wir bestücken unsere Grillroste mit Schweinereien, deren Preis in einem eklatanten Missverhältnis zu den Anschaffungskosten des oben genannten Weber Smokefire EX6 steht. Bei einem Streifzug durch einen x-beliebigen Supermarkt schnappen wir uns aus dessen Kühltheke das Giant-Grillpaket Popeye de luxe: Würste, Spieße, Ministeaks nebeneinander aufgereiht. Alles sauber eingeschweißt und in einer fettigen roten Soße schwimmend. Zeug, von dem niemand so genau weiß, was sich unter der klebrigen Paprika-Zwiebel-Marinade wirklich verbirgt. Zeug, das oft schmeckt wie leicht erhitzter Pressspan mit ner Portion Curryketchup verfeinert. Zeug, von dem wir ahnen, dass es niemals unter gesunden Bedingungen hergestellt worden sein kann. Zeug, das wir aber trotzdem hunderttausendtonnenweise kaufen und auf unsere Kleinwagen-großen Edelstahlgrills schmeißen.

    Man muss kein promovierter Ernährungswissenschaftler sein, um zu begreifen, dass die tägliche Zufuhr von grillkohle-geschwärztem Billigfleisch in etwa so bekömmlich ist, wie sich jeden Abend einen gepflegten 2.5-Promille-Rausch anzutrinken. Vom Gedanken daran, dass Jahr für Jahr zig Millionen arme Kreaturen betäubt und gekeult werden, damit wir ungestört unseren Barbecue-Angewohnheiten frönen können, mal ganz abgesehen.

    Grüne wollen Fleisch teurer machen

    Hin und wieder macht mal ein Politiker auf den Billigfleisch-Wahnsinn aufmerksam. So zuletzt Grünenchef Robert Habeck, der in einem Interview forderte:

    Im Lebensmitteleinzelhandel darf ein Mindestpreis für tierische Produkte nicht mehr unterschritten werden.

    Was Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung am darauffolgenden Morgen zu dieser Schlagzeile animierte:

    GRÜNE WOLLEN FLEISCH TEURER MACHEN!

    Losgelöst vom Aspekt, dass Playboy, Penthouse und der Hustler in Punkto Berichterstattung seriöser recherchieren als die BILD, wollen wir uns kurz mit der Kernbotschaft der Headline beschäftigen. Die da lautet: Fleisch MUSS billig bleiben!

    Und nun frage ich mich: Weshalb muss ausgerechnet Fleisch billig sein? Warum nicht Kino- und Museumsbesuche, die Monatskarte für den ÖPNV, das neue Sakko von Hugo Boss, die Nacht im Vorstadtpuff, belgische Pralinen? Weil’s ein Grundrecht auf stets verfügbares, preisreduziertes Schnitzel gibt, sagen Sie? Nein, gibt es nicht, antworte ich. Genauso wenig wie ein Grundrecht auf All-inclusive-Urlaub am Ballermann oder in Ischgl existiert. Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns Fleisch und Pauschalreisen zu Spottpreisen angeboten werden. Aber eine schlechte Gewohnheit bedingt noch kein Menschenrecht.

    Sollen sich in Zukunft nur noch die Reichen ne Grillwurst leisten können, schieben Sie jetzt hinterher? Was ist mit den Hartz4ern: Werden die ab sofort von der Fleischtheke ausgeschlossen? Gebt den ALG2-Beziehern mehr Geld, damit die sich gesundes Essen leisten können, erwidere ich. Mehr Geld für die Hartz4er lachen Sie, träumen Sie weiter, Herr Kolumnist. Wer soll das denn finanzieren? Als ob wir hart arbeitenden Steuerzahler nicht schon genug von Vater Staat zur Kasse gebeten werden. Nun also auch noch teureres Fleisch und eine Anhebung der Hartz-Regelsätze. Und was droht als nächstes: die Ökodiktatur?

    An dieser Stelle breche ich ab, weil wir heute argumentativ eh nicht mehr zusammenkommen, und ich gleich zu einem Vatertag-Nachbarschaft-Grillevent eingeladen bin. Um meinen guten Willen zu beweisen, habe ich mir dafür mal Maiskolben statt Schaschlikspieße puszta art besorgt.

    Menge runter und Preis rauf

    Wer möchte, dass Fleisch nicht zehntausend Kilometer weit rangekarrt und der Amazonas nicht komplett abgeholzt, dass die Verhältnisse in unseren Schlachtbetrieben von moderner Sklaverei zu normalen Arbeitsbedingungen verbessert und der explodierende Antibiotika-Verbrauch gesenkt werden, kommt um eine Reduktion der Menge bei gleichzeitiger Erhöhung der Preise nicht herum.

    Fazit 1: Ein überaus vernünftiger Vorstoß der Grünen.
    Fazit 2: Niemand muss täglich (Billig-) Fleisch essen.
    Fazit 3: Die BILD bewegt sich jenseits des Sportteils (der ist mitunter ganz informativ) mittlerweile auf dem Niveau der Sankt-Pauli-Nachrichten.

  • Die große Gier

    Die große Gier

    „Geisterspiele sind besser als gar kein Fußball“, sagt meine alte Schulfreundin.
    „Geisterspiele sind der größte Scheiß“, sage ich.
    „Dir kann man es auch nie recht machen“, sagt sie.

    Der stets lauernde Pleitegeier

    Anders als in anderen Sportarten und in benachbarten Ligen sträubt sich der deutsche Profifußball mit allen ihm zur Verfügung stehenden Torwarthandschuhen und Schienbeinschonern gegen einen vorzeitigen Saisonabbruch. Mit der Begründung, dass bei Wegfall der dritten Tranche der TV-Gelder einem Viertel oder gar Drittel der Vereine der Gang zum Konkursgericht droht. Nicht etwa mit den Argumenten, dass die Spieler ganz heiß darauf sind, endlich wieder auf den Rasen zu dürfen oder die Fans wochenlang ohne Droge Fußball in Depression verfallen. Nein, das Geld muss weiter sprudeln. Erstmal ne ehrliche Aussage. Immerhin. Als langjähriger Bundesligakunde fragt man sich jedoch, ob das tatsächlich eine gute Idee ist, die noch fehlenden neun Spieltage in Zeiten von Corona vor leeren Rängen durchzuziehen. Wer, Hand aufs Herz, mag Derbys in mucksmäuschenstillen Stadien anschauen? Also ich nicht. Und ich schaue mir sonst echt viel Fußball an. Warum nicht Saisonende Mitte März? Warum nicht Meister und Abstieg anhand des aktuellen Tabellenstands? Warum nicht alternativ gar kein Meister und gar kein Abstieg?

    Weil sonst die Kohle nicht reicht, sagen Sie? Schon klar, es geht halt mal wieder um die Kohle. Es geht darum, die astronomischen Spielergehälter zu bezahlen, es geht darum, die Insolvenz zu vermeiden, es geht darum, bis zum 30. Juni mit allem durch zu sein, weil dann viele Verträge auslaufen, es geht darum, im Sommer wieder jede Menge Euros im Transfermarkt versenken zu können. Darum geht es. Aber es geht eben nicht darum, was die Fans von Geisterspielen halten. Es geht nicht darum, ob die Sonderbehandlung des Fußballs ein gutes gesellschaftspolitisches Signal ist. Es geht nicht darum, ob sich einige Akteure eventuell doch auf dem Rasen mit Covid-19 infizieren könnten. Nein, um die letztgenannten drei Dinge geht es ganz und gar nicht.

    Weshalb darf der (Profi-) Fußball etwas, das einigen Branchen nach wie vor verwehrt ist? Weshalb werden Fußballer, die ja bis zum Sommer auch im Home Office trainieren und sich fithalten könnten, mehr getestet als Kranken- und Pflegepersonal? Weil die Liga – im Unterschied zu Krankenhäusern und Altersheimen – genügend Geld hat, um für ihre Leute sowas zu finanzieren, sagen Sie? Jap, antworte ich. Genauso ist es.

    Vom Kapitalismus zum Turbokapitalismus

    Fußball ist Turbokapitalismus. Okay, war er schon in meiner Jugend, als ich noch im Müngersdorfer Stadion in der Südkurve stand und mit meinen Idolen Overath, Flohe und Müller (Dieter, nicht Gerd) mitfieberte und mitlitt.  Aber, es war damals weniger Turbo. Sowohl auf dem Rasen ging es gemächlicher zu – dass Overath ständig aus der Tiefe des Raums kommt, wäre bei all dem Usain-Bolt-Supertempo heute ein Ding der Unmöglichkeit (das war gar nicht Overath, sondern Netzer, sagen Sie? Oh!) –, als auch in Sachen Kapitalismus war man noch nicht so weit wie heute. Wenn man das Geschäftsgebaren, das in den 70ern üblich war, demjenigen von 2020 gegenüberstellt, mutet das an, als ob man den Betrieb in der Schalterhalle einer Kreissparkasse mit der Hektik, die in einem New Yorker Hedgefonds herrscht, kurz bevor die Börse schließt, vergleicht. Profifußball war von Beginn an Kapitalismus. Der dumme 11-Freunde-Scheiß stimmte nie. Stimmte schon nicht, als der Spruch zum ersten Mal über die Lippen von Sepp Herberger, oder wer sonst sich das ausgedacht haben mag, kam. Fußballteams sind Zweckgemeinschaften. Jedoch bestanden die Mannschaften damals zu 80 Prozent aus lokalen/ regionalen Gewächsen, lag die durchschnittliche Verweildauer der Spieler bei den Clubs um 500 Prozent höher, kostete die Schülerkarte Stehplatz Süd 4 Mark und ein FC-Schal nen Zehner, wenn man nicht von seiner Oma einen selbstgestrickten zu Weihnachten geschenkt bekam. Pausenbier und -bratwurst waren erschwinglich. Niemand musste ein Fünftel seines Monatslohns abdrücken, nur um mal ein Stadion von Innen zu sehen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Fans als niedliches Beiwerk für ein Spektakel – und nicht als Fans – zu sehen. Es gab keine rosa und gelben Schuhe an Spielerfüßen, keine Rhetoriktrainer für standardisiertes Gewäsch vor TV-Kameras („Ich bin froh, dass ich der Mannschaft helfen durfte“), keine Spielerberater und keine Spieler, die im 3-Jahres-Rhythmus den Verein wechselten. Hätte uns damals jemand erzählt, dass in einer fernen Zukunft Clubs von kuwaitischen Scheichs, russischen Oligarchen oder US-amerikanischen Pensionsfonds übernommen werden, hätten wir ihn als Spinner ausgelacht. Sie wissen, woran man merkt, dass man alt wird, fragen Sie mich? Indem man anfängt, seine Jugend zu verklären. Stimmt, antworte ich. Deshalb höre ich an dieser Stelle auch schon wieder auf damit. Wobei die Zeit, als Overath, Flohe und Müller (Dieter!) über den Platz liefen und ne Pausenbratwurst 2 Mark kostete, für den FC nicht die schlechteste war.

    Heute, wo man Fans vor allem als Choreographie und das Spiel als Event begreift, Umsätze generiert werden, von denen man damals gar nicht ad hoc gewusst hätte, wie viele Nullen an einer Milliarde dranhängen, 70 Millionen für einen Transfer als Schnäppchen gelten, die Verhandlungen mit der Fernsehindustrie über die Details der Ausstrahlungsrechte länger dauern als die Potsdamer Konferenz 1945, fällt auf, dass die Etats nicht weniger Vereine trotz dieser irrwitzigen Summen auf Kante genäht sind. Woran das liegt? Keine Ahnung; ich bin kein Wirtschaftsprüfer, sondern verdiene meine paar Kröten mit dem Schreiben kleiner Texte. Aber vermutlich wandeln die Clubs deshalb ständig am Rande der Insolvenz, weil die Darsteller gierig sind: exorbitante Spielergehälter, Transfersummen, die ans Obszöne grenzen, Akteure (Spielerberater), die niemand braucht, machen sich die Taschen voll. Und da man diesen Wahnsinn nicht mit Ticketverkauf und Merchandising allein finanzieren kann, hat man sein Überleben vom meistbietenden Bezahlsender abhängig gemacht. Ist halt so, alter Mann, sagen Sie, den Turbokapitalismus in seinem Lauf …? Mag schon so sein, antworte ich, gefallen muss es mir trotzdem nicht.

    NIEMAND will Geisterspiele sehen oder Bescheidenheit wär‘ auch ne Möglichkeit

    Anstatt nun Geisterspiele durchzuführen, die niemand sehen will – auch mein Kumpel Jupp, eingefleischter bis hin zu bisweilen fanatischer Effzeh-Fan seit Geburt, der sich sogar Partien gegen Sandhausen und Heidenheim in Sky anschaut, hat darauf Null Bock –, hätte die Liga ja eventuell auf folgende Lösungsmöglichkeiten kommen können: Reduzierung der Spielergehälter um 50 Prozent, Aufstockung des Solidarfonds für die finanziell besonders gebeutelten Clubs, keine Transfers im Sommer, TV-Gelder fließen anteilig jetzt als Vorschuss auf die kommende Saison. Und als Kirsche auf der Torte hätte die Liga ihre 20.000 Corona-Testsets an Krankenhäuser und Seniorenresidenzen gestiftet. Das wären Signale gewesen, die es rechtfertigen würden, über die gesellschaftspolitische Vorbildfunktion des Profifußballs mal wieder ins Gespräch zu kommen. Denn so, wie es im Moment seit Jahren läuft – welche Vorbildfunktion geht denn vom Fußball noch aus? Wie man in kurzer Zeit möglichst viel Kohle verdient, dazu kann ich mir auch einen Vortrag von Gordon Gekko anhören.

    Niemand, wirklich niemand, hat den Fußball in den vergangenen Wochen derart vermisst, dass er nun nach Geisterspielen lechzt. Geisterspiele sind wie Sex ohne Partner, sind wie ein Joint ohne THC, sind wie Two and a half men ohne Charlie Sheen, sind wie Dosenravioli diavolo ohne Tabasco, sind genauso fade wie Amy-Winehouse-Songs, die nicht von Amy Winehouse gesungen werden. Geisterspiele sind etwas, das niemand braucht außer den Clubs selber, die mittlerweile Sky und DAZN genauso hilflos ausgeliefert sind wie ein Junkie seinem Hinterhof-Dealer.

    Es geht bei den Geisterspielen einzig darum, die Gier einiger privilegierter Akteure zu befriedigen. Akteure, die in Zeiten von Corona alternativ auch gut und sorgenfrei auf die Hälfte ihres Gehalts und ihre Vermittlungsprovisionen hätten verzichten können, um die Saure-Gurken-Phase bis zum Spätsommer, wenn die neue Spielzeit angepfiffen wird,  zu überstehen. Nur darum geht es. Es geht nicht um die Fans oder die Gesellschaft. Richtige Fans tun sich sowas weder in ner TV-Bar noch zu Hause auf dem Sofa an.

    Ich werde mir das FC-Spiel heute Nachmittag gegen Mainz definitiv NICHT anschauen. Und ich habe seit 50 Jahren noch kein einziges FC-Spiel versäumt. Ob mein kleiner Boykott die Verantwortlichen interessiert? Nein, tut er nicht. Aber die Verantwortlichen interessieren sich eh kaum noch für die richtigen Fans.

  • Wohin mit all den Corona-Arbeitslosen?

    Wohin mit all den Corona-Arbeitslosen?

    Man muss kein Weltuntergangsprophet sein, um zu erahnen, dass unser Arbeitsmarkt aufgrund der Corona-Krise alsbald in arge Turbulenzen geraten wird. Die Kredite und Überbrückungshilfen, so sie denn die Adressaten überhaupt rechtzeitig erreichen, werden irgendwann aufgezehrt sein. Insolvente Gastronomen und betriebsbedingt gekündigte Mitarbeiter unserer Automobilkonzerne bevölkern dann die Flure des Jobcenters und werden zu achtzig Prozent nicht mehr in den ersten Arbeitsmarkt vermittelbar sein. Es muss nicht in derart erschreckendem Ausmaß geschehen wie in diesen Tagen jenseits des Atlantiks zu beobachten, jedoch werden auch bei uns die Zahlen explodieren. Und was dann?

    Ein Heer von xy Millionen Arbeitslosen bis zum Erreichen der Armutsrente mittels Hartz 4 alimentieren? Zementiertes Dauerprekariat als Lösung eines Problems, das nicht schuldhaft durch den einzelnen, sondern durch eine uns alle überraschende Seuche epischen Ausmaßes verursacht wurde? DAS kann es meiner Meinung nach eben NICHT sein.

    Roosevelts New Deal als Blaupause nutzen

    Manchmal hilft ein Blick zurück in die Geschichte, um pragmatische Lösungsansätze zur Überwindung derartiger Großdepressionen zu entdecken: Als F.D. Roosevelt 1933 auf dem Höhepunkt des gewaltigsten ökonomischen Dramas, mit dem die USA bis dato konfrontiert waren, ins Oval Office gelangte, bestand eine seiner ersten Amtshandlungen darin, die Works Progress Administration (WPA) ins Leben zu rufen. Eine Behörde, die in umfangreichem Ausmaß öffentliche Arbeit erdachte und organisierte. Überwiegend im Straßen- und Brückenbau. So wurden in den 30er Jahren ein paar noch heute zu bestaunende Mammutprojekte angegangen und vollendet: z.B. die Golden Gate Bridge in San Francisco, die Bestückung des Tennessee-Tals mit Staustufen und Wasserkraftwerken – wodurch diese tiefarme Region zum größten Stromerzeuger der USA aufstieg –, der Bau von Camp David. Die Arbeitslosenzahlen sanken stetig, bei der Bevölkerung machte sich wieder Hoffnung breit.

    Dass Hitler mit den Autobahnen ähnlich vorging, wissen Sie, wollen Sie mich aufs Glatteis führen? Ja, weiß ich. Aber nur weil Hitler in derselben Zeit wie Roosevelt keynesianische Wirtschaftspolitik betrieb, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass man Keynes nicht mehr zitieren und auf unseren Autobahnen nicht mehr fahren darf.

    Finde ich prima, sagen Sie nun? Raus mit all den hüftsteifen Akademikern auf die Felder und in die Schweineställe. So hat es Mao in der glorreichen Kulturrevolution ja auch gemacht. Ein bisschen körperliche Arbeit hat noch niemandem geschadet. Natürlich können wir nicht jeden Kleinstadtbühnen-Mephisto zum Ausheben von Sickergruben und nicht jede Kosmetikerin zum Spargelstechen verdonnern, antworte ich. Das Instrumentarium Arbeitsbeschaffung muss deshalb breiter aufgefächert werden. Zu denken wäre beispielsweise an: Ausbau der Kapazitäten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, mehr Lehrer in die Schulen, mehr Dozenten an die Hochschulen. Beschäftigtendichte in der Verwaltung hochfahren. Kommunale Rettungsschirme über Theater und Opern spannen. Öffentliche Aufträge an Künstler vergeben und so weiter und so fort. In Zeiten wie diesen muss von staatlicher Seite aus alles probiert werden, um die drohende Rezession größtmöglich abzufedern. Hatte die WPA übrigens alles schon vorexerziert: Federal Writers’ Project, Historical Records Survey, Federal Theatre Project, Federal Music Project, Federal Art Project. Wir müssen das arbeitsmarktpolitische Rad nicht komplett neu erfinden. Im New Deal wurde vieles, was heute ansteht, bereits getestet und erfolgreich durchgeführt.

    Re-Kommunalisierung lautet das Gebot der Stunde

    Zudem muss nach den Privatisierungsarien der 1980er bis 2000er Jahre ein Umschwenk in Richtung Kommunalisierung respektive Rückverstaatlichung geschehen. Der sich v.a. auf diese Dienstleistungen bezieht: Gesundheit, Pflege, pharmazeutische Grundlagenforschung und Grundversorgung, schienengebundener Nah- und Fernverkehr. Sowohl in den Krankenhäusern als auch in Pflege und bei der Bahn ist wenig besser geworden durch den Eigentümerwechsel. Dass private Hochschulen besser ausgebildete Absolventen hervorbringen als staatlich betriebene Universitäten ist mehr Bunte-Bilder-PR als eine seriöser Überprüfung standhaltende Tatsache. Das Experiment Privatisierung des vormals lange Zeit aus gutem Grund öffentlichen Sektors kann in weiten Teilen als gescheitert angesehen und sollte in der Nach-Corona-Phase schnell beendet werden.

    Nie war Keynes The General Theory of Employment aktueller als heute. Das Dogma der Schwarzen Null muss fallen. Das Kaputtsparen elementar wichtiger Infrastruktur muss ein Ende haben. Der Staat muss und wird in Zukunft stärker in das Wirtschaftsgeschehen eingreifen. Denn, wenn die momentane Pandemie, der sicher weitere folgen werden, eines ganz deutlich aufzeigt – dann dieses: Der sich selbst überlassene Markt regelt in Krisenzeiten so gut wie nichts, versagt regelmäßig, sobald ein Sturmtief heraufzieht, ist in weiten Teilen eine Schönwetterveranstaltung, die einigen wenigen Akteuren überproportional nützt, während der Großteil der Beschäftigten sich mit dem monatlichen Gehaltsscheck bestenfalls knapp über der Wasserkante hält, einige sogar mit zwei Jobs gleichzeitig trotzdem ständig vom Absaufen bedroht sind.

    Ohne funktionierende und gerechte Gesundheitsversorgung und Teilhabe an Bildung, ohne möglichst viele erwerbsfähige Menschen in erfüllender Arbeit wird kein Staat dauerhaft überlebensfähig sein. Selbst die Nation, die gerne als Gralshüter des ungezügelten Kapitalismus auftritt, wird das in der Post-Corona- und Post-Trump-Zeit begreifen müssen. Die Summe kumulierter Egoismen gebiert eben nicht den größtmöglichen Wohlstand für alle, sondern nur obszönen Reichtum für ein paar besonders Clevere.

    Wie lange soll Ihre große ABM-Show denn dauern, Herr Kolumnist, fragen Sie mich? So lange sie halt dauern muss, um die schlimmsten Arbeitsmarktverwerfungen zu überwinden, erwidere ich. In den Vereinigten Staaten war die WPA acht Jahre aktiv, bis Vollbeschäftigung erreicht wurde und man die Behörde wieder auflöste.

  • Sprechen wir endlich ernsthaft übers BGE

    Sprechen wir endlich ernsthaft übers BGE

    Ganz gleich, wie die Sache ausgehen wird, ob halbwegs glimpflich, oder uns doch der Super-GAU mit zig Millionen Toten quer über den Globus verteilt, bevorsteht – Corona wird, wenn das Virus irgendwann mal abgeebbt ist, uns noch viele Jahre im Nachgang beschäftigen und zwingen, Dinge anzupacken und zu ändern, die wir bisher aus Bequemlichkeit, oder weil die Änderung uns selbst nichts nützt, ständig auf die lange Bank geschoben haben.

    Als die Pest zwischen 1347 und 1350 ihre Spur der Verwüstung durch Europa zog, bemerkte der zeitgenössische Chronist lakonisch:

    Ein Drittel der Welt starb.
    © Jean Froissart

    Megakrisen als Beschleuniger sozialer Entwicklungen

    Und danach gerieten Dinge in Bewegung, von denen drei Jahre zuvor noch niemand geahnt hatte, dass sie jemals in Bewegung geraten würden. Was Historiker zu dieser Aussage veranlasste:

    Selten ist es in der Geschichte zu einer derartigen Umwälzung aller Werte gekommen, hat sich das Daseinsverhalten der Menschen so verändert, ist das wirtschaftliche und soziale Leben dergestalt revolutioniert worden.
    © S. Fischer-Fabian: Ritter, Tod und Teufel – Die Deutschen im späten Mittelalter

    Mir ist schon klar, dass man den Schwarzen Tod nicht eins zu eins mit SARS-CoV-2 vergleichen kann. Weder ist das aktuelle Virus derart tückisch wie der damalige Biss durch den Rattenfloh, noch standen den Ärzten des Mittelalters Intensivbetten und Beatmungsgeräte zur Verfügung. Jedoch hat auch Corona das Zeug dazu, bei uns Dinge in Bewegung zu bringen, von denen wir bis vor wenigen Wochen nicht ahnten, dass sie derart schnell und dramatisch in Bewegung kommen würden.

    Lassen Sie mich heute mit einer der wahrscheinlichsten Änderungen der Post-Corona-Zeit beginnen: dem kompletten Umbau der öffentlichen Daseinsvorsorge. War es bereits in den vergangenen Jahren den Betroffenen nur mit großer Mühe und vielen rhetorischen Kniffen halbwegs begreiflich zu machen, dass ALG 2 der Weisheit letzter Schluss sei, so wird sich der Druck auf die politischen Entscheidungsträger aufgrund der nun rasch emporschnellenden Arbeitslosenzahlen exponentiell erhöhen.

    Unter den staatlichen Rettungsschirm strömen jetzt hunderttausende Selbständige und Freiberufler. Menschen, die in der Vor-Corona-Zeit fleißig gearbeitet haben, wagemutig waren, kleine Firmen aufbauten, Arbeitsplätze schufen. Menschen, die dem neoliberalen Heilsversprechen, jeder ist seines Glückes Schmied und des Glückes höchste Ausprägung bestünde darin, als Mikrounternehmer tätig zu sein, vertrauten, und deren einziges Versäumnis darin liegt, nicht genügend Rücklagen angespart zu haben, um einen mehrmonatigen kompletten Lockdown aus eigenen Mitteln abfedern zu können. Menschen, bei denen keine Berufsausfallversicherung einspringt, Menschen, die von gestern auf heute unverschuldet vor den Trümmern ihrer mühsam aufgebauten Existenzen stehen.

    Kredite, die zu spät ankommen und Jobcenter, die ellenlange Formulare versenden

    Menschen, denen nun von den Politikern vollmundig unbürokratische Überbrückungskredite versprochen werden, von denen allerdings zu befürchten ist, dass die Leistungsempfänger bereits unter unseren Brücken hausen, bevor die erste Tranche ausgezahlt wird. Die Genehmigungsverfahren sind langwierig und kompliziert, die oft zwischengeschalteten Hausbanken verzögern die Angelegenheit zusätzlich. Kein Wunder, dass viele erstmal den schnelleren Weg, nämlich den zu den Jobcentern, wählen. Und auch dort werden sie nicht mit offenen Armen empfangen, erhalten sie als Willkommensgruß einen Stapel in Fachchinesisch verfasster Anmeldeformulare, in denen explizit darauf hingewiesen wird, erstmal die eigenen Notfallreserven anzubrechen und zu verbrauchen, bevor sie als anspruchsberechtigt anzusehen sind, sendet man unmissverständlich das Signal aus: bleibt uns vom Leib und helft euch selbst. Eine soziale Katastrophe, die sich – noch leise, aber alsbald sicher lauter werdend – direkt vor unseren Wohnungstüren abspielt.

    Da bei realistischer Betrachtung ein nicht unerheblicher Teil der Kleinunternehmen in Gastronomie, Touristik, Transportwesen, Kosmetik, privater Bildung etc. etc. dauerhaft ins Straucheln gerät bzw. spätestens im Frühsommer Insolvenz anmelden muss, die großen Firmen die Corona-Chance nutzen, um ihrerseits massenhaft betriebsbedingte Kündigungen auszusprechen, werden wir alsbald ein dramatisches Hochschnellen der Zahlen bei ALG 1 und 2 erleben.

    Und hier muss nun mit Nachdruck die Frage gestellt werden: wollen wir uns in Zukunft einen xy-Millionen-Sockel an Dauerprekariat leisten? Menschen, die aufgrund Spezialausbildung und/ oder Alter nicht in adäquate alternative Jobs zu vermitteln sind, die wir also bis zum Erreichen der Armutsrentengrenze via ALG 2 alimentieren müssen? Wir können die ja alle zum Spargelstechen schicken, schlagen Sie vor? Sie können mich mal spargelweise, antworte ich.

    ALG 2 (schnell) durch BGE ersetzen

    Um die entwürdigende Prozedur der Almosenbeantragung und -gewährung in den Jobcentern endlich zu Grabe zu tragen, muss die staatlich garantierte Grundsicherung um 180 Grad gedreht werden: weg vom behördlichen Gnadenakt, der zudem sanktionsbewehrt ist, hin zum jedem Bürger zustehenden Bedingungslosen Grundeinkommen. Wie das dann bei Erwerbsaufnahme angerechnet und steuerlich behandelt wird – das sind nachgelagerte technische Fragen. Getroffen werden muss zuerst die Grundsatzentscheidung: millionenstarkes, desillusioniertes Prekariat in Dauer-Hartz 4 oder mündige Bürger, die mittels BGE auf bescheidenem Niveau überleben können und zudem nicht ihren Stolz verlieren. Denn der Verlust von Stolz hat schon so manchen auf politisch komische Ideen gebracht. Höhe und Bewilligungsprozedere von ALG 2 passen einfach nicht zu einem Gemeinwesen, das sich Demokratie nennt, soziale Marktwirtschaft auf die Fahne schreibt und selbstbewusste Staatsbürger beherbergen möchte.

    Sie malen die Sache in zu düsteren Farben, Herr Kolumnist, meinen Sie? Warten Sie ab. Je länger der Shutdown dauert, desto mehr Existenzen werden dauerhaft vernichtet.

    Und nein, die Lösung lautet nicht, die Ausgangssperren vorschnell zu lockern und die Geschäfte morgen wieder zu öffnen, sondern es muss unter Hochdruck an einem Konzept gefeilt werden, das die bevorstehende Massenarbeitslosigkeit sozialverträglich und dabei die Würde des einzelnen nicht aus dem Blick verlierend, auffängt.

    Der oben zitierte Historiker schränkt zwar ein:

    Die Pest hatte sich anbahnende Entwicklungen verstärkt, in Prozessen, die sich allerdings über Jahrzehnte erstreckten.

    Jedoch darf es bei uns nicht wie im geduldigen Spätmittelalter Jahrzehnte dauern, bis sich was ändert, sondern das muss bis zum Sommer dieses Jahres über die Bühne gebracht werden. Bankenrettung funktionierte 2008 ja auch superschnell. Weshalb sollte es uns also nicht gelingen, ALG 2 binnen Dreimonatsfrist in BGE umzuwandeln? Wie gesagt: es handelt sich „nur“ um eine Grundsatzentscheidung. Der Rest ist nachgelagerte Technik.

    #bgejetzt!

  • Kopftuchträgerinnen: Referendarinnen zweiter Klasse?

    Kopftuchträgerinnen: Referendarinnen zweiter Klasse?

    Die aktuelle Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, einer hessischen Rechtsreferendarin das Tragen eines Kopftuchs im Gerichtssaal* zu untersagen, sorgt aus zweierlei Gründen für Kopfschütteln. Zum einen war der Zeitpunkt der Verkündung kurz nach den Anschlägen in Hanau, bei denen neun junge Menschen mit kurdischen, bosnischen und afghanischen Wurzeln ums Leben kamen, äußerst unglücklich gewählt. Zum anderen leuchtet nicht ein, dass eben dieses BVerfG vor drei Jahren diametral entgegengesetzt urteilte und kein Problem damit zeigte, dass eine Kindergärtnerin aus Baden-Württemberg das beanstandete Kleidungsutensil während der Arbeitszeit anbehalten darf. Interessant die damalige Begründung: eine allein abstrakte Bedrohung [z.B. der Missionierung] reiche für ein Verbot nicht aus. Sind Kinder weniger schutzbedürftig als Gerichtsbesucher?

    Kopftuch und goldenes Kruzifix – wo ist der weltanschauliche Unterschied?

    Die Begründung des Zweiten Senats, das Kopftuch als religiöses Symbol verstoße gegen den Grundsatz der strikten weltanschaulichen Neutralität der Justiz, wirkt aus der Zeit gefallen. Denn damit wird fälschlicherweise unterstellt: Die Trägerin setzt sich das Tuch oder den Hidschab einzig aus religiösem Beweggrund auf. Selbst, falls das stimmen sollte – worin läge das Problem? So lange die derart gekleidete Juristin sich an die Buchstaben unserer heimischen Gesetze hält, erachte ich das Kopftuch für genauso kritisch oder unkritisch wie das christliche Kruzifix am Goldkettchen, das – verdeckt durch Pullover und Bluse – an manchem Richter- und Staatsanwaltshals baumelt. Nicht jede, die sich einen Hidschab anlegt, will sofort die Scharia in Deutschland einführen.

    Nicht selten entscheiden sich junge Muslima allerdings aus Diskriminierungsgründen heraus für das Kopftuch. Da die Mehrheitsgesellschaft sie nicht integriert, ihre Chancen auf gleichwertige Teilhabe an Bildung und sozialem Aufstieg deutlich schlechter ausfallen als die der Kinder ihrer biodeutschen Nachbarn, wird der Hidschab als Zeichen der Rückbesinnung auf die eigene kulturelle Identität aufgesetzt. Zum Teil auch abweichend zum Verhalten der säkular eingestellten Eltern. Nicht jede Kopftuchträgerin wird zu diesem Utensil gezwungen, genauso wie nicht jede Kopftuchträgerin den Glaubenskrieg in unsere Gesellschaft hineintragen möchte.

    Rote Roben und Perücken sind okay, ein Hidschab aber nicht?

    Vorne sitzen Richter in roten Talaren, die Anwälte oft in schwarzen Roben, in England haben sie sogar Rokoko-Perücken über ihre schütteren Haarkränze gestülpt – und wir wollen einer muslimischen Referendarin allen Ernstes das Tragen eines Kopftuchs untersagen? Weshalb? Weil sie dadurch in ihrer juristischen Denk- und Beurteilungsfähigkeit eingeschränkt ist? Da sich Zuschauer und Richter vor ihr fürchten müssen; was sie aber interessanterweise nicht mehr tun, sobald sie ihr offenes Haar zeigt? Um sie, zumindest für die paar Stunden, die sie sich im Gerichtssaal aufhält, vom unseligen Zwang zu befreien, sich derart kleiden zu müssen? Welche weltanschauliche Neutralität – ohnehin mehr hehres Ideal als tatsächliche Realität – wird durch einen kleinen Fetzen Stoff verletzt? Immer vor dem Hintergrund betrachtet, dass die Bundesverfassungsrichter der baden-württembergischen Kindergärtnerin die Wahrung strikter Neutralität auch unter einem Kopftuch zutrauen.

    Oder reiht sich dieses Urteil nicht vielmehr ein in die Kette der Disziplinierungsversuche der Mehrheitsgesellschaft gegenüber einer nie so richtig geliebten Einwanderergruppe? Ob es der westlichen Frau in Saudi-Arabien untersagt ist, unverschleiert auf die Straße zu gehen, man sich also an den Sitten des Landes auszurichten hat, in dem man sich aufhält, ist dabei ein fadenscheiniges Argument. Wir leben nun mal in Mitteleuropa und nicht auf der arabischen Halbinsel und somit gelten bei uns Toleranz und Unschuldsvermutung für sämtliche Bürger. Nicht jede Referendarin, die ein Kopftuch trägt, will gleich den Gerichtssaal in die Luft sprengen.

    Ein selbstbewussterer und souveränerer Umgang mit jeder Andersartigkeit in der Gesellschaft wäre zielführender gewesen.
    © Reaktion der vor dem BVerfG unterlegenen Rechtsreferendarin

    Hauptsache, der Job wird professionell gemacht

    Mir persönlich wäre es völlig egal, ob die Anwältin, die mich in einer Rechtssache vertritt oder die Staatsanwältin oder auch die Richterin einen Hidschab umgelegt haben, so lange sie ihren Job professionell ausüben. Dasselbe gilt für muslimische Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen, Krankenschwestern, Busfahrerinnen, Mitarbeiterinnen der Kfz-Zulassungsstelle und wo sonst auch immer man Kopftuchträgerinnen im öffentlichen Dienst begegnen kann. Ich unterstelle keiner dieser Damen, dass sie mich in ihrer Berufsausübung anders behandelt als ihre Glaubensgenossen oder gar vorhat, mich subtil zum Islam zu missionieren.

    Dass wir uns mit Kopftuch und Hidschab – beides letztlich harmlose Accesoires – immer noch derart schwertun, liegt vor allem darin begründet, dass wir Abweichungen von unserer westlichen Norm nicht tolerieren wollen und dem Islam seit knapp eintausendfünfhundert Jahren misstrauisch bis hin zu feindselig gegenüberstehen. Was uns aber nicht daran hindert, eine Woche Urlaub in Dubai zu verbringen oder uns an der All-inclusive-Hotelbar in Antalya richtig die Kante zu geben. Aber das ist natürlich was anderes, weil wir als Touristen Geld mitbringen und nach spätestens 14 Tagen wieder weg sind. Wer länger bleibt und seine Kröten bei uns verdienen will, muss sich anpassen. Auch, und vor allem, an unsere Kleidungsvorschriften. Ja, ja, die alte Leier. Der Generalverdacht, jede muslimische Frau trage den Hidschab gezwungenermaßen, weshalb es geradezu unsere aufgeklärte Pflicht sei, sie von diesem Stück Stoff zu befreien, ist an Hybris kaum zu überbieten. Wird dabei doch kaltlächelnd vorausgesetzt, dass die Damen keinen eigenen Willen besitzen und äußerliche Manifestationen von Gläubigkeit und/ oder kultureller Identität ins finstere Mittelalter und nicht in die Neuzeit gehören. Beide Annahmen sind nichts anderes als Kulturrassismus und einer toleranten Gesellschaft unwürdig.

    Die Entscheidung zementiert, dass kopftuchtragende Rechtsreferendarinnen letztlich als Referendarinnen zweiter Klasse behandelt werden.
    © Nurhan Soykan, stv. Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland

    Fazit: Das Urteil zum Kopftuchverbot am Richtertisch sendet ein Signal der Bevormundung an unsere muslimischen Mitbürger und ist deshalb jenseits formaljuristischer Überlegungen gesellschaftspolitisch als verunglückt einzustufen.
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    * für diejenigen, die es ganz genau nehmen: Eine kopftuchtragende Rechtsreferendarin darf zwar auf den Zuschauerbänken im Gerichtssaal Platz nehmen, jedoch nicht am Richtertisch sitzen. Ihr ist es des Weiteren verwehrt, eine Sitzung zu leiten und Beweise aufzunehmen

  • Vom Hufeisenrand zur Mitte?

    Vom Hufeisenrand zur Mitte?

    In seinem viel gelesenen Beitrag Thüringen – Der Wahnsinn der Äquidistanz nahm der werte Kolumnistenkollege Heinrich Schmitz am vergangenen Wochenende das konservative Der-Äquator-liegt-von-beiden-Polen-gleichweit-entfernt-Mantra aufs Korn. Aufgezäumt an der kurz vorher stattgefundenen Kapriole mit dem 72h-Ministerpräsidenten, der einer Zwergfraktion entstammt, im Erfurter Landtag. Hierzu seien ein paar Ergänzungen erlaubt.

    Mitte als bürgerlicher Sehnsuchtsort

    „Mitte ist ja was Schönes“, schreibt Schmitz, „Aber bei genauer Betrachtung ist diese Anbetung der Mitte auch etwas sehr Gefährliches. Schaut man sich mal einen Kreis an, dann besteht diese Mitte aus nur einem einzigen Punkt, der passenderweise Mittelpunkt genannt wird“. So weit zur geometrischen Definition. Die Mitte beschreibt in der politischen Realität natürlich nicht einen einzigen Punkt (z.B. Friedrich Merz) , sondern eine Bandbreite von Positionen und Meinungen. Das Intervall verläuft von der CSU über CDU und FDP bis hin zu den Sozialdemokraten. Allerdings muss sich die SPD das in Richtung Kuba weisende Adjektiv links vor ihrer Mitte gefallen lassen. Mitte klingt bürgerlich-seriös: nach Abitur und abgeschlossenem Studium, Experte statt Demagoge, nach Bausparvertrag und passender Krawatte zum Anzug, nach FAZ oder Süddeutscher als Frühstückslektüre. Ein mittiger Politiker wägt stets unparteiisch Pro & Contra ab, bevor er sich für eine Sache entscheidet. Ein Politiker der Mitte erkennt Mehrheitsbeschlüsse an, auch wenn sie ihm selbst nicht behagen. Der mittige Bürger verbeugt sich vor dem Gesetz, akzeptiert die Entscheidungen der Judikative. Die Mitte ist sowas wie ein profaner Sehnsuchtsort für Besserverdiener und Facharbeiter, die weder an das christliche noch an das sozialistische Paradies glauben. Nicht zu vergessen der Herdentrieb: wenn alle zur Mitte aufbrechen, kann es nicht verkehrt sein, dass auch ich dorthin will. Die Mitte ist allerdings nicht statisch, sondern verschiebt sich laufend, dabei an die Wanderung von Kontinentalplatten erinnernd. Mancher, der sich früher mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Mitte wähnte, ein paar Jahre lang nicht aufgepasst hat, befindet sich plötzlich außerhalb und will deshalb das Mittelmeer schließen oder gleich ganz verbieten.

    Und – ganz wichtig – in der Mitte werden bekanntlich die Wahlen gewonnen. Kein Wunder, dass jeder zur Mitte strebt. Mittlerweile ebenfalls die früher anarchischen Grünen, die als jüngstes Mitglied des Mitte-Kartells noch unter strenger Beobachtung der Alte-Mitte-Hasen stehen, und selbst die reaktionäre AfD, nicht gerade als Freundin einvernehmlich-mittiger Kompromisse bekannt, begehrt Einlass in den elitären Mitte-Club. Mich würde es nicht wundern, wenn sich inzwischen auch Teile der Linken geografisch näher am bauchigen Mittelteil als dem schmalen Ende des Hufeisens verorten. Und frage mich, wenn sich plötzlich alle in der Mitte tummeln, welchen Sinn das o.g. Äquidistanzdogma überhaupt noch macht. Falls alle Mitte sind, müsste in der Konsequenz jeder mit jedem koalieren können – oder doch nicht?

    Wo Mitte ist, muss es logischerweise auch (extreme) Ränder geben

    Die AfD befindet sich KEINESFALLS in der Mitte, rufen Sie empört. Und schon gar nicht die thüringische Höcke-AfD, schieben Sie hinterher, deshalb dürfe man mit diesem Verein nie und nimmer koalieren und auch in der Opposition keinerlei Absprachen treffen. Das heißt in unsere politische Standortfolklore übersetzt: die Hellblauen bewegen sich außerhalb der Mitte. Allen gegenteiligen Beteuerungen ihres dem äußeren Anschein nach gutbürgerlichen Aushängeschilds Gauland zum Trotz. Die Alternative für Deutschland also nicht als frische Alternative mit neuen Ideen, sondern eher als autoritäre Alternative zum bestehenden System des Parlamentarismus, unsere demokratischen Institutionen verachtend. Bin ich völlig d’accord. Mir gefallen schon weite Teile des Programms nicht, und was Protagonisten und Fans so auf Parteitagen, Kyffhäuser-Zusammenkünften, in Talkshows und in den sozialen Medien vom Stapel lassen, verursacht mir abwechselnd schlechte Laune und Brechreiz. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern! Wehret den Anfängen! In Weimar ging’s genauso los! Also in der Konsequenz eine Brandmauer gegen rechts errichten. Leuchtet mir ein.

    Nun besagen aber sowohl Hufeisen-Theorem als auch Äquidistanz-Mantra beide, dass:
    (a) sich die Extreme an den Rändern ähneln
    (b) man sich als Mitte deshalb sowohl von rechts als auch von links gleich weit entfernt aufhalten muss, will man sich nicht dem Vorwurf des Extremismusverstehers aussetzen.

    Werktätigenparadies vs. Conan-der-Barbar-Fantasien

    Bevor mir gleich entgegengehalten wird, ich könne links und rechts nicht voneinander unterscheiden – doch kann ich. Und zwar sowohl seit früher Kindheit im Straßenverkehr als auch im politischen Kontext. Den Linken schwebt als Endzustand sowas wie ein Schlaraffenland mit Einheitskrankenversicherung bei maximal zehn Stunden Wochenarbeitszeit und kompletter Einkommensnivellierung vor, das himmlische Paradies ohne systemgefährdende Schlange und Apfel , dafür mit vielen attraktiven Evas und Gratis-ÖPNV, gespiegelt auf die raue Erdoberfläche. Trotz zahlloser Anläufe bis heute allerdings nicht zufriedenstellend in die Praxis umgesetzt. Die Rechte hingegen hat irgendwie gar kein richtiges Ziel. Sie will unbedingt an die Macht, zurück zu einer glorreichen Vergangenheit, die es so aber nie gab, die eher einer Conan-the-barbarian-Fantasystory als realistischer Geschichtsschreibung entspringt. Sie versteht sich als durch Schicksal und Blut zusammengeschweißte Volksgemeinschaft. Sie möchte schön, stark und gesund erscheinen, und wer nicht so schön, stark und gesund ist, hat eben Pech und ist schnell wieder raus aus der Volksgemeinschaft. Fremde sind ohnehin nicht zugelassen in der Grenzen-hoch-closed-shop-Nation. Rechte sehen sich – so lange sie nicht an der Macht sind – stets in der Opferrolle und sind oft übellaunig und aggro. Die Liste ließe sich verlängern; im Rahmen einer Kolumne soll das aber erstmal als Grobcharakterisierung der beiden sich jenseits des politischen Äquators befindlichen Pole ausreichen. Aber, auch wenn die Visionen unterschiedlich sind – bzw. die Rechten gar keine Vision haben –, so bleibt doch unbetritten, dass sowohl extreme Rechte als ebenfalls extreme Linke eine hohe Affinität zu Dogma bis hin zu Gewaltbereitschaft aufweisen. Deshalb kann ich die momentane Position der konservativen Mitte in Bezug auf notwendige Brandmauern gegen rechts UND links einigermaßen nachvollziehen. Denn die Linke besteht ja nicht nur aus dem – letztlich sozialdemokratische Politik betreibenden – Bodo Ramelow. Da gibt’s durchaus noch kommunistische Kader am linken Rand der Linken.

    Linke: übel riechender Ballast muss über Bord geworfen werden

    Wenn also die Linke möchte, dass sie als linke bürgerliche Partei wahrgenommen wird, deren potenziellem thüringischen Ministerpräsidenten ganz selbstverständlich die Stimmen der CDU- und FDP-Abgeordneten zustehen, dann muss sie ihrerseits ein paar dringend notwendige Reparaturarbeiten leisten. Bspw.: Anerkennung des Existenzrechts Israels ohne Wenn und Aber. Der im Gewand der Pro-PLO/ Hamas-Bewegung daherkommende Antisemitismus, dem einige in der Partei ungestraft frönen dürfen, wäre immer ein Hindernis für mich, jemals mein Kreuz bei der Linken zu setzen. Klares Bekenntnis dazu, dass man sich nicht als Nachfolger der SED ansieht und Anerkennen, dass es sich bei der DDR um einen Unrechtsstaat handelte. Hartes Vorgehen (z.B. Ausschluss aus Fraktion und Partei) gegenüber Stasi-Kollaborateuren. Verwarnungen bis hin zu Ausschlussdrohungen an die Adresse von Funktionären, die freudestrahlend Manduro die Hand schütteln und/ oder links motivierte Gewalt gutheißen.

    Ohne diese dringend notwendigen Aufräummaßnahmen wird die Linke für den konservativen Teilabschnitt der Mitte nie satisfaktionsfähig werden. Was aus Sicht unseres Staatswesens doppelt bedauerlich wäre: Zum einen würde so die Chance verspielt, zumindest auf Landesebene in konsensuale Verhandlungen einzutreten und so beim nächsten Mal eine Wiederholung der Erfurter Posse von Anfang an zu verhindern. Denn bei allen Fehlern, die Mike Mohring bei der thüringischen MP-Wahl unterlaufen sind, war er in seiner Entscheidungsfreiheit aufgrund des bundesweit geltenden CDU-Äquidistanzbeschlusses in seiner Beweglichkeit doch nicht unwesentlich eingeschränkt. Zum anderen befördert der anhaltende Verbleib hinter einer Brandmauer die Radikalisierung der extremen Ränder. Aus meiner Sicht wäre das bei der Linken schade, weil das, was die Partei zu ungerechter Einkommensverteilung und Sozialpolitik zu sagen hat, durchaus wert ist, gehört und teils in praktisches Regierungshandeln umgesetzt zu werden. Die Akzeptanz der Linken einzig durch SPD und Grüne wird in einer von Wahl zu Wahl immer stärker fragmentierenden Politiklandschaft nicht ausreichen, um den von (noch) allen Parteien gewollten Schutzwall gegen rechts außen dauerhaft aufrecht zu erhalten.

    Wenn die Linke also zum Club der Bürgerlichen (als linkes Ende des Spektrums, so wie die CSU dessen rechten Rand verkörpert) dazugehören möchte, kommt sie nicht umhin, in Vorleistung zu treten. Ein Ramelow alleine macht noch keine Mitte.