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KANN MAN SICH TROCKEN HÖREN?

Podcasts und Videos über Alkoholabhängigkeit: Was sie leisten können – und wo ihre Grenzen liegen

Der Wunsch nach Veränderung beginnt oft unspektakulär. Nicht mit dem Gang zur Suchtberatung, nicht mit dem Koffer für die Entzugsklinik und auch nicht mit dem Satz „Ich brauche Hilfe“. Man sitzt allein in der Küche, im Auto oder auf dem Sofa und hört jemandem zu, der über Alkoholabhängigkeit spricht. Oder man schaut ein Video.

podcasts: kann man sich trocken hören
Bild generiert mit Open AI

Vielleicht geht es zunächst gar nicht um die eigene Sucht. Vielleicht will man nur wissen, warum man morgens schon an den abendlichen Konsum denkt. Weshalb aus zwei Bier regelmäßig sechs werden. Warum man sich immer wieder vornimmt, weniger zu trinken – und es trotzdem nicht schafft.

Und plötzlich der erschrockene Gedanke: Der Mann im Podcast/Video redet ja eigentlich über mich.

Der erste Schritt muss nicht gleich in die Suchtberatung führen

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat sich 2025/26 im Projekt „Digitale Brücken“ schwerpunktmäßig mit Podcasts und sozialen Medien in der Sucht-Selbsthilfe beschäftigt. Das Fazit: Digitale Angebote können niedrigschwellig, flexibel und anonym informieren, Erfahrungen vermitteln und Menschen mit Suchtproblemen adressieren, die von klassischen Angeboten zunächst nicht erreicht werden.

Das ist ein überaus wichtiger Punkt: Denn der erste Schritt aus einer Abhängigkeit besteht nicht zwangsläufig darin, irgendwo anzurufen. Für viele Menschen besteht er zunächst darin, überhaupt zu erkennen, dass sie ein Problem haben.

Ein Podcast kann dabei etwas, was ein Flyer nur schwer schafft: Er lässt einen Betroffenen erzählen.

Da berichtet jemand von seinem Trinkverhalten, seinem Kontrollverlust, dem Entzug, der Therapie oder dem ersten trockenen Jahr. Das kann einem mehr über Sucht vermitteln als jede Definition aus einem Lehrbuch.

Dabei muss ein solches Angebot nicht ausschließlich Alkohol zum Thema haben. SUCHT und SÜCHTIG von John Cook und Hagen Decker beschäftigt sich mit verschiedenen Formen von Abhängigkeit und spricht damit auch ein jüngeres Publikum an, für das Alkohol häufig nicht isoliert, sondern zusammen mit anderen Substanzen oder Suchtformen eine Rolle spielt. Diese breitere Perspektive kann einen Zugang schaffen, den ein ausschließlich auf Alkohol konzentriertes Angebot nicht erreicht.

Andere Formate bleiben hingegen konsequent beim Alkohol. Burkhard Thom widmet sich in seinem Podcast Alkohol – Ein Hilfeschrei, Ratgeber und mehr den Folgen der Abhängigkeit, dem Alltag Betroffener, Angehörigen, Entzug, Therapie und langfristiger Abstinenz.

Das ist mehr als Unterhaltung. Aber es ist noch keine Therapie.

Für jede Phase etwas anderes

Die entscheidende Frage lautet nicht: Sind Podcasts und Videos gut oder schlecht?
Sondern: Für wen und in welcher Phase können sie nützlich sein?

Wer noch mitten in seinem Trinkproblem steckt, kann durch einen Podcast oder ein Video zunächst einmal Informationen bekommen. Vielleicht entsteht Krankheitseinsicht. Vielleicht auch nur der erste Verdacht, dass der eigene Alkoholkonsum nicht mehr unter Kontrolle ist.

Für jemanden, der gerade überlegt, etwas zu verändern, können Erfahrungsberichte wiederum eine andere Funktion haben. Sie zeigen: Andere haben ebenfalls getrunken. Andere haben ebenfalls Angst vor dem Aufhören gehabt. Andere haben es geschafft, aus ihrer Sucht herauszukommen.

Nach einer Entgiftung kann das Angebot ebenfalls interessant sein – dann allerdings mit einer anderen Zielsetzung. Jetzt geht es möglicherweise weniger um die Frage „Habe ich ein Problem?“, sondern um „Wie bleibe ich trocken?“

Auch nach einer Therapie oder Reha können Podcasts und Videos den Alltag sinnvoll begleiten. Nicht als Ersatz für die reale Welt, sondern als Erinnerung daran, dass das Thema nicht erledigt ist, nur weil man die Klinik verlassen hat.

Die Kamera ersetzt nicht den Gegenüber

Hier liegt allerdings auch die entscheidende Grenze: Ein Podcast kann mir etwas erzählen. Ein Video kann mir einen Menschen zeigen. Beide können aber nicht mit mir interagieren.

Das ist ein fundamentaler Unterschied zur Selbsthilfegruppe.

In einem Podcast bleibt der Hörer zunächst Hörer. Beim Video bleibt der Zuschauer Zuschauer. Selbst wenn er innerlich nickt, sich ertappt fühlt oder sich in einer Geschichte wiedererkennt: Die Kommunikation bleibt zunächst einseitig.

Das muss kein Nachteil sein. Im Gegenteil. Die Distanz kann den Einstieg erleichtern: Niemand muss sich anmelden. Niemand muss sich vorstellen. Niemand sitzt in einer Gruppe und muss den Satz sagen: „Ich bin alkoholkrank.“

Einloggen ist leichter als hingehen: Man kann zunächst einfach zuhören.

Aber darin liegt auch die Grenze: Wer in einer realen Selbsthilfegruppe sitzt, wird Teil einer Gemeinschaft. Er muss nicht nur aufnehmen, was andere sagen, sondern irgendwann selbst erzählen, widersprechen, nachfragen, sich zeigen.

Der Podcast kann den ersten Schritt erleichtern. Den zweiten muss der Hörer selbst gehen.

Die Frage der Qualität

Das digitale Angebot ist inzwischen groß – und sehr unterschiedlich.

Neben Selbsthilfeorganisationen, Fachleuten und Menschen mit eigener Suchtgeschichte existieren zahlreiche kommerzielle Anbieter. Der o.g. DHS-Bericht weist ausdrücklich auf die unterschiedlichen Akteure im digitalen Raum hin.

Das macht die Orientierung nicht einfacher: Ein überzeugender persönlicher Erfahrungsbericht ist noch keine fachliche Empfehlung. Eine große Zahl von Followern bedeutet keinen zwangsläufigen Qualitätsnachweis. Und wer sympathisch vor der Kamera sitzt, muss deshalb nicht automatisch die besseren Antworten haben.

Kommerzielle Angebote sind nicht per se wertlos. Aber der Nutzer sollte wissen, wann er Information bekommt – und wann ihm etwas verkauft werden soll.

Denn gerade der Bereich Sucht weist eine Besonderheit auf: Sehr vieles, wofür man anderswo bezahlen müsste, gibt es kostenlos. Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, Fachinformationen und zahlreiche digitale Angebote sind frei zugänglich. Man muss sich allerdings die Mühe machen, sie zu finden.

Das ist vielleicht weniger bequem als auf einen Werbelink zu klicken. Aber es kann sich lohnen, erst nach der kostenlosen Alternative zu suchen, bevor man für Hilfe bezahlt.

Bei Ohne Alkohol mit Nathalie etwa verbindet Nathalie Stüben ihre eigene Erfahrung mit einer umfangreichen Podcastserie und weiterführenden Coachingangeboten. Ihr Format ist ein interessantes Beispiel für die Frage, wo digitale Aufklärung endet und die Kommerzialisierung beginnt.

Das muss jeder für sich prüfen.

Können Podcasts und Videos allein helfen?

Manchmal können sie etwas in Bewegung bringen. Aber bei einer ausgeprägten Alkoholerkrankung sollte man nicht darauf setzen, dass ein Podcast oder ein YouTube-Video das Problem löst.

Dafür ist Abhängigkeit zu komplex.

Die digitale Welt kann informieren. Sie kann sensibilisieren. Sie kann entstigmatisieren. Sie kann einen Menschen möglicherweise dort erreichen, wo klassische Suchthilfe noch gar keinen Zugang hat. Speziell darin erkennt die DHS einen wesentlichen Nutzen digitaler Formate.

Aber aus dem Zuhören muss irgendwann Handeln werden: Das kann ein Gespräch mit dem Hausarzt sein. Eine Suchtberatungsstelle. Eine Entgiftung. Eine Entwöhnungsbehandlung. Eine Selbsthilfegruppe. Oder – je nach Situation – mehrere dieser Bausteine.

Podcasts und Videos sind dann am stärksten, wenn sie nicht als Therapie missverstanden, sondern als Teil eines größeren Pakets begriffen werden.

Sie können die Frage stellen, die man selbst lange vermieden hat.

Sie können Mut machen.

Sie können Wissen vermitteln.

Sie können zeigen, dass Veränderung möglich ist.

Aber trocken werden muss man anschließend immer noch selbst.

Kein vollständiger Katalog

Die folgenden zwölf Angebote stellen keine Bestenliste und keine vollständige Marktübersicht dar, sondern sind eine kleine, bewusst selektive Auswahl. Es gibt inzwischen deutlich mehr Podcasts und Videobeiträge, die sich mit Alkoholabhängigkeit, Abstinenz, Therapie, Rückfall und dem Weg aus der Sucht beschäftigen.

Sechs Podcasts und ein halbes Dutzend Videoformate sollen lediglich unterschiedliche Ansätze sichtbar machen – vom persönlichen Erfahrungsbericht über journalistische und fachliche Beiträge bis hin zu Angeboten aus der Selbsthilfe.

Denn darin liegt die eigentliche Stärke der neuen digitalen Welt: Man muss nicht sofort bereit sein, Hilfe anzunehmen. Man kann zunächst einmal die Erfahrungen anderer kennenlernen.

Der erste Schritt besteht dann darin, überhaupt einmal aufmerksam hinzuhören.
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Cluster & AnbieterInhalte & SchwerpunkteReichweite / ResonanzURL
(A) Podcasts
(1) SUCHT und SÜCHTIG – John Cook & Hagen DeckerBreites Suchtthema aus eigener Erfahrung: Alkohol, Drogen, Abhängigkeit, Konsummuster, Therapie und Leben mit Sucht. Damit besonders interessant für Menschen, bei denen Alkohol nicht die einzige Substanz ist.Apple: 4,9/5 bei 734 Bewertungen; 185 Folgen; wöchentlich. Der DHS-Bericht führt für Ende 2025 bereits 132 Folgen auf.Apple Podcasts
(2) Alkohol – Ein Hilfeschrei, Ratgeber und mehr – Burkhard ThomAlkoholabhängigkeit, Alltag mit Sucht, Angehörige/Co-Abhängigkeit, Therapie, Abstinenz und Selbsthilfe; regelmäßig auch Experten und Praktiker.Apple: 4,5/5 bei 11 Bewertungen; Spotify: 4,8/5 bei 16 Bewertungen; 95 FolgenNRWision
(3) Ohne Alkohol mit Nathalie – Nathalie StübenLeben ohne Alkohol, Alkoholprobleme, Sucht, Nüchternheit; Gespräche mit Fachleuten und Betroffenen.Apple: 4,9/5 bei 1.412 Bewertungen; Spotify: 4,9/5 bei ca. 2.400 BewertungenSpotify
(4) Aufsturz – Lasse Nolte & Holger SchwarzBeide Macher sind selbst nüchtern. Themen: Abhängigkeit, Nüchternwerden, Rückfälle, Wege aus der Sucht und das Leben danach; mit Gästen.Apple: 4,9/5 bei 68 Bewertungen; 58 Folgen; zweiwöchentlich.Aufsturz
(5) Vom Trinken und vom Nüchtern werdenGespräche mit Menschen, die über die Anonymen Alkoholiker (AA) trocken geworden sind: Trinkgeschichte, Nüchternwerden, AA und Leben in der Abstinenz.Apple: 4,5/5 bei 15 Bewertungen; Spotify: 5,0 bei 46 Bewertungen; aktuell 37 FolgenApple Podcasts
(6) Nüchtern betrachtet – Der „Nie wieder Alkohol“-PodcastAlkoholsucht, Alkoholprobleme, Entzug und Aufhören; persönlicher Erfahrungsansatz mit konkreten Denkanstößen. Verknüpft mit dem DryMind-Programm.Apple: 4,5/5 bei 120 Bewertungen; 222 Folgen; wöchentlich.Apple Podcasts
(B) Videoformate
(7) Die Frage – „Wie kriegen wir Sucht in den Griff?“ (BR/PULS)Mehrteilige aktuelle Reportagereihe 2026: Entgiftung, Leben nach langjähriger Alkoholsucht, Rückfallrisiko, Nachsorge und aufsuchende Suchttherapie.laufendes BR/PULS-Format, einzelne Folgen ca. 18–21 Min.; konkrete Abrufzahlen der aktuellen Folgen nicht zuverlässig öffentlich ausgewiesen.BR-Mediathek
(8) Der Trocken-Doc (MDR)/ Bernd ThränhardtDreiteilige Dokumentation über Alkoholabhängigkeit: „Neu anfangen – aber wie?“, „Rückfälle“ und „Zukunftspläne“. Schwerpunkt: Weg aus der Abhängigkeit und Leben danach.3 Folgen, jeweils ca. 29–30 Min.; die Reihe ist auch auf YouTube verfügbarYoutube
(9) SUCHT und SÜCHTIG – YouTubeVideoableger des Podcasts von John Cook und Hagen Decker. Sucht aus eigener Erfahrung, Konsum, Rückfälle, Therapie und Abstinenz; Alkohol ist neben anderen Substanzen ein wiederkehrendes Thema. Die beiden haben beispielsweise mehrere ausführliche Alkohol-Folgen veröffentlicht.185 Podcastfolgen, YouTube-Kanal zusätzlich zum Podcast; 7760 Follower.Youtube
(10) Kreuzbund – „Stimmen aus dem Kreuzbund“Viele kurze Videointerviews mit Betroffenen und Angehörigen: erster Schritt, Abstinenz, Rückfall, Selbsthilfegruppe, Leben ohne Suchtmittel und zufriedene Abstinenz. Damit ein unmittelbarer Erfahrungszugang zur Selbsthilfe.mehr als 30 Einzelinterviews auf der Website; YouTube-Kanal als zusätzlicher Ausspielweg.Website Kreuzbund
(11) Alkohol adéDer Kanal gehört zur Plattform „Alkohol adé“ und veröffentlicht regelmäßig neue Videos rund um den Ausstieg aus dem Alkohol und ein Leben ohne Trinken. Themen sind unter anderem Alkoholsucht, Entzug, Klinik, Selbsthilfe, Rückfall und das Leben nach dem Aufhören. Die Plattform beschreibt die Videos ausdrücklich als Teil ihres multimedialen Ausstiegsangebots.1.900 AbonnentenYoutube
(12) Flaschengeist – Marius WoitzikMarius Woitzik spricht aus eigener Erfahrung über Alkoholabhängigkeit, Entzug und Abstinenz, aber auch über die eng damit verbundenen Themen Angststörung, Panikattacken und Depressionen. Ein wesentlicher Bestandteil des Kanals sind zudem Gespräche mit anderen Betroffenen. Ein Podcast, in dem Woitzik selbst zu Gast war, beschreibt den Kanal ausdrücklich als Format, das sich „im Detail“ mit seiner Alkoholsucht beschäftigt und regelmäßig andere Betroffene interviewt.23.700 Abonnenten252 VideosYoutube

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