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  • Was triggert: wen, wann, wie, wo und warum?

    Was triggert: wen, wann, wie, wo und warum?

    Jede Menge Hirnschmalz wird von trockenen Alkoholikern in die Klärung der Frage investiert: Was triggert wen, wann, wie, wo und warum? Da der wichtige Begriff bisher noch nicht erklärt wurde, wollen wir es an dieser Stelle endlich tun.

    Trigger bedeutet übersetzt „Auslöser“. Also der Schlüsselreiz, der einen Menschen dazu animiert, zur Flasche zu greifen. Der Auslöser schnappt im mentalen Bereich zu. Soll heißen: Ein Rückfall geschieht in den meisten Fällen deshalb, weil der (vorher eine Zeit lang enthaltsame) Alkoholiker etwas sieht, riecht, erlebt, das ihn zwanghaft dazu treibt, beim Italiener, wo er gerade eine Pizza Funghi zuzüglich Mineralwasser medium gassata verzehrt, plötzlich wie von einem bösen Geist ferngesteuert ein Glas Valpolicella Classico zu bestellen und in zwei Zügen zu leeren. Nun ist ein trainierter Trinker – auch wenn er ein bisschen aus der Übung gekommen ist – von 0,2 l Valpolicella Classico natürlich nicht granatenvoll; eine berauschende Wirkung wird entweder völlig ausbleiben oder sich in bescheidenen Grenzen halten. Theoretisch könnte er mithin nach einem Glas Rotwein wieder stoppen und die Abstinenz fortsetzen. Aber – und das ist ein fettes Aber – es entstehen sofort nach dem Konsum fatale Gedankenketten à la:
    • Ich habe gesündigt. Jetzt hilft nur noch der Gang in die Notfallambulanz, um mir den Magen auspumpen zu lassen.
    • Hat doch gut funktioniert. Morgen probiere ich es ein weiteres Mal.
    • Jetzt ist eh alles egal. Dann kann ich auch gleich ein paar Wochen weitersaufen.

    Weil also der Trigger der Vater aller Rückfälle ist, entbrennen in den Alkohol-Foren häufig Glaubenskriege darüber, was geht und was nicht geht. Hierbei sind vereinfacht betrachtet drei Lager zu unterscheiden:

    A. Die Strengen
    Kein Tropfen und kein Nanogramm Alkohol darf dem abstinenten Körper zugeführt werden. Weder in flüssiger noch in fester Form (beispielsweise in Torten oder Pralinen). Auch Speisen, in denen mit Alkoholaromen hantiert wird, sind unbedingt zu meiden. Mundwasser, in dem vereinzelte Spritzer Alkohol enthalten sind, ist Teufelswerk. Dabei ist völlig gleichgültig, ob sich der (trockene) Alkoholiker die Minimaldosis mit voller Absicht oder versehentlich zugeführt
    hat. Umgehend erschallt der Ruf: „Du hast einen Rückfall gebaut. Begib dich sofort in ärztliche Obhut. Lass deinen körperlichen Zustand durchchecken und dich mental untersuchen. Und danach ab in die SHG zur reumütigen Beichte.“

    Diese Gruppe hat natürlich große Probleme mit Alkoholwerbung in TV, Printmedien und auf Plakattafeln und appelliert an ihre Mitglieder, sämtliche Festivitäten, auf denen Alkohol kredenzt wird, zu meiden oder sofort zu verlassen, sobald das erste Bier gezapft wird,

    Motto: Der Rückfall ist immer und überall.

    B. Die Verharmloser
    Alkohol ist Teil unserer Trinkkultur, bekommt man hier zu hören. Nur, weil ich ein Problem damit habe, kann ich ja schlecht allen anderen, die mit dem Stoff gut zurechtkommen, die Freude daran verderben. Zudem ist mein Problem mit Alkohol gar nicht so groß. Ich kann mir durchaus hin und wieder ein Gläschen genehmigen, ohne dass bei mir die Gefahr besteht, die Angelegenheit liefe aus dem Ruder. Auf runden Geburtstagen und auf Betriebsfeiern lasse ich mir deshalb ein Glas Sekt schmecken. Ich will schließlich nicht als Spaßbremse dastehen. Bloß, weil ich bereits zehnmal in der Entgiftung war, bedeutet das ja nicht, dass ich zwangsläufig ein elftes Mal dorthin muss. Ich habe die Sache mittlerweile unter Kontrolle und kenne mein Limit. Hier gilt das Motto: trial and error – zu 99,9 % endet es im error und in der elften Entgiftung.

    C. Diejenigen, die zwischen A. und B. oszillieren
    Das ist das meiner Beobachtung nach größte der drei Lager. Alkoholiker, die nicht bei jedem Bissen in ein Stück Torte oder beim Lecken an einer Kugel Amaretto-Eis einen Nervenzusammenbruch bekommen, die nicht jede Packungsbeilage eines Fertiggerichts akribisch nach Nanogrammspuren Ethanol absuchen, die auch mal ein Mundwasser mit Alkohol benutzen und im Supermarkt durch die Spirituosenabteilung spazieren können, ohne direkt im Anschluss an die böse Tat den Rückfall vor Augen zu sehen. Es gibt innerhalb dieser Gruppe natürlich Teilnehmer, die stärker zu A oder mehr zu B tendieren. Auch hier sind Abstufungen hinsichtlich der Beantwortung der Frage „Was geht bzw. was ist (noch) ungefährlich?“ zu beobachten. Jedoch trifft man hier auf keine Hardcore-Abolitionisten wie bei A und keine Ein-Gläschen-kann-doch-keine-Sünde-sein-Relativierer der Gruppe B.

    Ich selber sortiere mich in C ein und werde Ihnen nun meinen Standpunkt zur Was-triggert-wen-Problematik näherbringen. Zuerst einmal muss klar sein, dass kein Alkoholiker zwischendurch mal einfach aus spontanem Spaß an der Freud an einem Gläschen Sekt nippen kann. Völlig egal, ob es sich um den 95. Geburtstag von Großtante Mizzi, das 25. Jubiläum des örtlichen Harley-Davidson-Clubs oder die Feier anlässlich der Beförderung des Kollegen Kasperski zum stellvertretenden Leiter der Innenrevision handelt.

    Strenger Grundsatz: Alkohol in flüssiger Form und wissentlich genossen geht überhaupt nicht!

    Und wenn man Alkohol versehentlich zu sich nimmt?

    Unterhalb der Schwelle „flüssig und wissentlich“ wird es zur Glaubens- und Kopfsache: Sie ordern beim Sommerfest des Kindergartens Bullerbü bei der netten Mutter von Natalie einen alkoholfreien Mai Tai, und die nette Mutter mischt Ihnen – ohne dass Sie es mitbekommen
    – aus Dankbarkeit, weil Sie vorgestern Abend 90 Minuten auf Natalie aufgepasst haben und weil sie von Ihrem Problem nichts weiß, 0,4 cl Baccardi in die orange-gelbe Plörre mit rein, was
    Sie jedoch erst beim zweiten Schluck bemerken -> Dann:
    • sollten Sie den Cocktail nach dem zweiten Schluck entweder in einen Blumenkübel kippen oder mit dem Satz „Kann ich leider nicht trinken, denn ich bin trockener Alkoholiker“ der verdutzt blickenden Natalie-Mutter zurückgeben,
    • passiert nichts, unter der Voraussetzung, dass Sie nicht zu Gruppe A gehören.

    Alkohol in flüssiger Form ist immer Mist. Aber wenn Sie versehentlich zwei Schluck davon konsumieren, geht im Anschluss nicht sofort die Welt unter (Das gilt ebenfalls für Pralinen, in denen Likör/Weinbrand/Schnaps enthalten ist).

    Alkohol in Lebensmitteln: Ich persönlich kann sowohl das Nanogramm Wein in Weingummis als auch das Rumaroma in Omas Nusskuchen von Dr. Oetker oder abgekochten Dornfelder in Bratensoßen verzehren. Die Gerichte lösen bei mir nichts aus. Der reine Geschmack triggert nicht. Das ist aber nicht bei jedem trockenen Alkoholiker so. Ich kenne viele, die einen Heidenrespekt vor Schwarzwälder Kirschtorte haben. Und das ist auch völlig okay. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was er sich zutrauen will und was nicht.

    Der eine kann Fassbrause und Malzbier gefahrlos konsumieren, der andere nicht. Der eine kann problemlos mit Mundwasser gurgeln, in dem Spritzer Alkohol enthalten sind, dem anderen tritt bei derselben Übung im Nachgang der Angstschweiß auf die Stirn.

    Die einen können im Supermarkt sorgenfrei an den Schnapsregalen vorbeispazieren, die anderen müssen bei jedem Einkauf einen Slalomparcours absolvieren, um bloß nicht mit dem Williams Christ ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden.

    Die einen schaffen es, auf Betriebsfeiern nüchtern und emotionslos bis zum Schluss dabei zuzusehen, wie sich die Kollegen langsam  volllaufen lassen und sich im Halbrausch auf den Korridoren und den Toiletten gegenseitig befummeln, bevor sie (die Kollegen) sich auf denselben Toiletten übergeben, während die anderen dieselbe Betriebsfeier sofort verlassen, sobald das erste Plopp eines Sektverschlusses erklingt.

    Jeder trockene Alkoholiker muss für sich selbst entscheiden, was geht und was zu stark triggert. Wobei diese Dinge nicht starr sind. Was ich zu Anfang meiner Abstinenz nicht ertragen konnte (z. B. Schnapsregale im Supermarkt, Betriebsfeiern nach Mitternacht), kann ich heute ohne mit der Wimper zu zucken meistern.

    Daher sollte der trockene Alkoholiker die Trigger-Sache schon ernst nehmen, wenn er nicht Gefahr laufen will, nach der zehnten Weinbrandpraline doch rückfällig zu werden. Mich beispielsweise triggern nach wie vor Biergartenbesuche im Sommer: Die Sonne brennt heiß von einem azurblauen Himmel herab, neben mir sitzt eine Gruppe Mountainbiker, die fröhlich ein Weizen nach dem anderen bestellt. In solchen Momenten bekomme ich Durst und denke wie ein kleines Kind: Warum dürfen die das trinken und ich nicht, der ich doch ebenfalls so viel Sport treibe und mir ein Glas Bier durchaus verdient hätte?

    Was ich dann tue, fragen Sie mich? Ganz einfach: aufstehen und den Biergarten verlassen. Ob ich noch mal in denselben Biergartengehen werde?, möchten Sie noch wissen. Warum nicht? Es ist einschöner, idyllisch am Rhein gelegener Platz. Und nicht jedes Mal ist es Hochsommer, und nicht jedes Mal sitzen Schneider Weisse trinkende Mountainbiker neben mir.

    Und bevor Sie jetzt vorschnell mit mir schimpfen – ich komme mit meiner Art, mich mit Alkohol zu konfrontieren bzw. ihn zu meiden, bisher gut zurecht. Und „bisher“ bedeutet zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Ratgebers zehn Jahre.

    Unverbindlicher Tipp: Gehen Sie anderen mit Ihrer persönlichen Alkohol-Vermeidungs-Philosophie bloß nicht zu sehr auf den Wecker! Wir sind alle erwachsen, wir wissen, dass Alkoholkonsum zum Rückfall führen kann, und haben – aufbauend auf diesem Wissen – jeder im Laufe der Jahre unsere individuellen Vorsichtsmaßnahmen entwickelt.

    Der Glaubenskampf um die irrtümlich verzehrte Weinbrandpraline führt zu nichts. Viel wichtiger hingegen ist es, dass Sie für sich individuell definieren, was Sie sich zumuten können und was nicht. Falls bei Ihnen bereits bei Nusskuchen mit Rumaroma das Ende der Fahnenstange erreicht ist, dann ist es eben so. Für Ihren Nachbarn in der SHG ist es der Anblick der Flachmänner an der Supermarktkasse und für mich die Gruppe Weizen-trinkender Mountainbiker im Biergarten. In den Köpfen von uns Alkoholikern geht es unterschiedlich zu. Und damit wollen wir jetzt ans Ende des Abschnitts „Wen triggert was und wann?“ gelangen. Es warten schließlich noch zwei weitere Kapitel auf uns.

    ZIEL 8
    Verinnerlichen, dass man als trockener Alkoholiker zeitlebens gefährdet bleibt und deshalb ständige Achtsamkeit als überlebenswichtige Tugend akzeptieren. Sich Alkohol niemals bewusst genehmigen. Alles unterhalb dieser Schwelle ist individuelle Kopf- und Glaubenssache.

    In der letzten Alkohol-Kolumne ging’s um das Thema: Weshalb trinken wir?
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    Entnommen aus:
    Raus aus dem Rausch
    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen. Ein Erfahrungsratgeber
    Verlag humboldt
    ISBN: 9783842630550

  • Weshalb trinken wir?

    Weshalb trinken wir?

    Der Wunsch, sich zu berauschen, ist so alt wie die Menschheit und soll deshalb neben Essen, Trinken, Sex, eigenem Auto und Bausparvertrag als eines der elementaren Grundbedürfnisse unserer Spezies angesehen werden. Und keine Sorge – ich möchte Ihnen mit diesem Buch Ihren Rausch nicht vermiesen oder gar verbieten. 90 % der Primaten kommen mit ihren gelegentlichen Wochenend- und Weihnachtsfeierräuschen gut zurecht, und daran will auch niemand ernsthaft etwas ändern.

    Gefährlich sind die Räusche jedoch für das Zehntel, das sich mit Feiertagsbenebelungen nicht zufriedengibt, sondern diesen Zustand immer wieder, und zwar in kurz getakteten Zeitabständen, erleben möchte. Die 10 % der Bevölkerung, welche die Bewusstseinsveränderung, die durch ihre bevorzugte Droge eintritt, als genauso normal ansehen wie die nüchterne Realität, werden eines Tages die ständige Flucht in ihre Fantasiewelt der mausgrauen Wirklichkeit vorziehen. Dieses Zehntel nennt man drogenaffin, man könnte es auch weniger wissenschaftlich als „gierig auf das Eintauchen in ihre rosarote Parallelwelt“ ausdrücken.

    Zuerst einmal eine Begriffserklärung: Was genau ist eigentlich ein Rausch? „Der Rausch bezeichnet einen emotionalen Zustand der Ekstase, der jemanden über seine normale Gefühlslage hinaushebt. Die Ursachen hierfür können vielfältig sein, z. B. eine akute Vergiftung mit Rauschmitteln oder auch manische Zustände“, so formuliert es Wikipedia. Von den manischen Zuständen wollen wir hier absehen und uns im Folgenden auf die Räusche konzentrieren, die aufgrund des Genusses – in der obigen Definition wird interessanterweise von „akuter Vergiftung“ gesprochen – psychotroper Substanzen ausgelöst werden.

    Ach so, psychotrope Substanz müssen wir vorab ebenfalls klären: In diese Kategorie sortieren Fachleute all diejenigen (natürlichen und chemischen) Wirkstoffe ein, die unsere Psyche sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Die gängigsten Mittelchen, um uns zeitweilig in den Orbit zu katapultieren, sind: Alkohol, Opiate/Opioide, Kokain, Marihuana, LSD, MDMA und alle möglichen Pharmaka wie beispielsweise die großen Wirkstoff-Familien der Tranquilizer, Hypnotika und Neuroleptika.

    In diesem Ratgeber befassen wir uns ausschließlich mit Alkohol, wenngleich die Rauschzustände, die Opium & Co. bewirken, denen von Wodka und Lakritzlikör teilweise ähneln, die Abhängigkeiten und deren gesundheitliche Konsequenzen nur graduell variieren und es für den Trinker genauso schwierig ist, vom Schnaps wegzukommen wie für den Junkie, die Finger von der Nadel zu lassen. Der Hauptunterschied beim Herstellen der Räusche besteht darin, dass es gesellschaftlich akzeptiert und vor allem legal ist, wenn Sie sich mit Maibowle und Rumpunsch bis in die Stratosphäre schießen, während Sie bereits auf der Rückbank eines Polizeiautos Platz nehmen dürfen, falls Sie dasselbe mit ein paar Gramm Marihuana zu viel tun.

    Wenn die Endorphine nicht mehr reichen

    Was genau geschieht nun in unserem Gehirn, wenn wir uns Rauschmittel (wozu natürlich auch der gute alte Doppelkorn gehört) reinpfeifen? Wir müssen uns das – laienhaft vereinfacht – in etwa so vorstellen: Unser Körper produziert selbst Drogen, z. B. Serotonin, Dopamin, Endorphine, die Glücksgefühle verursachen. Beispielsweise beim Essen von Schokolade, beim Sex, beim Anblick eines schönen Bildes, am Ende eines Marathonlaufs, nachdem wir eine Felswand hochgeklettert sind und erschöpft, aber rundum zufrieden am Gipfelkreuz lehnen, oder nachdem wir ein 90-minütiges Workout-Training schweißgebadet absolviert haben.

    Allerdings – und das ist wichtig – müssen wir aktiv etwas dafür tun, damit diese Glückshormone produziert und ausgeschüttet werden. Dieser Weg ist manchen zu aufwendig – das Matterhorn besteigen, um im Anschluss als Belohnung ein Nanogramm Dopamin zu bekommen, klingt nicht wirklich verlockend –, weshalb sie zu einer List greifen: Sie schlucken, inhalieren, injizieren eine psychotrope Substanz, z. B. ein, zwei oder drei Gläser Captain Morgan; wenn sie ihn nicht direkt aus der Flasche trinken.

    Und jetzt passiert Folgendes: Die im Schnaps in großer Anzahl rumschwimmenden C2H5OH-Moleküle (so lautet die chemische Formel für Ethanol, auch Trinkalkohol genannt) docken an jeder Menge Rezeptoren an – das sind Nervenzellen, die Reize aufnehmen und in Erregung umwandeln –, blockieren die einen und überstimulieren die anderen. Ein künstlich produziertes Euphoriegefühl stellt sich ein. Die Fachleute sprechen hier von einem Ungleichgewicht beim Austausch der Nervenbotenstoffe.

    Wir wollen hier nur festhalten: Die in Drogen enthaltenen Wirkstoffe verkürzen den Weg zum körpereigenen Belohnungssystem. Statt mühsam einen Marathon zu absolvieren, kann dieselbe Hochstimmung, die den Läufer nach Kilometer 42 – unter der Voraussetzung, dass man ihn nicht erst mal in ein Sauerstoffzelt zwecks Druckbeatmung verfrachten muss – durchflutet, ebenfalls mittels eines Viertelliters Cognac erzeugt werden. Die Droge, in diesem Fall der Alkohol, verkürzt nicht nur sporadisch den Weg, sondern führt des Weiteren zu Bequemlichkeit – wozu anstrengend laufen, wenn’s ein halber Kasten Bier, zu Hause auf dem Sofa genossen, genauso tut? – und zu dem Wunsch, sich diesen einfach herzustellenden Glücksmomenten öfter hinzugeben als von der Natur vorgesehen. Falls es schlecht ausgeht, endet man bei zu häufiger Wiederholung in der Sucht.

    Aber damit greifen wir schon voraus, denn über Sucht reden wir erst drei Kapitel später. An dieser Stelle reicht es, wenn Sie verinnerlichen: Die Droge bzw. der Alkohol beschleunigt den Weg zum Belohnungssystem und potenziert das Euphoriegefühl. So viel kann man gar nicht joggen, um sich so sauwohl wie nach einer Pulle Rotwein zu fühlen!

    Drei Vernebelungsstufen, um in den Orbit zu gelangen

    Zurück zum Rausch. Bei diesem unterscheiden wir grob drei Vernebelungsstufen:
    Schwips: Man fühlt sich angeheitert, kichert, lacht, die Welt ist schön, die griesgrämige Bürokollegin wirkt auf einmal gar nicht mehr so griesgrämig etc. etc.
    Leichter Rausch: Beginnt in etwa jenseits der 0,5 Promille, weshalb man sich ab dieser Grenze auch tunlichst nicht mehr ans Steuer eines Fahrzeugs setzen sollte. Man sieht die griesgrämige Bürokollegin plötzlich unscharf, manchmal sogar doppelt, sagt Sachen, die man sonst eher nicht sagt, und wünscht – falls man sich am Tag darauf noch daran erinnern sollte –, man hätte das alles besser nicht gesagt. Vielleicht landet man sogar im Bett der griesgrämigen Bürokollegin und hofft am Morgen danach, es habe sich nur um einen erotischen Traum gehandelt, wogegen allerdings der BH spricht, den man in der Aktentasche entdeckt. Beim leichten Rausch kann es zu Wortfindungs- und Artikulationsschwierigkeiten kommen. Bei manchem bewirkt dieser Aggregatszustand das Gegenteil, und man redet stundenlang, ohne dabei zwischendurch Luft zu holen, dummes Zeug. Einige beginnen zu schwanken und zu wanken, und ein nicht ganz so betrunkener Kollege muss sie unterhaken, ins Taxi setzen und dem Fahrer erklären, wo er den leicht Berauschten abliefern soll. Der Morgen darauf ist bestimmt von Katzenjammer und Aspirin, und der leicht Berauschte schwört, nie mehr einen einzigen Tropfen anzurühren. Dieser gute Vorsatz währt zwar nur bis zur nächsten Happy Hour, hält aber immerhin ein paar Tage. Der leichte Rausch endet – in Abhängigkeit vom Trainingszustand des Konsumenten – irgendwo im Bereich zwischen 1,5 und 2,0 Promille, und über diese Schwelle treten wir nun ein ins dunkle Reich der dritten Stufe:
    Schwerer oder gar Vollrausch: Über Wortfindung, Artikulation und Gangsicherheit brauchen wir uns hier keine Gedanken mehr zu machen: Sie sind allesamt komplett perdu. Die Welt
    verschwimmt im Nebel, für manche wird sie gar zappenduster. Wenn’s gut läuft, fällt der schwer Berauschte in ein zufällig in der Nähe stehendes Bett, wo er seinen Rausch komatös ausschläft. Wenn’s schlecht läuft – und es läuft oft schlecht –, beleidigt er den Chef, zertrümmert das halbe Büro, erwacht steifgefroren auf einer Parkbank oder in der Ausnüchterungszelle und bekommt am Tag darauf per Einschreiben mit Rückschein die fristlose Kündigung zugestellt.

    Ein Rauschzustand auf der Betriebsfeier kann also helfen, endlich den Mut zu fassen, die seit Jahren heimlich angehimmelte Kollegin aus der Exportabteilung nach einem Date zu fragen. Ein Rausch kann dabei behilflich sein, den eben zugestellten Mahnbescheid mit Pfändungsandrohung ein paar Stunden lang beiseitezuschieben. Ein Rausch kann Wunder beim Sex wirken. Ein Rausch ist auch schön, wenn man ihn in der Gruppe genießt und alle zusammen Schlager aus den Fünfzigern und Sechzigern trällern und dazu nackt im Vorgarten des Nachbarn herumhüpfen. Ein leichter Rausch macht körperliche und seelische Schmerzen vergessen und wiegt einen angenehm in den Schlaf.

    Ein Rausch kann auch sinnvoll sein, wenn man vorhat, sich umzubringen. Der Blick in eine Revolvermündung, die man sich gleich in den Mund schieben wird, ist weniger angsteinflößend, wenn man vorher eine Flasche Bourbon geleert hat. Ein Rausch ist auch eine prima Sache, um sich an Peinlichkeiten, die man im Zustand alkoholbedingter Verwirrung angestellt hat, nicht erinnern zu müssen. Wer hat schon ernsthaft etwas einzuwenden, wenn ein Trinker am Morgen darauf zerknirscht, die linke Hand an der schmerzenden Stirn festgetackert, während die rechte zitternd versucht, ein Glas Wasser mit drei darin aufgelösten Aspirin an die Lippen zu führen, sagt: „Das soll ich gestern Abend alles gemacht haben? Unmöglich!“

    Der Morgen nach dem Rausch ist ohnehin nicht so schön, weder für den Hobby- noch für den Profitrinker. Während der eine kotzend über der Kloschüssel hängt, macht sich der andere auf zum nächstgelegenen Supermarkt, um dort Nachschub zu besorgen. Dazu mehr im Abschnitt „Wann ist man Alkoholiker?“

    Der Profi gehorcht anderen Regeln als der Amateur

    Achtung: Ein Promillegehalt, bei dem für den Normaltrinker die Lichter ausgehen und durch den er sich eine Stunde später fixiert auf der Intensivstation wiederfindet, kann für den Profisäufer den Normalzustand bedeuten, ab dem er überhaupt erst Betriebstemperatur erreicht. Ich kenne einige, die sich ein Leben unterhalb von zweieinhalb Umdrehungen nicht vorstellen können. 4,0 Promille gelten als letale Dosis, bei deren Erreichen 80 % der Menschen den finalen Atemzug tun, bevor der Notarzt bedauernd konstatiert: „Nichts mehr zu machen. Transportieren Sie den Leichnam direkt in die Kühlkammer.“ Das gilt allerdings nicht für den Profitrinker. Der wankt noch zur Nachttankstelle, um sich einen letzten Schlummer-Flachmann zu genehmigen, bevor er endlich alle Viere von sich streckt und auf dem Flur vor der Wohnungstür seinen Vollrausch ausschläft.

    In diesem Kapitel haben Sie erfahren, dass gegen Gelegenheitsräusche prinzipiell nichts einzuwenden ist, insofern Sie dabei nicht auf die Idee kommen, einem zufällig vorbeispazierenden Passanten das Nasenbein zu zertrümmern oder auf dem Heimweg von einem feuchtfröhlichen Gelage mit Tempo 240 eine Abkürzung durch eine verkehrsberuhigte Wohngegend zu nehmen. Solange es beim Gelegenheitsrausch bleibt und der Zecher am nächsten Tag nicht das Verlangen spürt, den Rauschzustand ein weiteres Mal herbeizuführen, ist alles im grünen Bereich, von den Anzeigen wegen zertrümmerter Nase und Rasen in einem Wohngebiet mal abgesehen.

    Das Herbeiführen eines Rausches kann aus unterschiedlichen Beweggründen heraus geschehen. Am unteren Ende der Skala steht dabei der Wunsch, beim Sex mit der Kollegin aus der Abteilung Rechnungswesen länger als fünf Minuten durchzuhalten, während die oberste Treppenstufe vom Versuch gekennzeichnet ist, sich durch die Zuführung von Alkohol in einen Trancezustand zu versetzen, durch den man befähigt wird, mit den Göttern zu kommunizieren. Ob die Stimmen, die man dann raunen hört, tatsächlich von den Göttern stammen oder doch eher von den inneren Dämonen herrühren, soll an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.

    MERKE
    Hin und wieder ein Rausch ist okay, wenn er nicht in die Ausnüchterungszelle führt und kurz darauf wiederholt werden muss.
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    Entnommen aus:
    Raus aus dem Rausch

    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen. Ein Erfahrungsratgeber
    Henning Hirsch
    Verlag humboldt
    ISBN 9783842630550
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    In den vergangenen Wochen haben wir uns hier beschäftigt mit:
    Unter Gleichgesinnten – die Selbsthilfegruppe
    Den Schalter im Kopf umlegen
    Doppeldiagnose

  • Den Schalter im Kopf umlegen

    Den Schalter im Kopf umlegen

    »Herr Hirsch, können Sie uns verraten, wie man es schafft, trocken zu werden?«
    »Nein, kann ich leider nicht.«
    »Aber Sie müssen doch einen Tipp für uns haben. Irgendeinen.«
    »Hören Sie heute mit dem Trinken auf.«
    »Mehr nicht?«
    »Mehr nicht.«

    Ich weiß, Sie sind nun enttäuscht, denn von einem wie mir hätten Sie mehr Kompetenz und Empathie erwartet. Aber es gibt kein Patentrezept gegen die Abhängigkeit. Die Sucht ist so bunt wie die Menschen, die ihr frönen. Deshalb wäre es Scharlatanerie, am Ende einer Lesung Ratschläge zu erteilen, die einzig auf meiner eigenen Erfahrung beruhen, jedoch nicht die individuellen Besonderheiten des Fragestellers berücksichtigen können. Was mir geholfen hat, muss ja nicht zwangsläufig auch bei Ihnen wirken.

    Lange Drogenkarriere absolviert

    Bevor ich gleich was zum geheimnisvollen Schalter schreibe, der umgelegt werden muss, fasse ich an dieser Stelle nochmal kurz das bisher Gesagte zusammen: Alkoholiker blicken auf eine lange Drogenkarriere zurück, die sich im Normalfall über zwei, drei Jahrzehnte erstreckt. Deshalb tun sie sich so verdammt schwer damit, sich ein Leben ohne Bier, Wein und Wodka überhaupt nur vorstellen zu können. Alles, was der Erkrankte bisher getan hat, geschah unter Zuhilfenahme des Stoffs: Er schläft unter Alkoholeinfluss, beruhigt sich mit Whisky, bringt sich mit Jägermeister in Schwung, kippt vor dem Sex vier Cola-Rum, fühlt sich in Gesellschaft bloß noch über 2,0 Promille wohl, trinkt abends, während er sich mit einem Gedichtband von Rilke entspannt, einen halben Kasten Bitburger. Die letzten Bastionen bilden oft Büro und Sportstudio. Sobald auch die geschleift sind, der Flachmann immer griffbereit unterm Schreibtisch bereitsteht, bestimmen der Alk und dessen Beschaffung den Tagesrhythmus, aus dem er nun nicht mehr wegzudenken ist.

    Jede Aktivität ist davon durchdrungen. Das Leben unter Dauerstrom wird als Normalzustand angesehen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Der Einstieg in die Abstinenz bedeutet die Entkopplung ALL dieser Aktivitäten vom Alkohol. Für einen Abhängigen zum einen eine Horrorvorstellung, zum anderen eine Aufgabe, die er als derart monströs erachtet, dass er vor ihr kapituliert, bevor er überhaupt mit ihr beginnt. Die Entkopplung oder Entflechtung des Lebens von der Droge ist wirklich schwierig. Weil unterm Strich der gesamte Alltag mit Bier und Schnaps verwoben sind. Nie mehr Krombacher zur Sportschau, nie mehr Wodka zum Runterkommen nach dem Job oder als Einschlafhilfe: Wie soll das denn jemals funktionieren?

    Alkoholiker sind chronische Nutzenmaximierer

    Schon mal vorab: Es funktioniert. Anfangs zwar holprig, jedoch mit zunehmender Zeitdauer der Abstinenz immer besser, bis einem der Nicht-Konsum irgendwann in Fleisch und Blut übergeht und als normalste Sache der Welt erscheint, wie vorher der Alkohol.

    Dem Ausstiegsentschluss voran geht eine Kosten-Nutzen-Analyse. Alkoholiker sind, auch wenn das auf den ersten Blick wegen ihres 24/7 Benebelungszustands nicht so scheinen mag, chronische und minutiöse Nutzenmaximierer. Sie manipulieren durch die ständige Zufuhr der Droge ihren Emotionshaushalt. Sei es, dass sie sich besser, als die Natur es ihnen normalerweise gestattet, fühlen wollen, sei es, dass sie unliebsame Gefühlsregungen abmildern oder sich gar zum Ende hin durchgängig betäuben wollen.

    Der Nutzen liegt also im Abgleiten in ein rosarotes Paralleluniversum; die Kosten hingegen bestehen einerseits im körperlichen Raubbau und andererseits im stetigen sozialen Abstieg. Während es für die Frühaussteiger reicht, wenn sich die Waage leicht ins Negative neigt, muss sie für den Harcdore-Trinker schon beinahe die Tischplatte berühren, bevor er den Exit als lohnenswerte Möglichkeit ins Kalkül zieht. Erst, wenn der Rausch keinerlei Genuss mehr erzeugt, sondern sofort ins Komatöse abgleitet, der Süchtige die Abstürze jedes Mal mit sehr schmerzhaften Entzügen bezahlen muss, wird der Prozess des Umdenkens einsetzen.

    Manche benötigen Reanimationsmaßnahmen auf der Intensivstation und Warnhinweise à la „Das nächste Saufgelage überleben Sie nicht“, um zur Vernunft zu kommen. Wobei Vernunft, Intelligenz und Willen nur Teilaspekte des berühmten „Es muss klick machen“ bilden. Manchmal lautet die Triebfeder für den Ausstieg auch ganz banal: Ich habe keinen Bock mehr auf den Wahnsinn. Ein Abwägen könnte dann beispielsweise so aussehen: Erreiche ich den gewünschten Zustand – ich fühle mich heiter, sorgenfrei, nichts kann mein seelisches Gleichgewicht trüben – überhaupt noch, oder saufe ich mich jedes Mal, sobald ich mir das erste Bier besorge, im Anschluss ohne Zwischenstopp im rosaroten Wunderland direkt auf die Intensivstation?

    Ohne Umweg erst in den Vollrausch, dann ins Koma

    So ging es mir nach ein paar Jahren. Das Heitere, Beschwingte, Was-kostet-die-Welt war mit einem Mal verschwunden. Ich trank mich unverzüglich in den Vollrausch, dem erst ein Koma zu Hause auf dem Sofa und dann ein mehrtägiger Krankenhausaufenthalt folgten. Und da ich weder Zu-Hause-Koma noch Intensivstation als sonderlich lohnenswerte Ziele empfand, war meine individuelle Kalkulation schnell gemacht: Nutzen = 0 bei gleichzeitig Kosten = 100. Ob ich das 2010 ebenfalls so glasklar sah wie heute mit dem Abstand von zehn Jahren, spielt keine Rolle. Ich spürte deutlich, dass der Alkohol-Weg nur noch eine Richtung für mich kannte, nämlich die steil nach unten. Und das reichte mir als Ergebnis meiner damaligen Analyse völlig aus.

    Das Erkennen des Ausstiegsfensters scheint vordergründig Glückssache zu sein. Der berühmte Aha-Moment, die noch berühmtere Sekunde, in der der Schalter endlich umgelegt wird. Manche spüren – und nutzen! – ihn, andere bemerken ihn zwar, nutzen die Möglichkeit jedoch nicht, und die Dritten spüren nie was. Man könnte die Sache also in die Rubrik „Glück“ oder „göttliche Fügung“ einsortieren und schlussfolgern: Die einen haben halt mehr Glück als die anderen bzw. Gott würfelt gerne.

    Das lapidare Schulterzucken würde der Angelegenheit allerdings nicht gerecht werden. Denn in 95 Prozent der Fälle arbeitet der Süchtige im Vorfeld viele Monate bis hin zu Jahren auf diesen einen Moment hin. Es kommt nur äußerst selten vor, dass jemand ohne vorherige Therapie den Ausstieg schafft. Je länger die Saufstrecke dauert, desto unwahrscheinlicher ist es, sich ohne fremde Hilfe und psychologisches Handwerkszeug aus dem Alkoholsumpf zu befreien. Es mag sein, dass es beim einen (sehr viel) länger dauert als beim anderen, bis sich das Fenster für ihn öffnet. Wenn er jedoch eines Tages davor steht, weiß der Süchtige, um welches Fenster es sich handelt, und dass es nun höchste Zeit ist, diese – zumeist nur kurz offenstehende – Gelegenheit zu ergreifen. Falls jetzt zum 1000-sten Mal lange über Pro & Contra gegrübelt wird, schließt sich das Fenster wieder, und all die vielen vorbereitenden Gruppentherapiestunden waren für den Flaschencontainer.

    Deshalb: den Schalter umlegen, mag vielen wie reines Glück oder Gottes einsame Entscheidung erscheinen. Die Wahrheit ist aber, dass es sich in den meisten Fällen um eine langwierig mühsam erarbeitete Chance handelt, die man natürlich, sobald sie sich einem bietet, auch beherzt nutzen muss. Viel mehr verbirgt sich eigentlich nicht hinter dem geheimnisvollen Schalter, wenngleich der Weg dorthin oft ein sehr dornenreicher sein wird.

    Drei Trinker – drei verschiedene Schicksale

    Um den Ausstieg bzw. Nicht-Ausstieg noch einmal zu verdeutlichen, will ich kurz drei exemplarische Trinkerschicksale skizzieren:

    Mein Freund Horst-Rüdiger, zu unserer gemeinsamen Schulzeit ein begnadeter Linksaußen und später ein ebenso begnadeter Trinker, der keinen Tag ohne seinen Gute-Morgen-Jägermeister begann und sich abends mit Minimum 3,0 Promille im Blut ins Bett legte, stoppte von heute auf morgen völlig eigenständig mit der Sauferei. Er hatte vorher keinen Arzt oder gar Psychologen konsultiert. »Brauche ich alles nicht«, erklärte er mir, als ich ihn an einem heißen Julimorgen bei der Polizei am Kölner Waidmarkt in Empfang nahm, wo er die Nacht aufgrund Ruhestörung und Randale mal wieder in der Ausnüchterungszelle verbracht hatte. Das ist mittlerweile zehn Jahre her. Horst-Rüdiger hat seitdem keinen Tropfen mehr angerührt. Ihm war während der sechs Stunden auf der Gummimatratze die Gnade der Spontanheilung zuteil geworden.

    Bei mir wiederum verhielt es sich so, dass ich eines Morgens ins Grübeln geriet, als ich nach einem Fünf- oder Sechspromilleabsturz mal wieder an allen Vieren fixiert auf der Intensivstation lag und mir die Ärzte eindringlicher als sonst erklärten, ich würde den nächsten Rückfall garantiert nicht überleben. Nicht, dass die Aussicht auf den eventuell nahenden Tod mich sonderlich schockte. Ihn hatte ich oft gesehen und mich an seinen Anblick gewöhnt. Aber irgendetwas in mir klammerte sich an diese trostlose Existenz, wollte noch nicht den Löffel abgeben.

    Sterben oder aufhören?

    Die Überlegung lautete: Weitermachen wie bisher und in ein paar Monaten ins Gras beißen oder aufhören und ein neues Leben beginnen? Die Fragestellung klingt einfach, die Lösung und der lange Marsch bis zu diesem Punkt sind für einen Hardcore-Alkoholiker allerdings beschwerlich. Ich wusste, was mich erwartet: Abstinenz – also nie mehr auch nur ein einziger Tropfen Alkohol –, lausig bezahlte Jobs in Call Centern und Paketdiensten, Misstrauen von Freunden und Familie, denn ich hatte ihr Vertrauen und ihre Hoffnungen viel zu oft enttäuscht.

    Je länger ich über diese trüben Zukunftsaussichten nachdachte, desto eher war ich geneigt, im Anschluss an den Klinikaufenthalt in mein altes Muster zurückzufallen. Die Ärzte haben Unsinn erzählt, wollten dir bloß Angst einjagen, ging es mir durch den Kopf. Als ich zehn Tage danach wieder in meinem kleinen Apartment saß, das ich ein paar Wochen zuvor angemietet hatte, war ich immer noch unentschlossen, in welche der beiden Richtungen ich gehen wollte. Obwohl mir die Monotonie meines Säuferlebens, das jenseits der Unterhaltungen im Raucherzimmer keine weitere Abwechslung kannte, mittlerweile selbst zum Hals raushing, stand ich kurz davor, mir im Supermarkt eine Pulle Doppelkorn zu besorgen, um der Langeweile durch Flucht in den Rausch zu entkommen.

    Aus einem Bauchgefühl heraus besuchte ich am selben Abend ein Meeting der Anonymen Alkoholiker. Die hatten mich schon so oft aufgefordert, mal bei ihnen vorbeizuschauen, aber nie hatte ich ihrer Einladung Folge geleistet. Ich erzählte meine Geschichte, versuchte, mich kurz zu fassen, quatschte eine halbe Stunde ohne Unterlass. Alle hörten aufmerksam zu, niemand unterbrach mich. Der Versammlungsleiter bedankte sich für meine offenen Worte, die anderen sprachen mir Mut zu: »Trink 24 Stunden nichts und komm morgen Abend wieder zu uns. Du packst das!«

    Als ich mich an diesem Tag um Mitternacht ins Bett legte und tatsächlich keinen Tropfen angerührt hatte, wusste ich plötzlich, dass ich es schaffen werde. Das Vertrauen der anderen in meine Stärke gab mir Kraft. Die Überredungskünste des Alkohols fielen zum ersten Mal seit früher Jugend nicht mehr auf den stets feuchten Resonanzboden meiner labilen Psyche. Mit dem guten Gefühl, dass der Dämon besiegbar ist, schlief ich ein.

    Im Unterschied zu Horst-Rüdiger hatte ich allerdings Dutzende Stunden mit Psychologen und zwei Reha-Aufenthalte hinter mich gebracht, war mir des Irrsinns meines Tuns also schon längere Zeit bewusst und benötigte dennoch weitere vier Jahre, bis ich den Stoppschalter betätigte. Im ersten Monat absolvierte ich das 30-Tage-Programm der Anonymen Alkoholiker: jeden Abend eine Gruppe besuchen. Danach war das Schlimmste überstanden, und ich änderte meine Frequenz in einmal pro Woche ab.

    Unser Kumpel Rolf, der mit Abstand Klügste und Belesenste von uns, dem Ursachen, Auslöser, Hochrisikofaktoren allesamt klar waren, benutzte seine Intelligenz dazu, den Ärzten Fehler bei der Behandlung und den Psychologinnen Inkompetenz bei der Analyse nachzuweisen. »Warum tust du das?«, fragte ich. »Weil sie alle keine Ahnung haben«, antwortete er. »Aber du hast Ahnung?«, hakte ich nach. »Auf jeden Fall mehr als die Quacksalber hier.« – »Und warum stoppst du dann nicht? Du bist ja öfter in der Klinik als ich.« – »Weil ich jetzt noch keine Lust dazu habe. Ich höre dann auf, wenn ich den Zeitpunkt für den richtigen halte. Das kann ich aber alleine. Dafür benötige ich keinen von den Kurpfuschern.«

    Drei Monate später und nach schiefgegangenen Experimenten mit Desinfektionsmittel oral und Wodkatampons anal saß Rolf sabbernd im Rollstuhl. Im Jahr darauf beerdigten wir ihn in einem anonymen Urnengrab, weil sein geschwächter Körper nach dem Trinken einer Pulle Mariacron auf Antabus endgültig alle Viere von sich gestreckt hatte.

    3 Bauteile für den Erfolg

    Wir haben in diesem Kapitel gelernt – der geheimnisvolle Schalter besteht aus drei Bauteilen:
    (1) Kosten-Nutzen-Analyse.
    (2) Den Moment, in dem sich die Ausgangstür öffnet, erkennen und beherzt durchschreiten.
    (3) Willens sein, den Alkohol aus sämtlichen Lebensbereichen (am Ende war das 24/7) zu entfernen, in denen wir ihn bisher eingesetzt haben.

    Etappenziel 5: Sie wissen nun, dass Gott nicht würfelt, sondern eine Menge Vorarbeit notwendig ist, um zu Ihrem persönlichen Aha-Erlebnis zu gelangen. Sobald der richtige Moment naht, muss er konsequent genutzt werden. Ob Sie jemals eine zweite Chance für den Ausstieg erhalten, ist sehr ungewiss.
    +++

    Entnommen aus:

    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen
    humboldt Verlag
    ISBN 9783842630550

  • Das Märchen vom Alkoholiker, der nur sich selbst schädigt

    Das Märchen vom Alkoholiker, der nur sich selbst schädigt

    Ein Lieblingsmärchen aller Säufer lautet: „Mit dem Trinken schade ich ja bloß mir selbst.“ In leichter Abwandlung aus Politikermund klingt das dann so: „Selbstschädigung liegt in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen.“

    Hört sich erst mal gut an, ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn wie beim Nikotin gibt es ebenfalls beim Alkohol unschuldige Opfer zu beklagen: nämlich all diejenigen, die von beschwingten Weihnachtsmarktbesuchern, die sich benebelt ans Steuer ihres SUVs setzen, nachts auf einsamer Landstraße übergemangelt oder die vom unter Weizenkorneinfluss zu Gewalt neigenden Lebenspartner ins Krankenhaus geprügelt werden – um von all den sich in psychologischer Behandlung befindenden Co-Abhängigen gar nicht erst zu reden. Dass Bier und Schnaps einzig den Trinker selbst schädigen, ist eine fromme Legende, die wie ein Mantra von Alkoholindustrie und Pseudoliberalen stets aufs Neue beschworen wird, sobald jemand aufgrund der klar ersichtlichen Missstände vorsichtige Regulierungsschritte anregt, die dazu dienen sollen, den exzessiven Konsum wenigstens partiell einzudämmen.

    Mal völlig losgelöst vom Aspekt, dass wir Junkies das Recht auf eigenverantwortliche Gesundheitsdemontage nicht zugestehen, sondern bei harten Drogen von Anfang an streng regulierend eingreifen, soll uns die obige Falschbehauptung – denn um nichts anderes handelt es sich dabei – weismachen, dass die negativen Konsequenzen des Alkohols einzig der Trinker zu spüren bekommt, weshalb Warnhinweise und Einschränkungen, wie wir sie beim Tabak gewöhnt sind, nicht notwendig seien. Denn der Nikotinabhängige teert ja nicht nur alleine seine Lunge, sondern verqualmt ebenfalls seine Umwelt (Passivrauchen), weshalb Verbote bei Zigaretten & Co. durchaus Sinn ergäben.

    Nun sagt niemand, dass ein an einer Cola nuckelnder Gast durch Geruch oder Anblick eines bunten Cocktails, der am Nachbartisch serviert wird, körperliche Schäden davonträgt. Es könnte zwar theoretisch passieren, dass der Cola konsumierende Gast ein trockener Alkoholiker ist, der durch den Anblick des Cocktails dermaßen getriggert wird, dass er noch am selben Abend einen Rückfall erleidet. Aber das ist zum einen ein Spezialfall und zum anderen muss sich der trockene Alkoholiker ja nicht abends in ein Lokal setzen, in dem alkoholische Getränke ausgeschenkt werden. Fällt in die Rubrik:ein bisschen Risiko ist immer.

    Unfälle und Straftaten unter Alkoholeinfluss

    Was aber ist eigentlich mit den – gar nicht so seltenen – alkoholverursachten Kollateralschäden wie Verkehrsunfällen, körperlicher Gewaltanwendung/häuslicher Gewalt und psychischem Dauerstress, der auf Verwandte und Freunde ausgeübt wird? Sind das vernachlässigbare Problemfelder, weil die Fallgrößen so gering sind?

    Fallgruppe Anzahl
    Alkoholbedingte Verkehrsunfälle mit Sach- und/oder Personenschaden 36.000 (davon 4.600 schwerverletzte Personen und knapp 250 Getötete)
    Straftaten unter Alkoholeinfluss (nur die zur Anzeige gelangten Delikte) 222.000 (davon rund 800 Tötungen)
    alkoholbedingter Stress von  Familienangehörigen k. A.
    zum Vergleich: Todesopfer aufgrund von Passivrauchen (koronare Herzkrankheit,Schlaganfall, Lungenkrebs) 3.000

    Quellen: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V., Bundeskriminalamt, Statistisches Bundesamt, WHO (Welt-Tabak-Bericht)

    Auch wenn sich die Angaben nicht eins zu eins vergleichen lassen, so zeigt sich doch, dass die Zahlen der externen Alkoholgeschädigten diejenigen der Passivrauch-Opfer deutlich überschreiten, was zu der Frage führt, weshalb diese beiden Problemfelder derart unterschiedlich behandelt werden. Ist ein Kirmesbesucher,der von einem aufgrund zwei Promille völlig enthemmten Dorf-Rambo einen Bierkrug über den Schädel gezogen bekommt, weniger schützenswert als ein Restaurantgast, dem der Rauch einer Zigarette vom Nachbartisch in die Nase steigt?

    Co-Abhängige: Oft noch ärmer dran als der Trinker

    Was ist vor allem mit der Schutzwürdigkeit der geschätzt acht bis zehn Millionen Co-Abhängigen? Denn diese bedauernswerte Gruppe ist andauerndem psychischen Stress bis hin zu körperlicher Gewaltanwendung ausgesetzt. Co-Abhängigkeit stellt außerhalb von Fachkreisen ein immer noch stark vernachlässigtes Thema dar, obwohl sie aufs Engste mit der Sauferei verwoben ist. Die wissenschaftliche Definition für das traurige Phänomen lautet: „Bezugsperson eines Betroffenen, die durch ihr Verhalten – aktives Tun und/oder Unterlassen – die Sucht des Erkrankten zusätzlich fördert und darüber hinaus unter der Situation leidet. Dies kann im Extremfall soweit gehen, dass der Co-Abhängige selbst süchtig wird.“

    Diese hinsichtlich Verbreitungsgrad und Schwere häufig unterschätzte seelische Erkrankung wird in drei Phasen eingeteilt:
    1. Nachsicht: Verständnis, Zuwendung durch Aufmerksamkeit, Verdrängung, Ermunterung zur Selbstdisziplin, Empfehlung, doch mal einen Psychologen aufzusuchen, um über das Problem zu sprechen
    2. Vertuschen: Verheimlichung und Verharmlosung gegenüber Verwandten und Freunden, der Partner übernimmt Aufgaben des immer häufiger handlungsunfähigen Trinkers, uferlose Diskussionen, die jedes Mal ohne konkretes Ergebnis enden
    3. Überwachung: Beobachtung, Kontrolle, Streit und gegenseitige Aggression nehmen zu, Verachtung

    Die Extremform der Co-Abhängigkeit besteht im Erdulden häuslicher Gewalt. Welcher Patient kennt sie nicht: die bei jedem Wetter auch in geschlossenen Räumen sonnenbebrillten Ehefrauen, die ihre Aggro-Männer, die im Moment aufgrund von 20 Distra im Magen-Darm-Trakt ausnahmsweise mal friedlich vor sich hin dämmern, in der Klinik besuchen, wo sie ihnen tränenreich verzeihen, anstatt wortlos die Adresse des Scheidungsanwalts auf eine Papierserviette zu schreiben und wieder zu gehen? Wenn die mit Hämatomen übersäte Ehefrau nicht sogar in der Nachbarstation ebenfalls einen Entzug durchläuft. Ungefähr ein Zehntel der weiblichen Patienten in Suchtkliniken wird mit Prellungen und Schürfwunden eingeliefert. Ein Teil der Opfer findet den Weg ins Krankenhaus alleine, andere werden von Freundinnen begleitet, in schlimmen Fällen eskortiert von der Polizei.

    Nun läuft folgende Dramaturgie ab: Am ersten Tag schütten die Frauen ihr Herz aus. Die traurige Geschichte der andauernden Prügelorgie wird Ärzten, Pflegepersonal und Mitpatienten erzählt. 24 Stunden später, wenn der erste Schock abflaut, gibt’s die Story bereits in abgemilderter Version zu hören: „Na ja, so schlimm, wie es gestern aussah, war es dann doch nicht. Horst-Jürgen – mein Mann – ist eigentlich ein herzensguter Kerl. Ihm rutscht halt hin und wieder die Hand aus.“ An Tag 3 wird schließlich diese Erklärung nachgeschoben: „Ich bin eigenverschuldet die Treppe runtergefallen.“ Zwei Stunden später sitzt Horst-Jürgen händchenhaltend mit der nach wie vor arg lädiert aussehenden Lebensgefährtin im Aufenthaltsraum und hat ihr als Wiedergutmachungspräsent ein Stück Käsekuchen mitgebracht.

    Ich habe mich oft gefragt: Warum tun die das? Weshalb versauen sich diese Frauen ihr Leben mit einem trinkenden, prügelnden und offenkundig therapieunwilligen Kerl? Welche Stufe des Masochismus muss man erreicht haben, um sich diesem Psychoterror freiwillig jahrelang auszusetzen? Nachdem mich die Berichte anfangs fassungslos zurückließen, gewöhnte ich mich mit der Zeit daran und begriff, warum Staatsanwaltschaft, Psychologen und Sozialarbeitern im Falle der unterbleibenden Strafanzeige die Hände weitgehend gebunden sind. Die Rollen in dieser Tragödie sind klar verteilt: Mann schlägt, Frau erduldet. Die umgekehrte Variante existiert zwar ebenfalls, ist aber nur sehr selten anzutreffen. Alkoholisierte Frauen neigen eher zu verbaler denn zu körperlicher Gewaltanwendung.

    Psychologen weisen auf fünf Frühindikatoren später möglicher häuslicher Gewalt hin:
    1. Generelle Einstellung: Der Partner äußert sich häufig respektlos und herablassend über Frauen.
    2. Eifersucht: Harmlose Flirts werden zu Staatsaffären aufgebauscht.
    3. Kontrollwahn: Er will – bis ins Detail hinein – für sie entscheiden und über alles informiert werden.
    4. Isolation: Er separiert die Partnerin von Familie, Freunden und Arbeitskollegen.
    5. Gewalt gegenüber Sachen: Wenn er zornig wird, zerstört er Einrichtungsgegenstände etc. und will sie durch dieses Verhalten einschüchtern.

    Die Droge ist dann bloß noch der Brandbeschleuniger, um die angestaute Wut explodieren zu lassen und in physische Gewalt zu verwandeln.

    Stereotype Entschuldigungsmuster am Tag danach:
    • „Ich hatte zu viel getrunken. Nüchtern passiert mir das nicht.“
    • „Jetzt übertreibst du aber. So schlimm war das gestern doch gar nicht.“
    • „Ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern.“

    Das Problem ist allerdings mehrschichtig. Vereinfacht ausgedrückt lassen sich drei Opfertypen unterscheiden:
    1. Ist sich darüber im Klaren, dass häusliche Gewalt ein wiederkehrendes Phänomen darstellt und es bei nächster Gelegenheit erneut passieren wird; sucht aktiv nach einem Ausweg.
    2. Wie 1., allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass aufgrund falsch verstandener Loyalität und/oder Sorge vor dem finanziellen Absturz der Verbleib in der Beziehung als das geringere Übel angesehen wird; oft auch Angst davor, dass der verlassene Partner nun richtig aufdreht.
    3. Hat die Gewalt akzeptiert und entwickelt ihrerseits unter Alkoholeinfluss sogar den Wunsch, periodisch verprügelt zu werden.

    Externe Unterstützung ist für die Gruppen 2. und 3. nur sehr schwer möglich, weshalb diese Frauen mit steter Regelmäßigkeit in den Kliniken aufschlagen.

    Wie schützt man sich und seine Kinder?

    Je länger der Partner die Trinkexzesse toleriert, desto schwieriger wird es, die Geisterbahnfahrt aus eigener Kraft zu stoppen. Denn auch an den Zustand der Co-Abhängigkeit kann man sich gewöhnen.

    Was sollte man vernünftigerweise tun, um Schaden von sich selbst – und Kindern, die es ja auch oft gibt – abzuwenden? Spätestens zum Zeitpunkt der Weigerung, sich mit einem Psychologen über das Problem auszutauschen, muss mit Konsequenzen gedroht werden: „Ich ziehe aus und nehme die Kleinen mit!“ Den Trinker aus dem Haus zu bekommen, gestaltet sich zumeist schwierig. Er wird es nicht einsehen, ständig anrufen, vor der Tür stehen bis hin zum Stalking. Mitleid ist das falsche Rezept. Er kann ja gegensteuern, den Konsum reduzieren (besser: komplett stoppen), ärztlichen Rat einholen, sich in therapeutische Behandlung begeben. Falls er das selbstständig nicht auf die Reihe bekommt, existieren zwei Erklärungsansätze für das Versagen: entweder will er nicht oder die Krankheit ist bereits so weit fortgeschritten, dass es ihm nicht mehr möglich ist, auf die Bremse zu treten. Im zweiten Fall hilft eh nur ein Entzug mit professioneller Unterstützung, der jedoch nur dann erfolgreich sein wird, wenn sich Reha und der Besuch einer Selbsthilfegruppe anschließen.

    Die falsche Herangehensweise ist es, dem Trinker ein schönes Zuhause anzubieten, wo er sich jeden Abend gemütlich volllaufen lassen kann. Das bisschen Stress am nächsten Morgen, „Boah, was warst du gestern wieder betrunken. Denk doch auch mal an mich und die Kinder!“, steckt er locker weg, weil er weiß, dass nichts weiter passieren wird. Alkoholiker sind Egoisten, die alles und jeden ihrer Sucht unterordnen. Allerdings benötigt ein Großteil von ihnen ein halbwegs intaktes familiäres Umfeld, denn der Säufer ist labil und hat große Angst vor dem Alleinsein. An dem Tag, an dem dies alles wegzubrechen droht, schaffen es einige in letzter Sekunde doch noch, den Richtungswechsel herbeizuführen; den anderen ist von Verwandten und Freunden sowieso nicht zu helfen.

    Wer als Partner eines Süchtigen nicht in die Co-Abhängigkeit geraten will, ist also, solange der Erkrankte keine Anstalten macht, die Situation von sich aus zu verändern, gut beraten, die Koffer zu packen und das gemeinsame Haus des Elends – ohne Rückfahrkarte – zu verlassen. Die Erfahrung lehrt: Es wird schlimmer und nicht besser. Bis hin zu häuslicher Gewalt. Co-Abhängige, die bleiben, sind immer gefährdet, selbst in die Sucht abzurutschen. Zudem steigt bei ihnen das Risiko stark an, an Angstattacken, depressiven Schüben, Selbstzerstörungstrieb und Ähnlichem zu erkranken. Wie eine co-abhängige Bekannte es mir einmal erklärte: „Mein Mann hat den Alkohol im Blut, ich im Kopf. Ich kann kaum noch an was anderes denken.“

    Nach dem Lesen der obigen Zeilen sollte klar geworden sein, dass es sich beim Saufen keineswegs um pure Selbstschädigung eigenverantwortlich entscheidender, volljähriger Bürger handelt, die uns andere – und vor allem den Staat – nicht zu interessieren hat, sondern die kollateralen Verheerungen, die Schnaps und Bier anrichten, teilweise viel dramatischer ausfallen als beim Passivrauchen. 36 000 alkoholbedingte Verkehrsunfälle plus rund 40 000 schwere und gefährliche im Rausch begangene Körperverletzungen pro Jahr deutschlandweit zuzüglich ungezählter psychischer Co-Abhängigkeitswracks führen ganz deutlich vor Augen, dass das Mantra „Lasst die Trinker ungestört trinken“ Unfug bis hin zu grob fahrlässig ist.

    MERKE
    Der Trinker lebt nicht alleine im Wodka-Universum. Es existieren neben ihm noch die beiden Gruppen „Opfer von alkoholbedingten Verkehrsunfällen und Straftaten“ sowie die „Co-Abhängigen“. Großen Schaden richtet der Alkohol bei allen dreien an.

  • Facebook wird 20, und ich bin auch schon 15 Jahre da drin

    Facebook wird 20, und ich bin auch schon 15 Jahre da drin

    »Warum hängst du seit Stunden in Facebook ab, anstatt dich mit mir zu unterhalten?«, fragt die alte Schulfreundin.
    »Keine Ahnung. Einfach so«, antworte ich.
    »Es muss doch einen Grund geben, warum du das tust.«
    »Gibt keinen bestimmten Grund.«
    »Du hängst ohne bestimmten Grund seit Stunden in Facebook ab? Was ist es dann: eine Sucht?«
    »Nennen wir es ‚schlechte Angewohnheit‘.«
    »Also eine Sucht. Wusst‘ ich’s doch«, sagt die alte Schulfreundin.
    +++

    Facebook feiert in diesem Februar seinen 20sten Geburtstag. [1] Ein guter Anlass, sich mal wieder mit der Deutschen 10t-liebster Freizeitbeschäftigung [2] zu befassen = dem überwiegend sinnbefreiten Rumscrollen und Posten in sozialen Netzwerken.

    Wie das Monster erschaffen wurde

    Hin und wieder erschafft der Mensch Ungeheures: den Alkohol, die Religion, den Staat, die Tranquilizer, die Atomkraft oder die sozialen Medien. Warum und aus welchem Antrieb heraus er dies tut – darüber sind viele kluge Bücher und noch mehr schlaue Fachaufsätze geschrieben worden.

    Wer verstehen will, weshalb und in welchem Zustand der damals 18-jährige Harvard-Student Mark Zuckerberg Facebook erfand, dem empfehle ich als Lektüre das Buch Milliardär per Zufall von Ben Mezrich oder sich den Film The Social Network auf Netflix anzuschauen [der auf dem Buch basiert]. Man kann auch beides tun. Ich hab’s gemacht. Und zwar in dieser Reihenfolge: Zuerst den Film angesehen, dann das Buch bestellt und im Anschluss nochmal in Netflix reingezappt.

    Im Grunde reicht der Film aus, um zu begreifen, welche tiefen bzw. seichten Gedanken der Erschaffung von Facebook vorangingen: Die Plattform war damals halbwegs neu [es gab Vorläufer: Myspace, Classmates, SixDegrees, Orkut], ich Mark Zuckerberg kann es, das Teil ist cool, damit lässt sich schnell Geld verdienen. Viel mehr an Idee steckte nicht dahinter. Facebook war auf jeden Fall nie als ein Wir-retten-den-Planeten- oder auch nur Wir-machen-die-Welt-ein-bisschen-besser-Ding gedacht. Von Anfang an ging’s um Kohle, Koks und Nutten. Allerdings in der verschämten Davon-darf-niemand-Wind-bekommen-Variante. Als sich Mitinhaber Sean Parker auf einer Party mit weißem Pulver erwischen ließ, war bei Zuckerberg sofort Schluss mit lustig.

    Nun muss man als Schöpfer nicht zwingend von Anfang an tiefe oder gar weit in die Zukunft reichende Gedanken haben, wenn man etwas erfindet. Ich wage zu bezweifeln, dass Benz und Citroën bewusst war, wie radikal ihre Benzin getriebenen Vehikel das Transportwesen umkrempeln werden. Hätte Lilienthal seine Visionen von der 747 und dem A380 im Jahre 1890 einem breiteren Publikum offenbart, wäre er weggesperrt worden. Watt wird nicht ansatzweise geahnt haben, dass seine Dampfmaschine die industrielle Revolution in Gang setzt. Als Curie die Radioaktivität entdeckte, hatte sie Hiroshima und Tschernobyl nicht auf dem Schirm. Unser Cro-Magnon-Vorfahre, der als Erster aus Gerste und Honig eine Urversion des Biers braute, freute sich am Ende seines Experiments darüber, dass der neue Stoff interessanter als das langweilige stille Wasser aus dem Gebirgsbach schmeckte und er sich als Nebeneffekt einen gepflegten Rausch antrinken konnte. Dass er damit sowohl die Nachtgastronomie als auch die Abstinenzbewegung ins Leben rief, überstieg ganz sicher seine Vorstellungskraft. Weshalb ein Erfinder immer die Folgen seiner Erfindung einschätzen soll, bevor er mit ihr zum Patentamt läuft oder sie ins Internet stellt – das müssen Sie unsere Technikphilosophen fragen. Ich weiß darauf keine Antwort.

    3 Kategorien von Erfindungen

    Es gibt Entdeckungen, die aus der Champagnerlaune eines genialen Augenblicks heraus oder rein zufällig geschahen, sich im Laufe der Jahre aber dennoch als sinnvoll im Alltagsgebrauch erwiesen haben. Zu diesen Geistesblitzen gehören der Tesafilm, die (Zelluloid-) Filmrolle, das Post-it, der Teebeutel, die Teflonpfanne und Kartoffelchips in Tüten.

    So wie wir alle auch Erfindungen kennen, denen viel Forschungsarbeit und das ernsthafte Bemühen, das Los der Menschheit zu verbessern, zugrunde lagen, die sich jedoch nachträglich als Fluch entpuppten. In dieser Kategorie finden wir die schon erwähnte Atomkraft, das Privatfernsehen, Ghettoblaster und den kostenlosen Eintritt ins Internet.

    Und dann stehen wir noch einer dritten Gruppe Innovationen gegenüber: = denen, die im Moment der Schöpfung trivial waren und auch zeitlebens trivial bleiben. D.h. ihr konkreter Nutzen für die Käufer/Anwender ist minimal bis hin zu vernachlässigbar. Beispielsweise Kaugummiautomaten und einzelportioniertes Katzenfutter. In diese Rubrik sortiere ich Facebook ein. Es sättigt niemand, wärmt mich nicht, fördert keinen Wohlstand, es macht nicht intelligenter, nicht glücklicher, nicht gesünder, es transportiert mich nicht von A nach B, mein soziales Prestige steigt dadurch nicht an, ich kann nicht reinschneuzen, sobald ich Schnupfen habe, es deckt keine Pickel ab, verschafft keinen Orgasmus. Ganz simple Frage: Würde uns konkret was fehlen, wenn es Facebook morgen nicht mehr gäbe? Antwort: nein. Die Welt funktionierte ohne Facebook genauso gut oder genauso schlecht wie vor 2004. Unterm Strich betrachtet braucht kein Mensch diese Plattform; jede Elektrozahnbürste ist nützlicher. Und trotzdem macht die Maschine süchtig und gilt neben Google als die erfolgreichste Geschäftsidee seit Coca Cola‘s Umwidmung von einer Hustenmedizin in ein Erfrischungsgetränk. Neben Facebook wirkt selbst McDonald’s wie ein Collegeteam aus Chicago, das ein Footballmatch gegen die 49ers bestreiten möchte.

    Man könnte lapidar mit den Schultern zucken, die Sache als vorübergehendes Zeitgeistphänomen einstufen und sich anderen, wichtigeren Dingen zuwenden, wenn Facebook in den vergangenen 20 Jahren nicht derart rasant gewachsen wäre, dass es die Schwelle vom Ungeheuren zum Monster schon längst überschritten hat. Denn ungeheuer zielstrebig und unternehmerisch klar gedacht war es sicher, zum einen das Potenzial zu erkennen, das im Hochritzeln und Aufhübschen der vormals biederen Studentenverzeichnisse [das sind die ursprünglichen Facebooks] lag und zum anderen Geldgeber wie Peter Thiel zur Beteiligung am Wagnis zu überreden. Die Überschrift von Mezrichs Buch, „Milliardär aus Zufall“, korrespondiert deshalb nicht mit der Realität. Denn Zuckerberg hatte ja nicht qua Zufall 1 Milliarde Dollar am Roulettetisch im Cesars Palace gewonnen, sondern in jungen Jahren den richtigen Riecher für eine fulminante Geschäftsidee bewiesen. Dass das Teil so schnell so abnorm groß werden würde, ahnte er 2004 vermutlich nicht; jedoch war ihm klar, dass er mit Facebook [bzw. ‚The Facebook‘, wie die Plattform in den ersten Monaten hieß] in die bisher ungenützte Lücke der voyeuristischen Online-Kakophonie vorstieß und sich, unter der Voraussetzung, dass man es nur schlau genug anstellt, damit ordentlich Geld verdienen ließ. Und schlau waren er und seine Mitstreiter zweifelsohne.

    Kleines oder großes Monster?

    Warum ist Facebook ein Monster – denn so lautet ja die Überschrift dieses Kapitels –, könnten Sie nun fragen. Und danach noch die Frage hinterherschieben: Ist es ein großes Monster der Kategorie Atomkrieg oder doch eher was Kleines wie nervige Werbung im TV? Ich bin da hin und her gerissen. Facebook bedroht natürlich nicht unseren Weltfrieden, wie das nordkoreanische Interkontinentalraketen tun oder löscht mit einem Drohnenflug oder IS-Sprengstoffgürtel dutzende Leben aus. Es verseucht nicht dauerhaft die Umwelt wie Union Carbide 1984 in Bhopal, es führt nicht zum Schmelzen der Polkappen und zur Auflösung der Ozonschicht. Es bewirkt keine Adipositas und Diabetes wie Burger King & Pepsi, und das Rauchen einer Packung Marlboro am Tag ist sicher schädlicher für die Herzkranzgefäße als 1 Stunde in einem sozialen Medium surfen. Man muss nicht ständig wiederkehrend 200 Euro blechen, um sich den nächsten Facebook-Schuss setzen zu können. All das spräche erstmal dafür, das Zuckerberg-Produkt in die Rubrik „Kleines Monster“ einzusortieren.

    Dem gegenüber stehen allerdings besorgniserregende Entwicklungen wie: Verbreitung von Fake News & gezielte Streuung von Desinformation, Zunahme von Hate Speech bei gleichzeitiger Abnahme der kommunikativen Empathie, Depressionsschübe, weil man trotz strenger Diät und täglich Fitnessstudio nie so sexy wie das eigene gephotoshopte Profilbild aussehen wird, Selbstmordgedanken, sobald man zur Zielscheibe eines Shitstorms oder von Cyber-Mobbing avanciert, Abdriften in die Social-Media-Abhängigkeit.

    Was Facebook und Heroin gemeinsam haben

    Die Erfindung von Facebook im Jahre 2003 war für die Menschheit von ebensolcher Bedeutung wie die Entdeckung des Alkohols in der Mittelsteinzeit, die Idee, den kürzeren Knochen zu ziehen [markiert den Beginn des gewerblichen Glücksspiels; ebenfalls Mittelsteinzeit] und die Erfindung des Heroins am Ausgang des 19-ten Jahrhunderts. Kann man jetzt nicht 1 zu 1 vergleichen, wenden Sie  ein? Klar kann man es nicht 1 zu 1 miteinander vergleichen – was kann man überhaupt wissenschaftlich sauber 1 zu 1 miteinander vergleichen? –; aber vergleichen kann man es. Alle 4 hier genannten Stoffe und Aktivitäten führen bei längerem Gebrauch zu Abhängigkeit, die bei dafür prädisponierten Menschen in Sucht gipfelt. Was soll denn eine Facebook-Sucht sein, noch nie gehört, sagen Sie jetzt? Gedulden Sie sich noch ein paar Absätze. Ich erkläre es. Und zwar so, bis auch der letzte Zweifler versteht, dass es sich bei exzessiver Anwendung von Facebook bloß um die krankhafte Befriedigung von 3 menschlichen Grundbedürfnissen dreht:
    (1) sich die tägliche Dosis Klatsch & Tratsch reinziehen (Voyeurismus)
    (2) gefahrfrei pöbeln (Aggressionsbewältigung)
    (3) 24/7 mit Menschen kommunizieren (Einsamkeit entfliehen).
    Es gibt weitere Motivatoren wie bspw. (politische, religiöse, ernährungstechnische) Überzeugungsarbeit leisten, Sexpartner finden, Produkte verkaufen; aber die sind Nebenkriegsschauplätze.

    Es handelt sich also v.a. um die 3 o.g. triebgesteuerten Bedürfnisbefriedigungen, die unserem exzessiven  Facebook-Verhalten zugrundeliegen. Die sich zwar nicht sofort auf unsere seelische und geistige Gesundheit ausbreiten; eher wie ein langsames Gift wirken. Mit jedem Tag, den wir die Droge konsumieren, schleicht sie sich tiefer in unser Unterbewusstsein ein, bis wir eines Tages das bunte Paralleluniversum für die bessere der beiden Welten ansehen und uns weitgehend aus der Realität ausklinken. Endphase: 24/7 online: NICHTS mehr verpassen, ALLES kommentieren, NICHTS mehr glauben, was wir nicht in Facebook sehen, ALLE anderen Informationen anzweifeln oder gar als Lügen deklarieren. So schlimm ist es doch gar nicht, sagen Sie? Doch, es ist bei einigen schon so schlimm, und es wird mit jedem Tag, an dem Facebook nahezu unreglementiert weitermachen darf, ständig schlimmer werden, antworte ich Ihnen.

    Sie übertreiben maßlos, Herr Hirsch. Nicht jeder, der Facebook nutzt, ist süchtig. Ich zum Beispiel bin ganz und gar nicht süchtig, meinen Sie? Selbstverständlich übertreibe ich, denn so funktioniert nun mal das Geschäft mit dem Erheischen von Aufmerksamkeit = Plakative Überschrift, reißerische Anmoderation, und schon klappt es mit Klicks und Reichweite. Habe ich übrigens in Facebook gelernt. Die Überspitzung der These bedeutet allerdings nicht, dass sie verkehrt ist. Sie bedeutet bloß, dass es stärker Süchtige (bspw. mich) und weniger Süchtige (bspw. Sie) gibt. D.h. ich pfeife mir täglich eine höhere Dosis rein als Sie, der Sie jedoch ebenfalls jeden Tag aufs Neue in dieser Plattform unterwegs sind. ICH kann JEDERZEIT damit aufhören, entgegnen Sie empört? Mag sein, aber 99,9 Prozent derjenigen, die in Facebook schreiben, dass sie aufhören, sind nach spätestens 1 Woche zurück und posten und kommentieren dann mehr als vorher. Komplettaussteiger trifft man SEHR selten. Und bisher weitgehend unerforscht ist die finale Destination. Verlassen sie tatsächlich ein für alle Mal den digitalen Zirkus, kehren verkatert & reumütig in die analoge Welt zurück, oder wandern sie von Facebook zu Twitter, Telegram, Instagram, TikTok, Bluesky oder Mastodon? Wechseln also nur die Plattform [die Wissenschaft spricht in solchen Fällen von Suchtverlagerung].

    Kontrollierter Konsum ist die kleine Schwester von Sucht

    Ich habe FESTE Zeiten, in denen ich in Facebook unterwegs bin, an denen richte ich mich aus. Das ist Lichtjahre entfernt von Sucht, sagen Sie jetzt? Na ja, wenn man erst mal feste Zeiten etablieren muss, dann ist das nichts anderes als Sucht, der man ein Korsett verpasst. Bei Alkoholikern nennt man das Trinkmuster. Und glauben Sie mir: mit Alkohol und Mustern kenne ich mich aus. Das Problem mit den Mustern besteht darin, dass man sie eines Tages nicht mehr erfüllen kann und sowohl die Frequenz verkürzen als auch die Dosis erhöhen muss, um das Glückslevel zu halten. Auch ich habe übrigens ein Muster, man kann es sogar eine Regel nennen: Niemals in der Nacht! Ich klappe Facebook um 23 Uhr zu und mache es erst um 7 Uhr morgens wieder auf. Dann aber gehört der sofortige Blick in die Kommentarspalten genauso zu meiner Morgenroutine wie Kaffeekochen, auf dem Klo den Sportteil der Tageszeitung lesen und Zähneputzen. Und im Laufe der folgenden 16 Stunden schaue ich so oft nach, ob eventuell was „Interessantes“ in meiner Bubble passiert ist, dass ich mich um 23.01 Uhr manchmal frage, warum ich das getan habe. Ich kann’s mir bloß mit Sucht erklären.

    Natürlich existieren Unterschiede bei den oben genannten Süchten. So hängen weltweit weniger Junkies an der Nadel, als sich User sekündlich in Facebook einloggen. Bei Black Jack, Texas Hold’em, auf der Pferderennbahn und am Roulettetisch kann man in einer Nacht Haus und Hof verzocken, während man nach einem nächtlichen Kommentar-Marathon in einer digitalen Kloake bloß todmüde ins Bett fällt. Für Alkohol gibt’s Spezialkliniken und Entwöhnungsprogramme. Welcher Arzt hilft mir beim Ausstieg aus Facebook? Hat irgendwer schon mal Kontakt mit einer Facebook-Selbsthilfegruppe gehabt oder existieren die Anonymen Facebookies?

    So cool wie eine Zahnzusatzversicherung

    Wer heute meint, Facebook sei immer noch en vogue, der hält auch eine Zahnzusatzversicherung für hip. Spätestens, als ich im Herbst 2009 – damals 47-jähriger Vater von drei Kindern und Eigenheimbesitzer inklusive Vorgarten und Hauskatze – mit der User Nr. 305.257.368 hinzugestoßen bin, wurde die Plattform von halb- auf viertelcool runtergestuft. Seitdem ist das Gesichtsbuch in etwa so trendy wie ein Toyota Corolla, Cherry Coke light oder Fischstäbchen. Ob ich mir einen Big Mäc kaufe, einen Lottoschein ausfülle oder in Facebook surfe: vom Coolheitsgrad her ist es dasselbe. Wenn ich mal für ein paar Stunden das Gefühl „Heißer Scheiß, Koks und Nutten“ spüren möchte, verirre ich mich ganz bestimmt nicht hierhin, wo ich jeden Tag aufs Neue bloß Texte und Bilder von der Stange serviert bekomme. Online-Langeweile in Dauerschleife.

    Warum ich, der ich das Problem (angeblich) erkannt habe, immer noch drin bin, fragen Sie mich völlig zurecht? Weil es von der Krankheitseinsicht bis zur Überwindung oft lange dauert. Viele schaffen den Ausstieg nie, obwohl sie sich ihrer Abhängigkeit schon seit Jahren bewusst sind. Ich persönlich finde die Abschiednahme von Facebook [weitere Foren nutze ich nicht] mittlerweile als schwieriger als vom Alkohol, tröste mich aber damit, dass Social Media bei mir keine körperlichen Schäden anrichtet. Auf meine Psyche wirkt sich das tägliche Geschnatter hingegen schon aus. Passiert nicht selten, dass ich Stunden später panisch kontrolliere, ob ich meinen vorvorletzten Kommentar auch im dazu passenden Thread hochgeladen oder versehentlich an einer Stelle, wo er nicht hingehört, platziert habe. Oder die ständige Sorge, alte/falsche Wörter zu verwenden, durch die sich ein anderer User (m/w/d) angegriffen fühlt, obwohl ich gar nicht vorhatte, ihn durch deren Gebrauch zu attackieren. Das sind temporäre Schweißausbrüche & Tachykardie-Schübe, die mir vor Social Media fremd waren..

    Lassen Sie uns am Ende dieser Kolumne festhalten:
    (A) Facebooks konkreter Nutzen für den privaten Nutzer bewegt sich gegen Null [3]
    (B) die Plattform dient uns v.a. zwecks Triebbefriedigung
    (C) obwohl wir das wissen, bleiben wir trotzdem alle hier [von Kurzzeitabwanderungen zu Bluesky mal abgesehen]
    (D) um das böse Wort „Sucht“ zu vermeiden, reden wir stattdessen lieber von lebenslanger Kundenbindung.

    »Wo wirst du den ellenlangen Text veröffentlichen?«, fragt die alte Schulfreundin.
    »Auf Facebook«, antworte ich.
    »Damit du dich dann mit den Kommentatoren über deren Sucht zoffen kannst?«
    »Ja, auch.«
    »Dir ist echt nicht zu helfen mit deinem ständigen Facebook.«
    »Du meinst, da hilft bloß noch die dauerhafte Abstinenz?.«
    »Klar.«
    »So weit bin ich leider noch nicht.«
    »Ich weiß.«

    PS. kleiner Test zum Schluss: Wie lange schaffen Sie es, nicht in Social Media reinzugucken, ohne Symptome wie Unruhe, Appetitlosigkeit und gestörten Schlaf zu spüren? Ich tippe mal, spätestens nach 24 Stunden werden die meisten schwach und tun es wieder [sinnlos posten u kommentieren].
    +++

    [1] Genau genommen handelt es sich um den 20. Jahrestag der weltweiten (kommerziellen) Online-Schaltung. Die ersten, lokal eingegrenzten Gehversuche mit der Plattform wurden bereits 2003 unternommen.
    [2] auf Platz 1 steht übrigens „das Internet nutzen“
    [3] natürlich nutzt Facebook jemand. Nämlich dem Mutterkonzern Meta als immerwährende Gelddruckmaschine.

  • Facebook ist auch nur ne schlechte Angewohnheit

    Facebook ist auch nur ne schlechte Angewohnheit

    Facebook ist doof! überschrieb Heinrich Schmitz seine gestrige Kolumne, in der er der „Klugheit“ der Lösch-Algorithmen nachging. Mein Kolumnisten-Kollege stellte dabei ein eklatantes Ungleichgewicht zwischen der Indizierung von Nacktheit und Nonchalance bei Hassrede fest. Um am Ende zwei Fragen in den Raum zu werfen:
    (a) Ist die Plattform prüde?
    (b) Wird durch Facebook die Meinungsfreiheit gefährdet?

    Tittenphobie & Hausrecht

    (a) Lässt sich schnell beantworten: JA, Facebook ist superprüde. Jede blanke Titte, völlig egal, in welchem Kontext sie gezeigt wird, führt zu Löschung und zieht eine Sperre nach sich. Geschuldet dem puritanisch-verklemmten Erbe der Gründerväter der USA und vielleicht auch einer Tittenphobie des Facebook-Gründervaters. Darüber kann man sich als aufgeklärter, Tinto-Brass-Filme schon zum Frühstück schauender Europäer lustig machen; aber die Regel ist zumindest klar und eindeutig: KEINE Titten und KEINE Geschlechtsorgane! D.h. wenn ich mir sowas ansehen will, bin ich in Facebook verkehrt und muss in ein anderes Forum wechseln oder mir zu Hause einen alten VHS-Porno in den Videorekorder schieben.

    (b) Die Sache mit der Meinungsfreiheit ist hingegen komplizierter. Facebook ist ein privates Unternehmen und gibt sich sein eigenes Hausrecht. Damit fängt’s schon mal an. So lange diese sogenannten Community Standards nicht gegen Gesetze verstoßen, gelten sie nun mal, und wir Nutzer müssen uns – ob’s uns passt oder nicht – daran halten. Versuchen Sie mal in einem Veganer-Restaurant eine Original Kölner Currywurst mit Fritten zu bestellen oder beim Wiener Opernball im Jogginganzug den Blaue-Donau-Walzer zu tanzen: In beiden Fällen werden Sie von der Security umgehend vor die Tür gesetzt. Dieses Hausrecht nehmen auch Sie ganz selbstverständlich in Ihrem eigenen Profil für sich in Anspruch, wenn Sie bei Ihren „Freunden“ rote Linien ziehen und Kommentatoren, die beleidigen u/o politisch extrem sind, zuerst ermahnen und im Wiederholungsfall von Ihrer Freundesliste streichen. Falls Sie das tun. Also ich tue es und zwar mehrmals pro Woche. Weil ich die Meinungsfreiheit einschränken will? Eigentlich mehr aus dem Grund heraus, weil ich keine idiotischen Kommentare in meinem Profil lesen möchte, da mir die Menge an idiotischen Beiträgen und Kommentaren in anderen Profilen völlig ausreicht. Aber natürlich schränke ich damit die Meinungsfreiheit des Kommentators ein, was mir jedoch in meinem eigenen Profil egal ist.

    Facebooks Problem besteht allerdings gar nicht in einer Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern es ist genau andersherum: Es kann nahezu JEDE noch so irrwitzige Meinung gepostet werden, solange sie nicht gegen die Tittenverbot-Regel verstößt. Was in der Konsequenz zur Verbreitung absurder Verschwörungstheorien und Aufrufen & Verabredung zu gemeinsamen Straftaten führt. Ich übertreibe maßlos, sagen Sie? Machen Sie sich lieber schlau, wie die Sache mit den Rohingya in Birma begann und auf welcher Plattform der Irre von Christchurch seine Videos vom Massaker in den beiden Moscheen hochlud, antworte ich. Es wäre also durchaus wünschenswert, wenn Facebook mehr als weniger Kontrolle durchführte. Die Begründung, man sei als Plattform für die gezeigten Inhalte nicht verantwortlich, Facebook sei schließlich keine Zeitung oder TV-Sender, ist für mein Alter-weißer-Mann-Boomer-Rechtsverständnis noch irrwitziger als manch irrwitziger Querdenker-Post.

    Hauptsache viel Traffic

    Um einige hundert Millionen – falls diese Zahl überhaupt reicht – täglich neuer Beiträge seriös zu überwachen, braucht es zwingend Menschen. Algorithmen und Bots sind dazu nicht in der Lage. Die erkennen zwar Titten- und Pimmelbilder, können aber nicht unterscheiden, ob es sich dabei um eine Erotik-Session mit Micaela Schäfer oder die Venus von Milo handelt. Also doch lieber Menschen urteilen lassen. Menschen kosten aber. Und nichts scheut der Konzern so sehr wie Personalausgaben, die nichts mit Wachstum zu tun haben. Nicht von ungefähr sind die Content Moderatoren nicht bei Facebook direkt angestellt, sondern erhalten befristete Verträge über Zeitarbeitsfirmen. Die Entlohnung der Inhalt-Admins ist ein Witz im Vergleich zu den Software-Entwicklern. Jeder Vierte Content Manager muss 1x pro Monat auf die Couch des Betriebspsychologen, so heftig sind die Videos, die diese Mitarbeiter sichten müssen. Wer dachte, ihn kann nach Splatter-Movies nichts mehr schocken, hat noch keine Filmchen von exotischen satanischen Ritualen gesehen, die bei Facebook-Regisseuren – im Unterschied zu Hollywood – real und live sind.

    Das Geschäftsmodell „Gratisnutzung & Werbefinanzierung“ kann nur funktionieren, wenn möglichst viele User gleichzeitig möglichst lange in der Plattform verweilen. Damit wir möglichst lange verweilen, müssen wir marktschreierische Inhalte zu sehen bekommen. Je mehr menschliche Moderation und Kontrolle, desto weniger marktschreierische Inhalte, desto weniger User und in der Konsequenz sinkende Werbeeinnahmen. Von daher hat das Unternehmen keinerlei Interesse daran – Ausnahme: es wird durch gesetzlichen und öffentlichen Druck dazu gezwungen –, über das minimal Notwendige hinaus zu moderieren, kontrollieren und Hassbeiträge zu löschen.

    08/15-Narzissmus & der tägliche Adrenalin-Kick

    So wie sich nicht jeder virtuelle Hooligan auf die Meinungsfreiheit berufen kann, wenn sein verbaler Rülpser gelöscht wird, so sollten wir uns selbst hin und wieder hinterfragen, weshalb wir das tun bzw. uns das antun: Also ständig in sozialen Medien abhängen. Es gab ja auch ein Leben vor Facebook & Co. Also ICH hatte durchaus ein Leben zuvor und das war, trotz aller analoger Limitierung, jetzt nicht unbedingt weniger aufregend oder gar schlechter. Was treibt mich seit Oktober 2009 – in diesem Monat begann mein Sündenfall – jeden Tag aufs Neue in diesen ständig um sich selbst kreisenden Jahrmarkt der banalen Eitelkeiten? Mein 08/15-Narzissmus, krankhafter Mitteilungsdrang (bis hin zum Wahnsinn, dass ich anderen Fotos von meinem Abendessen zeige), entziehe ich mich der tristgrauen Realität durch Flucht in eine bunte Bilderwelt, will ich dazugehören (wozu eigentlich?), ist es Voyeurismus, Angst, was zu verpassen, wenn ich nicht alle paar Minuten nachschaue, ob es was Neues gibt? Um dann schulterzuckend festzustellen, dass das angeblich Neue letztlich jeden Tag in wiederkehrender Monotonie dasselbe ist: Katzenbilder (obwohl die weniger geworden sind und immer mehr durch Hunde und Zierfische abgelöst werden), Fotos vom Abendessen (nicht tot zu kriegen), triviale Sinnsprüche, wie man sie früher auf Abreißkalendern las, gephotoshopte Profilbilder älterer Damen, auf denen sie aussehen wollen wie die eigenen Töchter (erhalten übrigens erfahrungsgemäß mit Abstand die meisten Likes), Angebote, an Yoga- und Fitnesskursen sowie an allerlei dümmlichen Challenges teilzunehmen und Statements zu aktuellen und weniger aktuellen politischen Themen. Je reißerischer ein politisches Thema anmoderiert wird (z.B. „Corona ist auch nur ein Schnupfen“ oder „Corona-Leugner gehören alle in den Knast“), desto mehr Aufmerksamkeit, Erregung und Traffic erzeuge ich als Facebook-Autor. Und das ist ganz im Sinne der Konzernzentrale; jedoch habe ich als Facebook-Autor Nullkommanull davon; denn ich werde am aufgrund meines genialen Beitrags explodierenden Werbeumsatz prozentual leider nicht beteiligt. Von 100 Kommentaren und 50 Likes wird allerdings niemand dauerhaft satt. Das Geschäftsmodell funktioniert einzig für die Plattform, nicht jedoch für die Lieferanten der Inhalte.

    Zurück zur Ursachenanalyse meiner Abhängigkeit: Suche ich krampfhaft Anerkennung in Form von erhobenen Daumen, Herzen und Umarmungen? Oder geht’s mir eher um den Adrenalin-Kick? Gemäß der Social-Media-Weisheit: Nur, wer einen digitalen Tsunami überlebt, weiß, wie sich richtiges Leben anfühlt. Im Alter ersetzt der Shitstorm den Köpfer vom 10-Meter-Brett oder die Prügelei im Stadion mit den Fans der anderen Mannschaft. Egal auf welchem Weg: Hauptsache, Adrenalin durchströmt meine Adern.

    Will ich in Facebook der Frau fürs Leben begegnen, wissend, dass die Wahrscheinlichkeit, ihr hier über den Weg zu laufen, geringer ausfällt als die Chance, dass sich Angelina Jolie mit mir auf eine Feierabend-Coke-Zero verabredet?

    Vermutlich ist es von allem was.

    Meine 3 Regeln

    Sie sind definitiv zu viel in Facebook unterwegs. Ich habe meinen Konsum im Griff, weil ich mir im Gegensatz zu Ihnen, Herr Hirsch, feste Regeln gegeben habe, sagen Sie jetzt?
    Auch ich habe 3 feste Regeln, erwidere ich. So klappe ich Facebook (1) zwischen 23 und 7 Uhr zu, kein Facebook (2) im Schlafzimmer (3) und auf dem Klo. Wobei ich ehrlich gesagt schon mal mit einem Bild von mir auf dem Klo à la Der Dude in „The Big Lebowski“ geliebäugelt habe. Meine Kinder rieten mir davon ab und meinten: »Das wäre definitiv too much, Papa. Das will KEINER sehen«. Und bei sowas höre ich auf meine Kinder.

    Aber trotz meiner 3 festen Regeln habe ich keineswegs den Eindruck, dass ich den Konsum zu 100 Prozent im Griff habe. Gibt Tage, da kontrolliere ich Facebook, und es gibt (mehr) Tage, an denen Facebook mich kontrolliert. Die Diagnose für mein offensichtliches Abhängigkeitsverhalten ist schnell gemacht: Suchtverlagerung. Gottseidank vom Wodka bloß zu Facebook und nicht auch noch zu Twitter (zu hektisch), Instagram (zu viele Fotos und Hashtags), Youtube (bin viel zu faul, um jeden Tag ein neues Video zu drehen), Tiktok (ich weiß gar nicht, worum es da geht). Virtuelle Mono-Abhängigkeit nennt man das. Schlimm genug, aber immer noch besser als polytoxes Surfen. Arme Schweine, die 24/7 von Facebook zu Twitter zu Instagram und zurück zappen müssen. Wann schlafen diese Menschen? Pinkeln die in ihre Kaffeetasse, um den Schreibtisch nicht verlassen zu müssen und bloß nichts zu verpassen? Mit denen möchte ich echt nicht tauschen. Meine virtuelle Mono-Abhängigkeit ist zwar eine Krankheit, allerdings aus meinem Blickwinkel heraus weniger dramatisch als Wodka & Koks. Ich kann um 23.01 seelenruhig schlafen, träume (noch) nicht von gephotoshopten Bildern älterer Damen, die aussehen wollen wie ihre Töchter, wache nicht um 3 Uhr schweißgebadet auf und laufe zur Nachttankstelle, um Nachschub zu besorgen, zittere nicht beim Aufstehen, sondern erst eine halbe Stunde später, wenn ich die ersten 3 irrwitzigen Querdenker-Posts überflogen habe.

    Wie wär’s zur Abwechslung mit ElitePartner oder dem Besuch einer Selbsthilfegruppe?

    Während mir persönlich halbwegs klar ist, weshalb ich mir den Irrsinn täglich antue, sollten SIE sich selbst auch mal fragen, warum Sie das machen. Es ist doch für einen erwachsenen Menschen nicht normal, ständig in Sozialen Medien abzuhängen.

     Sie sind einsam und suchen nach einem Partner? -> Investieren Sie nen Fuffi und melden Sie sich bei ElitePartner an.
     Sie wollen sich möglichst breit informieren? -> Investieren Sie einen weiteren Fuffi und abonnieren 3 Tageszeitungen und 2 Politmagazine.
     Sie möchten die Welt an Ihrem Leben teilhaben lassen? -> Niemand interessiert sich für Ihr Leben.
     Sie wollen sich vernetzen? -> Warum, um Himmelswillen, muss man sich mit hunderten wildfremden Menschen vernetzen? 99% von diesen „Freunden“ würden Ihnen noch nicht mal 5 Euro borgen oder Ihnen was vom geposteten Abendessen abgeben.
     Sie möchten einfach Spaß haben? -> Das ist schon besser. Obwohl der Spaßfaktor von Facebook mMn arg begrenzt ist. Auf 1 lustigen Post kommen 46 mittelmäßige und 53 Müll-Beiträge.

    Würde Ihnen was fehlen, wenn Facebook heute Nacht explodiert? Also grundlegend was fehlen? Müssten Sie dann panisch zu Twitter oder Tiktok rennen, um ihre virtuelle Sucht zu befriedigen? Oder kehrte dann endlich analoge Ruhe in Ihren Alltag ein?

    Das mit der Explosion von Facebook ist zwar eine theoretische Frage, aber je nachdem, wie die Antwort ausfällt, sollten Sie überlegen, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen, um sich dort mit anderen Social-Media-Junkies auszutauschen und von denen zu lernen, wie Sie sich von dieser zeitraubenden Abhängigkeit befreien können.

    Letztlich ist es mit Facebook wie mit jeder anderen Sucht: Wenn man davon loskommen will, muss man den Weg der Abstinenz einschlagen. Fangen Sie mit diesen zwei Büchern an:

    Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst (Jaron Lanier)
    &
    Das Internet muss weg (Schlecky Silberstein).

    Sind beide flott geschrieben, und es steht erschreckend viel Wahres drin.

    Ob ICH mich heute in Facebook abmelden werde?
    Nein, werde ich nicht.
    Ich bekenne mich offen zu meiner schlechten Angewohnheit, rede mit meiner Psychologin darüber und habe hin und wieder Spaß damit (also mit Facebook, nicht mit der Psychologin. Obwohl: ab und an auch mit der Psychologin).

  • Mal wieder auf der Intensiv

    Mal wieder auf der Intensiv

    aus der Serie: Gesoffen wird immer

    Ein besonders trauriges Kapitel im Säuferleben stellen die Aufenthalte auf der Intensivstation dar. In die wird man immer dann gelegt, sobald der gemessene Promillegehalt die magische Zahl 4 überschreitet. Und zwar aus dem Grund heraus, weil für 80% der Menschen ab diesem Level akute Lebensgefahr – z.B. Organversagen – besteht. Für den geübten Trinker zwar nicht; aber das ist den Ärzten egal. Sie verfrachten uns trotzdem dorthin. Vermutlich auch aus einem erzieherischen Aspekt heraus, weil sie glauben, wer einmal eine Nacht fixiert auf der Intensiv verbracht hat, wird danach für immer dem Alkohol abschwören. Da irren sie sich allerdings gewaltig. Davon aber später. Erstmal will ich eine kleine Geschichte erzählen:

    Mal wieder auf der Intensiv

    Schläuche, überall Schläuche. Ich weiß, wo ich bin. Zwar nicht Ort und Zeit; aber den Raum erkenne ich sofort: eine verschissene Intensivstation. Stockdunkel, zweihundert LED-Lämpchen blinken nervös, ein Dutzend Apparate fiepen entsetzlich. Vermutlich mitten in der Nacht.

    Mein Schädel dröhnt, das Herz rast wie bei einem nicht enden wollenden 400-Meter-Lauf. Ich würde mich am liebsten übergeben. Den ganzen Dreck in einem Schwall auskotzen, mich sofort besser fühlen, aufstehen und nach Hause gehen. Das klappt nicht. Ich spüre noch nicht einmal das allergeringste Würgegefühl. Mann, ist mir elend zumute. Wie lange habe ich durchgesoffen: eine Woche, vierzehn Tage? Am Anfang war es Bier, danach Wodka und Doppelkorn. Zwischendurch mal ein Joint mit Tina. Süßer Qualm, der mich zum Husten reizt und Durchfall verursacht. Wo ist Tina überhaupt abgeblieben: liegt sie im Bett neben mir? Ich kann meinen Kopf nicht bewegen, um nachzuschauen. Alles dreht sich, wirbelt bunt durcheinander. Völlig egal. Tina ist ein zähes Mädchen. Die wird’s schon selbst packen; braucht keinen Aufpasser. Wir saufen manchmal zusammen, knutschen und fummeln ein bisschen und dann geht jeder von uns seiner Wege. Ist völlig autark, die Gute. Entwickelt sich nie zur nervenden Klette. Deshalb mag ich sie. Den Rest hat mir der Jägermeister gegeben. Widerliches Zeug. Die vierzig Kräuter sind es, die einen umhauen.

    Wie mag ich hierher gekommen sein: liegend oder zu Fuß? Hin und wieder schaffe ich es ja, mich bis ins nächste Krankenhaus zu schleppen. Ich kann mich an nichts erinnern. Kompletter Filmriss. Jetzt erstmal alles wurscht: Ich habe Durst, entsetzlichen Durst. Wo ist die gottverdammte Krankenschwester? Wollen sie mich hier heute Nacht einsam sterben lassen? Irgendwo muss der Alarmknopf sein. Normalerweise hinter mir. Ob ich es packe, Kopf und Arm in die Höhe zu hieven? Ich bin so platt, als ob mich ein Zehntonner überfahren hätte. Links schwillt irgendwas an. Die blöde Blutdruckmanschette. Ich hasse dieses Teil. Warntöne erklingen. Das ist gut, brauche ich nicht mehr nach dem dämlichen Schalter zu suchen. Ein Pfleger hastet herein, schaut auf das Messgerät: »170 zu 100. Puls 160 … Sind Sie endlich wach?«

    »Ja.«
    »Wie geht es Ihnen?«
    »Scheiße.«
    »Kann ich mir vorstellen.«
    »Kriege ich was?«
    »Was denn?«
    »Pillen.«
    »Nein, noch nicht.«
    »Was soll das heißen: noch nicht?«
    »Sie haben zu viele Promille. Frühestens in acht Stunden.«
    »Wollen Sie mich verarschen? Dann bringen Sie mir eine Pulle Wodka.«
    »Sie scheinen ein Spaßvogel zu sein. Das mag ich an euch Alkoholikern: Ihr seid immer zum Scherzen aufgelegt.«
    »Sehe ich aus, wie jemand, der einen Clown spielen will? Ich krepiere gleich, wenn Sie mir kein Valium bringen.«
    »So schnell sterben Sie nicht. Keine Sorge. Sind ja mit über fünf Promille zu Fuß hier reinmarschiert.«
    »Und dann?«
    »Haben Sie sich vor der Rezeption auf den Teppich gelegt.«
    »Oh weh.«
    »Ist Ihnen das peinlich?«
    »Nein. Völlig scheißegal. Ich will nur Tabletten gegen den Entzug haben. Alles andere interessiert mich nicht.«
    »Hat der Arzt nicht verordnet. Tut mir leid.«
    »Dann rufen Sie ihn. Schnell!«
    »Der schläft und will sicher nicht wegen zwei Pillen geweckt werden. Gedulden Sie sich ein paar Stunden und trinken Sie in der Zwischenzeit viel Wasser. Das reinigt den Körper.«
    »Ja ja. Schon gut. Hab’s verstanden.«

    Der bullige Kerl verschwindet im Dunkel des Korridors und lässt mich alleine zurück.

    Ich fühle mich entsetzlich. Der Schweiß bricht mir aus und läuft in dicken Bahnen vom Hals über die Brust bis zum Bauchnabel. Das Herz pumpt wie bei einem Triathlon. Mein Nervensystem ist derart gereizt, dass ich ein Wasserglas in der Hand zerspringen lassen würde. So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn man in die Hölle einfährt. Haben sie mich fixiert? Ich bewege vorsichtig Hände und Füße. Nein. Das ist sehr erfreulich. Im Zeitlupentempo stemme ich meinen Kopf nach oben. Ich habe noch Jeans und T-Shirt an. Und trage nicht das entwürdigende blaue Hemdchen. Sehr gut. Weiß der Himmel, weshalb sie mich nicht umgezogen haben. Mir soll es recht sein. Irgendjemand schnarcht im Nachbarbett. Ob das Tina ist? Nein, das Grunzen klingt männlich. Sie wartet wahrscheinlich draußen auf mich. Ich beginne, mich zu entstöpseln und die Schläuche rauszureißen. Kleine Blutfontänen spritzen. Alles halb so wild. Wird in einigen Minuten wieder aufhören. Mache ich ja schließlich nicht zum ersten Mal. Gleich werden Alarmglocken schrillen. Dann will ich aber schon auf dem Fußboden stehen und nicht mehr auf der Matratze liegen. Meine rechte Seite schmerzt höllisch. Ob ich da drauf gefallen bin? Fühlt sich an wie eine Mischung aus Schlag mit einem Baseballknüppel und Mega-Hexenschuss. Egal, ich muss raus aus diesem Bett.

    Die Sirenen heulen auf. Der Pfleger kommt erneut herein gespurtet.

    »Was tun Sie da, um Gottes Willen?«
    »Seh’n Sie doch. Ich verabschiede mich.«
    »Das können Sie nicht tun.«
    »Aber sicher doch. Mir geht’s schon wieder ausgezeichnet.«
    »Ohne Arzt lasse ich Sie nicht raus.«
    »Ich denke, der pennt. … Dann wecken Sie ihn. Sonst bin ich durch die Tür.«
    »Warten Sie bitte.«

    Er sprintet nach links. Ich zähle bis zehn und wanke nach rechts. Die Türen sind alle geöffnet. Glück gehabt: kein Hochsicherheitstrakt. So schlimm kann es nicht gewesen sein. Sonst hätten sie mich angebunden. Ich kenne das Spiel zur Genüge. In diesem Krankenhaus war ich schon mal. Eine Treppe runter, dann geradeaus, nach links und nun ohne Aufsehen durchs Foyer. Irgendjemand schreit, ich schaue nicht nach hinten. Ich bin im Freien. Niemand hat mich angehalten. Sehr gut! Jetzt rasch weg vom Gelände. Die rufen sofort die Polizei, wenn einer stiften geht. Ich stehe in verdreckter Jeans und kurzärmligen Shirt auf dem Parkplatz. Über und über mit Blut besudelt. Barfuß. Mist, habe die Schuhe in der Eile vergessen. Nicht mehr zu ändern. Stecken Kanülen im Handrücken? Daran erkennen sie einen nämlich schnell. Nein, alles oben schon abgerissen. Was für ein Glück, dass sie keinen Harnkatheter gesetzt hatten. Den hätte ich selber nicht entfernen können. Ich humpele fort in Richtung Fluss. Vom Ufer aus kann ich mich schlafwandlerisch orientieren.

    In meiner Hosentasche entdecke ich einen zerknüllten Zwanziger. Was für ein unglaubliches Schwein ich habe. Das sind locker fünf Bier und drei Flachmänner an der Nachttanke. Der Abend ist gerettet. Die Vorfreude auf den Alkohol vertreibt die schlimmsten Schmerzen. Mich fröstelt. Mitte Januar wird es abends ohne Jacke und Schuhe verdammt kalt. Besser frei und frieren als warm in Gefangenschaft. Ich beschleunige meine Schritte. Ich schiebe den Schein in den Schlitz und der Kassierer legt im Gegenzug Hansa-Pils und Billigfusel in die Metallklappe. Den ersten Nullzweier leere ich neben Zapfsäule 4. Binnen Sekunden durchströmt ein wohliges Wärmegefühl meinen Körper. Ausgehend vom Magen flutet es in die Adern und erreicht meine überreizten Synapsen im Gehirn. Das Zittern stoppt. Die Finger gehorchen wieder meinem Willen. Ich kippe zwei Dosen hinterher und spare mir den Rest für den langen Weg auf. Sind schätzungsweise drei Kilometer bis zu Tinas Wohnung quer durch den dunklen Park. Ob sie sich freut, mich wiederzusehen? Ich werde ihr einen Flachmann als Geschenk mitbringen. Und morgen: Wie soll es dann weitergehen? Egal, morgen ist morgen. Was soll ich mir jetzt den Kopf über die Zukunft zerbrechen? In einer Stunde werde ich auf Tinas Sofa liegen, zusammen mit ihr saufen und eine Runde vögeln.

    Ich werde auf einmal müde und setze mich auf eine Bank. Die Lider klappen runter. Bloß nicht im Freien einpennen, schwirrt es durch meinen Schädel: »Du wirst bei diesen Temperaturen erfrieren.« Letztlich alles egal. Irgendwann geht es eben zu Ende. Keine Party dauert ewig. Ich kippe seitlich weg ins feuchte Gras. In fünf Sekunden schlafe ich ein. Scheiße, nicht mehr bis zu Tina geschafft. Ob sie mich suchen und rechtzeitig finden werden? Mir wird schwarz vor Augen.

    Der Säufer gewöhnt sich im Verlauf seiner Trinkerkarriere an vieles, so auch an die Intensiv. Rund ein Drittel meiner klinischen Entzüge begann ich mit dem Umweg über diese Station. Die Aufenthaltsdauer dort schwankte zwischen einer Nacht, 24 Stunden bis hin zu drei Tagen. Festgebunden ans Bettgestell, Notdurftpfanne unter dem Hintern, gefüttert werden wie ein 100jähriger: Es gibt schönere Plätze als den Vorhof ins Jenseits. Und trotzdem schreckte mich die Aussicht auf diesen schauderhaften Ort nicht davon ab, weiter zu konsumieren und beim nächsten Absturz eventuell ein weiteres Mal hier aufzuwachen. Ich kam erst dann ins Grübeln, als mir die Ärzte glaubhaft versicherten, dass …*

    * davon berichte ich in der nächsten Kolumne (ja ja, ist ein fieser Cliffhanger)

  • Keine Angst vor Smartphone-Sucht

    Das Abendland wird untergehen, wenn wir nicht endlich unsere Smartphone-Nutzung einschränken! Zu dieser Einschätzung kann man kommen, wenn man manchen Berufsmahnern in den Medien Glauben schenkt. Vor allem die jungen Leute starren ja nur noch auf ihre Mobiltelefone und nehmen ihre Umwelt gar nicht mehr wahr. Sie reden nicht mehr miteinander, sondern surfen nur noch im Internet. Wo soll das nur hinführen?
    So reden nicht nur die ganz alten Leute oder offensichtliche Technik-Muffel, sondern inzwischen auch Wissenschaftler. Und wenn die uns schon warnen, dann muss es doch wirklich schlimm sein, oder?

    Ein Forschungsprogramm

    Schauen wir uns einmal ein aktuelles Forschungsprogramm zu diesem Thema an. An der Universität in Bonn kam Alexander Markowetz auf eine tolle Idee, um unser Nutzungsverhalten bezüglich der Smartphones zu erforschen. Man stellte eine App zum Herunterladen bereit, die alle Nutzungs-Aktivitäten am Gerät aufzeichnet und an einen Server sendet. Diese Daten haben Markowetz und seine Kollege dann ausgewertet und sind zu erschreckenden Ergebnissen gekommen: Drei Stunden am Tag nutzen wir unser Smartphone inzwischen! Das ist nur eine von vielen alarmistischen Behauptungen, die als Forschungsresultate inzwischen die Medien erreicht haben.

    Nun ist der Ansatz der Datenerhebung zunächst mal, nun ja, überraschend. Man stelle sich vor, man stellt sich etwa an einen Zigarettenautomaten und bittet jeden, der da Zigaretten zieht, mal seinen Tabakkonsum zu protokollieren. Kann man daraus ableiten, ob die Gesellschaft dem Tabak verfallen ist oder nicht? Wohl kaum.

    So ähnlich ist es auch hier. Als Probanden kommen zunächst mal nur Smartphone-Besitzer in Frage. Aber nicht nur das: Sie müssen auch von der Möglichkeit, diese Protokoll-App herunterzuladen, gehört haben. Sie müssen dazu bereit und in der Lage sein, die App herunterzuladen und zu installieren. Sie müssen eine gewisse Vertrautheit mit dem haben, was die App macht, damit sie nicht aus Misstrauen davon absehen, sich diese App zu laden. Und sie müssen ein gewisses Interesse an den Ergebnissen haben.

    Ein ganz gewöhnlicher Smartphone-Nutzer, der vielleicht telefoniert, SMS schreibt, hin und wieder gar nach dem Wetter schaut, wird das alles nicht tun. Und jemand, der gar kein Smartphone besitzt, natürlich schon gar nicht.

    Nichtssagende Ergebnisse

    Die Ergebnisse sagen also über das allgemeine Smartphone-Benutzungsverhalten in der Bevölkerung gar nichts. Sie sagen nur: Leute, die Smartphone-Apps nutzen, nutzen Smartphone-Apps.

    Die Studie, die die Wissenschaftler um Markowetz veröffentlicht haben, ist voll von solchen tiefschürfenden Erkenntnissen. Etwa: Extrovertierte Menschen nutzen WhatsApp mehr als introvertierte Menschen. Das klingt im wissenschaftlichen Englisch natürlich viel gewichtiger:

    From a perspective of a personality psychologist, we observed that Extraversion is of high importance in understanding WhatsApp usage. In keeping with earlier smartphone studies on Extraversion and call behaviour (e.g. [16], [20]), extraverts also use WhatsApp for longer durations compared with introverts. This was hypothesized, because extraverts usually reach out more often to their social networks than introverted individuals.

    Sollen wir sie spielen lassen?

    Natürlich könnte man sagen: Lass sie doch spielen, die Wissenschaftler an den Unis. Schließlich sollen die Studenten lernen, wie man Apps baut, außerdem haben sie ein bisschen statistische Methoden angewendet und ein sauberes Paper draus gemacht, das zur Veröffentlichung kam.

    Aber die Geschichte ist damit ja leider noch nicht vorbei. Denn mit ihren bahnbrechenden und zugleich so erschreckenden Erkenntnissen haben unsere tapferen Forscher sich an die Öffentlichkeit gewandt – schließlich will man sich mit aller Macht dagegen wenden, dass wir in Digitaler Demenz versinken. Schon vor einem Jahr erschien der erste Zeitungsbericht, und in den letzten Monaten kam Markowetz in fast allen seriösen Medien zu Wort.

    Dort fand man natürlich nichts über den fragwürdigen Forschungsansatz und die dürren Resultate. Stattdessen lesen wir da Warnungen vor der Smartphone-Sucht und kluge Hinweise, wie man sich vor ihr schützen kann. Wissenschaftler haben was festgestellt, etwas sehr schlimmes noch dazu, etwas, was uns alle betrifft und wovor man warnen, warnen, warnen muss. Wer wird da kritisch nachfragen.

    Ein Buch hat er geschrieben

    Fragen kann man natürlich, warum ein junger Juniorprofessor (in den Medien wird der Junior natürlich weggekürzt, damit wir nicht auf falsche Gedanken kommen) so plötzlich allen Medien Rede und Antwort steht. Ein Buch hat er geschrieben, der tapfere Kämpfer gegen die Smartphone-Sucht! Ein „digitaler Burnout“ drohe uns nämlich. Jawohl.

    Jetzt mal ganz ehrlich: Natürlich nutze ich (obwohl ich schon 50 bin) mein Smartphone mehrere Stunden am Tag. Das liegt daran, dass ich damit so vieles machen kann, wofür ich zuvor ganz verschiedene Dinge brauchte: Briefe schreiben, mich verabreden, Zeitung und Bücher lesen, spielen, Musik hören, nach der Uhrzeit sehen, Rechtschreibung und Wortbedeutungen und Übersetzungen nachschlagen. Dann kommt dazu, dass ich mit dem Smartphone auch in Situationen etwas Sinnvolles machen kann, in denen ich früher einfach rumstand oder herumsaß und wartete. Das ist für mich wahrlich kein Grund zum Weinen.

    Soll Markowetz sich über seine mediale Präsenz freuen, bestimmt schafft er es auch noch zu Anne Will. Soll er reich werden mit seinem Buch. Ich bin sicher: Die alarmistische Allianz aus Wissenschaftlern und Medien wird uns genauso erhalten bleiben wie die Techniker und Unternehmer, die uns immer mal wieder mit einem neuen Stück Technik eine Freude machen.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über das Wesen der Religionen.