Autor: Jörg Phil Friedrich

  • Richtig streiten #3: Die Struktur der Meinung

    Richtig streiten #3: Die Struktur der Meinung

    Was im Streit zum Gegenstand wird, ist eine Meinung oder eine Erwartung. Diese Wörter sind geeignet, das zu benennen, was umstritten ist, weil sie wichtige Merkmale des Strittigen sofort augenscheinlich machen: Meinungen und Erwartungen sind niemals direkt und unmittelbar überprüfbar. Sie betreffen oft Zukünftiges, im gewissen Sinne vielleicht immer Zukünftiges. Sie sind persönlich. Und sie sind, auch wenn wir ihrer ziemlich sicher sind, niemals ganz gewiss.

    Ein paar Beispiele:

    „Man kann nicht mal mehr der Tageschau voll vertrauen.“

    „Ich fürchte, der Trump wird auch die nächsten Wahlen gewinnen.“

    „Hoffentlich gibt es bald Neuwahlen und dann kommen endlich mal andere an die Macht.“

    Wenn wir mit Meinungen entsprechend des Prinzips der Nachsichtigkeit umgehen ist es Selbstverständlich, dass wir weder das Persönliche in diesen Meinungen ignorieren noch verlangen, dass es irgendwie aus den Meinungsäußerungen eliminiert werden muss. Nicht immer ist das Persönliche der Meinung schon im Satz ausdrücklich erkennbar, nicht immer steht da ein „Ich“ – aber wir können voraussetzen, dass eine Meinungsäußerung eben immer eine persönliche ist. Der erste Satz meiner Beispiele ist mit dem Satz „Ich meine, dass man nicht mal mehr der Tagesschau voll vertrauen kann“ identisch. Wenn man jemanden auf einen der Beispielsätze hin fragen würde: „Ist das deine Meinung?“ würde der wohl meistens antworten: „Ja natürlich!“

    Was ist eine Meinung?

    In der Geschichte der Philosophie hat die Meinung einen schweren Stand. Sie ist so etwas wie die kleine schmuddelige Schwester des Wissens. Oft spricht man von „bloßer Meinung“ und will damit sagen, dass die Meinung eine unbefriedigende, mangelhafte Form des Überzeugt-Seins ist.

    Bevor ich mich an eine Aufwertung der Meinung wage, müssen wir einen genaueren Blick auf die innere Struktur der Meinung werfen. Ich hatte schon gesagt, dass die Meinung etwas unhintergehbar Persönliches hat. Ich bin es, du bist es oder er ist es, der eine Meinung hat. Wenn man vom Wissen spricht, dann betont man gern seinen objektiven Charakter. Wissen ist etwas, das auch in klugen Büchern stehen kann, das gelernt werden kann und das – als Wissen der Menschheit – irgendwie ständig wächst. Es wäre ein anderes Unternehmen, diesen Begriff des Wissens kritisch zu reflektieren. Hier ist aber eines klar: So etwas ist Meinung nicht. Es ist immer Jemand, der eine Meinung hat. Auch wenn eine sagt „Wir meinen, dass…“ beansprucht sie damit, dass sie für eine Gruppe von Einzelnen spricht, die eben das meinen.

    Allerdings sprechen wir davon, dass eine Meinung „herrscht“ oder „verbreitet ist“. Zudem gibt es auch noch die berüchtigte Rede vom „man meint, dass…“. Wir wollen hier für den Moment annehmen, dass diese Ausdrucksweisen nur behaupten sollen, dass die genannte Meinung von vielen Menschen vertreten wird. Genau genommen kommt hier nur eine Meinung über Meinungen zum Ausdruck: Wenn eine sagt „Man meint im allgemeinen….“ dann will sie damit zum Ausdruck bringen, dass sie meint, dass viele andere etwas meinen. Um die Konsequenzen vor herrschenden Meinungen für den Meinungsstreit wird es im nächsten Teil dieser Serie gehen.

    Behauptung und Bewertung

    Meinungen sind also notwendig persönlich. Damit geht einher, dass eine Meinung auch immer eine persönliche Einstellung zu ihrem eigenen Inhalt zum Ausdruck bringt. Die Meinung ist persönlich moduliert, könnte man sagen. Eine Meinung ist immer eine doppelte Aussage: Sie behauptet einen Inhalt und bewertet diesen Inhalt zugleich. Das ist die wichtige Struktur der Meinung, sie ist gleichzeitig Behauptung und Bewertung.

    Das gilt auch, wenn Bob sagt: „Ich sage das mal ganz wertfrei“ oder „Das soll gar keine Bewertung sein“. Auf jeden Fall bestätigt eine solche Versicherung, dass eine Meinungsäußerung eben normalerweise immer eine Stellungnahme zum geäußerten Sachverhalt ist. Die Versicherung, die Meinung werde wertfrei vorgetragen, zeigt zudem, dass Bob die Sache zumindest nicht egal ist. Vielleicht ist er hinsichtlich der Bewertung noch unsicher, oder er befürchtet, dass Alice, der er seine Meinung mitteilt, sich in ihrer Antwort vor allem mit der Bewertung der Sache durch Bob, und nicht so sehr mit dem Sachverhalt selbst befasst.

    Der Begriff der Bewertung muss hier in einem sehr weiten Sinn verstanden werden. Es geht keineswegs nur oder immer darum, den Sachverhalt zu befürworten oder abzulehnen. Meinungen als Erwartungen drücken Sorgen oder Hoffnungen, Befürchtungen oder Wünsche aus. Häufig betrifft die Meinung etwas, das man für möglich hält. Ob der Sachverhalt tatsächlich bereits eingetreten ist, wird mit einer Meinung selten behauptet.

    Die Bewertung modifiziert den Behauptungsteil der Meinung, sie macht die Äußerung zu einer individuellen, persönlichen Mitteilung. Aus einer Aussage über die Wirklichkeit wird eine subjektive Sicht, aufgeladen mit den Vorstellungen des Sprechers von einer guten Welt und der Bewertung der tatsächlichen Welt. Es wäre unsinnig, zu versuchen oder zu fordern, diese persönliche Färbung oder Modulation aus einem Gespräch herauszuhalten oder zu eliminieren – die persönliche Sicht macht ja den Streit überhaupt notwendig und gibt ihm zugleich ein Ziel. Notwendig ist vielmehr, diese persönliche Perspektive ausdrücklich zur Sprache zu bringen und Einigkeit darüber zu erzielen, wie sich die bewertende Modulation auf den Umgang des Sprechers mit der Wirklichkeit auswirkt. Diese Einigkeit dürfte zumeist wichtiger sein als die Einigkeit über Tatsachen.

    Konkrete und allgemeine Behauptungen

    Um das genauer zu verstehen, müssen wir mögliche Strukturen von Meinungen hinsichtlich ihres behauptenden Aspekts genauer ansehen.

    Es gibt Meinungen, die einen konkreten Einzelsachverhalt betreffen, etwa die Wiederwahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten. Solche Meinungen können immer als Erwartungen aufgefasst werden, selbst wenn das Ereignis schon in der Vergangenheit liegen würde. Über die Wahl Donald Trumps bei der letzten Wahl kann natürlich kaum eine Meinungsverschiedenheit bestehen – er ist ja gewählt worden (Natürlich gibt es auf gewisse Weise auch dazu unterschiedliche Meinungen. Jemand könnte nämlich sagen: „Das kommt darauf an, was man unter „wählen“ versteht!“ – darauf kommen wir in einem späteren Teil dieser Serie zurück). Normalerweise haben wir eine Meinung bezüglich eines Ereignisses in der Vergangenheit, wenn wir über dieses Ereignis nichts Genaues wissen, aber erwarten, dass sich dazu etwas herausstellen könnte. Auch das ist also eine Erwartung. Alice kann der Meinung sein, dass Trump die Wahl manipuliert hat. Das bedeutet: Sie wäre nicht überrascht, wenn sich genau das herausstellen würde, im Gegenteil, sie wäre überrascht, und würde dies womöglich bezweifeln, wenn sich herausstellte, dass er die Wahl nicht manipuliert hätte.

    Allgemeine Meinungen

    Sodann gibt es Meinungen, die eine allgemeine Aussage über ein konkretes Subjekt machen. Bob könnte meinen, dass Trump ein Lügner ist, Alice könnte der Meinung sein, dass Merkel fleißig ist. Auch damit wird jeweils eine Erwartung formuliert, nämlich, dass man von Trump keine Wahrheiten und von Merkel keine Faulheit erwartet.

    Schließlich gibt es allgemeine Aussagen über bestimmte Klassen von Subjekten: Bob könnte der Meinung sein, dass Politiker keine Ahnung vom alltäglichen Leben der Bürger haben. Alice könnte der Meinung sein, dass die Medien die Wahrheit herausfinden und berichten wollen. Auch in diesen Fällen drückt sich eine Erwartung aus.

    An dieser Stelle muss ein wichtiges Merkmal allgemeiner Meinungen erwähnt werden, das in der herkömmlichen Logik schwer abzubilden ist: Sie sind keine All-Aussagen.

    „Trump ist ein Lügner“ bedeutet nicht, dass Trump immer lügt. „Politiker sind machtbesessen“ bedeutet nicht, dass alle Politiker ihre Handlungen nur am Erhalt und an der Erweiterung ihrer Macht ausrichten. Beide Sätze geben Auskunft über die Erwartungen des Sprechers: Von Trump erwartet er keine Wahrheit, von Politikern erwartet er nur Interesse an der Macht. Jeder Aussage von Trump wird er mit Misstrauen begegnen, in jeder Handlung eines Politikers wird er den Machtbezug suchen.

    Sollte ein Ereignis eintreten, dass die Erwartung nicht bestätigt, so wird damit die Erwartung oder die Meinung nicht falsch. Eine Erwartung stützt sich auch nicht ausschließlich auf Erfahrungen, sie ist kein induktiver Schluss. Erwartungen werden sowohl von Erfahrungen gestützt als auch von Vorstellungen darüber, wie die Wirklichkeit ist. Ihnen liegt sozusagen eine Modellvorstellung von Wirklichkeit zugrunde. Wie auch in den Wissenschaften, müssen diese Modelle nicht durch Erfahrung gestützt sein. Modelle können ganz der kreativen Erfindergabe eines Menschen entspringen, sie sind – für den Einzelnen oder für eine Gemeinschaft – plausible Vorstellungen darüber, wie die Wirklichkeit funktioniert. Wenn man einmal zu der Überzeugung gekommen ist, dass die Wirklichkeit so funktioniert, dass Politiker machtbesessen sind, dann wird man an dieser Erwartung festhalten, auch wenn man immer wieder Politikern begegnet, die auch aus anderen Beweggründen als ihrer eigenen Machterhaltung oder -ausdehnung handeln.

    Die Meinung als Hypothese

    Man sieht an diesen Unterscheidungen, dass die Möglichkeiten, Meinungen zu bestätigen oder zu bezweifeln sehr verschieden sind. Das werden wir in einer der nächsten Teile genauer ansehen. Noch eines fällt aber auf: Der behauptende Aspekt einer Meinung hat immer die logische Struktur einer Hypothese. Auch Hypothesen ergeben sich aus Modellvorstellungen und Erfahrungen. Man kann umgekehrt sagen: Hypothesen sind Meinungen ohne die Modulation durch eine Bewertung oder Stellungnahme. Ein Wissenschaftler sollte hinsichtlich seiner Hypothesen keine Sorgen oder Hoffnungen haben, das würde sein wissenschaftliches Arbeiten womöglich beeinflussen. Genauer gesagt: Wissenschaften sollten über Mechanismen verfügen, durch welche die Sorgen und Hoffnungen der Wissenschaftler hinsichtlich ihrer Hypothesen unwichtig werden.

    Das ist uns jedoch außerhalb der Wissenschaften nicht möglich, denn die Konsequenzen dessen, was unsere Meinungen sagen, betreffen uns. Wir können die Wirklichkeit, über die wir mit unseren Meinungen streiten, nicht mit bloßer Neugier einer Wissenschaftlerin nachdenken oder diskutieren – unser weiteres Leben, unser Zusammenleben in dieser Welt, die Frage, ob wir glücklich und zufrieden sein werden, hängt davon ab. Wir können deshalb den bewertenden Aspekt der Meinung nicht aus der Diskussion aussperren. Man kann sogar sagen, dass wir über unsere Meinungen gar nicht diskutieren würden, wenn sie nicht mit Sorgen oder Hoffnungen verbunden wären.

    So gesehen sind Meinungen für unser tägliches Zusammenleben viel wichtiger als Wahrheiten. Letztere können wir den Wissenschaften zur Klärung überlassen, aber über unsere Meinungen müssen wir streiten. Dabei ist sicherlich ein Aspekt, dass wir über den Wahrheitsgehalt dessen, was die Meinung behauptet, diskutieren müssen. Wir werden sehen, dass auch das nicht so einfach ist wie in den Wissenschaften. Meinungen werden nie zu Wahrheiten, auch wenn wir uns noch so sehr bemühen. Wichtiger aber ist, dass wir über die Berechtigung von Sorgen und Hoffnungen diskutieren müssen. Und das ist noch schwieriger.

  • Richtig streiten #2: Das Prinzip der Nachsichtigkeit

    Richtig streiten #2: Das Prinzip der Nachsichtigkeit

    Zum ersten Teil dieser Serie geht es hier.

    Vernünftig streiten heißt, die Frage nach dem Grund einer Meinung oder einer Erwartung zu akzeptieren und bereit zu sein, Gründe anzugeben. Das reicht aber noch nicht: Die Gründe müssen für den, dem sie gegeben werden, als Grund akzeptabel sein. Das heißt nicht, dass er ihnen zustimmen muss, dass er sie als richtig ansehen muss.  Sie müssen ihm nicht einleuchten, er kann sie bestreiten, aber sie müssen überhaupt als Gründe in Frage kommen. Sie müssen irgendetwas mit der geäußerten Meinung zu tun haben, was sie als Begründung in frage kommen lässt.

    Ein Beispiel: Alice sagt zu Bob, dass sie fürchtet, dass Donald Trump auch die nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA gewinnen wird. (Hinweis: dieser Text ist zuerst im November 2018 erschienen und wird hier unverändert wiedergegeben.) Bob fragt sie daraufhin, warum sie das befürchtet. Stellen wir uns folgende Antwortmöglichkeiten vor:

    „Ich habe heute Nacht geträumt, dass das passiert!“

    „Immer, wenn es zu den Midterm-Wahlen in Europa mild war, hat der amtierende Präsident die nächsten Wahlen gewonnen!“

    „Ich glaube, die Amerikaner sind einfach dumm!“

    „Obwohl der Trump so viel Mist macht, hat er so viele begeisterte Anhänger!“

    Es mag sein, dass Bob einige dieser möglichen Antworten als Begründung akzeptiert. Das bedeutet noch nicht, dass er ihnen zustimmt, dass sie ihn überzeugen. Ohne weitere Informationen über Alice und Bob ist es zudem schwer, zu entscheiden, welche dieser Antworten für Bob als Grund für Alices Befürchtung akzeptabel sind. Das hängt zunächst auch davon ab, wie nah Alice und Bob sich sind und was Bob bereits über Alice weiß. Begegnen sie sich zum ersten Mal in einer Facebook-Diskussion oder sind sie seit Jahren miteinander verheiratet und haben sie die letzten Abende miteinander verbracht? Im ersten Fall wird der Verweis auf den Traum irrational klingen, im zweiten Fall kann es sein, dass Bob sich daran erinnert, dass sie beide am Abend zuvor gemeinsam eine Fernsehsendung über die politische Situation in den USA gesehen haben.

    Notwendige Gemeinsamkeiten

    Daraus ergibt sich eine zweite These über das vernünftige Sprechen: Vernünftig ist, Gründe so anzugeben, dass man vermuten kann, dass der Adressat meiner Aussage den Grund als Begründung akzeptieren kann. Alice verhält sich vernünftig, wenn sie überlegt, welche Begründung Bob überhaupt verstehen kann. Zu ihrem Mann kann sie sagen: „Ich habe das geträumt“, weil der die Chance hat, diese Information so in sein Wissen über Alice einzubauen, dass der Traum als Grund für die Sorge verständlich wird. In einer Facebook-Diskussion wird dies fragwürdig sein.

    Wir halten an dieser Stelle mehrere Fäden in der Hand, die wir einzeln verfolgen müssen, um die Grundsätze des logischen Sprechens zu verstehen. Diese Fäden werden sichtbar, wenn wir die Situation des Ehepaars mit der der Facebook-Diskussion genauer vergleichen.

    Zunächst: Jede vernünftige Diskussion setzt voraus, dass die Teilnehmenden gewisse Gemeinsamkeiten haben (oder wenigstens vermuten, dass diese Gemeinsamkeiten bestehen). Vernünftig ist, sich bei einer Äußerung oder spätestens beim Begründen der Äußerung, diese Gemeinsamkeiten in Erinnerung zu rufen und wenigstens zu überlegen, ob auf Basis der Gemeinsamkeiten der Grund, den man angeben will, als Begründung akzeptabel sein kann.

    Dann: zumeist muss zwischen der Begründung und dem, was begründet werden soll, eine Brücke gebaut werden. Das Baumaterial dieser Brücke sind die Gemeinsamkeiten, die Bob und Alice haben. Die Brücke wird in unserem Fall von Bob gebaut, er schließt die Lücke zwischen der Begründung und der Aussage aus dem Fundus der Gemeinsamkeiten. Wie und warum das geschieht, werden wir später zu betrachten haben. Auf jeden Fall ist die Bereitschaft, sich am Bau dieser Brücke zu beteiligen, von der Diskussionssituation abhängig. In Facebook-Diskussionen mit Fremden wird sie weit weniger vorhanden sein, als unter guten Freunden.

    Schließlich: Die Frage nach dem Warum kann im Falle einer Befürchtung drei verschiedene Bedeutungen haben: Warum vermutest du das, was dir Sorgen macht? Warum macht es dir Sorgen? Und: Warum sprichst du die Sorge aus? In unserem Beispiel: Alice hat am Abend zuvor eine Sendung gesehen, die die Zustimmung zu Trumps Politik zeigt. Daher kommt es, dass sie seine Wiederwahl für möglich hält. Es macht ihr Sorgen, weil sie die Politik Trumps für gefährlich hält. Sie spricht darüber, weil sie hofft, dass Bob ihre Sorgen entkräften kann, weil sie mit ihm über Konsequenzen für ihr Leben reden will, oder weil sie einfach gern über Politik spricht. Gerade der letzte Aspekt ist wichtig, wenn wir Diskussionen mit Fremden und solche mit guten Freunden miteinander vergleichen. Oft meint man, dass Menschen, wenn sie mit ganz Fremden diskutieren, bestimmte Ziele der Beeinflussung verfolgen. In Diskussionen mit nahen Freunden sucht man hingegen vielleicht eher Klärung oder Anteilnahme.

    Das Prinzip der Nachsichtigkeit

    Wenn wir für ein vernünftiges Sprechen voraussetzen, dass sowohl der, der spricht und Gründe angeben soll, als auch der, der die Gründe fordert, gewisse Gemeinsamkeiten vermuten müssen, dann kommt ein weiteres Prinzip des vernünftigen Sprechens ins Spiel: Das der Nachsichtigkeit.

    Um zu verstehen, warum ich hier von Nachsichtigkeit spreche und was damit gemeint ist, muss kurz die Herkunft des Begriffs erläutert werden. In der Philosophie des 20. Jahrhunderts ist dieses Prinzip durch die Philosophen Willard Van Orman Quine und Donald Davidson bekannt geworden. Quine zitiert in Word and Object Wilson und kennzeichnet dessen Prinzip im Englischen als „principle of charity“. Diesen Begriff übernimmt Davidson in seinen Aufsätzen in dem Band Truth and Interpretation. Joachim Schulte, der beide ins Deutsche übersetzt hat, übersetzt „charity“ mit „Nachsichtigkeit“. Was ist aber wirklich gemeint?

    „charity“ kommt von „caritas“, und „caritas“ ist das lateinische Wort für das altgriechische „agape“. Agape ist die uneigennützige, schenkende Menschenliebe, das gegenseitige Wertschätzen, die Gewissheit, dass das gute Leben im gemeinschaftlichen Zusammenwirken gefunden wird, in dem jede und jeder Quelle eigener Erkenntnis ist. Agape ist auch das gemeinschaftliche Mahl, zu dem alle Speisen und Getränke mitbringen und sich gegenseitig bewirten.

    Ursprünglich ist also agape nicht das, was wir heute unter Caritas verstehen oder was wir meinen, wenn wir von Charity-Veranstaltungen reden, wo der Reiche großzügig dem Armen gibt. Agape ist ein Prinzip der Gegenseitigkeit. Auf den Erkenntnisprozess bezogen heißt es: Jede wahrhaftige Äußerung, wenn ich sie richtig verstehe, ist Quelle für meine Erkenntnis, Einsicht und für mein Verständnis der Sache.

    Quine geht es in Word and Object um die Frage, wie man Bedeutungen von Sätzen verstehen kann, die in einer fremden Sprache formuliert sind oder die (in meiner eigenen Sprache) einen Gebrauch von Wörtern machen, der mir unverständlich ist. Er schreibt: „Die durchaus vernünftige Annahme, die hinter dieser Maxime steckt, ist, dass die Dummheit des Gesprächspartners über einen bestimmten Punkt hinaus weniger wahrscheinlich ist als eine schlechte Übersetzung oder – im einzelsprachlichen Fall – abweichendes Sprachverhalten.“ (Wort und Gegenstand. Stuttgart 1980. Seite 115) Darauf folgt die Fußnote, die auf Wilson verweist und den Namen „principle of charity“ verwendet. Auf diese Stelle wiederum verweist Davidson, wenn er in seinen Aufsätzen das Konzept des „principle of charity“ eingehend betrachtet und weiterentwickelt.

    Genau daran knüpfe ich hier an. Wenn ich im Weiteren von Nachsichtigkeit spreche, ist nicht die Nachsicht des Klugen mit dem (noch) Dummen gemeint, sondern der bescheidene, demütige Umgang mit dem erreichten Stand des gegenseitigen Verstehens. Nachsichtig ist jeder dabei vor allem auch mit sich selbst. Nachsichtigkeit im Sinne von Agape bedeutet zudem, dass jeder den anderen als Spendenden versteht und am Gelingen des gemeinsamen Verstehens (wie eines gemeinsamen Mahls) mitwirken möchte. [1]

    Die Nachsichtigkeit ist mit der Wahrhaftigkeit verwandt, die im ersten Teil dieser Reihe eingeführt wurde. Wenn ich voraussetze und vermute, dass mein Gesprächspartner wahrhaftig ist, dass er nicht lügt und dass er das zu sagen beabsichtigt, wovon er wirklich überzeugt ist (oder was er vermutet, befürchtet, erhofft,…), dann folgt selbstverständlich, dass wir nachsichtig miteinander sein müssen, wenn wir Aussagen nicht verstehen oder seine angegebenen Gründe nicht akzeptieren können. Nachsichtigkeit bedeutet, dass jede beteiligte Person versucht, die Brücke zwischen Begründung und Aussage zu bauen, die fehlt, um den Grund als Begründung verstehen und akzeptieren zu können. Nachsichtigkeit bedeutet, dass wir die Gemeinsamkeiten suchen oder erst herstellen, die fehlen, um die Verbindung zwischen Grund und Aussage herzustellen. Wie das vernünftig möglich ist, wird in den nächsten Folgen zum Thema werden.

    Das Prinzip der Nachsichtigkeit umfasst aber mehr als das Schließen der Lücke zwischen der geäußerten und gehörten Meinung und ihrer Begründung. Es bedeutet vor allem auch zu versuchen, in jeder Äußerung und auch in der Art der Äußerung den gemeinten Sinn zu verstehen. Ein Beispiel:

    Alice sagt: „Politikern kann man nicht trauen.“ Und gleich darauf verkündet sie: „Die Angela Merkel ist ein ehrlicher Mensch, der vertraue ich.“[2]

    Ohne das Prinzip der Nachsichtigkeit würde Bob hier möglicherweise darauf hinweisen, dass die beiden Sätze sich widersprechen und würde darauf bestehen, dass Alice ihre Formulierungen so abändert, dass dieser Widerspruch verschwindet. Da Bob aber dem Prinzip der Nachsichtigkeit folgt, wird er erkennen können, dass gerade in diesen beiden Sätzen zusammen, die ja beide Meinungen von Alice zum Ausdruck bringen, eine vernünftige, begründbare Sicht von Alice auf die politische Wirklichkeit zum Ausdruck kommt. Diese Sicht kann am besten in zwei Sätzen zum Ausdruck gebracht werden, die widersprüchlich erscheinen, wenn man sie auf formale Logik zu reduzieren versucht. In einer Logik der Meinungen und des alltäglichen Gesprächs sind die Sätze aber sinnvoll miteinander vereinbar.

    Wir werden uns diese Logik, die man sicherlich als nachsichtiger Gesprächspartner auch intuitiv erfassen kann, noch detaillierter ansehen. Hier mag es genügen, sich zu vergegenwärtigen, dass der erste Satz, als Erwartung verstanden, bedeutet: „Jedem Politiker, von dem ich zum ersten Mal etwas höre, begegne ich mit Misstrauen.“ Während der zweite Satz verstanden werden kann als „Angela Merkel hat sich bisher auch als Politikerin als vertrauenswürdig erwiesen und ich hoffe, dass das so bleibt“. Bob als nachsichtiger Gesprächspartner wird vielleicht nachfragen, ob Alices Aussagen auf diese Weise miteinander zu vereinbaren sind. Er wird aus beiden Aussagen zusammen erkennen, dass Alice von Politikern grundsätzlich keine Ehrlichkeit erwartet und wohl auch der Meinung ist, dass vernünftig ist, Politikern zu misstrauen, dass sie gleichwohl Fälle gelten lässt, in denen Vertrauen möglich und angemessen ist. Aus den widersprüchlich erscheinenden Aussagen kann Bob über die reinen Tatsachenbehauptungen hinaus einiges weitere über Alice lernen, was für das weitere Gespräch zu politischen Themen wertvoll sein wird: Alice würde sich wünschen, dass Politiker ehrlicher sind, und sie hält das nicht für ausgeschlossen, wie sie bei Angela Merkel zu sehen meint.

    Nachsichtig sein heißt keineswegs, dem Gesprächspartner Widersprüchliches oder Unverständliches einfach durchgehen zu lassen, weil man ihm nicht wehtun will oder keinen Streit provozieren möchte. Es bedeutet, zunächst einmal anzunehmen, dass das, was widersprüchlich klingt, gerade durch die widersprüchliche Formulierung einen Sinn hat, der sich in Aussagen, die keine Widersprüche enthalten, nicht ohne weiteres ausdrücken lässt. Wenn man diesen Sinn nicht versteht, kann man nachfragen, und wenn man ihn zu verstehen glaubt, aber nicht sicher ist, ebenfalls. Ebenso gehört zur Nachsichtigkeit, für Schlussfolgerungen, die man nicht nachvollziehen kann, nach den fehlenden Gemeinsamkeiten zu suchen, bevor man den Zusammenhang ganz verwirft.

    „Richtig streiten“ gibt es auch als Buch, weitere Informationen dazu auf der Website des Claudius-Verlages.

    [1] Lesenswert ist dazu der Paragraph 13 von Willard Van Orman Quines Buch „Wort und Gegenstand“, welches als Reclam-Band erschienen ist, sowie der Aufsatz-Sammelband „Wahrheit und Interpretation“ von Donald Davidson, erschienen als Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.

    [2] Ein ähnliches Beispiel führt Catherine Z. Elgin in ihrem neuen Buch „True Enough“ (Seite 21f) an: Eine Person kann aus ihrer bisherigen Erfahrung und aus allem, was sie bisher gelernt hat, davon überzeugt sein, dass alle Schlangen giftig sind und trotzdem akzeptieren, dass die Strumpfbandnatter, der sie in Maine begegnet, harmlos ist. Sie kann sich dazu bringen, darauf zu verzichten, jedesmal um Hilfe zu rufen, wenn sie ein solches Tier sieht. Ihre Meinung über Schlangen überhaupt stellt sie deshalb nicht in Frage (was auch vernünftig ist). Und vermutlich wäre sie auch nicht überrascht, wenn jemand eines Tages von einer Strumpfbandnatter gebissen wird und tot umfällt. Elgin liefert in ihrem Buch eine umfassende Beschreibung von Arten, etwas als gegeben anzunehmen. Dabei kann es einige Dinge geben, von denen man sogar weiß, dass sie falsch sind, die man aber trotzdem akzeptiert, weil sie den Erkenntnisprozess voranbringen (bestimmte Modelle in den Wissenschaften z.B.)

  • Richtig streiten #1: Das begründete Sprechen

    Richtig streiten #1: Das begründete Sprechen

    Es wird viel gestritten, in Talkshows, bei Facebook, in der Familie und unter Freunden. Es geht um alles Mögliche, um die Umwelt oder das nächste Urlaubsziel, um den amerikanischen Präsidenten, das Bedingungslose Grundeinkommen, die Dieselfahrverbote. Um den leeren Kühlschrank oder den vollen Mülleimer. Vor allem wenn es um Politik geht, kommt die Frage, wie wir streiten, ins Spiel. Irrational zu sein, nicht logisch zu argumentieren, ist dann ein oft gehörter Vorwurf. Dem politischen Gegner wird gern unterstellt, die Regeln der Logik zu verletzen, nicht rational zu argumentieren. Es hat den Anschein, als gäbe es irgendwo ein Regelwerk, an welches sich jede Person halten müsste und könnte, die an einem Streit teilnehmen will – und wer sich nicht an diese einfachen Regeln hält, der ist auch nicht berechtigt, mitzureden. Schließlich soll der Streit zwar engagiert, aber am Ende doch konstruktiv sein. Und um konstruktiv zu sein, so meint man, müssen sich alle an die Regeln der Logik halten.

    Logik ist in dieser Sicht eine alte und gut begründete Wissenschaft, die zudem durch jeden, der für sich beansprucht, vernünftig zu sein, erlernt und angewandt werden kann. Logik als Wissenschaft ist Mathematik, und ihre Regeln sind so glasklar vernünftig und zwingend wie die der Addition und Multiplikation. Wer sich nicht selbst die Mühe machen will, die Anwendung dieser Regeln zu lernen, soll wenigstens auf die Experten hören, die das können, soll ihnen vertrauen und im Übrigen schweigen.

    Die Artikel-Reihe, die mit diesem Text beginnt, wird diese einfache Sicht der Dinge fragwürdig machen. Kurz gesagt, behaupte ich hier, dass die einfache Logik für die meisten Bereiche, um die wir engagiert streiten, gar nicht anwendbar ist. Unsere praktische und gesellschaftliche Welt gehorcht nicht klaren mathematischen Regeln, weder denen einer simplen formalen Aussagenlogik, noch denen einer ausgefeilten Argumentationslogik. Zwar können all die durchdachten Regelsysteme hilfreiche Orientierung geben um die Realität zu durchschauen. Sie können uns sozusagen als einfache Beispiele dienen, so wie wir mit Puppen und Teddybären als Kinder Schule oder Vater-Mutter-Kind gespielt haben und damit einen ersten Eindruck davon bekamen, wie unser Zusammenleben strukturiert ist. Aber die einfachen Beispiele und Regeln lassen sich nicht einfach auf die Welt anwenden und schon gar nicht können wir sie als Werkzeugkasten in einer realen Diskussion verwenden um irgendwen von einer Wahrheit zu überzeugen. Sie sind weder zur Beschreibung eines möglichen rationalen Diskurses geeignet, noch als Normen, nach denen die Teilnehmer des Diskurses sich zu richten hätten, wenn sie beanspruchen, am Gespräch teilzunehmen.

    Deshalb ist es auch absurd, die Einhaltung und Beachtung dieser Regeln zur Voraussetzung für die Teilnahme an einer Diskussion zu machen. Vernünftig ist immer nur die Beachtung einer Logik, die dem Problemkreis, um den sich das Gespräch dreht, angemessen ist. Die Einhaltung einer Logik zu fordern, die nicht angemessen ist, ist hingegen unvernünftig.

    Meinungen und Erwartungen

    Ich werde versuchen, ein paar Elemente der Logik des alltäglichen Gesprächs zu finden, vor allem, wenn sich dieses Gespräch um politische Standpunkte, Befürchtungen, Wünsche und Handlungsoptionen dreht. Solche Äußerungen werde ich im Weiteren als Erwartungen oder Meinungen bezeichnen. Diese Begriffe sollen zum Ausdruck bringen, dass es sich nicht einfach um Überzeugungen über den Zustand der Welt handelt, sondern dass die Person, die sie äußert, dazu auch Stellung bezieht. Auf der anderen Seite beziehen sich die meisten Meinungen als Erwartungen nicht auf die Gegenwart, sondern auf die Konsequenzen des Gegenwärtigen für die Zukunft. Sie sind deshalb nur selten durch direkte Beobachtung zu beweisen oder zu widerlegen.

    Tatsächlich werden diese Ergebnisse der folgenden Betrachtungen auch normativen Charakter haben: Da die meisten von uns vernünftig sein wollen, kann man auch von ihnen verlangen, vernünftig zu sein. Aber die Vernunft zeigt sich eben nicht im Einhalten von Regeln, die sich eine Wissenschaft ausgedacht hat, auch wenn diese Wissenschaft alt und auf einigen Gebieten auch erfolgreich ist.

    Was das alles genau besagt, wird sich erst im Laufe der Kolumnen-Beiträge zeigen. Es gehört zur Logik der Sache, dass wir nicht systematisch aufbauend vorgehen können, sondern uns sozusagen von einem unklaren Vorverständnis und einer intuitiven Einsicht aus in Kreisen immer wieder erneut den Kerngedanken der Logik, die wir für gesellschaftliche und praktische Fragen brauchen, annähern können.

    Die Bereitschaft, zu begründen

    Was heißt überhaupt Logik? Was ist Rationalität? Kurz gesagt, es geht um das begründete und begründende Sprechen. Ich sage etwas: Es mag eine Behauptung, eine Sorge, ein Wunsch, eine Vermutung oder eine Bitte sein. Auf meine Meinung oder Erwartung  kann mein Gegenüber eine Begründung fordern. Die erste These über die Logik als begründetem Sprechen lautet: Zur Rationalität gehört es, die Forderung nach Begründungen zu verstehen, zu akzeptieren und zu versuchen, ihr zu genügen. Als vernünftiger Mensch verstehe ich, dass jemand „Warum?“ fragt, wenn ich eine Meinung oder Erwartung äußere.

    Wer auf die Frage nach dem Warum seiner Bitte, Überzeugung oder Sorge nur antwortet „Das ist eben so!“ oder „Weil ich das so will!“ oder „Weil ich das eben weiß!“ ist genauso wenig vernünftig wie jemand, der antwortet „Das weiß doch jeder!“, „Wie kannst du daran zweifeln!“ oder „Weißt du es etwa besser?“ Vernünftig ist, auf die Frage nach dem „Warum“ einen Grund anzugeben, den der, der fragt, als Grund verstehen und akzeptieren kann. Die Weisen, solche Gründe zu formulieren, sind durch die Logik festgelegt, der die Personen folgen, die da miteinander sprechen.

    Man sieht schon, dass Logik eine Sache der gemeinsamen Akzeptanz von Wegen des Begründens ist. Wer meint, die richtige Logik zu besitzen und diese irgendwie einem anderen aufdrängen zu können, verhält sich streng genommen schon unlogisch. Er muss die Vorteile seiner Art, Begründungen zu geben, ja erst erweisen. Und wie könnte er das besser tun, als in der Sache zu argumentieren und den anderen zu überzeugen – nicht in erster Linie davon, dass seine Schlussweisen die „richtigen“ sind, sondern in der Sache, um die es in der Diskussion geht, die gerade geführt wird.

    Viel mehr braucht es nicht, um vernünftig zu sein. Aus der Beobachtung tatsächlicher erfolgreicher Diskussionen können wir einige Charakteristika einer vernünftigen Logik ableiten. Das werde ich in den nächsten Teilen dieser Serie versuchen. Dabei werden sich die Grenzen aber auch die Möglichkeiten des Reflektierens über Logik und Rationalität zeigen.

    Wahrhaftigkeit

    Das ganze Unternehmen hat nur eine Voraussetzung: Wir nehmen an, dass die Teilnehmer der Diskussion, die wir verfolgen, wahrhaftig sind. Wir vermuten, dass sie, wenn sie etwa eine Überzeugung formulieren, tatsächlich von dem überzeugt sind, was sie sagen, dass sie, wenn sie eine Sorge zum Ausdruck bringen, tatsächlich besorgt sind, dass sie, wenn sie einen Wunsch oder eine Hoffnung formulieren, tatsächlich das wünschen oder hoffen, was sie so benennen. Genau genommen heißt das nicht, dass sie es auch „wirklich sagen“ – denn was wirklich gesagt wird, kann ja schon wieder Gegenstand von Unklarheiten und Missverständnissen sein. Wahrhaftig bedeutet nur, dass derjenige, der spricht, beabsichtigt, das auszudrücken, was er meint und erwartet.

    Wir gehen also davon aus, dass niemand lügt oder täuscht. Die Logik der Lüge zu formulieren wäre eine andere Herausforderung, die ich hier nicht annehmen will. Natürlich wissen wir nicht, ob jemand vielleicht lügt – ich werde darauf zurückkommen, ob es vernünftig ist, so etwas zu vermuten. Aber ich beginne mit der Annahme, dass alle, die sich an einem Gespräch beteiligen, wahrhaftig sind.

    Fortsetzung: Richtig streiten #2: Das Prinzip der Nachsichtigkeit

    „Richtig streiten“ gibt es auch als Buch, weitere Informationen dazu auf der Website des Claudius-Verlages.

  • Müssen wir über die Verfassung diskutieren?

    Müssen wir über die Verfassung diskutieren?

    In einer Zeit, in der viele beklagen, dass die Demokratie in Gefahr gerate und fordern, dass sie und das Grundgesetz verteidigt werden müssen, mag es befremdlich klingen, wenn jemand Kritik an eben diesem Grundgesetz und den Institutionen, die durch die Verfassung definiert sind, übt und darüber nachsinnt, dass eine neue Verfassung geschrieben werden müsse. Sind nicht Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung, der Bundespräsident und natürlich über allen das Bundesverfassungsgericht Garanten der Demokratie? Sägt nicht, wer Reformen dieser Institutionen fordert, am lebendigen Baum der Demokratie zu einer Zeit, in der ohnehin schon die Feinde der Demokratie an ihm rütteln und zerren und Gift über seine Wurzeln und Blätter ausschütten?

    Die Geschichte von der guten Verfassung

    Wer so denkt, hat wohl ungefähr folgendes Modell im Sinn: über viele Jahrzehnte funktionierte die parlamentarische Demokratie, wie sie im Grundgesetz definiert wurde, ganz ausgezeichnet. Alles war gut, alle waren glücklich und zufrieden. Dann kamen, man weiß nicht woher, die Feinde der Demokratie. Und die schafften es, man weiß nicht wie und warum, mit Tricks und Demagogie, eine ganze Menge von den zufriedenen und glücklichen Leuten unzufrieden und unglücklich zu machen, sodass die plötzlich anfingen, die Feinde der Demokratie zu wählen – was natürlich gefährlich für die Demokratie ist.

    Da diese einfache Geschichte nun doch etwas zu einfach klingt, brauchte sie doch noch einen Schuldigen, eine Ursache dafür, dass das so funktionierte. Diese Ursache ist das Internet, die Sozialen Medien, und natürlich die Bösewichter, die da die Mächtigen sind. Die gaben den Demokratiefeinden die Möglichkeit, all diese bisher zufriedenen Menschen zu manipulieren und unzufrieden zu machen. Unerklärt bleibt da zweierlei: erstens, warum erstens nur die Bösen im Internet, in den Sozialen Medien so erfolgreich sind, obwohl die Sache doch – Stichwort Web 2.0 – so partizipativ und demokratisch gestartet war. Müsste nicht, wenn die Menschen mit der parlamentarischen Republik so zufrieden sind, diese glückliche Zufriedenheit sich auch in den Sozialen Medien ausbreiten? Zweitens, warum die Mächtigen, die doch eigentlich von der parlamentarischen Demokratie ganz gut profitiert hatten, plötzlich auf die Idee kommen, diese ganze Demokratie abschaffen zu wollen. Welchen Grund sollten sie haben, nun plötzlich böse politische Ziele zu unterstützen, wo sie doch mit tollen Geschäftsmodellen auch ganz unpolitisch im Internet viel Geld verdienen können.

    Man kann nun viele weitere Ursachen einführen, um die unplausible Geschichte zu retten und doch noch plausibel zu machen, Amerika, Sozialpsychologie und vieles weitere. Man kann aber auch innehalten und sich fragen, ob die Geschichte vielleicht schon am Anfang etwas Falsches erzählt.

    Repräsentative Demokratie ohne Repräsentation

    Schaut man auf die Entstehungszeit des Grundgesetzes, der Bundesrepublik und der Etablierung der politischen Institutionen, dann bemerkt man, dass sich eigentlich kaum jemand für die genaue Struktur dessen, was da entstand, interessiert hat. Aber es ging bergauf, wirtschaftlich und auch im persönlichen Bereich, also konnte das, was da in der Politik entstand und passierte, nicht völlig falsch sein. Zudem hatte man immer einen freien Blick auf den unfreien Osten Europas, gegen den es in der westlichen Hemisphäre natürlich wirklich weit demokratischer und freier zuging, vom viel schneller wachsenden Wohlstand ganz zu schweigen. Solange die Politik das tat, was nötig war, um Freiheit, Sicherheit und Wohlstand zu mehren, war es eigentlich egal, wie sehr man in der repräsentativen Demokratie wirklich repräsentiert wurde.

    Die Überzeugung, dass alles gut und richtig eingerichtet war und dass das Gebilde mit Recht eine Demokratie genannt werden konnte, herrschte dabei auf beiden Seiten, sowohl in der politischen Klasse, innerhalb derer die Macht ausgehandelt und immer wieder neu verteilt wurde, wie auch in der weitgehend unpolitischen Bevölkerung, die sich „die Politik“ eher von Außen ansah und in regelmäßigen Abständen die Neuverteilung der Macht durch Wahlen beeinflusste.

    So bemerkte zunächst kaum jemand, wie sehr sich politische Klasse und unpolitische Bevölkerung voneinander entkoppelt hatten, wie schwach die Verbindungen, über die politische Stimmungen und Verständnis für politische Veränderungen hin und her transportiert werden konnten, geworden waren.

    Das änderte sich allmählich, als die Politik begann, sich mit neuen Herausforderungen zu befassen, allen voran dem Klimawandel, aber auch den Folgen der Globalisierung. Zudem traten neue politische Akteuere dazu, die neue Themen mitbrachten, welche zuvor weitgehend unbeachtet geblieben waren: Geschlechtergerechtigkeit, sexuelle Identitäten, Minderheitenschutz.

    In der politischen Klasse dachte man, man könne diese Themen genauso angehen wie alle bisherigen Themen, man könne sie politisch innerhalb der bestehenden politischen Strukturen lösen und aushandeln und die Bevölkerung würde schon mitmachen. Ein Teil dieser Bevölkerung war dazu auch bereit, andere dachten vermutlich zunächst, es ginge sie nichts an. Was nun aber problematisch wurde, ist, dass es eben die ganze Zeit ein Repräsentationsproblem gab: weder wurde in die politischen Prozesse durch die Repräsentanten hineingetragen, dass die Unzufriedenheit mit den Veränderungen wuchs, die als Problemlösungen auf den Weg gebracht wurden, noch waren diese Repräsentanten in der Lage, ihren Wählern die Notwendigkeit der Veränderungen zu vermitteln und Akzeptanz herzustellen.

    Verfassungsdiskussion bevor es zu spät ist

    Um es noch einmal deutlich zu sagen: das Problem der mangelnden Repräsentanz in real existierenden repräsentativen Parlamentarismus bestand von Anfang an, es wurde über Jahrzehnte nur lange Zeit nicht virulent. Deshalb ist es so schwer, dieses Problem nun radikal, an der Wurzel anzupacken.

    Und das bedeutet: man muss die Verfassung so ändern, dass es eine wirkliche Repräsentation gibt, dass die weitgehend unpolitische Bevölkerung sich im politischen Prozess durch ihre Repräsentanten – die Abgeordneten, welche durch den Gesetzgebungsprozess die Leitplanken der Politik bestimmen – wirklich repräsentiert fühlen. Das bedeutet dann keineswegs, dass diese Repräsentanten schlicht das tun, was „die Wähler“ wollen. Sie sind dazu da, in Vertretung der Wähler, die Herausforderungen zu durchschauen und vertretbare Lösungen zu finden – vertretbar ist hier wörtlich zu nehmen: Sie müssen in der Lage sein, das, was sie im Parlament ausgehandelt und beschlossen haben, gegenüber ihren Wählern wirklich zu vertreten.

    Und nun ist die Frage: Wie müsste die Verfassung geändert werden, damit das möglich ist? Was hat denn in der Verfassung dazu geführt, dass in der Praxis das Repräsentationsproblem entstand? Welche Regeln müssen und können gefunden werden, damit Repräsentation real ist und zugleich die wirklich existierenden Herausforderungen gemeistert werden können?

    Das ist der Sinn einer Verfassungsdiskussion, die heute geführt werden muss. Wie die Dinge liegen, wird man das nicht in kurzer Zeit schaffen und es bleibt zu hoffen, dass es gelingt, Lösungen zu erarbeiten und breit zu diskutieren, bevor das bestehende System unter seinen Widersprüchen zusammengebrochen sein wird und in einem allgemeinen Chaos vielleicht etwas entsteht, was dann mit freiheitlicher Demokratie gar nichts mehr zu tun hat.

     

  • Ostermontag – Hinaus aus der Stadt

    Ostermontag – Hinaus aus der Stadt

    Zufällig ist in den letzten Tagen eine kleine Feiertagsserie bei den Kolumnisten entstanden, begonnen hat Chris Kaiser am Palmsonntag, Gründonnerstag hat Matthias von Schramm übernommen, gefolgt von Ulf Kubanke am Karfreitag. Gestern war am Ostersonntag Chris Kaiser noch einmal dran, und diese Ostermontagskolumne bildet nun den Schluss.

    Ich bin an einem Ostermontag geboren worden. Allerdings war das für mich nichts Besonderes, denn in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, wurde der Ostermontag als gesetzlicher Feiertag bald nach meiner Geburt abgeschafft – was allerdings nichts damit zu tun hat, dass meine Geburt auf diesen Tag fiel. Es ist eigentlich erstaunlich, dass ich immer gewusst habe, dass ich an diesem zweiten österlichen Feiertag das Licht der Welt erblickt habe, denn einerseits, wie man weiß, ist so ein Geburtstag im ersten Frühlingsmonat keineswegs jeder Jahr in Feiertagsnähe und andererseits bin ich in einem sehr atheistischen Land in einer sehr atheistischen Familie zu einem sehr atheistischen Menschen herangewachsen, der mit Ostern keinerlei religiöse Gefühle verband und der den Ostermontag deshalb auch nicht vermisst hat.

    Nachdenken über Religion

    Wann ich angefangen habe, mich mit den christlichen Feiertagen und den Geschichten, die mit ihnen verbunden sind, zu beschäftigen, weiß ich nicht mehr. So richtig erwacht ist mein religiöses Interesse erst mit meinem Philosophiestudium, bei der Beschäftigung mit der Religionsphilosophie. Ich begann, darüber zu spekulieren, wie man sich einen Gott überhaupt denken kann, wie ein Gott mit unserem Erleben der Welt zusammenpassen könnte. Eine Beschäftigung, die schließlich darin mündete, dass ich das Buch „Der plausible Gott“ geschrieben habe, und die zunächst natürlich nichts mit den christlichen Feiertagen zu tun hatte. Allerdings passte in meine Überlegungen sehr gut, dass Autoren – nicht nur die der Bibel, aber auch die – von einem göttlichen Geist inspiriert sein könnten, und dass das erklären könnte, warum manche Geschichten, eben auch die der Bibel, uns über einen Zeitraum von Jahrtausenden immer noch „etwas sagen“ können.

    Was an den biblischen Texten ja so erstaunlich ist, sind diese Geschichten, die mit bestimmten Tagen im Jahr verbunden sind und die jedes Jahr wieder dazu einladen, über existenzielle Aspekte des menschlichen Lebens nachzudenken. Ostermontag ist da keine Ausnahme, auch wenn das Geschehen dieses Tages, welches da gefeiert wird, den meisten Menschen nicht so präsent ist wie die Ereignisse in der Heiligen Nacht, am Karfreitag oder gar am Ostersonntag.

    Was geschah an diesem Montag nach der Auferstehung?

    Zwei der Jünger Jesu hatten Jerusalem, den Ort des Leidens und der Niederlage, verlassen und waren voller Trauer auf dem Weg. Zwar wussten sie schon, dass das Grab leer war und dass die Frauen erzählt hatten, Jesus sei ihnen erschienen, aber offenbar glaubten sie es nicht. Ein Fremder schloss sich ihnen an und fragte nach dem Grund ihrer Traurigkeit. Sie waren irritiert, dass er offenbar über die Ereignisse der letzten Tage in Jerusalem nichts wusste und erzählten ihm, was geschehen war. Er, natürlich war es der auferstandene Jesus, den sie nicht erkannten, erklärte ihnen, warum der Menschensohn dieses ganze Leid ertragen musste.

    Im nächsten Ort luden die beiden den Fremden zum Essen ein, und als er das Brot brach, erkannten sie Jesus plötzlich, der aber im gleichen Moment verschwand. Sie eilten nach Jerusalem zurück und erzählten den anderen Jüngern von ihrer Begegnung mit Jesus.

    Diese Ostermontagsgeschichte ist, wie viele anderen Geschichten der Bibel, ein Geschehen, das symbolisch steht für vieles, was uns Menschen charakterisiert, hier für unseren zweifelnden und blinden Umgang mit der Realität. Was andere erzählen, glauben wir schon mal nicht, wenn wir es für unglaublich halten, selbst wenn diese Leute gute Freunde sind und eigentlich vertrauenswürdig. Und wenn wir in unseren Überzeugungen auch emotional tief gefangen sind, dann erkennen wir die Wirklichkeit nicht, auch wenn sie uns vor Augen steht.

    Vor allem aber ist an der Ostermontagsgeschichte bedenkenswert, in welchem Moment die Wahrheit dann doch offenbar wird: nicht Worte und lange, beeindruckende Erklärungen überzeugen, sondern die einfache, sichtbare, physische Handlung, das Brechen des Brotes – daran erkennen sie ihren Freund und das macht ihnen schlagartig sichtbar, dass er es ist.

    Osterspaziergang

    Darüber kann man heute beim Osterspaziergang sinnieren, und es heißt, dass der Osterspaziergang überhaupt an diese Wanderung der beiden Jünger am Ostermontag erinnern soll. Pass auf, liebe Leserin, wem du heute begegnest, achte auf seine Worte, aber vor allem auf seine Hände, auf das, was er tut – vielleicht erkennst du jemanden, auf den du nicht mehr gehofft hast. Heute oder an einem anderen Tag.

  • Bundespräsident und Bundesverfassungsgericht

    Bundespräsident und Bundesverfassungsgericht

    Letzte Woche hat Frank-Walter Steinmeier, der Bundespräsident der Republik, es mal wieder in die Medien geschafft, weil er eine Rede gehalten hat, die der Politik der Bundesregierung, nun ja, widersprochen hat. Das hat sogleich, wenn auch nur kurz, die Debatte wiederbelebt, die um dieses Amt seit der Verabschiedung des Grundgesetzes schwelt und immer mal wieder aufflackert, wenn auch ohne irgendeine Wirkung zu erzielen: Was soll dieses Amt überhaupt.

    Die Rolle des Bundespräsidenten

    Das Grundgesetz sieht für den Präsidenten des Bundes fast nur eine protokollarische und eine repräsentative Funktion vor, die weitgehend verzichtbar erscheint und von anderen Spitzenämtern der Verfassungsorgane, ein bisschen vom Kanzler, ein bisschen vom Bundestagspräsidenten und ein bisschen vielleicht sogar vom Präsidenten des Verfassungsgerichts miterledigt werden könnte. Jedenfalls ist es kein Amt, das einen einflussbewussten Menschen ganz ausfüllen könnte.

    Einige haben deshalb versucht, das Amt deshalb als moralische Instanz oder als Motivationstrainer der Nation zu nutzen, was immer ein Balanceakt ist, weil bislang noch jede Ruck-Rede von irgendeiner politischen Seite instrumentalisiert oder zurückgewiesen wurde. Die politische Herkunft der bisherigen Präsidenten, die sie zumeist klar einer Position im politischen Spektrum zuordnen ließ und die Tatsache, dass Präsidenten zumeist ihre Wurzeln im politischen System nicht durchtrennen konnten, schadeten zudem ihrem überparteilichen oder gar überpolitischen Anspruch.

    Gesucht: eine sinnvolle Aufgabe

    Bleibt die Frage, ob es einen sinnvollen Platz im politischen System für das Amt des Bundespräsidenten geben könnte, den das Grundgesetz bislang unbesetzt gelassen hat und der aber sinnvoll zu besetzen wäre. Und diesen gibt es.

    Schon heute hat der Bundespräsident zwei Aufgaben, die über Repräsentation und Protokoll wie auch über moralisch aufmunternde Worte eines Bundestrainers hinausgehen: Er übt das Gnadenrecht aus und prüft, ob die Gesetze, die er unterzeichnet, nach den Vorschriften des Grundgesetzes zustandegekommen sind. Die Prüfkompetenz für Bundesgesetze ist indirekt definiert durch Artikel 82 GG der besagt, dass die „nach den Vorschriften dieses Grundgesetzes zustande gekommenen Gesetze … vom Bundespräsidenten nach Gegenzeichnung ausgefertigt und im Bundesgesetzblatt verkündet“ werden. Wie weit die Prüfkompetenz des Präsidenten da geht ist umstritten, das ist an dieser Stelle aber auch nebensächlich. Es zeigt jedenfalls, dass das Amt des Bundespräsidenten die Kompetenz einer gewissen Überwachung der anderen Verfassungsorgane ist, ob sie denn in den Grenzen und nach den Vorschriften des Grundgesetzes agieren.

    Das klingt vielleicht überraschend, weil man doch meinen kann, dafür sei das Bundesverfassungsgericht da. Der Bundespräsident kann aber, wenigstens grundsätzlich, schon eingreifen, wenn das Gesetz noch gar nicht gilt, seine Unterschrift ist der letzte Haltepunkt, der das Inkrafttreten noch stoppen kann.

    Wer überwacht das Bundesverfassungsgericht?

    Diese Funktion des Präsidenten als Prüfer des Handelns der Verfassungsorgane, die an der Gesetzgebung beteiligt sind, lenkt nun den Blick auf eine Leerstelle, die das Grundgesetz gelassen hat. Denn es gibt ein Verfassungsorgan, das bisher keinen Prüfer über sich hat: das Bundesverfassungsgericht. Zwar kann das Parlament, wenn es mit den Entscheidungen des Gerichts nicht zufrieden ist, das Grundgesetz selbst ändern. So ist es z.B. im NPD-Verbotsverfahren geschehen: Nachdem das Gericht den Verbotsantrag abgelehnt hatte, hat das Parlament einen Passus ins Grundgesetz eingefügt, nach dem dann erfolgreich immerhin die staatliche Parteienfinanzierung für die NPD gestrichen werden konnte.

    Interpretationen des Grundgesetzes, die das Gericht vornimmt, kann aber niemand erfolgreich zurückweisen. Die können vielleicht in der Rechtswissenschaft diskutiert werden, aber wenn das Gericht „gesellschaftsverändernde Grundentscheidungen“ trifft, „die das Grundgesetz neu lesen“, wie es die Rechtswissenschaftlerin Angelika Nußberger[1] konstatiert, dann gibt es keine Instanz, die eine Überprüfung und Revision dieser Entscheidungen veranlassen und verbindlich organisieren kann. Die Politikwissenschaftlerin Ingeborg Maus sprach schon vor 20 Jahren davon, dass das Gericht „den Status einer Gerechtigkeitsexpertokratie gegenüber den demokratischen Willensbildungsprozessen der Gesetzgebung in vorparlamentarischen und parlamentarischen Kontexten gewinnt.“[2]

    Hier könnte nun dem Bundespräsidenten eine neue, wichtige Aufgabe zuwachsen. Er könnte als die Instanz bestimmt werden, an die andere Verfassungsorgane, etwa der Bundestag oder die Regierung, Anträge zur Überprüfung von Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts stellen. Natürlich wird der Präsident eine solche Überprüfung nicht allein durchführen und schon gar nicht wird er eine abschließende Entscheidung treffen können. Er kann aber die Kompetenz bekommen, einen solchen Prozess zu organisieren und zu moderieren.

    Konkret könnte das so aussehen, dass der Präsident im Falle eines solchen Antrags zunächst öffentliche Anhörungen von Sachverständigen veranstaltet, aus denen ein Bild von der verfassungsrechtlichen Beurteilung der Experten entsteht. Auf dieser Grundlage könnte der Präsident die Sache dann an den anderen Senat des Bundesverfassungsgerichts zur erneuten Verhandlung zurückverweisen.

    Allein die Tatsache, dass es ein solches Prüfverfahren gibt, würde das Bundesverfassungsgericht womöglich davor bewahren, allzu „(entscheidungsmacht)erweiternde Auslegungen des GG“[3] vorzunehmen. Der Schweizer Staatsrechtler Giovanni Biaggini hat darauf hingewiesen, dass es „kein Gericht ohne institutionelles Gegengewicht“[4] geben sollte. Für das deutsche Bundesverfassungsgericht könnte dieses Gegengewicht beim Bundespräsidenten liegen.

    [1] Angelika Nußberger: „Das Grundgesetz und die internationale Staatengemeinschaft“. In: 75 Jahre Grundgesetz. Nomos 2025. Seite 202. Nußberger nennt hier etwa die „sexuelle Orientierung“, die das Gericht als ungeschriebenes Diskriminierungsverbot in Artikel 3(3) GG hineininterpretiert habe, das „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“, sowie die Mitumfassung des „dritten Geschlechts“ in „Geschlecht“ in Artikel 3(3) GG.

    [2] Ingeborg Maus: Über Volkssouveränität. Elemente einer Demokratietheorie. 3. Auflage, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2011. Seite 62.

    [3] Angelika Nußberger: Juristische Vollkaskoversicherung – Verfassungsinterpretation aus deutscher Sicht. In: Verfassungsinterpretation. Dike Verlag 2025. Seite 13.

    [4] Giovanni Biaggini: Grundrechsinnovation in einem System von checks and balances. In: Verfassungsinterpretation. Dike Verlag 2025. Seite 141.

  • Rechts-konservative und Links-progressive Moral

    Rechts-konservative und Links-progressive Moral

    Das politische Spektrum wird heute gern zwischen Links und Konservativ aufgespannt, was komisch klingt, weil das Gegenstück zu Links eigentlich Rechts wäre. Komischerweise will aber keiner Rechts sein. Das Gegenteil zu Konservativ wäre, wenn Konservativ etwas mit „Bewahren und Erhalten“ zu tun hat, vielleicht „Progressiv“, jedenfalls irgendwas mit Veränderung.

    Fortschreiten und Festhalten

    Progressiv klingt toll, wer will nicht progressiv sein, fortschrittlich und der Zukunft zugewandt. Seit Jahrhunderten denkt man sich, dass Veränderung und Entwicklung etwas Gutes ist und jeder will dabei sein. Natürlich sind auch die Konservativen oft sehr progressiv, sie befeuern den technischen Fortschritt und die Globalisierung und die weltweite Modernisierung und da ist dann die Frage, ob die Progressiven, die die Linken sein wollen, eigentlich auch diesem Fortschritt so begeistert folgen.

    Also konzentrieren wir uns lieber auf die gesellschaftlichen und die kulturellen Dinge, da ist die Sache auf den ersten Blick einfacher: Die Progressiven, die sich dann meist auch als Linke bezeichneten, wobei viele natürlich auch beanspruchen, eigentlich Mitte sein zu wollen, die meinen, dass die Welt sich ändern muss, dass die Gesellschaft eine andere werden muss, dass sich unser Umgang miteinander und der mit der Natur ändern muss, dass kulturelle und moralische Normen sich ändern müssen.

    Die Konservativen, die aus unerfindlichen Gründen nicht rechts, sondern Mitte sein wollen, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist, sie sehen keine Notwendigkeit der Änderung, weil eigentlich alles in Ordung ist, die Gesellschaft, die Moral, die Kultur.

    In einer Gesellschaft, die sich nunmal aber ohnehin immer verändert, wollen die Konservativen allerdings nicht, dass alles bleibt, wie es ist, sondern dass es wieder so wird, wie es mal war. In der Unzufriedenheit mit der Gegenwart sind sich Konservative und Progressive sogar einig, den Progressiven gehen die Veränderungen nicht weit genug, die Konservativen wollen alle Veränderungen rückgängig machen. Die Konservativen haben den Progressiven gegenüber den Vorteil, dass sie meinen, ihr Ideal zu kennen, sie können sich dran erinnern. Die Progressiven hingegen haben nur das Ideal, die Vision, eine Vorstellung von einer besseren Welt. Ob die wirklich besser wäre, ist ungewiss.

    Aber die Konservativen täuschen sich natürlich auch, denn auch ihre Erinnerung ist ja ein Ideal, eine Idealisierung. Sie wollen oft zu etwas zurück, was es nie gab. Vermutlich wollen die Progressiven hingegen etwas schaffen, was es nie geben wird. Eigentlich wollen beide die Welt verändern, beide natürlich zum Besseren und beide in Richtung eines vermutlich unerreichbaren Ideals.

    Der Unterschied ist, dass die Konservativen meinen, dass die Welt schon mal gut war, sie benötigen deshalb keine neuen Normen, keine neue Moral, sie meinen, dass ihre Moral, die sie ja aus der Vergangenheit übernommen haben, schon völlig in Ordnung sei. Die Progressiven hingegen finden, dass die Welt bisher eigentlich immer schlecht war, dass die bisherige Moral dazu geführt hat, dass die Welt noch immer schlecht ist, und dass es deshalb eine neue Moral braucht.

    Wo ist die Heimat der Moralapostel?

    Chris Kaiser war in ihrer Kolumne vor gut einer Woche irritiert davon, dass ich kurz zuvor geschrieben hatte, im linken, progressiven Spektrum würde man erwarten, dass Politiker moralische Vorbilder seien. Sie vertrat die Meinung, die Heimat der Moralapostel sei doch eher der konservative Teil der Gesellschaft. Das mag ja sein, genauer, Moralapostel sind wohl hier wie dort unterwegs, man unterscheidet sich nur darin, was man für moralisch gut hält. Die Konservativen haben eben eine konservative Moral, die progressiven eine progressive. Wobei nicht ausgemacht ist, welche von beiden dem Einzelnen die größere Freiheit gewährt, denn offensichtlich schränkt jede Moral die Freiheit auf irgendeine Weise ein.

    Mein Punkt war aber ein anderer, und der wird aus dem oben Gesagten nun auch verständlich: Die Konservativen sind ja der Meinung, dass sie die richtige Moral schon haben, einschließlich aller Freiheiten, etwa des ungezügelten Fleischkonsums, des zu schnellen Autofahrens. Sie brauchen und wollen keine Politiker, die besser sind als sie selbst. Alles, was sie sich selbst erlauben, gestatten sie natürlich auch den Politikern, dass er so sei wie sie selbst und so, wie auch die früheren schon waren, ist ihnen Garant dafür, dass er auch die Welt, die Kultur und die Moral so lässt, wie sie ist, oder so wieder herstellen will, wie sie mal war.

    Die Progressiven aber brauchen eben Vorbilder, sie brauchen den besseren Menschen an der Spitze, in der Öffentlichkeit – und möglichst nicht nur an der Spitze der eigenen progressiven Bewegung, sondern, so die Idee, sie wollen, dass alle Politiker und jeder, der irgendwie die Öffentlichkeit moralisch beeinflussen könnte, die Moral der Zukunft verkörpert. Das aber ist in einer Demokratie zu viel verlangt. Mögen die Progressiven an ihr eigenes politisches Personal die Anforderung stellen, dass sie Vertreter der angestrebten zukünftigen Moral seien, den Konservativen aber müssen sie es lassen, dass deren Politiker eben auch die Moral der Vergangenheit vertreten – auch wenn sie noch jung sind. Denn auch Junge können konservativ sein.

  • Habermas-Bashing: Faul, dumm und stolz darauf

    Habermas-Bashing: Faul, dumm und stolz darauf

    Selten zeigte sich die Dummheit im Netz so selbstbewusst wie an diesem Montag, an dem die Zeitungen voll waren von Nachrufen auf Jürgen Habermas und von Analysen seiner Bedeutung für die öffentlichen Debatten der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten. Auf die ausführlichen Würdigungen folgten bald tausende Postings von diesem und von jenem, die zum Besten gaben, dass sie ja niemals ein Wort von dem, was Habermas geschrieben hat, verstanden haben, und die sich sicher gaben, dass auch sonst niemand den Habermas, wie auch den Adorno und den Heidegger je verstanden habe, weil da ja auch gar nichts zu verstehen sei, weil das ja alles nur Gefasel, Geschwätz, verdrehtes Geschwurbel sei.

    Was ich nicht verstehe, muss unverständlich sein

    Es war wirklich erstaunlich, mit welcher Selbstgewissheit da Leute, die vorgaben, selbst Sozialwissenschaften, Politik oder ähnliches studiert zu haben, damit prahlten, dass sie nichts von dem, was sie da im Studium von diesen Leuten lesen mussten, je verstanden haben. Natürlich ist es nicht so selten, dass Studenten nicht wirklich verstehen, was sie als Prüfungsstoff doch pauken und dann im richtigen Moment herbeten und aufsagen können müssen. Auch Mathematik- und Physikstudenten kennen dieses Problem: sie pauken irgendwelche Sätze, lernen auswendig, wie sie die zusammenbringen sollen, trainieren einen Formalismus des Aufeinanderfolgens irgendwelcher Sätze und sind froh, wenn drei Wochen nach der Prüfung niemand mehr danach fragt. Aber keiner von ihnen wird später mit seinem Nichtwissen prahlen – allenfalls damit, trotzdem die Prüfung bestanden zu haben. Jedem ist klar, dass es nicht an Newton, Einstein, Bohr oder Heisenberg liegt, dass sie die Theorie nicht verstehen, sondern an ihnen selbst.

    Von einem Geisteswissenschaftler aber verlangen die Studierenden, dass er ihnen die Theorie in leichter Sprache serviert. Und sie meinen, dass diese Light-Version dann tatsächlich das Gleiche ist wie das, was Denker wie Kant, Hegel, Heidegger oder Habermas in ihren Hauptwerken entwickelt haben. Bestärkt werden sie darin von Karl Popper, der sich zwar auch immer beklagt hat, dass die, die ihm widersprochen haben, ihn bloß nicht verstehen, der aber in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ in schön einfachen Sätzen den Faulenzern und Ignoranten die Ausreden geliefert hat: Alles müsse man eben auch einfach ausdrücken können. Eine Meinung, die der junge Wittgenstein bekanntlich auch vertreten hatte, und für die er genauso geliebt wird von denen, die zu faul sind, komplexe Zusammenhänge und Theorieentwicklungen nachzuvollziehen, und die natürlich gern ignorieren, dass Wittgenstein das später beharrlich revidiert hat.

    Es ist anstrengend

    Aber die Dinge sind nun mal nicht einfach, schon gar nicht so simpel, wie ein Karl Popper es sich gedacht hat, und sie sind vor allem nicht einfach zu formulieren in einer Sprache, die mit Vorurteilen und missverständlichen Begriffen durchsetzt ist. Physiker, Chemiker und Mathematiker haben ja bekanntlich den Vorteil, dass sie sich einfach eine neue Sprache erfinden können, mit klaren Bedeutungen und Definitionen – Geisteswissenschaftler müssen nun mal eine Sprache benutzen, die auf Anhieb so aussieht wie die Alltagssprache, sie müssen an die Bedeutungen der Wörter anschließen, die die in dieser Alltagssprache haben, müssen Sätze hinschreiben, die die unpräzise und intuitive Logik des Alltags in sich tragen und müssen mit denen die komplexe Logik ihrer Gegenstände entwickeln, beschreiben und zu fassen kriegen.

    Das ist anstrengende Arbeit, und das Ergebnis kann man nur verstehen, wenn man sich selbst anstrengt, wenn man sich auf das einlässt, was der Denker da entwirft, wenn man seinen Denkweg mitgeht. Aber das ist offenbar zu viel verlangt von vielen, die meinen, dass man ihnen die Welt in verdaulichen, einfach handhabbaren Häppchen zu präsentieren habe. Das Schlimme ist, dass diese Leute inzwischen in den Lehranstalten selbst zu Lehrern geworden sind. Sie schreiben ihren Studenten die einfachen Merksätze hin – mehr noch, sie präsentieren der Öffentlichkeit gleiches in Sachbüchern, in Radio-Interviews, in Talkshows und Vorträgen. So entsteht der Eindruck, dass die Welt wirklich so einfach wäre, dass es keiner Anstrengung bedürfte, sie zu verstehen. Und wenn man sie doch nicht versteht, dann hat man ja die Experten, die einem alles „einordnen“ wie das neue Zauberwort der öffentlichen Debatte heißt, in denen die bescheidwissenden Experten dem schaudernden Publikum Bescheid geben, das verkünden, was sie wissen müssen, um das zu tun, was die Experten als das notwendige erkannt haben.

    Und dazu gehört natürlich das abfällige Lästern über die großen Denker, die nun zum Glück alle tot sind, die es sich selbst nicht leicht gemacht haben und die es ihren Lesern und Zuhörern nicht leicht machen konnten. Ihnen unterstellt man nun, dass sie sich ja nur so kompliziert ausgedrückt haben, um klug dazustehen und die anderen dumm dastehen zu lassen. Es ist genau umgekehrt: Sie haben gezeigt, wie schwierig alles ist und dass man es nur halbwegs durchschauen kann, wenn man die Anstrengung nicht scheut. Heute stehen die dumm da, die meinen, alles sei einfach – uns sie merken es nicht.

  • So klappt‘s mit dem konservativen Wähler

    So klappt‘s mit dem konservativen Wähler

    Gestern wurde in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit ein neuer Ministerpräsident gewählt. Selten war vorab so klar, dass die Wähler mit ihrer Entscheidung für oder gegen die Grünen und für oder gegen die CDU unmittelbar über den Regierungschef des Landes bestimmen würden, denn schon lange ist klar, dass diese beiden Parteien miteinander in eine Koalition gehen und durch die Wahl nur noch geklärt werden musste, ob Özdemir von den Grünen oder Hagel von der CDU diese Rolle übernimmt.

    Es bleibt Spekulation, ob dem CDU-Mann die Videos, die von grünen Bundestagsabgeordneten und Unterstützern in den letzten paar Wochen lanciert wurden, eher geschadet oder genützt haben. Möglich ist natürlich, dass sie am Ende der CDU tatsächlich die letzten paar Zehntel zum Sieg gekostet haben. Deshalb ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, in welche Richtung die Wählerstimmen verloren gegangen sein könnten.

    Die Empörung über das, was da zu sehen war, dürfte sich auf Leute beschränkt haben, die ihr Kreuz ohnehin nicht bei der CDU gemacht haben. Dass potentielle CDU-Wähler wegen dieser Videos und wegen der folgenden Reaktionen zu den Grünen gewechselt hätten, ist schwer vorstellbar. Ein Schaden kann den Konservativen überhaupt nur entstanden sein, wenn Wähler sich aufgrund der Entschuldigungen, die Hagel vorgebracht hat, der AfD zugewandt hätten. Das ist durchaus möglich, und das dürften die Initiatoren dieser „Enthüllungen“ auch einkalkuliert haben.

    „Rehbraune Augen“ – nachsichtig interpretiert

    Gerade deshalb lohnt es sich, heute, da die Wogen um den konkreten Fall sich wieder geglättet haben und durch nichts, auch nicht durch diese Kolumne, das Wahlergebnis noch beeinflusst werden kann, über die Dynamik solcher Empörungsprozesse nachzudenken und zu analysieren, was über den Wahltag hinaus davon bedenkenswert bleibt.

    Hagel hat vor ein paar Jahren also in einem Gespräch mit einem Regionaljournalisten für eine regionale Sendung, die auch noch „Auf ein Bier mit…“ hieß und in einer Kneipe aufgenommen worden war, seinen Auftritt in einer Realschule als Beispiel für gelungene Kommunikation zwischen Politiker und Bevölkerung genommen. Er hatte das eingeleitet mit dem Hinweis, dass es für einen Politiker schlimmere Termine gibt als einen Morgen in einer Realschulklasse mit 16jährigen, von denen 80% Mädchen sind. Sodann schildert er die erste Wortmeldung, die er damit einleitet, dass er noch weiß, dass das Mädchen Eva hieß, braune Haare und rehbraune Augen gehabt habe.

    Entsprechend den geläufigen Empörungs-Standards war diese Erzählung sexistisch, habe das Mädchen auf Aüßerlichkeiten reduziert (was schon deshalb Unsinn ist, weil Hagel vor allem den Inhalt der Wortmeldung schildert) und sei der Nährboden, auf dem Epstein-artige Netzwerke gedeihen.

    Ich möchte erstmal eine nachsichtige Interpretation der Interviewstelle geben:

    Die Bemerkung, dass es schlimmere Termine gibt als eine Veranstaltung mit vorrangig jungen Frauen, kann ich gut nachvollziehen. Als jemand, der in verschiedenen Situationen über Jahrzehnte Seminare durchgeführt und Vorträge oder Diskussionsveranstaltungen bestritten hat, gestehe ich: ich hätte schlicht etwas Ähnliches gedacht. Dass Hagel das ausspricht, zeigt vor allem, dass er aus solchen selbstverständlichen Regungen kein Geheimnis macht. Und das hat nichts damit zu tun, dass man da irgendwelche erotischen Interessen hat, wie manche behaupten. Man sagt sich einfach: das wird eher freundlich als aggressiv, eher konstruktiv als konfrontativ werden.

    Sodann beschreibt er die erste Schülerin, die sich zu Wort meldet. Er will sagen: Ich erinnere mich genau: Ich weiß noch ihren Namen, ich sehe sie noch genau vor mir, ich weiß noch, wie sie mich angesehen hat. Klar, ich als 60jähriger hätte das wahrscheinlich nicht mit „rehbraunen Augen“ beschrieben, aber ich bin nachsichtig genug, den Charakter der Regionalsendung „Auf ein Bier mit…“ und den Unterschied zwischen mir und einem Mitzwanziger anzurechnen.

    Nachsichtig betrachtet bleibt also von Sexismus nichts übrig. Natürlich werden mir nun viele Wählerinnen der Grünen und der Linken eifrig widersprechen. Aber genauso selbstverständlich werden mir viele konservative und liberale Wählerinnen und Wähler recht geben. Und genau hier beginnt das Problem des Umgangs von Hagel selbst mit dieser lang zurückliegenden Geschichte.

    Dem öffentlichen Zeitgeist hinterhergehetzt

    Denn seine Reaktion auf die Kritik ist typisch für den Umgang konservativer Politiker mit Vorwürfen dieser Art. Sie rennen einem Zeitgeist hinterher, der nicht einmal repräsentativ für die Bevölkerung, schon gar nicht für deren konservative Hälfte, ist, sondern der sich gerade mal in einigen sozialen Netzwerken sowie Rundfunk- und Fernsehredaktionen manifestiert. Sie meinen, sich groß und entschieden entschuldigen zu müssen für Lässlichkeiten, die von ihren eigenen Zielgruppen mit einem Schulterzucken abgetan werden. Das bringt ihnen keine einzige Wählerin zusätzlich, aber es lässt sie die Wähler verlieren, die seine Erzählung in jenem Interview beim Bier für unproblematisch gehalten haben.

    Wie wäre es gewesen, hätte Hagel nach Bekanntwerden seiner Aussagen gesagt: Ja sehen Sie, ich stehe dazu, dass ich schon zu Beginn einer Wahlveranstaltung denke: diese wird eher freundlich sein, jene eher anstrengend. Und ich stehe dazu, dass ich immer noch weiß, wie diese erste Fragerin da vor mir stand, wie sie aussah, wie sie gesprochen hat.

    Aber nein, er zeigt sich reuig, er meint, es sei „Mist gewesen“, wie er da eingestiegen ist, er würde das bereuen – und liefert seinen Gegnern damit nur weitere Munition.

    Wenig überraschend beeindruckt diese späte Reue seine grünen und linken Gegner nicht, es verprellt aber auch die konservativen Wähler, die in der ganzen Sache kein Problem, jedenfalls aber keinen Grund für große Aufregung und Reue sehen.

    Eine Diskussionsrunde in einer zehnten Klasse, in der vor allem Mädchen sitzen, angenehmer zu finden als manch anderen Wahlkampftermin, eines dieser Mädchen, das zudem sehr selbstbewusst aufgetreten ist, als attraktiv wahrzunehmen – das und ähnliches ist nicht strafbar, sondern menschlich verständlich. Wer als konservativer Politiker einem Zeitgeist hinterherläuft, der das bestreitet, verprellt und verliert konservative Wähler.

    Wer will den moralisch perfekten Politiker?

    Ein Zweites ist damit verbunden: Dem so konstruierten Zeitgeist zufolge müssten Politiker moralisch und menschlich überlegene Personen sein, sie sollen Vorbilder sein und durch ihr Vorbild ihre Wähler in eine moralisch bessere Welt führen. Es mag sein, dass Wähler im linken Bereich des politischen Spektrums das sogar bevorzugen. Für das konservative Spektrum dürfte das aber nicht gelten. Sie wollen keine moralisch perfekten Vorbilder und keine Moralapostel, sondern Menschen, die wie sie sind. Sie wollen Politiker, die genauso gern Auto fahren, Fleisch essen und ja – die beim Anblick anderer Menschen auch deren äußere Attraktivität bemerken, so, wie sie selbst es auch gern tun. Nebenbei gesagt würden sie denen Argumente gegen das Autofahren, gegen den Fleischkonsum und gegen die Bevorzugung schöner Menschen auch eher abnehmen, wenn sich zeigt, dass diese aus selbstkritischem Nachdenken und nicht aus Besserwisserei und moralischer Überlegenheit stammen.

    Wir sollten froh sein, dass sich ab und zu zeigt, dass die Leute, die politisch entscheiden, moralisch nicht besser sind als wir. Eine Herrschaft der moralisch Unfehlbaren und Guten über die moralisch Fehlbaren und Bösen dürfte kaum zu einer lebenswerten Gesellschaft führen. Parteien, die sich als konservativ und liberal profilieren wollen, sollten das bei der Auswahl ihres Spitzenpersonals berücksichtigen. Dann klappts auch mit den Wählern. Und auch mit den Wählerinnen.

  • Für wen ich schreibe

    Für wen ich schreibe

    Seitdem ich publizistisch arbeite, muss ich mir von irgendjemandem Vorwürfe machen lassen, dass ich meine Texte in diesem oder jenem Medium veröffentliche. Nun habe ich schon in vielen Zeitungen und auf ganz verschiedenen Plattformen publiziert, ein paar Beiträge standen in der FAZ, einer auf Spiegel Online, einer im Tagesspiegel. Ein paar Beiträge liefen auf Deutschlandfunk Kultur, einige erschienen bei Telepolis, ein paar auf den Nachdenkseiten. Beim Freitag schrieb und schreibe ich gern, auch bei Cicero, in der leider nicht mehr erscheinenden Philosophiezeitschrift Hohe Luft gab es Beiträge. Nicht zu vergessen die WELT. Aus diesem Anlass gab es zum ersten Mal so richtig Unverständnis dafür, dass ich „für Springer schreiben“ würde. Noch nie aber war die Empörung so groß wie in den letzten Tagen, als in der gerade neu erschienenen Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung gleich am vergangenen Montag der Leitartikel von mir kam – was eigentlich ein ziemlicher Zufall und für mich auch eine Freude war. Dieser Widerspruch hat mich nachdenklich gemacht.

    Wer jetzt hofft, dass das Nachdenken dazu geführt hat, dass ich nun nicht mehr dort publiziere, den will ich gleich enttäuschen: das Gegenteil ist der Fall. Das will ich erläutern.

    Anderer Anfang: Das Für-Wort

    Seitdem ich publizistisch arbeite, wundere ich mich über die Formulierung, ich würde für dieses Medium schreiben, nur, weil ein Beitrag von mir dort erscheint. Ich schreibe nie für eine Zeitung oder eine Plattform. Ich schreibe für die Leute, von denen ich denke, dass sie dort lesen. Und ich schreibe für mich. Das Medium ist für mich genau das, was das Wort Medium sagt: Ein Vermittler, der meine Botschaft, mein Anliegen, meine Argumentationen zu den Empfängern bringt. Und natürlich schreibe ich meine Nachrichten nicht für den Vermittler, sondern für die Leute, die das Medium wiederum nutzen, um die Botschaften von Leuten wie mir aufzunehmen.

    Ich will nicht behaupten, dass ich mir die Medien frei danach aussuchen könnte, ob sie wohl die Vermittlung zu genau den Leuten herstellen, von denen ich gern gehört oder gelesen werden möchte. Fast könnte man sagen, mir sei jedes Medium recht, denn es ist verdammt schwer in der Mediengesellschaft, überhaupt ein Medium zu finden, dass Texte wie meine aufnimmt und verbreitet. Genauer: Es gibt so viele Leute wie mich, die da gern Verbreitung finden wollen, dass die Medien sich aussuchen können, wem sie sich als Medium zur Verfügung stellen. Wenn aber ein Medium eine recht große Zahl von Empfängern versorgt, dann ist die Chance auch groß, dass ein paar Leute dabei sind, die ich gern als Empfänger haben möchte – jedenfalls deutlich mehr als ich erreichen kann, wenn ich meine Texte einfach so, ohne mediale Vermittlung (ja, das ist ein Pleonasmus, ich weiß), irgendwo hinschreibe.

    Aber ein bisschen Auswahl habe ich schon, und wenn ich wähle, dann suche ich mir am liebsten ein Medium, wo ich Rezipienten erwarte, die nicht ohnehin schon so denken wie ich, aber vielleicht bereit sind, über meine etwas abweichenden, aber immer noch anschlussfähigen Gedanken – nachzudenken. Sich irritieren zu lassen. Das ist jedenfalls meistens so. Manchmal, etwa in den Zeiten der Corona-Maßnahmen, will ich auch bestätigen und bestärken, will denen, die so fühlen wie ich denke, Argumente liefern, mit denen sie ihre Meinungen, die ich teile, fundieren können.

    Das alles führt dazu, dass ich eher in Medien auftauche, die an den Rändern des Meinungsspektrums zu finden sind: Sie sind einerseits daran interessiert, meine Beträge zu transportieren, und sie erreichen andererseits vor allem diejenigen, die auch ich erreichen will.

    Es ist nicht so, dass mir völlig egal ist, was von diesen Medien sonst noch so verbreitet wird, schon gar nicht, wie viel Deformation meiner Botschaft vom Medium gefordert wird, damit sie verbreitet wird. Dann kommt es zum Zerwürfnis, ich bin ein Türen-Zuschlager und ein Brücken-Abbrenner, was ich manchmal nach einiger Zeit bereue, wie bei der WELT, oft aber dauerhaft als befreiend empfinde. Manchmal schließen sich Türen auch leise, wenn ich in einem Medium zu viel von dem lese, was ich für Unsinn halte. Und es kommt auch vor, dass ich einem Medium keine Vorschläge mehr mache, weil ich den Eindruck habe, dass es nur die ungefährlichen Stücke von mir will und ablehnt, wenn es kontrovers wird.

    Aber das ist eigentlich gar nicht wichtig, der letzte Absatz war vielleicht nur aus Eitelkeit geschrieben, Abarbeitung von Kränkungen oder Ärger über meine eigene arrogante Sturheit.

    Zum Schluss noch ein dritter Anfang:

    Wer meint, ein Autor ließe sich vom Herausgeber eines Mediums „vor den Karren spannen“, wenn er da publiziert, der hat ein merkwürdig undialektisches Verständnis davon was so ein Medium eigentlich ist oder macht. Natürlich hat der Herausgeber einen Plan, ein Ziel, eine Vorstellung davon, wie oder wo sein Medium wirken soll. Und er wird dafür Sorge tragen, dass das Medium auch möglichst auf die Weise wirkt, wie er das wünscht. Und natürlich verändert das Medium auch die Botschaft. Der Kontext, das Umfeld, auch die Vorurteile wirken modulierend und deformierend auf die Botschaft. Wobei am intensivsten wohl die Vorurteile wirken, weshalb im Konkurrenzkampf auf dem Medienmarkt vor allem mit Vorurteilen gefochten wird. Sehr schön konnte man das bei den ersten Berichten und Kommentaren zur Ostdeutschen Allgemeinen berichten, die die politische Einordnung des Ganzen schon aus den ersten paar Beiträgen und aus ihren Vorurteilen zum Herausgeber abschließend vorgenommen haben.

    Der Vorwurf, für ein Medium zu schreiben, behauptet, mit dem Beitrag auch alle anderen Beiträge zu unterstützen, die da erscheinen. Das ist nichtmal ganz falsch, denn jeder Beitrag, der viel gelesen wird, vergrößert natürlich auch die Reichweite das anderen, die das gleiche Medium nutzen. Allerdings eben nicht auf deren, sondern auf seine Weise.

    Das, was am Ende wirklich entsteht, ist eben auch Ergebnis der Arbeit der Publizisten, die da schreiben. Jeder Beitrag verändert auch das Medium, wirkt darauf zurück. Und das auf vielfältige Weise: Einmal natürlich durch seine Botschaft, die die Leser wiederum dem Medium zurechnen. Dadurch wird das Bild des Mediums konturiert, es verändert aber auch das Selbstverständnis. Zweitens durch den Erfolg, den der Beitrag beim Publikum hat: ist er bemerkenswert, dann ist das Medium, das sich ja am Markt behaupten will, bereit sich in die Richtung des Beitrags zu bewegen. Drittens dadurch, dass die Leser sich durch den Beitrag verändern und dass sie zukünftig, wenn der Beitrag für sie ein positiver Impuls war, vom Medium weitere Beiträge dieser Art erwarten. Und wer meint, die Veränderungen, die ein Beitrag im Medium und bei den Lesern vornimmt, sei aber sehr klein, dem kann man entgegenhalten: vermutlich aber größer als der vorgebliche Schaden, den ich anrichte, indem ich dieses Medium nutze und es damit „unterstütze“. Wobei ich deutlich sagen muss, dass ich bei keinem Medium, welches ich bisher für meine Publikationen genutzt habe, ein schlechtes Gewissen habe, weil ich es damit womöglich „unterstützt“ habe.

    Deshalb ist es so anregend, gerade bei einem neuen Medium dabei zu sein, bei dem alles im Fluss ist und Bewegung noch möglich ist. Und deshalb schreibe ich zwar nicht für die Ostdeutsche Allgemeine, aber gern in ihr für ihre Leser. Aber weiter auch gern bei den Kolumnisten, beim Freitag, beim Cicero und einigen anderen (wer weiß, wer demnächst fragt). Es gibt so vieles, was geschrieben werden muss, und es gibt so viele, für die ich schreiben mag.