Kategorie: Henning Hirsch: Neues vom Serien-Junkie

  • Als Habgier den Blumenmond tötete

    Als Habgier den Blumenmond tötete

    Der Trend in Hollywood geht hin zu langen Filmen. Kaum eine Produktion, die es schafft, ihre Story in der klassischen Taktung von 90 Minuten zu erzählen. 120 sind heutzutage normal, 150 nicht unüblich; mittlerweile sind wir bereits bei 180 und mehr angelangt. So auch Martin Scorseses neuestes Werk „Killers of the flowermoon (KotF)“, das mit 3.5 Stunden nicht für den eiligen Zuschauer taugt. Man muss ne Menge Geduld und Sitzfleisch mitbringen, um zu erfahren, wie die traurige Geschichte von Ernest und Mollie ausgeht. Die Handlung lehnt sich an das mehrfach prämierte Buch Das Verbrechen: Die wahre Geschichte hinter der spektakulärsten Mordserie Amerikas des US-Journalisten David Grann an.

    „In Oklahoma ist es einfacher, einen Indianer zu töten, als einen Hund zu schlagen“

    Beginnen wir mit dem historischen Hintergrund: Die Osage – ein Zweig der großen Sioux-Familie – lebten ursprünglich an der Atlantikküste und mussten im Verlauf der Landnahme durch den weißen Mann gen Westen ausweichen. Sie wanderten den Ohio River hinab, überquerten den Mississippi und ließen sich auf dem Ozark-Plateau und in die Prärien des heutigen Missouri nieder. Dort siedelten sie bis ins frühe 19. Jahrhundert, als sie ihr Gebiet an die Vereinigten Staaten abtraten und weiter Richtung Kansas zogen. Nach dem Bürgerkrieg führte der zunehmende Druck der Regierung, alles Indianerland für die weiße Bevölkerung zu öffnen, zum Verkauf des Kansas-Reservats. Den Erlös verwendete der Stamm zum Erwerb von Territorium in Oklahoma. Die Entdeckung großer Erdölfelder dort machte die Osage zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu wohlhabenden Leuten.

    Durch ihren Reichtum wurden sie schnell zum Ziel von Verbrecherbanden, die versuchten, ihnen die lukrativen Landrechte abzunehmen. Zwischen 1921 und 26 wurden in einer „Osage Indian Murders“ genannten Gewaltwelle mindestens 60 Stammesmitglieder getötet. Erst, als das – damals sehr junge – FBI Mitte der 20-er Jahre die Ermittlungen übernahm, konnten die Morde aufgeklärt und das Töten gestoppt werden.

    Im Film wird die Mordgeschichte anhand der Schicksale der 3 Protagonisten Ernest Burkhart (Leonardo DiCaprio), Mollie Kyle (Lily Gladstone) und William Hale (Robert De Niro) nachgestellt. Ernest kehrt 1919 von den französischen Schlachtfeldern des WK1 zurück in die USA und verdingt sich bei seinem Onkel William (genannt: der King) als Chauffeur. William hat es als Rancher in Oklahoma zu Wohlstand gebracht, und er gaukelt vor, Vertrauensperson und Wohltäter der Osage zu sein. Sein eigentliches Ziel besteht jedoch darin, für sich ein möglichst großes Stück vom Erdölkuchen abzuschneiden. Dafür ist ihm jedes Mittel recht: Er gibt Morde in Auftrag, lässt sich als Betreuer der Hinterbliebenen einsetzen und verheiratet seine männlichen Angehörigen mit Osage-Frauen. Nach der Hochzeit geraten diese unter die Vormundschaft ihrer weißen Männer. Die Damen werden aufgrund einer geheimnisvollen Krankheit, die nur die Indianer befällt, alle nicht alt, das Erbe geht an die Kinder und den Mann (der den Nachlass verwaltet). Auf diese Weise wechselt viel Land samt der darunter befindlichen Ölquellen den Besitzer. Auch Ernest muss auf Geheiß des Kings eine reiche Osage ehelichen. Deren Gesundheit ist bereits stark angegriffen, allzu lange kann es also nicht mehr dauern, bis er sie beerbt. Leider erweist sich die Dame zählebiger als erwartet, und sie will partout nicht auf natürlichem Weg sterben. Onkel William und Ernest beschließen deshalb, die Sache etwas zu beschleunigen. Zuerst aber müssen Mollies 3 Schwestern in die ewigen Jagdgründe befördert werden. Und so nimmt das Drama seinen Lauf.

    Sittenbild von Habgier & Kapitalismus

    KotF erzählt eine große Geschichte, deren Hauptzutaten Habgier, Lüge und enttäuschte/s Vertrauen & Liebe sind. Die Story basiert auf Tatsachen – sowohl die Handlung hat sich so zugetragen, als auch die Namen der Figuren entsprechen 1 zu 1 den historischen Vorbildern –; es ist aber trotzdem kein langweiliges Biopic – wie bspw. Oppenheimer – dabei herausgekommen, sondern ein spannendes Melodram. Was v.a. an diesen 3 Ingredienzien liegt:
     der Fokus wird stark auf die Interaktion zwischen Ernest (Leonardo DiCaprio) und Mollie (Lily Gladstone) gelegt
     bei den Dialogen waren die Drehbuchautoren völlig frei
     die gezeigte Zeitspanne umfasst nur wenige Jahre, womit mehr Raum für intensive Szenen bleibt.

    Auf diese Weise entsteht ein modernes Sittenbild: Ist das, was im Osage Country passierte, symptomatisch für den (US-) Kapitalismus? Auf wie viel Rassismus & Unterdrückung, Lug & Betrug gründet unser westlicher Wohlstand? Welche Rolle spielte die Justiz, die bei 60 Morden nicht einschritt? Was für ein Arzt muss man sein, um seine Patienten nicht zu heilen, sondern ihnen im Auftrag der Erbschleicher Gift zu verabreichen? Diese Fragen sind bedrückend, die Antworten darauf noch deprimierender. Das ist alles Erdöl von gestern, sagen Sie und kann sich heute nicht wiederholen? Doch, es kann sich jederzeit wiederholen. Denn, wenn 1 gewiss ist, dann ist es die hartnäckige Langlebigkeit der menschlichen Habgier. Sobald die mit einer Rechtspflege Hand in Hand geht, die sich v.a. den Belangen der Mehrheitsbevölkerung verpflichtet fühlt, ist ein Verbrechen wie das, was vor 100 Jahren in Oklahoma geschah, jederzeit möglich. Die „Osage Indian Murders“ sind in Variationen zig tausend Mal auf unserem Planeten vollzogen worden (und werden es immer noch).

    Es muss nicht immer Epos sein

    Während Onkel William „nur“ geldgeil und perfide ist und dabei notfalls über (fremde) Leichen geht, erschrickt an Ernest vor allem, dass er selbst vor der schrittweisen Vergiftung der eigenen Frau und Mutter seiner Kinder nicht zurückschreckt, um an deren Vermögen zu gelangen. Wie viel Niedertracht ist nötig, um vordergründig von Liebe zu reden und hinterrücks das Insulin in den Spritzen, die er ihr täglich verabreicht, gegen ein langsam tötendes Toxikum auszutauschen? Die Passagen, in denen sich Mollie und Ernest über ihre Ehe unterhalten, sie ihm offenkundig zugetan ist und vertraut, während er sie mit treuem Augenaufschlag belügt, sind denn auch die anrührendsten und verstörendsten des gesamten Films.

    Es wäre ein wirklich herausragendes Werk würde die Regie nicht der Versuchung erliegen, die Handlung zu einem Epos hochzujubeln. Jedoch ist KotF keine Heldensage, die à la „Little Big Man“ Leben und Niedergang eines Stammes über Jahrzehnte begleitet, sondern begnügt sich mit der Darstellung eines kurzen Zeitabschnitts. Auch passiert nichts Heroisches wie das letzte Aufbäumen gegen den Aggressor. Nicht die Osage lösen die Morde, sondern das FBI übernimmt das für sie. Es ist letztlich eine Kriminalgeschichte (egal, ob die Opfer einer diskriminierten Minderheit angehören und der Antrieb neben Habgier ebenfalls große Spuren Rassismus enthält), und die kann/sollte man deutlich schneller erzählen, als Scorsese es getan hat. Speziell die letzte Viertelstunde, als wir uns plötzlich in einer Radioshow befinden, in der das Drama nachgespielt wird, ist völlig überflüssig und wirkt wie nachträglich angeklebt. PS. an dieser Stelle: „Little Big Man“ kommt mit 60 Minuten weniger aus als „Killers of the Flowermoon“. Denselben Fehler hatte M.S. übrigens bereits mit „The Irishman“ begangen (der war ebenfalls sehr langatmig gewesen).

    Lily Gladstone hat gute Chancen auf den diesjährigen Oscar

    KotF ist eine solide Produktion, reicht allerdings nicht an Scorseses Meisterwerke „Taxi Driver“, „Wie ein wilder Stier“ und „Departed“ heran. Dennoch wurde der Film in 10 Rubriken für die diesjährigen Academy Awards nominiert; darunter in den 3 wichtigen:
    (1) Best Picture
    (2) Directing
    (3) Actress in a leading role.

    Während bei (1) der Favorit „Oppenheimer“ lautet (KotF jedoch veritable Außenseiterchancen besitzt), (2) wahrscheinlich auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Nolan und Scorsese hinausläuft, könnte (3) die glückliche Gewinnerin tatsächlich Lily Gladstone heißen. Zusätzlich zu ihrem überzeugenden Rollenspiel kommen ihr die seit diesem Jahr in Kraft tretenden neuen Inklusionsregeln entgegen, die u.a. mehr Diversität auf der Leinwand fordern.

    Von mir gibt’s 7 Punkte.
    +++

    Killers of the Flowermoon
     Erscheinungsdatum: 19. Oktober 2023 (Deutschland)
     Direktor: Martin Scorsese
     Budget: 200 Millionen USD
     Drehbuch: Eric Roth & Martin Scorsese
     Produktion: Dan Friedkin, Daniel Lupi, Martin Scorsese, Bradley Thomas
     Vertrieb: Paramount Pictures
     Ensemble: Lily Gladstone, Leonardo DiCaprio, Robert De Niro, Brendan Fraser, Jesse Piemons, Scott Shepherd, John Lithgow.

    Erhältlich auf/bei: Amazon Prime und apple tv.

    PS. Der Titel „Flowermoon“ geht auf die indianische Vorstellung zurück, dass der Mond im Frühling die Blumen auf den Wiesen sprießen lässt. Unter solch einer Blumenwiese in Oklahoma entdeckten die Osage die erste Ölquelle.

  • Der alte (weiße) Oscar hat endlich ausgedient

    Der alte (weiße) Oscar hat endlich ausgedient

    Am 10. März ist es wieder soweit – die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) verleiht zum 96-sten Mal die Academy Awards of Merit – dem Publikum eher unter dem Spitznamen „Oscar“ geläufig – in 23 Kategorien, darunter so exotisch anmutende wie: Make-up & Frisuren und Animierter Kurzfilm.

    Am begehrtesten sind die Preise in diesen 5 Rubriken:
    (1) Best Picture
    (2) Directing
    (3) Actor in a leading role
    (4) Actress in a leading role
    (5) Writing (gesplitted in: original sowie adapted Screenplay).

    Ende Januar wurden die, bereits mit Spannung erwarteten, 23 Shortlists veröffentlicht. Bei den Filmen sind u.a. die zwei letztjährigen Blockbuster Oppenheimer & Barbie sowie die Netflix-Produktion Maestro in die engere Auswahl gelangt. Die nominierten Regisseure heißen Nolan, Scorsese, Glazer, Lanthimos & Triet und in den Kategorien „beste/r Haupdarsteller/in“ streiten u.a. Carey Mulligan & Sandra Hüller sowie Cillian Murphy & Bradley Cooper um die begehrte Trophäe.

    Zweistufiges Auswahlverfahren

    Also alles wie 95x zuvor? Nicht ganz, denn seit diesem Jahr gelten neue Inklusionsvorschriften. Bevor wir uns mit denen beschäftigen, gibt’s hier zwecks Einstimmung in das Thema erst mal die alten Bestimmungen zu lesen:

    Jeder Spielfilm, der zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember eines Jahres im Gebiet von Los Angeles County mindestens sieben Tage lang in einem öffentlichen Kino gegen Entgelt gezeigt wurde, ist für die Oscars im darauffolgenden Jahr qualifiziert. Dabei wird der Begriff „Spielfilm“ definiert als ein Film, der mindestens eine Länge von 40 Minuten aufweist und als 35- oder 70-mm-Kopie oder als 24 bzw. 48 fps Digitalkinoformat (mit einer Mindestauflösung von 1280 × 720 Pixeln) gezeigt wurde.

    Dabei ist es unerheblich, ob der Film US-amerikanischen oder ausländischen Ursprungs ist, sodass sich auch ausländische Filme außerhalb der Kategorie für den besten fremdsprachigen Film qualifizieren können. Am Ende jedes Jahres stellt die Akademie eine Liste der infrage kommenden Filme zusammen.
    © Wikipedia (Schlagwort: Oscar)

    Vorgeschaltet ist ein 2-stufiger Auswahlprozess:
    (I) Die 10.000 (andere Quellen sprechen von 6.000.) Mitglieder der Akademie (Die Namen werden nicht an die Öffentlichkeit weitergegeben, es sei denn, das Mitglied outet sich selbst. Aus dieser Geheimhaltung resultieren die unterschiedlichen Zahlenangaben) wählen ihre Favoriten aus (allerdings fachspezifisch eingegrenzt: Schauspieler votieren für Schauspieler, Cutter benennen Cutter, Sound-Spezialisten kreuzen Sound-Spezialisten an). Die 5 Namen, auf die pro Kategorie die meisten Stimmen entfallen, gelten als nominiert.
    (II) In der zweiten Wahlphase haben die Mitglieder der Akademie nun die Möglichkeit, sich im akademieeigenen Filmtheater alle nominierten Filme kostenlos anzusehen. Zudem werden besondere DVDs mit den Filmen versandt. Bei der Wahl der Preisträger aus den Nominierten sind alle Mitglieder in allen Kategorien stimmberechtigt. Der Oscar wird an denjenigen Nominierten verliehen, der die meisten Stimmen auf sich vereinen konnte.

    Ausnahmen gelten für …:
     „Best picture“: hier können bis zu 10 Filme nominiert werden; und zwar von allen 10.000 (6.000) Mitgliedern
     „Directing“: nur die Regisseure, deren Filme innerhalb der Top 5 bei „Best Picture“ gelistet sind
     … die Spezialkategorien „Animierter Spielfilm, Dokumentarfilm, Kurzfilm, Fremdsprachiger Film, Make-up, Tonschnitt und Visuelle Effekte“ bei denen ein paar zusätzliche Regeln beachtet werden müssen.

    Klingt alles erst mal halbwegs basisdemokratisch und ist es auch, v.a. im direkten Vergleich mit der Praxis der europäischen Filmpreise, wo jeweils eine Handvoll Experten über die Vergabe entscheidet. Natürlich können 10.000 (oder: 6.000) Filmschaffende hin und wieder irren, und natürlich passiert es häufig, dass ich als 08/15-Normalzuschauer mir eine andere Auswahl gewünscht hätte. Z.B. Alien Teil 1 zumindest auf der Shortlist und Apocalypse now als Gewinner 1980 [statt Kramer gegen Kramer]. Allerdings kommt man nicht umhin, der Academy zu attestieren, dass sie in Punkto Mitbestimmung deutlich breiter aufgestellt ist als ihre elitären Schwestern in Cannes und Venedig.

    Zu viel weiß, zu wenig Farbe

    Dennoch wird Hollywood das Stigma nicht los, bei den Preisen (v.a. in den wichtigen Kategorien) weiße Regisseure (hier zudem fast ausschließlich Männer) und hellhäutige Schauspieler (m/w) aufs Podest zu hieven. Neu ist dieser Vorwurf nicht – er wird bereits seit den 50-er Jahren erhoben –; allerdings nahm die Debatte im Verlauf der 88. Session (2016) an Schärfe zu, als sowohl bei den Regisseuren als auch Schauspielern (m/w) einzig weiße Kandidaten auf die Shortlists gelangten, obwohl es 2015 (abgestimmt wird immer über Filme, die im Vorgängerjahr in den Kinos liefen) ne Menge hervorragender Produktionen mit schwarzen Darstellern gegeben hatte, die jedoch sämtlich in der ersten Stufe des Auswahlverfahrens durchgefallen waren. Im Anschluss an die Nominierung artikulierten prominente PoC-Akteure wie Spike Lee und Will Smith deutlich ihr Missfallen, und die Akademie gelobte reumütig schleunige Besserung.

    Niemand möchte darüber reden, aber in seiner Geschichte war Hollywood eine der rassistischsten Institutionen des Landes.
    (c) Stanley Nelson (Regisseur)

    Es ist eine weiße Industrie.
    (c) Chris Rock (Schauspieler)

    Es ist die rassistischste Industrie des Landes.
    (c) Zoe Kravitz (Schauspielerin)

    Auch ich habe immer noch mit Vorurteilen zu kämpfen.
    (c) Will Smith (Schauspieler)

    Es liegt an den Machtstrukturen in den Studios, in denen kaum schwarze Manager arbeiten.
    (c) Spike Lee (Regisseur)

    2 unterschiedliche Ansätze, um mehr Abwechslung zu gewährleisten

    Diese Besserung soll auf 2 Wegen erreicht werden:
    (I) Änderung der Zusammensetzung der Grundgesamtheit (der Abstimmungsberechtigten), indem man peu à peu neue Mitglieder aufnimmt, die bisher unterrepräsentiert sind (Frauen, ethnische Minderheiten, queere Menschen)
    (II) 4 Diversitätsregeln, die unmittelbar auf jeden eingereichten Film angewandt werden:
     Standard A: Diversität auf der Leinwand
     Standard B: Diversität in der Crew
     Standard C: Zugang zur Filmindustrie und Möglichkeiten
     Standard D: Vielfalt beim Marketing.

    Ich langweile Sie mit all den Regeln? Tut mir leid; aber ohne das Wissen um diese Bestimmungen macht es keinen Sinn, sich über zu wenig Vielfalt in Hollywood den Kopf zu zerbrechen. Aber keine Sorge, wir sind jetzt auch durch mit dem Pflichtprogramm und starten mit der Analyse-Kür.

    Beginnen wir mit (I) die Änderung der Zusammensetzung der Abstimmberechtigten. Diese Blutauffrischung scheint dringend geboten, denn jahrzehntelang dominierten (nicht mehr ganz taufrische) weiße Männer die Akademie. Da der Altbestand lebenslange Mitgliedschaft genießt (die Zeitdauer wurde für die Neuankömmlinge mittlerweile auf 10 Jahre abgesenkt) und man nicht jedes Jahr ohne vorherige Prüfung der individuellen Eignung tausende weitere Experten aufnehmen kann, stellt diese Vorgehensweise logischerweise einen schrittweisen Prozess dar. Seit 2017 hat man so den Anteil Frauen in mehreren Aufnahmewellen auf über 30 Prozent erhöht, die entsprechende Zahl der Mitglieder mit Minderheiten-Hintergrund dürfte aktuell bei 15% liegen [aufgrund der bereits erwähnten Geheimhaltung handelt es sich zwangsläufig um Schätzwerte]. Bis der letzte stockkonservative weiße Regisseur gestorben ist und nur noch fortschrittliche PoC-u/o LGBTQIA+-Regisseurinnen über die Oscar-Würdigkeit einer Produktion entscheiden, wird es also noch einige Jahre dauern. So lange heißt es für die progressive Fraktion, sich in Geduld zu üben. Dennoch ist (I) sinnvoll, weil Herkunft und politische Ausrichtung der Jury selbstverständlich deren Bewertungsverhalten beeinflussen. Diversivitäts-Pfad (I) ist deshalb unumwunden zu bejahen.

    Oppenheimer fiele hinsichtlich Diversität des Ensembles durch

    Schwieriger sieht es hingegen mit den 4 neuen Regeln pro eingereichtem Film aus. Spielen wir das Ganze mal mit dem diesjährigen Topfavoriten „Oppenheimer“ durch: Regisseur Christopher Nolan = (alter) weißer Mann, Protagonist Cillian Murphy = männlich & weiß (GSD noch nicht so richtig alt), Emily Blunt (in der Kategorie „beste Nebendarstellerin“ nominiert) ebenfalls weiß, was übrigens für das gesamte Ensemble gilt. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die Geschichte ist hauptsächlich in dem 2-Jahrzehnt von 1935 bis 1955 angesiedelt, und dort wiederum in der Welt der Physiker und Militärs, wo es halt kaum Frauen und noch weniger PoC gab. Man hätte, um die neuen Diversitätskriterien zu erfüllen, Oppenheimer von einem schwarzen Akteur spielen lassen können, u/o ihm eine Latina als Frau zur Seite gestellt. Das wäre dann allerdings historischer Nonsens gewesen, weshalb Nolan klugerweise darauf verzichtet hat. Ob Regel 1 alleine schon dadurch erfüllt ist, weil Oppenheimer Jude war, bezweifele ich, denn die Frage seiner Religion [und der daraus evtl. folgenden Benachteiligung im Vor-WK2-Amerika] wird im Film an keiner Stelle vertieft; die Autoren konzentrieren sich völlig auf Entwicklung & Bau der Bombe [und die nachträglichen Zweifel des Protagonisten, als ihm die Zerstörungskraft seiner Erfindung bewusst wird]. „Oppenheimer“ ist eine zutiefst männerlastige & weiße Produktion und hätte folglich gemäß der neuen Diversitätsbestimmungen gar nicht auf die diesjährige Shortlist gelangen dürfen.

    Es sei denn, man nimmt den Umweg über die Regeln 2 bis 4 = schwule Tontechniker*innen, PR-Angestellte mit lateinamerikanischem Migrationshintergrund und Beleuchter:innen, die einen Schwerbehindertenausweis besitzen. Und spätestens hier wird klar, dass (II) hinsichtlich der Intention, die beste Produktion eines Kalenderjahres küren zu wollen, in die Irre führt. Mir als Zuschauer ist es völlig egal, ob und wie viele PoC-Cutter & schwule Makeup-Spezialisten am Set arbeiteten, mich interessiert nicht, ob Marketing & PR von weiblichen oder männlichen Angestellten in die Hand genommen wurden, die genderfluide Orientierung des/der Kameramanns(frau juckt niemanden. Ich gucke mir nen Film an, und die erzählte Geschichte und der Handlungsbogen ziehen mich entweder in ihren Bann oder eben nicht. Und speziell beim Handlungsbogen fand ich „Oppenheimer“ langatmig bis hin zu streckenweise zäh. Ich würde diesen Streifen definitiv nicht auf Nr. 1 setzen; aber die Geschmäcker sind halt (stark) unterschiedlich, weshalb ich kein Problem damit hätte, falls die Little-Boy-&-Fat-Man-Story am 10. März den Oscar abräumt. Sie erhielte den Preis dann aber aufgrund ihrer überragenden künstlerischen Qualität und nicht, weil sie den neuen Diversitätsvorgaben genügt.

    Man muss es nicht gleich so drastisch wie Richard Dreyfuss formulieren:

    Sie [die Inklusionsvorgaben] bringen mich zum Kotzen,

    jedoch so ganz Unrecht hat er nicht, wenn er weiter ausführt: „Niemand soll mir als Künstler vorschreiben, mich der neuesten und aktuellsten Vorstellung von Moral beugen zu müssen. Man muss das Leben Leben sein lassen.“

    Wo bleibt die Würdigung der Barbie-Regisseurin?

    Mit diesem plakativen Zitat aus dem Munde eines Oscar-Preisträgers könnten wir die Kolumne eigentlich beenden, wenn’s nicht auch im Vorfeld der diesjährigen Verleihung einen kleinen Skandal gegeben hätte, auf den wir, weil er zum Thema „mangelhafte Diversität“ gut passt, noch kurz eingehen wollen: und zwar die (erneute) Nicht-Berücksichtigung von Greta Gerwig in der Kategorie „Directing“. Obwohl ich mich als alter, weißer, misogyner Mann von „Barbie“ nur mäßig unterhalten fühlte, und der politisch hyperkorrekte Witz jetzt auch nicht unbedingt meinen Humornerv trifft, erkenne ich trotzdem ne super Regiearbeit, sobald ich eine sehe. Und diesbezüglich lieferte Gerwig eine weitaus überzeugendere Leistung ab als Nolan, dessen „Oppenheimer“ erzähl- und kameratechnisch konventionell – mitunter sogar bieder – daherkommt. Warum die Frau, die die kommerziell erfolgreichste Produktion des vergangenen Jahres ins Kino brachte, bei den Top-5-Regisseuren nicht berücksichtigt wird, versteht man(n) als Nicht-Experte nicht, lässt aber vermuten, dass die Jury nach wie vor von (alten) Männern dominiert wird, die den Regisseurberuf als ihre ureigene Domäne betrachten. Die unterlassene Nominierung von Greta Gerwig stellt tatsächlich ein Ärgernis dar [und nicht wie viele Schwarze, Frauen und Schwule in „Oppenheimer“ (nicht) mitspielen].

    Wir wollen am Ende dieser Kolumne Folgendes festhalten:
     die Nominierungen in Hollywood laufen – trotz aller Kritik am Auswahlprozess – weitaus demokratischer als bei uns in Europa ab
     an der Diversität muss gearbeitet werden. Um dieses Ziel zu erreichen, ist Weg (I), auch wenn er den langwierigeren bedeutet, sinnvoller als Alternative (II)
     über allem muss aber weiterhin der Aspekt „künstlerische Qualität“ stehen [dass dieser Begriff dehnbar ist, und die Interpretation stets im individuellen Auge des Betrachters liegt, ist mir durchaus bewusst].

    Merke: Mehr Diversität bedeutet nicht zwangsläufig mehr Kunst.

    PS. Welchen Film [von der Ende Januar veröffentlichten 10er-Liste] ich persönlich bevorzuge? Kann ich abschließend noch nicht sagen, weil ich bisher erst die Hälfte davon gesehen habe. Von denen gefällt mir „Killers oft he flower moon“ am besten.

  • Ein Hauch von Dallas in New York

    Ein Hauch von Dallas in New York

    Succession (Nachfolge/Erbfolge) räumt seit Jahren bei den Golden Globes und Emmy-Verleihungen als „Beste TV-Serie“ reihenweise Preise ab. Wurde also vor ein paar Wochen höchste Zeit für mich, da mal reinzuklicken.

    Ein Vater, der nicht sterben will

    Die Geschichte, um die sich 4 Staffeln [die sich zu insg. 39 Episoden summieren] lang alles dreht, ist schnell erzählt: Der New Yorker Medien-Mogul Logan Roy hat 4 Kinder, von denen 3 unbedingt das väterliche Erbe antreten wollen. Der Milliardär, obwohl bereits 80 Jahre alt, denkt aber keineswegs an Rückzug auf eine Karibikinsel-Finca und Übergabe der Geschäfte an einen Nachfolger, sondern träumt davon, Minimum bis zum 100-sten Geburtstag weiterzumachen und seine Sprösslinge allenfalls in der zweiten Reihe des Unternehmens zu beschäftigen. Das passt v.a. Sohn Kendall/Ken nicht, der deshalb gerne gegen den Vater intrigiert, dabei aber ständig den Kürzeren zieht. Tochter Slobhan/Shiv versucht, es schlauer anzustellen, indem sie den Alten nicht frontal angeht, sondern ihn stattdessen becirct. Aber auch sie wird mit leeren Versprechungen abgespeist und gelangt über repräsentative Aufgaben nicht hinaus. Der Jüngste Roman/Rome probiert es mit bedingungslosem Gehorsam, scheitert jedoch ebenfalls und wird im Vorhof der Macht geparkt. Patriarch Logan – zwar gesundheitlich angeschlagen – scheint unkaputtbar zu sein und hält sowohl die Strippen seines Imperiums als auch die Familienzügel fest in der Hand. Keine Verschwörung kann ihm ernsthaft schaden, kein Hedgefonds ihn aus der Firma rauskaufen. Das geht so über 30 Folgen; oft amüsant anzuschauen, aber der Handlungsfaden „Wer ist Papis Liebling?“ wird doch arg in die Länge gezogen. Das ändert sich schlagartig mit Beginn von Staffel 4, als endlich ein ernstzunehmender Konkurrent auf den Plan tritt, der den Konzern in Gänze schlucken will, und Logan unvermittelt stirbt. Nun erleben wir einen spannenden Showdown der Geschwister gegen den ausländischen Investor und der 3 untereinander. Das Ende überrascht. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

    Viel Milliardärsidylle, wenig Action

    Ich geb’s zu: obwohl mir „Succession“ wärmstens ans Herz gelegt wurde, wollte ich nach 2 Episoden wieder aussteigen: zu viel Milliardärsidylle, zu wenig Action, u.v.a.: ich wurde mit keiner der Figuren halbwegs warm. Sie waren mir durch die Bank weg alle unsympathisch. Kein Held (m/w/d) weit und breit in Sicht, mit dem ich mich einigermaßen identifizieren konnte. Ich pausierte ein paar Tage, beschloss, der Serie eine zweite Chance zu geben und ließ mich ab Episode 3 so langsam von der Geschichte fesseln. Ja, sie ist gut und ja, sie hat die vielen Preise völlig zurecht gewonnen. Warum? Versuch einer Erklärung für den Erfolg:

    Obwohl die Dialoge oft flapsig daherkommen, und man die Story bei oberflächlicher Betrachtung in die Kategorie „Komödie“ einsortieren könnte, entbehrt die dahinterliegende Story nicht der Tragik: 4 erwachsene Kinder, die 24/7 um die Gunst des gefühlskalten Vaters buhlen, von diesem bedenkenlos gegeneinander ausgespielt werden und es nicht schaffen, sich beruflich und emotional vom cholerischen Erzeuger zu emanzipieren. Gefangen in immerwährender Abhängigkeit von dessen Geldzuwendungen und der Sorge, aufgrund einer spontanen Laune des Patriarchen plötzlich enterbt zu werden. Die Angst treibt sie jedoch nicht zum Tyrannenmord, sondern lässt sie sich untereinander belauern und bekriegen. Das hat durchaus was von griechischer Tragödie und/oder einem Shakespeare-Drama. Wir als Zuschauer, deren Bankkonten nicht so prall gefüllt sind wie die der Roys, lernen, dass Milliarden einerseits ne schöne Sache sind, weil sie dem Besitzer zu einem luxuriösen Leben verhelfen, andererseits aber durchaus negative Konsequenzen für die Vater-Sohn-/Tochter-Beziehung haben können.

    Wie der Boulevard den Konservativen nützt

    Was jenseits der schwierigen Familienbande an „Succession“ am meisten fesselt, ist der Blick, den wir in dieser Serie auf die Interaktion zwischen Medien-Business und US-Politik werfen dürfen. Mittels seines Newskanal ATN berieselt Logan Roy seit vielen Jahren die amerikanische Bevölkerung mit Nachrichten zurechtgestutzt auf Boulevard-Niveau und seichten Talk-Formaten. Kritiker werfen ihm vor, so der Verblödung des Publikums Vorschub zu leisten und die Grenzen des Diskurses immer weiter nach rechts zu verschieben. Der Patriarch, ein konservativer Republikaner, jedoch kein reaktionärer Ideologe, lässt diese Rechtsdrift geschehen, solange sie ihm nützt, den Umsatz seines Unternehmens anzukurbeln. Das hat zur Konsequenz, dass man sich in Wahlkämpfen gegen (linke) Demokraten positioniert und am Ende sogar einem Rassentrennung propagierenden Populisten die Steigbügel hält und ins Weiße Haus verhilft. Die Roys wissen, dass sie den politisch Falschen unterstützen, tun es aber trotzdem, weil sie sich von diesem Bewerber unternehmerfreundliche Gesetze versprechen. Das schlechte Gewissen wird beruhigt mit Floskeln á la: Hätten nicht wir ihm zum Sieg verholfen, hätte es ein anderer (Nachrichtensender) getan oder: Es wird schon nicht so schlimm (mit der Rassentrennung) kommen, wie es im Wahlkampf verkündet wurde. Wir als Zuschauer begreifen spätestens hier, dass die Geldelite im Zweifelsfall – sobald sie um Gewinn und Einfluss bangt – keinerlei Berührungsängste zeigt, mit einem Faschisten ins Bett zu steigen. Nicht aus politischer Überzeugung, sondern „nur“, weil’s besser für den Umsatz ist. Darf man als negativ Betroffener auf keinen Fall persönlich nehmen; ist bloß Business.

    Vor dem Hintergrund, dass eventuell demnächst erneut Donald Trump ante Washingtons portas steht, liefert „Succession“ eine schlüssige Erklärung, wie das möglich ist = (Teile der) Medien und die Hochfinanz bevorzugen einen Kandidaten, von dem sie wissen, dass er ihre (teils dubiosen) Geschäftsmodelle nicht in Zweifel zieht oder gar ernsthaft regulieren wird. In dubio pro Rasentrennung, auch wenn man beim Abendessen im 5-Sterne-Restaurant darüber nicht gerne redet, weil der Sache irgendwie doch was Schmuddeliges anhaftet.

    Es kommt, wie es kommen muss

    Die Serie stoppt – einigermaßen abrupt – nach 4 Staffeln (eine 5-te ist, gem. Auskunft von Showrunner Jesse Armstrong nicht in Planung), und das ist m.E. auch gut so. Denn spannungsseitig ist die Handlung nunmehr an ihr Ende gelangt: Der Tyrann ist tot (allerdings auf normalem Weg gestorben, nicht ermordet), die Kinder trauern kurz und streiten, kaum dass Papis Leiche erkaltet ist, munter weiter: Jeder hält sich selbst für den auserkorenen Nachfolger, keiner gönnt dem anderen den freigewordenen Chefposten, zu einer innerfamiliären Einigung sind sie nicht fähig und so kommt es am Schluss, wie es in solchen Fällen immer kommt = ein Dritter reibt sich lachend die Hände.

    „Succession“ ist unterhaltsam, lässt uns Normalos am komplizierten Binnenleben eines Milliardärs-Clans teilhaben – was wir Älteren aber auch schon aus „Dallas“ und „Denver“ kennen – und macht verständlich, wie Politiker vom Schlage Trumps mittels tatkräftiger Förderung durch Medien und Wirtschaft bis ins Weiße Haus gelangen. Die Geschichte des nicht sterben wollenden Vaters und seiner zerstrittenen Kinder ist definitiv zu lang geraten. Man hätte den Mogul entweder schneller das Zeitliche segnen lassen sollen – und sich danach auf die Diadochen-Kämpfe der Erben konzentriert –, oder sich stattdessen auf 2 (max. 3) Staffeln begrenzen müssen. Den Alten erst in der Mitte von Staffel 4 blitzartig zu entsorgen und den dramatischen Rest dann binnen 5 Episoden abzuspulen, war für meinen Geschmack keine optimale (Suspense-) Einteilung. Weniger Logan und mehr Kendall hätten der Geschichte sicher gut getan.

    Von mir gibt’s 8 Punkte.

    PS. in der Liste The 100 Greatest TV Shows of All Time des US-Magazins Rolling Stone (erstellt im Sept. 2022) landet „Succession“ auf einem hervorragenden 11-ten Platz.
    +++

    Succession (Nachfolge, Erbfolge)
     4 Staffeln, 39 Episoden
     ausgestrahlt: 2018-23
     Showrunner/Idee: Jesse Armstrong
     Produktionsunternehmen: Gary Sanchez Productions & Project Zeus
     gesendet auf: Home Box Office/HBO (in Deutschland: Sky)
     Darsteller: Brian Cox, Jeremy Strong, Sarah Snook, Kieran Culkin, Alan Ruck, Matthew Macfadyen, Nicholas Braun.

    Alle 4 Staffeln erhältlich auf: WOW.

  • Szenen einer hochmusikalischen Ehe

    Szenen einer hochmusikalischen Ehe

    Biopics sind seit einiger Zeit en vogue. Nach „Elvis“, „Blond“, „Rheingold“, „AIR“, „Oppenheimer“, „Powell“ nun also „Maestro“: die Verfilmung des Tag & Nacht von Musik geprägten Lebens der US-amerikanischen Komponisten- & Dirigenten-Legende Leonard Bernstein. Mit Bradley Cooper [der ebenfalls Regie führte und am Drehbuch mitschrieb] und Carey Mulligan in den Hauptrollen.

    Ich geb’s zu – ich bin kein allzu großer Freund dieses Genres. Die meisten Biopics kleben für meinen Geschmack zu sehr dran an der Realität und wirken deshalb oft spröde (Elvis) bis hin zu zäh (Oppenheimer). Ganz schlimm wird es, wenn das Leben von Politikern minutiös nacherzählt wird – bspw. Vice – Der zweite Mann oder LBJ – John F. Kennedys Erbe –; dabei schlafe ich dann entweder ein oder zappe weiter zu ner Zombie-Serie. Der Schwachpunkt des Biopics liegt darin, dass Drehbuchautor & Regisseur eine möglichst große Spannweite der Biografie des jeweils im Mittelpunkt stehenden Promis auf der Leinwand abbilden wollen. Bei Oppenheimer umfasste die Geschichte 30 Jahre, was zum einen echt viel ist und zum anderen spätestens zur Hälfte der Handlung hin beim Zuschauer unweigerlich den Eindruck von Langatmigkeit entstehen lässt.

    Ich erwartete vom in meinem Netflix-Account seit Weihnachten angepriesenen Streifen „Maestro“ also nicht sonderlich viel, klickte trotzdem auf „abspielen“ und wurde zu meinem Erstaunen wirklich angenehm überrascht.

    Das Leben eines Ausnahmekünstlers

    Die Story startet Anfang der 40-er Jahre, als der junge Komponist Leonard Bernstein (Bradley Cooper) einen Anruf des Managers der New Yorker Philharmoniker erhält, ob er kurzfristig für deren erkrankten Dirigenten einspringen und bei einem Konzert in der Carnegie Hall den Taktstock schwingen könne. Der Film zeigt diesen Moment in Schwarzweiß: der Raum ist dunkel, dann öffnet Leonard den Vorhang wie auf einer Bühne, im Anschluss beschleunigt die Kamera das Tempo: Wir begleiten den Protagonisten im Laufschritt und erleben mit, wie er nahezu fliegend am Dirigenten-Pult anlangt. Die Vorstellung wird ein voller Erfolg, Bernsteins Name ist seit diesem Abend in aller Munde. Auf einer Party lernt er die Chilenin Felicia Montealegre (Carey Mulligan) kennen; zwischen den beiden funkt es sofort, sie werden ein Paar. Felicia ermuntert ihren Verlobten, dem Wunsch seines Agenten auf keinen Fall nachzugeben, der ihm zu völliger Konzentration aufs Dirigententum rät, sondern sich stattdessen der einzig wahren Passion, dem Komponieren von Musikstücken, zu widmen. 1951 heiraten Felicia & Leonard, beziehen eine schicke Wohnung am New Yorker Central Park, bekommen 3 Kinder, die Ehe scheint glücklich zu sein. In dieser Phase entstehen Evergreens wie „Wonderful Town“, „Candide“, „West Side Story“, die Filmmusik zu „Faust im Nacken“ und die „Symphony Nr. 3 Kaddish“.

    Jetzt erfolgt ein Zeitsprung in die späten 60-er Jahre – Festivität im Hause Bernstein: viele Künstler und noch mehr hippe Beinahe-Künstler versammelt. Man sieht Felicia in der Rolle der Gastgeberin und Mutter, während sich Leonard wie ein Fremder auf der eigenen Party benimmt. Er verschwindet plötzlich, wird von Felicia gesucht und im Treppenhaus beim Knutschen mit einem jungen Mann erwischt. Sie sagt nichts, wendet sich um und geht schweigend zurück zu ihren Gästen. Leonard folgt ihr mit beschwichtigenden, jedoch augenscheinlich ins Leere laufenden, Worten. Der Zuschauer begreift, dass sich die Handlung nun an einem Wendepunkt befindet. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Fokus liegt auf komplizierter Ehe

    Während ich bei Biopics sonst oft meckere [ja ja, alte Männer meckern eh gerne], weil ich sie als weitschweifig empfinde, gilt das für „Maestro“ erfreulicherweise nicht: mit 2 Stunden verfügt der Film über eine gute Länge [einige Passagen hätte die Regie zwar kürzer abspulen können, die erschienen mir künstlich aufgebläht zu sein; jedoch sind 120 Minuten für eine mehr als 4 Jahrzehnte umfassende Spanne völlig okay] und es kommt in keinem Moment Langeweile auf. Das liegt aber stark an der erzählten Geschichte, die sich nicht an Bernsteins Œuvre entlanghangelt und dabei minutiös jeden Meilenstein herausstellt, sondern den Fokus stattdessen auf sein kompliziertes Liebesleben legt. War er immer schon schwul – und hat Felicia bloß aus beruflicher Räson geheiratet –, handelte es sich um eine komplette sexuelle Umorientierung, die während der Ehe einsetzte, wusste seine Frau von Anfang an Bescheid, oder wurde ihr die Angelegenheit schlagartig erst bei der Szene im Treppenhaus klar? Bernstein-Experten werden die Antworten kennen; ich bin allerdings kein Bernstein-Experte, habe bloß „Maestro“ & „Westside Story“ gesehen und kann deshalb nur spekulieren: Ja (1), Leonard war immer schwul [zumindest bi, mit einer im Alter stärker werdenden Tendenz in Richtung gleichgeschlechtlich] und hat seine Frau aus einer gemischten Motivationslage heraus geehelicht = im prüden Nachkriegsamerika wäre es für einen homosexuellen Dirigenten ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, die Karriereleiter zu erklimmen und ja (2): er hat Felicia geliebt; vermutlich mehr platonisch als körperlich, aber er hat sie geliebt. Zumal – was ihm nicht entgangen sein wird – er seine schöpfungsreichste Periode in den zwei Jahrzehnten aufwies, in denen Felicia eng an seiner Seite stand. Sobald sie Scheidungstendenzen signalisierte und sich räumlich von ihrem Mann trennte, ging es künstlerisch mit Leonard bergab. Er blieb zwar weiterhin ein weltweit umjubelter Starmaestro, dem das Publikum nach jeder Aufführung tosenden Applaus zollte; allerdings entstand seit Anfang der 70-er kein nennenswertes Musikstück mehr aus seiner Feder. Lovestorys – vor allem tragisch verlaufende – sind ein Stoff, aus dem auch ein unterhaltsames Biopic gewebt werden kann. Wen interessiert schon die Entstehungsgeschichte von „West Side Story“, wenn er stattdessen an einem Ehedrama teilhaben kann?

    Felicia ist die wahre Heldin der Geschichte

    An dieser Stelle wollen wir kurz mit Musik & Genie innehalten und uns der Frage zuwenden, von wem das (Film-) Stück eigentlich handelt bzw. wer in dessen Mittelpunkt steht. Selbstverständlich Bernstein (m), sagen Sie, die Überschrift lautet ja eindeutig „Maestro“? Das sehe ich leicht anders. Natürlich ist der Film ohne Leonard undenkbar, aber noch undenkbarer wäre er ohne Felicia. Ohne sie kein erfolgreicher Komponist, ohne sie keine – in den ersten Jahren glückliche – Familie, ohne sie keine 3 Kinder. Sie hält den Laden zusammen und nimmt sich selbst völlig zurück, um das Licht des Ruhms ungefiltert auf ihren Gatten strahlen zu lassen. Felicia ist die stille Heldin dieses Dramas. Diese Rolle ist Carey Mulligan wie auf den Leib geschneidert: Sie spielt sowohl die frisch verliebte als auch die junge glückliche Mutter sowie die ins Zweifeln geratene ältere Ehefrau zu 100 Prozent überzeugend. Sie macht das perfekt, ist jederzeit ehrlich und authentisch, wo man manch anderen manieriert finden kann. Denn Cooper überzeichnet streckenweise bei der Darstellung des Maestros. Gut gelingt ihm der jungenhafte Bernstein [die 45 Minuten, die in Schwarz-Weiß gezeigt werden]; während die nachfolgende Stunde [startend mit der Party-Sequenz im Hause des Maestros] mich manchmal zweifeln ließ, ob ich einen „realen“ (iSv. wirklichkeitsnah) oder einen künstlich angeschwulten Leonard präsentiert bekomme. Denn so homosexuell affektiert wie in der zweiten Halbzeit der Geschichte gab er sich anfangs nicht. Entweder hatte also in den 70-er Jahren ein Sinnes- & Verhaltenswandel eingesetzt, oder aber der Drehbuchautor hat’s mit dem späten Schwulsein des Künstlers übertrieben. Vielleicht um fiktiv einen deutlichen Kontrast zur sich selbst treu bleibenden Felicia zu setzen. Sei’s, wie es sei – hin und wieder überkam mich der Eindruck, hier nicht dem „realen“ Bernstein, sondern einer von Bradley Cooper dramaturgisch verfremdeten Kunstfigur zu begegnen.

    Ein weiteres Manko des Films besteht darin, dass er viel zu sehr auf Leonard abzielt und die Geschichte von Felicia sträflich außen vorlässt. Denn auch sie war in den 40-er- und frühen 50-er-Jahren eine erfolgreiche Bühnen- und Fernsehschauspielerin, opferte ihre Karriere für die Familie, stand nach der Trennung von Leonard kurz vor einem beruflichen Neuanfang. Das wird zwar en passant ab und an angerissen; aber nie auch nur halb so ausführlich abgehandelt wie die einzelnen Konzertauftritte [von denen es ne Menge zu sehen gibt] ihres Göttergatten. Felicia wird vom Autor doch stark auf die 2 Funktionen Ehefrau + Mutter reduziert. Dass sie selbst ein TV-Star war, findet kaum Erwähnung. Man könnte glatt von einem patriarchalisch verengten Blickwinkel des Regisseurs sprechen.

    Die Dialoge zwischen ihr und Leonard passen wiederum, wirken nie gekünstelt oder hölzern. So wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen den beiden abgelaufen sein.

    Zwischenfazit an dieser Stelle: „Maestro“ liefert – speziell für das ansonsten eher spröde Genre „Biopic“ – gute Unterhaltung. Das liegt an 2 Faktoren: der Fokus wird auf das (komplizierte) Eheleben des Künstlers gelegt + Carey Mulligan geht völlig auf in der Rolle der Felicia.

    Maestro: oscartauglich?

    Nachdem Netflix im vergangenen Jahr mit der Neuverfilmung von Im Westen nichts Neues 4 Oscars abräumte [u.a. als bester internationaler Film], soll „Maestro“ bei der Preisverleihung im März 2024 noch erfolgreicher abschneiden. Ob es in den Hauptkategorien [bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch] gegen die beiden Favoriten Barbie und Oppenheimer reichen wird, bleibt mit einer gehörigen Portion Skepsis abzuwarten. Außenseiterchancen rechnen sich Bradley Cooper als „bester Hauptdarsteller“ und Carey Mulligan als „beste Nebendarstellerin“ aus. Bei Hauptdarsteller wird zwar vermutlich Margot Robbie (Barbie) das Rennen machen; aber Mulligan hätte den Oscar für ihre Interpretation der Maestro-Gattin auf jeden Fall verdient (ob sie ihn bekommt, ist wegen der starken Nebendarsteller-Konkurrenz aus Barbie & Oppenheimer jedoch ebenfalls ungewiss].

    Wo sich „Maestro“ allerdings berechtigte Hoffnungen auf den Award machen kann, ist die Spezialdisziplin „Make-up“ [hier auch bereits nominiert] . Der Visagist Kazu Hiro hat Carey Mulligan & Bradley Cooper sowohl in ein den beiden Vorbildern Felicia & Leonard verblüffend ähnelndes Ehepaar verwandelt als die 2 auch überzeugend altern lassen. Ärger gab’s zwischenzeitlich mit der Nasenprothese des Protagonisten. Die schien der politisch hyperkorrekten Fraktion wahlweise übertrieben oder für einen Nicht-Juden unstatthaft zu sein, weshalb von (politisch unkorrektem) Jewfacing die Rede war. Obwohl schnell klargestellt wurde, dass die Nase 1 zu 1 der des realen Maestros entspricht und seine Kinder, die natürlich dazu befragt wurden, keinerlei Probleme mit dem filmischen Zinken [an dieser Stelle nur aus dem Grund verwendet, um das Wort „Nase“ nicht ständig zu wiederholen. Auf gar KEINEN Fall despektierlich gemeint!] haben, beruhigte das die politisch hyperkorrekte Fraktion natürlich nicht, die blieb weiterhin empört; weshalb Kazu Hiro dann alle zerknirscht um Verzeihung bat, die sich durch die realitätsgetreue Darstellung in ihren Gefühlen verletzt empfanden. Gottseidank ging das Schuldempfinden der Filmmacher nicht so weit, den Zinken [pardon: die Nase des Künstlers] nachträglich wegzuradieren, sodass der Zelluloid-Leonard dem realen Bernstein von der reinen Optik her nach wie vor weitgehend entspricht.

    Besonders hervorzuheben ist die Bildgestaltung von Matthew Libatique [speziell die ersten 45, in Schwarz-Weiß gedrehten, Minuten sind hinsichtlich des gekonnten Einfangens der 40er- & 50er-Jahre-Stimmung visuell außerordentlich gelungen]; aber auch bei „beste Kamera“ wird’s sehr schwer werden, sich gegen die 2 Topfavoriten durchzusetzen.

    Maestro ist ein sehr gutes Biopic; handwerklich virtuos, sich dabei phasenweise an das schwierige Thema verschleierter Homosexualität herantastend. Der Film bleibt dabei aber stets schamhaft; als ob man bei den Liebesszenen dann plötzlich doch Angst vor der eigenen Courage bekam und die deshalb auf jeweils wenige Sekunden beschränkte. Dahinter steckt vermutlich der Wunsch der Produzenten, bei den Preisverleihungen wählbar sowohl für konservative als auch liberale und besonders woke Juroren zu sein.

    Von mir gibt’s 8.5 Punkte (2 davon für Carey Mulligan).
    +++

    Maestro
     Erscheinungsjahr: (Herbst) 2023
     Länge: 120 Minuten
     Regie: Bradley Cooper
     Drehbuch: Bradley Cooper & Josh Singer
     Produktion: Fred Berner, Bradley Cooper, Amy Durning, Kristie Macosko Krieger, Martin Scorsese, Steven Spielberg
     Vertrieb: Netflix
     Darsteller: Bradley Cooper, Carey Mulligan, Maya Hawke, Matt Bomer, Vincenzo Amato u.a.

    Erhältlich einzig bei Netflix.

  • Jetzt bin ich der Tod geworden

    Jetzt bin ich der Tod geworden

    Es gibt Filme, die muss man im Kino gesehen haben. Wegen Szenen, die nur auf großer Leinwand und in Dolby Surround ihre volle Wirkung entfalten. Das Wagenrennen in „Ben Hur“, die Landung der Alliierten an Omaha Beach in „Der Soldat James Ryan“ und die „Kill Bill“-Schwertkampfduelle gehören in diese Kategorie. Das Finale von „Casablanca“ und manchen James Bond genießt man ebenfalls intensiver im lokalen Cinedom als zu Hause bei Chips & Erdnussflips. Oppenheimer – auch wenn der im vergangenen Sommer gemeinsam mit „Barbie“ das Kino gerettet haben soll – passt nicht unbedingt in diese Rubrik; den kann man sich getrost im eigenen Wohnzimmer auf dem Sofa anschauen, was ich an den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester getan habe.

    Die Geschichte im Schnelldurchlauf

    Prägende Begegnung mit Werner Heisenberg und Professur in Berkeley
    Der junge Amerikaner Julius Robert Oppenheimer (Cillian Murphy) studiert Physik im Cambridge, zeigt jedoch wenig Begeisterung für die Art und Weise, wie dieses Fach an der englischen Eliteuniversität gelehrt wird. Auf Anraten des Nobelpreisträgers Niels Bohr (Kenneth Branagh), der dort einen Gastvortrag hält, packt Oppenheimer kurzentschlossen seine Sachen und reist nach Deutschland, wo er sich in Göttingen, am Institut von Max Born, für theoretische Physik einschreibt. Er begegnet Werner Heisenberg (Matthias Schweighöfer) – seinem späteren Konkurrenten beim Wettlauf um die erste Atombombe – und genießt spürbar den Austausch unter Gleichgesinnten. Speziell die erst vor einigen Jahren aus der Taufe gehobene Teildisziplin „Quantenmechanik“ fasziniert ihn. Zurück in den USA wird er Assistenzprofessor in Berkeley und veröffentlicht zahlreiche bahnbrechende Schriften zu Fragen der Atomstruktur sowie einige astrophysikalische Untersuchungen über den Kollaps schwerer Sterne (= schwarze Löcher). Mitte der 30-er Jahre ist Oppenheimer wissenschaftlich etabliert, erhält einen ordentlichen Lehrstuhl und gründet auf eigene Kosten ein Institut für theoretische Physik.

    In dieser Zeit heiratet Oppenheimer die Biologin Katherine/“Kitty“ Puening (Emily Blunt), wird Vater von 2 Kindern und pflegt gleichzeitig eine Beziehung zur jungen Psychiaterin Jean Tatlock (Florence Pugh), die Mitglied der kommunistischen Partei ist. Da er Sympathien für die Gewerkschaftsbewegung hegt, besucht er hin und wieder Parteiveranstaltungen und spendet dort Geld für den spanisch-republikanischen Widerstand gegen Francos Faschisten. Das FBI wird auf ihn aufmerksam und legt eine Akte an.

    Wettrennen um die erste Atombombe
    Anfang des Zweiten Weltkriegs wächst bei der amerikanischen Regierung die Sorge, das nationalsozialistische Deutschland könnte als erste Nation eine Atombombe bauen. Um dieser Bedrohung zuvorzukommen, wird mit dem Manhattan-Projekt die Entwicklung einer amerikanischen Nuklearwaffe forciert. 1942 – die USA waren nach Pearl Harbour ebenfalls Kriegspartei geworden – wird Oppenheimer die wissenschaftliche Leitung angetragen. Er verlegt das Projekt in die Wüste von New Mexico, wo in Los Alamos in Windeseile eine von der Außenwelt abgeschirmte Forschungseinrichtung entsteht, die nach kurzer Zeit bereits 3000 Menschen beherbergt. Oppenheimer gelingt es, die besten naturwissenschaftlichen Köpfe des Landes in die Wild-West-Hochplateau-Abgeschiedenheit zu locken.

    Nach zwei Jahren intensiver Forschung kommt es im Sommer 45 zum praktischen Feldversuch: Am frühen Morgen des 16. Juli wird eine kleinere A-Bombe („The Gadget“) unter dem Codenamen Trinity (Dreifaltigkeit) in der Wüste gezündet. Der Test verläuft erfolgreich.

    Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten, …

    … diesen Vers soll Oppenheimer (angeblich) sofort danach aus dem indischen Gedicht Bhagavad Gita rezitiert haben. 3 Wochen später machen Little Boy (Hiroshima) und Fat Man (Nagasaki) 2 japanische Städte binnen weniger Minuten dem Erdboden gleich. Das Kaiserreich kapituliert bedingungslos am 15. August.

    Vom Macher zum Warner
    Oppenheimer ist der Mann der Stunde, sein Gesicht prangt auf dem Cover des Time-Magazins, er erhält zahlreiche Auszeichnungen, wechselt von Berkeley nach Princeton, übernimmt den Vorsitz des Beratungskomitees der amerikanischen Atomenergiebehörde (AEC), setzt sich für Rüstungskontrolle ein und rät vom Bau der Wasserstoffbombe ab. Daraus entwickelt sich ein Konflikt mit dem Vorsitzenden der AEC, Lewis Strauss (Robert Downey jr.). Ende 1953 erfährt Oppenheimer, dass seine Sicherheitsfreigabe erneuert werden muss. Im April 54 findet in Washington eine Anhörung hinter verschlossener Tür statt, die einem Tribunal gleicht. Oppenheimer wird beschuldigt, seit seiner Studentenzeit in Europa offene Sympathien für den Kommunismus zu zeigen und eventuell sogar geheime Informationen an die Sowjetunion weitergegeben zu haben. Außerdem wirft man ihm vor, sich gegen die Entwicklung der Wasserstoffbombe positioniert zu haben, womit er seine Aufgabe als nuklearer Vordenker & Patriot nicht erfülle. Weggefährten aus Berkeley und Los Alamos werden als Zeugen befragt und zeichnen ein vielschichtiges Bild ihres früheren Chefs. Das Votum, das die 3-köpfige Jury nach 6 Wochen und zahlreichen Verhandlungstagen fällt, lautet 2 zu 1 gegen die Erneuerung der Freigabe, was in der Konsequenz den Ausschluss aus geheimen Regierungsprojekten und damit eine massive Reduzierung der politischen Einflussnahme des „Vaters der Atombombe“ bedeutet. Oppenheimer kehrt als gefallener Held nach Princeton zurück. An dieser Stelle endet der Film und ich lege spontan „Enola Gay“ auf den Plattenteller.

    Spannendes Drama oder spröde Doku?

    Die Kritik war des Lobes übervoll für Christopher Nolans jüngstes Werk, sprach von:

    Ein grandioser Film über das moralische Dilemma eines Mannes, der die Welt verändert hat.
    © Anna Wollmer im NDR

    und:

    Das neue Werk von Christopher Nolan erfüllt nicht nur alle Fan-Erwartungen, sondern übertrifft diese mit Cast und Filmmusik noch.
    © Maike Karr in film.at

    oder:

    Mit seiner Bild- und Tongewalt zieht Christopher Nolan das Publikum von der ersten Minute an in die eindrucksvolle Welt der Physik – manchmal ruhig, still und leise, manchmal aber auch brachial und ungestüm.
    © Anne Nauditt, in: kino.de

    Mich hingegen lässt „Oppenheimer“ mit einem zwiespältigen Gefühl zurück. Ja, es ist „großes Kino“, wenn man die Star-Besetzung betrachtet. Es war zudem aufschlussreich, etwas mehr über das Leben des Vaters der Atombombe zu erfahren als das, was man gemeinhin aus Schulbüchern und Zeitungsartikeln – die zumeist am Jahrestag des Abwurfs auf Hiroshima publiziert werden – eh schon weiß. Die Handlung wird aber zu keinem Zeitpunkt spannend oder gar unterhaltsam. Ich war streckenweise unsicher, ob ich ein Drama oder eine Doku präsentiert bekomme. „Oppenheimer“ bleibt weitgehend blutleer, bar jeglicher emotionaler Tiefe, es fehlen dramatische Wendungen und Schicksalsschläge. Die Handlung, die 3 Stunden lang vor den Augen des Zuschauers abgespult wird, kommt naturwissenschaftlich-nüchtern daher, ähnelt mehr einer Biografie als einer (Helden-) Erzählung. Natürlich steht der Name Nolan für kühle Geschichten – z.B. „Inception“ –; jedoch flog selbst in „Interstellar“ und „The dark knight“ ein Hauch von Romanze durch den Kinosaal, sahen wir Protagonisten, die zwischendurch an ihrem Handeln zweifelten oder gar kurz vor dem Scheitern standen und erst zum Finale hin den Turnaround schafften. Das, was halt Suspense ausmacht. In „Oppenheimer“ herrscht jedoch von all diesen bewährten (Märchen-) Zugaben völlige Fehlanzeige. Der Held ist von Minute 1 an komplett, es gibt kein allmähliches Reifen, keine Brüche, keinerlei Sich-selbst-in-Frage-stellen – Oppenheimer war von Geburt an dazu bestimmt, der Vater der Atombombe zu werden, und er zieht seine Prädestination frei von jeglichen Skrupeln bis zum „Tag des jüngsten Gerichts“ in Nagasaki entschlossen durch.

    Wo sind die inneren Dämonen des Bombenbauers?

    Wo sind die großen Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Zurverfügungstellung der nuklearen Höllenkraft für die militärische Nutzung stellen? Wer, außer ein paar kurz eingeblendeten Physiker-Kollegen aus Chicago – warnt vor dem möglichen Weltenbrand? Hatte in Los Alamos niemand Angst davor, den Planeten in die Luft zu jagen? Gab’s keine schlaflosen Nächte deswegen im Hause Oppenheimer? Unterhalten sich Physiker abends nach getaner Arbeit nicht über die möglichen Konsequenzen ihres Tuns? Ist der Naturwissenschaftler weniger verantwortlich für Hiroshima als der Pilot, der die Bombe zum Zielort transportiert oder der Präsident, der den Einsatz befiehlt? Eine der verstörendsten Sequenzen im Film ist diejenige, als Oppenheimer seiner Crew vom gelungenen Abwurf in Japan berichtet, und die Mitarbeiter begeistert von ihren Stühlen aufspringen und jubeln. Welcher Teufel treibt uns an, die Zerstörung zweier Städte mit tosendem Applaus zu quittieren? Sieg über den Gegner hin oder her. Hier blicken wir kurz in die Abgründe des menschlichen Herzens.

    Wenn wir jetzt mal unterstellen, es gibt 2 Oppenheimers: den bis August 45 und den danach [wird im Film durch unterschiedliche Farbgebung visualisiert = „alt“ in Technicolor, „neu“ in Schwarz-weiß], so bleibt auch der vom Atombomben-Bauer zum Rüstungskontrolle-Befürworter gewandelte Held blass. An keiner Stelle werden wir Zeuge seiner inneren Kämpfe, er führt keine Streitgespräche mit Kollegen oder Freunden, die ihn zum Umdenken animieren, er zeigt von Anfang bis Ende keinerlei Gefühlsregungen [von ein paar Tränen, die er vergießt, als er vom Suizid seiner Geliebten erfährt, mal abgesehen]; er ist, was seine Emotionen betrifft, genauso mathematisch-kontrolliert wie die Formeln, die er mit Kreide auf die Institutstafel kritzelt. Wo bleiben die Wutausbrüche, als er beim inszenierten Tribunal im April 1953 mit konstruierten Vorwürfen konfrontiert wird? Er lässt das alles ohne Gegenwehr einfach über sich ergehen? Richtig erfrischend war da die kleine Szene, in der Ehefrau Kitty ihrem Mann beim Abendessen vorwirft, keine Eier zu haben, die sich schnellstmöglich wachsen zu lassen und vor der Jury zu präsentieren, um aus der Opferposition rauszukommen, was allerdings nicht den gewünschten Effekt beim Gatten bewirkt. Er verharrt stattdessen weiterhin passiv in der Rolle des neutralen Beobachters, der ab und an mit leiser Stimme die an ihn gerichteten Fragen beantwortet, sodass der Urteilsspruch am Ende nicht überrascht.

    Ins Schwarze trifft deshalb vermutlich erneut Kitty, als sie zum „gefallen“ nach Princeton heimkehrenden Robert sagt: „Du willst dich selbst bestrafen und leiden, um die Schuld, die du auf dich geladen hast, zu sühnen.“ [oder so ähnlich. Habe den Dialog nicht mit-stenografiert, sondern gebe ihn 3 Tage später aus dem Gedächtnis wieder, das bei Männern in meinem Alter leider nicht mehr das allerbeste ist]. Reicht das aus, um keine Albträume mehr zu haben oder gar mit Prometheus verglichen zu werden [wie es zu Beginn der Geschichte suggeriert wird]? Meine Antworten lauten: Ob Oppenheimer überhaupt je von nächtlichen Dämonen befallen wurde, weiß ich nicht und: nicht alles, was hinkt, ist auch ein zutreffender Vergleich. Die jahrhundertelange Qual des Titanen-Sprösslings, festgekettet an eine Felswand im Kaukasus, ist nun wirklich eine andere Hausnummer als der sich in die kuschelige Studierstube zurückziehende Atombomben-Vater.

    Zwischenfazit an dieser Stelle: „Oppenheimer“ ist groß, was die Besetzung angeht, bleibt aber durchgängig kühl bei den Charakteren und lässt streckenweise sogar den Eindruck von Langatmigkeit entstehen.

    2 Änderungsvorschläge

    Jetzt haben Sie wie immer viel gemeckert, Herr Kolumnist; was würden Sie anders machen, wenn Sie der Drehbuchautor wären? Lassen Sie mal hören, meinen Sie? Jap, Sie haben völlig recht – wer kritisiert, sollte auch Verbesserungsvorschläge auf den Tisch legen. Ich versuch’s.

    Vorschlag 1 = unnötiger Ballast über Bord
    „Oppenheimer“ deckt eine Lebensspanne von rund 30 Jahren ab: vom Studium in Cambridge & Göttingen, über die Professur in Berkeley, die 24 Monate in Los Alamos bis hin zur Anhörung vor dem Ausschuss in Washington. Erzählt wird überwiegend linear, eingeflochten sind hin und wieder Rückblenden und zeitliche Sprünge nach vorne; das letzte Drittel ist den Wochen der falschen Anschuldigungen und der flügellahmen Verteidigung gewidmet. Das zieht sich SEHR. Hier wäre weniger – iSv. von Verkürzung der erzählten Zeit – durchaus mehr gewesen. Um den geläuterten Physiker darzustellen [und dessen Wandlung stellt ja das eigentlich Interessante an der Geschichte dar], benötigt man keinen 2-stündigen Vorlauf, da hätten ein paar knackige Sequenzen aus dem Hörsaal und vom Testgelände in der Wüste völlig gereicht. Und im Folgenden Konzentration auf den mit sich selbst ringenden Physiker und das Kreuzverhör, dem er sich im Frühjahr 54 stellen muss. Unterfüttert mit den Fragen: Wie weit kann Wissenschaft gehen? Darf man alles entwickeln und zur Serienreife bringen, was technisch möglich ist? Wann muss ein Erfinder „Stopp!“ rufen und sein „Baby“ leise entsorgen? Oder aber andersherum: Sorgen Nuklearwaffen eventuell für (dauerhaften) (kalten) Frieden, weil die Atomstaaten sie zwar (massenhaft) produzieren, jedoch vor ihrer Anwendung zurückschrecken, weil jedem klar ist, dass dann alle sterben? Um für die gesamte Welt begreiflich zu machen, welch furchtbare Auswirkungen der neue Sprengkörper mit sich bringt, benötigte man im August 45 aber erst mal die Demonstration seiner Explosionskraft. Seitdem herrscht Ruhe, zumindest bezogen auf direkte Auseinandersetzungen zwischen den Supermächten [ja ja, ich weiß: die führen stattdessen in Afrika und Asien Stellvertreterkriege]. Aber immerhin für Westeuropa läutete der amerikanische Atomraketen-Schutzschild nach 1945 eine bis heute anhaltende Epoche des Friedens ein.

    War der Abwurf zu diesem späten Zeitpunkt des Krieges – die Japaner hatten 4 Monate zuvor bereits ihren letzten vor Kyushu gelegenen Stützpunkt Iwojima geräumt – überhaupt zwingend notwendig? Die Abwehrkraft des Kaiserreichs war nahezu erschöpft. Die Amerikaner hätten Tokio binnen weniger Wochen auch ohne Zuhilfenahme von Little Boy & Fat Man eingekesselt; allerdings drohten große Menschenverluste, um dieses Ziel zu erreichen. Die blutige letzte Schlacht gegen Nazi-Deutschland im Hürtgenwald, die der U.S. Army einen enormen Aderlass beschert hatte, lag erst ein halbes Jahr zurück. Eingedenk dieser Tatsache, und um auf Nummer sicher zu gehen, entschloss sich Truman schließlich für das nukleare Fanal. Von 2 schlechten Möglichkeiten die aus seiner Sicht weniger schlechte wählen. All diese Aspekte hätten deutlicher herausgearbeitet gehört in „Oppenheimer“. Speziell aus dem Mund des Protagonisten würde man gerne solche Fragen vernehmen. Der redet zwar viel, Tiefschürfendes ist jedoch selten darunter. So manifestiert sich am Schluss der Eindruck, dass sich der Vater der Bombe v.a. als Opfer von politischen Intrigen, und nicht als Täter oder gar Massenmörder sieht. Er leidet stoisch wie sein Vorbild Prometheus; bloß hatte der den Menschen das (Lager-) Feuer, und nicht Hiroshima, zum Geschenk gemacht.

    Vorschlag 2 = mehr Gefühle zulassen
    Eine tragische Liebesgeschichte einflechten = Das Dreieck Robert-Kitty-Jean als zweiten Schwerpunkt der Erzählung präsentieren. Die Ingredienzien – wenig Wärme verströmende & auf den beruflichen Erfolg des Mannes fokussierte Ehefrau, gefühlvolle & emotional instabile Geliebte mit ausgeprägtem Hang zu sozialistischer Utopie, den Gesetzen der Physik verhafteter Wissenschaftler & Weiberheld, der gerne beides, familiäre Stabilität & sexuelles Abenteuer, miteinander vereinen möchte und Suizid 1 Beteiligten als letzter Ausweg aus dem Dilemma – lagen ja alle parat; man hätte als Autor bloß beherzt zugreifen müssen. Stattdessen beschränkt sich der Film auf kleine und lauwarme amouröse Sequenzen, als ob man Angst vor der puritanischen US-Zensur gehabt hat. Als sich sich Robert und Jamie nach ungefähr 90 Minuten Handlung nackt in einem Hotelzimmer gegenübersitzen, hoffte ich kurz auf Besserung iSv. mehr Sex & Emotion; 2 Minuten später war Fräulein Tatlock jedoch praktischerweise tot und der Regisseur von weiteren Liebesszenen befreit.

    Für das Gütesiegel „Meisterwerk“ reicht es nicht

    Was bleibt bei mir als Zuschauer haften? Ich kenne jetzt den beruflichen Werdegang von J. Robert Oppenheimer, weiß, dass er als junger Dozent lockere Sympathien für den Sozialismus zeigte, habe erfahren, dass es neben Ehefrau Katherine zeitweilig noch eine Geliebte gab, erlebe ihn als genialen Organisator des Manhattan-Projekts und sehe ihn 10 Jahre danach als stoischen Dulder auf der Anklagebank. 3 Jahrzehnte Leben in 3 Stunden nacherzählt [80 Prozent davon kannte ich (leider) schon], ohne ein bisschen was Spannendes dazu zu dichten. So als ob sich Autor und Regisseur [in diesem Fall ist das Nolan in Personalunion] sklavisch an die Oppenheimer-Biografie gehalten und alles darangesetzt haben, bloß keine historischen Fehler zu begehen.

    Das kann man machen, wenn man die Geschichte mit dem Label „Biopic“ versieht. Das, was eine gute Erzählung ausmacht – nämlich die Heldenreise mit ihren kaum zu überwindenden Hindernissen, eine überraschende Wendung im letzten Drittel garniert mit einer ordentlichen Portion Liebe (egal, ob die in der Schlussminute happy oder tragisch endet) –, fehlt komplett in „Oppenheimer“. Es ist von allen kühlen Werken Nolans das bisher kälteste. Selbst Emily Blunt – sonst eine sichere Garantin für emotionalen Tiefgang – kann die überwiegend langatmig erzählte Story nicht retten. Kategorie = solide gemacht (aber weit entfernt von faszinierend). Das ist definitiv zu wenig, um das Prädikat „großes Kino“ verliehen zu bekommen.

    Von mir gibt’s deshalb auch nur magere 5 Punkte.

    Rubrik: schade.
    +++

    Oppenheimer
     Erscheinungsjahr: (Sommer) 2023
     Länge: 180 Minuten
     Regie: Christopher Nolan
     Drehbuch: Christopher Nolan
     Vertrieb: Universal Pictures
     Besetzung: Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey jr., Florence Pugh, Josh Hartnett, Casey Affleck, Rami Malek, Kenneth Branagh, Jason Clarke, Dane DeHaan, Gary Oldman, Matthias Schweighöfer.

    Erhältlich u.a. bei Amazon Prime.

  • Wie E.A. Poe zu Schmerzmitteln kam

    Wie E.A. Poe zu Schmerzmitteln kam

    Es gab eine Zeit, in der ich Poe sehr gerne las: das geschah Mitte der 80-er Jahre, und ich war Student des recht trockenen Fachs Betriebswirtschaftslehre. Die Erzählungen dieses Autors eigneten sich hervorragend, um mich abends, sobald ich die langweiligen Lehrbücher zugeklappt hatte, mit Schauergeschichten zu zerstreuen und anschließend leichtem Gruselgefühl in den Schlaf zu wiegen. Hin und wieder legte ich dazu „Tales of Mystery and Imagination“ von Alan Parsons Project auf, um die düstere Stimmung, die „Der Rabe“ und „Das verräterische Herz“ verströmten, musikalisch zu verstärken. Nach ein paar Monaten kannte ich sämtliche Geschichten und Gedichte aus dem Poe-Universum und wandte mich anderen Schriftstellern zu. Als mich Monate später eine fiebrige Erkältung für einige Tage ins Bett zwang, begann ich von vorne mit „Die Maske des roten Todes“ und „Die Grube und das Pendel“. Nun passierte allerdings Folgendes: Die Figuren der Erzählungen verfolgten mich in meine Träume. Nassgeschwitzt schreckte ich mitten in der Nacht hoch, der Puls schlug wild, und auf dem Schreibtisch saß ein großer Rabe, der mich aus leuchtendroten Augen anstarrte [allerdings nicht mit mir redete]. Morgens fühlte ich mich völlig gerädert, der Appetit versagte, ich las abwechselnd Poe, dämmerte vor mich hin und hörte laut und deutlich das Schlagen eines Herzens in der Wand. Natürlich lag das vor allem am Fieber, das mich Spukgestalten sehen ließ, die aus den dunklen Räumen des Bewusstseins, wo sie seit Beendigung meiner Kindheit eingeschlossen waren. nach draußen drangen, um mich zu ängstigen und wegen meiner körperlichen Schwäche zu verhöhnen. Jedoch schien mir auch Baltimores berühmter Sohn an meinem desolaten Zustand nicht ganz unschuldig zu sein. Als ich nach 1 Woche wieder halbwegs genesen war, beschloss ich deshalb 2er-lei: im Winter nie mehr ohne Mütze & Schal das Haus zu verlassen und mit Gruselgeschichten fürs Erste zu stoppen.

    Auf Empfehlung eines Facebook-Bekannten zappte ich vergangene Woche in die Netflix-Miniserie Der Untergang des Hauses Usher rein. Hier mein Eindruck:

    Der Teufel: zur Abwechslung eine attraktive Frau

    Die Geschichte im Schnelldurchlauf:

    1962: Die Zwillingsgeschwister Madeline und Roderick Usher wachsen in einer amerikanischen Vorortsiedlung auf. Die alleinerziehende Mutter Eliza arbeitet als Sekretärin beim größten Arbeitgeber der Region – Fortunato Pharmaceuticals. Für ihren Chef erledigt sie nicht nur Schreibarbeiten, sondern steht ihm auch außerhalb des Büros für andere Dienstleistungen zur Verfügung. In der Firma munkelt man deshalb, dass Madeline & Roderick aus dieser unschicklichen Beziehung stammen. Eliza erkrankt eines Tages an Demenz, ist nicht mehr arbeitsfähig, vegetiert zu Hause eine Zeit lang vor sich hin, bevor sie stirbt. Ihr ehemaliger Chef – und wahrscheinliche Vater der Kinder – lehnt jegliche Verantwortung für die Geschwister ab. Als Eliza im Himmel (oder der Hölle) davon erfährt, entsteigt sie ihrem Grab und tötet den Liebhaber vor den Augen ihrer beiden Kinder.

    1979: Roderick ist verheiratet und arbeitet in subalterner Position bei Fortunato. Madeline hat sich selbständig gemacht und versucht ihr Glück in der jungen Computer- & Softwarebranche. In der Silvesternacht begehen die beiden gemeinsam einen Mord, gehen danach in eine Bar auf einen Absacker und begegnen dort dem Teufel, der zur Abwechslung mal weiblich und hübsch ist (Carla Gugino). Der Höllenfürst (m/w/d) unterbreitet ihnen ein verlockendes Angebot = Übernahme des Pharmakonzerns und „ewiger“ Reichtum. Als Kompensation verlangt er nicht die Seelen der beiden Zwillinge, sondern die Auslöschung von deren Blutlinie in „ferner“ Zukunft.

    2023: Gegen Fortunato laufen zahlreiche Gerichtsverfahren wegen gefälschter Testreihen, der Bestechung von Prüforganisationen, Politikern & Ärzten sowie der grob fahrlässigen Tötung zehntausender Patienten. Die Ermittlungen leitet Staatsanwalt Auguste Dupin, seit vielen Jahren erbitterte Widersacher der Ushers, die es als Pharma-Dynastie mittlerweile zu einem Milliardenvermögen gebracht haben. Bisher perlen sämtliche Anschuldigungen am Familien-Clan ab. Das Geschäft mit den Schmerzmitteln läuft reibungslos. Die Ushers scheinen mit legalen Mitteln unbesiegbar zu sein. Während der heißen Phase des Prozesses beginnt plötzlich das große Sterben von Rodericks Kindern [er hat 6 von 5 Frauen]. Handelt es sich um tragische Unglücksfälle, oder steckt was anderes dahinter? Den Firmenchef plagen Visionen, in denen er von seinen toten Töchtern & Söhnen heimgesucht wird. Hirngespinste aufgrund seiner beginnenden Demenz oder doch „real“? Und wer ist die geheimnisvolle Frau, die jedes der Kinder kurz vor deren Tod aufsuchte? Roderick lädt nun Lieblingsfeind Dupin in sein verfallenes Elternhaus zu einem 4-Augengespräch ein und erzählt dem Staatsanwalt bei 1 Flasche sündhaft teurem Cognac die Geschichte des Hauses Usher. Dabei tauchen immer wieder unvermutet Geister der Vergangenheit auf, und aus dem Keller ertönen ständig lauter werdende Geräusche.

    Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

    Mal mehr, mal weniger vom Original entfernt

    Episode 1 „Mitternacht, von Gram umschattet“ [so beginnt: „Der Rabe“] startet etwas zäh: Roderick sitzt zu fortgeschrittener Stunde Dupin gegenüber, trinkt Cognac und erzählt und erzählt. Der Ermittler fungiert hier – wie auch die weiteren Folgen – überwiegend passiv als Zuhörer, dem hin und wieder eine Zwischenbemerkung gestattet ist. Sein Namensvetter in „Mord in der Rue Morgue“ schien mir aktiver und cleverer gewesen zu sein. Die Monologe des Usher-Patriarchen wirken leicht ermüdend, hierin dem von Fortunato vertriebenen Schmerzmittel Ligodon nicht unähnlich. Ich war geneigt, nach 45 Minuten schon wieder aus der Serie auszusteigen: zu viel tell, zu wenig show. Auf Anraten des o.g. Facebook-Kumpels, „es wird spannender“, blieb ich jedoch dran und wurde angenehm überrascht – jetzt nahmen die bisher diffusen Gestalten der Familie allmählich Gestalt an, und vor allem begann das Sterben. Denn was taugt eine Horrorserie schon groß, wenn darin nicht auch gestorben wird?

    Die einzelnen Folgen – jeweils mit der Überschrift einer Poe-Erzählung versehen – halten sich mal mehr und mal weniger an die Ursprungsgeschichten. So erkennt man in „Die Maske des roten Todes“ und „Das verräterische Herz“ unschwer die Handschrift von Baltimores bekanntestem Sohn, während „Der schwarze Kater“ und „Der Goldkäfer“ sich doch sehr weit vom Original entfernen. Gemeinsam ist den Episoden 2 bis 7 = an jedem Ende gibt’s 1 Kind weniger. „Der Untergang des Hauses Usher“ dient dabei einzig als Klammer, die Zwillinge Madeline & Roderick werden vom früh-viktorianischen England an die amerikanische Ostküste der Jetztzeit teleportiert, und anstatt in einem alten Schloss leben sie in teuren Villen und fungieren als CEOs zweier erfolgreicher Unternehmen. Dass es für die beiden ebenfalls nicht gut ausgeht, fällt nicht in die Kategorie „übles Spoilern“ – bei Poe geht es nie gut aus. Reingerührt in die letzte Folge wurde noch Der Rabe:

    Als ich einst zur Geisterstunde, leidend an der Lebenswunde,
    überdachte alter Kunde Weisheit, alter Weisheit Lehr’,
    als ich, schläfrig, kaum vermochte, länger wachzubleiben, pochte
    an die Tür es leise, pochte sanft wie einer Magd Begehr.
    „Oh, da kommt noch ein Besucher“, dachte ich, „wo kommt er her,
    – in der späten Nacht noch her?“

    Das Finale dann dem Original entsprechend:

    Wie verfolgt entfloh ich aus diesem Gemach und diesem Hause. Draußen tobte das Unwetter in unverminderter Heftigkeit, als ich den alten Teichdamm kreuzte. Plötzlich schoß ein unheimliches Licht quer über den Pfad, und ich blickte zurück, um zu sehen, woher ein so ungewöhnlicher Glanz kommen könne, denn hinter mir lagen allein das weite Schloß und seine Schatten. Der Strahl war Mondglanz, und der volle, untergehende, blutrote Mond schien jetzt hell durch den einst kaum wahrnehmbaren Riß, von dem ich bereits früher sagte, daß er vom Dach des Hauses im Zickzack bis zum Erdboden lief. Während ich hinstarrte, erweiterte sich dieser Riß mit unheimlicher Schnelligkeit, ein wütender Stoß des Wirbelsturms kam, das volle Rund des Satelliten wurde in dem breit aufgerissenen Spalt sichtbar; mein Geist wankte, als ich jetzt die gewaltigen Mauern auseinanderbersten sah; es folgte ein langes, tosendes Krachen wie das Getöse von tausend Wasserfällen, und der tiefe und schwarze Teich zu meinen Füßen schloß sich finster und schweigend über den Trümmern des Hauses Usher.

    Gier & Buhlen um Liebe als Leitmotive

    In „Der Untergang des Hauses Usher“ stehen 2 Hauptmotive im Vordergrund: Gier und Buhlen um Liebe.

    Die unersättliche Gier der Zwillinge
    Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, nach dem frühen Tod der Mutter bei Pflegefamilien aufgewachsen, sind die Geschwister getrieben von maßlosem Ehrgeiz, es der Gesellschaft, die sie in ihrer Kindheit so ungerecht behandelt hat, heimzuzahlen. Dazu ist ihnen nahezu jedes Mittel recht. Sie scheuen weder vor Falschaussagen/Meineid, Mord, noch vor dem Pakt mit dem Teufel zurück, um ihr Ziel, an die oberste Spitze der Nahrungskette zu gelangen, zu erreichen. Von seiner ersten Frau vor die Wahl gestellt, zieh die Falschaussage zurück oder ich verlasse dich, entscheidet sich Roderick ohne Zögern für die Lüge. Madeline steht ihm diesbezüglich nicht nach, stiftet den Bruder sogar oft an, noch skrupelloser zu agieren. Am Ende zählt bloß der geschäftliche Erfolg.

    Und dieser Erfolg gründet folgerichtig auf einem opioidhaltigen Schmerzmittel namens Ligodon, mit dem Fortunato den US-amerikanischen Markt überflutet. Dass Ligodon bereits nach kurzer Einnahme abhängig macht, wissen alle Beteiligte. Trotz enormer Todeszahlen wird das Medikament munter weiter produziert und verschrieben. Die Süchtigen mutieren zu Heroin-Junkies. Aber selbst dieses traurige Phänomen bewirkt keinerlei Umdenken bei Fortunato und den politisch Verantwortlichen. Sämtliche Anstrengungen von Auguste Dupin, das Mittel verbieten zu lassen, versickern ergebnislos in den Mühlen der Justiz. Hier wurde von den Drehbuchautoren geschickt die (wahre) Geschichte von Purdue Pharma und des durch Oxycontin bewirkten Opioid-Tsunamis in den USA in die Poe-Erzählung hineingewebt. Als Zuschauer bleibt man fassungslos zurück und begreift kaum, wie dieser legale Drogenhandel derart lange geduldet werden konnte [denn in der Realität war Purdue ebenfalls so schwer beizukommen wie dem fiktiven Pharmariesen Fortunato].

    Auf die Frage Dupins, „Wann ist es genug? Ist es jemals genug?“, antwortet Roderick: „Was für eine dumme Frage. Es ist nie genug“.

    Das Buhlen
    Die 6 Kinder, von 5 verschiedenen Müttern stammend, leben allesamt im Umfeld von Roderick & Madeline. Frederick, der Älteste, soll irgendwann in die Fußstapfen des Patriarchen treten. Die restlichen fünf leiten ihre eigenen kleinen Firmen; jeweils mit großzügigen Millionenspritzen des Daddys gepampert. Obwohl die 6 finanziell ausgesorgt haben, ist keiner richtig zufrieden. Neben dem Wunsch nach noch mehr Geld und mehr Einfluss bei Fortunato neiden die 5 Jüngeren dem ältesten Bruder v.a. dessen tägliche Nähe zum Vater. Keines der Kinder fühlt sich ernstgenommen oder geliebt. Niemand wagt, Roderick & Madeline zu widersprechen. Aus Angst vor Liebesentzug und Sorge, beim Erbe leer auszugehen. Und weil sie Vater & Tante beweisen wollen, dass auch sie als zweite Generation erfolgreich sein können, operieren sie genauso am Rande der Legalität, mitunter auch dahinter, wie Vater & Tante. Das alte Monster hat 6 junge Monster gezeugt.

    „Die Moral(en)“ von der Geschichte = (viel) Geld ermöglicht zwar ein finanziell sorgenfreies Leben, aber vollumfassend glücklich macht es nicht unbedingt. Und: Monster leben nicht ewig.

    Streckenweise zäh

    Von mir gibt’s für die Netflix-Version der Haus-Usher-Geschichte 7.5 Punkte [1 davon für Mr. Pym, den Anwalt-Killer-Hybrid der Ushers, der für die Familie die dreckigen Jobs erledigt. Gespielt von Mark Hamill, den ich anfangs aufgrund Bart und zerknittertem Gesicht kaum erkannte = Luke Skywalker, einer der Helden meiner Jugend].

    Ansonsten gilt: Spannung und zähe Passagen halten sich in etwa die Waage. Es wird für meinen Geschmack zu viel erzählt von Roderick. Es wird auch mit den Rückblenden übertrieben. Wahrscheinlich wäre es dramaturgisch besser gewesen, sich auf den Untergang der Familie zu konzentrieren, anstatt 8 verschiedene Erzählungen auf Teufel komm raus in 1 Serie unterzubringen.

    PS. ob man Poe gelesen haben muss, um die Geschichte zu verstehen, fragte vor ein paar Tagen eine Kommentatorin -> nein, muss man nicht.
    PPS. Im Unterschied zur Lektüre habe ich im Nachgang der Serie nicht von Dämonen und dem Grab entstiegenen blutverschmierten Jungfrauen geträumt.
    +++

    Der Untergang des Hauses Usher
     1 Staffel mit 8 Episoden
     seit Okt. 2023 auf Netflix
     Produktion: Intrepid Pictures
     Regie: Mike Flanagan
     Drehbuch: Mike Flanagan et al.
     Darsteller: Carla Gugino, Bruce Greenwood, Mary McDonnell, Carl Lumbly, Mark Hamill, Henry Thomas, Kate Siegel, Rahul Kohli, Samantha Sloyan, T’Nia Miller, Sauriyan Sapkota, Kyliegh Curran, Ruth Codd.

  • Was machen wir am Tag vor dem Weltuntergang?

    Was machen wir am Tag vor dem Weltuntergang?

    Mit Filmen, die das rote N auf der Startseite tragen, ist es immer so ne Sache: Überwiegend sind sie mittelmäßig erzählt und weisen eine Tendenz in Richtung langatmig bis hin zu langweilig auf. Das gilt bspw. für War Machine (2017 mit Brad Pitt), „The Old Guard (2020 mit Charlize Theron), „Der schwarze Diamant (2020 mit Adam Sandler), Triple Frontier (2019 mit Ben Affleck) und ganz besonders „The Gray Man (2022 mit Ryan Gosling & Ana de Armas). Und weshalb Im Westen nichts Neues bei der letzten Oscar-Verleihung 4 dieser begehrten Auszeichnungen erhielt, habe ich bis heute nicht begriffen. Die Produktion fiel gegenüber ihren 1930 und 1979 gedrehten Vorgängern dramaturgisch deutlich ab.

    Dennoch klicke ich natürlich hin und wieder – vor allem, wenn ich vorher eine positive Rezi gelesen habe – auf Einteiler mit dem großen N. So vor ein paar Wochen Der Killer mit Michael Fassbender als schweigsamen Auftragsmörder, der in schön eingefangenen Bildern (Regie: David Fincher) um die halbe Welt jettet, und an jedem Ort, in dem er landet, 1 Leiche hinterlässt. Allerdings quatscht der Killer ständig aus dem Hintergrund (nennt sich im Fachjargon = Voiceover) und erklärt dem Zuschauer sein Tun, was schnell ermüdet. Fällt für mich deshalb in die Rubrik „(zu viel) tell statt show“. Zumal die Story nicht unbedingt innovativ ist; hat man in leichten Variationen schon 100x woanders gesehen.

    Gestern Abend unternahm ich einen weiteren Versuch mit einem von der Kritik wohlwollend aufgenommenen Werk: „Leave the world behind“ (auf Deutsch in etwa = Lass die Welt hinter dir). Adaption des gleichnamigen Romans von Rumaan Alam. Genre = (wie eine) Dystopie (entsteht) oder Die letzten Tage vor dem Weltuntergang.

    Havarierende Öltanker und Totalausfall aller Funknetze – die Geschichte im Schnelldurchlauf

    Das New Yorker Upper-Middleclass-Ehepaar Amanda (Julia Roberts) und Clay (Ethan Hawke) Sandford beschließt spontan, einen Kurzurlaub am Meer zu verbringen. In einem Reiseportal mieten sie eine noble Villa auf Long Island und fahren mit ihren zwei Kindern Rosie (Farrah Mackenzie) und Archie (Charlie Evans) übers verlängerte Wochenende dorthin. Am Ziel angelangt, stellt die Familie fest, dass sowohl die Handys als auch Internet und TV-Empfang nicht funktionieren. Tags darauf am Strand havariert ein Öltanker knapp vor dem Picknick-Korb der Sandfords. Erklärung der herbeigeeilten Polizei = Ausfall des Navigationssystems.

    Am selben Abend klopft es an der Tür, draußen stehen George Scott (Mahershala Ali) und dessen Tochter Ruth (Myha’la Herrold), die Eigentümer des Anwesens. Nach einigem Zögern bitten die Sandfords die beiden herein. Die Scotts berichten, dass sie aufgrund eines stadtweiten Stromausfalls aus Manhattan „geflohen“ sind, um die nächsten Tage in ihrem Landhaus zu verbringen. Gerne könne man sich das mit den Sandfords teilen. Clay hat kein Problem damit, Amanda willigt zähneknirschend ein, bleibt aber misstrauisch.

    Am darauffolgenden Tag passiert Folgendes: die Sandfords akzeptieren, dass es sich bei den Scotts tatsächlich um die Eigentümer handelt, und es ereignen sich jede Menge mysteriöse Dinge: Flugzeuge stürzen vom Himmel, unbemannte Autos verstopfen die Straßen, Flamingos wassern im Swimming Pool, 50 Rehe grasen im Garten, aus einer scharlachroten Wolke regnet es Flugblätter, auf denen in arabischen Schriftzeichen den USA der Tod gewünscht wird. Plötzlich ertönt ein durch Mark und Bein gehendes, schrilles Geräusch, das Fensterscheiben bersten lässt. Sohn Archie bekommt Fieber und ihm fallen die Zähne aus. Sämtliche Kommunikationsinstrumente bleiben weiterhin funktionsunfähig. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Top-Schauspiel-Crew & atmosphärische Dichte

    Es ist eine langsam erzählte Weltuntergangsgeschichte, die von 2 Säulen getragen wird:

    Schauspieler-Crew: top besetzt mit Julia Roberts, Ethan Hawke, Mahershala Ali und – wenn auch nur in einer kleinen Nebenrolle auftretend – Kevin Bacon. Speziell Julia Roberts liefert mit ihrer Darstellung der misanthropischen, kratzbürstigen, supermisstrauischen Ehefrau und gleichzeitigen Helikoptermutter eine klasse Leistung ab. Ethan Hawke als ihr naiver Gatte ist wie immer nett anzusehen und Mahershala Ali spielt halt Mahershala Ali. Von den 3 Kindern sticht besonders Tochter Rosie (Farrah Mackenzie) mit ihren Vorahnungen hervor. Konsequenterweise gehört ihr deshalb auch die Schlussszene.

    Atmosphäre: Wie entwickelt sich die Gefühlslage des normalen Bürgers, wenn er allmählich begreift, dass sich was (sehr) Bedrohliches um ihn herum zusammenbraut? Die Apokalypse nähert sich in kleinen, immer beängstigenderen Schritten. Waren es bloß jugendliche Hacker, die „aus Spaß“ alle Funknetze lahmgelegt haben oder handelt es sich doch um einen bösartigen Cyberangriff durch Terroristen oder gar die Vorbereitung der Invasion einer ausländischen Macht? Steckt der eigene Geheimdienst dahinter, der die Lage im Land destabilisieren will, um im Anschluss eine neue autokratische Regierung zu installieren? Die Sandfords spekulieren wild drauflos, Rosie hat ihre Vorahnungen, Nachbar Danny (Kevin Bacon) ist ein Prepper und seit Jahren auf den Ernstfall eingestellt, und George – im Beruf Börsenmakler – hat im Vorfeld zwar die Märkte von ner großen Militäraktion, die kurz bevorsteht, raunen hören, kann sich aber ebenfalls keinen richtigen Reim auf die Long-Island-Geschehnisse machen.

    Das Finale bleibt offen: Wir erfahren weder Genaues über Ursprung und Ausmaß der Bedrohung, noch ob sie sich zur globalen Katastrophe ausweitet oder lokal begrenzt ist. Das Happy an diesem End begnügt sich damit, dass sämtliche Protagonisten (noch) am Leben sind.

    Sehr sparsam mit Action, streckenweise wie ein Kammerspiel

    Wie man den Film bewertet, hängt stark davon ab, was man von einer Weltuntergangsgeschichte erwartet: reichen mir eine dichte Atmosphäre und (teils) tiefsinnige Dialoge, oder möchte ich doch ein paar spektakuläre Actionszenen sehen? Mit dem Zweitgenannten geht „Leave the world behind“ sparsam, um nicht geizig sagen zu müssen, um. Sowohl die Tankerhavarie als auch die abstürzenden Flugzeuge sahen (zu) sehr nach Computeranimationen aus. Diese Sequenzen waren auch zu kurz. Wenn sowas passiert, will ich als Zuschauer schreienden Matrosen und brennenden Passagieren auf der Leinwand begegnen. Stattdessen ist die Kamera ständig auf die 6 Protagonisten gerichtet. Long Island scheint jenseits dieser 2 Familien (zzgl. Nachbar Danny) eh komplett verwaist zu sein. Wo sind all die Menschen hin, überlegte ich zwischendurch. Durch die Konzentration auf die 6, meist auf das Ambiente der Villa beschränkt, entsteht bisweilen der Eindruck, an einer Freilicht-Theateraufführung teilzunehmen. Die Story hat streckenweise Ähnlichkeiten mit einem Kammerspiel.

    Von mir gibt’s 7 Punkte (1 davon für Julia Roberts). Mein Hauptkritikpunkt = ZU langatmig erzählt (wie nahezu sämtliche Netflix-Produktionen). Keine Sorge: ist dennoch unterhaltsam.
    +++

    Leave the world behind
     Länge: 138 Minuten
     Erscheinungsjahr: (November) 2023
     Regie & Drehbuch: Sam Esmail
     Produktion: Sam Esmail, Marisa Yeres Gill, Lisa Roberts Gillan, Chad Hamilton, Julia Roberts
     Auftraggeber: Netflix
     Besetzung: Julia Roberts, Ethan Hawke, Kevin Bacon, Mahershala Ali, Myha’la Herrold, Farrah Mackenzie und Charlie Evans.

  • Francis Underwood – Blaupause für Donald Trump?

    Francis Underwood – Blaupause für Donald Trump?

    Mit ZIEMLICHER Verspätung habe ich mir „House of Cards“ angeschaut. Die erste große Serie, die nicht von einem TV-Sender, sondern einem Streamingdienst (Netflix) in Auftrag gegeben wurde. Produziert wurden 6 Staffeln im Zeitraum zwischen 2012 und 2018 mit insgesamt 73 Folgen. Die erzählte Geschichte spielt auch in diesen Jahren. Es gibt 3 Protagonisten – Francis Underwood, seine Frau Claire und ihren Adjutanten Doug Stamper –, denen im Verlauf der Handlung immer mal andere wichtige Figuren an die Seite gestellt werden, die jedoch nach ein, zwei Staffeln wieder verschwinden.

    Haupttenor der Staffeln 1 & 2:

    Ich will Kalif werden anstelle des Kalifen!
    © Isnogud

    Wechseln Sie „Kalif“ in „US-Präsident“ aus, dann passt es.

    Politik zwischen Heuchelei und Skrupellosigkeit

    Die Geschichte im Schnelldurchlauf:

    House of Cards (englisch für Kartenhaus) ist eine US-amerikanische Fernsehserie, deren Erstausstrahlung 2013 bei dem Video-on-Demand-Anbieter Netflix lief und die vorwiegend den Genres Politthriller und Drama zugeordnet wird. Sie erzählt die Geschichte des durchtriebenen Abgeordneten Francis „Frank“ Underwood, der gemeinsam mit seiner ähnlich machthungrigen Ehefrau ein System von Intrige, Korruption und Mord kreiert, um in höhere politische Ämter aufzusteigen und somit seinen Machteinfluss zu vergrößern.
    © Wikipedia
    +++
    Die US-Serie House of Cards hat sich der kompromisslosen Erforschung des Willens zur Macht, politischer Ambitionen und der amerikanischen politischen Tradition verschrieben. Basierend auf einer britischen Miniserie steht in „House of Cards“ der von Kevin Spacey porträtierte Francis Underwood im Zentrum. Er übt eine Funktion aus, die man in der amerikanischen Politik als House Majority Whip bezeichnet – im House of Representatives ist er in der Partei mit der aktuellen Mehrheit (Majority) dafür verantwortlich, die Abgeordneten bei Abstimmungen auf Parteilinie zu halten (whip=Peitsche). Denn in den USA gibt es bei Abstimmungen keinen (indirekten) Fraktionszwang, da die Parteien wegen der kompletten Direktwahl kein Druckmittel gegen die Abgeordneten haben.

    Die Majority Whip hat also die schwierige Aufgabe, die einzelnen Abgeordneten mit Zuckerbrot und Peitsche dazu zu bringen, die Wünsche der Parteiführung in Abstimmungserfolge im Parlament umzusetzen. Das geschieht meist hinter den Kulissen. Dort spielt sich die Handlung von „House of Cards“ ab, in der Gier, Liebe, Sex und Korruption treibende Kräfte sind. Robin Wright porträtiert die ambitionierte Ehefrau von Underwood.
    © serienjunkies.de
    +++

    Ein Politiker zwischen Heuchelei und Skrupellosigkeit: Mit fiesen Intrigen kämpft sich der US-Abgeordnete Frank Underwood (Kevin Spacey) an die Macht, unterstützt von seiner ebenso kaltblütigen Frau Claire (Robin Wright).

    Kevin Spacey liefert in „House of Cards“ als zynisch abgekochter Politiker mit absolutem Willen zur Macht eine hypnotisierende Performance ab. An seiner Seite brilliert Robin Wright als ebenso Gattin Claire, die ihrem Mann in Sachen Ehrgeiz und Machthunger in nichts nachsteht. Michael Kelly spielt Underwoods treusten Untergebenen und wichtigsten Vertrauten, Doug Stamper.
    © sky.de
    +++

    Weil der frisch gewählte US-Präsident Walker ihm das fest versprochene Amt des Außenministers verwehrt hat, plant der machtbesessene Kongressabgeordnete Francis Underwood eine Intrige gegen die Regierung. Um selbst in die oberste Etage der US-Politik vorzudringen, sucht sich Underwood Komplizen und schreckt auch nicht vor falschen Versprechungen, Manipulation oder gar Erpressung zurück. Angetrieben wird er von seiner nicht minder berechnenden und ehrgeizigen Ehefrau Claire. Auch die aufstrebende Jungjournalistin Zoe Barnes bringt er auf seine Seite.
    © fernsehserien.de

    Ich habe ein bisschen gebraucht, um mich von der Story in ihren Bann ziehen zu lassen. Washington- und Präsidentengeschichten gibt es en masse, fiesen Abgeordneten bin ich schon in ner Menge Filme begegnet, und Politik als Geschäft – und nicht aus Überzeugung – ist nun auch nicht gerade ein innovatives Thema. Ich wollte deshalb eigentlich am Ende von Staffel 1 wieder aussteigen, weil alles in Variationen schon mal woanders gesehen, zappte aber unvorsichtigerweise doch in die Fortsetzung rein und blieb dann bis zum blutigen Finale in Episode 73 kleben. War’s nur Suchtverhalten, das mich nicht genug vom Washingtoner Politikbetrieb kriegen ließ, oder: Worin besteht das Außergewöhnliche dieser von Kritikern und Publikum hochgelobten und mehrfach ausgezeichneten Serie?

    99 Prozent Realität?

    Lassen wir hier ein paar Profis zu Wort kommen:

    99 Prozent von House of Cards stimmen mit der Realität überein. Das verbleibende Prozent: Es ist unmöglich, dermaßen schnell ein Bildungsgesetz zu verabschieden.
    © Bill Clinton

    Dieser Kerl bekommt wirklich eine Menge geregelt!
    Das Leben in Washington ist in der Realität langweiliger, als in der Serie dargestellt
    © Barack Obama

    Underwood wird mit all den falschen Eigenschaften dargestellt, die man so über Washington hört. Er bringt ein Kongressmitglied wortwörtlich um. Wenn ich nur einen Abgeordneten umbringen könnte, müsste ich mir nie wieder mehr Sorgen über das Stimmverhalten machen.
    © Kevin McCarthy

    Das Mobiliar, die Telefone, die Vorhänge, die Skandale, die Verhandlungen in den Hinterzimmern… das alles basiert tatsächlich auf der Realität. Der einzige große Unterschied ist Underwood, der im Gegensatz zu seinen realen Vorbildern im Kongress „einen Plan“ hat.
    © Thomas Massie

    Das politische Geschehen in Washington ist mir zu düster, um regelmäßig eine Episode zu sehen.
    © Justin Trudeau

    Die Serie ist sehr nah dran am realen politischen Geschehen. Unter anderem wird die enge Beziehung zwischen Politikern und der Presse sehr gut dargestellt. Allerdings werden Entscheidungen in der Serie schneller getroffen werden und insgesamt sieht die Geschichte viel glamouröser aus als ihr reales Vorbild.
    © Rina Shah

    So weit, so gut bzw. schlecht. Denn die schiere Menge der Eine-Hand-wäscht-die-andere-Deals, die täglich auf den Fluren des Kapitols und in den Zimmern des Weißen Hauses geschlossen werden erstaunt (iSv. erschrickt) schon bisweilen: Du gibst mir deine Stimme für mein Gesetzesvorhaben; ich besorge dir im Gegenzug eine Krebsklinik für deinen Wahlbezirk.

    Wo die Serie allerdings den Boden der Realität verlässt, scheint mir die Mordlust des Protagonisten-Trio-infernale zu sein. Schwer vorzustellen, dass ein Vizepräsident am Tag vor seiner Vereidigung noch schnell eine unbequeme Investigativjournalistin vor die U-Bahn schubst oder seelenruhig einen Abgeordneten, der ihm eventuell gefährlich werden könnte, in dessen Auto erstickt. Auch dass Präsidenten ihre Außenministerin eine Treppe (im Weißen Haus!) runterstoßen, damit die nicht in einem Untersuchungsausschuss aussagt, ist eher ungewöhnlich. Flankiert von all den Tötungsdelikten des Stabschefs und der First Lady fühlt man sich mitunter an den Blutdurst, wie er an europäischen Fürstenhöfen in der Renaissancezeit herrschte, erinnert und wundert sich, wie so was in Räumen, die 24/7 videoüberwacht sind, (a) ständig geschehen und (b) unentdeckt bleiben kann.

    Klar, es ist Fiktion und keine Doku. Deshalb müssen wir bei den o.g. 99 Prozent Wirklichkeitstreue doch Abstriche machen. Ich taxiere den Realitätsgehalt auf 80 (was ja immer noch hoch ist).

    Dramaturgie & Figurenentwicklung

    Die Serie lebt vom Realitätsbezug (auch wenn der „nur“ bei 80 liegt), dem diabolischen Agieren des Ehepaars Underwood und der mitunter hypnotischen Kraft, die Kevin Spacey als Politiker, der weder Grenzen noch Skrupel kennt, um an die Schalthebel der Macht zu gelangen, verströmt. Doug Stamper als treuer Paladin, der sich die Finger ordentlich mit Blut besudelt, ist zwar ebenfalls wichtig für die Handlung, wäre aber als Figur jederzeit austauschbar; während die Geschichte ohne Mr. & Mrs. Underwood nicht funktioniert. Weshalb es nicht verwundert, dass Staffel 6, bei der Kevin Spacey nicht mehr mitwirkt, qualitativ abfällt. Das liegt nicht daran, dass nun Frau Hale (frühere Underwood) das Präsidentenamt innehat, sondern am Fehlen ihres kongenialen Partners. Wahrscheinlich wäre es andersherum – Robin Wright scheidet vorzeitig aus – ebenfalls schwierig geworden, den ursprünglichen Spannungsbogen beizubehalten. Wobei Spacey doch eine Spur elektrisierender auf den Zuschauer wirkt als seine Film-Ehefrau, die überwiegend die Rolle der kühlen Blondine, bar jeglicher emotionaler Ausbrüche, spielt. Er mit seinen sporadischen Wutanfällen ist greifbarer, „menschlicher“.

    Für meinen Geschmack wird der Fokus dennoch zu sehr auf das glamouröse Ehepaar gerichtet. Bei zu viel Oval Office und Abgeordnetenbüros macht sich irgendwann auch beim politikaffinen Zuschauer ein (Über-) Sättigungsgefühl bemerkbar. Etwas mehr Augenmerk auf die anderen Charaktere wäre deshalb gut gewesen. mMn wurde eine große Chance am Ende von Staffel 1 vertan, als man Zoe Barnes und Peter Russo sterben ließ (beide eigenhändig vom Vizepräsidenten in spe ermordet). Die hätte man gut zu dauerhaften Antagonisten aufbauen können. Die Erstgenannte setzt den Underwoods journalistisch zu, der Zweite entwickelt sich zum machtvollen Gegenspieler im Kapitol. So, wie es die Drehbuchautoren stattdessen handhaben – jede Staffel ein anderer Widersacher, der nach ein paar Folgen vom Trio infernale ausgetrickst wird und geprügelt von der Bühne schleicht –, ist es zum einen abträglich für die Spannung, und zum anderen entwickelt man als Zuschauer zu niemand große Sympathie. Ja, man ertappt sich oft dabei, dass man dem skrupellosen Ehepaar die Daumen drückt, wissend, dass die 2 letztlich bloß eiskalte Killer sind, die notfalls eine kleine Atombombe in der syrischen Wüste zünden, wenn sie sich damit an der Macht halten können. Das fällt dann wohl in die Rubrik „cineastisches Stockholm-Syndrom“.

    Die Figurenentwicklung lässt ebenfalls zu wünschen übrig. Die Underwoods waren seit Folge 1, Minute 1 von jeglicher Moral befreit und bereit, über Leichen zu gehen, um ihr Ziel (die Präsidentschaft) zu erreichen. Ihr Grad an Skrupellosigkeit wächst von Staffel zu Staffel; dass sie jemals ins Zweifeln geraten, ob der Zweck tatsächlich jedes Mittel heiligt, ist nicht erkennbar. Eher legen sie eine weitere Schippe Lug & Betrug drauf, als einen Gang runterzuschalten. Doug Stamper – eine echt undankbare Rolle – hätte eine Wandlung durchlaufen können, bleibt aber dem von ihm vergötterten Francis Underwood bis zum Schluss sklavisch ergeben und mordet lieber weiter, als die Art und Weise, in der der Aufstieg seines Chefs zustande kam, zu hinterfragen. Russo und Barnes wären weitere denkbare Charaktere gewesen, die man sich hätte entwickeln lassen können = von ursprünglichen Mitläufern zu ernstzunehmenden Kontrahenten der Underwoods. Aber die ließ man halt beide am Ende von Staffel 1 lieber sterben, als die Figuren weiter zu nutzen. Und die ständig neuen, auf die Lebensdauer von ein paar Folgen begrenzten, Widersacher bleiben alle überwiegend blass. Auch der republikanische Gegenkandidat Conway verschwindet nach 1 Staffel völlig in der Versenkung. So kommt mangels nachhaltiger Widersacher allmählich Langeweile auf. Das System Underwood scheint unbesiegbar zu sein.

    War’s tatsächlich Liebe?

    Die Ehe der 2 = große Liebe oder doch nur eine Zweckgemeinschaft? Schwer zu sagen. Vermutlich eine Mischung aus beidem. Als er ihr, augenscheinlich eifersuchtslos, gestattet, sich einen Liebhaber zuzulegen (ein libidinöser Schriftstellerklugscheißer), kamen mir erste Zweifel am Fortbestehen der Beziehung. Die gerät spätestens dann an ihre Belastungsgrenze, als er seine Präsidentschaft aufgibt und sie ihm im Amt nachfolgt. Er verlässt das gemeinschaftliche Schlafzimmer, übersiedelt in ein Hotel, aus dessen Fenster er beim Blick auf das White House täglich daran erinnert wird, dass sich die Verhältnisse in seiner Ehe um 180 Grad gedreht haben. Zärtliche Gefühle wird das bei einem machtfixierten Charakter wie Frank Underwood eher nicht auslösen. Wahrscheinlich mutiert die Liebe nun zu Hass.

    So ganz genau erfahren wir als Zuschauer das jedoch nicht, weil zwischen Staffel 5 – an deren Ende das Präsidentenamt von Frank auf Claire übergeht – und dem Beginn von Staffel 6 Kevin Spacey aufgrund der Vorwürfe, die 2018 gegen ihn erhoben wurden, unvermittelt ausscheidet. Das Drehbuch musste im Schnellverfahren neu geschrieben werden, das Finale findet ohne den Protagonisten statt. Der Ex-Präsident ist zwischenzeitlich verstorben, wird nur noch in Unterhaltungen erwähnt. Robin Wright müht sich zwar, Staffel 6 zu retten, agiert jetzt noch machiavellistischer als ihr Mann; trotzdem fehlt das Diabolische Spaceys an allen Ecken und Enden. Das kann auch nicht durch den in eine milde Form des Wahnsinns abdriftenden Doug Stamper, den mittlerweile immer tiefer ins Herz der Finsternis vorstoßenden Journalisten Tom Hammerschmidt und die aus dem Hut gezauberte Gegenspielerin Annette Shepherd – früher die beste Freundin der Präsidentin – kompensiert werden. Diese 3 zusammen ergeben noch nicht mal 1 Drittel Frank Underwood. Staffel 6, mit 8 Folgen ohnehin die kürzeste, erreicht leider nicht mehr das Spannungsniveau der vorangehenden 5.

    Am Ende ist man froh, als Claire im Oval Office ihrem langjährigen Komplizen Doug den Dolch (der strenggenommen ein Brieföffner von Francis ist) ins Herz stößt und der treue Paladin in ihren Armen seinen letzten Seufzer tut. Sie lächelt (diabolisch?), dann fällt der letzte Vorhang. Erinnert mehr an die Schlussszene einer Tragödie als an die normalerweise im Weißen Haus gängigen Vorgehensweisen, sagen Sie? Stimmt, antworte ich. Das sind halt die 20 Prozent Fiktion, die „House of cards“ von der Realität unterscheiden.

    PS. Ach so, bevor ich es vergesse: War Francis Underwood die Blaupause für Donald Trump? Auf gar keinen Fall! Selbst in seinen schlechtesten Momenten schien der Film-Präsident klarer in seinem Urteilsvermögen und stringenter im Handeln zu sein als der womöglich nächste POTUS. Ich persönlich würde definitiv lieber von Kevin Spacey als vom Zweitgenannten regiert werden

    +++

    8 Punkte (ist streckenweise langatmig erzählt, fokussiert zu sehr auf das Ehepaar Underwood bei gleichzeitiger Vernachlässigung anderer interessanter Charaktere, und sobald Kevin Spacey die Bühne verlässt, verliert die Geschichte dramatisch an Fahrt. Ansonsten natürlich eine gute Arbeit).
    +++

    House of Cards
     6 Staffeln, 73 Episoden
     Genre: Politthriller, Drama
     Idee: Michael Dobbs, Andrew Davies, Beau Willimon
     Erscheinungsjahre: 2013 bis 2018
     Produktionsunternehmen: Media Rights Capital, Trigger Street Productions
     Produziert im Auftrag von Netflix
     Budget: rd. 5 Mio USD/Folge.

    Darsteller:
     Kevin Spacey = Francis/Frank Underwood
     Robin Wright = Claire Underwood geb. Hale
     Michael Kelly = Doug Stamper
     Kate Mara = Zoe Barnes
     Corey Stoll = Peter Russo
     Boris McGiver = Tom Hammerschmidt
     Diane Lane = Annette Shepherd.

  • Viel Pink, wenig Story

    Viel Pink, wenig Story

    Ja ja, ich bin spät dran. Weiß ich. Aber zuerst hat’s mich nicht so richtig interessiert, dann war’s schwierig, einen gemeinsamen Termin mit meinen 3 Kindern zu finden und als wir es schließlich tun wollten, war der Film aus den Kinos verschwunden.

    Also hatten wir uns für vergangenen Sonntagabend in der Wohnung der Tochter verabredet, Popcorn, Chips, Gummibärchen und Pizza bereitgestellt und haben es endlich getan – Barbie angeschaut.

    !Achtung: die nachfolgende Rezenzion stammt aus der Feder eines alten, weißen Mannes!

    Von Barbieland in die reale Welt und retour

    Die Handlung ist rasch erzählt: Barbie (Margot Robbie) lebt gemeinsam mit Ken (Ryan Gosling) und ner Menge anderer Barbies und Kens in Barbieland. Wir lernen im Schnelldurchlauf die Barbie-Präsidentin, 1 Barbie-Neurochirurgin, 1 Barbie-Schriftstellerin und 1 Barbie-Nobelpreisträgerin kennen. Sämtliche Hauttöne sind vertreten, es gibt sogar ne dicke und eine Rollstuhl-Barbie. Die Farbgebung in Barbieland ist bonbon-bunt mit einer Vorliebe für Neon-Pink. Die Barbies sind glücklich und treffen sich allabendlich für eine Mädels-Cocktail-Happy-Hour. Die Kens sind ebenfalls glücklich, haben jedoch wenig zu kamellen, und ihre Zufriedenheit scheint partiell auf ihrer geistigen Beschränktheit zu gründen. In Barbieland herrscht ganz augenscheinlich eine Form von Matriarchat.

    Eines Morgens erwacht Barbie in ihrem rosa Barbiebett, das in einem rosa Schlafzimmer steht, bemerkt beim Zähneputzen im rosa Badezimmer Mundgeruch und hat auf einmal Plattfüße und leichte Cellulite. Sie erfüllt augenscheinlich nicht mehr die Schönheitsnorm, die an Barbies gestellt wird, und erfährt einen kurzen Anflug von Todessehnsucht. Die anderen Barbies raten ihr, Kontakt mit einer ausrangierten Barbie aufzunehmen, der vor vielen Jahren Ähnliches widerfahren war. Diese – nennen wir sie mal so – Punk-Barbie empfiehlt das Treffen mit einem Teenager (w) in der realen Welt (warum es ausgerechnet dieser Teenager sein muss, habe ich nicht mitbekommen, weil ich zu diesem Zeitpunkt auf dem Klo war). Barbie steigt kurzentschlossen ins Auto und macht sich auf den Weg Richtung Los Angeles. Auf halber Strecke klettert Ken aus dem Kofferraum, und die beiden beschließen, die gefährliche Mission zu zweit durchzuführen.

    Angelangt am Venice Beach stellen die 2 fest, dass es in der realen Welt anders zugeht als in Barbieland = mehr Machogehabe bei gleichzeitig weniger Pink. Die beiden trennen sich: Barbie spürt den Teenager auf, der (bzw. die) sich jedoch weigert, ihr behilflich zu sein und wird im Anschluss von der Security des Herstellers (Mattel) einkassiert und in dessen Headquarter gebracht. Der versammelte Vorstand empfiehlt die Rückverfrachtung nach Barbieland. Barbie, deren Mission ja noch nicht erfüllt ist, flieht durch die langen Korridore des Verwaltungsgebäudes (diese Sequenz erinnert ein bisschen an Terry Gilliams „Brazil“), und entkommt schließlich dank der tatkräftigen Unterstützung einer Mattel-Mitarbeiterin (die praktischerweise gleichzeitig die Mutter des bisher wenig hilfreichen Teenagers ist). Die 3 verabreden, zurück nach Barbieland zu fahren, um die Angelegenheit direkt vor Ort zu regeln. Während der Reise kristallisiert sich heraus, dass die Mitarbeiterin die Ideengeberin für die Prototypen „Barbie mit Todessehnsucht“ und „Plattfuß-Barbie“ ist und damit das Ziel verfolgt, das Sauberfrau-Image der Figur allmählich aufzulösen und mehr der Realität anzupassen.

    Retour in Barbieland stellen die 3 erschrocken fest, dass mittlerweile Ken dort das Kommando übernommen und das Patriarchat eingeführt hat. Alle Barbies machen freudig mit, so als ob sie von einem Gehirnwäschevirus befallen wurden. Gemeinsam mit der nicht-infizierten Punk-Barbie baldowern die 4 nun einen Schlachtplan aus, um die alten Verhältnisse wiederherzustellen.

    Mehr soll hier nicht verraten werden, denn eventuell hat der ein oder andere Leser (m/w/d) dieser Kolumne den Film ja noch nicht gesehen.

    Blasse Handlung und hölzerne Dialoge

    Wollen wir uns der Produktion zuerst mal aus dramaturgischem Blickwinkel nähern. Da kann man als alter weißer Mann leider nur schulterzuckend anmerken, dass die Handlung durchgängig blass bleibt: kaum Spannung drin, keinerlei überraschende Wendung, die Figuren stark überzeichnet. Okay, Barbie und Ken muss man wohl überzeichnen, aber weshalb man den Mattel-Vorstand (der ja der realen Welt entstammt) ebenfalls in dieses Raster presst, bleibt das Geheimnis des Drehbuchautors. Im völligen Kontrast dazu allerdings Gloria (die zur Flucht Beihilfe leistende Mitarbeiterin) und deren (leicht rebellische) Teenagertochter Sasha. Die sagen Sätze, die 1 zu 1 aus einem Feminismushandbuch für Fortgeschrittene entnommen sein könnten:

    Ich habe es so satt, ständig dabei zuzusehen, wie jede einzelne Frau sich von morgens bis abends zerreißt, nur damit man sie mag. Und wenn das alles auch für eine Puppe zutrifft, die nur das Abbild einer Frau ist, dann weiß ich auch nicht mehr. Dann ist es noch schlimmer als ich annahm.
    (c) Gloria

    Womit wir bei den Dialogen angekommen sind. Die passen in ihrer kindlichen Naivität natürlich zu Barbie & Ken, und die passen mit der Prägnanz, in der sie die offenkundige Schwachstelle der rosaroten Scheinwelt – nämlich die Illusion jederzeit perfekt sein zu müssen – geißeln, ebenfalls zu dem das Barbie-Universum revolutionierenden Mutter-Tochter-Gespann. Es fehlt aber leider jeglicher Wortwitz; es sei denn, man findet die Art und Weise, wie Barbie & Ken reden, per se lustig. Und das, was Gloria & Sasha von sich geben, klingt überwiegend knöchern bis hin zu moralinsauer. Mir ist schon klar, dass der „geniale“ Gedanke darin liegen soll, dem arglosen Puppensprech das feministische Wording der 2 Figuren aus der realen Welt entgegenzusetzen; jedoch ist dieser gewollte Kontrast zu offensichtlich, wird auch zu häufig eingesetzt, sodass die Wirkung des Stilmittels nach ein paar Minuten verpufft. Und wenn der Drehbuchautor bei den Dialogen nicht mehr weiterwusste, wird eine Gesangs- oder Tanzeinlage eingeschoben. Kann man machen, klar. Warum auch nicht? Gibt einige gute Filme, in die Gesangseinlagen integriert sind. Wobei es dann halt ne gute Einlage sein sollte. Was ich am Sonntagabend im Barbie-Film musikalisch zu hören bekam, war allerdings Magerkost. Ich weiß jetzt, dass Ken auch singt; aber damit niemals in den Charts der realen Welt landen wird.

    Die Schauspieler – das geht schnell: Margot Robbie wie immer ein Hingucker und wie immer gut. Barbie ist jetzt sicher nicht ihre bisher beste Rolle, aber sie verleiht der Puppe zum einen Optik de luxe und zum anderen emotionale Momente, die selbst bei nem misogynen Boomer wie mir verfangen. Ryan Gosling hingegen beweist mal wieder, dass er exakt 2 mimische Ausdrücke beherrscht = cool und etwas weniger cool (als Ken zwischendurch mal weint, wirkt das eher peinlich als schauspielerisch gekonnt). Und über die restlichen Akteure brauchen wir kein Wort zu verlieren, da von der Wichtigkeit ihrer Rollen her allesamt vernachlässigbar.

    Visuelle Gestaltung & Requisite: Hier liegt die absolute Stärke des Films = der Transport des Barbie-Puppenhaus-Feelings auf die Leinwand: beeindruckende Farben, tolle Kostüme, schön-kitschige Postkarten-Hintergründe. Da stimmt wirklich alles bis hin zur pinken (lachsrosa?) Krawatte des Mattel-CEO. Das ist überaus gelungenes Hollywood-Kino!

    Ernstgemeinte Message oder Marketing-Gaga?

    Die Zuschaue sind begeistert, besonders positiv wird die Botschaft des Films aufgenommen. Bloß, worin besteht die Message eigentlich? Ist es nur 1 oder sind es mehrere? Falls ja: um welche handelt es sich? Ich bin da nach wie vor rätselnd. Das Einzige, was ich begriffen habe = da soll mit pinker Penetranz (pardon: Nachhaltigkeit) was gesendet werden.

    Ich versuche mich jetzt daran, die Sendung zu entschlüsseln bzw. in ihre Einzel-Botschaften aufzudröseln:
    (A) Matriarchat schlägt Patriarchat
    (B) Diversität ist ein unbedingtes Muss
    (C) Barbie hat erkannt, dass sie näher an die Realität heranrücken muss, wenn sie eine Zukunft haben will (Stichwort = Orangenhaut-Puppe)
    (D) Grundsätzlich ist die Barbiewelt okay, da von modernen Frauen bevölkert.

    Wollen wir uns mal die Punkte (C) & (D) vorknöpfen, um zu sehen, ob die Puppen tatsächlich dem modernen Frauenbild entsprechen. Was ist bspw. von einer Schriftsteller-Barbie zu halten, die in ihrem gesamten Leben keinen einzigen Satz zu Papier gebracht hat? Oder von einer Nobelpreis-Puppe, die nicht erklären kann, wofür sie diese Auszeichnung verliehen bekam? Die Präsidenten-Barbie ist schwarz (womit sie oben (B) Diversität erfüllt); aber ist ihr bewusst, was einen amerikanischen Präsidenten (m/w/d) hinsichtlich Richtlinienkompetenz von einem deutschen Kanzler unterscheidet? Das sind aber blöde Fragen, die sie hier an Barbie stellen, Herr Kolumnist, meinen Sie? Das stimmt, es sind tatsächlich blöde Fragen. Aber genauso blöde ist es, bloß weil ich eine Puppe schwarz anmale und ihr die Bezeichnung „Präsidentin“ verleihe, zwangsläufig von einer modern geprägten Figur auszugehen. Streng betrachtet handelt es sich um eine Plastikhülle bar jeglichen Inhalts. Wer benötigt denn bei Puppen irgendeinen Inhalt, es sind Puppen und keine realen Menschen, sagen Sie jetzt? Okay, wenn’s Puppen sind und bleiben – wozu dann diese gehäufte Berieselung mit Botschaften im Film? Wird es tatsächlich jemals eine Plattfuß-, Todessehnsucht-, Bulimie-, Haarausfall- oder Schlechte-Zähne-Barbie geben, oder will der Hersteller den Gedanken des Näher-an-die-Wirklichkeit-ranrückens dann lieber doch nicht überstrapazieren? Realität bedeutet im zweitgenannten Szenario, dass Barbie zwar alle möglichen Berufe ergreifen darf (evtl. sogar den des CEO von Mattel), dabei aber immer nett & adrett auszusehen hat.

    Was nützen all die o.g. Botschaften (vllt. gab’s noch mehr davon, die ich als alter weißer Mann schlichtweg nicht begriffen habe), wenn die zwar ans Publikum gerichtet, jedoch nie in die Praxis umgesetzt werden, weil dem Hersteller die falsche Vorspiegelung der Moderne völlig reicht? Nichts ist so konservativ wie der Vorstand einer Aktiengesellschaft, der ständig bibbernd auf die Quartalszahlen schielt. Sollte die vorgelagerte Marktforschung ergeben, dass sich eine Adipositas-Barbie nicht verkauft, so wird diese nicht produziert. Völlig egal, wie wirklichkeitsgetreu diese Puppe wäre. Zwischendurch grübelte ich: Ist „Barbie“ ein Werk, bei dem Autor(en) & Regisseurin völlig frei in Ausarbeitung und Gestaltung waren, oder gab’s Vorgaben vom Geldgeber? Ich tippe auf das zweite Szenario.

    Viel Farbe, wenig Inhalt, Botschaft mit dem Holzhammer

    Ich bin zwiegespalten: visuelle Gestaltung und Requisite toll gemacht. Margot Robbie von der Optik her top, haucht der (dummen) Plastikpuppe Leben ein und verleiht ihr hin und wieder sogar einen Hauch intellektuellen Tiefgang. Ryan Gosling hingegen mittelmäßig; das war er aber auch schon im Netflix-Blockbuster The Gray Man.

    Die Botschaft(en) wird/werden zu sehr mit dem Holzhammer vermittelt. Hier ist weniger oft durchaus mehr. Anstatt dem Zuschauer ständig zu erklären, worin die Vorteile des Matriarchats liegen, wäre es klüger gewesen, das spielerisch zu zeigen (show, don’t tell). Und da biegt der Film mMn falsch ab, als er die beiden Protagonisten in die Barbie-Scheinwelt zurückschickt, anstatt sie ihre Mission im realen Los Angeles erfüllen zu lassen. Die für meinen Geschmack einprägsamste Sequenz ist die, wo Barbie auf Sasha und deren Freundinnen trifft und sich Sachen wie „du hast den Feminismus um 50 Jahre zurückgeworden“, „seit man dich erfunden hat, fühlen sich Frauen deinetwegen schlecht. Du hast das Selbstwertgefühl vieler Mädchen zerstört“, „du tötest den Planeten mit deiner Verklärung des ungebremsten Konsumverhaltens“ und „Faschistin“ anhören muss. Denn das war ehrlich und trifft den Kern der Barbie-Problematik = Propagierung eines Schönheitsideal, das für 90 Prozent der jungen Käuferinnen niemals erreichbar ist (dasselbe gilt natürlich für Sixpack-Ken; wobei halt nur wenig Jungs sich eine Ken-Puppe zulegen). Zwischen-PS: nicht jede Ikone der Konsumgesellschaft ist zwingend eine Faschistin. Aber aus dem Mund von Sasha hört sich das in dieser Szene trotzdem überzeugend an.

    Statt weiterer Aufenthalt in der realen Welt folgen nun 1 Stunde Barbieland-Farbenzauber, Tanz- & Gesangseinlagen zzgl. hölzerne Dialoge. Mit der Flucht aus L.A. wurde leider die Chance vertan, Barbie & Ken konsequent mit den Problemen des richtigen Lebens im Allgemeinen und denen von Teenagern der Sorte Sasha im Speziellen zu konfrontieren. Dem Kampf zwischen Matriarchat und Patriarchat, der sich jetzt vor dem Zuschauer ausbreitet, haftet doch stark der Geruch von Haarspray und Wild-Cherry-Deodorant an.

    Barbie ist mithin, ein/eine:
    (a) Regisseur- (nicht: Drehbuchautor-) Werk
    (b) Margot-Robbie-Film
    (c) Werbeproduktion für Mattel (und ein bisschen für Birkenstock).

    Zur Punktevergabe:
     Sohn 1 = 2 („Ich bin hier, weil’s Pizza gibt und bin zwischendurch kurz eingeschlafen“)
     Sohn 2 = 3 („Story ist Müll“)
     die Tochter = 3 („Botschaft wird zu holzhammermäßig transportiert“)
     Ich = 4 (1 Zusatzpunkt für Margot Robbie).

    Dass dieser Film (angeblich) das Kino gerettet hat, freut mich zwar fürs Kino, kann jetzt aber nicht an der Originalität der erzählten Geschichte gelegen haben. Der Streifen liegt inhaltlich näher bei „Charlie und die Schokoladenfabrik“ als bei „The Rocky Horror Picture Show“ (wie einer meiner Facebook-Bekannten begeistert kommentierte).

    PS. Weshalb Barbie ganz am Ende einen Termin bei einem Gynäkologen (in der realen Welt) bucht, habe ich nicht so ganz verstanden. Ist sie schwanger (falls ja: von Ken?) oder will sie sich erstmal unverbindlich nach den Möglichkeiten einer Vagina-Transplantation erkundigen (denn sie hat ja keine)? Kann evtl. in einer Fortsetzung aufgeklärt werden.

    PPS. Sollte Barbie als reiner Kinderfilm gemeint sein (FSK 6?), nehme ich natürlich (beinahe) alles oben Gesagte zurück und schreibe ne neue Rezi.
    +++

    Barbie
    – Genre: Komödie
    – FSK: 6 Jahre
    – Erscheinungsjahr: 2023
    – Produktionsunternehmen: Heyday Films, LuckyChap Entertainment, NB/GG Pictures, Mattel Films
    – Budget: ca. 140 Mio. USD
    – Vertrieb: Warner Bros. Pictures

    – Regie: Greta Gerwig
    – Drehbuch: Greta Gerwig & Noah Baumbach
    – Protagonisten: Margot Robbie & Ryan Gosling

    Gibt’s mittlerweile bei Amazon Prime.

  • Ist Frank G. der wiedergeborene Hank C.?

    Ist Frank G. der wiedergeborene Hank C.?

    Ihr wollt von mir wissen, ob Shameless was taugt? Echt jetzt?

    Warum schaut ihr das nicht selbst an? Keine Zeit, habt Besseres zu tun, als euch 134 Folgen einer amerikanischen Arbeiterklasse-Saga reinzupfeifen? Und wollt nun auf die preiswerte Tour hier bei mir in Erfahrung bringen, worum es da geht, damit ihr abends in der Serienjunkie-Selbsthilfegruppe mitreden könnt? Falls ja – das ist wirklich ne billige Masche.

    Ich hab mir tatsächlich alle 134 (als Wort getippt = EINHUNDERTVIERUNDDREIßIG) Episoden gegeben, bevor ich mich an diese Rezi machte. Hat ein paar Wochen (und lange Nächte) gedauert, bis ich damit durch war. Zwischenzeitlich war ich versucht, mittendrin abzubrechen und die Rezi trotzdem zu schreiben. Dann aber dachte ich, dass das bestimmt ein paar Lesern auffällt und die mir nicht nur Ahnungslosigkeit (daran habe ich mich gewöhnt), sondern auch noch Betrugsversuch in den Kommentaren um die Ohre hauen. Also habe ich bis zum Finale durchgehalten – ein bisschen neugierig, wie es endet, war ich natürlich auch – und mich erst dann an meinen Laptop gesetzt.

    Im Online-Seminar „Wie man eine gute Serien-Rezi verfasst“ habe ich gelernt, dass Struktur in einem Text superwichtig ist. Also strukturiere ich den Text in mehrere Abschnitte.

    Fangen wir an mit:

    Die erzählte Geschichte

    Der polytoxe (Lieblings-Suchtmittel = Opioide und Alkohol) und chronisch arbeitsscheue Frank Gallagher (William H. Macy) lebt als alleinerziehender Vater mit seinen 6 Kindern in einem Haus der Kategorie Abrissbirne im Chicagoer Unterschicht-Viertel Southside. Da Frank nicht nur chronisch arbeitsscheu, sondern aufgrund des ständigen Drogenkonsums ebenfalls hochgradig unzuverlässig ist, hat die älteste Tochter Fiona (Emmy Rossum) die Aufgabe der fehlenden Mutter übernommen: sie kümmert sich darum, dass die Geschwister zur Schule gehen, 3 Mahlzeiten am Tag auf dem Tisch stehen und die Rechnungen bezahlt werden. Bruder Phillip/Lip (Jeremy Allen White) gilt als hochbegabt und soll aufs College, Ian (Cameron Monaghan) schläft vorzugsweise mit Männern und fürchtet sein Coming out, Deborah/Debbie entwickelt sich frühreif und möchte schon als Teenager schwanger werden, Carl (Ethan Cutkosky) ist ein netter Soziopath, der am liebsten seine Mitschüler und die Kids aus der Nachbarschaft quält und dann gibt’s noch den schwarzen Säugling Liam (warum dieses Kind bei 2 weißen Eltern schwarz ist, bleibt bis zum Ende völlig nebulös. Simpelste Erklärung = der Drehbuchautor wollte mal was Neues ausprobieren). Fiona hat also alle Hände voll zu tun, die Familie über die Runden – und den sturzbetrunkenen Frank abends ins Bett – zu kriegen. Ab und an schneit die bipolare (und ebenfalls polytoxe) Mutter Monica rein, gibt ein kurzes Gastspiel und verduftet anschließend mit einem neuen Liebhaber.

    Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven:
    (A) Frank, Fiona, Phillip (die 3 Triple-A-Protagonisten)
    (B) Ian, Debbie, Carl, Kevin & Veronica (ein sexsüchtiges Paar aus der Nachbarschaft)
    (C) in späteren Staffeln kommt ebenfalls der Blickwinkel von Liam dazu.

    Flotte Story, aber wenig Figurenentwicklung
    Die Geschichten changieren zwischen hardcore-realistisch und grotesk. Oft weiß man nicht, ob man lachen oder weinen oder einfach nur stumm staunen soll, wie die Protagonisten in jeder Folge aufs Neue versuchen, ihr Glück jenseits der Southside zu finden, um 45 Minuten später, präzise wie ein schweizer Uhrwerk, erneut am Ausgangspunkt der Reise zu landen. Man kann dieses wiederkehrende Motiv zusammenfassen mit dem Satz: 1x Southside, immer Southside. Das ist zwar irgendwie deprimierend, wird aber derart humorvoll verpackt, dass kein Zuschauer Gefahr läuft, sich wegen Shameless ein Rezept für nen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer besorgen zu müssen.

    Was in anderen Serien gang und gäbe ist – die Entwicklung der Figuren – findet in Shameless nur bedingt statt: Frank bleibt sich von Folge 1 bis 134 treu: er säuft, schnorrt, lügt & betrügt und hurt sich durchs Leben. Oft amüsant anzusehen, aber Nullkommanull Fortschritt. Ähnliches gilt für zwei Drittel seiner Kinder: die werden zwar älter, die Aufgabenstellungen und Probleme wechseln, aber die Charaktere bleiben dieselben; es kommt zu keinem Bruch im Lebenslauf. Der 25-jährige Ian verhält sich wie der 15-jährige, Debbie mit 20 erscheint nicht grundlegend verschieden von der mit 10; dass Carl mit seinen speziellen Talenten entweder beim Militär oder der Polizei anheuert, war von Anfang an klar. Baby Liam steigt früh auf zum Southside-Geschäftsmann, der bereits mit 10 die Baskettball-Talente seiner Highschool managed. Ist zwar eine pfiffige Idee, jedoch kein großes Kino.

    Die einzigen beiden Figuren, die eine Zäsur erleben, sind Phillip und Fiona. Lip, der mit einem Stipendium den Sprung ans College schafft, verbockt es dort aufgrund seiner Trunksucht. Er macht einen Entzug, wird rückfällig, landet im Knast, absolviert einen weiteren Entzug, besucht regelmäßig AA-Meetings, findet einen Job als Mechaniker, wird Mentor junger Alkoholiker. Der Phillip, der 6 Staffeln lang nichts anbrennen und keinen Drink stehen ließ, ist Vergangenheit. Wir begegnen jetzt dem neuen Lip, der Verantwortung übernimmt und eine eigene Familie gründen will. Ist natürlich weniger witzig als die Kapriolen, die Vater Frank widerfahren; berührt als Schicksal allerdings mehr. Helikopter-Schwester Fiona, die ein Problem bei der Auswahl der Partner und folglich der Dauer ihrer Beziehungen hat, scheitert beim Versuch, ins Immobiliengeschäft einzusteigen. Vom Pleitegeier umkreist beginnt auch sie zu trinken, verliert ihren Job als Geschäftsführerin eines Restaurants und säuft in der Konsequenz noch hemmungsloser. Erst als ihr eine mehrjährige Haftstrafe und die Geschwister mit Rauswurf aus dem Elternhaus drohen, kommt sie zur Besinnung und zieht die Reißleine. Allerdings passiert jetzt kein Zwischen-happy-end à la die alte Fiona ist wieder da und kümmert sich um alle, sondern sie verlässt quasi über Nacht die Southside, Chicago, die USA und verreist mit unbekanntem Ziel. Weshalb das am Ende von Staffel 9 derart abrupt geschieht – keine Ahnung. Das müssen Sie die Drehbuchautoren und Produzenten fragen. Vielleicht war der Vertrag mit Emmy Rossum ausgelaufen, und sie forderte für die Verlängerung zu viel Kohle. Oder sie hatte nach 9 Jahren keine Lust mehr, ständig in die Rolle der Fiona Gallagher zu schlüpfen. Ich weiß es echt nicht. Rein vom Handlungsfaden her hätte es Sinn ergeben, sie bis zum Finale mit dabei zu haben, anstatt sie sich unauffindbar aus dem Staub machen zu lassen. Aber so was passiert ja oft in Serien: eine wichtige Figur löst sich plötzlich in Luft auf.

    Sitcom oder Dramedy?
    Wegen der weitgehend fehlenden „großen“ Erzählung weist Shameless zahlreiche Merkmale einer klassischen Sitcom auf: rasche Schnittfolge, ne Menge Gags & Pointen (GSD verzichtet die Regie auf vom Band eingespielte Lacher), man kann Staffeln überspringen, ohne viel zu verpassen. Hin und wieder fühlte ich mich deshalb an „2 & half men“ erinnert. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn Frank irgendwann erklärt hätte: „Früher hieß ich Charlie Harper und wohnte in ner schicken Bude mit Meerblick am Malibu Beach. Aber das glaubt mir eh kein Schwein“. Da Shameless streckenweise doch über inhaltliche Tiefe verfügt und – zumindest auf Lip und Fiona bezogen – auch Figurenentwicklung bietet, wird dieses Format jedoch als Dramedy bezeichnet. Was das genau ist? -> googlen Sie selber! Ich muss Ihnen ja nicht die ganze Arbeit abnehmen.

    Zu viel Libido kann manchmal ermüden
    Worüber wir auch noch sprechen müssen, ist der Sex. Von Szene 1 bis zum Finale werden wir im Minutentakt Zeuge der überbordenden Libido aller Figuren (betrifft sämtliche Haupt-, Neben- oder Randdarsteller). Jeder geht mit jedem ins Bett, denkt & träumt an/von Titten, Muschis und Schwänze/n, niemand kann länger als eine Viertelstunde treu sein, ständig wechseln die Partner und Stellungen. Es herrscht Verkehr wie im Freudenhaus, wenn da ein Weihnachts-Gratis-Special ausgerufen wird. Das ist ein paar Episoden lang sehr erheiternd, nutzt sich aber aufgrund der permanenten Wiederholung im Verlauf stark ab. Auch wenn mir klar ist, dass der Geschlechts- ein sehr starker Trieb ist, so bezweifele ich doch, dass jeder Mensch – Chromosomenpool und Alter egal – derart davon besessen ist wie die Bewohner der Southside. Keine Folge (und es gibt 134 davon), in der nicht Minimum 10x in unterschiedlichen Konstellationen gepoppt wird. Ab und an dachte ich geradezu flehentlich: lass diese 2 sich erstmal in Ruhe kennenlernen und langsam annähern, bevor sie in die Kiste steigen. Und wenn ich 20 Sekunden später vom Kühlschrank (oder Klo) zurückkam, dann lagen sie bereits dort (also: in der Kiste) und vögelten, als ob es kein morgen gäbe. Für meinen Geschmack haben es die Köche hier mit der Zugabe der Würze übertrieben. Manchmal ist weniger dann doch mehr bzw. schmackhafter. Das, was Shameless‘ Stärke ausmacht, nämlich die 24/7-Libido der Figuren, ist gleichzeitig auch eine Schwäche, weil zu viel Sex ermüdet; zumindest mich als Zuschauer. Ob mir die Viagra ausgegangen sind, wollen Sie wissen? Ausgegangen nicht, ich hab aber vergessen, wo ich die Packung versteckt habe. Ich such die schon seit Wochen.

    Corona & Yuppies = Tod auf Raten
    Die letzte Staffel entstand wohl mit etwas zeitlichem Abstand zu den Vorläufern und wirkt deshalb ein bisschen wie ein Fremdkörper. Hineingewoben wurde Corona und wie sich die Pandemie auf die Southside auswirkt (v.a. mit Kneipen- und Geschäftesterben und noch mehr Arbeitslosigkeit als ohnehin schon herrschte). Konsum und Verkauf von Marihuana sind plötzlich legal (im Alibi wird durch den Verkauf von Hasch-Keksen & Cannabis-Lutschern mehr Umsatz erzielt als mit Bier & Bourbon). Immer mehr Yuppies strömen herbei, der Chicagoer Süden wird hip, die alten Bewohner resignieren und ziehen weg nach Kentucky und Wisconsin, wo sie sich die Mieten noch leisten können. Abschiedsstimmung macht sich breit: das gilt sowohl für die Southside als auch den Gallagher-Clan. Fiona, die den Laden 9 Staffeln lang zusammenhielt, bleibt in der Karibik (oder der Südsee) verschollen, die anderen Geschwister möchten das Elternhaus verkaufen und eigene Familien gründen (einzig Debbie und Liam wehren sich dagegen). Frank baut körperlich und geistig immer mehr ab, ist mitunter nur noch ein Schatten früherer Tage. Sein vormals scharfer Witz (oft hart an der Grenze zum politisch eigentlich Unsagbaren) schleift die Bösartigkeit immer mehr ab, klingt neuerdings geradezu altersmilde. Wehmut liegt jetzt oft in seinen Augen und der Stimme, wenn er an der Theke den anderen Gästen einen Vortrag über die guten alten Southside-Zeiten hält. Die Frauen heißen nun alle Monica für ihn, selbst die Drogen üben kaum noch Faszination auf ihn aus. Man merkt: Produzenten & Autoren wollen unweigerlich zum Serienfinale gelangen. Irgendwann muss ja auch mal Schluss sein mit der Chicagoer Arbeiterklasse-Saga. Hat immerhin 134 Folgen bis dahin gedauert. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Habe schon genug gespoilert.

    1x Southside, immer Southside

    Es gibt Namen, da weiß man direkt – hier befinden wir uns in einem Problemviertel: z.B. die Bronx, (Teile von) Brooklyn oder Queens, L.A. South Central, Detroit (vermutlich die gesamte Stadt), Pittsburgh (wie Detroit) und eben die Southside von Chicago. Dort leben Arbeiter, Low-Income-Angestellte und Dauerarbeitslose/Sozialhilfeempfänger in kleinen (oft: Bruchbuden-) Häusern, deren winzige Gärten sie mit Zäunen und bissigen Hunden gegen die Nachbarn abschirmen. Die Mülltonnen quellen über, Briefe liegen im Vorgarten (hin und wieder liegt da auch der komatöse Frank Gallagher), verdreckte Kinder spielen auf dem Bürgersteig, Teenager-Mütter sitzen auf rostigen Parkbänken und rauchen Crack; ab und an kreuzt eine schwere Limousine durch die Straße: Gang-Mitglieder, die ihr Territorium kontrollieren. An jeder Ecke 1 Schnapsladen, an jeder Kreuzung 4 Kneipen und 3 Tattoo-Studios = US-amerikanische-Unterschicht-Idylle.

    Wir begegnen zahlreichen Ethnien. Klar, wir befinden uns tief im Kernland des Melting pot of nations. Wobei diese „Nationen“ sich nicht mischen; sie leben zwar im selben Viertel, bewohnen aber strikt voneinander getrennte Straßen. Wenn sich da ein Schwarzer in eine weiße Gegend verirrt (oder umgekehrt), kann schnell Zoff entstehen. Oder ein Ire datet die Tochter eines Russen (dasselbe vice versa) -> Massen-Familien-Karambolagen sind dann nicht selten. Es gilt der Lehrsatz: Melting pot bedeutet nicht, dass alle freudig miteinander verschmelzen, sondern bloß das halbwegs friedliche Zusammenleben in separaten Bubbles. Ausnahmen gibt es natürlich, aber die sind selten. Was die Einwohner der Southside jedoch noch mehr hassen als die Bubble, die 1 Block entfernt lebt, sind Fremde, die neu in den Stadtteil ziehen = liberale Yuppies & Hipster und Latinos. Die Erstgenannten haben zu viel Geld und verderben die Preise, die Zweitgenannten sprechen nur Spanisch und bedeuten Konkurrenz auf dem hart umkämpften Markt der Billigjobs. Und allen Neuankömmlingen fehlt natürlich der typische Southside-Stallgeruch, der den Urbewohnern anhaftet und welchen sie stolz wie ein Vietnamveteran das Purple Heart tragen. Alkohol ist zwar keine Lösung, er fließt aber dennoch in Strömen. Und natürlich noch ne Menge anderer Stimmungsaufheller, die einem zeitweilig helfen, die Tristesse zu vergessen.

    Raus gelangt man nur auf 4 Wegen – man/frau:
     verpflichtet sich für 25 Jahre bei der Army
     macht Escort und angelt sich nen senilen Milliardär
     vertickt Drogen (Großhandel) und kauft sich ne protzige Villa in der Northside
     tot und Überführung auf einen externen Friedhof.

    Kaum jemand schafft den Ausstieg
    Alle reden davon, die Southside schnellstmöglich verlassen zu wollen (okay, nicht alle. Frank gefällt es hier prima), und trotzdem geht nie jemand weg. Mal abgesehen von Monica (Franks Exfrau), die periodisch verschwindet, aber immer wieder zurückkehrt. Die Chance zum Aus- bzw. Aufbruch hätte sich Lip geboten: College, Universität, gut bezahlte Festanstellung als Robotik-Experte, Umzug in einen schicken Szene-Stadtteil. Stattdessen Trinkexzesse und Prügeleien an der Uni, Entzug des Stipendiums, Weigerung, die Hilfe eines Professors anzunehmen, Klinik, Rückfall, Zerstörungswut, (kurzer) Gefängnisaufenthalt, Neuanfang als Tellerwäscher und Hilfs-Mechaniker. Erneutes Wohnen im alten Kinderzimmer. Aber, und das ist das eigentlich Interessante an Philipps Geschichte: er trauert der verpassten Möglichkeit nicht nach, scheint sogar erleichtert zu sein, dass sie nicht zustandekam. Er begreift sich, trotz Hochbegabung, die sein Ticket für den Aufstieg in die Upper middle class hätte sein können, als genuinen Southsider: und die waschen eben Teller und schrauben Motorräder zusammen und arbeiten nicht als gutbezahlte Robotik-Experten. Lips Herkunft benachteiligt ihn also nicht nur bei der schulischen Grundausbildung, sondern sie prägt darüber hinaus sein gesamtes zukünftiges Streben & Handeln: Vergaser wechseln und Keilriemen festziehen statt eine neue Generation superintelligenter Roboter modellieren. Frühe Familiengründung statt langwieriger Ausbildung. Abends ne Partie Billard mit den alten Kumpels erscheint verlockender, als langweilige Fachvorträge zu besuchen. Mitte 20 ist das Leben gelaufen. Mehr (außer alle 2 Jahre ein neues Kind und mit 40 die erste Scheidung) wird da nicht mehr kommen. Das mag man bei wohlwollender Betrachtung sympathisch finden und als typisch für einen bodenständigen Charakter ansehen; bei kritischer Beleuchtung schlägt man hingegen die Hände über dem Kopf zusammen und ruft dem jungen Gallagher zu: „Was für ne Riesenchance hast du ohne Not vergeigt. Du wirst die Southside nie wieder verlassen.“ Wahrscheinlich will Lip genau das – die Southside nie verlassen. Und so wie ihm geht es 99 Prozent der Bewohner (Ausnahmen Monica und Fiona und die o.g. Typen 1 bis 4).

    Mich stimmt das irgendwie traurig.

    Working Class vs. Liberale

    Schön herausgearbeitet, vor allem abends an der Theke der Eckkneipe „Alibi Room“, wird der Gegensatz zwischen der – zumeist zu Mindestlohn beschäftigten – Arbeiterklasse und der urbanen Mittelschicht, die ihren Betätigungsradius immer weiter ausdehnt und mittlerweile damit begonnen hat, Straße um Straße in der Southside aufzukaufen, die schimmligen und vom Holzwurm befallenen Billighäuser abzureißen und moderne Appartementblocks zu errichten. Schnapsläden werden in Bio-Kaffeeshops umfunktioniert, Crack-Häuser mutieren zu Yoga-Studios. Privatschulen werden gegründet, deren Besuch sich die Ur-Southsider nicht leisten können. Die liberalen Hipster predigen Rassengleichheit, achten aber strikt darauf, dass der eigene Nachwuchs nicht mit armen Einwanderer-Kindern spielt. Bei fröhlich feiernden schwarzen Jugendlichen hört der Spaß auf; da werden sofort die Cops wegen Ruhestörung gerufen. Armut in derselben Straße ist ebenfalls nicht schön; denn deren täglicher Anblick kann schon aufs Gemüt schlagen u.v.a. sinkt dadurch der Wert der angrenzenden Immobilien. Kneipen, in denen sexistische Bilder und Sprüche an der Wand hängen (also in allen in der Southside), bekommen schlechte Online-Bewertungen und erhalten vernichtende Kritiken im neuen Stadtteil-Magazin.

    Und weil die urbanen Weltverbesserer den Demokraten (und hier überwiegend deren liberalem Flügel) zuneigen, nimmt es nicht Wunder, dass die vormals ebenfalls demokratisch orientierten Arbeiter zwangsläufig nach rechts in Richtung Republikaner driften. Warum das zwangsläufig ist? Ganz einfach: der Standard-Southsider nimmt einen Republikaner nicht als direkten Wettbewerber wahr. Der Republikaner lebt entweder in nem weit entfernten Bonzen-Viertel oder auf dem platten Land in Iowa. Aber er konkurriert nicht um dieselben Straßen und Häuser wie die Arbeiter im Chicagoer Süden. Und GANZ wichtig: der Republikaner missioniert nicht. Er fordert weder das Entfernen der sexistischen Bilder in den Kneipen, noch macht er sich für fleischlosen Konsum oder gar das Verschwinden alter Verbrenner stark. Mit ihrer rigiden Einwanderungspolitik stößt die GOP überwiegend auf Zustimmung bei den Arbeitern. Jeder Latino, der die Grenze nicht überquert, ist ein Latino weniger beim täglichen Kampf um die Mangelware Billiglohn-Job. Da wird die mitunter übertriebene Religiosität mancher Republikaner schulterzuckend in Kauf genommen. Im Zweifelsfall halt etwas mehr Lieber Gott & barmherziger Herr Jesus Christus als zu viel liberale (was in den USA als Synonym für links-grün benutzt wird) Zwangsbeglückung.

    Rechte Polemik verfängt auch bei (linken) Gewerkschaftern
    Shameless bietet speziell mit den abendlichen Kneipengesprächen ganz hervorragende Unterhaltung. Wer hier aufmerksam zuhört, begreift allmählich, weshalb die amerikanische Arbeiterklasse (früher überwiegend demokratisch unterwegs) mittlerweile pro Trump votiert. Weil der (damals: Noch-) Präsident – hinsichtlich Lebensstil Lichtjahre vom Durchschnittshaushalt der Southside entfernt – der abgehängten weißen Unterschicht diabolisch einflüstert, nach wie vor wichtig zu sein. Da braucht er dann konkret auch wenig zur Verbesserung der Situation zu tun. Polemik ersetzt seriöse Sachpolitik. Das Gefühl, immer noch dazuzugehören zum „guten alten (weißen)“ Amerika reicht den meisten. Hauptsache, nicht zu viele Flüchtlinge rein ins Land und keine Gesetzesvorhaben, die zu Änderungen beim persönlichen Konsumverhalten zwingen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

    Den Kampf um die Stammtischhoheit gewinnen die rechten Populisten. Die Liberalen aka Linksgrünen haben das Nachsehen. Das ist so in Shameless, das wird eventuell bei den nächsten US-Präsidentschaftswahlen geschehen. Ob uns dieses Schicksal ebenfalls in Deutschland blüht, bleibt abzuwarten. Für schlauer als die Amerikaner oder Southsider sollten wir uns dabei nicht halten. Denn an der Theke vom „Alibi“ sitzen ab und an schon ein paar echt schlaue Typen. Rubrik: auch Schlauheit feit nicht davor, Rattenfängern auf den Leim zu gehen. V.a. dann nicht, wenn die Rattenfänger geschickt auf der Klaviatur der Vorurteile ihrer Klientel spielen.

    Zwischenfazit zu diesem Abschnitt: Shameless hat seine stärksten Momente oft in der Eckkneipe. Hier erfährt man viel darüber, wie der Southside-Amerikaner tickt und versteht, weshalb die Republikaner mit ihren einfachen Antworten eine große Faszination auch auf ideologisch früher eher links orientierte (iSv. gewerkschaftsnah) Arbeiter ausüben.

    Alkohol & Drogen

    Neben Sex und Hass auf die Liberalen das dritte Standbein der Serie. Keine Folge, in der nicht ein Darsteller sturzbetrunken vom Hocker fällt, in die Knie sinkt, kotzend über der Kloschüssel hängt. Frank pfeift sich wahllos alles rein, was einen schnellen Rausch verspricht: mit leichter Vorliebe für Opioide. Da werden pausenlos Joints gedreht, Crack-Pfeifen gestopft, Koks geschnupft, Heroin gespritzt und Benzos geschluckt. Wenn die Speiseröhre den Dienst quittiert, dann gibt’s den Wodka per Tampon auch mal anal. Und bei ner geschrotteten Leber hilft als letzter Ausweg immer noch ne Transplantation.

    Was die Figur des Frank betrifft, erscheint die Dauer des Missbrauchs völlig unglaubwürdig. Klar, es handelt sich um Fiktion, aber trotzdem hätte er, bei der Menge, die er seinem ausgemergelten Körper täglich zuführt, spätestens am Ende von Staffel 1 tot sein müssen. Diesen fortwährenden Cocktail aus Alkohol, Opiaten und diversen Narkotika überlebt niemand länger als maximal 12 Monate. Und schon gar nicht, wenn zwischendurch nicht mal ein klinischer Entzug absolviert wird (Frank entgiftet nur dann, sobald ihm der Stoff ausgeht und dann kalt ohne medizinische Begleitung). Aus präventionstherapeutischem Blickwinkel unbefriedigend ist zudem der Umstand, dass Franks Konsum häufig glorifizierend dargestellt wird. Ihm passieren im Suff zwar oft superpeinliche Sachen, aber trotzdem ist es irgendwie cool, wie er sein Leben ganz dem Trinken widmet. Wer möchte nicht lieber ein dauerberauschter Frank als ein langweiliger Büroangestellter sein?

    Das Alkoholiker-Gen ist stark
    Wo ein Alkoholiker-Vater ist (zzgl. eine polytoxe Mutter), da sind Alkoholiker-Kinder erfahrungsgemäß nicht weit. Bei den Gallaghers erwischt es die zwei ältesten. Auch die anderen vier Kinder erweisen sich als trinkfest; sie beschränken sich dabei jedoch auf Wochenenden und Feiertage, mutieren nicht zu 24/7-Schluckspechten. Phillip und Fiona hingegen machen beide ne harte Saufphase durch. Und hier bleibt die Serie sehr viel näher dran an der Wirklichkeit als bei Vater Frank. Es wird gezeigt, wie aus Partyfeiern allmählich immerwährender Alkohol“genuss“ wird, wie sie den Schnaps zum Runterkommen und Sorgenvergessen einsetzen, warum 1 Pulle Bourbon plötzlich nicht mehr genügt, wie Alkohol zu Gewaltausbrüchen führt. Wie schwierig es ist, davon wegzukommen. Für Lip bedeutet die Abstinenz täglichen Kampf, Fiona scheint der Verzicht einfacher zu fallen. Und jeden Tag aufs Neue zum AA-Meeting, um sich im Kreis von Gleichgesinnten auszutauschen und sicher zu fühlen. In diesen Sequenzen verlässt Shameless die Comedy-Bühne und wechselt ins ernste Fach. Ohne Lip und Fiona wäre die Serie ne Sitcom. Erst diese beiden Charaktere verleihen der Geschichte die notwendige Tiefe. Das schaffen weder Ian (der mit seiner schwierigen homosexuellen Beziehung zu Freund Mickey Milkovich am ehesten), noch Debbie, Carl oder Liam. Es ist oft vergnüglich, ihnen zuzuschauen; richtig fesseln tut mich aber keiner von denen.

    Auch wenn Frank der Star ist, spielt er eigentlich nur 1 durchgängige Rolle über die kompletten 11 Staffeln = die des Stadtteil-Clowns, der die Narrenfreiheit nutzt, um seine Sicht des Lebens (und das ist die eines Hardcore-Hedonisten) ungefragt an jedem Winkel der Southside zu verkünden. Fiona (die nervt mitunter sehr als Helikopter-älteste-Schwester) und Lip (der nervt als Helikopter-junger-Vater manchmal auch) agieren leiser, erzielen aber – auf jeden Fall bei mir – stärkere Wirkungstreffer.

    Zwischenfazit zu diesem Abschnitt: Alkohol ist nur dann ein nachhaltiger Stützpfeiler für eine LANGE Serie, insofern auch dessen Schattenseiten nicht verschwiegen werden = die Qualen des Entzugs und der steinige Pfad, der beschritten werden muss, wenn man ernsthaft vorhat, dauerhaft trocken zu bleiben. Nur die Eskapaden & Albernheiten des Saufens zu zeigen, wäre zu wenig für eine Geschichte, die sich über den Zeitraum von 11 Jahren erstreckt.

    Was hätte Bukowski dazu gesagt?

    Auf jeden Fall. Das ist wie Bukowski als Serie, schrieb einer meiner Facebook-Bekannten, als ich dort vor Wochen mitteilte, dass ich darüber nachdenke, aber noch zögere, mit Shameless zu starten. Nach den ersten 12 Folgen reagierte ich mit dieser Kurz-Einschätzung:

    Die Story hat mit Hank so viel zu tun wie Disneys Cinderella mit Grimms Aschenputtel (wobei das zweitgenannte Beispiel näher am Original dran ist). Es sei denn, alle Geschichten, in denen ein Unterschichten-Alkoholiker auftaucht, gehören zwangsläufig in das übergeordnete Genre „Bukowski“. Was in der Serie ein bisschen Der-Mann-mit-der-Ledertasche-Flair aufkommen lässt =
    (a) das Setting in South Chicago
    (b) die Trinkerei u das Ständig-in-der-Kneipe-Abhängen des Protagonisten
    (c) das belanglose Liebesleben, das zu häufig wechselnden Partnern führt
    (d) die chronische Arbeitsscheu der Hauptfigur
    (e) einige im Suff begangene Peinlichkeiten, an die man sich am Morgen danach am liebsten nicht mehr erinnert.

    Das war’s aber auch schon mit den Ähnlichkeiten. Der Tiefgang, der viele von Bukowskis Storys auszeichnet, fehlt in der Serie völlig. Auch ist – zumindest auf Staffel 1 bezogen – (bisher) keine übergeordnete Erzählung erkennbar. Z.B. eine Figur entwickelt sich langsam vom Underdog zum Cyberabwehr-Topagent oder zukünftigen 4-Sterne-General. Es ist eine Aneinanderreihung von kleinen Einzelgeschichten – häufig spaßig –, die in Episoden-Häppchen dargereicht werden. Die Folgen bauen zwar chronologisch aufeinander auf, man könnte aber auch Nr. 3 anschauen, drei Episoden überspringen u dann erst wieder bei Nr. 7 reinzappen, ohne handlungsseitig groß was verpasst zu haben. Deshalb (bisher) mehr „2 & half men“ reloaded als „Das Liebesleben der Hyäne“.
    Um nicht missverstanden zu werden: „Shameless“ ist durchaus unterhaltsam, einige Figuren sind stark gezeichnet (z.B. die Helikopter-Tochter Fiona). Es tritt auch ein gewisser Suchtfaktor ein. Jedoch mangelt es (bisher) am „großen“ Handlungsfaden.

    In jedem Trinker steckt ein kleiner Hank Chinaski
    10 Staffeln später will ich meine obige Einschätzung etwas revidieren = da steckt doch mehr Bukowski drin, als ich ursprünglich vermutete. Denn natürlich lässt sich bei Frank Gallagher eine graduelle Übereinstimmung mit Henry/Hank Chinaski feststellen: Ihre Lebensweise und die dazu gehörige Philosophie sind nicht zu 100 Prozent deckungsgleich; aber sobald man die South Side über East Hollywood stülpt, stellt man unschwer fest, dass die Schnittmenge Minimum 50 beträgt. Das ist auch wenig verwunderlich, weil sich die Verhaltensweisen von Trinkern immer ähneln; völlig egal, an welchem gottverlassenen Ort der Welt sie ihre traurige Existenz fristen und morgens verkatert mit der Nase in der eigenen Kotze aufwachen. Auch ich selbst besaß in meiner nassen Phase ein paar Gemeinsamkeiten mit Hank: Ich wechselte zwar meine Sexualpartnerinnen nicht so oft wie er, aber dafür genauso selten die Unterwäsche. Soll heißen: in jeder Schnapsdrossel steckt zwangsläufig eine Portion Bukowski. Z.B. das selbstzerstörerische Element, das mit der täglichen Sauferei unweigerlich einhergeht. Dass also Frank und Hank bei Lebenswandel und dazugehöriger -philosophie einige Parallelen aufweisen, ist jetzt keine bahnbrechende Erkenntnis.

    Interessanter ist deshalb die Frage, ob Bukowski in seinen Kurzgeschichten und Gedichten tiefer schürft, als es Frank Gallagher (bzw. die Autoren der Serie) abends am Tresen tut/tun. Und hier muss man auch als eingefleischter Das-Liebesleben-der-Hyäne-Fan eingestehen: nein, das macht er nicht. Sein Protagonist Henry Chinaski erlebt recht ähnliche Abenteuer wie unser Hofnarr-Southsider, ihre Libido ist enorm, die Anzahl Frauen, mit denen sie ins Bett steigen, übersteigt das Vorstellungsvermögen des Normalsterblichen bei weitem. Was William Macy in seiner Lieblingskneipe „Alibi“ über den morschen Zustand der US-Gesellschaft zum Besten gibt, steht den trübsinnigen Reflektionen über den dekadenten American way of life, die Bukowski seinem Protagonisten in den Mund legt, inhaltlich nicht nach. Der Unterschied liegt einzig im Kommunikationsmedium: Frank sehen und hören wir, Hank hingegen müssen wir lesen. Wörter auf Papier geschrieben wirken vermutlich tiefsinniger, als wenn man sie gesprochen hört. Viele Bukowski-Storys sind völlig trivial, handeln von suffe, poppe, danze, Filzläusen & Bettwanzen. Trotzdem klebt der Nimbus des Nachdenklichen, Schopenhauer-Grüblerischen wie Pattex an ihnen.

    Barfly war jetzt auch kein Highlight der Gesellschaftskritik
    Steile These, Herr Kolumnist, meinen Sie? Mag sein. Aber machen Sie mal die Probe aufs Exempel und schauen sich Barfly an (ist allein schon wegen Mickey Rourke und Faye Dunaway lohnenswert). Der Versuch, Bukowskis Leben (er wirkte sogar am Drehbuch mit) auf Zelluloid zu bannen: Man ist erstaunt (also ich war es, als ich den Film damals im Kino sah), wie banal die Geschichte ist: eine 100-minütige Aneinanderreihung von Trinkexzessen, Rumvögeln, Theken-Unterhaltungen und Kneipenprügeleien. Vom (angeblich) Tiefsinnigen der gedruckten Short Stories ist hier kaum was zu spüren. Es könnte sich in Barfly auch um 1 Tag aus dem Leben von Frank Gallagher handeln.

    Aber klar, „Shameless“ und „Der Mann mit der Ledertasche“ sind nicht dasselbe. Einigen wir uns mithin auf folgenden Kompromiss = die Diskrepanz zwischen Serie und Bukowski ist kleiner, als von mir nach Staffel 1 vorschnell behauptet. Ich würd‘ mal aus dem Bauch heraus sagen: die Southside verhält sich zu East Hollywood wie 4 Oxycodon zu ner Pulle Jack Daniel’s.

    Reiche und Gefickte

    Und nun wollen wir so langsam zum Schluss kommen. Der Text ist bereits länger als ne Short Story. Wir könnten uns natürlich noch Gedanken darüber machen, wie das Bildungsangebot für Teenager-Mütter in der Southside aussieht, weshalb sich trotz Obama-Care weiterhin kaum ein Amerikaner ne ordentliche Arztbehandlung leisten kann, ob Alkohol oder Opioide (oder asbestverseuchte Immobilien) sich schädlicher auf das Immunsystem auswirken. Diese Gedanken, auch wenn sie wichtig sind, werden wir aber ganz sicher nicht in dieser Kolumne weiterverfolgen. Warum nicht? Ganz einfach, weil ich jetzt keine Lust mehr habe, ständig neue Sätze zu fabrizieren. Alles, was zu Shameless zu sagen war, habe ich gesagt. Wer das als nicht ausreichend empfindet, soll selbst ne Rezi schreiben (und wird dabei schnell feststellen, dass Schreiben mühsamer als Lesen oder Serie-glotzen ist).

    Ich schließe mit einer Kneipentheke-Gesellschaftsprognose von Frank:

    Bald wird es keine Juden mehr geben, auch keine Arier, Hindus, Muslime, Mexikaner oder Schwarze mehr. Es wird nur die Reichen und die Gefickten geben, und unser Enkel ist bereits einer von den Gefickten.

    (ob auch Hank das hätte sagen können? Keine Ahnung).

    Ach so, die Bewertung fehlt noch. Hätte ich beinahe vergessen. Von mir gibt es 9 Punkte (1 Punkt Abzug, weil ich doch nach wie vor mit der mangelnden Figurenentwicklung hadere … Henry Chinaski entwickelt sich ebenfalls nicht, meinen Sie? Jetzt, wo Sie mich darauf aufmerksam machen, wird mir schlagartig klar, dass das leider stimmt. Hatte ich mir bisher echt noch nie den Kopf drüber zerbrochen. Mache ich gleich im Anschluss, sobald ich den letzten Punkt unter die Kolumne setze. PUNKT).
    +++

    Shameless
    UT: Nicht ganz nüchtern
    [US-amerikanische Adaption der gleichnamigen britischen Serie]
     11 Staffeln = 134 Episoden
     Ausgestrahlt 2011 bis 2021 [in den USA: Showtime, im deutschsprachigen Raum auf FOX]
     Idee: Paul Abbott
     Produktion: John Wells & Paul Abbott.

    Sämtliche 11 Staffeln sind bei Amazon Prime und auch Netflix verfügbar.