Kategorie: Henning Hirsch: Neues vom Serien-Junkie

  • Als es in Los Angeles heftig schneite

    Als es in Los Angeles heftig schneite

    „Was ist das für ein schwarzes Loch in deinem Küchentisch?“, fragt die alte Schulfreundin.
    „Was für ein schwarzes Loch?“
    „Na, in deinem Küchentisch. Das war bei meinem letzten Besuch noch nicht da.“
    „Ach, das Loch meinst du. Ja, ist neu.“
    „Wie kommt das dahin?“
    „Ich hab nen superheißen Topf vom Herd genommen und da abgestellt, und der hat sich irgendwie in die Platte reingefressen.“
    „Das hast du nicht sofort bemerkt? Das muss doch verbrannt gerochen haben?“
    „Ich war abgelenkt.“
    „Abgelenkt?“
    „Ich hab ne spannende Serie geschaut und den Scheißtopf auf dem Scheißtisch vergessen.“
    „Du hast doch nach der letzten Serie gesagt, dass du dir nie wieder ne Serie anschaust.“
    „Ich hatte nicht ‚nie‘ gesagt, sondern dass ich jetzt ne längere Pause mit Serien einlege.“
    „Die Pause hat maximal 1 Woche gedauert. Lang ist was anderes.“
    „Ich weiß. Aber die neue Serie ist wirklich fesselnd.“
    „So fesselnd, dass du nicht mitbekommst, wie sich ein Topf in deinen Küchentisch reinfrisst. Das muss ja echt ne Superserie sein … was machst du jetzt mit dem Loch? Wollen wir zusammen einen neuen Tisch kaufen?“
    „Ich schau erstmal die Serie zu Ende. Dann kümmere ich mich um einen neuen Tisch.“
    „Und bis dahin gähnt da ein schwarzes Loch?“
    „Ich stell ne Blumenvase drauf. Dann bemerkt das keiner.“
    „Du besitzt gar keine Blumenvase.“
    +++

    Plötzlich fegt ein Schneesturm durch L.A.

    Ja ja, ich hatte nach Lost gesagt, dass ich ne LANGE Pause mit Serien einlegen werde. Und dann hat mir der Algorithmus – heißt das superschlaue Ding bei den Streamingdiensten überhaupt so? – Minimum ein Dutzend Mal Snowfall vorgeschlagen. Gemäß dem Motto, „Nutzer, die Lost geschaut haben, gefällt auch das“, und irgendwann bin ich schwach geworden und habe probeweise reingeklickt.

    Eine Serie, die in den 80-er Jahren in Los Angeles spielt und mit „Snowfall“ überschrieben ist, handelt wenig überraschend nicht vom Klimawandel, sondern hat harte Drogen zum Inhalt. Konkret geht es um den Ausbruch der Crack-Epidemie in den USA. Weitere Schauplätze sind Mexiko, Nicaragua, Panama und es gibt hin und wieder kleine Abstecher nach Washington D.C. und in ein paar Provinznester des Mittleren Westens. Produziert wurden die insgesamt 6 Staffeln zwischen 2016 und 2022 (Ausstrahlung erfolgte jeweils um 1 Jahr zeitversetzt zw. 2018 und 2023).

    Die 4 Themenschwerpunkte lauten:
    (A) Herstellung von und Handel mit (der damals neuen Droge) Crack
    (B) der von der CIA organisierte Import von Kokain
    (C) die Verelendung kompletter Stadtviertel durch die Droge und die damit einhergehende Gewaltkriminalität
    (D) Alltagsrassismus.

    Die Haupt- & Nebendarsteller

    In den ersten beiden Episoden lernen wir die 3 Protagonisten kennen:
    (1) Franklin Saint (Damson Idris): ein zu Beginn der Serie 19-jähriger Beinahe-Student, der seinen Ausflug ans College nach einigen Monaten jedoch abgebrochen hat und zurück zu seiner alleinerziehenden Mutter nach L.A. South Central zieht. Dort verdient er sich ein paar Dollar mit Gelegenheitsjobs, bevor er bei seinem Onkel als Marihuana-Ticker einsteigt und per Zufall an 1 Kilo Kokain gelangt, das er schnell an den Mann bringt. Der neue Dealer ist von den Verkaufskünsten Franklins äußerst angetan und überzeugt ihn, von Gras auf Koks umzusatteln.
    (2) Teddy McDonald (Carter Hudson): ein trotz seiner Jugend schon recht erfahrener CIA-Agent, der im Büro Los Angeles den Drogenschmuggel aus Nicaragua heraus und die Waffenlieferungen in den Dschungel hinein organisiert & steuert. Teddy ist dringend auf gut funktionierende Vertriebskanäle für sein Produkt angewiesen. Schon bald kreuzen sich deshalb sein und Franklins Weg. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich im Verlauf der Jahre eine Hassliebe.
    (3) Gustavo Zapata (Sergio Peris-Mencheta): mexikanischer Überlebenskünstler und Ringer, der sich mit drittklassigen Schaukämpfen in Südkalifornien über Wasser hält. Durch Zufall gerät er zuerst an eine mexikanische Drogenbaronin, bevor er, nicht ganz freiwillig, zum Helfer Teddys avanciert und für den das Kokain über die Grenze nach L.A. transportiert.

    Und es gibt jede Menge Zweite-Reihe-Darsteller, die wir der Übersichtlichkeit halber den o.g. „Helden“ zuordnen:

    Franklins Familie
    Tante Louie & Onkel Jerome: planen ebenfalls, groß ins Kokain-Geschäft einzusteigen/ Mutter Cissy (möchte mit Drogen nichts zu tun haben, lässt sich aber breitschlagen und baut mit dem schmutzigen Geld ihres Sohnes eine Immobilienfirma auf)/ Kumpel Leon (erledigt die Drecksarbeit und steigt dann zum Pusher in den Projects auf)/ Wanda (Leons Verlobte: arbeitet zuerst in Franklins Crack-Küche, wird dann selbst abhängig, landet auf der Straße, durchläuft einen quälenden Entzug und wandelt sich schließlich zur Kritikerin des Businessmodells)/ Vater Elton (hat Frau & Sohn verlassen, kehrt nach Jahren zurück, missbilligt die Aktivitäten Franklins, toleriert diese aber, weil er den fragilen Familienfrieden nicht gefährden will. Um sein schlechtes Gewissen zu beschwichtigen, gründet er ein Hospiz als Zufluchtsort für Junkies & Obdachlose).

    Teddys Verbündete
    Matt (Bruder und ehemaliger Vietnam-Pilot. Hilft Teddy dabei, das Koks aus Mittelamerika rauszufliegen)/ Julia (Exfrau und Mutter von Teddys Sohn)/ Parissa (Exil-Iranerin, der Teddy zur Flucht in die USA verholfen hat: seine Geliebte)/ Avi Drexler (ehemaliger Mossad-Agent, der nun als Freiberufler mit Waffenschmuggel sein Geld verdient).

    Gustavos Frauen
    Lucia (Drogenbaronin und Verlobte Nr. 1, die nach 3 Staffeln spurlos verschwindet)/ Amanda (Verlobte Nr. 2. Verschwindet ebenfalls).

    Klingt alles (zu) kompliziert? Keine Sorge – ist es nicht. Es sind zwar ne Menge Charaktere, allerdings liegt der Fokus eindeutig auf den 3 Protagonisten, und die Anzahl der B-Darsteller bleibt – v.a. wenn man vorher wie ich „Lost“ mit den Minimum 100 Einzelschicksalen gesehen hat – im jederzeit tolerablen bzw. bequem überschaubaren Rahmen.

    Geschichte beginnt etwas langatmig, nimmt dann aber gehörig Fahrt auf

    Die Handlung startet im Sommer 83, als:
    (a) die CIA beschließt, die Guerillaaktivitäten der Contras in Nicaragua u.a. durch Drogenschmuggel zu finanzieren
    (b) Crack in einem Labor in Kalifornien erfunden wird
    (c) der 19-jährige Franklin sich gegen den Besuch eines Colleges und stattdessen für den Einstieg ins Drogenhandel-Business (anfangs Marihuana & Kokain) entscheidet.

    Die ersten Folgen sind etwas langatmig erzählt. Ich schrieb deshalb in meinem Facebook-Blog:
    „Die Geschichte ist allerdings langweilig: eine überwiegend fade Mixtur aus „Boyz n the Hood“, „Straight Outta Compton“ & „Kill the Messenger“, gewürzt mit ner kleinen Prise „Scarface“. Alles irgendwo schon mal (besser) gesehen. Werde deshalb (hoffentlich!) nach 1 Staffel wieder damit stoppen.“

    Aus nicht erklärbaren Gründen – vermutlich spielt der Binge-Faktor dabei eine große Rolle – stoppte ich jedoch nicht, sondern ließ mich stattdessen immer mehr von der Handlung – die am Ende von Staffel 1 ordentlich Fahrt aufnimmt – in ihren Bann ziehen, bis ich nach 14 Tagen (überwiegend waren es Nächte) mit allen 60 Episoden (jeweils 10 pro Staffel) durch war.

    Hier jetzt mein Eindruck zur gesamten Serie, gegliedert gemäß der o.g. Schwerpunkte (wobei ich wegen der Chronologie B. vorziehe):

    Der von der CIA organisierte Import von Kokain

    Der Schmuggel von Kokain in die USA stellte eine der beiden Finanzierungssäulen (die andere war der illegale Verkauf von schweren Waffen an das Mullah-Regime in Teheran) für die Aufrüstung der Rebellen in Nicaragua dar. Zu trauriger Berühmtheit unter dem Begriff „Iran-Contra-Affäre“ gelangt. Der Grundstoff wurde dabei aus Peru und Kolumbien nach Mittelamerika geliefert und dort in Dschungellaboren zu Kokain verarbeitet. Die CIA half dabei (wenn man der Serie Glauben schenken darf) sowohl beim Besorgen der Rohsubstanz als auch beim Schmuggel des Endprodukts in die USA hinein (das Zweite ist unstrittig, ob die erste Behauptung stimmt, entzieht sich meiner Kenntnis). Um möglichst rasch Abnehmer zu finden, wurde das Nicaragua-Kokain preiswerter als der kolumbianische Stoff auf den Markt gebracht. Daraus resultierte ein Angebotsüberhang bei den Zwischenhändlern. Die fanden nicht mehr genügend Käufer für die, trotz Preissenkung, weiterhin teure (Party-) Droge. Es musste also dringend was Neues her, wenn man nicht Gefahr laufen wollte, das Business aufgrund der Kokainschwemme gegen die Wand zu fahren.

    Herstellung von und Handel mit (der damals neuen Droge) Crack

    Da traf es sich gut, als zeitgleich ein kalifornischer Dealer einen Chemiker anheuerte, der Wege finden sollte, das Pulver nicht mehr einzig zu schnupfen, sondern ebenfalls als Dampf inhalieren zu können. Das funktioniert mit reinem Kokain nicht, man muss das – in der chemischen Fachsprache als Kokainhydrochlorid bezeichnete – Pulver vorher durch Zugabe von Natron vom Chlorid-Anteil separieren. Heraus kommen dabei entweder Crack/Rock oder Freebase (hier wird statt Natron als Trennmittel Äther verwendet). Diese beiden Substanzen kann man problemlos erhitzen und wie Pfeifentabak rauchen. Die berauschende Wirkung tritt via Lunge um einiges schneller und intensiver ein als durch die Nase gezogen.

    Die Bezeichnung „Crack“ spielt dabei auf das knisternde/knackende Geräusch an, das beim Verbrennen der Droge in der Pfeife zu hören ist, während der ebenfalls gebräuchliche Begriff „Rock“ die Form der kleinen, kristallinen Klumpen beschreibt.

    „Schöne“ Nebeneffekte =
     aus 1 Kilogramm Koks lassen sich 10kg Crack gewinnen
     statt 1 benötigt man anfangs bloß 1 zehntel Gramm, um den Kick zu spüren
     der Verkaufspreis kann stark herabgesetzt werden -> neue (ärmere) Konsumenten können sich den Stoff leisten
     die Droge macht sofort abhängig.

    Ausweitung des Marktes durch neue Käuferschichten plus zeitlich eng getakteter Konsum aufgrund des hohen Abhängigkeitspotenzials = Dealers Paradise.

    Verelendung kompletter Stadtviertel durch die Droge und die damit einhergehende Gewaltkriminalität

    Auf die Euphorie, die eingangs sowohl bei Verkäufern als auch Käufern herrschte, folgte bald das unsanfte Erwachen: die Konsumenten glitten schnurstracks ab in die Sucht, was wiederum den Verlust des Arbeitsplatzes und wirtschaftliche Schwierigkeiten (häufig den finanziellen Ruin) nach sich zog. Um den Kauf der Droge stemmen zu können (die war zwar billig, muss aber mehrmals täglich dem Körper zugeführt werden, was die Angelegenheit in der Addition der Einzelrauscherlebnisse dann wieder teuer macht), drifteten viele ab in die Beschaffungskriminalität: die Gewaltdelikte (z.B. Überfälle auf Drugstores, bewaffnete Einbrüche) explodierten. Auch auf Anbieterseite nahmen die Verteilungskämpfe an Härte zu. Jeder Großdealer beschäftigte eine kleine Privatarmee, um sein Territorium gegen die Konkurrenz abzuschirmen. Es gab nun Stadtteile, in denen sich die Bevölkerung nicht mehr auf die Straße traute. Es war wie leben in einem Kriegsgebiet, obwohl offiziell gar kein Krieg herrscht. Die Kombination Konsumenten-Elend & Gang-Schießereien traumatisierte v.a. die nicht drogensüchtigen Anwohner stark.

    Alltagsrassismus

    Nach einer Periode des anfänglichen Wegsehens bzw. Nur-mit-1-Auge-Hinschauens nahmen die Behörden sowohl die Zwischenhändler als auch die Konsumenten verstärkt ins Visier. Und die Ermittler gingen dabei nicht zimperlich vor. Die Gewalt, die in Snowfall vom LAPD praktiziert wird, ist nicht minder verstörend als die Brutalität der Straßengangs. Zumal sich die Polizei häufig nicht die Mühe macht, zwischen Dealer und Konsument zu unterscheiden. Den Knüppel des Gesetzes bekommen oft beide zu gleichen Teilen übergezogen. Überstellung der Süchtigen in eine qualifizierte Entgiftung = Fehlanzeige. Entzugskliniken sind teuer und deshalb nichts für arme Crack-Junkies. Die müssen entweder im Knast oder zu Hause auf dem Sofa (falls sie beides überhaupt noch besitzen) in Eigenregie runterkommen (was die meisten natürlich nicht schaffen und deshalb bis zum bitteren Ende weiter cracken).

    Obwohl einige Dealer – und ne Menge Abhängige – weiß sind, wählt die Polizei mit Vorliebe die schwarze Bevölkerung als Ziel aus. Okay, es ist in L.A. South Central (dort spielt die Serie zu 80 Prozent) wahrscheinlich schwer, weiße Anwohner zu finden; aber die Fokussierung der Razzien auf die Quartiere der afroamerikanischen Bürger wird ja auch aus anderen Städten berichtet. Interessant – eigentlich erschreckend – wie nervös selbst hartgesottene schwarze Dealer werden, wenn sie von weißen Streifenbeamten bei einer Routine-Verkehrskontrolle angehalten werden. Die Angst besteht nicht immer darin, dass Drogen im Kofferraum hinter dem Reserverad versteckt sind, sondern dass die Polizisten den Fahrer aus nichtigem Anlass einkassieren oder gar auf offener Straße zusammenschlagen. Als ob es eine schriftlich nicht fixierte Lizenz zum Niederknüppeln gibt. Und natürlich haben es Schwarze auch schwer, sich vor Gericht Gehör zu verschaffen oder gegen Zahlung einer Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt zu werden.

    Die Macher der Serie zeichnen allerdings kein Klischeebild in der Art, Schwarze handeln immer gut und Weiße durchgängig böse. Die – oft überaus brutalen – Dealer sind schwarz. Denen ist bewusst, dass sie ihre eigenen Leute in die Sucht und den finanziellen Ruin treiben. Was sie aber völlig kalt lässt, so lange sie mit Crack Unmengen Geld verdienen. Einige spüren ein schlechtes Gewissen, das sie mit dem Sponsoring von lokalen Hospizen zu beschwichtigen versuchen: Notdürftige Versorgung von Abhängigen, die man vorher selbst geschaffen hat. Den meisten Dealern reicht das, um das eigene Tun zu rechtfertigen. Aussteigen aus dem lukrativen Business will keiner. Kurzer Einschub an dieser Stelle: es gibt natürlich auch weiße Verkäufer und weiße Junkies. Da die Serie aber hauptsächlich in South Central spielt, sind die Akteure logischerweise überwiegend schwarz.

    Starke Charaktere & plausible Figurenentwicklung

    Die Serie schafft den Spagat zwischen CIA-Drogenschmuggel und Verelendung kompletter Stadtviertel mühelos. Ohne die Nicaragua-Kokainschwemme hätte es die Erfindung von Crack & Freebase wahrscheinlich ebenfalls gegeben; aber mit freundlicher Unterstützung durch den US-Geheimdienst geschah dies schneller und die Durchdringung des Marktes verlief gründlicher. Dass eine Bundesbehörde aktiv dazu beiträgt, die eigene Bevölkerung zu vergiften, dürfte einmalig in der Geschichte der westlichen Demokratien sein.

    Die Charaktere sind stark, die Figurenentwicklung überzeugend. Besonders hervor ragt dabei Protagonist Franklin Saint, der sich vom braven College Boy über die Stationen Marihuana-Dopeman, Kokain-Pusher und Crack-Big-Man schließlich zum (zeitweilig) größten Drogenbaron Südkaliforniens aufschwingt. Sein Versuch, die Sparte zu wechseln und ins seriöse Business (Immobilien) einzusteigen, scheitert. Zum Schluss muss er zurück in die (Crack-) Küche und auf die Straße. Des Weiteren sticht der von seiner Mission (keine Kommunisten in Nicaragua) besessene CIA-Agent Teddy McDonald aus dem Darsteller-Feld hervor. Die Verhinderung des Sozialismus in einem kleinen mittelamerikanischen Land rangiert auf seiner Werteskala höher als die Überschwemmung der USA mit Kokain. Um den Job durchzuführen, opfert er Bruder, Vater und Ehefrau. Ein Soziopath, bei dem unbedingte Pflichterfüllung an erster Stelle steht. Am Ende scheitert er genauso wie sein Geschäftspartner Franklin. Etwas ab fällt im direkten Vergleich zu den beiden Vorgenannten der dritte Protagonist, Gustavo Zapata. Der mutiert zwar vom braven Ringer zum Kokainschmuggler und Auftragskiller; jedoch bleibt er dabei immer der gute Onkel, der nur qua Zufall in die Geschichte hineingestolpert ist und nichts lieber täte, als in Mexiko auf einer kleinen Hazienda zu leben und dort mit einer netten Frau Kinder zu zeugen und aufzuziehen.

    Unterm Strich sind alle Figuren böse (ein Kinderausdruck; ich weiß), weil irgendwie in den Drogenhandel involviert und von ihm profitierend. Es gibt etwas weniger Schlechte (z.B. Franklins Eltern, Leons Verlobte Wanda, zum Schluss sogar Leon), aber auch die hatten halt lange mitgemischt im Crack-Business. Die Polizei ist zu keinem Zeitpunkt dein Freund und Helfer, sondern entweder brutal oder korrupt oder beides. Und von den menschenverachtenden Praktiken der CIA brauchen wir nicht groß zu reden. Als moralisches Vorbild taugt kein einziger Charakter. Hin und wieder erschrak ich über mich selbst, wenn ich temporäre Sympathien für Franklin (bei dem allerdings mehr in seiner Frühphase) und Teddy (der konnte zwischendurch auch trocken-witzig sein) entwickelte. Das fällt in die Rubrik = komaglotzbedingtes Stockholm-Syndrom.

    Überzeugendes Finale

    Für meinen persönlichen Geschmack noch eine Spur besser als „The Wire“ (Serie von Anfang der 2000-er mit nahezu identischer Thematik) in Szene gesetzt. Weil in Snowfall einzig aus der Sicht der Schurken (auch bzw. speziell der CIA-Agent ist ja einer) erzählt wird, während in „The Wire“ ebenfalls die Guten zu Wort kommen. Des Weiteren konzentriert sich Snowfall auf weniger Akteure, was der Handlung guttut. „The Wire“ zerfaserte am Ende doch sehr in die Schilderung von (zu) vielen Einzelgeschichten. Snowfall hat ein überzeugendes Ende, wenngleich das selbstredend kein Happy end ist. Aber wie sollte es bei einer Story, bei der die Protagonisten ständig tiefer im Drogensumpf versinken, auch zu einem glücklichen Finale kommen?

    Sehenswert speziell für 80-er-Jahre-Nostalgiker

    Von mir gibt’s für die Crack-Story 9 Punkte (1 Punkt Abzug wg. der Länge = 60 Episoden. 10 Folgen bzw. 1 Staffel weniger hätten dem Spannungsbogen eher genützt als geschadet. Weshalb bspw. kurz vor Schluss noch ein schwuler KGB-Agent aus dem Hut gezaubert werden musste, versteht außer dem Drehbuchautor keiner).

    Empfehlenswert für Fans von Drogengeschichten und 80er-Jahre-Nostalgiker. Für die Musik, mit der die einzelnen Folgen unterlegt sind bzw. die aus den Autoradios und Ghettoblustern erklingt, müsste es oft Bonus-Punkte geben.

    Showrunner = John Singleton, Eric Amadio, Dave Andron
    Produktion = Shoe Money Productions
    TV-Sender = FX (in Deutschland: FOX. Hat mittlerweile den Betrieb eingestellt).

    Die Serie kann man heute sehen in/bei:
    (1) Amazon (5 Staffeln)
    (2) Disney (alle 6 Staffeln)

    PS. als flankierende Dokus empfehle ich:
    Cocaine Cowboys
    Crack: Kokain, Korruption und Konspiration.
    [beide bei Netflix erhältlich. Da wird der politische Hintergrund von Kokainschwemme und Crack-Epidemie ganz gut ausgeleuchtet. Hin und wieder fragt man sich, ob der ein oder andere interviewte Dealer vllt. Pate für den fiktiven Charakter Franklin Saint stand. Dass die CIA nur 1 Agenten mit dem Drogenschmuggel aus Nicaragua heraus und in die USA hinein beauftragte, wie in Snowfall dargestellt, scheint hingegen in die Kategorie „(Serien-) Märchen“ zu fallen. Wahr ist wiederum die Geschichte des jungen Basketballers Leonard Kevin Bias, der Mitte der 80er neben Michael Jordan als größtes Talent der College-Liga galt, bevor er an einer Überdosis Kokain starb. Im Anschluss an diese Tragödie, die wochenlang von der Presse thematisiert wurde, verschärfte der Kongress die Drogengesetze drastisch, und die Behörden intensivierten den Kampf gegen die Straßengangs massiv. Das wird im letzten Drittel der Serie plakativ gezeigt].
    +++

    Und gleich rufe ich die alte Schulfreundin an, dass ich jetzt Zeit habe, zusammen mit ihr einen neuen Küchentisch zu besorgen. Wahrscheinlich sagt sie dann, dass es ihr terminlich nicht passt. Das macht sie immer so.

  • Binge Watching für Fortgeschrittene. Heute: 121 Episoden „Lost“

    Binge Watching für Fortgeschrittene. Heute: 121 Episoden „Lost“

    „Wo hast du die letzten Wochen gesteckt? Du bist ja noch nicht mal ans Telefon gegangen“, fragt die alte Schulfreundin bei unserem letzten periodisch stattfindenden Kaffee- & Kuchentreffen.
    „Ich hab ne Serie geguckt.“
    „Ne Serie? Was für ne Serie?“
    „Die hieß Lost, diese Serie.“
    „Die, die auf ner einsamen Insel spielt?“
    „Ja.“
    „Aber die ist doch schon uralt, diese Serie.“
    „Stimmt.“
    „Wer schaut denn uralte Serien?“
    „Ich manchmal.“
    „Also, ich kenne niemand, der freiwillig ne uralte Serie anschaut.“
    „Jetzt kennst du 1, der freiwillig ne uralte Serie schaut.“
    „Die war doch am Ende völlig verworren, diese Serie. Ich hab damals zur Hälfte hin aufgehört, mir die anzuschauen und bin zu „2 and a half men“ gewechselt. Das war unterhaltsamer … schreibst du was darüber? Wär ja schade, wenn du wochenlang ne verworrene Serie schaust und dann nix drüber schreibst.“
    „Mal schau‘n.“

    Rasanter Beginn

    Und nun sitze ich 1 Tag nach dem periodischen Kaffee- und Kuchentreffen mit der alten Schulfreundin am Schreibtisch und werde versuchen, was zu Lost zu Papier zu bringen. Fange ich mal damit an, wie ich überhaupt zu dieser Serie gekommen bin: Vor ein paar Wochen las ich eine Rezension des Kolumnistenkollegen Sören Heim, in der er sich überwiegend positiv zu der Inselgeschichte äußerte – mit Schwerpunktsetzung auf dem Lost-Kafka-Vergleich –, was ich zwar recht interessant fand, jedoch für sich alleine genommen hätte es nicht ausgereicht, dass ich mir 121(!!) Folgen dieser Herr-der-Fliegen-Neuauflage reinziehe. Am selben Abend war ich zum Grillen in der Nachbarschaft eingeladen, wo mir ein Kumpel bei Spareribs und Nudelsalat davon erzählte, dass er gerade zum dritten Mal mit seiner absoluten Lieblingsserie begonnen hätte. „Wie heißt die Serie“, fragte ich ihn, „Lost“, antwortete er. Wenn das kein Zufall ist, dachte ich. Und da ich von ihm weiß, dass er einen ähnlichen Filmgeschmack wie ich hat, vertraute ich dem Doppelurteil von Sören Heim und meinem Kumpel und schaute mir zurück zu Hause direkt die beiden ersten Folgen an  Und ich wurde nicht enttäuscht.

    Die erste Episode startet furios mit dem in 3 Teile zerberstenden Flugzeug und der Panik der 324 Passagiere. Knapp 50 überleben und richten sich notdürftig auf einem Strand einer in den unendlichen Wasserweiten des Südpazifiks gelegenen Insel ein. Zahlreiche Verletzte und noch mehr Tote liegen überall herum, müssen geborgen und provisorisch versorgt werden. Man lernt die späteren Protagonisten kennen: den Wirbelsäulen-Chirurg Jack, die wegen Mordes gesuchte Kate, den Trickbetrüger James, den vom Leben frustrierten John, das koreanische Ehepaar Sun & Jin, den unglücklichen Lotto-Millionär Hurley, den irakischen Verhörspezialisten Sayid, den drogensüchtigen Musiker Charlie und die hochschwangere Claire. Die Szenerie ist geprägt von ganz normalen Robinson-Crusoe-Aktivitäten: Zelte aufbauen, Lebensmittel aus dem Flugzeug rausholen, Trinkwasser suchen, Verletzte behelfsmäßig zusammenflicken und ein großes Feuer entfachen (um den alsbald erwarteten Rettungskräften den Weg zu weisen). Bei aller Niedergeschlagenheit wegen der vielen Toten überwiegt in diesem Augenblick die Hoffnung auf zeitnahe Evakuierung. Noch weiß niemand, dass es auf der Insel nicht mit rechten Dingen zugeht. Es werden bloß zarte Andeutungen gemacht: merkwürdige Geräusche aus dem Dschungel, Wunden, die schnell heilen, ein Lahmer, der plötzlich wieder laufen kann, der Pilot erklärt – kurz bevor er von einer schwarzen Rauchwolke verschluckt wird –, dass die Insel auf keiner Karte verzeichnet ist. Alles in allem ein rasanter Start, der keine Langeweile aufkommen lässt und einen ab Minute 1 in die Handlung hineinzieht. Gäbe es Bewertungen einzig für den Auftakt einer Serie, so kann man hier getrost 10 Punkte vergeben.

    6 Themenkomplexe sind Minimum 2 zu viele für 1 Serie

    Wie man den weiteren Verlauf bewertet (fehlen ja noch 119 Folgen bis zum Finale), hängt dann stark davon ab, was man von einer Geschichte erwartet. In Lost stehen folgende Themenkomplexe im Vordergrund:
    (A) Sich einrichten in ungewohnter Umgebung: Wie organisieren sich Gruppen, wen küren sie zum Anführer?
    (B) Zwischenmenschliches: Wer fühlt sich zu wem hingezogen, Wer gehört dazu, wer ist Außenseiter?
    (C) Background Story: Wer sind die einzelnen Menschen am Strand, warum saßen sie im Flugzeug?
    (D) Kampf gegen reale Gefahr: „The others“ auf der anderen Seite der Insel
    (E) Das stückweise Entdecken der verlassenen Forschungseinrichtungen: Was suchten die Wissenschaftler auf der Insel, und weshalb sind sie alle spurlos verschwunden?
    (F) Das allmähliche Begreifen des Mysteriums (iSv. spüren, dass man sich außerhalb der Gesetzmäßigkeiten der vertrauten Welt befindet).

    Lost ist besonders stark bei (A) und (B): die Figuren überzeugend gezeichnet, die Protagonisten grundverschieden, die Zusammenarbeit gestaltet sich oft schwierig, ständig liegen Streit und Abspaltung von Teilgruppen in der Luft; trotzdem gelingt es den beiden Leadern Jack und John immer wieder, ihre Leute auf das 1 gemeinsame Ziel – die baldige Rettung – einzuschwören. Die Romanzen bleiben ein bisschen blass, etwas mehr Palmenstranderotik hätte der Geschichte nicht geschadet. Warum Jack und Kate, zwischen denen es 70 Episoden lang laut knistert, auf der Insel nicht mal für 1 ONS zusammenfinden, versteht außer dem Drehbuchautor niemand. Vielleicht stand dabei die Vorstellung, dass ein wahrer Held und Anführer keinen Sex mit Schutzbefohlenen haben darf, im Weg. Keine Ahnung. Sobald die beiden das Eiland verlassen haben, holen sie das dort Versäumte in Los Angeles jedenfalls ausgiebig nach.

    Rückblenden: zu hohe Dosierung

    Die Rückblenden (C) sind anfangs okay, da man die Akteure so näher kennenlernt und ihr Handeln besser einsortieren kann. Besonders hervor sticht dabei die Geschichte von Sayid, der als Verhörexperte aka Folterspezialist bei Saddams Republikanischer Garde gedient hatte, bevor er über die Zwischenstationen Kuwait, Paris, London, Sydney auf der namenlosen Insel strandete. Auch die Story von Kate, die ihr Elternhaus abfackelte, während der eigene Vater drin schlief, ist nicht schlecht. Aber: die hohe Dosierung sorgt für Ermüdung. Es sind schlichtweg zu viele Individualerzählungen, die z.T. auch deutlich zu lang gerieten. Weshalb bspw. die Beziehung von Sun und Jin derart breitgetreten wurde, kann ich mir nur mit einem Faible des Showrunners für den südkoreanischen Film erklären. Ob Sun mal außerehelichen Sex hatte und Jin, wenn er deprimiert ist, gemeinsam mit seinem Vater angeln geht, ist mir als Zuschauer einer Tropeninsel-Odyssee völlig wurscht. Diese Sequenzen – und von denen gibt es ne Menge – blähen die Handlung unnötig auf. Was man allerdings nach Rückblick Nr. 50 begreift = alle überlebenden Passagiere waren auf die ein oder andere Weise bereits in ihrem früheren (also: Prä-Insel-) Leben irgendwie verloren (lost). Das trifft für Hurley natürlich mehr zu als für Jack, John war orientierungsloser als Sun, Charlie ein aufgrund Drogenkonsums abgestürzter Ex-Rockstar, Claire will ihr Baby zur Adoption freigeben, weil sie sich überfordert fühlt und James und Kate wissen auch beide nicht so richtig, wohin sie gehören. Ab Staffel 2 fragt man sich deshalb, warum sie überhaupt alle vom Campingplatz wegwollen (Ausnahme = John) und nicht lieber auf der Insel bleiben und dort ein neues Leben beginnen.

    Story überzeugt immer dann, wenn sie sich auf ihren Kernstrang besinnt

    Pfiffig ist die Idee mit den verstreut im Dschungel befindlichen Forschungseinrichtungen. Die – zumeist von John – peu à peu aufgespürt werden. Die sog. Orientierungsfilme, die dort im Regal stehen, vermitteln ein schönes 70-er-Jahre-Feeling. Wo sind die Wissenschaftler (der Dharma-Initiative) abgeblieben, haben sie die Insel verlassen, oder ist ihnen was zugestoßen? Woran forschten sie? Jack, John, James & Kate beim Lösen bzw. Nichtlösen dieser Fragen zu begleiten, ist durchgängig spannend. So wie die Serie immer dann am unterhaltsamsten ist, wenn sie sich auf ihren Kernstrang konzentriert = die lineare Erzählung der Ereignisse auf der Insel.

    Ab Staffel 2 schälen sich endlich die Konturen der Widersacher – eine Gruppe, die der Einfachheit halber als „the others“ bezeichnet wird – heraus: Wissenschaftler (allerdings nicht der Dharma-Initiative), die an merkwürdigen Dingen experimentieren (z.B. Überlebenschancen von Schwangeren auf der Insel testen). Deren Anführer Benjamin/Ben entpuppt sich schnell als blitzgescheiter Kopf, notorischer Lügner und ebenbürtiger Antagonist von Jack & John. Die Folgen, in denen Ben dabei ist, sind die, die den Zuschauer am meisten fesseln: man weiß zu keiner Sekunde, welche neue Wendung die Geschichte unvermittelt nimmt, wird immer wieder überrascht. Staffel 2 ist höchst gelungenes Serien-Entertainment. Es startet ein Katz- und Mausspiel: ich entführe deinen Boss, im Gegenzug kassierst du meine Anführer ein. Im Anschluss machen wir einen Gefangenenaustausch und danach beginnen wir von vorne. Es gibt Tote auf beiden Seiten; allerdings entwickeln sich auch Verständnis und Respekt für die jeweils andere Gruppe, es wird sogar ein bisschen über den Grenzzaun hin und her geflirtet. Diese Scharmützel erinnern an die Kriege zwischen kulturell höher entwickelten Zivilisationen und Nomadenstämmen, bei denen die Erstgenannten auf ihre Technik zurückgreifen können, während die Jäger kampferprobter und leidensfähiger sind. Am Ende (von Staffel 3) gibt es allerdings keinen Sieger, die Angelegenheit geht unentschieden aus. So lange sich auf der Insel nur diese 2 Gruppen gegenüberstehen, ist das durchaus spannend. Stark getragen vom schillernden Charakter Ben, der alle und jeden manipuliert und gegeneinander ausspielt.

    1 Mysterium ist 1 Mysterium, bleibt 1 Mysterium

    Kommen wir nun zum schwierigsten Themenkomplex: dem Mysterium. Dass im Dschungel seltsame Dinge geschehen, wird schon im Verlauf von Staffel 1 klar: Eisbären laufen frei herum, schwarzer, spiralförmiger Rauch (genannt: „das Monster“) quillt plötzlich zwischen den Bäumen hervor und verschlingt Menschen, Schusswunden heilen außergewöhnlich schnell, der querschnittsgelähmte John kann wieder laufen, sporadisch erscheinen Verstorbene und reden mit den Überlebenden, welche Bewandtnis hat es mit der geheimnisvollen Zahlenfolge 4, 8, 15, 16, 23 und 42? Warum kommt nie Rettung, weshalb findet man die Insel auf keiner Landkarte? Beruht das alles auf einer außer Kontrolle geratenen magnetischen Anomalie? Wirken hier urzeitliche Zauberkräfte? Befinden wir uns eventuell in einem Paralleluniversum? Hat vielleicht Gott seine Hand im Spiel? Mir gefiel die Episode, in der suggeriert wird, dass sich der im Lorazepam-Rausch befindliche Hurley das alles bloß zusammenfantasiert, recht gut. Aber, wie wir Lost-Zuschauer alle wissen: Hurley war stocknüchtern und die Insel real. Wie also die Absonderlichkeiten des Dschungels erklären? An dieser Stelle leihe ich mir das in diesem Zusammenhang gebrachte Zitat von Sören Heims Kolumne aus:

    Mysterium = geheimnisvolles, mit dem Verstand nicht ergründbares Geschehen; unergründliches Geheimnis, besonders religiöser Art.

    Hier trennen sich die Erwartungshaltungen derjenigen, denen es reicht, dass eine gute Geschichte erzählt wird von denen, die für alles eine Erklärung benötigen. Der zweiten Fraktion empfehle ich Detektivromane und Wissenschaftsdokus. Die erste kann Lost als das genießen, was es ist = spannende und unterhaltsame Fiktion.

    Würde Lost nach Staffel 3 – bis hierhin hat der Zuschauer immerhin schon 72 Folgen absolviert – stoppen, wär’s ne nahezu perfekte Serie. Und es wäre dabei egal gewesen, ob die Überlebenden gerettet werden (iSv. von der Insel runtergebracht) oder dort bis zum Lebensende verbleiben. Ob die Nicht-Auffindbarkeit des Eilands auf Erdmagnetismus, Zaubersprüchen der Urbewohner oder Gottes Plan beruht, muss niemand wissen. Es hätte gereicht, wenn sich Jack und Kate glücklich in die Arme fallen und Benjamin einen immerwährenden Frieden zwischen den 2 Gruppen verkündet. Wäre das Finale mit Staffel 3 eingeläutet worden, gäb’s für Lost 9 Punkte (1 Punkt Abzug von der Höchstbewertung wg. der teils doch sehr ermüdenden Rückblicke).

    Zweite Halbzeit fällt qualitativ ab

    Allerdings wurden drei weitere Staffeln produziert, die das Seherlebnis schmälern. Diese Fortsetzung um zusätzliche knapp 50 Episoden ist nicht durchgängig schlecht, einige Folgen sind überaus gelungen; jedoch erreicht die zweite Halbzeit nicht mehr das Qualitätsniveau der ersten. Woran liegt dieser Abfall?

    Zum einen wird die Geschichte zu sehr in die Länge gezogen. Der Zuschauer kennt die Figuren, weiß, wie die in bestimmten Situationen reden und handeln, hat auch so langsam vom ständigen Ich-liebe-dich-ich-liebe-dich-nicht-hin-und-her zwischen Kate und Jack genug. Die 25ste Rückblende nach Seoul langweilt. Die zahlreichen Vorgeschichten der nun neu eingeführter Figuren sind nicht zwingend notwendig. Als Konsequenz stellten sich erste Erschöpfungssymptome bei mir ein. Zum anderen werden jetzt neue Themen aufgegriffen, die für die bisherige Handlung vernachlässigbar waren. Auf einmal haben wir es mit dem Zeitparadoxon zu tun. Die Insel befindet sich nicht mehr nur im geografischen Niemandsland, sondern beherbergt gleichzeitig Menschen in unterschiedlichen Zeitabschnitten, von denen einige munter zwischen den Jahrzehnten hin und her springen. Das führt dann dazu, dass der erwachsene Miles (ein neu hinzugekommener Charakter) seinem in etwa gleichaltrigen Dharma-Wissenschaftler-Vater begegnet, der gerade Baby-Miles auf dem Arm schaukelt. David (ein Physiker) wird in die 50-er Jahre zurückkatapultiert und verhindert in letzter Sekunde eine Wasserstoffbombenexplosion. Ein Vierteljahrhundert später wird er an derselben Stelle von seiner Mutter erschossen, der er (in diesem Moment älter als seine Mutter) mit dem finalen Atemzug entgegenseufzt: „Ich bin dein Sohn“. Jack, Sayid und Kate stehen derweil vor der Frage, ob sie den jungen Benjamin töten sollen, bevor der sich zum Superschurken entwickelt. Das altbekannte Zeitreise-Dilemma: Kann man den Verlauf der Geschichte positiv ändern, wenn man den Bösen rechtzeitig vorher aus dem Weg räumt, oder würde die Geschichte dennoch übel ausgehen oder sich evtl. noch schlimmer entwickeln? Lost kann darauf keine befriedigende Antwort liefern. Wie auch? Sonst wär’s ja kein Dilemma.

    Rein vom dramaturgischen Blickwinkel aus betrachtet ist die Zeitspringerei überflüssig (genauso überflüssig wie das Auftauchen ständig neuer feindlicher Gruppen, bei denen man sich immer wieder fragt: wo hatten die sich denn bisher auf der Insel versteckt gehalten? Das Mikro-Atoll weist mitunter eine Bevölkerungsdichte wie Rimini in der Hochsaison auf). Am unterhaltsamsten zu Beginn von Staffel 6, als es zwei zeitgleiche Realitäten gibt: die Überlebenden campierend auf der Insel und im selben Moment als Spiegelbilder im Flugzeug über sie hinweg fliegend. Die 2-Realitäten-Idee prägt dann auch die gesamte letzte Staffel, im 5-Minuten-Takt wird zwischen Jack & Co. im Südpazifik und ihren Alter Egos in Los Angeles hin und her geswitcht. Die nicht abgestürzten Doppelgänger führen ihre normalen Leben zwar fort, laufen sich jedoch auch in Kalifornien ständig über den Weg -> spannende Frage = ist die Romanze von Jack & Kate einzig auf die Insel beschränkt, oder werden die beiden ebenfalls in L.A. zusammenfinden? Bewirkt die nachträgliche Korrektur eines Ereignisses (Flugzeug zerbricht nicht in 3 Teile, sondern landet sicher am Zielort) automatisch eine positive Veränderung für alle Beteiligten? Die Drehbuchautoren entscheiden sich für eine Hybrid-Lösung = einige Protagonisten führen ihr herkömmliches (glückliches) Leben weiter, während andere in Konflikt mit dem Gesetz oder sogar in Lebensgefahr geraten. Allen gemeinsam ist aber, dass sie sich bruchstückhaft an die alternative Realität auf der Insel erinnern. Was für den nicht-relativitätstheorie-geschulten Zuschauer die Frage aufwirft: haben wir es (a) mit 2 gleichberechtigten Realitäten zu tun oder (b) ist das 1 (z.B. die Insel) real und das andere (Los Angeles) Illusion (oder verhält es sich gar umgekehrt)? Oder aber (c) spielt L.A. zeitlich nach der Insel (unwahrscheinlich, weil in L.A. Charaktere gezeigt werden, die aufgrund des Absturzes tot sein müssten). Die „Lösung“, die die Serie in den letzten 10 Minuten der 121sten Episode anbietet, soll hier nicht gespoilert werden, hat mich persönlich aber nicht so richtig überzeugt bzw. empfand ich als schwach.

    Zu viel Erklärung, zu viele Vorgeschichten

    Das größte Manko von Lost liegt jedoch darin, am Ende alles erklären zu wollen. Was es bei einem Mysterium nicht braucht, und was folglich in die Hose geht. Plötzlich sind alle Figuren miteinander verbunden, haben sich vor der Bruchlandung schon mal gesehen oder Besuch von dem sagenumwobenen – aber bisher unsichtbar gebliebenen – Insel-Wächter Jakob erhalten. Mütter, Väter, Onkels und Tanten der Überlebenden arbeiteten bei der Dharma-Initiative, was aber deren Nachkommen anscheinend nie jemand erzählt hatte, andernfalls würden sie nicht 100 Episoden lang derart ahnungslos durch den Dschungel irren. Und die, die keine Verwandten in der 70er-Jahre-Wissenschaftscrew hatten, wurden von Jakob animiert, sich ins Flugzeug zu setzen.

    Dieser Jakob wurde vor LANGER Zeit auf der Insel geboren – die Leute redeten Latein, was für die Südpazifikregion ja eher ungewöhnlich ist, aber vielleicht lag das Eiland damals ja auch im Mittelmeer und wurde mittels Kontinentaldrift Richtung Tahiti verschoben. Wer weiß das schon? – und gemeinsam mit seinem namenlosen Zwillingsbruder von einer Quellnymphe aufgezogen. Die hütet seit Jahrhunderten (-tausenden?) ein geheimnisvolles Licht (wenn das in die falschen Hände gerät, droht das Ende der Menschheit) und sucht, weil langsam müde von dieser monotonen Tätigkeit einen würdigen Erben, dem sie die Wächterfunktion anvertrauen kann. Der eigentlich dafür vorgesehene namenlose Zwilling tötet, als ihm klar wird, dass er den verwunschenen Ort niemals wird verlassen können, im Zorn seine Adoptivmutter. Woraufhin Jakob seinen Bruder umbringt (der sich, statt ins Gras zu beißen, in das schwarze Spiralnebel-Monster verwandelt). Nun leben für Jahrhunderte bloß die beiden ungleichen Zwillinge auf der Insel: der unsterbliche Jakob (als neuer Hüter der Flamme) und sein zwar irgendwie toter, aber immer noch durch den Dschungel geisternder Bruder.

    Als in der frühen Neuzeit die ersten Kolonisatoren an Land gehen, stellen die Brüder erstaunt fest, dass Leben auch außerhalb der Insel existiert. Beide versuchen nun, die Neuankömmlinge für sich zu gewinnen. Allerdings mit unterschiedlichen Zielsetzungen: Jakob würde gerne die Rente einreichen und den Lichthüter-Stab an einen Nachfolger übergeben. Der Spiralnebelmonster-Zwilling hingegen sucht eine Mitfahrgelegenheit, um der Insel-Langeweile zu entfliehen (und eventuell die Welt zu zerstören). Und so werden anfangs Schiffe und später Flugzeuge angelockt, um die möglichen Nachfolge- und Chauffeur-Kandidaten zu testen. Resultat seit 300 Jahren immer dasselbe = nach kurzer Zeit sind alle Kandidaten tot. Bis dann endlich Oceanic-Flug 815 vom Himmel stürzt und sich am Ende von Staffel 6 vier ernstzunehmende Bewerber aus dem anfänglichen 48-Überlebende-Pool herauskristallisieren, von denen 1 in Episode 121 die Wächterfunktion von Jakob übernimmt. Wer das sein wird, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, denn vllt. hat der ein oder andere Leser „Lost“ ja bisher noch nicht gesehen und will nicht alles gespoilert haben. Deshalb stoppe ich jetzt mit der Nacherzählung.

    Am Ende unnötige Trivialisierung der Handlung

    Das Finale ist leider dramaturgischer Quark. Eine – bis zum Ende von Staffel 3 – weitgehend konsistente Handlung wird einerseits mit einem weiteren Themenkomplex (dem Zeitparadoxon) befrachtet und als ob das nicht schon neuer Stoff genug wäre, muss nun auch noch ein xy Jahrhunderte alter Insel-Schutzheiliger aus seiner Höhle heraustreten. Der eine Zauberin als Mutter und einen Mörder als (Zwillings-) Bruder hat. Klingt wie der 100ste Aufguss der Romulus- & Remus-Sage garniert mit einer Prise Calypso aus der Odyssee. Die 48 Überlebenden stiegen nicht zufällig ins selbe Flugzeug, sondern wurden vorher von Jakob handverlesen ausgewählt (okay, nicht alle 48, aber sämtliche Protagonisten). Von den restlichen Akteuren besaßen viele Verwandte, die mit den Dharma-Leuten in den 70-ern auf der Insel waren. Also: Kreuz- und Querverbindungen, wohin man auch schaut. Alles soll am Ende als zwingende Konsequenz 1 auslösenden Ereignisses (der Bruderzwist) erscheinen, alles, was vorher zufällig wirkte, ist nun vorherbestimmt und plausibel. Auch das Mysterium weitgehend von seinen Rätselzwiebelschichten freigelegt: übrig bleibt eine aus grauer Vorzeit stammende Lichtquelle, auf deren Boden sich ein steinerner Propfen befindet. Sobald man den löst, entweicht das Böse aus den Tiefen der D‘‘-Schicht des Erdmantels und zerstört die Insel (evtl. sogar unseren kompletten Planeten). Deshalb muss die Quelle seit Jahrtausenden von 1 Insel-Wächter (alle paar hundert Jahre wird der ausgewechselt) beaufsichtigt werden. Eine banale Fantasy-Erklärung für ein Phänomen, das eigentlich nicht erklärbar ist und deshalb auch gar nicht erklärt zu werden braucht. Die weitgehende, und völlig unnötige, Trivialisierung des Mysteriums stellt den wirklich größten Schwachpunkt der Geschichte dar. Auch mit den letzten 10 Minuten hadere ich, hätte mir ein anderes Ende gewünscht. Aber zumindest wurde jetzt nach 121 Folgen unwiderruflich der Schlusspunkt gesetzt. Die Story war in der lichtdurchfluteten Kirche mit der Wiederauferstehung von Jacks Vater definitiv ausgereizt. ENDE.

    4 Wochen nächtliches Binge Watching vorüber. Puh!

    Gut, aber definitiv zu lang geraten

    Lost gehört ganz sicher in die Kategorie „gute Serien“. Stünde, wenn die Story nach Staffel 3 gestoppt hätte, auf demselben Level wie Breaking Bad, Ozark und The Wire (die alle mit deutlich weniger Episoden auskommen, um ihre Geschichten zu erzählen). Jedoch erlagen die beiden Show Runner Damon Lindelof und Carlton Cuse dem Irrglauben, dass man eine Handlung beliebig weiter fortspinnen kann, ohne Gefahr zu laufen, dass die Aufblähung zulasten der Qualität geschieht. Ich weiß nicht, ob 6 Staffeln von vornherein geplant waren, oder der Erfolg der ersten 3 die Verlängerung bewirkte. Ist auch egal. Kommerziell betrachtet mag es durchaus vernünftig gewesen sein, immer wieder eine weitere Episode dranzuhängen; die Einschaltquoten so lange melken, bis der letzte treue Zuschauer erschöpft vom Sofa plumpst oder zu ner anderen Serie weiterzappt. Rein dramaturgisch gesehen ist Lost allerdings definitiv zu lang geraten. Speziell Staffel 4 (die Vorbereitung der temporären Rückreise in die „normale“ Welt) mit den ständigen Rückblenden & Flash-forwards empfand ich als sehr zäh. Staffel 5 (der Zeitsprung zur Dharma-Initiative) war wieder unterhaltsamer, und die Idee mit den 2 zeitgleichen Realitäten in Staffel 6 gefiel mir anfangs außerordentlich gut, bis dann die ungleichen Zwillingsbrüder und deren Najade-Adoptivmutter auf der Bühne erschienen. Ab diesem Zeitpunkt gefiel mir Staffel 6 dann nicht mehr so richtig. Habe trotzdem bis zum Finale durchgehalten. Man will ja schon wissen, wie das Märchen am Ende ausgeht.

    Das war VIEL Text. Gebe ich unumwunden zu. Es waren aber auch VIELE Episoden.

    Ich mache eine dreigeteilte Bewertung:
    (A) Auftakt (die ersten beiden Folgen) = 10 Punkte
    (B) Staffeln 1 bis 3 = 9
    (C) alle 6 Staffeln = 7.5.

    Und jetzt trete ich auf jeden Fall in ne Phase einer längeren Serien-Abstinenz ein. 121 Episoden einer Tropeninsel-Survival-of-the-fittest-zzgl.-Monster-und-Lichtquelle-Story am Stück gebingt schlauchen doch mehr, als ich es beim rasanten Beginn geahnt hatte.

    PS. die 6 Staffeln sind komplett bei Disney erhältlich.
    PPS.
    von Damon Lindelof gibt es eine weitere Mystery-Serie = „The Leftovers“. Die ist mit 3 Staffeln u insg. 28 Folgen deutlich schlanker dimensioniert & knackiger geraten. U.v.a. wird das Rätselhafte am Ende nicht erklärt, sondern bleibt geheimnisvoll. Wer genau hinschaut, erkennt hin u wieder eine Anleihe aus Lost.

  • Zu viel Krieg, zu wenig Erzählung

    Zu viel Krieg, zu wenig Erzählung

    Heute Nacht wurden die diesjährigen Academy Awards, dem breiten Publikum eher unter ihrem Spitznamen „Oscar“ bekannt, verliehen. Bester Film = die, teils in einem Paralleluniversum spielende, Scifi-Komödie „Everything Everywhere All at Once“. Die Trophäe für den besten internationalen Film erhielt die deutsche (Netflix-) Produktion Im Westen nichts Neues.

    Im Folgenden geht es einzig um den zweitgenannten Streifen.

    Meine Kurz-Rezi vom Januar

    Ich habe die aktuelle Version (die bisher dritte) von „Im Westen nichts Neues“ vor ein paar Wochen zu Hause auf dem Sofa angeschaut. Diesen Post tippte ich im Anschluss in mein Facebook-Profil:

    „Die gute Nachricht: Der Film ist besser als sein schlechter Ruf hier in Facebook. Für eine deutsche Produktion – da erwarte ich eh nie allzu viel – ist er ohnehin okay.

    Zugegebenermaßen ist es nicht so einfach, einen 400-Seiten-Roman auf die Länge von 2 Stunden 20 Minuten zu kondensieren, ohne dass (teils wichtige) Erzählpassagen unter den Tisch fallen. Allerdings fällt in dieser Verfilmung ne Menge Wichtiges unter den Tisch. Nämlich:
    (1) Vorgeschichte 1: die Verführung der Jugendlichen durch hyperpatriotische Lehrer
    (2) Vorgeschichte 2: der Drill auf dem Kasernenhof
    (3) Zwischengeschichte 1: Paul Bäumer auf Heimaturlaub. Unfähig, vom täglichen Horror des Krieges zu erzählen. Nach kurzer Zeit froh, wieder an die Front zu seinen Kameraden zurückzukehren
    (4) Zwischengeschichte 2: Bäumer verwundet für ein paar Wochen im Lazarett.

    Die Netflix-Produktion konzentriert sich zu 95 Prozent auf die Kampfhandlungen im idiotisch-infernalischen Stellungskrieg, bei denen an 1 Tag 50 Meter Geländegewinn erzielt und am darauf folgenden Tag wieder verloren werden. Und so geht es knapp 4 Jahre sinnlos u blutig hin u her. Jetzt ist gegen Konzentration auf das Wesentliche generell nichts einzuwenden; jedoch sind die Gräuel an der Westfront nur 1 Aspekt, den Remarque in seinem Roman beleuchtet. Genauso wichtig – wenn nicht sogar wichtiger – sind die beiden Vorgeschichten. Denn ohne patriotische Verführung in der Schule u den unmenschlichen Drill in der Kaserne wären die grausamen Kampfhandlungen nicht möglich. Von daher bedeutet Fokussierung in dieser Verfilmung leider nichts Positives. Die Konzentration aufs reine Kampfgeschehen macht die Handlung auswechselbar. Ähnliches hat man schon 100x in anderen Kriegsfilmen gesehen. Auch die Akteure bleiben blass, weil sie immerfort wild um sich schießen, in Deckung gehen, flüchten, schreien, kotzen, weinen u sterben. Die persönliche Geschichte des Helden fehlt völlig.

    Willkürlich rangefummelt sind die eingestreuten Sequenzen mit Ludendorff im Hauptquartier in Spa u Erzberger im Wald von Compiegne. Wird beides mit keinem Wort in der Originalvorlage erwähnt. Und auch das lakonische Ende des Protagonisten (hierauf zielt nämlich der Titel „Im Westen nichts Neues“) ist in der Verfilmung von 1930 viel besser dargestellt als in der aktuellen Produktion. Die Lewis-Milestone-Version von 1930 bleibt unerreicht.

    Von mir gibt’s 5 (von 10) Punkten. 4 davon für Bühnenbild & Kostüme. Ob das für einen Oscar reicht, scheint mir allerdings fraglich zu sein.“

    Netflix-Filme jetzt auch für kurze Zeit im Kino

    Getäuscht hatte ich mich, was die Oscars anbelangt. Der Film heimste insgesamt 4 Academy Awards ein:
    (1) Bester internationaler Film
    (2) Filmmusik
    (3) Kamera
    (4) Szenenbild.

    Nun kann man generell die Frage stellen, weshalb gute Filme – egal, in welchem Land sie hergestellt werden – nochmal in US-amerikanische und ausländische Produktionen unterteilt werden müssen. Warum gibt es pro Verleihung nicht 1 „Bester Film“ und das war’s? Wäre „Im Westen nichts Neues“ dann eventuell gar nicht in die Shortlist gelangt? Müßig, darüber zu spekulieren. Es ist, wie es ist bzw. die Academy of Motion Picture Arts and Sciences macht das halt seit knapp 100 Jahren so. Bester Film (ohne Zusatz) wird deshalb IMMER ein Hollywood-Streifen. Eine weitere Voraussetzung besteht darin, dass der Film ein paar Wochen lang in den Kinos lief. Weshalb Netflix mittlerweile einige seiner – an und für sich fürs heimische Sofa gedachte – Produktionen tatsächlich für eine kurze Zeitdauer im Rex am Ring in Köln oder der Cineworld Recklinghausen zeigt, um berechtigt zu sein, an solchen Verleihungen teilnehmen zu können.

    Ich persönlich tue mich mit vielen Filmen, die das rote N auf dem Cover tragen, schwer. Oft erreichen sie nicht das Niveau der Produktionen renommierter Studios. Zu langatmig erzählt (ganz schlimm bspw. „The Irishman“), oberflächlich, die Figuren haben zu wenig Tiefe, die Stories sind trivial, oder die Geschichten sind der xy-te Abklatsch eines altbekannten Themas. Ich mache deshalb um Netflix-Produktionen normalerweise einen großen Bogen.

    Der wichtigste Aspekt des Romans wird komplett ausgeklammert

    Bei „Im Westen nichts Neues“ von Edward Berger stört vor allem der Wegfall von rund zwei Dritteln des Romans und die 90 prozentige Konzentration aufs reine Kriegsgeschehen. Das wird zwar fulminant in Szene gesetzt; jedoch hat man Ähnliches schon in zig anderen (Anti-) Kriegsfilmen gesehen. Komplett fehlen die diabolische Verführung der jungen Männer im Schulunterricht durch patriotisch besoffene Lehrer und der unmenschliche Drill in der Kaserne. In der Familie meines Vaters hatte WK1 sehr viel härter eingeschlagen als WK2. Die drei älteren Brüder meines Großvaters und der Mann seiner Schwester fielen alle 4 bereits im ersten Kriegswinter. Und dennoch meldete sich mein Großvater als jüngstes von 5 Kindern (von denen 3 bereits auf dem Feld der Ehre ihr Leben gelassen hatten) im Frühjahr 1915 als 17-jähriger freiwillig zum Armeedienst. Gegen den großen Widerstand seiner Eltern (meiner Urgroßeltern), aber darin bestärkt von seinem Klassenlehrer. Remarque schildert die Indoktrination durch die alten Oberstudienräte über mehrere Kapitel. Der aktuellen Netflix-Produktion ist dieser – mMn sehr wichtige – Aspekt weniger als 5 Minuten wert. Und „Im Westen nichts Neues“ funktioniert nicht richtig, wenn man die Vorgeschichte in der Schule nicht miterzählt. Das ist der m.E. größte Mangel an diesem Streifen.

    In den beiden Vorläufer-Produktionen (1930 und 1979) wird das den Schülern eingetrichterte Mantra „Dulce et decorum est pro patria mori“ natürlich thematisiert. Und deshalb überzeugen diese beiden Filme auch mehr als der heutige Oscar-Gewinner. Unerreicht weiterhin – wie oben schon geschrieben – die Lewis-Milestone-Version von 1930.

    Und weshalb man nachträglich eine Geschichte dranfummelt, die im Roman gar nicht drinsteht (die Waffenstillstandsverhandlungen im Wald von Compiègne), wird auf Ewig das Geheimnis des Drehbuchautors bleiben.

    Zu viel Krieg, zu wenig Erzählung

    Um es abschließend auf den Punkt zu bringen: der Film weicht WEIT von der Vorlage ab, den Charakteren mangelt es an Tiefe, noch nicht mal zum Protagonisten Paul Bäumer (Felix Kammerer) baue ich als Zuschauer ein emotionales Verhältnis auf, die restlichen Figuren sind noch blasser gezeichnet und deshalb beliebig austauschbar. Die Story ergötzt sich am Kriegsgeschehen, die Kamera schwelgt in Blut und hervorquellenden Eingeweiden, die Requisite (Szenenbild, Kostüme) ist wirklich gut gemacht – das war’s allerdings schon. Bereits hundert Mal in anderen (Anti-) Kriegsfilmen gesehen. Aber das, worauf es eigentlich ankommt, nämlich eine spannende Geschichte zu erzählen, fiel bei dieser Bilderflut leider völlig unter den Schneidetisch. Wie man es besser macht, kann man in „1917“ von Sam Mendes sehen.

    Mit 5 (von 10) Punkten deshalb schon gut bewertet.

  • Das große Gähnen

    Das große Gähnen

    Bevor ich loslege, gibt’s:

    3 einschränkende Bedingungen

    3 Sachen muss ich voranschicken:
    (1) ich bin etwas spät dran mit meiner Kritik
    (2) Serien schaue ich eigentlich nicht so gerne
    (3) den Roman von Schätzing habe ich nie gelesen.

    Zu meiner Verteidigung: Der Vorteil des Hobby-Kolumnist-Seins besteht darin, dass es für uns keine Deadlines gibt. Wir können unsere Texte dann abgeben, wann immer uns der Sinn danach steht. So halt auch eine etwas verspätete Rezension. (ja ja, es wurde schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem. Ist mir bekannt dieses Valentin-Zitat. Ich mach’s aber trotzdem: also ne weitere Rezi tippen. Einfach aus dem Grund heraus, weil ich gerade Lust und Zeit dafür habe). Und wenn man den zugrundeliegenden Roman gelesen hat – ich hab den, ehrlich gesagt, wegen der enormen Seitenzahl bisher nicht angefasst –, ist das zwar kein Nachteil, man kann den Unterhaltungswert eines Films aber auch ganz gut ohne diese Kenntnis beurteilen. Zumindest einer wie ich, der VIELE Filme anschaut, kann das. Ach so, bevor ich es vergesse: Serien haben immer die Tendenz zur Langatmigkeit, weshalb ich 90- oder 120-Minuten-Produktionen eindeutig bevorzuge.

    Und damit wollen wir uns von den langweiligen einschränkenden Bedingungen ab- und dem Schwarm zuwenden.

    An und für sich ne spannende Geschichte

    Der Plot ist schnell erzählt: In der arktischen Tiefsee leben seit Jahrmillionen Einzeller, die in der Lage sind, sich miteinander zu vernetzen und mittels dieser Agglomeration (als Schwarm) sowohl Intelligenz als auch enorme Kraft zu entwickeln. Diese, von den Wissenschaftlern, die sie aufgespürt haben, YRR getaufte, Lebensform hat erkannt, dass es für unseren Planeten mittlerweile 1 Minute vor Mitternacht ist, und beginnt plötzlich damit, sich gegen den größten Ressourcenkiller des Universums, den Menschen, zu wehren. Die Folge sind Plagen biblischen Ausmaßes: Hummer, die tödliches Gift verspritzen, das in die Kanalisation und von dort in den menschlichen Magen gespült wird, Krebse, die unsere Küsten fluten und jeden auffressen, dem nicht rechtzeitig die Flucht gelingt. Aggressive Wale greifen Touristen an. Tsunamis zerstören die am Meer gelegenen Städte. Der Schwarm kann sogar hochmoderne Schiffe zum Kentern bringen. Das oben genannte Wissenschaftlerteam versucht nun verzweifelt, Kontakt mit YRR aufzunehmen, um mit dieser, uns überlegen erscheinenden, Spezies auf dem Verhandlungsweg zu einer friedlichen Koexistenz zu gelangen, bevor die gesamte Menschheit ausgerottet wird. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Geschichte, auch wenn sie mir nicht völlig neu vorkommt, ist schon intelligent und könnte durchaus spannend erzählt werden. Ob man dafür allerdings ne Serie benötigt, oder das nicht auch auf der Wegstrecke von 120 Minuten bewerkstelligen kann – daran scheiden sich die cineastischen Geschmäcker.

    Der Daseinszweck von Serien

    „Ich schaue deshalb gerne Serien, weil in denen – im Gegensatz zum 90-Minuten-Film – die Charaktere langsamer entwickelt werden und so mehr Tiefe erhalten“, erklärte mir noch vor kurzem eine befreundete Autorin. Das mag durchaus so sein und mag auch für manche Serien gelten – für „Der Schwarm“ trifft es hingegen Nullkommanull zu. Selten habe ich so lieblos, jederzeit austauschbare, Figuren gesehen wie in dieser Produktion. Zu keinem Akteur baute ich als Zuschauer eine engere Bindung auf, ob 2 Darsteller – wegen eines Ruckzuck-Tsunamis – mittendrin plötzlich weg waren – wen juckte das? Die Liebesbeziehungen („das Pilchern“ wie Frank Schätzing das bezeichnete) bar jeglichen Tiefgangs, völlig belanglos, einfach nur ins Drehbuch reingefummelt, weil’s in Serien hin und wieder halt auch zwischenmenschlich ein bisschen knistern muss. Da steckt in jeder Kölner Süßwasserpfütze mehr YRR-Erotik drin als in den im Schwarm gezeigten Diversity-Romanzen.

    Zwischenfazit „weshalb ne Serie?“: aus dem Roman hat man v.a. deshalb 8 Folgen gemacht, weil so mehr Sendezeit generiert wird. Mit Spannungsbogen und Figurenentwicklung hatte das nichts zu tun.

    Kartoffel-ernste Dialoge

    Niemand, der seine 5 cineastischen Sinne beisammen hat, verlangt von einem adaptierten Drehbuch, dass darin die Romanvorlage 1 zu 1 umgesetzt wird. Man kann stundenlang (und oft ergebnislos) darüber diskutieren, wie viel Original in einer Verfilmung drinstecken soll. Ob es evtl Sinn ergibt, die Handlung etwas umzustricken, Figuren komplett rausfallen zu lassen u andere Charaktere umzumodellieren. Auch muss der Erzählstrang nicht immer sklavisch der Vorlage folgen. Zelluloid ist nun mal ein anderes Medium als bedrucktes Papier. Das ändert aber mMn nichts an der grundlegenden Bedingung, dass ein Autor sein Werk in der Verfilmung nach wie vor erkennen sollte. Und das scheint, wenn man Frank Schätzings Kritik Glauben schenkt, die er in diversen Medien geäußert hat, streckenweise nicht der Fall gewesen zu sein. Ich kann das jedoch – siehe oben einschränkende Bedingung (3) – nicht abschließend beurteilen.

    Was ich jedoch beurteilen kann: selten habe ich derart langweilig-belehrende Dialoge – und die werden ja vom Drehbuchautor geschrieben – gehört wie in „Der Schwarm“. Noch nie habe ich Fiktion gesehen, bei der jeglicher, auch nur winzigkleine, Anflug von Humor komplett aus den Unterhaltungen gestrichen wurde. Mitunter fühlte ich mich am Bildschirm in Homeoffice-Universitätsseminare versetzt. Und ich tue dabei vielen Universitätsseminaren Unrecht, denn in denen werden mitunter Witze gerissen und darf zwischendurch auch mal gelacht werden.

    Gibt’s beim ZDF keine Qualitätskontrolle für Drehbücher?

    Zwischenfazit Drehbuch: von allen kartoffel-ernsten Produktionen, die ich kenne, ist „Der Schwarm“ eine der kartoffeligsten.

    3 Gesichtsausdrücke

    Deutsche Schauspieler (m/w/d, Hautfarbe egal) beherrschen 3 Gesichtsausdrücke:
     sehr ernst
     mittelernst
     nicht ganz so ernst, aber immer noch ernst genug

    … schrieb ich in einem Facebook-Post nach Ansehen der Folgen 1 & 2, um mich am Ende der Serie zu korrigieren:

    Es waren Akteure dabei, die exakt 1 Miene draufhatten (u zwar über die Wegstrecke von 8 Folgen). Bei einigen vermute ich sogar eine temporäre Gesichtslähmung.

    Dass ich von Diversität auf Teufel komm raus bei den Rollenbesetzungen wenig halte, will ich hier nicht weiter ausführen. Das ist ein Thema für sich und hat mit meiner Einschätzung der Spannung/Suspense – einzig um die geht es in dieser Kolumne – nichts zu tun. Ganz unerwähnt wollte ich es jedoch auch nicht lassen.

    Zwischenfazit Darsteller: ob ich mir den Bergdoktor, die Rosenheim Cops oder Der Schwarm ansehe – die schauspielerische Leistung ist immer dieselbe.

    Das große Gähnen

    Dass Frank Schätzing unzufrieden mit der filmischen Umsetzung seines Romans ist, kann ich gut nachvollziehen. Selten (nie?) wurde eine spannende Geschichte derart ideenlos in Szene gesetzt wie in der ZDF-Produktion „Der Schwarm“. Da waren ja manche Weihnachts-Vierteiler der 70-er und 80-er Jahre direkt cineastische Highlights im Vergleich. Mir völlig unbegreiflich, weshalb die Regie nicht mehr auf Bildersprache setzte (was sich bei Bedrohung aus der Tiefsee und biblischen Plagen ja geradezu anbietet), sondern ständig alles von den Wissenschaftlern in sterbenslangweiligen Dialogen und Vorträgen erklären lässt. „Show, don’t tell!“ – kennt man diese goldene Erzähl-Regel nicht in deutschen Produktionsfirmen?

    Der Schwarm als TV-Serie mutet an wie die Inszenierung einer Schauspielgruppe aus der Mittelstufe, bei der auch die Eltern mitwirken dürfen: oberflächliche Handlung mit weichgespülten Charakteren jeglicher Hautfarbe und sexueller Orientierung, bar jeder Boshaftigkeit oder bloß menschlichen Kanten, deren einziges Anliegen darin besteht, 24/7 die Welt zu retten. Garniert mit kartoffel-ernsten Dialogen bis zum Erbrechen, die aber jederzeit 1 zu 1 in Fachaufsätzen zum Thema „politisch korrektes Reden“ als Zitate abgedruckt werden können. Wär’s ne Doku gewesen, dann okay. Bei Fiktion denke ich hingegen: oh weh! Dieses mediokre Zeug wird allen Ernstes als Highend-Produktion gelabelt? Da waren die meisten Folgen von Monaco Franze high-endiger als der dröge Schmarrn (pardon: Schwarm).

    Finales Fazit: Das große Gähnen oder: wie ich es schaffe, 40 Millionen Euro im Polarmeer völlig uninspiriert zu verbrennen (bzw. den Nordatlantik runterzuspülen).

    Bewertung: 5 (von 10) Punkten. Aber nur, weil es die zugrundeliegende Geschichte tatsächlich wert ist, erzählt/gezeigt zu werden.

    PS. die Folgen 1 bis 8 stehen in der ZDF-Mediathek zum Abruf bereit.

  • Die Jedi sind alt geworden

    Die Jedi sind alt geworden

    Die Story, die wir in Star Wars erzählen, ist ein Klassiker: Macht korrumpiert. Sobald du an den Schalthebeln sitzt, triffst du Entscheidungen, von denen du denkst, sie seien die richtigen. Oft sind es aber die falschen
    © George Lucas

    Am 9. Februar 1978 begann eine neue Zeitrechnung für Film-Junkies: Krieg der Sterne lief in den deutschen Kinos an. Wer bisher noch kein Science-Fiction-Fan war, wurde es an diesem Tag oder würde es nie mehr werden. Nicht, dass es vorher keine guten SciFi-Produktionen gegeben hätte wie beispielsweise 2001 – Odyssee im Weltraum, Silent Running oder Logan’s Run. Bloß waren diese Streifen – trotz der futuristischen Handlung – sehr realistisch gedreht, sie transportierten Gegenwartsfragen in die Zukunft, wo sie entweder gelöst wurden, oder die Menschheit taumelte alternativ ihrem Abgrund entgegen. Krieg der Sterne war was völlig anderes: eine Saga, eine Weltraumoper. Mit Charakteren, denen man sonst in Märchen und Comics begegnete, technischen Spezialeffekten – lange vor der ersten Computersimulation –, die erst Erstaunen, dann Jubelstürme im Saal hervorriefen. Und mit Prinzessin Leia, die unsere 15jährigen Schülerherzen schneller schlagen ließ. Was für ein Kosmos wurde da auf der Leinwand eröffnet, welches Feuerwerk an Ideen, fernen Sonnensystemen, fremdartigen Kreaturen und Sternenkreuzerschlachten abgebrannt. Wir hingen gebannt an den Lippen von Meister Yoda, Obi-Wan und Darth Vader. Luke Skywalker war eher der Durchschnittsstreber à la amerikanisches Kleinstadt-College, ein bisschen langweilig, aber er wurde vom draufgängerischen Han Solo flankiert, der nie um einen lockeren Spruch verlegen und schnell mit dem Finger am  Abzug seiner High-Tech-Revolver war. Wer einmal Chewbaccas Geheule hörte, würde es nie wieder vergessen. R2D2 und C-3PO rundeten die Original-Besetzung ab.

    1980 die Fortsetzung Das Imperium schlägt zurück. Wir Kinogänger mittlerweile 18 Jahre alt, der Blick auf die Story deshalb etwas kritischerer; aber auch hier: hervorragende Unterhaltung. 1983 dann das Finale: Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Yoda bildet den jungen Skywalker zum Krieger aus und stirbt im Anschluss mit 900 Jahren an Altersschwäche, Luke tötet den Imperator und seinen Vater, Leia und Han Solo zerstören den Todesstern und verloben sich. Zum Finale feiern alle ein rauschendes Fest. Ende, aus, vorbei. Die dunkle Seite ist besiegt, die Galaxie atmet auf und kann von nun an in Frieden bis zum jüngsten Tag vor sich hin pulsieren.

    Wie jeder ordentliche Star-Wars-Fan schaute ich mir die einzelnen Folgen immer mal wieder an. Sei es einzeln auf VHS-Kassette, später DVD, in einem Programmkino, im TV oder – als cineastischen Marathon – alle drei Episoden hintereinander in einer Nacht. Eine Trilogie für die Ewigkeit.

    Prequel bleibt hinter den Erwartungen zurück

    Eines Morgens Ende der 90er wache ich auf und lese verschlafen im Feuilleton der Tageszeitung, dass Lucas eine Fortsetzung der Reihe plant. Ich reibe mir erstaunt die Augen. Was soll da groß fortgesetzt werden, überlege ich. Die Bösen sind alle tot, Leia und Han Solo in Flitterwochen oder auf Elternzeit und Luke lebt gemeinsam mit Chewbacca und den beiden Droiden in einer Männer-WG auf dem Planeten Alderaan. Die neue Trilogie soll ein Prequel werden, steht weiter unten im Text. Was ist das? Noch nie gehört. Ich schlage im Filmlexikon nach und erfahre dort: „Bezeichnet eine Erzählung, die als Fortsetzung zu einem Werk erscheint, deren Handlung aber in der internen Chronologie vor diesem angesiedelt ist“.

    Aha, die Story springt nun fünfzig Jahre zurück in die Kindheit von Darth Vader und wird kurz vor Krieg der Sterne wieder stoppen. Kann man tun. Muss man aber nicht. Jetzt mal Hand aufs Herz: wer möchte unbedingt wissen, wann der Prota geboren wurde, wer seine Eltern waren, wie es ihm in der Schule ging, mit wem er zum ersten Mal Sex hatte etc. etc. Ich meine, Darth Vader war als erwachsener Superschurke einfach da. Wenn wir jetzt damit anfangen, bei jedem Filmbösewicht in der Fortsetzung die Kindheit auszuleuchten: oh weh! Und diese Prequels sind ja ohnehin immer so eine Sache. In 99% der Fälle bleiben sie spannungsmäßig hinter der Originalgeschichte zurück. Das gilt für Prometheus ebenso wie für Roter Drache und X-Men: Erste Entscheidung.

    Aber okay, ich ließ mich auf Die dunkle Bedrohung ein, lernte den kleinen Anakin kennen, sah ihn Raketenautowettrennen fahren, war dabei, als er von seiner Mutter getrennt und – gegen den Widerstand Yodas – in den Kreis der Padawan aufgenommen wurde. Technisch sehr viel aufwändiger als die erste Trilogie, nun natürlich mit Computeranimationen. Padmé immer hübsch anzuschauen; aber das ist Natalie Portman auch in ihren anderen Filmen. Zusätzliche skurrile Figuren aus der Comicserie Valerian & Laureline ausgeliehen wie beispielsweise Anakins Besitzer Watto, dessen Äußeres an die Shinguz angelehnt ist. Zahlreiche Stars spielen nun mit: Liam Neeson, Ewan McGregor, Samuel L. Jackson, Keira Knightley, Sofia Copola. Es geht weiter mit Angriff der Klonkrieger – der sich über weite Strecken arg zieht – und endet in Die Rache der Sith. Nun erfahren wir, dass Kanzler Palpatine seit Jugend der dunklen Seite anhing, und sein ganzes Streben von Anfang an darauf ausgerichtet war, den Jedi-Orden zu zerschlagen, bevor er zum Tyrannen mutierte. Good to know. Aber unterm Strich ist es Ballastwissen. Denn auch für den Imperator gilt: er war einfach da. Was er vorher tat, oder von welcher Kriegerkaste er abstammte: eigentlich völlig unwichtig. Viele Tote am Ende: Yoda entschwindet auf einen einsamen Planeten, wo ihn zwanzig Jahre später Luke aufspüren wird. Obi-Wan überlebt und irrt fortan als Landstreicher durch die Galaxie.

    Die zweite Trilogie war in Ordnung, das richtige Star-Wars-Feeling des Originals entfachte sie jedoch nicht mehr in mir. Vielleicht war ich mittlerweile zu alt für diese Art Märchen, vielleicht hatte die Zeit Star Wars mittlerweile überholt, vielleicht mochte ich die Puppen aus den 70ern lieber als die Animationen der 2000er. So wie mir ging es vielen Fans der Stunde Null. Dementsprechend hart fielen die Kritiken für das Prequel aus. Lucas gelobte deshalb: Ich lasse es nun für immer und ewig!

    Disney übernimmt

    Ein paar Jahre Ruhe, Star Wars auf dem Weg ins Hollywood-Museum, als plötzlich Disney beim Schöpfer der Saga anklopfte. Nach kurzen Verhandlungen einigten sich die beiden Parteien und 2012 verkaufte Lucas seine Firma mitsamt den Rechten an Star Wars an den allesfressenden Medienriesen. Dem schwebt Großes mit der Sternensaga vor. Geplant sind fürs Erste zwei Trilogien, die zeitlich nach dem Ableben von Darth Vader angesiedelt werden. Los geht es 2015 mit Episode 7 Das Erwachen der Macht. Und es passierte das, was immer passiert, wenn eine Story vom Erfinder in die Hände von Mickey Mouse zwecks kommerzieller Ausschlachtung weitergegeben wird: das Original verändert sich. Egal, worum es sich ursprünglich handelte: Disneys Ergebnis ist stets ein Hybrid zwischen König der Löwen und Fluch der Karibik. Plätschernder Mainstream, den man 135 Minuten lang konsumiert, um die Handlung im Anschluss sofort wieder zu vergessen. Die Generation der Enkel sitzt nun an den Schalthebeln der Macht: Kylo Ren als müder Abklatsch seines Großvaters Anekin, Schrottsammlerin Rey als weiblicher Luke und der desertierte Sturmtruppler Finn als Mischung von Snoop Dogg und Sancho Pansa. Der Imperator wird durch einen geheimnisvollen Obersten Anführer der Ersten Ordnung ersetzt, wir lernen eine Kneipenwirtin namens Maz Kanata kennen, die aus der Muppet Show ein Studio weiter entlaufen sein könnte, in deren Besitz sich aus ungeklärten Gründen Excalibur (Lukes Waffe) befindet. Ein paar Weltraumschlachten, hin und wieder ein Laserschwert-Gemenge. Alles komplett zum Gähnen. Um die Fans der ersten Stunde bei Laune zu halten, tauchen plötzlich ein alt gewordener Harrison Ford nebst Chewbacca, eine matronenhafte Carrie Fisher und ein vom Körpervolumen her verdoppelter Mark Hamill auf. Mich hat dieses Déjà-vu-Erlebnis allerdings eher abgetörnt. Ich will die Helden meiner Jugend nicht als Oma und Opa durch Star Wars stolpern sehen. Zumindest Han Solo tut mir den Gefallen und lässt sich von Kylo Ren – nachdem er erfahren hat, dass er der Vater des neuen Superschurken ist – töten. Während sich die grauhaarige Leia und der übergewichtige Luke in die nächste Folge rüberretten.

    Seit einer Woche nun Episode 8 Die letzten Jedi. Rekordeinspielergebnisse zum Start in den USA und in Deutschland. Die Kritiker voll des Lobes. Von einem „überwältigend bombastischen Weltraumabenteuer“ ist die Rede, der Rezensent der Augsburger Allgemeinen schwelgt gar in einer Hymne: „auf drei Erzählebenen schneidet der Film ständig hin und her und treibt die Figuren mit shakespeare’scher Wucht in die eigenen Widersprüche hinein“. Wow! Regisseur Rian Johnson (bekannt v.a. durch Looper) versprach vor Drehbeginn einen „satten Streifen mit eigener Note“. Er will der Saga eine Frischzellenkur verpassen. Das hört sich alles sehr vielversprechend an!

    Viel Retro und müde Dialoge

    Ich investiere zehn Euro Euro zuzüglich einer Packung Eiskonfekt und setze mich in die Dienstagabendvorstellung im Godesberger Kinopolis. In freudiger Erwartung von 152 Minuten erstklassiger Unterhaltung.

    Der mir seit vierzig Jahren vertraute Buchstabenteppich entrollt sich vor meinen Augen: Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie. Es erklingt die altbekannte Ouvertüre von John Williams. Ich mache es mir in Reihe 17 bequem und warte auf das erste Highlight. Und warte und warte. Nach einer Stunde beginne ich, mich zu langweilen. Die Handlung kommt nicht richtig in die Pötte. Viele Dialoge, in denen Plattitüden ausgetauscht werden, zahlreiche Anleihen aus den Episoden 4 bis 6. Luke und Leia zu alt, um ihnen ihre Kampf- und Widerstandskraft glaubhaft abzunehmen. Chewbacca uninspiriert, einfach nur anwesend, ohne eine richtige Rolle zu spielen. Yoda taucht als Phantom plötzlich auf: mal als Puppe, dann wieder als Animation. Zwischendrin irrlichtert Benicio del Toro als Sonnensystem-hoppender Glücksritter wie  Disneykollege Jack Sparrow, wenn der sich unter ein Fass mit Rum gelegt hatte, durch die Kulisse. »Das war ein billiger Trick«, beschwert sich Luke bei R2-D2, als der Droide ihm das Hologramm der blutjungen Leia vorspielt. Und der ganze Film strotzt vor billigen Tricks: Dialoge, die eins zu eins aus der Originaltrilogie abgeschrieben wurden, Humor, den nur der witzig findet, der auch über deutsche Comedians lacht, abgehalfterte Helden, die man seit Jahren im Seniorenstift glaubt sowie gigantomanische Raumschlachten und Verfolgungsjagden, die mich aufgrund ihrer Länge und Wiederholung spätestens zur Hälfte des Films anöden. Trotz des Einsatzes von Hyper-Lichtgeschwindigkeit bleibt dieser Kriegsschauplatz ungewohnt fade.

    Die von Johnson angekündigte Revolution der Star-Wars-Geschichte kann ich nirgendwo erkennen. Er erzählt eine durch und durch konventionelle Story. Kaum eine Idee, die es in früheren Teilen nicht schon ähnlich gegeben hat. Kylo Ren als Darth Vader light ist überhaupt nicht meins, Leia und Luke haben sich überlebt, der Anführer der Ersten Ordnung nur ein blasser Schatten des Imperators. Einzig Rey (Daisy Ridley) fasziniert mich. Ihr nehme ich Emotionen, Energie und Tatkraft ab, bewundere ihre Hartnäckigkeit, mit der sie den alten, desillusionierten Skywalker wochenlang bearbeitet, sie zur Kriegerin auszubilden und sich selbst wieder dem Kampf gegen die dunkle Seite der Macht zu stellen. In diesem Handlungsstrang kann ich spüren, dass es tatsächlich um die weitere Existenz des Universums geht, und weiß nun, wer die zukünftige Protagonistin der Episoden 9 ff. sein wird.

    Fazit

    Das muss zweigeteilt ausfallen.

    (A) Für die Fans der Stunde Null:
    Die letzten Jedi überzeugt genau so wenig wie der Vorgänger Das Erwachen der Macht. Zu viel Retro, zu viel Disney. Man kann den Film durchaus ansehen, weil man sich halt wider besseren Wissens doch alle Star-Wars-Folgen reinzieht, aber am Ende wird man denken: hätte ich mir auch sparen können. Trotz Nostalgiefaktors ein maximal als mittelmäßig zu beurteilender Streifen, bei dem mich vor allem über die Biederkeit von Story und Inszenierung wunderte; denn bei  Rian Johnson hätte ich es pfiffiger und eine Spur dreckiger erwartet.

    (B) Diejenigen, die unbelastet vom Original an die Sache rangehen:
    Hier gebe ich eine 7 (aus 10). Wer sich an Avatar und Guardians of the Galaxy erfreut, wird ebenfalls mit Episode 8 seinen Spaß haben.

    Abschließend bleibt zu sagen, dass in sich abgeschlossene Trilogien (und das waren die zwischen 1977 und 1983 entstandenen Folgen) weder ein Prequel noch ein Sequel benötigen. Schlimm genug, dass drum herum jede Menge Schund wie die TV-Serie Star Wars Underworld entstand. Bei der Vorstellung, dass Disney bereits bis Episode 12 geplant hat und danach – falls die Einspielergebnisse stimmen – das Weltraumdrama solange fortsetzt, bis es eines Tages als Seifenoper endet, schaudert mir. Und zum bitteren Finale droht dann ein Jedi-Musical, dessen deutscher Ableger zehn Jahre lang in Osnabrück aufgeführt wird. Für den Kinobesucher der ersten Stunde eine Horrorvision!!