Wörterbuch der Phänomene: Nachdenken

Eine Frau in Afghanistan beim Nachdenken

Lassen Sie uns nachdenken. Ständig werden wir ja dazu aufgefordert, nachzudenken. Schon die Eltern forderten uns dazu auf: „Denk doch mal nach!“ Und wenn wir etwas angestellt hatten, dann fragten sie uns „Hast du denn gar nicht nachgedacht?“ Es nicht zu tun ist ein Vorwurf, der uns irgendwie das ganze Leben begleitet. Es scheint etwas zu sein, was uns vor vielen Gefahren bewahren könnte, aber was wir doch viel zu selten tun. Nachdenklichkeit ist etwas Lobenswertes.

Aber wir sollen, so sagt man dann auch wieder, nicht zu lange nachdenken. Manchmal sollen wir einfach etwas tun, ohne viel nachzudenken. Dann scheint es wieder etwas zu sein, was vom Handeln abhält. Entweder, weil es nie zu einem Ende kommt, oder, weil es Einsichten produziert, die uns vor dem Handeln zurückschrecken lassen.

Nachdenken ist etwas Paradoxes, denn wir sollen es tun, bevor wir handeln. Dabei verweist die Vorsilbe „Nach“ doch darauf, dass es erst später kommt, nach etwas anderem. Wem denkt das es nach? Und welchem Handeln geht es voraus? Mit solchen Fragen sind wir schon mitten im Nachdenken.

Nachdenken – das Wort kann man ganz unterschiedlich verstehen. Es kann zum einen heißen, dass wir irgendetwas – erlebtes, gelesenes, gehörtes – denkend nachvollziehen. Dann ist es ein Denken, dass auf das Erleben folgt. Ein Denken, das das erlebte verständlich machen soll, das es vielleicht in anderes erlebtes einordnen soll.

Zum anderen kann es auch das Nachvollziehen eines anderen Denkens sein. Da gibt es einen Vordenker, und Sie sollen ihm folgen, so, wie sie einem Vorgänger nachgehen. Einer bereitet den Denkweg, die anderen denken hinterher.

Wir müssen, wenn wir darüber nachdenken, zugeben, dass das Nachdenken zwar von beidem etwas hat, aber doch eigentlich etwas ganz anderes ist. Die Vorsilbe „Nach“ ist eine Täuschung, sie führt uns auf eine falsche Spur. Es ist ein Aufbruch in eine unbekannte Welt, es ist etwas, wie nachschauen, nachfragen, nachhaken. Wir graben tiefer, wir gehen weiter. Dabei sind wir beharrlich, aber auch behutsam, wir gehen Schritt für Schritt und versuchen, den Kontakt zum bisherigen zu behalten: wir sind nachhaltig. Es kommt uns nicht auf den schnellen Erfolg, sondern auf langfristige Einsichten an.

Mit dieser Kolumne beginnt das „Wörterbuch der Phänomene“, in dem alle zwei Wochen über einen Begriff nachgedacht wird, der einen Teil unserer alltäglichen Welt beschreibt. Wenn Sie eine Anregung für das Wörterbuch haben, senden Sie eine Mail an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

Kommentare

2 Kommentare zu „Wörterbuch der Phänomene: Nachdenken“

  1. Avatar von Uwe Fischer
    Uwe Fischer

    Das stimmt mich jetzt nachdenklich, aber so passt es dann tatsächlich.

    Freue mich auf weitere Anregungen, um über unsere Sprache zu xxxdenken.

  2. Avatar von Fred Groeger
    Fred Groeger

    So viele Worte und der „nachdenkliche“ Autor kommt nicht auf die Idee, dass die übermäßige und oft nicht sinnvolle Verwendung von „Nachdenken“ einfach nur eine Schwäche der deutschen Sprache ist.

    Er hätte mal seinen Text versuchen sollen, beispielsweise ins Englische zu übersetzen.

    Dann wäre weniger „Nachdenken“ rausgekommen und sein Text würde nicht funktionieren.

    Just think about it.

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