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  • Wörterbuch der Phänomene: Nachdenken

    Wörterbuch der Phänomene: Nachdenken

    Lassen Sie uns nachdenken. Ständig werden wir ja dazu aufgefordert, nachzudenken. Schon die Eltern forderten uns dazu auf: „Denk doch mal nach!“ Und wenn wir etwas angestellt hatten, dann fragten sie uns „Hast du denn gar nicht nachgedacht?“ Es nicht zu tun ist ein Vorwurf, der uns irgendwie das ganze Leben begleitet. Es scheint etwas zu sein, was uns vor vielen Gefahren bewahren könnte, aber was wir doch viel zu selten tun. Nachdenklichkeit ist etwas Lobenswertes.

    Aber wir sollen, so sagt man dann auch wieder, nicht zu lange nachdenken. Manchmal sollen wir einfach etwas tun, ohne viel nachzudenken. Dann scheint es wieder etwas zu sein, was vom Handeln abhält. Entweder, weil es nie zu einem Ende kommt, oder, weil es Einsichten produziert, die uns vor dem Handeln zurückschrecken lassen.

    Nachdenken ist etwas Paradoxes, denn wir sollen es tun, bevor wir handeln. Dabei verweist die Vorsilbe „Nach“ doch darauf, dass es erst später kommt, nach etwas anderem. Wem denkt das es nach? Und welchem Handeln geht es voraus? Mit solchen Fragen sind wir schon mitten im Nachdenken.

    Nachdenken – das Wort kann man ganz unterschiedlich verstehen. Es kann zum einen heißen, dass wir irgendetwas – erlebtes, gelesenes, gehörtes – denkend nachvollziehen. Dann ist es ein Denken, dass auf das Erleben folgt. Ein Denken, das das erlebte verständlich machen soll, das es vielleicht in anderes erlebtes einordnen soll.

    Zum anderen kann es auch das Nachvollziehen eines anderen Denkens sein. Da gibt es einen Vordenker, und Sie sollen ihm folgen, so, wie sie einem Vorgänger nachgehen. Einer bereitet den Denkweg, die anderen denken hinterher.

    Wir müssen, wenn wir darüber nachdenken, zugeben, dass das Nachdenken zwar von beidem etwas hat, aber doch eigentlich etwas ganz anderes ist. Die Vorsilbe „Nach“ ist eine Täuschung, sie führt uns auf eine falsche Spur. Es ist ein Aufbruch in eine unbekannte Welt, es ist etwas, wie nachschauen, nachfragen, nachhaken. Wir graben tiefer, wir gehen weiter. Dabei sind wir beharrlich, aber auch behutsam, wir gehen Schritt für Schritt und versuchen, den Kontakt zum bisherigen zu behalten: wir sind nachhaltig. Es kommt uns nicht auf den schnellen Erfolg, sondern auf langfristige Einsichten an.

    Mit dieser Kolumne beginnt das „Wörterbuch der Phänomene“, in dem alle zwei Wochen über einen Begriff nachgedacht wird, der einen Teil unserer alltäglichen Welt beschreibt. Wenn Sie eine Anregung für das Wörterbuch haben, senden Sie eine Mail an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

  • Das „spezifisch Lyrische“ – eine Antwort

    Das „spezifisch Lyrische“ – eine Antwort

    Es ist nun schon ein paar Wochen her, dass mein geschätzter Kolumnisten-Kollege Sören Heim sich ausführlich mit ein paar Anmerkungen von mir über Redeweisen von etwas „spezifisch Deutschem“ oder etwas „spezifisch Lyrischem“ auseinandergesetzt hat, und ich möchte nicht einen Monat vergehen lassen, bevor meine Antwort dazu erscheint.

    Ich war zunächst ziemlich überrascht, dass ein Autor, der kürzlich noch sehr nachvollziehbar dargestellt hat, dass sich nicht alles, was des Sagens wert ist, klar und einfach ausdrücken lässt, eine Definition aus einem Standardwerk für maßgeblich hält, wenn es um die Frage geht, was denn wohl „das Lyrische“ sei. Er gesteht dann auch zu, dass es wohl auch andere Definitionen gäbe, dass auch immer Grenzfälle und Grauzonen existieren; aber wer nach dem Spezifischen sucht, so meint Sören Heim, der solle sich bitte an eine Definition halten. Alles andere sei etwas Diffuses und eben nichts Spezifisches. Wer einen spezifischen Begriff wolle, der schlage eine Definition nach; wer hingegen einen „frei fließenden“ Begriff wolle, könne darauf verzichten.

    Was ist spezifisch?

    Sören vermutet, dass wir sehr unterschiedliche Begriffe von „Spezifizität“ haben müssten; ich bin da nicht so sicher. Ein spezifischer Begriff muss ein Phänomen klar erkennbar machen, darin sind wir einig. Aber er muss das, meine ich (wohl im Gegensatz zu ihm) nicht durch eine Lexikon-Definition leisten, sondern dadurch, dass er sich im Sprachgebrauch einer Gemeinschaft bewährt. Ein solcher Begriff kann durch Beispiele und Versuch und Irrtum eingeübt werden.

    Im Ergebnis kommt es dazu, dass in einer solchen Gemeinschaft Sätze verwendet und verstanden werden wie: „Dieser Text ist geradezu das Paradigma des Lyrischen“, oder „Dies sieht zwar aus wie ein Gedicht, aber es ist vollkommen unlyrisch.“ Oder „Dieser Text ist zwar eine Erzählung, aber er ist unglaublich lyrisch geschrieben“.

    In der Gemeinschaft, in der solche Sätze verstanden werden, werden auch Begründungen gegeben, verstanden, akzeptiert und verworfen. Dies geschieht nicht durch Verweise auf Lexika; denn wie Sören Heim selbst schreibt, lässt sich jede Definition durch eine andere ersetzen. Die Begründung erfolgt tatsächlich durch Verweise auf nachvollziehbare Attribute: „Sprich das doch mal laut, spürst du nicht die Rhythmik?“ könnte jemand sagen, und ein anderer würde erwidern „Da ist zwar Rhythmik, aber sie ist hölzern, ganz unmelodisch“ usw.

    Diese Gespräche würden zeigen, dass die Sprachgemeinschaft tatsächlich einen gemeinsamen Begriff des Lyrischen hat, der ziemlich spezifisch ist, denn es ist klar, dass die Beurteilung, ob ein Text nun lyrisch ist oder nicht, ganz und gar nicht beliebig ist, dass jeder, der sich an der Beurteilung beteiligt, eine klare Meinung hat, für die er gute Gründe vorbringt, und dass es tatsächlich die Möglichkeit gibt, andere zu überzeugen. In so einer Gemeinschaft herrscht es Einigkeit darüber, dass es auf lange Sicht die Möglichkeit gibt, einen Konsens über die Frage herzustellen, ob ein Text als lyrisch angesehen werden kann, oder nicht. Man wird einzelne Elemente heranziehen, man wird Beispiele zum Vergleich nehmen, bei denen man bereits einig ist, usw.

    Grauzonen und Grenzfälle

    Gerade die Tatsache, dass man Definitionen als mehr oder weniger brauchbar ansehen kann, dass man Grenzfälle und Grauzonen kennt, dass man auch Fälle, die gemäß Definition gar nicht zum Bezirk des Begriffs gehören, durch Verwendung eben dieses Begriffs charakterisieren kann: all das zeigt, dass man schon vor aller theoretischen Analyse über einen sehr spezifischen Begriff verfügt.

    All das kann man nun auch für das „spezifisch Deutsche“ so finden: man ersetze in meinem obigen Text einfach „lyrisch“ durch „deutsch“ und „Text“ wahlweise durch „Person“ oder „Verhalten“ und man wird sehen, dass es da keinen großen Unterschied gibt. So wird man vielleicht „ordnungsliebend“ oder „exakt-pedantisch“ und weiteres als Attribute heranziehen, wo ich oben von der Rhythmik in der Lyrik sprach – auch andere Begriffe sind sicher möglich -, und man wird sehen, dass sich ganz ähnliche Gespräche über Spezifisches führen lassen. Und das, was dabei charakterisiert wird, erläutert eben auch das Erleben von Vertrautheit und Fremdheit, das jemand empfindet, der Verhalten und Personen beobachtet, so, wie jemand, der viele verschiedene Gedichte gelesen hat, bei einem weiteren Text die Vertrautheit des Lyrischen oder die Fremdheit des Prosaischen erlebt.

    Sören Heim verweist aber noch auf etwas anderes, das mir in diesem Zusammenhang interessant erscheint. Er sagt, dass er Vertrautheit vielleicht eher in einem französischen Dorf als in einer deutschen Großstadt erlebt, und dass es dem Berliner doch wahrscheinlich gerade umgekehrt gehen könnte. Das ist natürlich richtig. So, wie ein Text nie nur als lyrisch bezeichnet werden kann, sondern z.B. auch einen Inhalt, einen Bezug zu bestimmten aufgerufenen Bildern und zu bestimmtem zeitlichen Kontext aufweist, und deshalb fremd erscheinen kann, selbst wenn er lyrisch vertraut klingt, so gilt diese Beobachtung noch stärker für das menschliche Verhalten. Ob die Vertrautheit aufgrund nationaler Zugehörigkeit für das Wohlgefühl des Einzelnen das Entscheidende ist, ist sicher von vielen Einflussfaktoren abhängig.

    Vertrautheit und Fremdheit

    Und überhaupt ist natürlich der Bezug auf die Nation letztlich fragwürdig, auch wenn der Nationalstaat einiges geprägt haben dürfte, was wir heute als spezifisch Nationales empfinden. Aber regionale Zugehörigkeiten, das spezifisch Westfälische, das spezifisch Rheinländische oder Bayrische, sind wohl weit mehr vertraut oder fremd als es das spezifisch Deutsche ist, das gleichwohl immer wieder im Verhalten durchscheint. Und da mag auch der Westfale mit dem Holländer viel vertrauter sein als mit dem Württemberger. Umso mehr dem Menschen allerdings der Bezug zum Regionalen verloren geht, und die mediale und regionale Mobilität zunimmt, desto stärker kann die nationale Vertrautheit, die durch die Muttersprache vermittelt wird, für ihn an Bedeutung gewinnen. Aber das wäre eine neue Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.