Schlagwort: Philosophie

  • Richtig streiten #10: Warum streiten wir überhaupt?

    Richtig streiten #10: Warum streiten wir überhaupt?

    Nachdem es in der letzten Folge dieser Serie darum ging, plausibel zu machen, dass Meinungen im Streit zumeist nicht als Behauptungen zu verstehen sind, denen sich die anderen Streitenden zwingen anschließen müssten, bleibt die Frage, was es denn sonst mit diesen Meinungsäußerungen auf sich hat. Wenn wir unsere Meinungen zumeist gar nicht äußern, um andere davon zu überzeugen, warum äußern wir sie dann? Warum streiten wir überhaupt?

    Alles Spekulation

    Nun ist die Philosophie keine empirische Wissenschaft. Wir machen also keine Umfrage, befragen streitende Menschen nicht, warum sie streiten. Im Gegenteil, Philosophie pflegt ein gewisses Misstrauen gegen solche Empirie. Warum sollten die Befragten in der Umfrage „die Wahrheit“ sagen? Vielleicht steuert die Fragestellung schon das Verständnis der Befragten vom Gegenstand der Frage? Woher sollen wir überhaupt sicher sein, dass die Streitenden selbst wissen oder sagen können, warum sie streiten?

    Es könnte z.B. sein, dass die Streitenden selbst eine Vorstellung davon haben, warum man vernünftigerweise streitet. Wenn sie dann befragt werden, nennen sie gar nicht ihre eigenen Gründe (über die sie womöglich noch nie nachgedacht haben). Auf der anderen Seite haben die, die wissenschaftliche Befragen durchführen, ganz sicher schon über mögliche Antworten nachgedacht, und formulieren ihre Fragen sicherlich in Abhängigkeit von ihren Vermutungen.

    Als Philosophierender halte ich deshalb einen gewissen Abstand von den empirischen Methoden der Wissenschaft. Meine Methode ist spekulativ. Als Quelle für meine Überlegungen dienen mir meine allgemeinen Vorstellungen über die Welt, über das, was die Menschen ausmacht. Zugleich ist eine ziemlich sichere Quelle meines Nachdenkens die Beobachtung eben dieses eigenen Nachdenkens – und dessen, was ich verbunden mit diesem Nachdenken selbst tue. Aus diesem spekulierenden Reflektieren heraus gewinne ich Ideen darüber, wie sich etwas verhalten könnte. Diese Ideen kann ich dann anderen vorstellen, in der Hoffnung, dass sie sie nachsichtig prüfen, mit ihren eigenen Vorstellungen von der Welt abgleichen, und als Anregung für eigene Reflexionen nutzen können.

    Gemeinsamkeit macht stark

    Was also sind die Annahmen, die wir über die Menschen machen, mit denen wir die Lust am Meinungsstreit erklären können? Zwei Aspekte wären zu nennen: Wir Menschen sind soziale Wesen und darauf angewiesen, uns mit anderen in einer Gemeinschaft zu wissen. Es ist wichtig, dass ich zumeist sicher bin, dass andere so sind wie ich, dass sie die Welt ähnlich sehen wie ich, dass sie auf das gleiche vertrauen und dem gleichen misstrauen. Das Erleben von Übereinstimmungen macht mich sicher, dass ich nicht allein bin mit meinem Blick auf die Welt. Mit einer Meinungsäußerung hoffe ich also auf Zustimmung von anderen, und allein die Tatsache, dass andere, die ich als mir ähnlich empfinde, mir zustimmen, genügt mir, um mit größerer Sicherheit durch mein Leben zu gehen. Das Gleiche gilt natürlich auch, wenn mir von Menschen, die ich als fremd oder anders empfinde, Ablehnung entgegenschlägt. Auch das bestätigt mich: In meinem Anderssein gegenüber denen, die anderer Meinung sind ebenso, wie in meiner Gemeinsamkeit mit denen, die mit gleich sind.

    Gerade wenn ich mich in einem Umfeld bewege, das mir fremd ist und das ich ablehne, will ich also auch gar nicht „überzeugen“, dann streite ich nicht mit dem Ziel, dass die anderen einsehen, dass ich recht habe. Jeder Widerspruch bestätigt mich ja darin, dass diese eben anders sind, und diese Bestätigung sichert mein Weltbild in meinem So-Sein-Wie-Ich-Bin.

    Unsicherheit beherrschen

    Bevor man sich nun gedanklich über diejenigen erhebt, die den Streit für die Abgrenzung zwischen sich und den „Eigenen“ auf der einen Seite und „den Anderen“ oder „den Fremden“ auf der anderen Seite brauchen, um in der Weit zurecht zu kommen, kann man sich kritisch fragen, ob man selbst ohne solche Abgrenzungen auskommt. Selbst die Skeptiker, die „nichts glauben“ und „alles hinterfragen“ grenzen sich ja auf diese Weise im Meinungsstreit von anderen ab und bilden eine Gemeinschaft der „aufgeklärten kritischen Geister“.

    Wenn man sich die eigene Unsicherheit in der Komplexität der Welt wirklich eingesteht und versucht, sein Weltbild nicht nur per Übereinstimmung und Ablehnung mit anderen zu begründen, findet sich schnell ein weiterer Grund für die Beteiligung am Meinungsstreit: Die Meinungsäußerung kann dazu bestimmt sein, Argumente dafür oder dagegen zu erhalten, die mich in meiner Meinung bestärken oder weiter verunsichern.

    Die meisten Vorstellungen über die Welt gewinne ich auf der Grundlage medialer Vermittlung (Fernsehen, Zeitungen, Rundfunk sowie deren Ableger in den sozialen Medien). Daraus erzeuge ich mir ein Bild von der Welt, das vor allem auch als Befürchtungen oder Hoffnungen besteht: Ich hoffe, dass sich die Stimmung in Großbritannien noch proeuropäisch entwickelt, ich fürchte, dass es nicht mehr rechtzeitig zu einem Umsteuern in der Klimafrage kommt.

    Mit meiner Meinungsäußerung im Streit suche ich Bestätigung oder Widerspruch. Das aber nicht nur, um mich zu vergewissern, dass ich mit meiner Meinung nicht allein bin, sondern auch, um meiner Meinung überhaupt sicher zu werden, oder, um mich verunsichern zu lassen. Ich suche nach Argumenten, die meine Hoffnungen stützen, oder auch nach solchen, die meine Befürchtungen fragwürdig machen. Das alles, um in einer unsicheren Welt mit einem unsicheren Bild von der Welt halbwegs sicher zurecht zu kommen.

    Es ist klar, dass Meinungsäußerungen dieser Art nicht mit einem Wahrheitsanspruch verknüpft sind. Im Gegenteil, ich gehe immer davon aus, dass es andere gibt, die anderer Meinung sind als ich, und die ich mit meiner Meinung – und mit den Begründungen dieser Meinung – gerade nicht werde überzeugen können. Trotzdem ist es sinnvoll, den Streit zu führen: Er macht mich sicherer in meinen Hoffnungen und Befürchtungen und schafft mir damit ein besseres Fundament zum Handeln. Und er schafft Gemeinsamkeit mit Menschen, die ähnlich denken wie ich, sodass wir uns gemeinsam mit denen auseinandersetzen können, die anderer Meinung sind.

  • Pluribus und …

    Pluribus und …

    Einführung und Ausgangssituation der Pluribus Serie

    Die Science-Fiction-Serie Pluribus (dt. Untertitel: Glück ist ansteckend) beginnt mit einer der radikalsten Ausgangssituationen, die das Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat: Ein rätselhaftes außerirdisches RNA-Signal breitet sich rasend schnell über den Globus aus und verändert die gesamte Menschheit. Fast alle Erdbewohner schließen sich einem kollektiven Bewusstsein an – einer gemeinsamen Intelligenz, die sich selbst „die Others“ nennt. Die Welt wird dadurch überraschend ruhig: Konflikte verschwinden, Gewalt endet, und die globale Gesellschaft scheint plötzlich in perfekter Harmonie zu existieren.

    Eine kleine Gruppe von dreizehn Personen bleibt jedoch immun gegen dieses Ereignis. Zu ihnen gehört die Schriftstellerin Carol Sturka (Rhea Seehorn), die zurückgezogen in den Rocky Mountains lebt. Carol ist eine erfolgreiche Autorin von Fantasyromanen, aber zugleich ein ausgesprochen eigenwilliger Charakter. Als der Rest des Planeten Teil eines einzigen Bewusstseins geworden ist, besteht sie hartnäckig darauf, ihre Individualität zu behalten.

    Die erste Staffel verfolgt vor allem Carols Perspektive auf die neue Realität. Während die „Others“ versuchen, mit ihr in Kontakt zu treten, bewegt sie sich zumeist schlechtgelaunt in einem Umfeld, das ihr gleichzeitig vertraut und völlig fremd geworden ist. Regierungen, Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren weiterhin, aber nun koordiniert durch 1 Weltgeist. Konflikte werden nicht mehr konfrontativ ausgetragen, sondern auf eine fast unheimlich harmonische Weise gelöst.

    Ein zentraler Bestandteil der Handlung ist die Begegnung zwischen Carol und einer jungen Frau namens Zosia (Karolina Wydra). Sie gehört zum kollektiven Bewusstsein, scheint aber eine besondere Rolle zu spielen. Durch ihre Gespräche wird deutlich, dass die Others Carol nicht zwingen wollen, sich ihnen anzuschließen – sie analysieren fürs Erste bloß, warum jemand die (misanthrope) Individualität dem globalen Glück vorzieht.
    +++

    * Pluribus (lat.) = „von vielen“ oder „aus vielen“ … zu finden u.a. auf US-amerikanischen Münzen: E pluribus unum (iSv. und aus vielen/13 Kolonien wird 1 = die Vereinigten Staaten von Amerika = sog. Great Seal of the United States).
    +++

    Was bedeutet eigentlich „Hive Mind“?

    Der Begriff Hive Mind (Schwarmbewusstsein) stammt ursprünglich aus der Beobachtung sozialer Insekten wie Bienen oder Ameisen. Ein Bienenstock funktioniert gewissermaßen wie ein einzelner Organismus: Viele Individuen handeln koordiniert und erfüllen unterschiedliche Aufgaben, während das Überleben des gesamten Schwarms im Mittelpunkt steht.

    In der Science Fiction bezeichnet ein Hive Mind eine Intelligenz, bei der viele Individuen ihre Gedanken oder Wahrnehmungen teilen und dadurch wie Teile eines gemeinsamen Geistes funktionieren. Die einzelnen Körper bleiben zwar bestehen, doch Entscheidungen werden kollektiv getroffen oder von einer interagierenden  Instanz gesteuert.

    Manche Geschichten zeigen ein streng hierarchisches Hive Mind mit einer zentralen „Königin“. Andere stellen sich ein Netzwerk vor, in dem alle Mitglieder gleichberechtigt miteinander verbunden sind. In beiden Fällen steht die gleiche Frage im Raum: Was passiert mit der Individualität, wenn viele Psychen zu einer einzigen verschmelzen?

    Literarische Wurzeln der Idee

    Mit dieser Prämisse knüpft Pluribus an eine lange Tradition von Science-Fiction-Erzählungen über kollektive Intelligenzen an.

    Ein frühes und berühmtes Beispiel ist der Roman „Childhood’s End“ von Arthur C. Clarke. Dort entwickelt sich die Menschheit am Ende zu einem gemeinsamen Bewusstsein und verschmilzt mit einer kosmischen Intelligenz, dem Overmind. Individualität erscheint dabei als eine Übergangsphase der Evolution.

    Eine ganz andere Variante zeigt „Ender’s Game“ von Orson Scott Card. Die außerirdischen Gegner der Menschheit sind hier ein klassisches Hive Mind, das von einer telepathischen Königin gesteuert wird.

    In beiden Fällen erscheint das kollektive Bewusstsein als etwas grundlegend Fremdes – entweder als transzendente Evolution oder als bedrohlicher Schwarm.

    Hive Minds in Film und Fernsehen

    In Film und Fernsehen wird das Motiv meist dystopisch dargestellt. Ein bekanntes Beispiel ist das Kollektiv der Borg aus der Serie Star Trek: The Next Generation, das Individuen assimiliert und in eine gemeinsame Intelligenz integriert.

    Ein anderer Ansatz findet sich im Film Avatar von James Cameron. Auf dem Planeten Pandora sind Pflanzen, Tiere und Bewohner über ein biologisches Netzwerk miteinander verbunden. Dieses planetare System bildet eine Art übergeordnetes Bewusstsein.

    Die Handlungen schwanken typischerweise zwischen zwei Extremen: dem bedrohlichen Verlust der Individualität und der utopischen Verschmelzung mit einer höheren Intelligenz.

    Frühe Variationen im Comic

    Auch klassische europäische Science-Fiction-Comics haben mit dem Hive Mind experimentiert. In der Serie Valérian und Veronique von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières begegnen die Helden regelmäßig fremden Zivilisationen mit ungewöhnlichen Formen kollektiver Intelligenz.

    Ähnliche Gedanken finden sich in der belgischen Serie Luc Orient von Eddy Paape. Dort werden außerirdische Gesellschaften häufig als stark kollektiv organisiert beschrieben, in denen individuelle Interessen hinter dem Wohl der Gemeinschaft zurücktreten.

    In diesen Comics dient das Motiv meist dazu, fremdartige Gesellschaftsformen zu erkunden – weniger als direkte Vision der Zukunft der Menschheit.

    Was Pluribus anders macht.

    Die eigentliche Originalität von Pluribus liegt darin, dass das kollektive Bewusstsein hier nicht als Bedrohung erscheint. Die Others sind friedlich, rational und offensichtlich daran interessiert, die Welt stabil zu halten.

    Die Serie zwingt das Publikum, eine unbequeme Frage zu stellen: Vielleicht hat das kollektive Bewusstsein tatsächlich recht.

    Damit wird aus einer klassischen Science-Fiction-Idee ein philosophisches Experiment über Individualität, Freiheit und die mögliche Zukunft der menschlichen Spezies.

    Was Pluribus neu macht

    Pluribus verschiebt den Fokus. Statt einer fernen Aliengesellschaft ist die gesamte Menschheit selbst zum Hive Mind geworden.

    Besonders interessant ist, dass das kollektive Bewusstsein nicht brutal oder feindselig erscheint. Die „Others“ sind freundlich, kooperativ und wollen Konflikte vermeiden. Genau das macht die Situation für Carol so beunruhigend: Das Kollektiv scheint moralisch überlegen, aber es löscht die Individualität aus.

    Die Serie entwickelt daraus eine sehr persönliche Geschichte. Die Figur Zosia – ein Mitglied des Hive Minds – dient als emotionaler Vermittler zwischen Carol und der kollektiven Intelligenz. Dadurch wird das philosophische Problem konkret:

    Ist eine Welt ohne Einsamkeit, aber auch ohne individuelle Freiheit, tatsächlich eine Verbesserung?

    Die kreativen Köpfe hinter der Serie

    Hinter Pluribus steht mit Vince Gilligan ein Showrunner, der sich längst als einer der prägendsten Serienschöpfer der Gegenwart etabliert hat. Gilligan fungiert nicht nur als Creator der Story, sondern ist auch an den Drehbüchern beteiligt und führt bei mehreren Episoden selbst Regie. Zum Autorenteam gehören unter anderem Gordon Smith, Alison Tatlock und Jenn Carroll, die gemeinsam die Mischung aus Science-Fiction, Gesellschaftsdrama und philosophischem Gedankenspiel ausgestalten.

    Dass Carol ausgerechnet in Albuquerque lebt, dürfte für Gilligan-Kenner ein bewusst gesetztes Detail sein. Die Stadt war bereits der ikonische Schauplatz von Breaking Bad und Better Call Saul – und wirkt hier wie ein augenzwinkerndes Meta-Gimmick: kein inhaltliches Crossover, sondern eine kleine Reminiszenz an jene Serienwelt, mit der Gilligan Fernsehgeschichte geschrieben hat.

    Fazit

    Pluribus steht in einer langen Tradition von Science-Fiction-Werken über kollektive Intelligenzen – von frühen literarischen Visionen über filmische Dystopien bis hin zu experimentellen Comics.

    Die Serie verschiebt jedoch den Fokus: Das Hive Mind ist hier nicht primär Monster oder Bedrohung, sondern eine mögliche nächste Stufe der menschlichen Entwicklung.

    Gerade darin liegt ihre Stärke. Pluribus erzählt keine klassische Invasionsgeschichte, sondern eine überraschend persönliche und philosophische Science-Fiction-Erzählung über die Frage, was Individualität eigentlich bedeutet.
    +++

    Bewertung: 8 Punkte

    Stärken:
    – Originelle Variation des Hive-Mind-Motivs: Anders als bei klassischen Beispielen wie den Borg aus Star Trek: The Next Generation oder den Formics aus Ender’s Game ist das kollektive Bewusstsein hier nicht aggressiv, sondern freundlich und fast utopisch.
    – Philosophische Frage: Die Serie stellt ernsthaft zur Diskussion, ob Individualität wirklich ein Wert ist. Das erinnert an Ideen aus Childhood’s End.
    – Starke Figurenkonstellation: Die Beziehung zwischen Carol und Zosia gibt der abstrakten Idee eine emotionale Dimension.

    Schwächen:
    – Langsames Tempo: Einige Episoden wirken eher wie philosophische Dialoge als klassische Science-Fiction-Action.
    – Begrenzte Perspektive: Man sieht die globale Transformation hauptsächlich durch sehr wenige Figuren.

    Auf: Apple tv

    Staffel 2 ist bereits bestätigt und in Vorbereitung. Voraussichtliches Erscheinungsdatum: Ende 2027/Anfang 2028.
    +++

    Lesen Sie auch: Das große Gähnen

    Selten wurde eine an und für sich spannende Geschichte derart langweilig in Szene gesetzt wie Schätzings „Der Schwarm“ in der gleichnamigen ZDF-Miniserie, sagt Kolumnist Henning Hirsch. (Kolumne vom 10. Mär 2023)

  • Habermas-Bashing: Faul, dumm und stolz darauf

    Habermas-Bashing: Faul, dumm und stolz darauf

    Selten zeigte sich die Dummheit im Netz so selbstbewusst wie an diesem Montag, an dem die Zeitungen voll waren von Nachrufen auf Jürgen Habermas und von Analysen seiner Bedeutung für die öffentlichen Debatten der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten. Auf die ausführlichen Würdigungen folgten bald tausende Postings von diesem und von jenem, die zum Besten gaben, dass sie ja niemals ein Wort von dem, was Habermas geschrieben hat, verstanden haben, und die sich sicher gaben, dass auch sonst niemand den Habermas, wie auch den Adorno und den Heidegger je verstanden habe, weil da ja auch gar nichts zu verstehen sei, weil das ja alles nur Gefasel, Geschwätz, verdrehtes Geschwurbel sei.

    Was ich nicht verstehe, muss unverständlich sein

    Es war wirklich erstaunlich, mit welcher Selbstgewissheit da Leute, die vorgaben, selbst Sozialwissenschaften, Politik oder ähnliches studiert zu haben, damit prahlten, dass sie nichts von dem, was sie da im Studium von diesen Leuten lesen mussten, je verstanden haben. Natürlich ist es nicht so selten, dass Studenten nicht wirklich verstehen, was sie als Prüfungsstoff doch pauken und dann im richtigen Moment herbeten und aufsagen können müssen. Auch Mathematik- und Physikstudenten kennen dieses Problem: sie pauken irgendwelche Sätze, lernen auswendig, wie sie die zusammenbringen sollen, trainieren einen Formalismus des Aufeinanderfolgens irgendwelcher Sätze und sind froh, wenn drei Wochen nach der Prüfung niemand mehr danach fragt. Aber keiner von ihnen wird später mit seinem Nichtwissen prahlen – allenfalls damit, trotzdem die Prüfung bestanden zu haben. Jedem ist klar, dass es nicht an Newton, Einstein, Bohr oder Heisenberg liegt, dass sie die Theorie nicht verstehen, sondern an ihnen selbst.

    Von einem Geisteswissenschaftler aber verlangen die Studierenden, dass er ihnen die Theorie in leichter Sprache serviert. Und sie meinen, dass diese Light-Version dann tatsächlich das Gleiche ist wie das, was Denker wie Kant, Hegel, Heidegger oder Habermas in ihren Hauptwerken entwickelt haben. Bestärkt werden sie darin von Karl Popper, der sich zwar auch immer beklagt hat, dass die, die ihm widersprochen haben, ihn bloß nicht verstehen, der aber in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ in schön einfachen Sätzen den Faulenzern und Ignoranten die Ausreden geliefert hat: Alles müsse man eben auch einfach ausdrücken können. Eine Meinung, die der junge Wittgenstein bekanntlich auch vertreten hatte, und für die er genauso geliebt wird von denen, die zu faul sind, komplexe Zusammenhänge und Theorieentwicklungen nachzuvollziehen, und die natürlich gern ignorieren, dass Wittgenstein das später beharrlich revidiert hat.

    Es ist anstrengend

    Aber die Dinge sind nun mal nicht einfach, schon gar nicht so simpel, wie ein Karl Popper es sich gedacht hat, und sie sind vor allem nicht einfach zu formulieren in einer Sprache, die mit Vorurteilen und missverständlichen Begriffen durchsetzt ist. Physiker, Chemiker und Mathematiker haben ja bekanntlich den Vorteil, dass sie sich einfach eine neue Sprache erfinden können, mit klaren Bedeutungen und Definitionen – Geisteswissenschaftler müssen nun mal eine Sprache benutzen, die auf Anhieb so aussieht wie die Alltagssprache, sie müssen an die Bedeutungen der Wörter anschließen, die die in dieser Alltagssprache haben, müssen Sätze hinschreiben, die die unpräzise und intuitive Logik des Alltags in sich tragen und müssen mit denen die komplexe Logik ihrer Gegenstände entwickeln, beschreiben und zu fassen kriegen.

    Das ist anstrengende Arbeit, und das Ergebnis kann man nur verstehen, wenn man sich selbst anstrengt, wenn man sich auf das einlässt, was der Denker da entwirft, wenn man seinen Denkweg mitgeht. Aber das ist offenbar zu viel verlangt von vielen, die meinen, dass man ihnen die Welt in verdaulichen, einfach handhabbaren Häppchen zu präsentieren habe. Das Schlimme ist, dass diese Leute inzwischen in den Lehranstalten selbst zu Lehrern geworden sind. Sie schreiben ihren Studenten die einfachen Merksätze hin – mehr noch, sie präsentieren der Öffentlichkeit gleiches in Sachbüchern, in Radio-Interviews, in Talkshows und Vorträgen. So entsteht der Eindruck, dass die Welt wirklich so einfach wäre, dass es keiner Anstrengung bedürfte, sie zu verstehen. Und wenn man sie doch nicht versteht, dann hat man ja die Experten, die einem alles „einordnen“ wie das neue Zauberwort der öffentlichen Debatte heißt, in denen die bescheidwissenden Experten dem schaudernden Publikum Bescheid geben, das verkünden, was sie wissen müssen, um das zu tun, was die Experten als das notwendige erkannt haben.

    Und dazu gehört natürlich das abfällige Lästern über die großen Denker, die nun zum Glück alle tot sind, die es sich selbst nicht leicht gemacht haben und die es ihren Lesern und Zuhörern nicht leicht machen konnten. Ihnen unterstellt man nun, dass sie sich ja nur so kompliziert ausgedrückt haben, um klug dazustehen und die anderen dumm dastehen zu lassen. Es ist genau umgekehrt: Sie haben gezeigt, wie schwierig alles ist und dass man es nur halbwegs durchschauen kann, wenn man die Anstrengung nicht scheut. Heute stehen die dumm da, die meinen, alles sei einfach – uns sie merken es nicht.

  • Logik, die Kunst des vernünftigen Sprechens

    Logik, die Kunst des vernünftigen Sprechens

    Was ist Logik? Heute herrscht allgemein die Vorstellung, Logik sei die Lehre vom formal korrekten Sprechen und Schließen. In der Logik, so meint man, treffen sich die Philosophie und die Mathematik. In dieser Sicht hat die Logik von der Mathematik das formal Exakte, während sie von der Philosophie das grundsätzliche Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit des richtigen Urteilens und Schlussfolgern habe.

    In dieser Partnerschaft von Mathematik und Philosophie ist ein weit verzweigtes Wissenschaftsgebiet entstanden, in dem es nicht nur um die einfache Verknüpfung von schlichten Aussagen über Tatsachen geht, sondern auch um Urteile über Mögliches und Notwendiges, um Erlaubtes und Verbotenes oder um Erwünschtes und Unerwünschtes geht. Und trotzdem umfasst all das nur einen ganz kleinen Teil dessen, worum es in der Logik von ihrem Ursprung her geht und gehen kann.

    Denn Logik ist, von ihrem griechischen Ursprung her gedacht, die Lehre vom vernünftigen Sprechen. Vernünftig ist Sprechen nicht unbedingt dadurch, dass es formal korrekt ist. Im Gegenteil, die Forderung, dass ein Sprechen, um vernünftig zu sein, den formalen Regeln einer mathematisierbaren Wissenschaft folgen müsste, ist eine Norm, die sich selbst der philosophischen Reflexion stellen müsste.

    Vernünftig ist das, was jemand sagt, wenn es verständlich und begründet ist, und wenn die Begründungen von denen, die verstehen, auch akzeptiert werden. Logik im allgemeinen, wirklich philosophischen Sinne steht vor dem Rätsel, dass verständliches und begründetes Sprechen auch möglich ist, wenn es nicht formalen Regeln folgt, ja, dass es gute Gründe gibt, dass ein formal richtiges Sprechen gerade nicht eine Wahrheit zum Ausdruck bringen kann, die in einer weniger formalen Sprechweise, etwa in einem Roman oder in einem Gedicht, deutlich sichtbar wird. Jeder merkt im täglichen Gespräch, dass eine Sache oft dann klar und verständlich wird, wenn sie durch Aussagen erläutert wird, die sich im streng formalen Sinne widersprechen. Eine Logik, die den Namen verdient, muss auch solche Erfahrungen verständlich machen.

    Wittgenstein und Heidegger

    Mit seinem Buch „Das sprachbegabte Tier“, das 2017 erschienen ist, hat der kanadische Philosoph Charles Taylor, ohne es ausdrücklich zu versprechen, einen unschätzbaren grundsätzlichen Beitrag zu einem solchen Projekt geleistet. Wie richtungsweisend sein Buch für die Zukunft des Philosophierens werden kann, spürt man schon, wenn man liest, mit welcher atemberaubenden Selbstverständlichkeit Taylor sich im gleichen Satz auf Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger beziehen kann. Er tut dies nicht, um zwei Denkrichtungen, die sich nach allgemeinem Verständnis weit voneinander entfernt haben, zu vereinigen. Im Gegenteil, er tut es, weil Wittgenstein und Heidegger sich in ihrem Denken über die Sprache eben im Grunde viel näher stehen, als es vor allem den Vertretern der Analytischen Philosophie, die gern an Wittgenstein anschließen, genehm sein dürfte.

    Hier wird zusammen genannt, was zusammen gehört. Wittgenstein und Heidegger haben beide die schöpferische Kraft der Sprache und die ganze Vielfalt des wirklichen, alltäglichen Sprechens gesehen, und jeder von ihnen hat auf seine Weise davon gesprochen, dass diese Vielfalt, die sich in kein Korsett der formalen Logik zwängen lässt, das menschliche Sprechen, Denken und Weltverstehen ausmacht – mehr noch, dass es gerade dieses schöpferische, vielfältige Denken ist, das die Welt nicht nur verstehbar macht, sondern eine völlig neue Welt, in der der Mensch zu Hause ist, erst schafft.

    Das systematisch zu begründen, zu erläutern und zu beschreiben, ist der Anspruch von Charles Taylor.

    Gegen den Mainstream der Analytischen Philosophie

    Überhaupt, der „Mainstream der Analytischen Philosophie“: Ihm gilt Taylors grundsätzliche Kritik. Den Versuchen der Philosophen dieser Richtung, das Sprechen in formale Regeln zu zwängen, weist er den Platz zu, der ihnen gebührt. Sie können zwar einen gewissen Bereich des Sprechens im Umfeld des naturwissenschaftlichen Denkens richtig beschreiben, sie können vielleicht sogar Normen identifizieren, die einen erfolgreichen Informationsaustausch und eine effiziente Argumentation in diesem Bereich ermöglichen – aber für andere Bereiche des Sprechens sind ihre Modelle und Regelwerke schlicht nicht anwendbar.

    Um das zu begründen, stellt Taylor die Geschichte und die wesentlichen Argumentationslinien der Analytischen Sprachphilosophie kenntnisreich dar. So kann er sehr schön zeigen, wo die Grenzen dieses philosophischen Denkstils liegen. Vor allem kann er der Anmaßung begegnen, die Hauptfeinde dieser normierenden Sprachtheorie, nämlich das Nutzen von Metaphern und anderen rhetorischen Stilmitteln, aus der Sprache zu verbannen oder ihnen wenigstens einen untergeordneten Platz zuweisen zu wollen.

    Taylor zeigt, dass die Fähigkeit des Menschen, eine bildhafte, metaphorische Sprache zu verwenden und zu verstehen, überhaupt die Voraussetzung jeglicher wirklich menschlicher, gesellschaftlicher Sprache ist. Gerade unser Vermögen, die neuen Bedeutungen zu verstehen, die aus dem „Verstoß“ gegen Regeln und der kreativen Erweiterung und Verlagerung von Wortbenutzungen entstehen, macht uns zu Menschen, die sich mit der Sprache eine Welt schaffen. Unsere menschliche Gesellschaft wäre ohne diese konstitutive Kraft der Sprache gar nicht möglich.

    Es gibt kein richtiges Sprechen

    Der Mainstream der Analytische Philosophie hat heute eine gewaltige normative Kraft entwickelt – gepaart mit dem naturwissenschaftlich-technischen Weltverständnis, welches unsere moderne Gesellschaft bis in die letzten Winkel prägt. Da werden Regelwerke geschaffen, die vorgeben, richtige und falsche Argumentationen in Diskussionen auseinanderhalten zu können. Ganze Kataloge von angeblich falschen Argumenten werden publiziert – und wer sich in einer Diskussion äußert, findet sich schnell in einer Schublade wieder. Allein die mal mehr und oft weniger plausible Klassifizierung einer Meinungsäußerung als „Fehlschluss“, als „Unlogisch“ oder als „Verstoß gegen die richtigen Argumentationsregeln“ soll reichen, um einen Diskutanten oder seine Wortmeldung aus der weiteren Diskussion auszuschließen.

    Dabei ist eine jede Meinungsäußerung immer mehr als ein „objektiv gültiges“ Argument, gesetzt, es gäbe so etwas überhaupt. Und es muss auch mehr sein, damit es überhaupt zur Verständigung kommen kann. In jedem Diskussionsbeitrag, sei es im direkten Gespräch, sei es bei Facebook, schwingen immer persönliche Erfahrungen, Überzeugungen und Wünsche mit, sind die aktuelle Umgebung und die ganze Herkunft des Sprechers mit enthalten – auch in denen, die das formal richtige Sprechen und Argumentieren für sich reklamieren. Wir sind, das macht unsere soziale Sprachbegabung aus, auch in der Lage, all das zu erfassen, zu verstehen und zu berücksichtigen. Und das ist auch gut so, denn nur so kann es in Diskussionen wirklich Überzeugen und gemeinsames Umdenken geben.

    Wer auf formalen Regeln beharrt, der kann vielleicht gewinnen, aber der kann keinen gemeinsamen Denkraum schaffen, in dem neues Denken und damit eine neue Welt entsteht. Das kann man bei Charles Taylor sehr gut lernen, und deshalb gehört sein Buch zu den wichtigsten, die in letzter Zeit erschienen sind.

    (Werbung in eigener Sache: Zu diesem Thema ist im vergangenen Jahr mein Essay Richtig streiten als Buch beim Claudius-Verlag erschienen.)

  • Daniel-Pascal Zorn: Philosophie als Pop?

    Daniel-Pascal Zorn: Philosophie als Pop?

    Es gibt bezüglich der Philosophie eine Vielzahl von Formen der öffentlichen Darstellung und Diskussion ihrer Fragestellungen, Diskussionen, Inhalte und Ergebnisse. Es gibt Sammelbände und Fachzeitschriften, in denen akademische Philosophinnen ebenso vertreten sind wie Denker, die außerhalb der Akademie arbeiten. Es gibt Bücher, die sich vor allem an ein Fachpublikum wenden, ebenso wie solche, die an ein breites Publikum adressiert sind. Darunter sind Übersichtsdarstellungen ebenso wie anspruchsvolle Diskussionen von Einzelproblemen. Es gibt zudem Publikumszeitschriften, in denen sich wiederum unterschiedlichste Textformen finden, im denen philosophische Fragen gestellt und Antwortversuche verständlich gemacht werden. Dort finden sich neben literarischen Versuchen auch Interviews mit akademischen Meistern und professionellen Philosophinnen. Darüber hinaus gibt es Veranstaltungsformate, Fernseh- und Rundfunksendungen, in denen Hochschullehrerinnen und Privatgelehrte auftreten, vortragen, antworten und diskutieren.

    Insofern ist Daniel-Pascal Zorn zuzustimmen, wenn er auf Seite 90 seines weniger als 100 Seiten umfassenden Essays „Shooting Stars. Philosophie zwischen Pop und Akademie“ schreibt, es sei „verfehlt, von einer einfachen Gegenüberstellung von Populärphilosophie und akademischer Philosophie auszugehen“. Allerdings reibt sich der Leser an dieser Stelle, so kurz vor Schluss des Textes, verwundert die Augen und fragt sich, was er denn auf den Seiten bis dahin andererseits gelesen hätte als eben eine solche einfache Gegenüberstellung. „Wie Karikaturen stehen sie sich gegenüber“ schreibt Zorn auf Seite 24 – und verschweigt an dieser Stelle, dass es seine Karikaturen sind, die er selbst zeichnet. Daran ändert nichts, dass er diese Karikaturen selbst als „wenig sympathische Idealtypen“ (Seite 8) bezeichnet und verspricht, „diese Kategorien selbst noch einmal kritisch [zu] befragen“ (Seite 9) – ein Versprechen, das höchstens ansatzweise eingelöst wird und dessen Einlösung in der polemischen, holzschnittartigen und radikal vereinfachenden Zeichnung der Karikatur „Populärphilosophie“ untergeht.

    Dabei ist das spezielle Verhältnis zwischen akademischer Fach-Philosophie und populärphilosophischen Arbeiten durchaus der genaueren Betrachtung wert, gerade weil es in der Philosophie in Wirklichkeit eine Vielfalt gibt, die anderen Disziplinen fremd ist. In Wissenschaften wie etwa der Physik oder auch der Ökonomie können wir sehr gut zwischen akademischer Forschung und populärer Darstellung unterscheiden – und kaum jemand käme auf die Idee, einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift oder einer Fernsehsendung die Vereinfachungen anzukreiden, die mit der allgemeinverständlichen Darstellung verbunden sind. Im Verhältnis von akademischer Arbeit und populärem Verstehen kommt eine Differenz zwischen diesen Wissenschaften und der Philosophie zum Ausdruck, deren Verstehen uns helfen kann, die unterschiedliche Bedeutung beider Handlungsfelder klar zu machen.

    Zu diesem Verstehen leistet Zorns Essay durchaus Beiträge indem es verständlich macht, wie Philosophie als Fragen immer radikal – an die Wurzel gehend – sein muss und wie sehr sie deshalb immer wieder ihre eigenen Voraussetzungen und Selbstverständlichkeiten fragwürdig machen muss. Das ist der Grund dafür, können wir fortsetzen, dass es in der Philosophie im Gegensatz zu den anderen Disziplinen kein stabiles Erkenntnisfundament geben kann, auf dem sich gemeinsam weiter aufbauen ließe. Denn immer ist es notwendig, dieses Fundament wiederum radikal zu befragen, seine Voraussetzungen und Grenzen zu klären.

    Man könnte meinen, dass dies doch auch etwa in der Physik der Fall sei. Aber die Sache liegt dort eben doch anders: Auch wenn man die Grenzen der Newtonschen Mechanik kennt gefunden, erkannt und überwunden hat, bleibt diese doch immer Fundament der Physik. Diskutiert man hingegen – um ein Beispiel zu nehmen – die Grenzen einer Ethik, die die Konsequenzen des Handelns im Fokus hat, wird man sofort auf ganz andere Möglichkeiten der Begründung von Ethik verwiesen. Philosophie ist der Versuch, Widersprüche, die sich daraus ergeben, denkend auszuhalten und zu verarbeiten.

    Daniel-Pascal Zorn liegt also mit seinem zentralen Anliegen richtig, dass Philosophie gelernt werden muss als Haltung, Selbstverständliches fragwürdig zu machen und auf seine Voraussetzungen zu befragen. In dem Teil, in dem Zorn dies erläutert (Seiten 43 bis etwa 56) ist sein Essay lesenswert. Zorn übersieht aber offenbar, dass es die Angebote, die dieses Lernen unterstützen wollen, bereits gibt: es ist eben die Vielfalt der philosophischen Bücher, der Interviews und der Beiträge in Philosophiezeitschriften, die sich, mehr oder weniger gelungen, seit langem um dieses Anliegen bemühen.

    Daniel-Pascal Zorn mag in seiner Kritik an einem einzelnen sehr populären deutschsprachigen Philosophen richtig liegen – wobei er seine Kritik auch an dieser Person nur sehr dürftig belegt. Und sicherlich ist es ein gutes Anliegen, die popularisierenden Autoren von Philosophiemagazinen immer wieder mahnend daran zu erinnern, dass sie mit Vereinfachungen Gefahr laufen, nicht nur eine komplizierte Sache zu einfach darzustellen, sondern das Wesen des philosophischen Problems ganz zu verfehlen. Dazu ist aber eine polemische Zuspitzung auf Karikaturen gerade nicht hilfreich. Es mag vielleicht dem Verkauf des Büchleins förderlich sein – aber es ist eben gerade nicht philosophisch.

    Jörg Phil Friedrich schreibt selbst philosophische Bücher und Aufsätze, die möglichst einem breiten Publikum verständlich sind. Zuletzt erschien von ihm Der plausible Gott.

  • Verständliche Philosophie: Strengt euch an!

    Verständliche Philosophie: Strengt euch an!

    Wie ist es um die deutschsprachige Philosophie bestellt? Angesichts der Medienpräsenz und der Auflagenerfolge von Autoren wie Richard David Precht und Marcus Gabriel sprechen die einen von einem nie dagewesenen Interesse für philosophische Themen, für verständliche Philosophie und fürs Philosophieren, während andere eine Verflachung und einen Niedergang des philosophischen Denkens diagnostizieren. Philosophie scheint, wenn man den kritischen Kommentaren der letzten Monate glauben darf, nur in zwei Modi möglich zu sein: Entweder als weltabgewandter, unverständlicher akademischer Diskurs oder als flache, unterhaltsame, welterklärende Talkshow-Diskussion, die von trivialisierender Ratgeberliteratur begleitet wird. Und so lauten auch die gegenseitigen Vorwürfe: die Professoren an den deutschen Universitäten werfen den populären Medienstars vor, die Welt allzu simpel zu erklären und die wahre Tiefe der philosophischen Probleme zu verfehlen, während die Freunde leicht verständlicher Sachbücher der akademischen Elite von ihren akademischen Kollegen fordern, den Elfenbeinturm der Fachphilosophie zu verlassen und ihre Ideen auf den Markt zu tragen, wie es der Legende nach schon der Urvater Sokrates getan haben soll. Allerdings wissen wir das nur über die Aufzeichnungen seines Schülers Platon, der wiederum gerade nicht auf dem Markt philosophiert hat, sondern in seiner eigens gegründeten Akademie. Das sollte uns zu denken geben.

    Wozu überhaupt verständliche Philosophie?

    Und so könnten wir zuerst einmal fragen, woher der Anspruch an die Philosophie, gefälligst für jeden verständlich zu sein, der sich irgendwie für sie interessiert, überhaupt kommt. Niemand erwartet von der modernen Naturwissenschaft, dass sie sich einer Sprache bedient, die jeder versteht. Und keiner macht umgekehrt den Verfassern populärwissenschaftlicher Bücher über Quantenmechanik oder Mikrobiologie den Vorwurf, die schwierigen Zusammenhänge der Wissenschaften allzu oberflächlich darzustellen. Warum verlangt man überhaupt von der akademischen Philosophie, auch verständliche Philosophie zu sein? Woher andererseits der Vorwurf an die Autoren populärer Philosophiebücher, die Disziplin zu trivialisieren?

    Die Antwort ist: Zwischen der modernen Naturwissenschaft und dem Alltag gibt es mit den Ingenieursdisziplinen eine Vermittlungsinstanz, die die komplizierten wissenschaftlichen Zusammenhänge für den Alltag brauchbar macht. Man muss sie nicht im Detail verstehen, um sie „verwenden“ zu können – sie müssen, als Teil von Technik, einfach stabil funktionieren. Die wissenschaftliche Erklärung, allgemeinverständlich aufbereitet, ist bloßes Beiwerk, das Vertrauen schafft. Es wäre ein anderes Thema, das genaue Wechselspiel von Wissenschaft und Technik und die Rechtfertigung des Vertrauens, das wir in sie setzen, zu diskutieren.
    Eine solche Vermittlungsinstanz gibt es für die Philosophie aber nicht. Als fragende, nach Gründen suchende Disziplin kann sie die Erzeugung brauchbarer, funktionierender Lebenstechniken nicht an eine Zunft von Sozialingenieuren delegieren. Indem sie nach dem Selbstverständnis des Menschen, nach der Bedeutung der Welt für unser Leben, nach den Sicherheiten unserer Urteile und nach der Rechtfertigung unserer Ziele fragt, betrifft sie das Leben jedes Menschen, dem sein Platz in der Welt fragwürdig geworden ist, ganz unmittelbar. Das Interesse für verständliche Philosophie entspringt aus dieser Fragwürdigkeit, die Fragen, die die akademische Philosophie sich stellt, sind dieselben, wie die, die sich dem verunsicherten Menschen im Alltag aufdrängen. Deshalb interessieren uns die Antworten der Philosophen, und eine vermittelnde Ingenieursdisziplin, die aus philosophischen Theorien praktikable Lebenstechniken machen würde, wäre immer unbefriedigend.

    So wird auch die Ablehnung der popularisierenden Talkshow-Philosophen durch die akademische Philosophie verständlich. Sie sieht, dass der bedrängte Mensch von Ratgeber-Stars mit billigen Rezepten abgespeist wird, die den wirklichen Problemen nicht gerecht werden. Sie sieht, dass die Antworten, die so gegeben werden, auf dünnem Boden stehen, dass die scheinbaren Klärungen, die diese Antworten schaffen, trügerisch sind, weil schon eine kleine weitere Frage reichen könnte, um alle Sicherheiten zunichte zu machen.

    Es muss anstrengend sein

    Was ist zu tun? Wenn den Menschen, die aus ihrem Alltag heraus auf philosophische Fragen stoßen, die Vermittlungsinstanz des Technikers fehlt, der ihm die Erkenntnisse der Forschung nutzbar machen könnte, dann bleibt nur ein Weg, um den Abgrund zwischen akademischer Philosophie und Alltag zu überwinden: Beide Seiten müssen aufeinander zugehen. Die Philosophen müssen sich bemühen, so verständlich wie möglich zu schreiben, ohne ihren Anspruch auf Tiefe aufzugeben. Und das philosophisch fragende Publikum muss einsehen, dass auch verständliche  Philosophie keine leicht verdauliche Kost sein kann, dass sie Anstrengung erfordert. Es darf die Antwort auf seine Fragen nicht in knackigen Slogans erwarten, es darf nicht hoffen, dass es die Lösung der tiefsten Probleme in einem launigen Vortrag oder einem unterhaltsamen Fernsehtalk erfährt. Wer einmal auf philosophische Fragen gestoßen ist, die ihn verunsichern, muss begreifen, dass es ein langer, schwieriger aber lohnender Weg ist, bis wieder eine gewisse Sicherheit erreicht ist.

    Und diese Philosophie und dieses Publikum gibt es bereits. Es gibt nicht hier die unverständliche akademische Philosophie und dort die trivialisierenden Sachbuchautoren. Jedes Werk, das auf den philosophischen Buchmarkt kommt, nimmt einen bestimmten Punkt irgendwo in einem Spektrum ein und ist ein Teil der Brücke, die gebaut werden muss. Nicht alle Autoren, die zu dieser Brücke beitragen, sind Teil der akademischen Philosophie. Barbara Bleisch gehört dazu, die Fragen der familiären Verantwortung diskutiert, und auch die Reflexionen von Peter Trawny in den Heidegger Fragmenten.

    Wer mit philosophischen Fragen ringt, darf es sich nicht leichtmachen. Die nicht, die darüber schreiben: Sie müssen eine Sprache finden, die den Problemen gerecht wird, und doch auch verständlich werden kann, ohne missverständlich zu sein. Und auch die, die lesend nach Antworten suchen, dürfen zwar verständliche Philosophie, aber keine sanfte Unterhaltung erwarten, denn die Probleme, die sich ihnen aufdrängen, sind gewaltiger als man vielleicht meint, wenn man ihnen das erste Mal begegnet. Man kann die wechselseitige Ablehnung der akademischen Autoren und der Publikumslieblinge auch als notwendige Kritik auffassen, dass es sich beide Seiten auf ihren Plätzen allzu bequem machen und damit das fragende Publikum eben beide nicht zu der Anstrengung motivieren, die nötig wäre, um den Herausforderungen der philosophischen Probleme gerecht zu werden.

    Lesen Sie dazu auch die Rezension von Jörg Phil Friedrich zu dem Buch Shooting Stars von Daniel-Pascal Zorn.

  • Die Wahrheit über die Wahrheit

    Die Wahrheit über die Wahrheit

    Gibt es Wahrheit? Das hat mich ein Bekannter per Messenger gefragt. Und hier kommt meine Antwort:

    Ja, sicherlich gibt es Wahrheit!

    Ich halte einen Ansatz[1] für plausibel, bei dem man von einem Satz sagt, dass er wahr ist, wenn er mit den Tatsachen übereinstimmt. Die Wahrheit, das ist dann die Aussage des Satzes, und es ist die Wahrheit über einen tatsächlichen Vorfall, ein tatsächliches Ereignis in der Realität.

    Ein Beispiel: Der Satz „Ein Bekannter hat mich per Messenger gefragt, ob es Wahrheit gibt“ ist wahr, wenn mich tatsächlich ein Bekannter per Messenger gefragt hat, ob es Wahrheit gibt. Dann ist es die Wahrheit, dass mich der Bekannte das gefragt hat. Also gibt es die Wahrheit.[2]

    Über jedes tatsächliche Ereignis gibt es eine Wahrheit, wenn man irgendwie einen Satz formulieren kann, der dieses Ereignis beschreibt. Und dieses „Irgendwie“ sollte man, da gibt es erstmal kein Gegenargument, ziemlich weit auffassen: Es ist vorstellbar, dass man über dieses Ereignis irgendwann mal in irgendeiner Sprache, sei es eine natürlich Sprache wie Deutsch, sei es die Formelsprache der Physik, berichten können wird.

    Allerdings könnte es sein, dass es eben Ereignisse gibt, für die das nicht so gut vorstellbar ist. Der einfache Satz „Ich liebe dich.“ scheint zunächst eine einfache Tatsache zu beschreiben und für den Fall, dass ich dich tatsächlich liebe, die Wahrheit zu sagen. Aber so einfach ist es nicht, darauf komme ich gleich zurück.

    Aber kann ich wissen, was wahr ist?

    Erstmal ist ja die Frage, ob ich überhaupt die Wahrheit wissen kann. Was heißt denn Wissen? Die Alten Griechen waren der Ansicht, Wissen wäre die gerechtfertigte Überzeugung von etwas Wahrem. Ich bin überzeugt, dass der Bekannte mir obige Frage gestellt hat, und es ist auch wahr. Und ich kann das auch rechtfertigen, wer dran zweifelt, dem schicke ich einen Screenshot von meinem Chatverlauf. Oder ich öffne die passende App und zeigen ihm direkt den Chat. Also weiß ich über diese Sache die Wahrheit.

    Wenn ich eine gerechtfertigte Überzeugung habe von etwas, das wahr ist, dann weiß ich es. Man kann die Sache komplizierter machen, es gibt eine lange Diskussion zu dieser Frage, aber für unsere Zwecke soll das mal so gelten. Die spannende Frage ist nämlich: Kann ich wissen, dass ich die Wahrheit weiß? Und wenn nicht, weiß ich sie dann überhaupt?

    Ich bin überzeugt davon, dass der Bekannte mich gefragt hat, ob es Wahrheit gibt. Ich kann diese Überzeugung gut begründen. Wenn er mich tatsächlich gefragt hat, dann kann ich sagen, dass ich‘s weiß, wenn er mich aber in Wirklichkeit gar nicht gefragt hat, sondern irgendein böser Hacker sein Messenger-Konto gehackt hat, um mich mit philosophischen Fragen vom Leben abzuhalten, dann irre ich mich, dann habe ich nur gemeint, dass ich es weiß, aber ich habe mich getäuscht, genauer, ich wurde getäuscht.

    Ob das, was ich für die Wahrheit halte, wirklich die Wahrheit ist, kann ich also niemals so ganz sicher sagen, solange ich aber das nicht kann, weiß ich nicht, ob ich etwas weiß, oder ob ich mich täusche. Also weiß ich von dem, was ich zu wissen meine, nie ganz genau, ob ich es wirklich weiß.[3]

    Es kommt drauf an, worum es geht

    Auf diese Weise hinreichend verwirrt, können wir uns um die wirklich interessanten Fälle kümmern. Die in der physischen Welt einfach vorkommenden Tatsachen, dass hier vor mir sich eine Tastatur befindet, auf der ich diesen Text schreibe etwa, sind ja eigentlich langweilig. Wir haben ziemlich zuverlässige Sinne und Rechtfertigungsverfahren für die Feststellung der Wahrheit in diesen Dingen. Es ist ein sehr spezielles philosophisches Spiel, zu zeigen, dass man sich natürlich auch darin nicht sicher sein kann – vor allem, daraus Schlussfolgerungen abzuleiten, die eine Relevanz fürs Leben haben könnten.

    Wichtiger ist es, für Sätze wie „Ich liebe dich“, „Du siehst gut aus“, „Trump ist ein Idiot“ oder „Es gibt einen Klimawandel“ herauszufinden, ob es da so etwas wie Wahrheit gibt. Der Satz „Trump ist ein Idiot“ ist genau dann wahr, wenn Trump tatsächlich ein Idiot ist. Was aber bedeutet es „tatsächlich ein Idiot“ zu sein? Was bedeutet „Idiot“ und wann „ist“ man ein Idiot? Nur, wenn man das zuverlässig klären könnte, und wenn man sagen könnte, wie diese Worte „ist“ und „Idiot“ mit der Realität verbunden sind, könnte man überhaupt eine Aussage darüber machen, ob der Satz über Trump diese Realität richtig beschreibt.

    Die Wahrheit über Trump

    Man braucht also eine weitere Art von Sätzen, nämlich solche, die Begriffsbedeutungen bestimmen.  „Ein Idiot ist einer, der dauernd Tweets in die Welt schickt, bei deren Lektüre sich die meisten Menschen entsetzt vor den Kopf schlagen und ungläubig mit dem Kopf schütteln“. Das wäre jetzt natürlich eine Begriffsbestimmung, die sehr stark darauf zugeschnitten ist, den Satz „Trump ist ein Idiot“ auch wahr zu machen. Man kann die Tatsache, die als Kriterium dienen soll, recht einfach überprüfen, und damit könnte man dann die Überzeugung rechtfertigen, die man mit dem Satz über Trump ausgesprochen hat.

    Sätze, die Begriffsbestimmungen enthalten, sind selbst natürlich nie wahr oder falsch, und das macht das mit der Wahrheit der Sätze über die Wirklichkeit, die diese Begriffsbestimmungen verwenden, auch so schwer. Man muss die Begriffsbestimmung akzeptieren, um beurteilen zu können, ob der Satz eine Wahrheit ausspricht, oder nicht. Auch über Trump und seinen Geisteszustand gibt es sicherlich eine Wahrheit, aber ob diese Wahrheit in dem obigen Satz zutreffend ausgesprochen ist, hängt eben davon ab, ob die Begriffsbestimmung passt.

    Allerdings haben die Menschen in der Gemeinschaft eine ziemlich gute Fähigkeit entwickelt, Konsens über die Bedeutung von Begriffen zu erzielen, ohne Begriffsbestimmungen zu formulieren. So kann man einfach auf jemanden zeigen und sagen: Das ist ein Idiot. Und wenn die Leute das oft genug machen, werden sie bald merken, dass sie den Begriff „Idiot“ in dem Sinne richtig anwenden, dass wenn einer auf eine Person zeigt und sagt „Das ist ein Idiot“ die umstehenden sagen (oder auch nur denken) „Das stimmt“. In so einer Gemeinschaft wäre der Satz „Trump ist ein Idiot“ dadurch gerechtfertigt, dass alle ihm zustimmen. Es könnte auch sein, dass einer fragt: „Warum meinst du das?“ und der andere antwortet „Schau dir seine Tweets an!“ und der erste, nachdem er das getan hat, sagt „Stimmt, jetzt weiß ich es auch: Es ist wahr, Trump ist ein Idiot!“

    Jede Gemeinschaft hat ihre eigene Wahrheit

    Innerhalb dieser Gemeinschaft gibt es dann also auch Wahrheit hinsichtlich der Realität, sogar hinsichtlich ziemlich verwickelter Fälle.[4] Es ist sogar so, dass diese Gemeinschaft sich durch diese gemeinsamen Wahrheiten selbst konstituiert. Denn wenn in dieser Gemeinschaft einer nicht akzeptieren will, dass Trump ein Idiot ist, dann gehört er eben nicht dazu.

    Allerdings ist uns nun der bestimmte Artikel „die“ vor „Wahrheit“ abhanden gekommen. Denn hinsichtlich eines real vorkommenden Sachverhalts kann es nun mehrere Wahrheiten geben, es gibt nicht mehr „die Wahrheit“ – jede Gemeinschaft hat ihre eigenen Wahrheiten.

    Da ich annehme, dass meinen Bekannten gerade solche Fälle interessiert haben, muss ich also sagen:

    Nein,  diese Wahrheit gibt es nicht. Es gibt keine Wahrheit über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens, auf die sich alle Menschen am Ende einigen können müssten.

    Haben Sie auch eine Frage, zu der Sie ein philosophischer Antwortversuch interessiert? Dann schreiben Sie an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

    [1] Man bezeichnet diesen Ansatz als „Korrespondenztheorie der Wahrheit“. Er setzt voraus, dass es eine Realität gibt und dass wir diese Realität mit unseren Aussagen zutreffend beschreiben können. „Wahrheit“ hat dann mit dieser Realität zu tun, mit dem Verhältnis der Aussagen zur Realität. Man könnte auch die Wahrheit von Aussagen innerhalb reiner Aussagensysteme untersuchen, also etwa die Aussage des Satzes „Harry Potter hat eine Narbe am Fuß.“ Aber ich glaube, um solche Fragen ging es meinem Bekannten nicht.

    Haben Sie auch eine Frage, zu der Sie ein philosophischer Antwortversuch interessiert? Dann schreiben Sie an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

    [2] Hier könnte man einwenden, dass völlig unklar ist, was dieses „es gibt“ in Bezug auf „Wahrheit“ bedeuten soll. Eine Wahrheit ist kein Ding wie ein Auto oder ein Computer, die es physisch in Zeit und Raum gibt. „Gibt es“ Wahrheit als Eigenschaft eines Ereignisses in Raum und Zeit, so wie das Ereignis „laut“ oder „rot glänzend“ sein kann? Wahrscheinlich auch nicht. Das ist eine spannende philosophische Frage, die aber zu der meines Bekannten wahrscheinlich nicht viel beiträgt. Ich vermute, er meint „es gibt“ in Bezug auf Wahrheit einfach so: Kann man eine klare Aussage bezüglich eines Ereignisses treffen, von der man sicher sein kann, dass sie wahr ist?

    [3] Immer wieder lesenswert in dieser Frage ist „Über Gewissheit“ von Ludwig Wittgenstein. Er diskutiert auch die schöne Formel „Ich glaubte zu wissen“.

    [4] Man kann sagen, dass diese Gemeinschaft eine Konsenstheorie der Wahrheit annimmt. Genau genommen laufen alle meine Überlegungen hier darauf hinaus, dass man für die Wahrheit eine Art Komplemetär-Prinzip ähnlich der Quantentheorie bräuchte. Für bestimmte paradigmatische Situationen würde sich die Korrespondenztheorie als angemessen herausstellen, für andere die Konsenstheorie (oder eine Kohärenztheorie). Beide zusammen ergäben ein gutes Verständnis von Wahrheit. Aber das muss ein andermal ausgeführt werden.

  • Wörterbuch der Phänomene: Nachdenken

    Wörterbuch der Phänomene: Nachdenken

    Lassen Sie uns nachdenken. Ständig werden wir ja dazu aufgefordert, nachzudenken. Schon die Eltern forderten uns dazu auf: „Denk doch mal nach!“ Und wenn wir etwas angestellt hatten, dann fragten sie uns „Hast du denn gar nicht nachgedacht?“ Es nicht zu tun ist ein Vorwurf, der uns irgendwie das ganze Leben begleitet. Es scheint etwas zu sein, was uns vor vielen Gefahren bewahren könnte, aber was wir doch viel zu selten tun. Nachdenklichkeit ist etwas Lobenswertes.

    Aber wir sollen, so sagt man dann auch wieder, nicht zu lange nachdenken. Manchmal sollen wir einfach etwas tun, ohne viel nachzudenken. Dann scheint es wieder etwas zu sein, was vom Handeln abhält. Entweder, weil es nie zu einem Ende kommt, oder, weil es Einsichten produziert, die uns vor dem Handeln zurückschrecken lassen.

    Nachdenken ist etwas Paradoxes, denn wir sollen es tun, bevor wir handeln. Dabei verweist die Vorsilbe „Nach“ doch darauf, dass es erst später kommt, nach etwas anderem. Wem denkt das es nach? Und welchem Handeln geht es voraus? Mit solchen Fragen sind wir schon mitten im Nachdenken.

    Nachdenken – das Wort kann man ganz unterschiedlich verstehen. Es kann zum einen heißen, dass wir irgendetwas – erlebtes, gelesenes, gehörtes – denkend nachvollziehen. Dann ist es ein Denken, dass auf das Erleben folgt. Ein Denken, das das erlebte verständlich machen soll, das es vielleicht in anderes erlebtes einordnen soll.

    Zum anderen kann es auch das Nachvollziehen eines anderen Denkens sein. Da gibt es einen Vordenker, und Sie sollen ihm folgen, so, wie sie einem Vorgänger nachgehen. Einer bereitet den Denkweg, die anderen denken hinterher.

    Wir müssen, wenn wir darüber nachdenken, zugeben, dass das Nachdenken zwar von beidem etwas hat, aber doch eigentlich etwas ganz anderes ist. Die Vorsilbe „Nach“ ist eine Täuschung, sie führt uns auf eine falsche Spur. Es ist ein Aufbruch in eine unbekannte Welt, es ist etwas, wie nachschauen, nachfragen, nachhaken. Wir graben tiefer, wir gehen weiter. Dabei sind wir beharrlich, aber auch behutsam, wir gehen Schritt für Schritt und versuchen, den Kontakt zum bisherigen zu behalten: wir sind nachhaltig. Es kommt uns nicht auf den schnellen Erfolg, sondern auf langfristige Einsichten an.

    Mit dieser Kolumne beginnt das „Wörterbuch der Phänomene“, in dem alle zwei Wochen über einen Begriff nachgedacht wird, der einen Teil unserer alltäglichen Welt beschreibt. Wenn Sie eine Anregung für das Wörterbuch haben, senden Sie eine Mail an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

  • Hinaus in die Kultur?

    Hinaus in die Kultur?

    Urlaubszeit, da wünschen wir uns hinaus in die Natur. Aber ist der Ort unserer Sehnsucht wirklich die „wilde“ oder die „pure“ Natur? Ist die Wildnis nicht eher ein Ort zum Fürchten?

    Überall begegnet der Mensch nur noch sich selbst, meinte der Physiker Werner Heisenberg mal in einem ganz anderen Zusammenhang. Das heißt, alles ist menschlich geprägt. Manchmal ist das ziemlich selbstverständlich geworden, Teil unserer Kultur. Dann wieder wirkt die Sache doch ziemlich gekünstelt, künstlich. Im philosophischen Podcast geht es dieses Mal um die feinen Unterschiede zwischen der Wildnis und der Natur, der Kultur und der Künstlichkeit. Und auch wieder darum, wie solche Begriffs-Unterscheidungen helfen, die Wirklichkeit besser zu verstehen.

  • Realität, Wirklichkeit und Welt

    Realität, Wirklichkeit und Welt

    In der „Kritik der vernetzten Vernunft“ wird zwischen Realität, Wirklichkeit und Welt unterschieden. Was bringen solche Spitzfindigkeiten für einen Ertrag? Lohnt es sich, diese Begriffe voneinander zu trennen? Und: Darf man das? Darum geht es in diesem philosophischen Podcast.

     

    P.S. Zu dem Video zu Hegels Begriff der Wirklichkeit geht es hier: