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	<title>Andreas Kern: La vida Tombola-Archiv - Texte zur Sache</title>
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	<description>Meinung und Debatte, Rezensionen, Kunst, Sport, Politik und Gesellschaft</description>
	<lastBuildDate>Mon, 07 Sep 2026 07:46:52 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Andreas Kern: La vida Tombola-Archiv - Texte zur Sache</title>
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		<title>Die Inflationssteuer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Sep 2026 07:46:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Hauptbeitrag]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Argentinien]]></category>
		<category><![CDATA[Inflation]]></category>
		<category><![CDATA[Javier Milei]]></category>
		<category><![CDATA[Raúl Alfonsín]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn Populisten den ärmeren Schichten Wohltaten versprechen, dann verschweigen sie meist eines: Die sozial Schwachen zahlen dafür oft den höchsten Preis. Und zwar in Form von Geldentwertung. Denn die Ärmeren haben im Gegensatz zu den Wohlhabenden, und meist auch den Populisten selbst, keine Konten auf den Bahamas oder in der Schweiz. Am Beispiel Argentinien sieht man am besten, wie Inflation den Mittelstand arm und die Armen zu sehr Armen gemacht hat.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/la-vida-tombola/die-inflationssteuer/">Die Inflationssteuer</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt in der Demokratie eine einfach klingende Möglichkeit, Wohltaten zu verteilen, ohne dass jemand unmittelbar dafür zur Kasse gebeten wird: Man verspricht einfach: Im Himmel ist Jahrmarkt – und bezahlt die Wahlgeschenke mit frisch gedrucktem Geld. Der Notenpresse sei Dank. In Südamerika hatte diese Art des Notenpressen-Populismus lange Zeit Hochjunktur. Auch in den USA und Europa ist die Versuchung, staatliche Ausgaben durch eine sehr expansive Geldpolitik abzufedern, keineswegs unbekannt. Warum? Anders als bei einer Steuererhöhung erscheint die Belastung nicht sofort auf dem Steuerbescheid. Außerhalb des biblischen Paradieses oder des Schlaraffenlandes ist aber keine Wohltat umsonst. Irgendwer zahlt irgendwann immer. Nur kommt die Rechnung erst später, anonym, in Form steigender Preise – und sie wird höchst ungleich verteilt. Wer ein Aktiendepot, eine Eigentumswohnung oder wenigstens ein Konto auf den Bahamas oder in Zürich besitzt, kann sein Vermögen gegen Inflation meist besser schützen. Wer sein Erspartes in bar unter der Matratze hält oder von der Hand in den Mund lebt, verliert real und sofort. Inflation kann, ökonomisch betrachtet, wie eine regressive Steuer wirken – und politisch ist sie bequem, weil sie nicht als Steuer beschlossen wird.</p>
<p>Nirgendwo lässt sich dieser Mechanismus so anschaulich besichtigen wie in Argentinien, einem Land, das im Lauf des vergangenen Jahrhunderts mit bemerkenswerter Beharrlichkeit jede Gelegenheit genutzt hat, die eigene Bevölkerung zu enteignen – meist im Namen der sozialen Gerechtigkeit, stets mit anschließender Pressekonferenz.</p>
<h2>1989: Die Ersparnisse verdampfen, die Reden bleiben warmherzig</h2>
<p>Als der Regierung von Präsident <a href="https://liberal-international.org/people/raul-alfonsin/">Raúl Alfonsín</a> 1989 endgültig die Kontrolle über die Preise entglitt, stieg die Inflation im Gesamtjahr auf rund 3.079 Prozent<sup>1</sup> – eine Zahl, die selbst hartgesottene Ökonomen nicht kalt lässt, weil die Realität jeden Extremfall aus den einschlägigen Lehrbüchern bereits überholt hatte. Wer morgens einkaufen ging, kalkulierte nachmittags neu. Alfonsín trat vorzeitig zurück, sein Nachfolger Carlos Menem erbte den Trümmerhaufen und antwortete Anfang 1990 mit dem sogenannten Plan Bonex: Termineinlagen in Landeswährung wurden per Dekret in zehnjährige, auf US-Dollar lautende Staatsanleihen zwangsumgetauscht<sup>2</sup> – wer sein Geld für den Notfall zurückgelegt hatte, besaß formal weiterhin einen Anspruch, musste aber erhebliche Verluste und jahrelange Bindung hinnehmen. Wer sein Vermögen rechtzeitig ins Ausland geschafft hatte, blieb eher verschont. Die classe politique nannte das Stabilisierungspolitik. Die Sparer nannten es, mit einiger Berechtigung, Diebstahl auf Raten.</p>
<h2>2001: Der Laufstall für die Ahnungslosen</h2>
<p>Zwölf Jahre später wiederholte sich die Übung, diesmal mit ambitionierterem politischen Framing. Das über Jahre gepflegte Versprechen, ein Peso sei so viel wert wie ein Dollar, ließ sich angesichts von Rezession, Schuldenproblemen und Kapitalflucht immer schwerer halten. Als die Währungsreserven zur Neige gingen, floh, wer konnte: Allein 2001 schrumpften die privaten Bankeinlagen um rund 16 Milliarden Peso<sup>3</sup>. Zurück blieben die Ersparnisse derjenigen, die weder Offshore-Konto noch einen schnellen Ausweg besaßen. Wirtschaftsminister Cavallo verordnete daraufhin den „Corralito“, wörtlich das Laufgitter: Barabhebungen wurden zunächst auf 250 Peso pro Woche begrenzt<sup>4</sup>. Den Staatsbankrott verkündete Ende Dezember 2001 Interimspräsident <a href="https://www.spiegel.de/politik/ausland/argentinien-peronist-rodriguez-saa-wird-uebergangspraesident-a-174217.html">Adolfo Rodríguez Saá</a>; Anfang 2002 beendete Eduardo Duhalde die Dollarbindung. Kurz darauf wurden Dollarguthaben zu 1,40 Peso je Dollar zwangsweise in Peso umgerechnet – bei einem bereits deutlich schwächeren Marktkurs ein erheblicher Verlust in Dollar gerechnet<sup>5</sup>. Nicht diejenigen, die vorher geflohen waren, sondern jene, die dem System noch vertraut hatten, traf es besonders hart. Duhalde war der fünfte Präsident binnen rund drei Wochen. Die Botschaft an jeden Argentinier war eindeutig: Vertrauen in die eigene Währung ist ein Luxus, den sich nur leisten kann, wer eine Alternative besitzt.</p>
<h2>Milei, oder: Die Rechnung nach vierzig Jahren</h2>
<p>Wer wissen will, wie die Rechnung für jahrzehntelange wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen am Ende aussieht, muss nur die jüngsten Zahlen lesen. 2023 lag die Inflation bei 211,4 Prozent, 2024 noch bei 117,8 Prozent<sup>6</sup>. Der neue Präsident, der libertäre Ökonom <a href="https://texte-zur-sache.de/politik/der-notarzt-mit-der-kettensaege/">Javier Milei</a>, trat mit dem Versprechen an, die staatliche Notenpresse stillzulegen: Er strich Subventionen, verkleinerte den Staatsapparat und wertete den offiziellen Peso-Kurs zu Beginn seiner Amtszeit stark ab. Die Inflation fiel daraufhin deutlich; 2025 stiegen die Verbraucherpreise noch um 31,5 Prozent<sup>7</sup>. Der soziale Preis der Schocktherapie war zunächst real: Die Armutsquote sprang im ersten Halbjahr 2024 auf 52,9 Prozent. Danach ging sie jedoch kräftig zurück – auf 38,1 Prozent im zweiten Halbjahr 2024, 31,6 Prozent im ersten und 28,2 Prozent im zweiten Halbjahr 2025<sup>8</sup>. Das bleibt hoch für ein Land, das vor gut hundert Jahren zu den reichsten der Welt zählte, ist aber eine deutlich andere Entwicklung als noch zu Beginn der Reformen.</p>
<p>Man kann Milei für den sozialen Preis seiner Schocktherapie kritisieren, und viele tun das mit spürbarer Freude. Nur sollte man dabei nicht vergessen, dass die Krise lange vor seinem Amtsantritt entstanden war. Über Jahrzehnte finanzierten Regierungen unterschiedlicher Couleur Defizite, hielten Energie- und Verkehrspreise künstlich niedrig, blähten den öffentlichen Sektor auf und verschoben Reformen, weil die nächste Wahl wichtiger war als die übernächste Generation. Die Verarmung vieler Argentinier lässt sich deshalb nicht auf das Jahr 2024 reduzieren. Sie ist auch das Ergebnis einer langen Vorgeschichte aus Defiziten, Währungskrisen und wiederkehrender hoher Inflation, in der fast jede Regierung versprach, dass diesmal alles anders werde.</p>
<p>Der Treppenwitz der Geschichte ist, dass ausgerechnet die Ärmsten am zuverlässigsten für populistische Versprechen bezahlen, während Vermögende ihr Geld leichter in Montevideo, Miami oder anderswo in Sicherheit bringen können. Das ist keine argentinische Spezialität – es ist dort nur, dank einer beeindruckenden Übungsserie, am deutlichsten zu besichtigen. Wer glaubt, eine solide Währung sei ein Selbstläufer, dem man sich risikolos nähern kann, sollte sich die Statistik aus Buenos Aires an die Wand hängen. Nicht als Drohung. Als Erinnerung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Fußnoten</strong></p>
<ol>
<li>Vgl. Weltbank, Tabelle zur Inflation in Argentinien: 1989 3.079 % (Dezember gegenüber Dezember), auf Basis von IMF International Financial Statistics: <a href="https://documents1.worldbank.org/curated/en/467501468772765700/pdf/multi-page.pdf">https://documents1.worldbank.org/curated/en/467501468772765700/pdf/multi-page.pdf</a>.</li>
<li>Vgl. Internationaler Währungsfonds (IMF), History of the IMF 1990–1999, Kap. 9; sowie IMF Working Paper 99/152: Plan Bonex ersetzte Anfang 1990 Termineinlagen durch zehnjährige US-Dollar-Anleihen; die BONEX verloren unmittelbar stark an Marktwert: <a href="https://www.imf.org/external/pubs/ft/history/2012/pdf/c9.pdf">https://www.imf.org/external/pubs/ft/history/2012/pdf/c9.pdf</a>.</li>
<li>Vgl. IMF, Lessons from the Crisis in Argentina: 2001 gingen private Bankeinlagen um rund 16 Mrd. Peso bzw. rund 21 % zurück:<a href="https://www.elibrary.imf.org/abstract/book/9781589062085/C1.xml"> https://www.elibrary.imf.org/abstract/book/9781589062085/C1.xml</a>.</li>
<li>Vgl. IMF, Lessons from the Crisis in Argentina: Der Corralito begrenzte Barabhebungen zunächst auf 250 Peso pro Woche: <a href="https://www.imf.org/external/np/pdr/lessons/100803.pdf">https://www.imf.org/external/np/pdr/lessons/100803.pdf</a>.</li>
<li>Vgl. IMF, Argentina: 2002 Article IV Consultation: Dollareinlagen wurden Anfang 2002 zu 1,40 Peso je US-Dollar pesifiziert; der Marktwechselkurs lag kurz darauf deutlich niedriger: <a href="https://www.imf.org/external/pubs/ft/scr/2003/cr03226.pdf">https://www.imf.org/external/pubs/ft/scr/2003/cr03226.pdf</a>.</li>
<li>Vgl. Banco Central de la República Argentina (BCRA), Informe de Política Monetaria, Dezember 2025, auf Basis von INDEC: Inflation 2023 211,4 %, 2024 117,8 %: <a href="https://www.bcra.gob.ar/archivos/Pdfs/PublicacionesEstadisticas/informes/informe-politica-monetaria-2025-T4.pdf">https://www.bcra.gob.ar/archivos/Pdfs/PublicacionesEstadisticas/informes/informe-politica-monetaria-2025-T4.pdf</a>.</li>
<li>Vgl. BCRA, Informe de Política Monetaria, Dezember 2025, auf Basis von INDEC: Verbraucherpreisinflation 2025 31,5 %: <a href="https://www.bcra.gob.ar/archivos/Pdfs/PublicacionesEstadisticas/informes/informe-politica-monetaria-2025-T4.pdf">https://www.bcra.gob.ar/archivos/Pdfs/PublicacionesEstadisticas/informes/informe-politica-monetaria-2025-T4.pdf</a>.</li>
<li>Vgl. INDEC, Incidencia de la pobreza y la indigencia en 31 aglomerados urbanos: 52,9 % im 1. Halbjahr 2024, 38,1 % im 2. Halbjahr 2024, 31,6 % im 1. Halbjahr 2025 und 28,2 % im 2. Halbjahr 2025: <a href="https://www.indec.gob.ar/indec/web/Nivel4-Tema-4-46-152">https://www.indec.gob.ar/indec/web/Nivel4-Tema-4-46-152</a>.</li>
</ol>
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		<title>José Antonio Kast: Der Mann, der nicht schreien wollte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2026 09:45:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Nebenbeitrag]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Chile]]></category>
		<category><![CDATA[José Antonio Kast]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>José Antonio Kast regiert Chile seit fünfeinhalb Monaten – erstaunlich leise für einen, der von der linken Konkurrenz als rechtskonservativer Hardliner verteufelt wurde, teilweise sogar als geistiger Erbe des früheren Militärmachthabers Augusto Pinochet. Kasts Basis hatte sich dagegen das argentinische Modell gewünscht: Politik mit der Kettensäge. Sie bekam eine Ordnungsmappe.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/la-vida-tombola/jose-antonio-kast-der-mann-der-nicht-schreien-wollte/">José Antonio Kast: Der Mann, der nicht schreien wollte</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Man muss José Antonio Kast lassen: Er hat Wort gehalten – zumindest in dem einen Punkt, in dem es ihm niemand zugetraut hätte. Der Mann, der im Wahlkampf vom „Ausnahmezustand“ sprach und dessen Vater im Zweiten Weltkrieg als Offizier in der Wehrmacht diente und 1950 nach Chile auswanderte<sup>1</sup>, regiert seit dem 11. März 2026 grundsolide. Sein Stil erinnert nicht an einen südamerikanischen Irrwisch mit gelegentlichen exzentrischen Anwandlungen, wie man es aktuell im Nachbarland Argentinien erlebt, sondern an einen oberbayerischen Provinzverwaltungsjuristen mit Rosenkranz in der Schreibtischschublade. Kein Kettensägen-Auftritt auf der Bühne, keine Schimpfkanonaden auf korrupte Eliten, kein Dauerfeuer auf Social Media. Stattdessen: Haushaltskonsolidierung, Ausgabenkürzungen, Steuersenkungen – das ordentliche, etwas humorlose Handwerk der klassischen liberal-konservativen Schule, wie man es früher, vor der Erfindung des politischen Trollings, für Politik hielt.<sup>2 </sup>Man könnte geradezu sagen, Chile wird von einem habituellen Wiedergänger Edmund Stoibers regiert und nicht von einer Kopie von <a href="https://texte-zur-sache.de/la-vida-tombola/argentinien-anleitung-ein-land-zu-ruinieren/">Javier Milei</a>.</p>
<p>Das ist bemerkenswert, denn „solide“ ist genau das, was Kast nicht sein wollte, als er bei der Wahl im Dezember 2025 gut 58 Prozent der Stimmen holte und alle sechzehn Regionen Chiles gewann.<sup>3</sup> Die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik attestiert ihm einen „zurückhaltenden Stil“, der seine Regierungsführung – man höre und staune – „weniger disruptiv“ ausfallen lasse als jene von Donald Trump oder die des argentinischen Präsidenten Javier Milei.<sup>4</sup> Ein lateinamerikanischer Präsident, der sich heutzutage weigert, öffentlich Kraftausdrücke zu benutzen oder die Kamera anzuschreien. Fast schon subversiv.</p>
<h2>Die Bilanz: solide Buchhaltung, wacklige Basis</h2>
<p>Nur: Regieren ohne Exzentrik hat in Lateinamerika offenbar seinen Preis, und der wurde in Umfragen bereits kassiert. Der politische Kredit schmolz schnell: Während Kast die Stichwahl mit gut 58 Prozent gewonnen hatte, lag seine Zustimmung nach rund hundert Tagen je nach Umfrage nur noch zwischen 34 und 44 Prozent; die Criteria-Erhebung wies 39 Prozent aus.<sup>5</sup> Nach 69 Tagen musste bereits Sicherheitsministerin Trinidad Steinert gehen – ausgerechnet jenes Ressort, das im Wahlkampf das Herzstück von Kasts Versprechen war, die irreguläre Migration einzudämmen und für mehr Ordnung im Land zu sorgen.<sup>6</sup> Die von der Vorgängerregierung geplante Regularisierung von rund 182.000 Migranten wurde zwar gestoppt, zudem begann die Regierung mit einem „Plan Escudo Fronterizo“, der unter anderem Gräben, technische Überwachung und einen verstärkten Militäreinsatz an der Nordgrenze vorsieht.<sup>7</sup> Aber der große, spürbare Umbruch, den viele Wähler erwartet hatten, blieb bislang aus. Kast regiert außerdem ohne eigene parlamentarische Mehrheit; auch das Mitte-rechts-Lager kann im Kongress nicht einfach durchregieren.<sup>8</sup> Für zentrale Reformen braucht er deshalb Kompromisse. Kompromissbereitschaft aber gehörte bislang nicht zu den Eigenschaften, die Kast im Wahlkampf demonstriert hat. Und für die politische Linke im Land ist Kast so etwas wie der Gottseibeiuns. Zumindest dort dürfte es auch künftig wenig Bereitschaft zum politischen Entgegenkommen geben.</p>
<h2>Das Milei-Problem</h2>
<p>Dabei ist die eigentliche Ironie der chilenischen Gegenwart: Ein erheblicher Teil von Kasts Anhängerschaft hatte sich, offen gesagt, etwas mehr von dem gewünscht, was der Argentinier Milei in seinem Werkzeugkasten hat. Knallharte Rhetorik, Tempo, Symbolik, das Gefühl, dass endlich „durchregiert“ wird. Stattdessen bekamen sie Doppelhaushalt und Dekretprüfung. Ob dem einstigen Manager im Familienunternehmen, dessen Wohlstand ausgerechnet auf einer Wurstwarenmarke namens Bavaria beruht, das schadet? Vermutlich ja – zumindest kurzfristig.<sup>9</sup> Populismus lebt von der Inszenierung des Kampfes, nicht vom Ergebnis; Milei selbst beweist jedenfalls, dass auch das theatralische Modell keine Wunder liefert: Die argentinische Jahresinflation lag im Juli 2026 noch bei 33,8 Prozent, während seine Zustimmung in mehreren aktuellen Umfragen nur im niedrigen bis mittleren 30-Prozent-Bereich lag.<sup>10</sup> Das theatralische Modell liefert also vor allem bessere Bilder. Kast hat sich, vielleicht aus Temperament, vielleicht aufgrund seiner Bewunderung für deutsche Disziplin, vielleicht aus seiner tiefen Verankerung im katholischen Glauben (was Kast nun tatsächlich mit dem früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber verbindet), in dem Maßhalten als Tugend gilt, für die unspektakulärere Variante entschieden: Politik als Verwaltung statt als Dauerkrise. Das ist staatstragender. Es ist nur leider nicht das, wofür man ihn gewählt hat.</p>
<h2>Ferndiagnose aus Berlin: Der deutsche Bruder im Geiste</h2>
<p>Wer an dieser Stelle mitleidig auf Kasts Regierungssitz „La Moneda“ herabblicken möchte, sei an den deutschen Bundeskanzler erinnert. Auch Friedrich Merz trat mit dem Versprechen an, in der Migrationspolitik für Ordnung zu sorgen – und musste schon früh erleben, wie ihm die Zustimmungswerte davonliefen. Nach 100 Tagen waren nur 32 Prozent mit seiner Arbeit zufrieden; Olaf Scholz hatte zum vergleichbaren Zeitpunkt noch deutlich besser abgeschnitten.<sup>11</sup> Der Vergleich mit Kast drängt sich auf: Bei beiden entscheidet sich ein erheblicher Teil ihrer politischen Glaubwürdigkeit an Migration und Sicherheit. Der feine Unterschied: Kast setzte an der Grenze früh konkrete Maßnahmen in Gang.<sup>7</sup> Merz führte vor allem öffentliche Debatten – mit Sprachbildern, die häufig kritisiert wurden –, während seine Umfragewerte weiter sanken. Ansonsten vertraut der deutsche Kanzler auf das Geschick seines Innenministers, der seine Vorhaben innerhalb der Koalition immer wieder abstimmen muss. Am Ende treffen sich die einstigen konservativen Hoffnungsträger aus Chile und Deutschland auf halbem Weg zwischen Enttäuschung und Ernüchterung: gewählt als Ordnungsmacht, wahrgenommen als Verwaltungsmacht.</p>
<h2>Perspektiven</h2>
<p>Was bleibt, ist eine Wette auf die Geduld der Wähler. Klassische liberal-konservative Politik – Haushaltsdisziplin, Rechtsstaat, schrittweise Reform – ist selten spektakulär, aber gegenüber einem permanent inszenierten Kettensägenkurs potenziell nachhaltiger. Ob Kast diesen Kredit bei seiner eigenen Wählerschaft bekommt, ist offen; ohne Kongressmehrheit und mit einer Basis, die auf schnelle Erfolge in Sicherheit und Migration wartet, bleibt sein Spielraum schmal. Sollte er scheitern, wird ihm die Geschichte vermutlich ausgerechnet das ankreiden, was liberale Beobachter in Europa eigentlich loben müssten: dass er es, ganz undiktatorisch, mit Gesetzen statt mit Gesten versucht hat.</p>
<h2>Fußnoten / Quellen</h2>
<p><strong>1 </strong>Munzinger Archiv, „José Antonio Kast“: Biografische Angaben zu Michael Kast Schindele (Wehrmachtsoffizier, Emigration 1950) und zur Familie Kast; abgerufen am 24.08.2026. https://www.munzinger.de/register/portrait/biographien/kast%20jose%20antonio/00/34077</p>
<p><strong>2 </strong>EFE, „Kast’s first 100 Days in Chile: Unrealistic promises, search for a security breakthrough“, 18.06.2026; Reuters, „Chile’s Kast launches legislative agenda as he seeks to restore popularity“, 01.06.2026. <a href="https://efe.com/english/latest-news/2026-06-18/kasts-first-100-days-in-chile/">https://efe.com/english/latest-news/2026-06-18/kasts-first-100-days-in-chile/</a> ; <a href="https://www.reuters.com/world/americas/chiles-kast-launches-legislative-agenda-he-seeks-restore-popularity-2026-06-01/">https://www.reuters.com/world/americas/chiles-kast-launches-legislative-agenda-he-seeks-restore-popularity-2026-06-01/</a></p>
<p><strong>3 </strong>Servicio Electoral de Chile (Ergebnis wiedergegeben u. a. bei Chilevisión): Kast gewann die Stichwahl vom 14.12.2025 mit rund 58,17 Prozent und lag in allen 16 Regionen vorn. <a href="https://www.chilevision.cl/noticias/nacional/kast-gano-en-todas-las-regiones-las-unicas-comunas-en-las-que-triunfo-jara-en-las-elecciones-2025/amp/">https://www.chilevision.cl/noticias/nacional/kast-gano-en-todas-las-regiones-las-unicas-comunas-en-las-que-triunfo-jara-en-las-elecciones-2025/amp/</a></p>
<p><strong>4 </strong>Stiftung Wissenschaft und Politik (Claudia Zilla), „Machtwechsel in Chile. Zwischen radikalem Wandel und institutioneller Pfadabhängigkeit“, SWP-Aktuell 2026/A 13, 12.03.2026. <a href="https://www.swp-berlin.org/publikation/machtwechsel-in-chile">https://www.swp-berlin.org/publikation/machtwechsel-in-chile</a></p>
<p><strong>5 </strong>Criteria, „Agenda Criteria 21 Junio 2026“: 39 Prozent Zustimmung, gleitender Vier-Wochen-Wert 38 Prozent; ergänzend CEP 34 Prozent und Cadem 44 Prozent. <a href="https://www.criteria.cl/agenda/agenda-criteria-21-junio-2026/">https://www.criteria.cl/agenda/agenda-criteria-21-junio-2026/</a></p>
<p><strong>6 </strong>Emol, „A poco más de cuatro meses: Las 36 autoridades que han salido del Gobierno de Kast…“, 29.07.2026: Sicherheitsministerin Trinidad Steinert schied nach 69 Tagen aus dem Amt. <a href="https://www.emol.com/noticias/Nacional/2026/07/29/1206941/salidas-renuncias-autoridades-gobierno-kast.html">https://www.emol.com/noticias/Nacional/2026/07/29/1206941/salidas-renuncias-autoridades-gobierno-kast.html</a></p>
<p><strong>7 </strong>AFP, 30.03.2026, zum Stopp der Regularisierung von rund 182.000 Migranten; Reuters, 17.03.2026, zum Beginn der Grenzsicherungsmaßnahmen mit Gräben und verstärktem Militäreinsatz. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=sAEDxceQddg">https://www.youtube.com/watch?v=sAEDxceQddg</a> ; <a href="https://www.reuters.com/world/americas/chile-begins-construction-anti-migration-trenches-peru-border-2026-03-17/">https://www.reuters.com/world/americas/chile-begins-construction-anti-migration-trenches-peru-border-2026-03-17/</a></p>
<p><strong>8 </strong>Reuters, „Chile elects Kast as president in sharp rightward shift“, 14.12.2025: geteilter Kongress; der Senat war politisch ausgeglichen, im Abgeordnetenhaus fehlte Kast eine sichere Mehrheit. <a href="https://www.reuters.com/world/americas/chile-votes-presidential-race-expected-lurch-country-right-2025-12-14/">https://www.reuters.com/world/americas/chile-votes-presidential-race-expected-lurch-country-right-2025-12-14/</a></p>
<p><strong>9 </strong>La Tercera, „La ruta de los dineros de José Antonio Kast“: Kast arbeitete im Familienunternehmen und leitete dessen Immobilienzweig; der Familienwohlstand beruht u. a. auf Cecinas Bavaria. <a href="https://www.latercera.com/la-tercera-domingo/noticia/la-ruta-los-dineros-jose-antonio-kast/804622/">https://www.latercera.com/la-tercera-domingo/noticia/la-ruta-los-dineros-jose-antonio-kast/804622/</a></p>
<p><strong>10 </strong>INDEC: Verbraucherpreise Juli 2026 +2,1 Prozent gegenüber dem Vormonat; 33,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aktuelle Umfragen meldeten für Milei Zustimmungswerte von rund 31 bis 37 Prozent. <a href="https://www.indec.gob.ar/Nivel4/Tema/3/5/31">https://www.indec.gob.ar/Nivel4/Tema/3/5/31</a> ; <a href="https://bloomberglinea-bloomberglinea-prod.cdn.arcpublishing.com/latinoamerica/argentina/desaprobacion-de-milei-sube-al-624-segun-una-encuesta-de-atlasintel-para-bloomberg/">https://bloomberglinea-bloomberglinea-prod.cdn.arcpublishing.com/latinoamerica/argentina/desaprobacion-de-milei-sube-al-624-segun-una-encuesta-de-atlasintel-para-bloomberg/</a></p>
<p><strong>11 </strong>RND, „Bundesregierung von Friedrich Merz: Bilanz der ersten 100 Tage“, 13.08.2025: 32 Prozent Zufriedenheit mit Merz nach 100 Tagen gegenüber 51 Prozent bei Scholz zum gleichen Zeitpunkt. <a href="https://www.rnd.de/politik/bundesregierung-von-friedrich-merz-bilanz-der-ersten-100-tage-S2TNZXDWINA33CDA5CZLCXOGOI.html">https://www.rnd.de/politik/bundesregierung-von-friedrich-merz-bilanz-der-ersten-100-tage-S2TNZXDWINA33CDA5CZLCXOGOI.html</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/la-vida-tombola/jose-antonio-kast-der-mann-der-nicht-schreien-wollte/">José Antonio Kast: Der Mann, der nicht schreien wollte</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Argentinien &#8211; Anleitung, ein Land zu ruinieren</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Aug 2026 09:55:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Im Trend]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Argentinien]]></category>
		<category><![CDATA[Cristina Fernandez de Kirchner]]></category>
		<category><![CDATA[Javier Milei]]></category>
		<category><![CDATA[Peronismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Argentinien ist das Musterbeispiel, wie populistische Politik einen reichen Staat arm machen kann.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Dass europäische Länder wie Deutschland wirtschaftlich erfolgreich und wohlhabend sind, ist weder ein Naturgesetz noch gottgegeben. Europas (noch vorhandener) Wohlstand ist vor allem das Ergebnis des Fleißes früherer Generationen, einer einst weltweit führenden Bildungslandschaft und eines über eine lange Zeit hinweg vernünftig austarierten Verhältnisses von marktwirtschaftlichem Aufstiegsstreben und sozialem Ausgleich. Über einen Reichtum an Bodenschätzen verfügt Europa im weltweiten Vergleich eher nicht. Und immer deutlicher kündigen historisch niedrige Geburtenraten und das immer massivere Kippen der Alterspyramide einen nie dagewesenen Fachkräftemangel und aufziehende soziale Spaltungen an. Nicht gerade die besten Voraussetzungen also, um auch in Zukunft in Europa mit Wohlstand und sozialem Frieden kalkulieren zu können. Umso schlimmer, dass Europas Politiker die grundlegenden Probleme, die unsere Zukunft an der Wurzel gefährden, nicht beherzt mit tiefgreifenden Reformen angehen, sondern immer häufiger auf Populismus als Placebo setzen. Damit lassen sich vielleicht kurzfristig Wahlen gewinnen. Die vorhandenen Herausforderungen werden damit aber in keinem Fall gelöst, sie potenzieren sich damit nur noch immer weiter.</p>
<p>Und niemand, der Populismus statt Reformen verordnet, kann sich auf Unwissenheit berufen, wenn dieser Weg früher oder später mit Karacho in den Abgrund führt. Es gibt nämlich ein Musterbeispiel, das zeigt, wie man ein Land, das einst zu den sechs reichsten der Erde zählte, in drei Generationen zum chronischen Sorgenkind des Internationalen Währungsfonds herunterwirtschaften kann: Argentinien.</p>
<p>Anders als Europa besaß Argentinien um 1900 alles, was ein Land reich und wohlhabend machen kann: eine der fruchtbarsten Agrarregionen der Welt, Millionen arbeitswillige europäische Einwanderer und einen Anteil am Welthandel, der das Land zeitweise vor Frankreich und Deutschland rangieren ließ. Es gehörte zu den sechs reichsten Nationen der Erde – reicher, pro Kopf, als die Schweiz.<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a> Wer heute wissen möchte, wie man aus einem solchen Kapital in nur drei Generationen einen Dauerpatienten des Internationalen Währungsfonds macht, muss sich nicht in Verschwörungstheorien flüchten. Es genügt ein Blick in die Geschichtsbücher. Argentinien hat, gewissermaßen als Dienst an der Menschheit, ein vollständiges Lehrbuch dafür geliefert, wie man ein Land ruiniert – mit Fußnoten, versteht sich.</p>
<h2>Der Gründervater: Perón und die Erfindung des permanenten Rausches</h2>
<p>Der gelernte Militäroffizier <a href="https://www.planet-wissen.de/kultur/suedamerika/argentinien/argentinien-juan-domingo-peron-100.html">Juan Domingo Perón</a> übernahm 1946 als Staatschef ein Land mit prallen Devisenreserven – Kriegsgewinne aus dem Export von Fleisch und Getreide an ein hungerndes Europa. Sein Verdienst, wenn man es so nennen will, bestand darin, diesen Schatz binnen weniger Jahre zu verprassen und dabei ein politisches Betriebssystem zu installieren, das bis heute nachwirkt: den Justizialismus. Über das staatliche Handelsmonopol IAPI kaufte der Staat den Bauern einen großen Teil ihrer Erzeugnisse zu staatlich festgesetzten Preisen unter dem damaligen Weltmarktniveau ab und verkaufte sie im Ausland teurer weiter – eine Abschöpfung des produktiven Agrarsektors, mit deren Erlösen unter anderem Industrialisierung, Sozialausgaben und Verstaatlichungen finanziert wurden.<a href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a> Löhne wurden per Dekret angehoben, ohne Rücksicht auf Produktivität; Preise wurden per Dekret eingefroren, ohne Rücksicht auf Angebot. Das Ergebnis war absehbar und wiederholt sich seither mit der Zuverlässigkeit eines Naturgesetzes: Kapitalflucht, Inflation, sinkende Investitionen. Perón selbst focht das wenig an – er hatte, was jeder gute Populist braucht, ein Feindbild parat: die „Oligarchie“, die Landbesitzer, das Ausland. Wirtschaftspolitik als moralisches Theater statt als Rechenaufgabe – das ist die Erbsünde, von der sich Argentinien nie mehr erholte.</p>
<h2>Die Generäle erben die Idee, nicht die Disziplin</h2>
<p>Einige Beobachter Argentiniens hofften, dass die Militärjuntas, die das Land zwischen 1955 und 1983 immer wieder regierten, dem Peronismus wenigstens ökonomisch die Stirn geboten hätten. Das Gegenteil war der Fall: Sie übernahmen die Importsubstitution – hohe Zölle, staatlich subventionierte Industrialisierung hinter geschützten Mauern – nur unter anderem Vorzeichen.</p>
<p>Die Diktatur ab 1976 unter Militärmachthaber General Jorge Rafael Videla und Wirtschaftsminister Martínez de Hoz öffnete zwar kurzzeitig die Kapitalmärkte, tat dies aber bei fixiertem Wechselkurs und ohne fiskalische Zügelung, was die Auslandsverschuldung explodieren ließ – von rund acht auf über vierzig Milliarden Dollar binnen weniger Jahre. Der Falklandkrieg 1982 lieferte dann die außenpolitische Bankrotterklärung gleich mit. Am Ende der Dekade stand jene Zahl, die inzwischen zum nationalen Running Gag geworden ist: Im Jahr 1989 erreichte die Inflation über 3.000 Prozent.<a href="#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a> Wer sich fragt, wie ein Land Preisschilder in Supermärkten mehrmals täglich neu drucken kann – Argentinien hat es vorgemacht.</p>
<h2>Menems Zaubertrick und der Kater von 2001</h2>
<p>Der demokratisch gewählte peronistische Präsident Carlos Menem versuchte in den Neunzigern das Kunststück, mit dem „Convertibility Plan“ von 1991 die Inflation per Gesetz zu erschlagen: ein Peso, fix an einen Dollar gekoppelt, jederzeit in Zentralbankreserven eintauschbar. Es funktionierte – für eine Weile, und genau das war das Problem. Die Preisstabilität kaschierte, dass der Staat weiter über seine Verhältnisse lebte, während die Provinzen fröhlich weiter Schulden aufnahmen, gedeckt durch einen überbewerteten Peso, der die heimische Industrie gegenüber Importen wehrlos machte. Privatisierungen fanden statt, doch sie ersetzten Staatsmonopole oft schlicht durch private Monopole, ohne dass echter Wettbewerb entstand – Liberalisierung als Kulisse, nicht als Substanz. Als die Kapitalmärkte 1998 im Zuge der Asien- und Russlandkrise misstrauisch wurden, brach das Kartenhaus zusammen: Kapitalflucht, Bankensperre – der berüchtigte „Corralito“ –, und Ende 2001 der bis dahin größte Staatsbankrott der Geschichte, rund 82 Milliarden Dollar an Auslandsanleihen, mit einem Schuldenschnitt von etwa 75 Prozent für die Gläubiger. Argentinien hatte damit bewiesen, dass ein fixer Wechselkurs kein Ersatz für fiskalische Disziplin ist, sondern lediglich deren Verzögerung – mit Zins und Zinseszins fällig.<a href="#_ftn4" name="_ftnref4">[4]</a></p>
<h2>Die Kirchners: Wenn die Statistik zur Glaubensfrage wird</h2>
<p>Das peronistische Präsidentenpaar Néstor und später <a href="https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/cristina-fernandez-de-kirchner/">Cristina Fernández de Kirchner</a> bot in den 2000er- und frühen 2010er-Jahren eine Fortsetzung des Grundmusters mit neuen Requisiten. Exportsteuern („retenciones“) auf Sojabohnen und Getreide plünderten erneut den einzigen Sektor, der auf Weltmarktniveau konkurrenzfähig war, um Sozialprogramme und Energiesubventionen zu finanzieren, die Strom und Gas praktisch verschenkten – mit dem Ergebnis, dass niemand mehr investierte, um sie zu produzieren. 2012 wurde der spanisch-argentinische Ölkonzern YPF teilverstaatlicht, offiziell aus „nationalem Interesse“, tatsächlich weil man zuvor die Preise so lange reguliert hatte, dass sich Investitionen nicht mehr lohnten und die Produktion einbrach. Kapitalverkehrskontrollen, der „cepo cambiario“, sperrten Bürger und Unternehmen faktisch von Dollars ab und schufen einen Schwarzmarktkurs, der zeitweise mehr als das Doppelte des offiziellen Kurses betrug.</p>
<p>Den Vogel schoss die Regierung ab, als sie das nationale Statistikamt INDEC anwies, die Inflation schlicht kleiner zu rechnen, als sie war – eine Volkswirtschaft, die sich die Wahrheit per Dekret verbat. Der IWF und private Ökonomen mussten fortan mit eigenen, „inoffiziellen“ Preisindizes arbeiten, weil den staatlichen Zahlen niemand mehr traute.</p>
<h2>Milei: Die Antithese mit der Kettensäge</h2>
<p>Im Dezember 2023 vollzog Argentinien mit der Wahl des ultraliberalen Wirtschaftsprofessors <a href="https://texte-zur-sache.de/politik/der-notarzt-mit-der-kettensaege/">Javier Milei</a> dann die totale Schubumkehr. Doch der einstige Rockmusiker mit der ungekämmten Mähne übernahm von seinen peronistischen Vorgängern schwerste Hypotheken. Er erbte eine Inflation von 211 Prozent, eine Armutsquote von rund 42 Prozent und Devisenreserven nahe null; die Armutsquote stieg im Zuge der anfänglichen Anpassung 2024 zeitweise auf über 50 Prozent.<a href="#_ftn5" name="_ftnref5">[5]</a> Sein Rezept war dagegen denkbar unpopulistisch: Er schaffte Ministerien ab, entließ rund 56.000 Staatsbedienstete, kürzte Subventionen und erzwang erstmals seit vierzehn Jahren einen Haushaltsüberschuss – nicht durch neue Schulden, sondern durch das banale Prinzip, weniger auszugeben, als man einnimmt.<a href="#_ftn6" name="_ftnref6">[6]</a> Die monatliche Inflation fiel von über 25 Prozent auf zeitweise unter 2 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt wuchs 2025 um rund 4,4 Prozent, die Armutsquote sank auf etwa 28 Prozent – den niedrigsten Stand seit 2018 –, und die Ratingagentur Fitch stufte die argentinischen Staatsanleihen hoch.<a href="#_ftn7" name="_ftnref7">[7]</a> Selbst der Ölsektor, einst Symbol staatlicher Misswirtschaft, exportiert dank der Schieferformation Vaca Muerta heute Rekordmengen – Argentinien ist erstmals seit Jahrzehnten Nettoexporteur von Rohöl. Ganz ohne Ironie geht es freilich auch hier nicht ab: Im Frühjahr 2026 stagnierte die Disinflation, die Jahresrate kletterte wieder auf rund 33 Prozent, und Korruptionsvorwürfe in Mileis eigenem Umfeld trübten die Glaubwürdigkeit des Mannes, der sich gern als moralische Instanz der Marktwirtschaft inszeniert.<a href="#_ftn8" name="_ftnref8">[8]</a> Auch die Mittelschicht spürt den Anpassungsschmerz, und Investitionen liegen weiterhin unter dem Vorjahresniveau.<a href="#_ftn9" name="_ftnref9">[9]</a></p>
<h2>Das Rezept, kurz zusammengefasst</h2>
<p>Wer also, in aller Kürze, ein Land ruinieren möchte, folge der argentinischen Blaupause: Man besteuere den einzigen wettbewerbsfähigen Sektor der Volkswirtschaft, bis er stirbt. Man verstaatliche, was rentabel ist, und subventioniere, was es nicht ist. Man ersetze die Zentralbank durch eine Notenpresse und die Statistikbehörde durch eine Wunschmaschine. Man erkläre jede Kritik zum Verrat an der Nation, und man wiederhole das Ganze, Generation für Generation, bis neun Staatsbankrotte zur familiären Normalität geworden sind. Dass ausgerechnet ein libertärer Exzentriker mit Kettensäge als Requisite nötig war, um diesen Kreislauf wenigstens zeitweise zu durchbrechen, ist die bitterste Pointe der Geschichte – und zugleich eine gewisse ökonomische Moral: Nicht der Staat, der am lautesten Mitgefühl verspricht, sondern der, der am ehrlichsten rechnet, hilft den Armen am Ende wirklich. Ob Milei diese Rechnung auf Dauer aufgeht, ist offen. Aber dass die alte Rechnung nicht aufging, daran besteht, nach hundert Jahren Beweismaterial, wirklich kein Zweifel mehr.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Vgl. u.a. historische Wohlstandsvergleiche zur „goldenen Ära“ Argentiniens zwischen 1880 und den frühen 1930er-Jahren, etwa in der Wirtschaftsgeschichtsschreibung zur Belle Époque des Río de la Plata (u.a. dievolkswirtschaft.ch, 2025).</p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Die Rolle des IAPI (Instituto Argentino de Promoción del Intercambio) als Mechanismus zur Umverteilung von den Agrarexporteuren hin zu Industrie- und Sozialausgaben gilt in der wirtschaftshistorischen Literatur zu Perón als Kernstück des ersten „populistischen Zyklus“ Argentiniens.</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> Zur Hyperinflation von 1989/90 vgl. cash.ch, „So kam es zur Staatspleite in Argentinien“, 2015, sowie die IWF-Datenreihen zu Konsumentenpreisen Argentiniens für die betreffenden Jahre.</p>
<p><a href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a> Zum Umfang und Ablauf des Zahlungsausfalls von 2001/02 sowie zum späteren Vergleichsangebot vgl. Bundestag, Wissenschaftliche Dienste, „Zahlungsunfähige Staaten in den letzten 20 Jahren“, sowie finanzmarktwelt.de, 2020. In der rund zweihundertjährigen Geschichte des Landes zählt man inzwischen neun Staatsbankrotte, beginnend 1827.</p>
<p><a href="#_ftnref5" name="_ftn5">[5]</a> Zu den Ausgangswerten bei Amtsantritt Ende 2023 vgl. Statistics of the World, „Argentina Economy 2026: Milei’s Shock Therapy, 18 Months Later“, sowie Friedrich-Naumann-Stiftung, „Argentinien: Zwei Jahre Javier Milei“, Dezember 2025.</p>
<p><a href="#_ftnref6" name="_ftn6">[6]</a> Zu Personalabbau und Haushaltsüberschuss vgl. Friedrich-Naumann-Stiftung, ebd., sowie exxpress.at/APA, „Milei bringt Argentinien ins Plus“, Juli 2026.</p>
<p><a href="#_ftnref7" name="_ftn7">[7]</a> 7Wachstums-, Inflations- und Armutszahlen sowie das Fitch-Rating gemäß Statistics of the World, a.a.O. (Quellen dort: IWF WEO April 2026, INDEC, Fitch Ratings).</p>
<p><a href="#_ftnref8" name="_ftn8">[8]</a> Zur Stagnation der Disinflation und den politischen Belastungen im Frühjahr 2026 vgl. NZZ, „Javier Milei: Argentiniens Wirtschaft wächst, doch die Glaubwürdigkeit schwindet“, 5. Mai 2026.</p>
<p><a href="#_ftnref9" name="_ftn9">[9]</a> Investitionsrückgang und ungleiche Erholung der Sektoren gemäß exxpress.at/APA, a.a.O.</p>
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		<title>Der Commandante schafft die Wahlen ab</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Aug 2026 05:30:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Empfohlen]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Ortega]]></category>
		<category><![CDATA[Nicaragua]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Daniel Ortega will in Nicaragua künftig auf Wahlen verzichten. Ein bemerkenswerter Akt der Ehrlichkeit – schließlich hat er sie ohnehin nie gebraucht.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/la-vida-tombola/der-commandante-schafft-die-wahlen-ab/">Der Commandante schafft die Wahlen ab</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wahlen in autoritären Systemen sind selten lupenrein demokratisch. Was nicht passt, wird im Zweifel passend gemacht. Ob beim historischen Absurdum in <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/1927_Liberian_general_election">Liberia 1927</a>, wo ein Präsident mit fünfzehnmal mehr Stimmen gewann, als es überhaupt registrierte Wähler gab, oder den diversen manipulierten Auszählungen in Venezuela: Mit mehr oder weniger kreativer Buchführung wird den jeweiligen Machthabern ihre politische Zukunft ertrickst. Wenn das System die absolute Kontrolle beansprucht, darf ein Wahlergebnis keine Zweifel offenlassen. Auch die SED-Führung versuchte noch bei den DDR-Kommunalwahlen im Mai 1989 – nur ein halbes Jahr vor dem Mauerfall – ihrem Volk und der Welt eine 99-prozentige Unterstützung für ihre Einheitsliste vorzutäuschen.</p>
<p>Die ganze Mühe für Wahlfälschungen, Tricksereien und kreative Buchführung will sich der Machthaber von Nicaragua, <a href="https://texte-zur-sache.de/politik/willkommen-bei-den-ortegas/">Daniel Ortega</a>, künftig ersparen. Wahlen soll es in dem mittelamerikanischen Land künftig nicht mehr geben. Das hat der 80-jährige Comandante, der in den 1980er Jahren noch eine Art Hätschelkind einiger deutscher und europäischer Linken war, in der vergangenen Woche angekündigt.</p>
<p>Man muss es dem Mann lassen: Er verschwendet keine Zeit mehr mit Kulissenschieberei. Wer die letzten Urnengänge in Nicaragua verfolgt hat – 2021 etwa, als sieben potenzielle Gegenkandidaten vor dem Wahltag verhaftet wurden – konnte ohnehin schon ahnen, dass es sich bei „Wahlen“ in Managua eher um eine folkloristische Verwaltungsübung handelte als um einen demokratischen Wettbewerb. Ortega hat diesen Zustand nun lediglich amtlich gemacht. Das nicaraguanische Parlament, vollständig unter Kontrolle des Präsidenten und seiner Gattin Rosario Murillo, arbeitet bereits an der passenden Verfassungsänderung – mit der Begründung, dies diene „Frieden, Sicherheit und Stabilität“. Das ist die Sprache, in der Autokraten seit jeher ihre Bequemlichkeit verkleiden.</p>
<h2>Warum jetzt?</h2>
<p>Die Begründung, die Ortega selbst lieferte, ist so durchsichtig wie unfreiwillig komisch: Wahlen, so der Präsident, seien nur ein Vehikel, mit dem „sie” – gemeint sind Opposition, USA und vermeintliche „Vaterlandsverräter” – versuchen würden, sich die Macht zurückzuholen. Man baue nun eine „Mauer” gegen Putschisten, verkündete er pathetisch. Übersetzt heißt das: Wo keine Wahl stattfindet, kann man auch nicht verlieren. Es ist die logische Endstufe eines Systems, das seit der blutigen Niederschlagung der Proteste von 2018 ohnehin nur noch ein Ziel kennt – die eigene Machtsicherung, notfalls mit Gefängnis, Ausbürgerung und Enteignung.</p>
<h2>Die Opposition: Laut im Exil, leise im Land</h2>
<p>Innerhalb Nicaraguas ist von Widerstand kaum noch etwas zu sehen – aus gutem Grund. Wer sich in den vergangenen Jahren regimekritisch positionierte, landete entweder im Gefängnis, verlor seinen Pass oder fand sich, wie Hunderte Regimegegner, per Sammelflug in die Vereinigten Staaten ausgebürgert wieder. Erst kürzlich ließ die Regierung Vermögenswerte von mehr als 220 Exilanten konfiszieren, darunter die der Schriftsteller Sergio Ramírez und Gioconda Belli. Die eigentliche Opposition residiert damit längst nicht mehr in Managua, sondern in Miami und Madrid – bestens vernetzt, aber ohne jeden Hebel im eigenen Land. Genau das macht Ortegas Kalkül so zynisch: Er ignoriert eine Opposition, die er selbst vertrieben hat, und wundert sich anschließend über deren Machtlosigkeit.</p>
<h2>Das Ausland: Viele Worte. weinig Konsequenzen</h2>
<p>International hat die Ankündigung erwartungsgemäß Empörung ausgelöst – und ebenso erwartungsgemäß bislang wenig praktische Folgen gehabt. US-Außenminister Marco Rubio sprach von der „wahren autoritären Natur” der „Murillo-Ortega-Diktatur” und forderte mehr Druck; die Regierung Trump selbst hat, abgesehen von punktuellen Sanktionen gegen Familienmitglieder Ortegas, kaum größere Schritte unternommen. Europa äußert sich betroffen und zurückhaltend zugleich, Menschenrechtsorganisationen dokumentieren, der Vatikan zeigt sich besorgt – und Managua lässt sich davon so wenig beeindrucken wie von der jüngst konfiszierten Schule eines katholischen Ordens. Wer auf einen internationalen Kraftakt zur Rettung der nicaraguanischen Demokratie hofft, wird vermutlich noch lange warten müssen.</p>
<h2>Ausblick: Stillstand mit Meerblick</h2>
<p>Was bleibt, ist ein Land, das schon lange nicht mehr regiert, sondern verwaltet wird – von einem Ehepaar, das offen zugibt, wofür frühere Autokraten sich wenigstens noch die Mühe der Camouflage machten. Für die für November 2027 vorgesehene Wahl bedeutet das wohl: ausgefallen, mangels Genehmigung durch das Diktatorenpaar. Für die ohnehin am Boden liegende nicaraguanische Wirtschaft bedeutet es anhaltende Isolation und wachsende Abhängigkeit von venezolanischen und russischen Partnern. Für die Bevölkerung bedeutet es vor allem eines: Die einzig verbliebene Wahlmöglichkeit liegt zwischen Anpassung, Gefängnis und Exil. Man könnte das eine Diktatur nennen. Ortega selbst würde vermutlich „Stabilität” sagen. Am Ende ist das wohl auch nur eine Frage der Wortwahl – die einzige Wahl, die dem Volk von Nicaragua noch bleibt.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/la-vida-tombola/der-commandante-schafft-die-wahlen-ab/">Der Commandante schafft die Wahlen ab</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Exil auf dem Smartphone</title>
		<link>https://texte-zur-sache.de/la-vida-tombola/exil-auf-dem-smartphone/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Jul 2026 06:00:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[nubank]]></category>
		<category><![CDATA[pix]]></category>
		<category><![CDATA[stablecoins]]></category>
		<category><![CDATA[tether]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Vertrauen in die eigenen nationalen Notenbanken und staatlichen Institutionen ist rund um den Globus ungleich verteilt. In manchen Staaten Südamerikas fehlt es aufgrund von historischen Erfahrungen völlig. Die Konsequenz: Wenn die eigene Notenbank zur größten Gefahr für das eigene Ersparte wird, sucht sich das Geld neue Hüter.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/la-vida-tombola/exil-auf-dem-smartphone/">Exil auf dem Smartphone</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Geld ist heutzutage reines Vertrauen. Nachdem die USA am 15. August 1971 die <a href="https://www.deutschlandfunk.de/weltwaehrung-die-vorherrschaft-des-us-dollars-100.html">Goldbindung der Weltleitwährung</a> Dollar gekappt haben, besitzt Geld keinen eigenen inneren Wert und ist nicht mehr durch Edelmetalle gedeckt. Ohne den kollektiven Glauben an seinen Wert und die Stabilität der Staaten und Notenbanken, die die jeweilige Währung herausgeben, wäre modernes Geld nur bloßes Papier oder digitale Nullen und Einsen.</p>
<p>Das Vertrauen in die eigenen nationalen Notenbanken und staatlichen Institutionen ist rund um den Globus ungleich verteilt. In Skandinavien ist dieses Vertrauen sehr groß, in Serbien oder Albanien ist es eher gering. In manchen Staaten Südamerikas fehlt es aufgrund von historischen Erfahrungen völlig. Die Konsequenz: Wenn die eigene Notenbank zur größten Gefahr für das eigene Ersparte wird, sucht sich das Geld neue Hüter. In Argentinien, Venezuela und zunehmend auch in Kolumbien und Bolivien heißt der neue Hüter nicht Präsident oder Gouverneur, sondern ein Kürzel: USDT. Das Kürzel steht für den aktuell weltweit größten und am häufigsten genutzten Stablecoin.</p>
<p>Eine Reise in die stille Entstaatlichung des Geldes.</p>
<p>Es gehört zu den Ironien der Wirtschaftsgeschichte, dass ausgerechnet Lateinamerika – ein Kontinent, dessen Regierungschefs oft mit der Notenpresse harte Politik machen wollen – zum Versuchslabor für die nachstaatliche Zukunft des Geldes geworden ist. Man muss dafür nicht nach Kalifornien blicken, wo Krypto-Milliardäre die schöne neue Welt der &#8222;finanziellen Souveränität&#8220; beschwören. Man muss nach Buenos Aires, Caracas oder La Paz schauen, wo sich die Milch- und Brotpreise oft mit einer höheren Geschwindigkeit vervielfachen als die jeweilige Notenbank Geldscheine drucken kann. Und wo großspurige populistische Politiker Notlagen kreiert haben, in denen sich Menschen &#8211; aus purer Verzweiflung heraus – selbst eine neue digitale Finanzsouveränität erschaffen.</p>
<h2>Wenn der Staat die eigene Währung ruiniert</h2>
<p>Der Befund ist so nüchtern wie das Fach, aus dem er stammt, die Volkswirtschaftslehre: Wo Staaten eine ihrer elementarsten Aufgaben – die Bereitstellung einer stabilen Recheneinheit – über Jahrzehnte verfehlen, stimmen die Menschen mit ihren Füßen – oder treffender gesagt – mit ihrem Smartphone ab.<sup>1</sup> Argentiniens Peso hat in den vergangenen Jahren einen Wertverlust erlitten, der sich nur noch in Potenzen sinnvoll ausdrücken lässt; die Inflation erreichte 2024 rund 118 Prozent<sup>2</sup>. Venezuela hat unter den sozialistischen Regierungen der Präsidenten Hugo Chávez und <a href="https://texte-zur-sache.de/2017/08/01/maduros-diktatur/">Nicolás Maduro</a> gleich mehrere Währungsreformen und Nullstreichungen hinter sich; Bolivien steckt in einer akuten Devisenkrise, die den offiziellen Kurs und den Schwarzmarktkurs immer weiter auseinanderdriften lässt.<sup>3</sup> In mehreren Ländern ist der Zugang zu Devisen obendrein administrativ eingehegt: Venezuela hält an strikten Kontrollen fest; Argentinien begrenzte den Dollarkauf jahrelang, hob den monatlichen Höchstbetrag für Bankkunden jedoch im April 2025 unter dem neuen libertären Präsidenten Javier Milei weitgehend auf. Peru garantiert dagegen grundsätzlich die freie Konvertierbarkeit seiner Währung<sup>4</sup>. Aber was ist das für eine Hybris von Regierungen, zu glauben, ihre Bürokratie könne stärker sein als die Gesetze der ökonomischen Schwerkraft? Vor allem in der modernen digitalen Welt mit Internet und Smartphones ist das mehr als ein Trugschluss. Wer dem eigenen Staat physisch keinen Dollar mehr abkaufen darf, kauft sich eben einen digitalen.</p>
<h2>Warum ein privater Code mehr Vertrauen genießt als ein Gouverneur</h2>
<p>Hier wird es interessant für jeden, der sich für Institutionenökonomie statt für Chartverläufe interessiert. Stablecoins wie Tether (USDT) oder Circles USDC sind, betrachtet man sie nüchtern, private Zahlungsversprechen, ausgestellt von Unternehmen, deren ökonomische Zukunftsperspektiven sich selbst von den besten Unternehmensberatern nicht zu 100 Prozent zuverlässig vorhersagen lassen. Die Emittenten veröffentlichen zwar Reservenachweise beziehungsweise Prüfberichte, doch Umfang und Form der Transparenz unterscheiden sich deutlich<sup>5</sup><sup>6</sup>. Dass ausgerechnet Millionen Lateinamerikaner solchen Privatunternehmen mehr vertrauen als der eigenen Zentralbank, ist kein Kompliment an Tether – es ist ein vernichtendes Urteil über die Zentralbanken und die Politiker vor Ort. Ein privater Emittent, der sein Versprechen im Durchschnitt eher einhält, schlägt einen staatlichen Emittenten, der seine Versprechen in der Vergangenheit deutlich öfter gebrochen als gehalten hat. Genau das hatte der liberale Ökonom Friedrich Hayek gemeint, als er vor einem halben Jahrhundert die Entnationalisierung des Geldes forderte: Wettbewerb diszipliniert auch Notenbanken – man muss ihnen nur erlauben, ihn zu verlieren<sup>7</sup>. In einem Punkt muss man die liberalen Anhänger Hayeks allerdings enttäuschen. Der Erfolg von privatem digitalem Geld beruht nicht allein auf der Tatsache, dass seine Herausgeber private Unternehmen sind. Richtig interessant werden solche Coins erst dadurch, dass sie an fremde, als stabil bekannte ausländische Währungen gekoppelt sind – in den meisten Fällen an den US-Dollar. Ironischerweise flüchten die Nutzer damit also nicht vor staatlichem Geld an sich, sondern vor der Schwäche der eigenen Landeswährung in die Stabilität einer fremden Großmacht.</p>
<p>Das Vertrauen ist dabei erstaunlich pragmatisch verteilt, nicht ideologisch. Niemand in Buenos Aires hält Tether für den Stein der Weisen. Und kaum jemand steht dort in der Fankurve des aktuellen US-Präsidenten. Man hält den Peso nur für deutlich instabiler und dessen Zukunftsperspektiven für deutlich schlechter. Sobald ein Staat – wie Brasilien mit seinem Real oder, mit Abstrichen, Peru mit dem Sol – eine halbwegs glaubwürdige Geldpolitik vorweisen kann, sinkt die Nachfrage nach digitalem Fluchtgeld spürbar. Vertrauen in private Emittenten ist also kein Selbstzweck, sondern die Reserveoption für Bürger, denen der Staat die Hauptoption vergällt hat.</p>
<h2>Pix, Nubank und die Grenzen der Cleverness</h2>
<p>Man sollte dabei nicht alles über einen Kamm scheren, was in Südamerika unter &#8222;digitalem Geld&#8220; firmiert. Brasiliens Pix, das kostenlose Echtzeit-Zahlungssystem der Zentralbank, ist ein staatliches Erfolgsprojekt – es zeigt, dass ein Staat, der seine Hausaufgaben macht, sehr wohl mit privaten Innovationen wie Nubank oder Mercado Pago mithalten kann.<sup>9</sup> Parallel dazu entfallen in Brasilien nach Angaben des Zentralbankpräsidenten rund 90 Prozent der Krypto-Flüsse auf Stablecoins – dort vor allem für Zahlungen und grenzüberschreitende Geschäfte, nicht nur für Spekulation<sup>10</sup>. Auch in Argentinien machen Stablecoins einen Großteil der mit Pesos abgewickelten Kryptokäufe aus; dort hat USDT längst die Funktion eines inoffiziellen zweiten Bankkontos übernommen, mit dem viele Menschen ihr Einkommen vor der eigenen Notenbank parken<sup>11</sup>.</p>
<p>Venezuela ist der Extremfall: Anfang 2026 liefen rund 90 Prozent des venezolanischen Devisenhandels auf der Plattform Binance P2P über den Stablecoin USDT. Die Triebfeder dahinter ist jedoch keine Spekulation: Für viele Familien sind digitale Währungen die einzig praktikable Möglichkeit, finanzielle Hilfe von Verwandten aus dem Ausland zu empfangen. So kommt das Geld direkt und sicher an – vorbei an den Kontrollen der häufig korrupten Behörden des krisengeschüttelten Landes. Bolivien hob sein faktisches Kryptoverbot 2024 auf – ein stilles Eingeständnis, dass sich Devisenknappheit nicht wegregulieren lässt<sup>14</sup>. Auch in Kolumbien machen Stablecoins inzwischen mehr als die Hälfte der über Börsen mit Pesos getätigten Kryptokäufe aus – der Dollar, nicht der Bitcoin, ist der eigentliche Fluchtpunkt<sup>15</sup>.</p>
<h2>Der Staat schlägt zurück &#8211; ein wenig</h2>
<p>Natürlich lassen sich Zentralbanken das nicht kampflos gefallen. Brasiliens Notenbank ordnet seit Februar 2026 den Kauf, Verkauf und Tausch von virtuellen Vermögenswerten, die an eine andere Währung gebunden sind, sowie internationale Zahlungen mit solchen Vermögenswerten dem Devisenrecht zu. Ab Ende Oktober 2026 dürfen regulierte Institute zudem grundsätzlich nicht mehr mit nicht zugelassenen oder nicht im Zulassungsverfahren befindlichen Anbietern virtueller Vermögenswerte kontrahieren<sup>16</sup>. Argentinien schuf bereits 2024 ein Register für Anbieter virtueller Vermögenswerte und verschärfte die Regeln 2025<sup>17</sup>. Man kann das als Verbraucherschutz framen.<sup>18</sup> Und in den funktionierenden Staaten Europas und Nordamerikas ist Verbraucherschutz im Zusammenhang mit digitalem Geld ein nicht nur sinnvoll, sondern sogar zwingend notwendig. Natürlich gilt das grundsätzlich auch in Südamerika. Allerdings sind die von populistischen Politikern wie Hugo Chavez in Venezuela oder den früheren peronistischen Regierungen in Argentinien astronomisch aufgeheizten Inflationsraten das Gegenteil von gelebtem Verbraucherschutz. Verbraucherschützer in Venezuela oder Argentinien hätten eher vor den wirtschaftlichen Folgen der eigenen Regierungspolitik warnen sollen. Chavez oder Cristina Fernandez in Argentinien haben Heerscharen von Menschen sehenden Auges zum einen in die Armut und zum anderen in die Hände der Herausgeber von digitalem Geld getrieben. Im Vordergrund dürfte zumindest in solchen lateinamerikanischen Staaten die Wiederherstellung staatlicher Kontrolle stehen, die die Bürger aus guten Gründen unterlaufen haben. Ein Land, dessen Bürger dem Algorithmus mehr trauen als dem Notenbank-Gouverneur, hat kein Krypto-Problem. Es hat ein Staatsproblem.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h2>Fußnoten</h2>
<p><sup>1</sup>  Vgl. Yan Carrière-Swallow, José G. Contreras, Deniz Igan, Julio Roldós und Juan M. Yakhshilikov, „Crypto Assets and CBDCs in Latin America and the Caribbean: Opportunities and Risks“, IMF Working Paper 23/37, Washington, D.C. 2023, DOI: 10.5089/9798400234804.001. Die Studie ordnet die Nachfrage nach Kryptoassets und Stablecoins unter anderem als Währungs- beziehungsweise Vermögenssubstitution ein und verweist auf Inflationserfahrungen und institutionelle Risiken als wesentliche Treiber.</p>
<p><sup>2</sup>  Instituto Nacional de Estadística y Censos (INDEC), Índice de precios al consumidor, Dezember 2024: Jahresinflation 117,8 Prozent; 211,4 Prozent entfielen auf 2023. Zusammenfassung: BBVA Research, 14. Januar 2025.</p>
<p><sup>3</sup>  Zu Bolivien: International Monetary Fund, „Bolivia: 2025 Article IV Consultation“, IMF Country Report No. 25/116, Washington, D.C. 2025, insbesondere zur nahezu vollständigen Erschöpfung nutzbarer Devisenreserven und zur großen Differenz zwischen offiziellem und parallelem Wechselkurs. Zu Venezuela und dem Zusammenhang von Devisenrationierung, Parallelkurs und Inflation: Valerie Cerra, „Inflation and the Black Market Exchange Rate in a Repressed Market: A Model of Venezuela“, IMF Working Paper 16/159, Washington, D.C. 2016.</p>
<p><sup>4</sup>  Associated Press, „What does it mean that President Milei ended Argentina’s strict controls on currency and capital?“, 15. April 2025; zur grundsätzlich freien Konvertierbarkeit in Peru: Verfassung von 1993 und Überblick „Peru – Foreign Exchange Controls“, U.S. Department of Commerce.</p>
<p><sup>5</sup>  Tether veröffentlicht quartalsweise Reserveberichte; Circle veröffentlicht regelmäßige Reserve- und Prüfberichte zu USDC. Die Berichtsmodelle und die rechtliche Struktur beider Emittenten sind nicht identisch.</p>
<p><sup>6</sup>  Vgl. Bank for International Settlements, Annual Economic Report 2025, Kap. III: „The next-generation monetary and financial system“, Basel 2025; sowie International Monetary Fund, „Understanding Stablecoins“, Departmental Paper 2025/009, Washington, D.C. 2025. Beide Arbeiten behandeln Stablecoins als private Verbindlichkeiten, deren Stabilität von Qualität, Liquidität, Transparenz und rechtlicher Durchsetzbarkeit der Reservedeckung abhängt.</p>
<p><sup>7</sup>  Friedrich A. Hayek, Denationalisation of Money: The Argument Refined, Institute of Economic Affairs, 1976/1978.</p>
<p><sup>8</sup>  Vgl. International Monetary Fund, External Sector Report 2025, Kap. 2: „Capital Flows to Emerging Markets: The Role of Global Risk Appetite, Monetary Policy, and New Financial Channels“, Washington, D.C. 2025. Der Bericht stellt fest, dass Stablecoin-Nachfrage und -Zuflüsse in Ländern mit schwächeren makroökonomischen Fundamentaldaten und politischen Rahmenbedingungen erhöht sein können und dadurch Risiken einer Währungssubstitution entstehen.</p>
<p><sup>9</sup>  Vgl. Banco Central do Brasil, Annual Report 2024, Brasília 2025, Abschnitte zu Pix und finanzieller Inklusion; Banco Central do Brasil, Relatório de Cidadania Financeira 2021, Brasília 2021. Die Zentralbank dokumentiert die schnelle Verbreitung von Pix, seine breite Nutzung durch Privatpersonen und Unternehmen sowie Beiträge zu Wettbewerb, Digitalisierung und finanzieller Teilhabe.</p>
<p><sup>10</sup>  Reuters, „Brazil’s Galipolo sees surge in crypto use, says 90% of flow tied to stablecoins“, 6. Februar 2025; Banco Central do Brasil, Informationen zu Pix.</p>
<p><sup>11</sup>  Chainalysis, „Latin America Emerges as a Crypto Powerhouse Amid Volatile Growth“, 2. Oktober 2025: Stablecoins machten zwischen Juli 2024 und Juni 2025 in Argentinien mehr als die Hälfte der börslichen Käufe mit Landeswährung aus.</p>
<p><sup>12</sup>  TRM Labs, Q1 2026 Global Crypto Adoption Index: USDT entfiel auf rund 90 Prozent der aktiven Binance-P2P-Angebote für venezolanische Fiat-Paare.</p>
<p><sup>13</sup>  Vgl. Marco Pani und andere, „Cross-Border Payments Integration in Latin America and the Caribbean“, IMF Working Paper 24/119, Washington, D.C. 2024; sowie International Monetary Fund, „How Stablecoins Can Improve Payments and Global Finance“, 4. Dezember 2025. Die Arbeiten beschreiben hohe Kosten und Friktionen traditioneller grenzüberschreitender Zahlungen und das Potenzial digitaler, wertstabiler Instrumente für schnellere und günstigere Transfers, einschließlich Rücküberweisungen.</p>
<p><sup>14</sup>  Banco Central de Bolivia, Resolución de Directorio Nr. 082/2024 vom 25. Juni 2024 und Pressemitteilung CP35/2024 vom 26. Juni 2024.</p>
<p><sup>15</sup>  Chainalysis, „Latin America Emerges as a Crypto Powerhouse Amid Volatile Growth“, 2. Oktober 2025: Stablecoins machten bei Käufen mit kolumbianischen Pesos zwischen Juli 2024 und Juni 2025 mehr als die Hälfte der Börsenkäufe aus.</p>
<p><sup>16</sup>  Banco Central do Brasil, Resoluções BCB Nr. 520 und 521 (Regelwerk für virtuelle Vermögenswerte und Devisengeschäfte, wirksam seit 2. Februar 2026) sowie Resolução BCB Nr. 520 in der geltenden Fassung zur Beschränkung von Geschäften mit nicht zugelassenen Anbietern ab 30. Oktober 2026.</p>
<p><sup>17</sup>  Comisión Nacional de Valores (Argentinien), Resolución General Nr. 994 vom 25. März 2024 (Register der PSAV) und Resolución General Nr. 1058 vom 12. März 2025.</p>
<p><sup>18</sup>  Zu den von Aufsichtsbehörden angeführten Risiken vgl. Carrière-Swallow et al., „Crypto Assets and CBDCs in Latin America and the Caribbean“, IMF Working Paper 23/37, 2023; Bank for International Settlements, BIS Papers No. 170, „The impact of stablecoins on the international monetary system“, Basel 2026. Genannt werden insbesondere Verbraucher- und Anlegerschutz, Geldwäscheprävention, Finanzstabilität, Kapitalflüsse und digitale Dollarisierung.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/la-vida-tombola/exil-auf-dem-smartphone/">Exil auf dem Smartphone</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Eine kleine Stadt in Paraguay</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Jul 2026 06:00:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[CONMEBOL]]></category>
		<category><![CDATA[Fußball]]></category>
		<category><![CDATA[Lateinanmerika]]></category>
		<category><![CDATA[Paraguay]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Warum der südamerikanische Fußballverband CONMEBOL ausgerechnet in Luque, Paraguay, residiert und was das über den Verband selbst verrät.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/la-vida-tombola/eine-kleine-stadt-in-paraguay/">Eine kleine Stadt in Paraguay</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wer verstehen will, wie sich in Südamerika Fußball, Politik und wirtschaftliche Interessen über Jahrzehnte gegenseitig beeinflusst haben, muss nicht in die Metropolen des Kontinents, nach Rio de Janeiro, Sao Paulo oder Buenos Aires, reisen. Die eigentliche Schaltzentrale liegt in der Nachbarschaft der <a href="https://texte-zur-sache.de/2026/07/08/paraguay-land-ohne-eigenschaften/">paraguayischen Hauptstadt Asunción</a>, in Luque. Luques Bevölkerung beläuft sich aktuell auf 324.000, was in etwa der Einwohnerzahl von Bonn entspricht. Der ehemaligen Bundeshauptsadt hatte der britische Autor <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/John_le_Carr%C3%A9">John le Carré</a> in seinem Spionageroman “Eine Kleine Stadt in Deutschland” ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch über Luque, die kleine Stadt in Paraguay, ließe sich mancher Roman schreiben. Der hätte dann aber weniger mit Spionage zu tun. Fußball käme darin vor. Vor allem aber Korruption und Bestechlichkeit.</p>
<p>Äußerlich gibt es in Luque nicht viel zu sehen. Erwähnenswert sind der größte Flughafen Paraguays – und vor allem der gläserne Hauptsitz der Confederación Sudamericana de Fútbol (CONMEBOL): Museum, Konferenzzentrum, Fünf-Sterne-Hotel und Verwaltungsapparat in einem. Gleichzeitig war die Organisation über viele Jahre immer wieder Gegenstand internationaler Korruptionsermittlungen.¹</p>
<h2>Ein Verband mit Vorstrafenregister</h2>
<p>Als im Mai 2015 mehrere hochrangige FIFA- und CONMEBOL-Funktionäre in Zürich festgenommen wurden, war dies weniger ein überraschender Einschnitt als vielmehr die internationale Sichtbarkeit eines seit Langem bekannten Problems. Unter ihnen befand sich Eugenio Figueredo, ehemaliger Präsident des uruguayischen Fußballverbandes, früherer CONMEBOL-Präsident und damaliger FIFA-Vizepräsident. Ebenfalls im Mittelpunkt der Ermittlungen stand Juan Ángel Napout, ein paraguayischer Sportfunktionär, ehemaliger Präsident des paraguayischen Fußballverbandes sowie damals amtierender CONMEBOL-Präsident. Napout wurde 2017 wegen Bestechlichkeit im Zusammenhang mit Medien- und Vermarktungsrechten verurteilt.²</p>
<p>Die strukturellen Ursachen reichten jedoch wesentlich weiter zurück. Nicolás Leoz führte den Verband von 1986 bis 2013 und prägte dessen Machtstruktur wie kaum ein anderer Präsident. Unter seiner Führung entstanden nicht nur der repräsentative Sitz in Luque, sondern auch ein enges Geflecht persönlicher Loyalitäten. Später belegten Ermittlungen, dass Leoz über Jahre millionenschwere Schmiergeldzahlungen erhalten hatte.³</p>
<h2>Warum ausgerechnet Paraguay?</h2>
<p>Der Umzug des Verbandes nach Paraguay fiel zeitlich mit Leoz&#8216; Amtsantritt zusammen. Historiker und Sportwissenschaftler weisen darauf hin, dass Paraguay damals ein politisches Umfeld mit schwachen Kontrollmechanismen, geringer internationaler Aufmerksamkeit und engen Verbindungen zwischen Politik und Wirtschaft bot. Regiert wurde Paraguay 1986, dem Jahr des Umzugs, noch von Militärdiktator Alfredo Stroessner. Dessen Regime wurde Käuflichkeit auf allen Ebenen ebenso vorgeworfen wie politische Unterdrückung. Ein unmittelbarer Beweis dafür, dass diese Faktoren ausschlaggebend waren, existiert zwar nicht; sie bilden jedoch einen plausiblen Erklärungsrahmen.⁴</p>
<p>Hinzu kommt die steuerliche und regulatorische Attraktivität des Standorts. Internationale Sportverbände bevorzugen seit Jahrzehnten Staaten, die weitgehende Autonomie, günstige rechtliche Rahmenbedingungen und politische Unterstützung bieten. Vergleichbare Entwicklungen lassen sich auch bei FIFA (Zürich), IOC (Lausanne) oder UEFA (Nyon) beobachten. Die Wahl eines Verbandssitzes ist daher selten nur eine geografische Entscheidung, sondern regelmäßig auch Ausdruck institutioneller Interessen.⁵</p>
<p>Nach den FIFA-Skandalen leitete CONMEBOL umfangreiche Reformen ein. Compliance-Abteilungen wurden aufgebaut, Ausschreibungsverfahren professionalisiert und externe Wirtschaftsprüfer eingebunden. Gleichwohl weisen Transparenzorganisationen darauf hin, dass institutionelle Reformen erst dann dauerhaft wirken, wenn sie von unabhängiger Kontrolle, öffentlicher Rechenschaft und wirksamen Sanktionsmechanismen begleitet werden.⁶</p>
<h2>Institutionen statt Ikonen</h2>
<p>Die Geschichte der CONMEBOL zeigt exemplarisch, dass starke Persönlichkeiten keine starken Institutionen ersetzen. Nachhaltige Integrität entsteht nicht durch einzelne Reformer, sondern durch nachvollziehbare Regeln, unabhängige Gerichte, Transparenz und Wettbewerb. Der heutige Verband präsentiert sich wirtschaftlich erfolgreicher als noch vor einem Jahrzehnt. Ob dieser Erfolg dauerhaft Bestand haben wird, entscheidet sich jedoch weniger an den Bilanzen als an der Fähigkeit, Macht dauerhaft kontrollierbar zu machen. Wer den Fußball wirklich reformieren möchte, sollte deshalb nicht nur Einnahmen und Titel betrachten, sondern ebenso die institutionellen Rahmenbedingungen, unter denen sie entstehen.</p>
<h2>Fußnoten</h2>
<p>1. US Department of Justice (27.05.2015); FIFA Corruption Investigation; Wikipedia: „Korruption in der FIFA“.</p>
<p>2. United States v. Napout et al., U.S. District Court (E.D.N.Y.); Legal Tribune Online (27.12.2017).</p>
<p>3. FIFA Ethics Committee; DOJ Indictment gegen Nicolás Leoz; AP/Infobae (29.08.2019).</p>
<p>4. CONMEBOL-Historie; Transparency International, Corruption Perceptions Index 2025.</p>
<p>5. David Conn: The Fall of the House of FIFA; FIFA, UEFA und IOC zu Verbandssitzen.</p>
<p>6. Transparency International; Governance in Sport; OECD Good Governance Principles.</p>
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		<title>Rodrigo Paz: The Normal One</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Jul 2026 05:30:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Bolivien]]></category>
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		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>
		<category><![CDATA[Lula da Silva]]></category>
		<category><![CDATA[Rodrigo Paz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Während fast ganz Lateinamerika aktuell von schillernden, oft populistischen Präsidenten regiert wird, amtiert in Bolivien seit November der geradezu unscheinbar normale Christdemokrat Rodrigo Paz. Kann so viel Normalität auf einem Kontinent gut gehen, wo Exzentrik ansonsten so zur Politik dazu gehört wie der Dom zu Köln. Zumal ein exzentrischer Amtsvorgänger von Paz, der Sozialist Evo Morales, längst wieder mit populistischen Feuern zündelt.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt einen Satz, den man in der Hauptstadt La Paz derzeit öfter hört als jede Regierungserklärung: „Er ist halt normal.“ Gemeint ist Rodrigo Paz, seit dem 8. November 2025 Präsident Boliviens, Sohn eines früheren Staatschefs, Bürgermeister einer Weinbaustadt, Senator, Christdemokrat – und, wenn man Stimmen aus den Nachbarländern glaubt, so ziemlich das Exotischste, was der Kontinent derzeit zu bieten hat: ein Mann ohne Bühnenshow.</p>
<h2>Die Amtskollegen aus der Nachbarschaft</h2>
<p>Man muss sich die Amtskollegen aus den Nachbarländern einmal vor Augen führen, um zu verstehen, wie ungewöhnlich Normalo Paz mittlerweile wirkt. Der frühere Rocksänger und Wirtschaftsprofessor <a href="https://texte-zur-sache.de/2026/03/02/der-notarzt-mit-der-kettensaege/">Javier Milei</a> regiert Argentinien mit der Kettensäge als Markenzeichen, einer Prise Anarchokapitalismus und einer Vorliebe für virale Auftritte. Dabei packt der Mann mit der Wuschelfrisur und der abgenutzten Lederjacke schon einmal seine noch nicht eingerostete Rockröhre aus. <a href="https://texte-zur-sache.de/2016/03/29/der-bessere-obama/">Lula da Silva</a> in Brasilien, mittlerweile in seiner dritten Amtszeit, ist so etwas wie der ewige Patriarch der lateinamerikanischen Linken, ein Mann, der Weltgeschichte und Selbstmythos kaum noch auseinanderhält. Lula hat zweifellos Verdienste, insbesondere als Oppositionsführer und während seiner ersten Amtsperiode um die Jahrtausendwende. Allerdings ist sein Name inzwischen ebenso mit Skandalen und Skandälchen verbunden. Zudem ähnelt Lula seiner Nemesis Donald Trump in Stil und Auftritt inzwischen mehr als er selbst wahrhaben möchte. Und <a href="https://texte-zur-sache.de/2026/06/24/der-tiger-hat-gebruellt/">Abelardo „El Tigre“ de la Espriella</a>, Kolumbiens neuer starker Mann, pflegt einen Stil, der zwischen Wahlkampf und Boxring changiert. Drei Präsidenten, drei Dauerspektakel. Und dann Paz: höflich, technokratisch, um Ausgleich bemüht – ein Politiker, der aussieht, als hätte er sich in die falsche Dekade lateinamerikanischer Politik verirrt.</p>
<p>Dabei ist seine Ausgangslage alles andere als gemütlich. Paz erbte ein Land, das nach fast zwanzig Jahren Herrschaft der linken MAS (<a href="https://www.npla.de/lexikon/movimiento-al-socialismo-mas/">Movimiento al Socialismo</a> – Bewegung zum Sozialismus) wirtschaftlich am Boden lag: eine Inflation um 25 Prozent, monatelange Schlangen an den Tankstellen, Dollarknappheit, leere Regale. Die Ära des Linksaußen-Präsidenten Evo Morales und seinem einstigen Ziehsohn Luis Arce endete nicht mit einem Knall, sondern mit einem Kollaps in Zeitlupe – befeuert von einem erbitterten innerlinken Machtkampf zwischen den beiden, der die Regierungsfähigkeit der MAS am Ende vollständig lähmte. Aus diesem Trümmerhaufen holte der bürgerliche Außenseiter Paz, der im August 2025 noch bei Umfragewerten im einstelligen Bereich dümpelte, in der Stichwahl gegen den rechtskonservativen Jorge „Tuto“ Quiroga rund 54 Prozent der Stimmen. Nach zwei Jahrzehnten linker Hegemonie ein historischer Bruch – und zugleich, mit einer knappen Mehrheit und einer fragilen Parteibasis, ein denkbar wackliges Fundament für einen Neuanfang.</p>
<h2>Nähe zu Washington</h2>
<p>Was Paz von seinen Vorgängern unterscheidet, ist nicht nur der Politikstil, sondern die außenpolitische Kompassnadel. Wo Morales und Arce sich an Kuba, Venezuela und Nicaragua orientierten, sucht Paz demonstrativ die Nähe zu Washington und – für bolivianische Verhältnisse bemerkenswert – zu Israel. Nach fast 18 Jahren wurden die diplomatischen Beziehungen zu den USA wieder aufgenommen, US-Außenminister Marco Rubio stellte sich öffentlich hinter die neue Regierung. Auch international sortiert sich Bolivien damit neu: weg von der sozialistischen Achse, hin zu klassischen Partnern wie der Interamerikanischen Entwicklungsbank oder der Europäischen Union. Das ist genau jene Art außenpolitischer Normalität, die internationale Beobachter in der Region lange vermisst haben – kein antiwestlicher Reflex, sondern schlichte Interessenpolitik.</p>
<p>Doch Regieren ist mehr als Symbolik, und hier zeigt sich das eigentliche Drama des „Normal One“. Kaum im Amt, musste Paz die verhassten, aber lange ruinösen Treibstoffsubventionen streichen und für 2026 Ausgabenkürzungen von bis zu 30 Prozent ankündigen – ökonomisch vernünftig, politisch Sprengstoff in einem Land, in dem Gewerkschaften, Kokabauern und indigene Organisationen seit der Ära Morales als Mitregenten des Staates auftreten, nicht als Bittsteller. Genau das rächt sich nun: Nach rund einem halben Jahr im Amt sehen sich Paz und sein Kabinett aus Fachleuten mit Streiks, Straßenblockaden und Rücktrittsforderungen des Gewerkschaftsdachverbands COB konfrontiert. La Paz war zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten, Benzin und Lebensmittel wurden wieder knapp – ein Déjà-vu der Krise, die die MAS einst zu Fall brachte.</p>
<p>Der Vorwurf, der Paz dabei gemacht wird, ist bezeichnend für den Preis der Normalität: mangelnde Durchsetzungskraft. Statt klarer Kante sucht er den Dialog – oft, so der Tenor vieler Kommentare, erst dann, wenn die Straße bereits brennt. Das mag staatsmännisch klingen, wirkt in der bolivianischen Realpolitik aber schnell wie Zögerlichkeit, die Interessengruppen geradezu einlädt, ebenfalls Forderungen zu stellen. Es ist die Kehrseite des Anti-Populismus: Wer nicht polarisiert, findet womöglich auch keine Mehrheiten. Und im Hintergrund lauert, isoliert, aber nicht verschwunden, der die prägende destruktive Kraft der bolivianischen Politik, Evo Morales, der die Proteste zumindest rhetorisch befeuert, ohne sie – Stand jetzt – selbst zu orchestrieren.</p>
<h2>Ein Systemwechsel</h2>
<p>Und trotzdem: Es wäre voreilig, den Kontrast zu Milei, Lula und de la Espriella allein als Nachteil zu verbuchen. Der Boliviano hat sich auf dem Schwarzmarkt bereits deutlich erholt, hochrangige politische Gefangene wurden freigelassen, internationale Kreditlinien bei IDB und CAF wurden eröffnet. Für ein Land, das jahrzehntelang zwischen Verstaatlichungsrausch und Klientelismus pendelte, ist ein Präsident, der Kabinettsposten nach Fachwissen statt nach Gewerkschaftsloyalität vergibt, tatsächlich ein Systemwechsel – auch wenn er sich nicht in Reden, sondern in Verwaltungsakten vollzieht.</p>
<p>Rodrigo Paz ist damit so etwas wie das lateinamerikanische Gegenexperiment zur Ära der schillernden Führungsfiguren: kein Messias, kein Zuchtmeister, sondern ein Mann, der lieber verhandelt als poltert. Ob das reicht, um ein Land aus der Dauerkrise zu führen, das an Drama gewöhnt ist wie die Einwohner Londons an Regen, wird sich in den nächsten Monaten entscheiden. Sicher ist schon jetzt: Wenn Paz scheitert, wird es nicht an mangelnder Exzentrik liegen. Und sollte er reüssieren, könnte „normal“ am Ende das radikalste Etikett sein, das man einem südamerikanischer Präsident gegenwärtig umhängen kann.</p>
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		<title>Paraguay: Land ohne Eigenschaften</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jul 2026 06:00:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie das WM-Aus gegen Paraguay uns gezwungen hat, ein Land zur Kenntnis zu nehmen, das kein Reiseziel, aber eine Drehscheibe des Verbrechens ist</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/kultur/paraguay-land-ohne-eigenschaften/">Paraguay: Land ohne Eigenschaften</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Auch für Menschen, die öfter nach Südamerika reisen, ist Paraguay meist nur „Fly-Over-Area“. Nur wenig Touristen reisen dorthin, nur wenige Deutsche könnten das Land auf der Weltkarte finden oder wissen, wie die Hauptstadt heißt. Es brauchte ein Elfmeterschießen im Sechzehntelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft, um Deutschland und den Rest der Welt dazu zu bringen, sich ernsthaft mit Paraguay zu beschäftigen. Das sagt vielleicht mehr über Paraguay aus als jede Statistik.</p>
<p>Der 29. Juni 2026 wird in deutschen Fußball-Annalen als weiterer Tiefpunkt verzeichnet werden: Im Gillette Stadium von Foxborough, Massachusetts, schied die DFB-Elf im Sechzehntelfinale der WM 2026 nach Elfmeterschießen gegen Paraguay aus. Zum dritten Mal in Folge scheiterte Deutschland früh. Bundestrainer Julian Nagelsmann sprach nach dem 4:5-Desaster von einem Gegner mit „einfachen Mitteln“. Einfache Mittel? Als hätte man bei einem K.-o.-Spiel gegen Paraguay nicht von vornherein mit knallhartem Defensivspiel, Provokationen und Schauspieleinlagen der Kategorie Komödienstadel Asunción rechnen müssen.</p>
<p>Paraguay mauerte, foulte als gäbe es kein Morgen mehr, stemmte sich in jeden Ball, stand tief und gewährte der spielerisch überlegenen DFB-Elf kaum Platz. Auf dem Spielfeld stand aber auch ein überforderter Schiedsrichter, dessen Fehlentscheidungen dafür sorgten, dass die ständigen Schmutzeleien der Paraguayos weitgehend folgenlos blieben.  Ein gewisser Julio Enciso, von dem man nach der WM wohl nie wieder etwas hören wird, köpfte die Führung aus elf Metern, vollkommen ungestört, Kai Havertz glich aus, doch dann versagten gleich drei deutschen Schützen die Nerven im Elfmeterschießen, während José Canale eiskalt für die Südamerikaner verwandelte. Das Ergebnis: Deutschland draußen, Paraguay im Achtelfinale, und plötzlich fragte sich ganz Deutschland, wer oder was Paraguay eigentlich ist. Gehen wir dem einmal nach.</p>
<h2>Das unsichtbare Land</h2>
<p>Paraguay ist neben Bolivien der einzige Binnenstaat Südamerikas, etwa so groß wie Deutschland und die Schweiz zusammen, und hat rund sieben Millionen Einwohner. Das ist im Wesentlichen auch schon das, was manche Menschen darüber wissen. Kein Strand, kein Anden-Panorama, kein Machu Picchu, kein Tango, kein berühmter Karneval, kein Hippie-Flair in der Atacama-Wüste. Keiner kommt aus dem Urlaub zurück und schwärmt von Asunción, der Hauptstadt, die von sich selbst behauptet, die älteste auf dem südamerikanischen Festland zu sein – was stimmt, aber touristisch so elektrisierend wirkt wie die Aussage, man habe das älteste Industriegebäude von Castrop-Rauxel oder Cottbus besichtigt.</p>
<p>Das Land liegt gewissermaßen im toten Winkel der Wahrnehmung. Wer Südamerika bereist, fliegt nach Buenos Aires, nach Rio, nach Bogotá oder Lima. Wer Natur sucht, findet sie am Amazonas, in Patagonien, auf den Galápagos-Inseln. Paraguay liegt dazwischen – geografisch, kulturell, touristisch. Der westliche Teil, der Gran Chaco, ist eine trockene, schier endlose Tiefebene, in der im Hochsommer Temperaturen von über 45 Grad herrschen und außer Rindern, Mennoniten und Schmugglerflugzeugen nicht viel verkehrt. Der östliche Teil ist subtropisches Tafel- und Bergland mit Sojafeldern, so weit das Auge reicht. Die berühmteste Sehenswürdigkeit, an der Paraguay überhaupt beteiligt ist, hat es mit Brasilien zusammen gebaut: der Itaipú-Staudamm. Ein Bauwerk, das man pflichtschuldig fotografiert und über das man danach schweigt.</p>
<h2>Korruption als Staatsprinzip</h2>
<p>Was Paraguay fehlt an touristischem Charme, macht es mit Korruption und Kriminalität wett. Im Corruption Perceptions Index von Transparency International belegt das Land Platz 149 von 180 – tief im roten Bereich, mit einem Indexwert von 24 von 100 möglichen Punkten. Den Grundstein dafür legte der deutschstämmige Diktator Alfredo Stroessner, der sich 1954 an die Macht putschte und über drei Jahrzehnte lang regierte, indem er Minister, Generäle und die Colorado-Partei mit Landbesitz und Schmuggelrouten bei Laune hielt. Die Colorado-Partei regiert Paraguay, mit einer kurzen Unterbrechung, bis heute. Das erklärt manches.</p>
<p>Stroessners schwieriges Erbe ist strukturell tief im Land verankert. Sein späterer Parteigenosse Horacio Cartes wurde 2013 zum Präsidenten gewählt – obwohl ihm die US-amerikanische Drogenbehörde DEA nachweislich Verbindungen zur Geldwäsche vorwarf, wie aus bei Wikileaks veröffentlichten Geheimdienstberichten hervorgeht. Das US-Finanzministerium sanktionierte Cartes 2023 wegen mutmaßlicher Verbindungen zu transnationalen kriminellen Organisationen. In Paraguay blieb er Ehrenpräsident der Colorado-Partei. Zwischen 2013 und 2022 wurden 39 paraguayische Politiker wegen Verbindungen zum Drogenhandel und Geldwäsche angeklagt – Senatoren, Bürgermeister, Gefängnisdirektoren. Die Justiz ist notorisch unzuverlässig, das Sicherheitsgefüge löchrig, und die Verflechtung von Politik, Großgrundbesitz und organisiertem Verbrechen ist nicht Ausnahme, sondern Geschäftsmodell.</p>
<h2>Die Kokainsuperautobahn</h2>
<p>Paraguay ist außerdem der größte Marihuana-Produzent Südamerikas und war jahrelang einer der wichtigsten Umschlagplätze für Kokain. Die Grenzregion Ciudad del Este – das Dreiländereck zwischen Paraguay, Brasilien und Argentinien – gilt als labyrinthisches Paradies für Produktpiraten, Waffenschmuggler und Drogenhändler. Cineasten ist Ciudad del Este vielleicht aus dem Miami Vice-Remake von 2006 bekannt. Dorthin verschlägt es die Drogenfahnder aus Florida in dem Action-Thriller. Die Stadt wird dabei als Gomorrha des Drogenhandels und der Gesetzlosigkeit sowie als hyperaktiver Marktplatz für illegale Geschäfte aller Art präsentiert.</p>
<p>Regisseur Michael Mann zeichnete damit kein völlig falsches Bild. Bis zu 66.000 Kilo Kokain, die in europäischen Häfen sichergestellt wurden, hatten nachweislich ihren Ursprung in Paraguay. Die Washington Post bezeichnete die Wasserstraße Paraguay-Paraná Ende 2025 als „Superautobahn des Kokains“. Das brasilianische Verbrechersyndika PCC investiert massiv in paraguayische Immobilien, Tankstellen und Hotels – zur Geldwäsche, versteht sich.</p>
<p>Im Chaco, der kargen Wildnis im Westen, landen gestohlene Kleinflugzeuge – „Cabritos“ genannt – auf privaten Haciendas, deren Besitzer offiziell Viehzucht betreiben. Allein 2025 wurden in Argentinien sieben solcher Maschinen mit Drogenladungen aus Paraguay sichergestellt. Senator Erico Galeano steht wegen Geldwäsche und krimineller Vereinigung vor Gericht; die Staatsanwaltschaft forderte 17 Jahre Haft. Im Februar 2026 wurde der ehemalige Chef der Zivilluftfahrtbehörde, Félix Kanazawa, mit durchgeschnittener Kehle in seinem Auto aufgefunden – er hatte mit der Staatsanwaltschaft kooperiert.</p>
<p>Der Fairness halber sei vermerkt: Die paraguayische Regierung hat zuletzt tatsächlich Fortschritte erzielt. Die Operation „A Ultranza PY“ – die größte Anti-Drogen-Operation in der Geschichte des Landes – führte zur Beschlagnahmung von über 250 Millionen Dollar. Die Kokainbeschlagnahmungen auf paraguayischem Territorium sanken 2025 um 82,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die USA loben die engere Zusammenarbeit mit der DEA. Es bleibt zu hoffen, dass diese Bemühungen nachhaltig sind.</p>
<p>Was bleibt</p>
<p>Paraguay wird nach dem Achtelfinale – wo die Franzosen um Superstar Kylian Mbappé <a href="https://www.zdf.de/video/livestreams/fifa-weltmeisterschaft-live-livestream-highlights-100/wm-2026-paraguay-frankreich-achtelfinale-highlights-zusammenfassung-100">den Guaraníîs zeigten</a>, dass man sie anders als die unerfahreneren Deutschen mit schmutzigen Spielchen allein nicht bezwingen kann – wieder in den medialen Dornröschenschlaf sinken. In Deutschland musste derweil der oft arrogant und überfordert wirkende Bundestrainer Julian Nagelsmann seinen Hut nehmen. Was wohl nicht passiert wäre, wenn die DFB-Elf mit Ach und Krach gegen einen fanatisch kämpfenden, aber sportlich arg limitierten Gegner Paraguay gewonnen hätte und erst danach gegen den großen Turnierfavoriten Frankreich ausgeschieden wäre. Insofern muss Fußball-Deutschland den lustigen Holzhackerbuam vom Rio Paraguay auch ein wenig dankbar sein. Und man fragt sich hierzulande, ob es nicht besser gewesen wäre, Jürgen Klopp schon früher als Bundestrainer zu installieren. Dabei wäre das die interessantere Frage: Wie kann ein Land, das kaum ein Reisender aufsucht, kaum eine Zeitung erwähnt und kaum ein Atlas ausreichend illustriert, dennoch eine Schwerkraft entfalten – für Schmuggel, für Korruption, für einen bestimmten Typus politischer und sportlicher Unverfrorenheit, der im Herzen Südamerikas seinen eigentümlichen Nährboden findet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h2>Fußnoten und Quellen</h2>
<ol>
<li>FIFA WM 2026 Spielbericht Deutschland–Paraguay, 29.06.2026.</li>
<li>Statistische Einordnung des deutschen WM-Abschneidens nach internationalen Medienberichten.</li>
<li>Spielbericht und Kaderdaten der FIFA zur WM 2026.</li>
<li>Weltbank und CIA World Factbook: Paraguay.</li>
<li>Transparency International, Corruption Perceptions Index 2024.</li>
<li>U.S. Department of the Treasury, Sanktionen gegen Horacio Cartes, 2023.</li>
<li>UNODC und regionale Sicherheitsberichte zum Drogenhandel in Südamerika.</li>
<li>Berichterstattung zur Wasserstraße Paraguay–Paraná, u.a. Washington Post, 2025.</li>
<li>Angaben der paraguayischen Behörden zur Operation &#8218;A Ultranza PY&#8216;.</li>
</ol>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/kultur/paraguay-land-ohne-eigenschaften/">Paraguay: Land ohne Eigenschaften</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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		<title>Aller guten Dinge sind vier</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jul 2026 06:00:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Keiko Fujimori]]></category>
		<category><![CDATA[Pedro Castillo]]></category>
		<category><![CDATA[Roberto Sánchez]]></category>
		<category><![CDATA[Sendero Luminoso]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Autokraten-Tochter Keiko Fujimori erfüllt sich im vierten Anlauf endlich ihren Lebenstraum: Vater Alberto in den peruanischen Präsidentenpalast zu folgen</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://texte-zur-sache.de/politik/aller-guten-dinge-sind-vier/">Aller guten Dinge sind vier</a> erschien zuerst auf <a href="https://texte-zur-sache.de">Texte zur Sache</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Im vierten Anlauf hat es Keiko Fujimori endlich geschafft: Peru wählt erstmals eine Frau ins Präsidentenamt – und ausgerechnet die Tochter des Mannes, dessen politisches Erbe das Land bis heute spaltet.</p>
<p>Vierzigtausend Stimmen. So viel trennte am Wahlabend des 7. Juni die Frau, die Peru seit fünfzehn Jahren mit fast rührender Verlässlichkeit immer knapp verfehlt, von dem Amt, das einst schon ihr Vater innehatte. Am Ende waren es, nach zähen Wochen der Nachzählung, gut 0,24 Prozentpunkte – ein Vorsprung so dünn, dass man ihn fast für eine Verwechslung halten möchte. Die 51-Jährige kam auf 50,13 Prozent der Stimmen, wie das Wahlamt des südamerikanischen Landes mehr als drei Wochen nach der Stichwahl mitteilte. Keiko Sofía Fujimori Higuchi, 51, wird damit Perus erste Präsidentin. Nach acht Staatschefs in zehn Jahren, von denen keiner eine volle Amtszeit überlebte, klingt das beinahe wie eine Erfolgsgeschichte. Und da peruanische Präsidentschaften gelegentlich hinter Gittern enden. Keiko hatte wenigstens schon vor Amtsantritt Erfahrung mit Untersuchungshaft gemacht. Gut für sie, wenn sie das Soll vieler peruanischer Staatschefs der jüngsten Zeit damit schon erfüllt hätte.</p>
<p>Ihr Gegner <a href="https://texte-zur-sache.de/2026/06/17/stimme-fuer-stimme/">Roberto Sánchez</a>, der das politische Erbe des wegen Putschversuchs verurteilten Linkspopulisten <a href="https://texte-zur-sache.de/2026/03/25/das-praesidentenkarussell/">Pedro Castillo</a> verwaltet, erkennt das Wahlergebnis allerdings bis heute nicht an. Er spricht von Wahlbetrug, fordert Neuauszählungen für 1.751 Wahltische in Lima und sammelte dafür Spenden über die Bezahl-App <a href="https://www.nuvei.com/de/offers/yape">Yape</a> – Demokratie im Mikrofinanzierungsformat. Es ist eine Pointe von beinahe klassischer Symmetrie, dass Fujimori, die 2021 nach ihrer knappen Niederlage gegen Castillo monatelang „Unregelmäßigkeiten“ witterte, nun selbst Opfer derselben Rhetorik wird. Die Wahrheit liegt, wie meist in Peru, irgendwo zwischen Stimmbezirk und Verschwörungstheorie: Während Sánchez im indigen geprägten Süden klar führt, hat Fujimori die Auslandsperuaner mit über 63 Prozent regelrecht eingesammelt. Auch in der Hauptstadt Lima konnte sie abräumen.</p>
<h2>Die Tochter, die Erste Dame war, bevor sie volljährig wählen durfte</h2>
<p>Wer Keiko Fujimori verstehen will, muss 1994 anfangen, im Jahr, in dem die damals 19-jährige Keiko von ihrem Vater zur First Lady erklärt wurde – eine Familienkonstellation, die selbst für lateinamerikanische Verhältnisse ungewöhnlich war. Sechs Jahre später verließ Alberto Fujimori das Amt und ging nach Japan, während seine Tochter in Lima zurückblieb, um die Marke „Fujimorismo“ am Leben zu halten – jene Mischung aus harter Sicherheitspolitik und wirtschaftsliberaler Rhetorik, die ihrem Vater nach der Bekämpfung der linken Terrororganisationen Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) und MRTA (Revolutionäre Bewegung Túpac Amaru &#8211; Movimiento Revolucionario Túpac Amaru) bis heute beträchtliche Sympathien sichert, auch wenn diese Jahre ebenso mit schweren Vorwürfen wegen Menschenrechtsverletzungen verbunden bleiben.</p>
<p>Ein MBA-Studium an der Columbia University, ein US-amerikanischer Ehemann, zwei Töchter – Keikos Lebenslauf klingt auf den ersten Blick perfekt bürgerlich. Doch 2018 holte die Vergangenheit sie ein: 36 Monate Untersuchungshaft wegen Geldwäscheverdachts im Zusammenhang mit dem brasilianischen Baukonzern Odebrecht, der halb Lateinamerikas politische Klasse mit Schmiergeldern versorgt zu haben schien. Fujimori saß, hörte sich das Urteil mit unbewegter Miene an und kam erst durch Verfahrensfehler wieder frei – nicht durch einen Freispruch, sondern durch jene Art von Formalismus, die in Perus Justiz fast zuverlässiger funktioniert als ein Schuldspruch. 2025, kaum dass Perus Verfassungsgericht die Vorwürfe wegen Rückwirkungsverbots fallen ließ, meldete sie sich zur vierten Kandidatur an.</p>
<h2>Programm: Härte, Sicherheit, und ein Familienname als Geschäftsmodell</h2>
<p>Politisch hat Fujimori im Wahlkampf jene Karte gespielt, die derzeit von Santiago bis Bogotá gegenwärtig verlässlich zieht: Sicherheit. Wie José Antonio Kast in Chile und Abelardo de la Espriella in Kolumbien hat sie der explodierenden Kriminalität – Mordfälle haben sich seit 2018 mehr als verdoppelt – einen knallharten Kampf angesagt. Wie sehr Keiko damit den Nerv trifft, erkennt man aus der Ferne auch daran, dass sich meine einstige Gastfamilie in Lima angesichts der Eskalation der Alltagsgewalt nach der „harten Hand“ des Chinos, wie Alberto Fujimori zu Lebzeiten volkstümlich genannt wurde, zurücksehnt. Auch mein peruanischstämmiger Arzt verzichtet angesichts der Horrorgeschichten über die Gewalt in Lima seit ein paar Jahren darauf, seine Familie in Peru zu besuchen. Wirtschaftspolitisch positioniert sich Keiko Fujimori dagegen klassisch wirtschaftsliberal: mehr Investitionsanreize, weniger Regulierung, eine Fortführung des marktwirtschaftlichen Kurses, der Peru über Jahrzehnte makroökonomische Stabilität bei gleichzeitig fragiler Staatlichkeit verschafft hat.</p>
<p>Auch das Umfeld von Keiko Fujimori spaltet Peru. In ihrer Partei Fuerza Popular sind bis heute ehemalige Minister ihres Vaters aktiv, der sein Amt bereits im Jahr 2000 nach Massenprotesten abgegeben musste. Daran erinnere mich übrigens noch sehr gut. Denn ich war bei einigen dieser Proteste dabei. Nicht weil ich persönlich etwas gegen Vater Fujimori gehabt hätte. Dafür hatte ich mich damals zu wenig mit ihm und seiner Politik beschäftigt. Aber einige der hübschen Frauen von meiner Universität gingen dahin. Und da dachte ich: Cape diem.</p>
<p>Und dann ist da noch Keikos Bruder Kenji, der einst beim Versuch erwischt wurde, Stimmen für die Begnadigung des Vaters zu organisieren. Das hat ihn politisch erledigt; die Dynastie hat sich somit auf eine Erbin verschlankt. Ob Keiko ihrem Vater, der 2024 verstarb, postum jene Rehabilitierung verschafft, die ihm zu Lebzeiten verwehrt blieb, wird eine der stillen Leitfragen ihrer Amtszeit sein – auch wenn sie 2011 noch bei Gott schwor, ihn niemals zu begnadigen.</p>
<h2>Aussichten: Regieren mit einer Mehrheit von vierzigtausend Stimmen</h2>
<p>Die eigentliche Herausforderung beginnt erst jetzt, nachdem Keiko nach vier Anläufen – mutmaßlich – endlich am Ziel ist. Eine Präsidentin, die mit hauchdünnem Vorsprung antritt und ein Land erbt, das in Lima und im Norden für sie, im indígenen Süden aber mehrheitlich gegen sie gestimmt hat, erbt keine Regierungsmehrheit, sondern einen Riss. Hinzu kommt die Rückkehr zum Zweikammersystem, das die parlamentarische Architektur verändert, ohne die alten Reflexe – schnelle Amtsenthebungsverfahren, fragile Koalitionen – automatisch zu heilen. Sollte Sánchez seine Niederlage weiterhin nicht anerkennen, beginnt Fujimoris Amtszeit nicht mit einer Inauguration, sondern mit einer Legitimitätsdebatte, die sie selbst 2021 gegen Castillo mit denselben Worten geführt hat.</p>
<p>Für Beobachter in Europa bietet sich damit ein vertraut ambivalentes Bild: eine Präsidentin, die mit ihrem wirtschaftspolitischen Instinkt – Marktoffenheit, harte Linie gegen organisierte Kriminalität – grundsätzlich richtig liegen dürfte, deren familiäres und justizielles Gepäck aber schwer genug wiegt, um jede Reformagenda zu belasten. Peru braucht keine vierte Fujimori-Kandidatur als Erlösungsgeschichte, sondern endlich eine Präsidentschaft, die eine volle Amtszeit überlebt. Ob ausgerechnet sie dafür die Richtige ist, wird sich frühestens an ihrem ersten Misstrauensvotum zeigen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Fußnoten</p>
<p>1 ONPE, Resultados de las Elecciones Generales 2026, Lima 2026; Reuters, 24. Juni 2026.</p>
<p>2 Jurado Nacional de Elecciones (JNE), Cómputo oficial de la segunda vuelta presidencial de 2026, Lima 2026.</p>
<p>3 Reuters, Peru&#8217;s Fujimori alleges fraud after Castillo victory, 2021; Julio F. Carrión (Hrsg.), The Fujimori Legacy, University Park 2006.</p>
<p>4 Jo-Marie Burt/Aldo Panfichi (Hrsg.), Politics in the Andes, Pittsburgh 2021, S. 214–217.</p>
<p>5 Tribunal Constitucional del Perú, Expediente Nº 00018-2024-PI/TC, Lima 2025.</p>
<p>6 Observatorio Nacional de Seguridad Ciudadana del Perú, Reporte Estadístico de Criminalidad 2018–2025, Lima 2025.</p>
<p>7 Julio F. Carrión (Hrsg.), The Fujimori Legacy, University Park 2006.</p>
<p>8 Congreso de la República del Perú, Ley de Reforma Constitucional que restablece la bicameralidad, Lima 2024.</p>
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		<title>Der Tiger hat gebrüllt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Andreas Kern]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Jun 2026 06:00:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Andreas Kern: La vida Tombola]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Trump-Fan Abelardo de la Espriella, der sich selbst „der Tiger“ nennt, hat die Wahl in Kolumbien gewonnen. Jetzt muss er zeigen, dass er mehr kann als Reden und Marketing.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Kolumbien hat gewählt, und es hat sich für das Ende des Experiments entschieden. Ein <a href="https://texte-zur-sache.de/2026/06/10/der-tiger-vor-dem-sprung-an-die-macht/">Anwalt mit Raubtier-Image</a> löst den Mann ab, der den Frieden ausrufen wollte und unter dessen Regentschaft die Zahl der Entführungen massiv anstieg.</p>
<p>Das alles relativ ist, wusste nicht nur Albert Einstein. Fast jeder hat schon seine persönlichen Erfahrungen mit der Relativität gemacht. So können sich fünf Minuten spektakulärer Anflug auf eine Karibik-Insel – nehmen wir aus aktuellem Anlass einmal <a href="https://www.n-tv.de/sport/der_sport_tag/DFB-Gegner-Curacao-wendet-Blamage-furios-ab-id30900561.html">Curaçao</a> – relativ kurz anfühlen, fünf Minuten Wurzelbehandlung auf einem Zahnarztstuhl dagegen sehr lang. Auch beim Ausgang von Wahlen kann die Relativität eine Rolle spielen. So hat bei der Wahl in Kolumbien am vergangenen Sonntag Abelardo de la Espriella, 47 Jahre alt, Anwalt, Sänger in eigener Sache und seit dem Wahlkampf nur noch „Der Tiger“ genannt, mit rund 49,6 zu 48,7 Prozent gegen den linken Senator Iván Cepeda gewonnen. Was sich für die meisten als sehr knapp anhört, klingt für Peruaner dagegen nach einem Erdrutsch-Sieg. Bei der Wahl in Peru vor zwei Wochen hat die rechtskonservative Kandidatin Keiko Fujimori nach aktuellem Stand der Auszählung nur rund 40.800 Stimmen mehr erzielt als der Linkspopulist Roberto Sánchez. In Prozenten ausgedrückt: Es steht 50,1 Prozent für Fujimori gegen 49,9 Prozent für Sánchez. Gegen ein derart enges Ergebnis hat der „Tiger“ fast schon ein klares Mandat.</p>
<h2>Ein Raubtier als Marke</h2>
<p>Man muss De la Espriella nicht mögen, um seine Inszenierung zu bewundern. Ein Kampagnenlied namens „El Rugido del Tigre“, das gelbe Trikot der Nationalmannschaft im richtigen Moment der Fußball-Weltmeisterschaft, ein perfekt getrimmter Bart und die Attitüde des Mannes, der angeblich noch nie ein politisches Amt innehatte und genau deshalb regieren darf – das ist keine Politik im klassischen Sinne, das ist Markenführung. Sein Vorbild sitzt im Weißen Haus, und der „Tiger“ hat keine Mühe gescheut, das kundzutun: Donald Trump gratulierte noch in der Wahlnacht über sein Netzwerk Truth Social, sein Außenminister Marco Rubio tat es ihm gleich, und De la Espriella selbst verkündete stolz, gerade telefoniert zu haben – mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, versteht sich, nicht mit irgendwem.</p>
<p>Wer hierin nur Kitsch erkennen will, hat die Botschaft verpasst. Kolumbien hat sich nicht für einen Bart entschieden, sondern für ein Versprechen: dass der Staat wieder der gefährlichste Akteur im Land sein soll, nicht die Guerilla, nicht die Kartelle. Eine neunzigtägige Militärkampagne gegen die Drogenbanden, Unterstützung aus Washington und, mit Verweis auf El Salvador, der Bau von Hochsicherheitsgefängnissen, in denen es Häftlingen an Komfort mangeln dürfte – das ist kein Regierungsprogramm für Yogi-Teerunden. Es ist aber exakt das Programm, das eine Mehrheit der Kolumbianer derzeit hören wollte.</p>
<h2>Der Frieden, der keiner wurde</h2>
<p>Um zu verstehen, warum Kolumbien diesen Mann gewählt hat, muss man sich daran erinnern, mit welchem Versprechen sein Vorgänger angetreten ist. Gustavo Petro, Ex-Guerillero mit Kampfnamen „Comandante Aureliano“ und 2022 zum ersten linken Präsidenten der kolumbianischen Geschichte gewählt, wollte den „totalen Frieden“.[1] Verhandlungen statt Patronen, ein historischer Friedensschluss mit der Farc sollte fortgeschrieben werden auf alle übrigen bewaffneten Gruppen, von der Guerilla Ejército de Liberación Nacional (ELN, Nationale Befreiungsarmee) bis zu den Farc-Dissidenten. Es war ein ehrenwertes Ziel – aber, wie sich zeigte, ein Ziel, das sich weitaus schwerer erreichen lässt, als man es versprechen kann.</p>
<p>Die Bilanz, mit der Petro aus dem Amt scheidet, fällt entsprechend zwiespältig aus. Das Rote Kreuz registrierte im vergangenen Jahr die schwersten humanitären Folgen bewaffneter Konflikte seit einem Jahrzehnt; mehr als 235.000 Menschen wurden vertrieben.[2] Der Kokaanbau erreichte nach UN-Angaben ein neues Rekordniveau,[3] weil bewaffnete Gruppen die Verhandlungspausen offenbar lieber zur Expansion ihrer Plantagen nutzten als zur Versöhnung. Washington zog die Konsequenz und stufte Kolumbien im vergangenen Jahr erstmals seit den Neunzigern als unzuverlässigen Partner im Kampf gegen den Drogenhandel ein. Dass er selbst die Dezertifizierung als politisch motiviert zurückwies, half ihm innenpolitisch wenig: Die Sicherheitslage, nicht die Aktenlage, entscheidet Wahlen.</p>
<p>Man kann, mit einigem guten Willen, auch die andere Seite der Bilanz erzählen: Sozialausgaben und Mindestlohn stiegen, die Armutsquote sank seit 2022 spürbar.[4] Aber ein Präsident, der antrat, um Kolumbien den Frieden zu bringen, wird daran gemessen, ob er ihn gebracht hat – nicht daran, ob Wirtschaftskennziffern besser aussahen. Hinzu kamen ein Kongress ohne Regierungsmehrheit, in dem zentrale Reformen scheiterten, ein munteres Karussell aus Ministerwechseln und ein konfrontativer Kurs gegenüber Washington, der die Beziehungen zum wichtigsten Partner Südamerikas auf einen historischen Tiefpunkt brachte.</p>
<h2>Die Angst, die schwerer wog</h2>
<p>Das kolumbianische Onlineportal La Silla Vacía brachte es am Wahlabend auf eine Formel, die man sich auch außerhalb Bogotás merken sollte: Es sei weniger eine Wahl zwischen links und rechts gewesen als eine Abstimmung darüber, welche Angst schwerer wiegt – die Angst vor einer Fortsetzung des Petro-Kurses oder die Angst vor einem autoritären Rechtsruck.[5] Am Ende, und das ist die eigentliche Pointe dieser Wahl, hat die erste Angst knapp gewonnen.</p>
<p>Diese Knappheit ist kein Schönheitsfehler, sie ist die eigentliche Botschaft. Kolumbien ist tief gespalten, fast hälftig, und bleibt es auch nach diesem Wahltag. De la Espriella wird mit einem Mandat regieren, das ihm jede zweite Stimme verweigert hat. Wer einen Sieg von 0,9 Prozentpunkten als Generalvollmacht zur Radikalkur missversteht, wird das Land nicht befrieden, sondern lediglich die Fronten neu beschriften. Der Tiger hat gebrüllt. Ob er auch regieren kann, ohne sich selbst zu verschlucken, ist eine andere Frage.</p>
<p>Für Washington ist das Ergebnis ohnehin entschieden, noch bevor die letzten Urnen offiziell ausgezählt sind: Trump hat seinen Wunschkandidaten, Kolumbien hat seinen Tiger, und Petro hat die Galerie der lateinamerikanischen Linkspopulisten verlassen, ohne den Frieden mitgebracht zu haben, den er versprochen hatte. Das ist, je nach politischem Geschmack, die Rückkehr der Vernunft oder der Anfang einer neuen Härte. Wahrscheinlich ist es, wie so oft in Kolumbien, beides zugleich.</p>
<h2>Fußnoten</h2>
<p>[1] Gobierno de Colombia: Política de Paz Total.<br />
[2] Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK): Colombia Humanitarian Situation Reports.<br />
[3] United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC): Colombia Coca Cultivation Survey.<br />
[4] DANE – Departamento Administrativo Nacional de Estadística: Armuts- und Sozialstatistiken.<br />
[5] La Silla Vacía: Analysen zur Präsidentschaftswahl 2026.</p>
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