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SUCHTDRUCK: WAS JETZT HILFT

Konkrete Schritte für kritische Momente

Wenn die Lust auf Alkohol übermächtig wird, reichen gute Vorsätze allein nicht aus. Was jetzt zählt, sind klare Entscheidungen, die einen Rückfall verhindern können.

SuchtdrucK. was hilft?
Bild generiert mit Open AI

Es ist Abend. Der Tag war anstrengend, ein Streit hängt nach, die Einsamkeit drückt aufs Gemüt. Oder es ist überhaupt nichts Besonderes passiert. Trotzdem kreist der Kopf plötzlich um Alkohol. Ein Bier wäre jetzt schön. Ein Glas Wein würde entspannen. Nur einmal wieder dieses Gefühl, dass alles leichter wird. Wer abhängig war oder ist, kennt solche Momente. Der Suchtdruck kann aus heiterem Himmel kommen oder sich über Stunden aufbauen. Und er kann Menschen treffen, die seit Jahren abstinent leben.

Was tun, wenn der Wunsch zu trinken immer stärker wird? Wer in diesem Moment nur den Rat erhält, standhaft zu bleiben, bekommt wenig Hilfe. Gute Vorsätze sind wichtig. In einer akuten Krise braucht es jedoch einen Plan, der sich sofort umsetzen lässt.

Weg aus der Gefahrenzone

Der erste Schritt ist oft der einfachste und zugleich wirksamste: Abstand zur Versuchung schaffen. Wer vor dem Spirituosenregal steht, schiebt seinen Einkaufswagen schnell weiter. Wer in einer Kneipe merkt, dass der Wunsch zu trinken wächst, bezahlt und verlässt das Lokal. Wer zu Hause Alkohol vorrätig hat, bittet gegebenenfalls jemanden, die Flaschen vorübergehend aus der Wohnung zu entfernen. Entscheidend ist, die unmittelbare Gelegenheit zum Trinken zu unterbrechen, bevor aus einem Gedanken eine Handlung wird.

Das US-amerikanische National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (NIAAA) empfiehlt, Risikosituationen möglichst zu meiden, den Ausstieg aus ihnen vorab zu planen und für unvermeidbare Auslöser alternative Reaktionen einzuüben. Die Anleitung How to Stop Alcohol Cravings beschreibt diese Strategien ausführlich.

Wer weiß, dass der Heimweg an der Stammkneipe vorbeiführt, nimmt eine andere Route. Wer nach Feierabend regelmäßig trinken möchte, verabredet sich für diese Zeit mit jemandem oder plant eine Aktivität, die nicht mit Alkohol verbunden ist. Solche Vorkehrungen mögen unspektakulär erscheinen. Sie nehmen einer kritischen Situation jedoch Handlungsmöglichkeiten, die sonst jederzeit verfügbar wären.

Reden, bevor etwas passiert

Der zweite Schritt: jemanden kontaktieren. Nicht erst dann, wenn die Flasche leer ist oder der Rückfall bereits begonnen hat. Eine vertraute Person anrufen, eine Nachricht schreiben oder sich auf den Weg zu jemandem machen, dem man offen sagen kann, was gerade los ist.

Dabei hilft Klartext. „Mir geht es nicht gut“ ist ein Anfang. „Ich habe Suchtdruck und Angst, dass ich heute trinken werde“ beschreibt die Gefahr genauer. Wer sich mitteilt, muss den inneren Kampf nicht länger allein austragen. Das Gegenüber kann zuhören, mit einem spazieren gehen oder dabei helfen, die nächsten Stunden abstinent zu überstehen.

Besonders wichtig ist die Selbsthilfegruppe. Wer am Abend gefährdet ist, kann ein Treffen der Anonymen Alkoholiker oder einer anderen SHG besuchen. Dort lässt sich aussprechen, was man im Alltag womöglich verheimlicht: die Lust auf Alkohol, die Angst vor einem Rückfall, die Gedanken an das vermeintlich harmlose erste Glas. Die Gruppe muss das Verlangen nicht auf Knopfdruck beseitigen. Sie ermöglicht jedoch Kontakt zu Menschen, die solche Situationen aus eigener Erfahrung kennen.

Das NIAAA führt gegenseitige Unterstützung durch Selbsthilfegruppen neben professioneller Beratung und Therapie als einen der essenziellen Bausteine der Behandlung auf: Wer regelmäßig eine Gruppe besucht, sollte sie deshalb auch in kritischen Momenten nutzen. Hilfe ist nicht erst dann angebracht, wenn alles schon schiefläuft.

Den Suchtdruck nicht mit einem Befehl verwechseln

Ein weiterer Schritt besteht darin, den eigenen Gedanken auf die Schliche zu kommen. „Ein Bier wird schon nicht schaden.“ „Nach so langer Abstinenz habe ich mich im Griff.“ „Ich habe mir heute etwas verdient.“ Solche Sätze können überzeugend klingen, vor allem dann, wenn das Gehirn den Alkohol bereits als vermeintliche Lösung für ein Problem anbietet.

Hier ist Vorsicht angebracht. Wer abhängig war, sollte in der akuten Situation keine Grundsatzdebatte darüber führen, ob kontrolliertes Trinken diesmal funktionieren könnte. Diese Verhandlung verschiebt die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Ziel – abstinent zu bleiben – auf die Suche nach einem Schlupfloch. Besser ist eine klare Ansage an sich selbst: Heute trinke ich nicht. Über andere Fragen entscheide ich nicht unter dem Einfluss dieses Verlangens.

Das NIAAA empfiehlt, solche Gedanken zu erkennen, kritisch zu prüfen und durch eine realistischere Antwort zu ersetzen. Wer schon erlebt hat, wie aus einem Glas viele werden, kann sich daran erinnern, statt die Erinnerung an die angenehme Wirkung des ersten Schlucks in den Vordergrund zu stellen. Das ist keine Selbstbestrafung. Es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme der eigenen Erfahrungen.

Man muss den Suchtdruck auch nicht mit aller Kraft wegdrücken. Die amerikanische Fachstelle beschreibt eine weitere Möglichkeit: das Verlangen wahrnehmen, ohne ihm nachzugeben, und beobachten, wie es sich verändert. Die Welle dient dabei als Bild. Sie baut sich auf, erreicht einen Höhepunkt und kann wieder abflauen. Das geschieht nicht bei jedem Menschen gleich schnell. Eine feste Zeitspanne, nach der das Craving garantiert verschwindet, gibt es nicht. Entscheidend ist, dass ein Impuls keine automatische Handlung auslösen muss.

Trigger sind individuell

In meinem Ratgeber Raus aus dem Rausch habe ich mich ausführlich mit der Frage beschäftigt, was Menschen zum Trinken verleitet: Was triggert: wen, wann, wie, wo und warum?

Die zentrale Erkenntnis: Trigger sind individuell. Für den einen ist der Gang durch die Spirituosenabteilung im Supermarkt eine Belastung, für den anderen eine Geburtstagsfeier oder der Anblick eines bestimmten Getränks. Manche geraten bei Einsamkeit unter Druck, wieder andere nach Streit, Stress oder Langeweile. Auch vertraute Tageszeiten und Rituale können eine Rolle spielen.

Daraus folgt eine praktische Aufgabe: Wer wiederholt Suchtdruck erlebt, sollte möglichst konkret festhalten, wann er auftritt und was unmittelbar davor passiert ist. Wo war ich? Mit wem war ich zusammen? Was ging mir durch den Kopf? War ich wütend, erschöpft, hungrig oder allein? Welche Handlung hat mir geholfen, nicht zu trinken? Solche Beobachtungen können persönliche Muster sichtbar machen und helfen, künftig früher gegenzusteuern.

Die Konsequenz lautet nicht, jeden Kontakt mit Alkohol und jede Feier für immer zu meiden. Eine pauschale Verbotsliste wird den unterschiedlichen Erfahrungen abstinent lebender Menschen nicht gerecht. Wer allerdings weiß, dass bestimmte Orte, Personen oder Situationen regelmäßig Suchtdruck auslösen, sollte diese Gefahr ernst nehmen und seine Grenzen entsprechend ziehen. Was später wieder möglich sein mag, muss man in einer akuten Krise nicht ausprobieren.

Ein Plan für den Ernstfall

Die besten Vorsätze nützen wenig, wenn man erst im entscheidenden Moment überlegen muss, was zu tun ist. Deshalb lohnt sich ein persönlicher Notfallplan. Er sollte Telefonnummern von vertrauten Menschen enthalten, die Adresse und Zeiten einer erreichbaren Selbsthilfegruppe sowie einige Tätigkeiten, mit denen sich eine Risikosituation unterbrechen lässt. Auch ein kurzer Satz auf dem Smartphone kann helfen: „Ich weiß, wohin das erste Glas führen kann. Ich rufe jetzt jemanden an.“

Der Plan sollte so konkret sein, dass man ihn auch dann noch umsetzen kann, wenn die Gedanken bereits um Alkohol kreisen. Wer abends besonders gefährdet ist, organisiert Unterstützung möglichst vorher. Wer allein zu Hause regelmäßig in Schwierigkeiten gerät, plant für diese Stunden einen anderen Aufenthaltsort oder eine Verabredung. Wer trotz solcher Maßnahmen immer wieder kurz vor einem Rückfall steht, sollte professionelle Hilfe hinzuziehen. Suchtberatungsstellen, Ärzte und Therapeuten können gemeinsam mit Betroffenen weitere Behandlungsmöglichkeiten prüfen.

Dabei gilt eine wichtige Grenze: Akuter Suchtdruck ist nicht dasselbe wie körperlicher Alkoholentzug. Wer nach längerem, starkem Konsum plötzlich aufhört und Entzugssymptome entwickelt, braucht unter Umständen medizinische Hilfe. Ein schwerer Alkoholentzug kann lebensgefährlich werden.

Heute nicht trinken

Niemand muss den Suchtdruck auf Ewig bewältigen. Eine Garantie, dass er nicht in ein paar Wochen wiederkehrt, gibt es nicht. Es reicht erst einmal, die aktuelle Gefahr ernst zu nehmen und den nächsten Schritt zu machen: den Ort verlassen, jemanden anrufen, zur Gruppe gehen, einen Gedanken stoppen, eine andere Tätigkeit beginnen. Wenn eine Maßnahme nicht hilft, folgt die nächste.

Wer abstinent leben will, kann sich nicht darauf verlassen, dass das Verlangen nach Alkohol irgendwann für immer verschwindet. Er braucht Strategien für die Tage, an denen dieser Wunsch zurückkehrt. Suchtdruck ist kein Befehl. Man muss ihn nicht wegdiskutieren und auch nicht für immer besiegen. Man muss „nur“ die konkrete Situation überstehen, ohne zu trinken.

Zum Schluss eine persönliche Erfahrung des Autors: Mit den Jahren der Abstinenz wird der Suchtdruck seltener und schwächer. Irgendwann ähnelt der Wunsch nach einem Glas Bier nur noch dem plötzlichen Verlangen nach einem Stück Kuchen. Beides lässt sich aushalten, ohne dem Impuls nachzugeben.
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Lesen Sie dazu: Ein Gespräch, das die Welt veränderte

Amerika wollte den Schnaps verbieten. Das Experiment ging bekanntermaßen schief. Wenige Jahre nach dem Ende der Prohibition entstand dort eine Bewegung, die einen völlig anderen Weg einschlug: Alkoholiker helfen Alkoholikern. Im Mittelpunkt standen zwei Männer, Bill W. und Dr. Bob – und ein Gespräch, das ursprünglich auf 15 Minuten terminiert war. (27. Sep 2026)

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