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Gefährliche Nähe?

Die Turbulenzen um die Digitalbank ueno werfen wieder einmal Fragen nach der Verlässlichkeit von Paraguays Institutionen auf

Paraguay lockt Investoren. Doch bei einer aufstrebenden Digitalbank sind die Wege zwischen Geschäft und Politik erstaunlich kurz. Die offene Frage ist nicht, ob Bekanntschaften verboten sind. Sie lautet, ob die Behörden in Paraguay Freunden und Fremden dieselben Regeln zumuten.

Zentralbank in Paraguay Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Paraguay schreibt derzeit ganz gute Nachrichten. Zumindest wenn man nur die Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen liest und den Politikteil sowie die Meldungen über Kriminalität überblättert. Die Wirtschaftsleistung stieg 2025 um 6,6 Prozent; für 2026 prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF) inzwischen 4,5 Prozent Wachstum. Das Land hat zudem den Status eines Schuldners mit Investment-Grade-Rating erreicht. Also ein Gütesiegel von Ratingagenturen (wie Standard & Poor’s, Moody’s oder Fitch), das an Schuldner mit relativ geringem Ausfallrisiko vergeben wird.1 Das ist beachtlich. Nur kann man sich mit einer guten Bonitätsnote noch keine unabhängige und vertrauenswürdige Bankenaufsicht kaufen.

Im Zentrum aktueller Debatten steht nach Einschätzung unabhängiger Beobachter ueno, eine Digitalbank, die nach eigenen Angaben drei Millionen Kunden zählt und öffentliche Gelder von etwa 800 bis 850 Millionen US-Dollar verwaltet. An der Spitze der Zentralbank von Paraguay steht Carlos Carvallo, der ueno noch bis August 2023 selbst leitete. Staatspräsident Santiago Peña war bis März 2025 Geschäftspartner jener Unternehmensgruppe, der die Bank gehörte; Aktionär oder Investor der Bank selbst sei er nie gewesen, betont ueno.2 Das alles ist kein Beweis für Korruption. Die Opposition und kritische Medien sprechen dennoch von „gefährlicher Nähe“.

Der Sachverhalt ist allerdings weniger simpel als die Empörung darüber. Laut einem Bericht der Zentralbank an den Senat verlangte die Bankenaufsicht im Juni und Juli Korrekturen bei der Erfassung verbundener Unternehmen und der Berechnung entsprechender Kreditrisiken. Die Bank nahm Anpassungen vor. Ein Verwaltungsverfahren prüft weiterhin, ob eine Kreditportfoliotransaktion auf eine verbotene indirekte Finanzierung hinauslief. Das ist eine offene Frage, keine festgestellte Regelverletzung. ueno erklärt, die geforderten Anpassungen fristgerecht umgesetzt zu haben, die einschlägigen Kreditgrenzen einzuhalten und dafür keine Sanktionen erhalten zu haben.34 Wer dennoch schon jetzt einen Schuldspruch möchte, sollte wenigstens warten, bis die Ermittler ihre Arbeit beendet haben. Der Grundsatz „in dubio pro reo“ sollte auch in Paraguay gelten.

Die Zentralbank versicherte nun in einer schriftlichen Stellungnahme, Carvallo habe sich aus allen Entscheidungen zu seinem früheren Arbeitgeber herausgehalten. Eine Pressemitteilung ist aber nicht die Gesetzestafel mit den zehn Geboten, die der Pressesprecher der Zentralbank direkt von Gott auf dem Berg Sinai überreicht bekommen hat. Ob man dieser Erklärung vertraut, hängt stark vom Standpunkt des jeweiligen Empfängers ab. Beweisen tut sie nichts. Der paraguayische Bankenverband nennt die Antwort an den Senat auch prompt unvollständig.5 Allerdings haben konkurrierende Banken selbstverständlich auch eigene Interessen. Von daher wären echte Fakten auch hilfreicher für die Wahrheitsfindung als Pressemitteilungen und Gegenerklärungen. Zumal der öffentliche wie der private Sektor in Paraguay eine lange Tradition darin haben, mit dem Faktor Wahrheit einigermaßen kreativ umzugehen.

Paraguays Problem reicht daher tiefer, als es der isolierte Fall ueno vermuten lässt. Im Korruptionswahrnehmungsindex 2025 erhält das Land 24 von 100 Punkten und liegt auf Rang 150 von 182 Staaten.6 Ein Spitzenplatz ist das nur, wenn man die Tabelle falsch herum hält. Selbst der IWF, sonst nicht für besonders zynische Erklärungen bekannt, drängt auf stärkere Einrichtungen gegen Korruption, um das Investitionsklima zu schützen.7

Dennoch hat der IWF recht. Das Einfordern von harten Anti-Korruptionsmaßnahmen und „Good Governance“ ist weder Luxus noch moralisches Glasperlenspiel. Rechtsstaatlichkeit, Transparenz und Vertrauen in Entscheidungen staatlicher Akteure sind die Basis von Wachstum und wirtschaftlicher Entwicklung.

Präsident Peña irrte daher offensichtlich, als er beklagte, die ins Politische getragene Debatte um ueno schade dem Ansehen Paraguays.2 Das mag in der kurzen Frist stimmen. Aber die Frage nach Interessenkonflikten beschädigt einen Finanzplatz langfristig weniger als der Eindruck, sie sei schon ungehörig. Paraguay braucht keine neue Antikorruptionsbehörde mit blinkendem Türschild, aber mit kleinem Mut. Es braucht eine Aufsicht, deren Entscheidungen auch bei Freunden der Mächtigen nachvollziehbar sind, und transparente, wettbewerbliche Regeln für die Anlage öffentlicher Gelder.

ueno verdient ein faires Verfahren. Konkurrenten verdienen gleiche Regeln. Sparer und Steuerzahler verdienen beides. Paraguay hat sich wirtschaftlich genug erarbeitet, um seinen Aufstieg nicht an einer alten Geschäftsregel zu verlieren: Für den einen gilt das Gesetz, für den anderen kennt man jemanden. Wachstum lässt sich prognostizieren. Vertrauen muss man verdienen.

Fußnoten

  1. Internationaler Währungsfonds, „IMF Executive Board Concludes 2026 Article IV Consultation with Paraguay“, 28. August 2026 (Wachstum 2025); IWF, World Economic Outlook, Oktober 2026 (Prognose 2026); Daniela Desantis, Reuters, 22. Oktober 2026 (Ratings). IWF 2025 · IWF Prognose · Reuters
  2. Daniela Desantis, Reuters, „Paraguay’s central bank under pressure over politically connected lender“, 22. Oktober 2026 (Angaben zu Kunden, öffentlichen Mitteln und Verbindungen; Stellungnahmen von Bank und Zentralbank). Direktlink
  3. Banco Central del Paraguay, Bericht an den Senat vom 7. Oktober 2026, Fragen und Antworten zu verbundenen Unternehmen, Kreditportfolio und laufendem Verwaltungsverfahren; vollständige Abschrift bei ABC Color, 8. Oktober 2026. Bericht PDF · Abschrift
  4. ueno bank, „Update on the BCP Report to the Senate and Its Statements on the Paraguayan Financial System“, 14. Oktober 2026 (Stellungnahme der Bank). Direktlink
  5. Daniela Desantis, Reuters, 22. Oktober 2026, zu Carvallos Erklärung und der Kritik des paraguayischen Bankenverbands vom 18. Oktober. Direktlink
  6. Transparency International, „Corruption Perceptions Index 2025 – Paraguay“, veröffentlicht 2026. Der Wert beschreibt die Wahrnehmung von Korruption im öffentlichen Sektor. Direktlink
  7. Internationaler Währungsfonds, „IMF Executive Board Concludes 2026 Article IV Consultation with Paraguay“, 28. August 2026. Direktlink

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