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Chiles Christdemokraten: Erst angepasst, dann abgestraft

Wie eine traditionsreiche Volkspartei ihren Markenkern verlor – und warum die CDU daraus lernen sollte.

Parteien verlieren ihren Markenkern selten mit einem großen Knall. Meist geben sie ihn in kleinen Dosen ab: hier ein Bündniskompromiss, dort eine programmatische Anpassung. Am Ende bleibt nur die Erinnerung an frühere Größe. Chiles Christdemokraten haben diesen Weg vollendet. Für die CDU ist das keine Prophezeiung, aber eine Warnung.

Im Regierungsviertel von Santiago Foto: Andreas Kern

Es gibt Parteien, die eine Wahl verlieren. Und es gibt Parteien, die irgendwann den Grund verlieren, warum man sie überhaupt wählen sollte. Die chilenische Democracia Cristiana (DC), 1957 gegründet, kennt inzwischen beide Formen des Niedergangs. Unter Eduardo Frei Montalva stellte sie von 1964 bis 1970 den Präsidenten; nach der Diktatur führte Patricio Aylwin das Land ab 1990 zurück in die Demokratie.1 Das war nicht bloß Parteigeschichte. Es war Staatskunst.

Ein Dauerbündnis

Zugleich ging die Democracia Cristiana nach dem Re-Start der Demokratie am Ende der Ära Augusto Pinochet ein de facto Dauerbündnis mit Sozialisten, Sozialdemokraten und Liberalen ein, Concertación genannt. Dieses Bündnis war zunächst keine Sünde wider den christdemokratischen Markenkern. Es war eine pragmatische Antwort in einer besonderen Zeit, mit dem Ziel, die demokratischen Fundamente in Chile wieder dauerhaft zu etablieren. Die Christdemokraten verbanden dabei soziale Reform mit Marktwirtschaft, Aussöhnung mit Rechtsstaat und moralischen Anspruch mit einem gewissen Respekt vor der Wirklichkeit. 1989 erhielten sie bei der Abgeordnetenwahl knapp 26 Prozent und 38 Mandate.2 Man konnte mit der Linken regieren, weil man noch wusste, dass man nicht die Linke war.

Mit der Zeit geschah aber etwas, was in überlangen Koalitionen oft zwangsläufig geschieht: Aus pragmatischen Bündnissen erwuchs eine Identität. Die Bündnispflege ersetzte allmählich das eigene Wertefundament. Das Personal alterte, Skandale beschädigten den moralischen Kredit, religiöse Bindungen schwanden, neue Milieus entstanden und die gesamte chilenische Parteienlandschaft zerfiel. Wer den Absturz der DC allein mit einem Linksruck erklärt, läuft Gefahr, politische Homöopathie zu betreiben: ein Körnchen Wahrheit, bis zur Wirkungslosigkeit verdünnt. Wissenschaftliche Untersuchungen sehen den Niedergang der Partei vielmehr als Teil des allgemeinen Zusammenbruchs von Parteibindungen – allerdings mit der DC als besonders wichtigem Kulminationspunkt.3

Aber niemand kann leugnen: Die Bündnislogik verschärfte das Problem. 2022 unterstützte die Parteimehrheit der DC den links-progressiven Verfassungsentwurf der damaligen chilenischen Regierung, in der sich Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und diverse andere so genannte Links-Progressive versammelten („Frente Amplio“). Meine eigenen Schwiegereltern, in der Wolle gefärbte Christdemokraten von Anfang an, stimmten dagegen. Gleichzeitig bedeute die Empfehlung der Parteiführung zum Verfassungsentwurf die endgültige Abnabelung meiner Schwiegereltern von ihrer einstigen politischen Heimat. Doch nicht nur sie, eine deutliche Mehrheit der Chilenen lehnte die linke Verfassung mit 61,86 Prozent ab.4 Prominente Christdemokraten, die für das Nein warben, verließen die Partei; aus diesem Milieu entstand unter anderem die neue Partei Demócratas.5 Der Vorgang war politisch symptomatisch: Die DC verlor zugleich eine Abstimmung, Teile ihrer Mitte und die Hoheit darüber, wofür christdemokratische Vernunft eigentlich stehen sollte.

Der Niedergang

Nackte Zahlen erzählen den Rest der Geschichte vom Niedergang der chilenischen DC ohne jede Polemik. Aus knapp 26 Prozent und 38 Abgeordneten im Jahr 1989 wurden 4,17 Prozent und acht Mandate 2021; 2025 blieb es bei 4,24 Prozent und acht Mandaten.2 Im selben Jahr unterstützte die Partei offiziell Jeannette Jara, Mitglied der Kommunistischen Partei, als Präsidentschaftskandidatin der Linken.6 Das mag als parlamentarische Überlebensstrategie rational gewesen sein. Doch wenn christdemokratische Funktionäre ihre Rettung darin suchen, den Wahlkampf einer Kommunistin mit zu betreiben, dann können diese Leute eigentlich den Markenkern ihrer Partei gleich beim Pfandleiher verscherbeln und den Insolvenzverwalter zwecks Parteiauflösung bestellen.

Womit wir in Deutschland und den hiesigen Schwesterparteien der DC wären. CDU und CSU erreichten bei der Bundestagswahl 2025 zusammen 28,6 Prozent; die AfD kam auf 20,8 Prozent, die SPD auf 16,4 und die Grünen auf 11,6 Prozent.7 Die Union wurde stärkste Kraft und regiert seit Mai 2025 mit der SPD.8 Eine schwarz-rote Koalition ist in einer parlamentarischen Demokratie weder Verrat noch charakterliche Schwäche. Zur Erinnerung: Es gab keine andere rechnerische Möglichkeit, eine Regierung zu bilden, ohne die radikalen Ränder von links und rechts einzubinden. Die FDP gehört dem aktuellen Bundestag nicht mehr an, und für Schwarz-Grün gab es keine Mehrheit. Regieren verlangt Kompromisse. Nur verlangt es nicht, Problemdefinitionen und Weltanschauungen des Koalitionspartners gleich mit zu übernehmen. Und bei den eigenen Wählerinnen und Wählern kam offenbar schlecht an, dass in der öffentlichen Meinung offensichtlich ein breiter Konsens darüber herrschte, dass sich der kleinere Koalitionspartner inhaltlich klar gegen den größeren Partner durchgesetzt hatte. Um ein Sprachbild des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder zu verwenden: Nach allgemeiner Einschätzung hatte der Kellner dem Koch die Speisekarte diktiert.

Parallelen zur CDU?

Das Vertrauensproblem der deutschen Christdemokratie begann allerdings nicht erst mit dem gegenwärtigen Regierungsbündnis. Vor allem zwei Entscheidungen aus der Ära Angela Merkel beschädigten bei Teilen des bürgerlichen Publikums den Ruf der Union als berechenbare Staatspartei mit Augenmaß. In der Flüchtlingskrise 2015 wirkte die Union weniger wie die Hüterin einer kontrollierten Ordnung als wie die Verwalterin eines moralisch aufgeladenen Ausnahmezustands. Stimmen, die vor der Überforderung staatlicher Strukturen und vor allem der Kommunen warnten, wurden ignoriert oder in eine bestimmte Ecke gestellt. Bei der Bundestagswahl 2017 stürzte die Union folglich von 41,5 auf 32,9 Prozent ab, während die AfD mit 12,6 Prozent erstmals in den Bundestag einzog.9 Das beweist keine einfache Kausalkette. Es zeigt aber den Preis, wenn Wähler nicht mehr wissen, ob eine umstrittene außerordentliche Entscheidung Ausnahme, Kurswechsel, Dauerzustand oder neue Normalität sein soll.

Noch lehrreicher ist der Atomausstieg. Im Oktober 2010 verlängerte Schwarz-Gelb die Laufzeiten der Kernkraftwerke im Durchschnitt um zwölf Jahre. Nach einem Reaktorunglück im japanischen Fukushima beschloss dieselbe Mehrheit im Juni 2011 – also nur rein gutes Dreivierteljahr später- den Ausstieg bis Ende 2022; acht Reaktoren gingen dauerhaft vom Netz.10 Die Sicherheitsgründe waren ernst zu nehmen. Nur vollzog kein anderes Land bis heute einen ähnlich überstürzten und waghalsigen Schritt. Selbst Japan, wo Fukushima liegt, nutzt nach wie vor Kerneregie. Und andere Staaten sind nach 2011, auch vor dem Hintergrund der Klimadebatte, wieder oder neu in die Nukleartechnik eingestiegen. Unter anderem die Vereinigten Arabischen Emirate, Belarus und die Türkei. Sogar Italien, das lange vor Deutschland die Atomkraft aufgegeben hatte, denkt inzwischen konkret über einen Wiedereinstieg nach.

Konservatives bzw. christdemokratisches Regierungshandwerk muss sich daher vor allem an Folgerichtigkeit, Folgenabschätzung, dem Wissen um verfügbare Ressourcen, realistischen Machbarkeitsabwägungen und dem Bewahren strategischer Optionen messen lassen. Die Kehrtwende innerhalb weniger Monate in Sachen Atomeneergie vermittelte den Eindruck, die Union übernehme das Ziel der Grünen und hoffe, durch beschleunigte Lieferung eines Atomausstieges auch deren Beifall zu erhalten. In der späteren Energiekrise nach dem Beginn des Ukraine-Krieges wurde der deutsche Atomausstieg zum Symbol für verloren gegangene Optionen und Abhängigkeit von einzelnen Energieliferanten, die mancheiner nicht gerade zu den Musterdemokraten und Menschenrechts-Champions zählt.

Genau hier liegt die chilenische Warnung. Eine Union, die bei Migration, Energie, Steuern, Staatsausgaben oder gesellschaftspolitischen Fragen vor allem verspricht, sozialdemokratische und grüne Politik etwas geräuschärmer oder professioneller zu verwalten, schafft keinen neuen Konsens. Sie macht sich austauschbar. Der Wähler erhält dann das Original links der Mitte, die lautere Opposition rechts davon – und in der Mitte einen höflichen Hausverwalter, der erklärt, warum leider alles so bleiben muss.

Profil bedeutet freilich nicht, Rechspopulisten hinterherzulaufen oder aus jeder Sachfrage einen Kulturkampf zu machen. Auch das wäre Selbstaufgabe, nur mit anderer Marschmusik. Eine moderne christdemokratische Partei braucht ein eigenes positives Angebot: wirtschaftliche Freiheit statt Subventionsdirigismus, einen handlungsfähigen statt immer größeren Staat, geordnete Zuwanderung in realistischen Größenordnungen, sozialen Aufstieg durch Bildung, europäische Verantwortung und einen Konservatismus, der bewahren kann, weil er Veränderungen nicht leugnet. Wer nur „nicht links“ sagt, besitzt noch kein Programm. Wer hingegen jeden linken Agendapunkt akzeptiert und bloß über das Tempo verhandelt, ebenfalls nicht.

Eine Warnung aus Italien

Italien liefert eine zweite, durchaus anders gelagerte Warnung. Die Democrazia Cristiana war jahrzehntelang die tragende Partei der Republik und regierte in den achtziger Jahren im so genannten Pentapartito mit Sozialisten, Sozialdemokraten, Republikanern und Liberalen. Sie ging nicht unter, weil sie einfach „zu links“ geworden wäre. Das Ende des Kalten Krieges, Tangentopoli, Korruption und die Verwandlung der Regierungsparteien in einen Machtkartell zertrümmerten das System; 1994 löste sich die italienische DC auf.11 Die Parallele liegt nicht in der Ideologie, sondern in der Gewohnheit: Eine Partei, die reinen Machterhalt für ihren eigentlichen Daseinszweck hält, merkt den Vertrauensverlust meist erst, wenn die letzten Ministerwagen auf andere Besitzer umgemeldet werden müssen.

Wie Volksparteien untergehen

Chiles Christdemokraten sind nicht verschwunden. Aber acht Abgeordnete und zwei Senatoren sind mehr oder weniger die Konkursmasse einer einst stolzen Partei. Zu viel Anpassung an ihre Koaltionspartner hat aus einer politischen Kraft, die den demokratischen Neubeginn in ihrem Land prägte, eine erschlaffte und konturlose Truppe gemacht, der die nächste Listenverbindung wichtiger ist als ihre nächste Idee. Für die deutsche Union ist das kein unausweichliches Schicksal. Noch ist sie halbwegs präsent, regierungsfähig und organisatorisch stark. Gerade deshalb sollte sie aus Chile lernen, bevor sie eines Tages chilenische Zahlen erklären muss.

Eine Volkspartei stirbt nicht, wenn sie Kompromisse schließt. Sie stirbt, wenn niemand mehr sagen kann, welche Kompromisse sie niemals schließen würde.

Fußnoten

[1] Biblioteca del Congreso Nacional de Chile, „Partido Demócrata Cristiano“, zur Gründung, den Präsidentschaften Frei und Aylwin sowie zur Rolle in der demokratischen Transition, abgerufen am 9. Oktober 2026: https://www.bcn.cl/historiapolitica/partidos_politicos/wiki/Partido_Dem%C3%B3crata_Cristiano

[2] Biblioteca del Congreso Nacional de Chile, „Partido Demócrata Cristiano“, Tabelle der Ergebnisse bei Abgeordnetenwahlen 1961–2025: 1989 25,99 Prozent und 38 Mandate; 2021 4,17 Prozent und acht Mandate; 2025 4,24 Prozent und acht Mandate, abgerufen am 9. Oktober 2026: https://www.bcn.cl/historiapolitica/partidos_politicos/wiki/Partido_Dem%C3%B3crata_Cristiano

[3] Patricio Navia/Rodrigo Osorio, „It’s the Christian Democrats’ Fault: Declining Political Identification in Chile, 1957–2012“, Canadian Journal of Political Science, 2015. Die Autoren erklären den Rückgang politischer Identifikation wesentlich mit der Erosion der einst dominierenden Zentrumspartei PDC: https://www.cambridge.org/core/journals/canadian-journal-of-political-science-revue-canadienne-de-science-politique/article/its-the-christian-democrats-fault-declining-political-identification-in-chile-19572012/E13848612D0A6D6EB43DF3691B0FBA05

[4] Chilevisión, „Democracia Cristiana se inclina por el Apruebo“, 6. Juli 2022; Servicio Electoral de Chile (Servel), „Servel realiza balance del Plebiscito Constitucional“, 5. September 2022, endgültiges vorläufiges Ergebnis: 61,86 Prozent für Rechazo: https://www-qa.servel.cl/2022/09/05/servel-realiza-balance-del-plebiscito-constitucional/

[5] Biblioteca del Congreso Nacional de Chile, „Partido Demócratas Chile“: Gründung am 2. November 2022 durch frühere Mitglieder unter anderem der DC, des PPD und des Partido Radical nach dem Erfolg des Rechazo: https://www.bcn.cl/historiapolitica/partidos_politicos/wiki/Partido_Dem%C3%B3cratas_Chile

[6] Partido Demócrata Cristiano, „Junta Nacional de la Democracia Cristiana entrega su respaldo a la candidatura presidencial de Jeannette Jara“, 26. Juli 2025: https://www.pdc.cl/2025/07/26/junta-nacional-de-la-democracia-cristiana-entrega-su-respaldo-a-la-candidatura-presidencial-de-jeannette-jara/

[7] Die Bundeswahlleiterin, „Bundestagswahl 2025: Endgültiges Ergebnis“, 14. März 2025. Zweitstimmen: CDU 22,6 Prozent, CSU 6,0 Prozent, AfD 20,8 Prozent, SPD 16,4 Prozent, Grüne 11,6 Prozent: https://www.bundeswahlleiterin.de/info/presse/mitteilungen/bundestagswahl-2025/29_25_endgueltiges-ergebnis.html

[8] Die Bundesregierung, „Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD“, vorgestellt am 9. April und unterzeichnet am 5. Mai 2025: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/koalitionsvertrag-2025-2340970

[9] Die Bundeswahlleiterin, „Bundestagswahl 2017: Endgültiges Ergebnis“, 12. Oktober 2017. Zweitstimmen: CDU 26,8 Prozent und CSU 6,2 Prozent gegenüber 34,1 beziehungsweise 7,4 Prozent 2013; AfD 12,6 Prozent gegenüber 4,7 Prozent 2013. Zur besonderen Bedeutung der Flüchtlingspolitik für diese Wahl vgl. Karl-Rudolf Korte, „Die Bundestagswahl 2017: Ein Plebiszit über die Flüchtlingspolitik“, in: Korte/Schoofs (Hrsg.), Die Bundestagswahl 2017, Springer VS 2019. Quellen: amtliches Wahlergebnis; Literaturhinweis der Bundeszentrale für politische Bildung

[10] Deutscher Bundestag, „Wichtige Entscheidungen des Bundestages 2011“: Laufzeitverlängerung um durchschnittlich zwölf Jahre im Oktober 2010; nach Fukushima Beschluss vom 30. Juni 2011 zum Ausstieg bis Ende 2022. Ergänzend Deutscher Bundestag, „Der Einstieg zum Ausstieg aus der Atomenergie“, zur dauerhaften Abschaltung der sieben ältesten Reaktoren und Krümmel: https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2011/37145432_kw51_gesetze_2011-207266

[11] Treccani, „Democrazia cristiana“, Dizionario di Storia: Wahlergebnisse, Krise durch Tangentopoli und Auflösung 1994; ergänzend Mark Donovan, „The Pentapartito“, in: The Italian General Election of 1983, zur Fünfparteienkoalition der achtziger Jahre: https://www.treccani.it/enciclopedia/democrazia-cristiana_%28Dizionario-di-Storia%29/

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