Als Chiles Präsident José Antonio Kast am 16. Oktober Boliviens Präsident Rodrigo Paz in La Paz traf, wurde keine Küstenlinie neu gezogen.1 Eine gemeinsame Erklärung handelt von Häfen, Handel, Energie und Grenzübergängen.1 Weniger hochfahrend als die Rückgabe des Meereszugangs. Aber eine nationalistische Rede hat noch kein Schiff voller beladen und noch keinen Lastwagen schneller abgefertigt.
Boliviens Phantomschmerz
Boliviens Phantomschmerz sitzt tief: Nach dem Pazifikkrieg, der von 1879 bis 1883 dauerte, verlor es seinen Küstenstreifen. Der Friedensvertrag von 1904 zog die Grenze und sicherte ihm dauerhaft weitreichende Rechte auf kommerziellen Transit durch Chile zu dessen Pazifikhäfen.2 Das Transitrecht ist ein bindender Teil dieses Friedens, kein Geschenk auf Widerruf.2 Aus einem schmerzhaften Verlust folgt aber auf keinen Fall ein Rechtsanspruch auf das Staatsgebiet des Nachbarn. Der Internationale Gerichtshof entschied 2018 mit zwölf gegen drei Stimmen, dass Chile keine rechtliche Pflicht übernommen hat, einen souveränen bolivianischen Zugang zum Meer auszuhandeln.3 Das Gericht entschied über die Verhandlungspflicht, nicht über den Krieg. Boliviens Politiker mögen die Niederlage beklagen und auf der nationalen Pathosklaviatur klimpern, wenn sie sich danach besser fühlen. Sie dürfen aber nicht so tun, als müsse Chile sie nachträglich mit einer Küste entschädigen. Dass würde nicht nur den Tatsachen widersprechen, es würde auch bei der eigenen Bevölkerung falsche Hoffnungen wecken, die früher oder später massiv enttäuscht werden müssten.
Chiles Position ist klar und einfach: Ein Vertrag gilt auch dann, wenn er beim Nachbarn dunkle Erinnerungen weckt. Ein souveräner Korridor für Bolivien wäre die Abtretung chilenischen Staatsgebiets, für die es keinerlei Rechtsverpflichtung und keinerlei politischen Willen in Santiago gibt, und keine bessere Hafenbeschilderung. Chile darf mit Bolivien über Freihandelszonen in Häfen verhandeln, wenn es eigenen Nutzen sieht. Seine Souveränität muss es sich aber nicht als mangelnde Großzügigkeit auslegen lassen. Santiago schuldet Bolivien weder Verhandlungen darüber noch deren gewünschtes Ergebnis. Man nennt so etwas Völkerrecht.
In Europa undenkbar
Und man stelle sich einen Moment lang vor, Europa pflegte seine alten Grenzrechnungen mit derselben Ausdauer und demselben Pathos – wie Bolivien. Deutsche Revanchisten könnten von Elsass-Lothringen träumen, das nach dem Ersten Weltkrieg wieder französisch wurde, und Stunden lang “Die Wacht am Rhein” anstimmen.4 Schweden könnte Wismar reklamieren: Die Stadt gehörte seit 1648 zur schwedischen Krone, wurde 1803 an Mecklenburg verpfändet und 1903 endgültig mecklenburgisch.5 Britische Nationalisten könnten ihren Blick über den Kanal richten und Calais zurückfordern, das von 1347 bis 1558 zum Vereinigten Königreich gehörte. Und dann haben wir noch gar nicht über den Balkan gesprochen, wo wahrscheinlich jede kleine Volkgruppe ihre eigene revanchistische Rechnung aufmachen könnte. Die Geschichten sind verschieden, die Versuchung ist dieselbe: Alte Landkarten lenken von neuen Rechnungen ab. Die Bürger bekommen selten einen Arbeitsplatz; hurra-patriotische Scharfmacher dagegen gelegentlich Applaus.
Ein besonders Stück absurdes Theater schwimmt auf dem Titicacasee: Bolivien unterhält dort einen eigenen Marinedistrikt.6 Nun ist die Arbeit der Soldaten keineswegs lächerlich. Sie sichern die Schifffahrt, kontrollieren die Grenze zu Peru und üben die Rettung von Menschen auf dem See.6 Irrsinnig ist die politische Symbolik, wenn die Schiffe auf einem Binnensee zur Verkörperung eines revanchistischen Traumes werden und dabei den nüchternen Blick auf die eigenen Wirtschaftsprobleme verstellen. Auf dem Titicacasee kann man patrouillieren. Einen Pazifikhafen kann man sich von dort aus nicht herbeisalutieren.
Für Bolivien wird das teuer. Der IWF stellt Bolivien über drei Jahre Kredite von bis zu 1,9 Milliarden US-Dollar zur wirtschaftlichen Stabilisierung bereit; zunächst wurden rund 214 Millionen freigegeben, weitere Auszahlungen hängen von Reformfortschritten ab. Für 2026 prognostiziert der IWF drei Prozent Wirtschaftsschrumpfung und ein öffentliches Defizit von 9,2 Prozent des BIP.7 Der Blick aufs Meer ist da ein bequemes Regierungsprogramm: Er kostet Sendezeit, und die Rechnung liegt beim Nachbarn. Eine neu gezeichnete Küste würde weder die Staatsunternehmen sanieren noch die öffentlichen Kassen füllen. Das IWF-Programm setzt stattdessen unter anderem auf Reformen bei Treibstoffsubventionen und Staatsunternehmen sowie bessere Bedingungen für private Investitionen.7
Ein Anfang wird gemacht
Das chilenisch-bolivianische Gipfel-Treffen der Präsidenten bot immerhin einen nüchternen Gegenentwurf zu nutzlosem patriotischen Feelgood. Beide Seiten wollen das Handelsabkommen ACE 22 modernisieren, den Güterverkehr über chilenische Häfen erleichtern, Grenzübergänge besser koordinieren und die Umkehrung der Pipeline Sica Sica–Arica voranbringen, damit Bolivien Treibstoff beziehen kann.8 Auch Stromverbindungen und ein Glasfaserkorridor stehen auf der Agenda.8 Das sind vorerst Projekte und Absichten, keine fertigen Leitungen oder verschwundenen Warteschlangen. Entscheidend ist, wer Transportkosten und Zeitverlust tatsächlich senkt.
Chile muss das zugesicherte Transitrecht sorgfältig erfüllen: mit berechenbaren Hafenbedingungen, klaren Gebühren, zügiger Abfertigung und Investitionen auf beiden Seiten der Grenze. Gerade ein Staat, der seine Souveränität verteidigt, kann zeigen, dass Bolivien auch ohne neuen Grenzstrich zuverlässig und profitabel Handel treiben kann. Chile gewinnt Kunden und Stabilität; Bolivien einen Weg zum Weltmarkt. Niemand verliert einen Quadratmeter. It´s the economy, stupid!
Patriotismus mag manchem das Herz wärmen. Er wird aber zur teuren Folklore, wenn dadurch der Zoll am Grenzübergang höher ausfällt. Bolivien braucht einen funktionierenden Hafen und eine Wirtschaft, die Waren für ihn produziert. Chile muss dafür keine Küste verschenken. Beide Seiten sollten Verträge ernster nehmen als Festreden. Der Handel ist wichtiger als die Hymne.
Fußnoten
- Ministerio de Relaciones Exteriores de Chile, „Declaración conjunta de los Presidentes del Estado Plurinacional de Bolivia y de la República de Chile“, 16. Oktober 2026.
- Friedens- und Freundschaftsvertrag Chile–Bolivien vom 20. Oktober 1904, Art. II und VI, wiedergegeben im Urteil des Internationalen Gerichtshofs vom 1. Oktober 2018.
- Internationaler Gerichtshof, „Obligation to Negotiate Access to the Pacific Ocean (Bolivia v. Chile)“, Urteil/Pressemitteilung, 1. Oktober 2018.
- Viviane Dittrich, „Elsass-Lothringen“, Deutsches Historisches Museum, Stand 20. Februar 2007.
- Hansestadt Wismar, „Wismars Schwedenzeit“, o. D.
- Armada Boliviana, „Armada Boliviana y Marina de Guerra del Perú fortalecen el control lacustre y proyectan operaciones para 2027“, 21. September 2026.
- Internationaler Währungsfonds, „IMF Executive Board Approves 36-Month Extended Fund Facility Arrangement for Bolivia“, 2. Oktober 2026; Zahlen zu 2026 sind IWF-Prognosen.
- Ministerio de Relaciones Exteriores de Chile, gemeinsame Präsidentenerklärung, 16. Oktober 2026, Abschnitte II–IV.






Leave a Reply