Wer progressiv ist und für die Rechte von Minderheiten kämpft, schreibt sich heute gern die Vielfalt aufs Banner. Man will bunt sein, nicht Schwarz-Weiß. Man fordert Sichtbarkeit für diverses, für die, die bisher nicht sichtbar waren, man möchte Akzeptanz für das, was bisher als nicht akzeptabel galt.
Was zur Vielfalt gehört
Dagegen ist zumeist auch gar nichts einzuwenden. Es gibt viele Lebensweisen, die von der Mehrheit, die Traditionen und alten Werten verbunden ist, abgelehnt werden, ohne dass es dafür stichhaltige Gründe gibt. Die Grundlosigkeit solcher Ablehnung aufzuzeigen und Toleranz für alles zu fordern, was nur deshalb bekämpft wird, weil es unbekannt ist – das ist selbstverständlich ein legitimes Anliegen. Dazu gehört auch, sich nicht darum zu scheren, dass die ablehnende Mehrheit sich vom unbekannten Neuen, vom Diversen und von der Normverletzung belästigt und bedrängt fühlt.
Allerdings ist mit der Forderung nach Akzeptanz des Neuen, Ungewohnten, auch oft eine Ablehnung des Alten, bisher Normalen, des Konservativen verbunden. Diejenigen, die so weiterleben wollen wie seit Jahrzehnten, werden als Gestrige im besten Fall belächelt, oft schaut man verächtlich auf sie herab. Man betrachtet sie als aussterbende Gattung. Oft wird die eigene Lebensweise moralisch überhöht, man meint, nicht nur anders zu sein, sondern besser als die Mehrheit, der man sich gegenübersieht. Dies ist mal offen sichtbar, mal ist es versteckt. Überall, wo man die Zukunft, den Fortschritt auf seiner Seite meint, bekämpft man das Traditionelle offen, beim Individualverkehr, beim Fleischverzehr. Aber auch die traditionelle Kleinfamilie, herkömmliche Rollenmodelle, Fußballbegeisterung und Schützenfesttraditionen werden offen bekämpft oder wenigstens in der eigenen Community abgelehnt.
Zur Vielfalt gehört aber auch das Alte und das Normale, das Konservative und Traditionelle. Wird das abgelehnt, entsteht nur eine neue Einfalt, und zwar auch da, wo es nicht offen bekämpft sondern nur ausgegrenzt, lächerlich gemacht und aus dem Eigenen verbannt wird.
Man mag einwenden, dass eine solche Abgrenzung noch nötig ist, solange das Alte noch stark und eben das Normale ist, damit das Neue, das Andere überhaupt eine Chance zum Gedeihen hat. Das mag richtig sein, solange die Konservativen, die Verteidiger des Alten, noch aktiv und erbittert gegen das Neue kämpfen. Diese Zeiten sind aber – fürs Erste – wenigstens in Mitteleuropa vorbei. Dass es noch immer die Mehrheit ist, die nach sich klassischen Idealen richtet und traditionelle Lebensformen von der Liebe bis zum Essen pflegt, heißt nicht, dass sie stark und übermächtig sind. Die allermeisten akzeptieren längst, wenn auch mit Kopfschütteln oder wenigstens schulterzuckend, dass jede Person nach ihrem Willen glücklich werden will, „Leben und leben lassen“ ist längst zur Konsens-Maxime der Konservativen geworden.
Konservative Vielfalt
Zumal ja auch die Lebensweisen und -modelle der traditionell lebenden Mehrheit sehr vielfältig sind. Überzeugte Singles gibt es unter ihnen schon lange, ebenso Paare in „wilder Ehe“, mit großem Altersabstand, und so weiter. Es gibt ruhige Wein-Liebhaber, gesellige Biertrinker, laute Fußballfans und leise Theaterfreunde, sportliche Asketen und unsportliche Lebeleute.
Wer Vielfalt will, darf all das nicht nur grollend akzeptieren oder mit Verachtung ignorieren, er muss auch das wollen, weil es zur Vielfalt dazugehört. Nur so wird aus dem weiter oben eingeschobenen fürs Erste ein für immer. Wenn die fortschlichen Kämpfer für Vielfalt einen großen Teil der Vielfalt vehement ablehnen, fällt diese Ablehnung auf sie selbst zurück. Vielfalt, so könnte man ein altes Wort über die Freiheit abwandeln, ist immer auch die Vielfalt der Anderen.






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