Wenn in Deutschland darüber berichtet wird, wie die Menschen ihre Zeit verbringen, dann geht es oft um die „Gender Care Gap“ – die Tatsache, dass Frauen deutlich mehr Zeit mit unbezahlter Arbeit im Haushalt einschließlich der Betreuung von Kindern und der Pflege von Angehörigen verbringen als Männer. Dies wird dann meistens als Zeichen des Patriarchats und mangelnder Gleichberechtigung gewertet.
Quelle dieser Daten ist die so genannte Zeitverwendungserhebung, die in Deutschland alle 10 Jahre durchgeführt wird, die letzten Daten stammen aus dem Jahr 2022. Eine Stichprobe der Bevölkerung führt für einen gewissen Zeitraum ein genaues Tagebuch, wie viel Zeit an verschiedenen Wochentagen für die verschiedenen Tätigkeiten von Schlafen und Essen bis Kochen und Arbeiten, Fernsehen und Putzen drauf geht. Das wird dann auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen hochgerechnet.
Paare mit Kindern: beide arbeiten gleich viel
Und da kommt dann eben heraus, dass Frauen in Haushalten, in denen ein Paar mit Kindern zusammenlebt, jeden Tag im Schnitt 340 min mit Haushaltsführung und Betreuung der Familie verbringt, der Mann aber nur 209 min – was dann einen „Gender Care Gap“ von sogar 63% ergibt, im Gegensatz zu den 43%, die das Statistische Bundesamt angibt. Woran liegt das? Das Bundesamt berechnet die Differenz dieser „unbezahlten Arbeit“ nicht nur für Menschen in Paar-Haushalten mit Kindern, sondern über alle Erwachsenen, also auch die, die alleine leben oder die keine Kinder haben sowie die Alleinerziehenden. Wenigstens bei denen, die gar keine Kinder haben oder die gar alleine leben, ist aber irreführend, von Care-Arbeit zu sprechen. Deshalb lohnt es sich, einmal genauer in die Zahlen einzusteigen, denn dabei kommen einige interessante Tatsachen ans Licht.
Bleiben wir zunächst mal bei den Paaren mit Kindern. Was machen die Männer in der Zeit, in der ihre Frauen Essen kochen, putzen und die Kinder betreuen? Sitzen sie vor dem Fernseher? Keineswegs. Genauer: zwar sitzen die Männer tatsächlich 15 min mehr am Tag vor dem Fernseher, dafür schlafen die Frauen 18 min länger.
Die Mehrarbeit der Frauen im Haushalt wird fast auf die Minute genau durch das Mehr an Erwerbsarbeit bei den Männern ausgeglichen. Rechnet man beide Arbeitsblöcke zusammen, kommen die Männer auf 500 min Gesamtarbeitszeit, die Frauen auf 501 min.
Nun kann man sagen, dass es vielleicht besser wäre, wenn Männer und Frauen gleich viel bezahlte und unbezahlte Arbeit leisten, oder man kann sagen, dass die Paare das doch auch selbst entscheiden können und dass es doch erstmal schön ist, wenn beide sich die Arbeiten, die nun mal für die Existenz der Familie nötig sind, unterm Strich ziemlich paritätisch aufteilen. Man könnte sogar fragen, warum das Geldverdienen, das ja für vieles andere nötig ist, eigentlich nicht zur Care-Arbeit zählt, denn auch damit wird ja für das Wohl der Familie gesorgt.
Paare ohne „Care-Arbeit“
Es gibt aber noch weitere interessante Details, wenn man sich den anderen Haushaltstypen zuwendet, insbesondere, wenn man verstehen will, was es mit der Gender Care Gap wirklich auf sich hat. Schauen wir uns zuerst die Paare ohne Kinder an. Hier geht es wirklich ein bisschen ungerecht zu. Allerdings muss man bedenken, dass in diesem Topf neben den jungen Paaren, die noch keine Kinder haben und deren Eltern auch noch nicht gepflegt werden müssen, vor allem Rentnerpaare zu finden sind. Leider können wir diese Rubrik nicht nach Altersgruppen aufschlüsseln.
Dass es sich vor allem um Rentner handeln dürfte, erkennt man daran, dass diese Paare deutlich weniger bezahlt arbeiten als Paare mit Kindern. Als Paar beträgt die Summe der Erwerbstätigkeit bei ihnen täglich im Schnitt nur 271 min, Paare mit Kindern hingegen 452 min, also etwa doppelt so lange. Von diesen 271 min entfallen auf den Mann 152, auf die Frau aber nur 119 min. Bei der Haushaltsführung ist es umgekehrt: Der Mann verbringt damit 171 min, die Frau 221 – Somit arbeiten die Männer in dieser Konstellation unterm Strich täglich 17 min weniger als die Frauen, und diese Zeit verbringen die Männer dann mehr vor dem Fernseher.
Wenn es also Ungerechtigkeiten in der Verteilung der Arbeitslast gibt, dann gerade in den Paar-Haushalten, in denen gar keine Kinder leben. Zum Vergleich ist es interessant, sich anzuschauen, wie es in den Haushalten aussieht, in denen gar kein Paar existiert, das sich die Arbeit teilen könnte, also bei den Alleinerziehenden und den Alleinlebenden.
Sind alleinerziehende Männer „Rabenväter“?
Ein alleinerziehender Mann verbringt täglich 241 min mit Erwerbstätigkeit, eine alleinerziehende Frau nur 174, das ist eine beachtliche Differenz. Genauso beachtlich ist der Unterschied bei der Haushaltsführung und der Kinderbetreuung. Alleinerziehende Männer verbringen damit täglich 219 min, Frauen hingegen 318 min, das sind mehr als anderthalb Stunden mehr. Die Unterschiede betreffen alle Tätigkeitsbereiche: Männer kochen 10 min kürzer, investieren 12 min weniger in die Wohnungsinstandhaltung, pflegen quasi weder Garten noch Pflanzen oder Tiere und auch keine Textilen, womit alleinerziehende Frauen täglich eine gute halbe Stunde verbringen. Ein großer Unterschied besteht zudem in der Zeit, die Alleinerziehende mit der Kinderbetreuung verbringen: Väter widmen sich dem knapp eine Stunde, Mütter mehr als anderthalb Stunden. Unterm Strich bleibt dem alleinerziehenden Vater damit eine gute halbe Stunde mehr Freizeit am Tag als der Mutter, die er mit Sport, Hobbies und Fernsehen verbringt.
Woher kommen diese Unterschiede? Sind alleinerziehende Väter nachlässiger oder sorgloser als die Mütter, die mit ihren Kindern allein leben? Die Ursachen kann man aus den Zahlen nicht ableiten, aber vielleicht hilft ein Blick auf die Kontrollgruppe der Alleinlebenden, die sich also weder um Kinder noch um einen Partner sorgen müssen, die die Care-Arbeit nur ganz für sich allein vollbringen. Denn auch hier zeigen sich interessante Differenzen.
Und nun die „Kontrollgruppe“
Ein männlicher Single verbringt ziemlich exakt drei Stunden mit Erwerbstätigkeit am Tag, eine Frau nur zwei Stunden. Auch in dieser Gruppe können wir leider Rentner nicht von Studierenden oder von berufstätigen Singles unterscheiden. Gravierend ist jedenfalls der Unterschied bei der Haushaltsführung, also dem, was ansonsten als Care- oder Sorgearbeit verstanden wird, was aber bei diesen Personen, die ja allein leben, ausschließlich Selbst-Sorge ist. Damit verbringen die Männer in dieser Gruppe 148 min am Tag, die Frauen hingegen 213. Wieder betrifft dies alle Bereiche, überall sind die Männer schneller fertig oder mit weniger zufrieden. In die Essenszubereitung investieren sie täglich eine gute halbe Stunde, die Frauen fast eine ganze Stunde. Für die Instandhaltung der Wohnung wenden Männer täglich 10 min weniger auf als Frauen, Garten, Pflanzen und Tiere kosten den Mann gut eine viertel Stunde, die Frau fast eine halbe.
Unterm Strich verbringen Alleinlebende wieder ungefähr gleich viel Zeit mit Arbeit: Männer 329 min am Tag, Frauen 335 – Bei den Männern ist aber der Anteil der Erwerbsarbeit viel höher als bei den Frauen. Wieder kann man aus den nackten Zahlen nichts über die Ursachen ableiten. Bedenkenswert ist aber, dass die Verteilung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit über alle Haushaltstypen ähnlich ist, egal, ob es Paare mit Kindern oder eben Alleinlebende sind. Ob man daran politisch etwas ändern kann oder überhaupt will, kann man nicht durch das Beschwören und Skandalisieren der so genannten Gender Care Gap entscheiden, sondern erst, wenn man die Menschen selbst gefragt hat, ob sie so oder anders leben wollen und was sie daran hindert.






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