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Der Weltgeist ist kein Linker

Linke Politik vertraut darauf, dass sich die Welt fast von allein zum Besseren entwickelt, man muss nur ein bissen ziehen und Impulse setzen. Sie meinen, der Weltgeist selbst sei ein fortschrittlicher Linker. Eine fatale Illusion.

Der Schock auf der linken Seite des politischen Spektrums sitzt tief und es wird wahrscheinlich noch lange dauern, bis man sich davon erholt hat und wieder zu produktiver und konstruktiver Politik zurückfindet. Was ist passiert? Das Erstarken und die Wahlsiege der AfD haben eine Illusion zerstört, die in dem Glauben bestand, dass die Welt sich, angetrieben durch progressive linke politische Kräfte, Schritt für Schritt und Stück für Stück zum Besseren wandelt, zu einer Welt, in der das Klima und die Umwelt geschützt, alle individuellen Lebensentwürfe gleichermaßen und unabhängig von Traditionen und Vorurteilen geliebt und geschätzt, fremde Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und Kultur willkommen geheißen werden. Dass es der Kern linker Politik ist, all das voranzutreiben und anzustreben, ist genau besehen schon Teil des Traums, der in den letzten Jahren Stück für Stück zerschlagen wurde.

Was linke Politik mal war

Denn einst hieß linke Politik: die Interessen der arbeitenden einfachen Menschen zu vertreten und dafür zu kämpfen, dass es ihnen besser geht. Ausgerechnet diese Leute wählen nun eine rechtskonservative bis reaktionäre Partei die allem, wofür linke Politik heute steht, genau entgegengesetzt ist.

Wollen linke politische Kräfte sich je wieder von diesem Schock erholen, müssen sie sich fragen, warum ihnen ihr ursprüngliches Klientel verloren gegangen ist, vorausgesetzt, sie haben jemals wirklich eine Verbindung zu einem Großteil dieser Schichten, die man vor Jahrzehnten die Arbeiterklasse nannte, gehabt. Früher war linke Politik deshalb progressiv, weil sie die Arbeiter von der Unterdrückung befreien wollte, weil sie eine Gesellschaft wollte, in der die Arbeiter nicht mehr unter dem Befehl der Kapitalisten schuften müssten. Sie wollten in diesem Sinne eine andere, bessere Welt. Ob die Arbeiter von ihnen wirklich befreit werden wollten spielte eigentlich schon damals keine große Rolle. Als Linker muss man einfach annehmen, dass Unterdrückungsstrukturen beseitigt werden müssen, auch wenn die Unterdrückten sich vielleicht gar nicht unterdrückt fühlen. Und das ist ja auch nicht falsch. Verschleierte Macht, eingeredete Bedürfnisse, Ausbeutung, die sich als Freiheit tarnt, all das aufzudecken, spürbar zu machen und für die Beseitigung zu kämpfen, das ist gute linke Politik – die aber nur funktionieren kann, wenn den Unterdrückten ihre Unfreiheit sichtbar und spürbar wird und sie sie deshalb selbst beenden wollen.

Dieser Weg aber war den linken politischen Kräften immer zu mühsam. Sie wollen Machtstrukturen beseitigen, egal, ob die Machtlosen es wollten oder nicht. Und natürlich finden sich immer irgendwo Machtlose, die ihre Ohnmacht spüren und beseitigen wollen. So wurde aus linker Politik, die sich der Befreiung oder wenigstens den Interessen der Arbeiterklasse verpflichtet fühlte, eine Politik für alle, die sich ohnmächtig und unterdrückt fühlten. Man meinte, dass dies am Ende natürlich auch der Arbeiterklasse nützen würde, egal, ob die Arbeiter das auch so sehen, oder nicht.

Es geht nicht selbstverständlich vorwärts, und auch nicht nach links

Die Idee dieser linken Politik ist, dass man nur genug Gutes voranbringen müsste, sei es fürs Klima, für Flüchtlinge, für die Rechte der Frauen oder für die Freiheit von Minderheiten, dann würde sich die ganze Gesellschaft schon immer weiter nach links, nach vorn, in Richtung des Fortschritts bewegen. Der Weltgeist sei ein Linker, so meinen viele Linke noch heute, vielleicht in der Tradition der Linkshegelianer, vor allem Marx. Heute kann man diese Sicht als optische Täuschung erkennen. Sie ist wirklich optisch, denn es ist eine Verzerrung des Sichtbaren, und das Sichtbare ist das, was wir in den Medien sehen. In den Medien war nie die weitgehend ruhige Mehrheit sichtbar, da sah man die Klimaschutz-Aktivisten, die Flüchtlingshelfer, da wurde die Gender-Gap mitgesprochen, da wird schon lange nicht mehr geraucht und getrunken. In den Medien wurde das gesunde Essen ebenso selbstverständlich wie Alternativen zur heterosexuellen Kleinfamilie.

Wenn da mal Leute auftauchten, die all dem ablehnend oder skeptisch gegenüberstanden, dann meinte man, Exemplare einer aussterbenden Gattung zu sehen, die irgendwo auf dem Dorf einfach noch nicht mitbekommen hatten, dass die Welt sich weiterentwickelt hat. Das Gegenteil ist aber richtig. Die Welt, die sich da weiterentwickelt hatte, war nur ein ganz kleiner Teil der ganzen Welt, die so groß wirkte nur durch die mediale Lupe, durch die Linken auf sich selbst und ihre Community schauten.

Die Wahlen machen diese Täuschung nun unübersehbar. Wenn das linke politische Milieu sich von dem Schock, den diese Ent-Täuschung ausgelöst hat, erholen will, muss sie sich klarmachen: der politische und gesellschaftliche Fortschritt, den sie will, ist kein Selbstläufer, der reibungslos losrennt, wenn man nur an der richtigen Seite zieht. Man muss schauen, wo die Leute stehen, ob sie sich mitbewegen. Das ist schwer, das dauert viel länger, als man sich wünscht. Aber wenn man erfolgreich für das kämpfen will, was man für geboten und notwendig hält, darf man in der Demokratie die Verbindung zu diesen Menschen nicht verlieren.

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