Argentiniens Präsident Javier Milei ist der Mann mit der Kettensäge. Ministerien, Subventionen und Staatsbetriebe möchte er gerne wie morsches Gehölz wegschneiden. Doch im Südatlantik entdeckt selbst der radikalste Libertäre die wilde Wucht des starken Staates. Gegen Unternehmen, die bei den Falklandinseln nach Öl bohren, will Argentinien Sanktionen verschärfen, Dienstleister ausschließen und strafrechtlich vorgehen. Eine Marinebasis in Feuerland soll das Ganze mit etwas Stahl unterlegen.1
Der Staat ist bei Milei also keineswegs verschwunden. Er hat nur ein neues Einsatzgebiet gefunden. Im Inland soll er sich aus möglichst vielem heraushalten. Vor den Malvinas, wie die Falkland-Inseln in Argentinien genannt werden, darf er drohen, bestrafen und nationale Größe verkörpern. Freiheit endet offenbar dort, wo argentinisches Öl vermutet wird.
Argentiniens ewiger Konsens
Man sollte darüber nicht billig spotten. Der Anspruch auf die zu Großbritannien gehörenden Falkland-Inseln ist in Argentinien kein Hobby des Präsidenten, sondern Verfassungsauftrag. Immerhin führten beide Staaten im Frühjahr 1982 einen kurzen, aber heftigen Krieg um die dünn besiedelte Inselgruppe im Südatlantik. Der Waffengang endete mit einer bitteren Niederlage für die Südamerikaner. Gleichzeitig läutete das Kriegsende auch das Finale für die in Buenos Aires herrschende Militärjunta ein. Die Generäle hatten ihre eigene militärische Stärke überschätzt und gleichzeitig die Entschlossenheit der britischen Regierung von Margret Thatcher unterschätzt.
Die Übergangsbestimmungen erklärten die Souveränität über die Inseln und die umliegenden Seegebiete für unverjährbar; ihre Rückgewinnung gilt als dauerhaftes und unverzichtbares Ziel.2 Kaum ein anderes Thema überwindet in Buenos Aires so zuverlässig die politische Spaltung. Peronisten, Radikale, Konservative und Libertäre können sich über fast alles streiten. Beim Thema “Malvinas” wird aus der Kakophonie des politischen Diskurses plötzlich ein Gleichklang.
Damit ist die Rechtsfrage allerdings nicht entschieden. Argentinien beruft sich auf territoriale Integrität und die aus seiner Sicht widerrechtliche britische Inbesitznahme von 1833. London verweist auf seine Verwaltung, auf das Selbstbestimmungsrecht der Inselbewohner und auf das Referendum von 2013: Bei 92 Prozent Beteiligung stimmten 99,8 Prozent für den Verbleib als britisches Überseegebiet.3 Der UN-Sonderausschuss behandelt den Vorgang weiterhin als Souveränitätsstreit und fordert eine friedliche Verhandlungslösung. Zwei Prinzipien stehen gegeneinander, und keines verschwindet, nur weil die jeweils andere Seite es für unpassend hält.4
Milies Thatcher Problem
Gerade deshalb ist Milei eine so interessante Figur in diesem alten Konflikt. In der Vergangenheit hatte er Margaret Thatcher mehrfach als brillante Führungspersönlichkeit gepriesen, obwohl sie 1982 den britischen Kriegskurs verkörperte. Und Mileis Vorstellungen von Wirtschaftspolitik ähneln bekanntlich den Ideen Thatchers. Und noch 2024 argumentierte er, Argentinien müsse zunächst frei und wohlhabend werden, damit die Inselbewohner sich eines Tages freiwillig dem Land zuwenden könnten.5 Das war für argentinische Verhältnisse fast schon revolutionär: weniger Hurra-Patriotismus, mehr Standortpolitik.
Nun klingt der Präsident wieder traditionell argentinisch-handfest. Anfang September kündigte er härtere Sanktionen an. Wenige Tage später meldete seine Regierung Verfahren gegen 60 Personen und Unternehmen sowie eine Strafanzeige gegen den israelischen Energiekonzern Navitas und Beteiligte am Projekt Sea Lion.6 Milei nennt das die Verteidigung des Eigentums der Nation. Ein Liberaler darf staatliche Souveränität verteidigen. Er sollte nur erklären, weshalb Eigentumsrechte und Vertragsfreiheit plötzlich weniger heilig sind, sobald die Verträge von einer Regierung ausgestellt wurden, deren Hoheitsanspruch er bestreitet.
Das Öl heizt alte Konflikte an
Hinter der neuen Schärfe liegt nicht nur Erinnerungspolitik. Im Sea-Lion-Feld werden rund 1,7 Milliarden Barrel Öl vermutet. Navitas hält 65 Prozent, Rockhopper 35 Prozent; die Betreiber planen derzeit einen Produktionsbeginn 2028 mit etwa 50.000 Barrel am Tag.7 Das sind Unternehmenspläne, keine garantierte Förderung. Aber schon die Aussicht verändert die politische Temperatur. Ein unbewohnter Felsen ist Symbol. Ein Felsen über einem Ölfeld wird Strategie.
Für Argentinien ist der Rohstoffabbau ohne seine Zustimmung ein Angriff auf die eigene Souveränität. Für die Inselregierung ist er wirtschaftliche Betätigung unter gültigen lokalen Lizenzen. Beide Seiten können ihre Position juristisch ausbuchstabieren. Der Markt löst den Konflikt hier nicht; er versieht ihn nur mit einem Preisschild. Milei, der dem Wettbewerb sonst heilende Kräfte zutraut, beantwortet dieses Preisschild ausgerechnet mit Sanktionen.
Trumps Versprechen enthält ein Fragezeichen
Dann kam Donald Trump. Am 31. August erklärte er, die amerikanische Position zu den Inseln werde überprüft. Eine neue Linie verkündete er nicht. Milei hörte trotzdem schon die Winde des Wandels rauschen.8 Das ist verständlich. Wer einen mächtigen Freund besitzt, verwechselt aber schnell dessen Unberechenbarkeit mit Unterstützung.
Trumps Bemerkung spricht tatsächlich weniger für Argentinien als gegen Großbritannien. Kurz danach vermied er die Zusage, London in einem neuen Falklandkonflikt zu helfen, und erinnerte daran, dass die Briten ihn im Iran-Krieg nicht unterstützt hätten. Zudem nannte er Großbritannien wegen Migration und Energiepolitik ein Land am Rand der Katastrophe.9 Bei seinem Besuch in Irland erklärte der US-Präsident schließlich, er würde ein vereinigtes Irland gern sehen; zur schottischen Unabhängigkeit wollte er sich nur noch nicht äußern.10 Trumps Support für die irische Sache sollte Milei eine Warnung sein. Anders als ihm selbst ist der dezidiert linken irischen Präsidentin jede politische oder persönliche Nähe zu Trump fremd. Catherine Conolly ist nicht nur eine Kritikerin der NATO und von Israels Gaza-Politik, auch das US-Vorgehen im Iran hat sie mehrfach scharf verurteilt. Großbritannien steht aber momentan noch weiter oben auf Trumps privater Shit-Liste als Irland.
Aus Trumps Äußerungen zum Falkland-Konflikt lässt sich daher ein Muster erkennen. Trump behandelt Bündnisse nicht als langfristige Institutionen, sondern als fortlaufende Leistungsabrechnung. Wer gestern nicht geliefert hat, besitzt morgen keinen Anspruch auf Loyalität. Die oft beschworene Special Relationship zwischen den USA und Großbritannien wird so zur Geschäftsbeziehung mit täglicher Kündigungsfrist.
Die falsche Freundschaft
Milei sollte sich deshalb vor einem Triumph hüten. Trump kann Argentinien heute schmeicheln und morgen einen Preis nennen. Die Vereinigten Staaten können ihre Haltung prüfen, ohne Buenos Aires recht zu geben. Sie können London verunsichern, ohne die Inseln preiszugeben. Und sie können beide Seiten daran erinnern, dass amerikanische Nähe unter diesem Präsidenten kein Bündnisstatus ist, sondern Verhandlungskapital.
Auch Großbritannien hat keinen Grund zur Selbstgerechtigkeit. Wer sich auf Selbstbestimmung beruft, muss dieses Prinzip konsequent vertreten und darf die Bewohner der Inseln nicht bloß als nützliche Zeugen eines alten Besitzstandes behandeln. Argentinien wiederum wird seinen Anspruch nicht dadurch überzeugender machen, dass es Unternehmen bedroht, deren Rechtstitel die andere Seite für gültig hält. Nationalgefühl ersetzt weder Diplomatie noch Macht.
Und möglicherweise hat Milei in Trump keinen Verbündeten für die Malvinas gefunden. Und vielleicht hat Großbritannien im Gegenzug entdeckt, dass sein Verbündeter USA Freundschaft nicht als Verpflichtung versteht, sondern als offene Rechnung. Und offene Rechnungen, das weiß man in Argentinien, dem Staatschulden-El-Dorado, besser als fast überall, werden irgendwann fällig.
FUSSNOTEN
- Präsidialamt der Republik Argentinien: „Cadena Nacional del Presidente Javier Milei sobre la Causa Malvinas“, 3. September 2026; zu Sanktionen, Gesetzesinitiative, Marinebasis und Telekommunikationsinvestitionen ergänzend Präsidialamt: „Milei: Cuando la patria está en peligro…“, 9. September 2026. Direktlink
- Republik Argentinien: Constitución de la Nación Argentina, Ley 24.430, Erste Übergangsbestimmung; der Anspruch und das Ziel der Wiedergewinnung sind dort ausdrücklich verankert. Direktlink
- Vereinte Nationen: Anhörung des Sonderausschusses für Entkolonialisierung zur Falkland Islands Malvinas Question, 25. Juni 2026; Angaben der Inselvertreter zum Referendum 2013 mit 92 Prozent Beteiligung und 99,8 Prozent Zustimmung zum Status als britisches Überseegebiet. Direktlink
- Vereinte Nationen: Special Committee on Decolonization, fortlaufende Behandlung der Falkland Islands Malvinas Question; die Resolutionen rufen Argentinien und das Vereinigte Königreich zu einer friedlichen Verhandlungslösung auf. Die UN-Behandlung entscheidet die Souveränitätsfrage nicht zugunsten einer Seite. Direktlink
- Associated Press: „Argentina’s President Milei draws pushback over his Falklands War speech“, 2. April 2025; zu Mileis Hoffnung auf eine freiwillige Annäherung der Inselbewohner und seiner früheren Bewunderung für Margaret Thatcher. Direktlink
- Präsidialamt der Republik Argentinien: Mitteilung Nr. 158, 4. September 2026, zunächst 45 Sanktionsverfahren; Präsidialamt, Rede vom 9. September 2026, späterer Stand von 60 Personen und Unternehmen; Reuters: „Argentina presents criminal complaint against Navitas Petroleum over Falklands drilling“, 8. September 2026. Direktlink
- Reuters: „Argentina’s Milei steps up Falklands sovereignty claims with oil sanctions“, 4. September 2026; 1,7 Milliarden Barrel geschätzte Ressource, Eigentumsanteile und geplanter Produktionsbeginn. Die Werte beruhen auf Projektangaben und sind keine gesicherte Förderprognose. Direktlink
- Reuters: „Trump says he is reviewing US position on Falkland Islands“, 31. August 2026. Trump kündigte eine Prüfung an, aber keine formelle Änderung der US-Position. Direktlink
- Sky News: „Trump avoids backing UK over Falklands, saying Britain was not there to help me in Iran war“, 3. September 2026; Reuters: „Trump says Britain on the edge of disaster“, 3. September 2026. Die Deutung als Druck auf London ist eine aus der Abfolge abgeleitete politische Interpretation, keine belegte Regierungsstrategie. Direktlink
- Reuters: Bo Erickson und Padraic Halpin, „Trump reiterates support for united Ireland, says won’t talk about Scotland yet“, 13. September 2026. Trumps Äußerungen änderten die britische Rechtslage und die Regeln des Karfreitagsabkommens nicht. Direktlink






Leave a Reply