Jeder, der oft mit der Bahn fährt, kennt es: man bucht eine Fahrkarte zum Super-Sparpreis, reserviert sich sogar einen Sitzplatz, plant genau die Zugverbindung, die Zeit zum Umsteigen. Aber kaum ist man am Bahnhof angekommen, ist alles anders. Der Zug fällt aus oder ist verspätet, sodass man den Anschlusszug beim Umstieg nur erreiche würde, wenn man einen anderen verspäteten Zug nimmt, der gerade einfährt. Wenn man Glück hat, wird die Zugbindung wegen der Verspätung aufgehoben und man kann nun alle Züge nehmen, die in die richtige Richtung fahren. Am Ende kommt man sogar ungefähr zu der Zeit an, die man erwartet hatte, nur die Platzreservierung war natürlich umsonst.
App statt Fahrplan
Der moderne Mensch fährt mit der Bahn nicht nach Fahrplan, sondern nach den Informationen und Vorschlägen, die ihm die Bahn-App in Echtzeit liefert. Das einzige Problem dabei sind die Sonderangebote mit Zugbindung, das macht die Sache zu einer Wette: Wird die Zugbindung rechtzeitig aufgehoben, sodass ich auch andere Verbindungen nutzen kann? Auf Platzkartenreservierungen verzichtet man am Besten ganz, das macht sowieso nur Ärger.
Vielleicht ist Fahrplantreue für eine Bahn in Deutschland sowieso nichts anderes als eine Illusion, ein unerfüllbarer Traum. Die Züge fahren auf einem Schienennetz, das alt und gewachsen, vielleicht sollte man sagen, gewuchert ist. Und natürlich muss da ständig irgendwo irgendwas repariert und erneuert werden. Dass es zu einem Zustand käme, in dem das ganze Netz incl. Stellwerke, Weichen, Signalsystemen einmal komplett funktioniert und nichts ausfallen kann, ist vermutlich eine technische Unmöglichkeit. Ein solches System vollständig zu reparieren ist eine Investition, die eine Gesellschaft nicht leisten kann. Technik, zumal, wenn sie dem Wetter und harter mechanischer Beanspruchung ständig ausgesetzt ist, geht kaputt, das ist eine Selbstverständlichkeit, die wir in unserer hochtechnisierten Welt vielleicht nicht mehr wahrhaben wollen, die aber nicht zu überlisten ist.
Wie wäre es, wenn wir diese Tatsache einfach hinnehmen würden? Natürlich würde es an unserem Selbstverständnis rühren, dass wir alle technischen Herausforderungen meistern könnten, wenn wir nur mit den richtigen Mitteln an der richtigen Stelle investieren würden, wenn Politik und Management nur die richtigen Entscheidungen treffen und die richtigen Experten fragen und beauftragen würden. Es wäre ein gesellschaftlich neues Eingeständnis, zu sagen, dass man nicht alles beherrschen kann und dass das nicht nur an unfähigen Leuten liegt, die man durch fähige ersetzen könnte.
Das bedeutet natürlich nicht, dass die Bahn nicht mehr in die Zuverlässigkeit ihres Angebotes investieren bräuchte. Investitionen in die Infrastruktur sind unverändert genauso notwendig wie die Sicherung von gut qualifiziertem Personal in ausreichender Anzahl. Letztlich kommt es für die Kunden der Bahn darauf an, schnell und Zuverlässig, ohne Verzögerungen und bequem ans Ziel zu kommen. Der Wettbewerb wird nicht mit einem Fahrplan geführt, sondern mit dem Individualverkehr auf der Straße.
Was notwendig wäre, um auf diese Weise Zufriedenheit zu erreichen, ist neben einem dichten Fahrtakt auf den miteinander vernetzten Haupt- und Nebenstrecken vor allem ein gute Informations-Infrastruktur für alle Fahrgäste. Wer heute die Bahn-App auf seinem mobilen Endgerät hat, ist da schon ganz gut ausgestattet. Aber nicht jeder Reisende kann die nutzen. Deshalb müssten in ausreichender Anzahl Terminals zur Verfügung stehen, in den Bahnhöfen und in den Zügen, an denen sich jeder auf einfache Weise informieren kann. Sprachsteuerung und KI sollten es möglich machen, hier fast jeden Fahrgast zufriedenzustellen. Und für diejenigen, die sich scheuen, solche digitalen Assistenten zu nutzen, müsste gut geschultes Personal da sein – das es ja auf den meisten Bahnhöfen und in den Zügen bereits gibt.
Ende des Hase-und-Igel-Spiels
Statt der Fahrplantreue hinterherzuhetzen wie der Hase dem Igelpaar sollte die Bahn einen Paradigmenwechsel einleiten. Statt eines theoretischen Fahrplans, der nie funktioniert, gibt es die reale Situation von Zügen, die in einem Netz sinnvoll und in gewissen Zeitabständen unterwegs sind. Diese aktuelle Situation wird in einem Informationssystem abgebildet, aus dem Reisende ihre – nach aktuellem Stand – beste Verbindung zu ihrem Ziel abrufen können. Den Plan, angereichert mit Informationen über die zu erwartenden konkrete Situation, braucht man nur noch, um im Voraus planen zu können.
Man kennt dieses Konzept vom Umgang mit Navigationssystemen auf der Straße. Auch mit denen plant man bekanntlich nicht die exakte Ankunftszeit und den detaillierten Verlauf der Reise. Abhängig von der Situation, wie sie sich unterwegs entwickelt, ändert das System die beste Route – so könnte ein Bahn-Navi auch in Echtzeit die beste Verbindung planen.






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