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Argentinien – Anleitung, ein Land zu ruinieren

Argentinien ist das Musterbeispiel, wie populistische Politik einen reichen Staat arm machen kann.

Dass europäische Länder wie Deutschland wirtschaftlich erfolgreich und wohlhabend sind, ist weder ein Naturgesetz noch gottgegeben. Europas (noch vorhandener) Wohlstand ist vor allem das Ergebnis des Fleißes früherer Generationen, einer einst weltweit führenden Bildungslandschaft und eines über eine lange Zeit hinweg vernünftig austarierten Verhältnisses von marktwirtschaftlichem Aufstiegsstreben und sozialem Ausgleich. Über einen Reichtum an Bodenschätzen verfügt Europa im weltweiten Vergleich eher nicht. Und immer deutlicher kündigen historisch niedrige Geburtenraten und das immer massivere Kippen der Alterspyramide einen nie dagewesenen Fachkräftemangel und aufziehende soziale Spaltungen an. Nicht gerade die besten Voraussetzungen also, um auch in Zukunft in Europa mit Wohlstand und sozialem Frieden kalkulieren zu können. Umso schlimmer, dass Europas Politiker die grundlegenden Probleme, die unsere Zukunft an der Wurzel gefährden, nicht beherzt mit tiefgreifenden Reformen angehen, sondern immer häufiger auf Populismus als Placebo setzen. Damit lassen sich vielleicht kurzfristig Wahlen gewinnen. Die vorhandenen Herausforderungen werden damit aber in keinem Fall gelöst, sie potenzieren sich damit nur noch immer weiter.

Und niemand, der Populismus statt Reformen verordnet, kann sich auf Unwissenheit berufen, wenn dieser Weg früher oder später mit Karacho in den Abgrund führt. Es gibt nämlich ein Musterbeispiel, das zeigt, wie man ein Land, das einst zu den sechs reichsten der Erde zählte, in drei Generationen zum chronischen Sorgenkind des Internationalen Währungsfonds herunterwirtschaften kann: Argentinien.

Anders als Europa besaß Argentinien um 1900 alles, was ein Land reich und wohlhabend machen kann: eine der fruchtbarsten Agrarregionen der Welt, Millionen arbeitswillige europäische Einwanderer und einen Anteil am Welthandel, der das Land zeitweise vor Frankreich und Deutschland rangieren ließ. Es gehörte zu den sechs reichsten Nationen der Erde – reicher, pro Kopf, als die Schweiz.[1] Wer heute wissen möchte, wie man aus einem solchen Kapital in nur drei Generationen einen Dauerpatienten des Internationalen Währungsfonds macht, muss sich nicht in Verschwörungstheorien flüchten. Es genügt ein Blick in die Geschichtsbücher. Argentinien hat, gewissermaßen als Dienst an der Menschheit, ein vollständiges Lehrbuch dafür geliefert, wie man ein Land ruiniert – mit Fußnoten, versteht sich.

Der Gründervater: Perón und die Erfindung des permanenten Rausches

Der gelernte Militäroffizier Juan Domingo Perón übernahm 1946 als Staatschef ein Land mit prallen Devisenreserven – Kriegsgewinne aus dem Export von Fleisch und Getreide an ein hungerndes Europa. Sein Verdienst, wenn man es so nennen will, bestand darin, diesen Schatz binnen weniger Jahre zu verprassen und dabei ein politisches Betriebssystem zu installieren, das bis heute nachwirkt: den Justizialismus. Über das staatliche Handelsmonopol IAPI kaufte der Staat den Bauern einen großen Teil ihrer Erzeugnisse zu staatlich festgesetzten Preisen unter dem damaligen Weltmarktniveau ab und verkaufte sie im Ausland teurer weiter – eine Abschöpfung des produktiven Agrarsektors, mit deren Erlösen unter anderem Industrialisierung, Sozialausgaben und Verstaatlichungen finanziert wurden.[2] Löhne wurden per Dekret angehoben, ohne Rücksicht auf Produktivität; Preise wurden per Dekret eingefroren, ohne Rücksicht auf Angebot. Das Ergebnis war absehbar und wiederholt sich seither mit der Zuverlässigkeit eines Naturgesetzes: Kapitalflucht, Inflation, sinkende Investitionen. Perón selbst focht das wenig an – er hatte, was jeder gute Populist braucht, ein Feindbild parat: die „Oligarchie“, die Landbesitzer, das Ausland. Wirtschaftspolitik als moralisches Theater statt als Rechenaufgabe – das ist die Erbsünde, von der sich Argentinien nie mehr erholte.

Die Generäle erben die Idee, nicht die Disziplin

Einige Beobachter Argentiniens hofften, dass die Militärjuntas, die das Land zwischen 1955 und 1983 immer wieder regierten, dem Peronismus wenigstens ökonomisch die Stirn geboten hätten. Das Gegenteil war der Fall: Sie übernahmen die Importsubstitution – hohe Zölle, staatlich subventionierte Industrialisierung hinter geschützten Mauern – nur unter anderem Vorzeichen.

Die Diktatur ab 1976 unter Militärmachthaber General Jorge Rafael Videla und Wirtschaftsminister Martínez de Hoz öffnete zwar kurzzeitig die Kapitalmärkte, tat dies aber bei fixiertem Wechselkurs und ohne fiskalische Zügelung, was die Auslandsverschuldung explodieren ließ – von rund acht auf über vierzig Milliarden Dollar binnen weniger Jahre. Der Falklandkrieg 1982 lieferte dann die außenpolitische Bankrotterklärung gleich mit. Am Ende der Dekade stand jene Zahl, die inzwischen zum nationalen Running Gag geworden ist: Im Jahr 1989 erreichte die Inflation über 3.000 Prozent.[3] Wer sich fragt, wie ein Land Preisschilder in Supermärkten mehrmals täglich neu drucken kann – Argentinien hat es vorgemacht.

Menems Zaubertrick und der Kater von 2001

Der demokratisch gewählte peronistische Präsident Carlos Menem versuchte in den Neunzigern das Kunststück, mit dem „Convertibility Plan“ von 1991 die Inflation per Gesetz zu erschlagen: ein Peso, fix an einen Dollar gekoppelt, jederzeit in Zentralbankreserven eintauschbar. Es funktionierte – für eine Weile, und genau das war das Problem. Die Preisstabilität kaschierte, dass der Staat weiter über seine Verhältnisse lebte, während die Provinzen fröhlich weiter Schulden aufnahmen, gedeckt durch einen überbewerteten Peso, der die heimische Industrie gegenüber Importen wehrlos machte. Privatisierungen fanden statt, doch sie ersetzten Staatsmonopole oft schlicht durch private Monopole, ohne dass echter Wettbewerb entstand – Liberalisierung als Kulisse, nicht als Substanz. Als die Kapitalmärkte 1998 im Zuge der Asien- und Russlandkrise misstrauisch wurden, brach das Kartenhaus zusammen: Kapitalflucht, Bankensperre – der berüchtigte „Corralito“ –, und Ende 2001 der bis dahin größte Staatsbankrott der Geschichte, rund 82 Milliarden Dollar an Auslandsanleihen, mit einem Schuldenschnitt von etwa 75 Prozent für die Gläubiger. Argentinien hatte damit bewiesen, dass ein fixer Wechselkurs kein Ersatz für fiskalische Disziplin ist, sondern lediglich deren Verzögerung – mit Zins und Zinseszins fällig.[4]

Die Kirchners: Wenn die Statistik zur Glaubensfrage wird

Das peronistische Präsidentenpaar Néstor und später Cristina Fernández de Kirchner bot in den 2000er- und frühen 2010er-Jahren eine Fortsetzung des Grundmusters mit neuen Requisiten. Exportsteuern („retenciones“) auf Sojabohnen und Getreide plünderten erneut den einzigen Sektor, der auf Weltmarktniveau konkurrenzfähig war, um Sozialprogramme und Energiesubventionen zu finanzieren, die Strom und Gas praktisch verschenkten – mit dem Ergebnis, dass niemand mehr investierte, um sie zu produzieren. 2012 wurde der spanisch-argentinische Ölkonzern YPF teilverstaatlicht, offiziell aus „nationalem Interesse“, tatsächlich weil man zuvor die Preise so lange reguliert hatte, dass sich Investitionen nicht mehr lohnten und die Produktion einbrach. Kapitalverkehrskontrollen, der „cepo cambiario“, sperrten Bürger und Unternehmen faktisch von Dollars ab und schufen einen Schwarzmarktkurs, der zeitweise mehr als das Doppelte des offiziellen Kurses betrug.

Den Vogel schoss die Regierung ab, als sie das nationale Statistikamt INDEC anwies, die Inflation schlicht kleiner zu rechnen, als sie war – eine Volkswirtschaft, die sich die Wahrheit per Dekret verbat. Der IWF und private Ökonomen mussten fortan mit eigenen, „inoffiziellen“ Preisindizes arbeiten, weil den staatlichen Zahlen niemand mehr traute.

Milei: Die Antithese mit der Kettensäge

Im Dezember 2023 vollzog Argentinien mit der Wahl des ultraliberalen Wirtschaftsprofessors Javier Milei dann die totale Schubumkehr. Doch der einstige Rockmusiker mit der ungekämmten Mähne übernahm von seinen peronistischen Vorgängern schwerste Hypotheken. Er erbte eine Inflation von 211 Prozent, eine Armutsquote von rund 42 Prozent und Devisenreserven nahe null; die Armutsquote stieg im Zuge der anfänglichen Anpassung 2024 zeitweise auf über 50 Prozent.[5] Sein Rezept war dagegen denkbar unpopulistisch: Er schaffte Ministerien ab, entließ rund 56.000 Staatsbedienstete, kürzte Subventionen und erzwang erstmals seit vierzehn Jahren einen Haushaltsüberschuss – nicht durch neue Schulden, sondern durch das banale Prinzip, weniger auszugeben, als man einnimmt.[6] Die monatliche Inflation fiel von über 25 Prozent auf zeitweise unter 2 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt wuchs 2025 um rund 4,4 Prozent, die Armutsquote sank auf etwa 28 Prozent – den niedrigsten Stand seit 2018 –, und die Ratingagentur Fitch stufte die argentinischen Staatsanleihen hoch.[7] Selbst der Ölsektor, einst Symbol staatlicher Misswirtschaft, exportiert dank der Schieferformation Vaca Muerta heute Rekordmengen – Argentinien ist erstmals seit Jahrzehnten Nettoexporteur von Rohöl. Ganz ohne Ironie geht es freilich auch hier nicht ab: Im Frühjahr 2026 stagnierte die Disinflation, die Jahresrate kletterte wieder auf rund 33 Prozent, und Korruptionsvorwürfe in Mileis eigenem Umfeld trübten die Glaubwürdigkeit des Mannes, der sich gern als moralische Instanz der Marktwirtschaft inszeniert.[8] Auch die Mittelschicht spürt den Anpassungsschmerz, und Investitionen liegen weiterhin unter dem Vorjahresniveau.[9]

Das Rezept, kurz zusammengefasst

Wer also, in aller Kürze, ein Land ruinieren möchte, folge der argentinischen Blaupause: Man besteuere den einzigen wettbewerbsfähigen Sektor der Volkswirtschaft, bis er stirbt. Man verstaatliche, was rentabel ist, und subventioniere, was es nicht ist. Man ersetze die Zentralbank durch eine Notenpresse und die Statistikbehörde durch eine Wunschmaschine. Man erkläre jede Kritik zum Verrat an der Nation, und man wiederhole das Ganze, Generation für Generation, bis neun Staatsbankrotte zur familiären Normalität geworden sind. Dass ausgerechnet ein libertärer Exzentriker mit Kettensäge als Requisite nötig war, um diesen Kreislauf wenigstens zeitweise zu durchbrechen, ist die bitterste Pointe der Geschichte – und zugleich eine gewisse ökonomische Moral: Nicht der Staat, der am lautesten Mitgefühl verspricht, sondern der, der am ehrlichsten rechnet, hilft den Armen am Ende wirklich. Ob Milei diese Rechnung auf Dauer aufgeht, ist offen. Aber dass die alte Rechnung nicht aufging, daran besteht, nach hundert Jahren Beweismaterial, wirklich kein Zweifel mehr.

 

[1] Vgl. u.a. historische Wohlstandsvergleiche zur „goldenen Ära“ Argentiniens zwischen 1880 und den frühen 1930er-Jahren, etwa in der Wirtschaftsgeschichtsschreibung zur Belle Époque des Río de la Plata (u.a. dievolkswirtschaft.ch, 2025).

[2] Die Rolle des IAPI (Instituto Argentino de Promoción del Intercambio) als Mechanismus zur Umverteilung von den Agrarexporteuren hin zu Industrie- und Sozialausgaben gilt in der wirtschaftshistorischen Literatur zu Perón als Kernstück des ersten „populistischen Zyklus“ Argentiniens.

[3] Zur Hyperinflation von 1989/90 vgl. cash.ch, „So kam es zur Staatspleite in Argentinien“, 2015, sowie die IWF-Datenreihen zu Konsumentenpreisen Argentiniens für die betreffenden Jahre.

[4] Zum Umfang und Ablauf des Zahlungsausfalls von 2001/02 sowie zum späteren Vergleichsangebot vgl. Bundestag, Wissenschaftliche Dienste, „Zahlungsunfähige Staaten in den letzten 20 Jahren“, sowie finanzmarktwelt.de, 2020. In der rund zweihundertjährigen Geschichte des Landes zählt man inzwischen neun Staatsbankrotte, beginnend 1827.

[5] Zu den Ausgangswerten bei Amtsantritt Ende 2023 vgl. Statistics of the World, „Argentina Economy 2026: Milei’s Shock Therapy, 18 Months Later“, sowie Friedrich-Naumann-Stiftung, „Argentinien: Zwei Jahre Javier Milei“, Dezember 2025.

[6] Zu Personalabbau und Haushaltsüberschuss vgl. Friedrich-Naumann-Stiftung, ebd., sowie exxpress.at/APA, „Milei bringt Argentinien ins Plus“, Juli 2026.

[7] 7Wachstums-, Inflations- und Armutszahlen sowie das Fitch-Rating gemäß Statistics of the World, a.a.O. (Quellen dort: IWF WEO April 2026, INDEC, Fitch Ratings).

[8] Zur Stagnation der Disinflation und den politischen Belastungen im Frühjahr 2026 vgl. NZZ, „Javier Milei: Argentiniens Wirtschaft wächst, doch die Glaubwürdigkeit schwindet“, 5. Mai 2026.

[9] Investitionsrückgang und ungleiche Erholung der Sektoren gemäß exxpress.at/APA, a.a.O.

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