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Die Inflationssteuer

Wie Populisten ihre Wahlversprechen einlösen – und die Ärmsten die Rechnung bezahlen. Eine Reise durch drei argentinische Wirtschaftskatastrophen.

Wenn Populisten den ärmeren Schichten Wohltaten versprechen, dann verschweigen sie meist eines: Die sozial Schwachen zahlen dafür oft den höchsten Preis. Und zwar in Form von Geldentwertung. Denn die Ärmeren haben im Gegensatz zu den Wohlhabenden, und meist auch den Populisten selbst, keine Konten auf den Bahamas oder in der Schweiz. Am Beispiel Argentinien sieht man am besten, wie Inflation den Mittelstand arm und die Armen zu sehr Armen gemacht hat.

Es gibt in der Demokratie eine einfach klingende Möglichkeit, Wohltaten zu verteilen, ohne dass jemand unmittelbar dafür zur Kasse gebeten wird: Man verspricht einfach: Im Himmel ist Jahrmarkt – und bezahlt die Wahlgeschenke mit frisch gedrucktem Geld. Der Notenpresse sei Dank. In Südamerika hatte diese Art des Notenpressen-Populismus lange Zeit Hochjunktur. Auch in den USA und Europa ist die Versuchung, staatliche Ausgaben durch eine sehr expansive Geldpolitik abzufedern, keineswegs unbekannt. Warum? Anders als bei einer Steuererhöhung erscheint die Belastung nicht sofort auf dem Steuerbescheid. Außerhalb des biblischen Paradieses oder des Schlaraffenlandes ist aber keine Wohltat umsonst. Irgendwer zahlt irgendwann immer. Nur kommt die Rechnung erst später, anonym, in Form steigender Preise – und sie wird höchst ungleich verteilt. Wer ein Aktiendepot, eine Eigentumswohnung oder wenigstens ein Konto auf den Bahamas oder in Zürich besitzt, kann sein Vermögen gegen Inflation meist besser schützen. Wer sein Erspartes in bar unter der Matratze hält oder von der Hand in den Mund lebt, verliert real und sofort. Inflation kann, ökonomisch betrachtet, wie eine regressive Steuer wirken – und politisch ist sie bequem, weil sie nicht als Steuer beschlossen wird.

Nirgendwo lässt sich dieser Mechanismus so anschaulich besichtigen wie in Argentinien, einem Land, das im Lauf des vergangenen Jahrhunderts mit bemerkenswerter Beharrlichkeit jede Gelegenheit genutzt hat, die eigene Bevölkerung zu enteignen – meist im Namen der sozialen Gerechtigkeit, stets mit anschließender Pressekonferenz.

1989: Die Ersparnisse verdampfen, die Reden bleiben warmherzig

Als der Regierung von Präsident Raúl Alfonsín 1989 endgültig die Kontrolle über die Preise entglitt, stieg die Inflation im Gesamtjahr auf rund 3.079 Prozent1 – eine Zahl, die selbst hartgesottene Ökonomen nicht kalt lässt, weil die Realität jeden Extremfall aus den einschlägigen Lehrbüchern bereits überholt hatte. Wer morgens einkaufen ging, kalkulierte nachmittags neu. Alfonsín trat vorzeitig zurück, sein Nachfolger Carlos Menem erbte den Trümmerhaufen und antwortete Anfang 1990 mit dem sogenannten Plan Bonex: Termineinlagen in Landeswährung wurden per Dekret in zehnjährige, auf US-Dollar lautende Staatsanleihen zwangsumgetauscht2 – wer sein Geld für den Notfall zurückgelegt hatte, besaß formal weiterhin einen Anspruch, musste aber erhebliche Verluste und jahrelange Bindung hinnehmen. Wer sein Vermögen rechtzeitig ins Ausland geschafft hatte, blieb eher verschont. Die classe politique nannte das Stabilisierungspolitik. Die Sparer nannten es, mit einiger Berechtigung, Diebstahl auf Raten.

2001: Der Laufstall für die Ahnungslosen

Zwölf Jahre später wiederholte sich die Übung, diesmal mit ambitionierterem politischen Framing. Das über Jahre gepflegte Versprechen, ein Peso sei so viel wert wie ein Dollar, ließ sich angesichts von Rezession, Schuldenproblemen und Kapitalflucht immer schwerer halten. Als die Währungsreserven zur Neige gingen, floh, wer konnte: Allein 2001 schrumpften die privaten Bankeinlagen um rund 16 Milliarden Peso3. Zurück blieben die Ersparnisse derjenigen, die weder Offshore-Konto noch einen schnellen Ausweg besaßen. Wirtschaftsminister Cavallo verordnete daraufhin den „Corralito“, wörtlich das Laufgitter: Barabhebungen wurden zunächst auf 250 Peso pro Woche begrenzt4. Den Staatsbankrott verkündete Ende Dezember 2001 Interimspräsident Adolfo Rodríguez Saá; Anfang 2002 beendete Eduardo Duhalde die Dollarbindung. Kurz darauf wurden Dollarguthaben zu 1,40 Peso je Dollar zwangsweise in Peso umgerechnet – bei einem bereits deutlich schwächeren Marktkurs ein erheblicher Verlust in Dollar gerechnet5. Nicht diejenigen, die vorher geflohen waren, sondern jene, die dem System noch vertraut hatten, traf es besonders hart. Duhalde war der fünfte Präsident binnen rund drei Wochen. Die Botschaft an jeden Argentinier war eindeutig: Vertrauen in die eigene Währung ist ein Luxus, den sich nur leisten kann, wer eine Alternative besitzt.

Milei, oder: Die Rechnung nach vierzig Jahren

Wer wissen will, wie die Rechnung für jahrzehntelange wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen am Ende aussieht, muss nur die jüngsten Zahlen lesen. 2023 lag die Inflation bei 211,4 Prozent, 2024 noch bei 117,8 Prozent6. Der neue Präsident, der libertäre Ökonom Javier Milei, trat mit dem Versprechen an, die staatliche Notenpresse stillzulegen: Er strich Subventionen, verkleinerte den Staatsapparat und wertete den offiziellen Peso-Kurs zu Beginn seiner Amtszeit stark ab. Die Inflation fiel daraufhin deutlich; 2025 stiegen die Verbraucherpreise noch um 31,5 Prozent7. Der soziale Preis der Schocktherapie war zunächst real: Die Armutsquote sprang im ersten Halbjahr 2024 auf 52,9 Prozent. Danach ging sie jedoch kräftig zurück – auf 38,1 Prozent im zweiten Halbjahr 2024, 31,6 Prozent im ersten und 28,2 Prozent im zweiten Halbjahr 20258. Das bleibt hoch für ein Land, das vor gut hundert Jahren zu den reichsten der Welt zählte, ist aber eine deutlich andere Entwicklung als noch zu Beginn der Reformen.

Man kann Milei für den sozialen Preis seiner Schocktherapie kritisieren, und viele tun das mit spürbarer Freude. Nur sollte man dabei nicht vergessen, dass die Krise lange vor seinem Amtsantritt entstanden war. Über Jahrzehnte finanzierten Regierungen unterschiedlicher Couleur Defizite, hielten Energie- und Verkehrspreise künstlich niedrig, blähten den öffentlichen Sektor auf und verschoben Reformen, weil die nächste Wahl wichtiger war als die übernächste Generation. Die Verarmung vieler Argentinier lässt sich deshalb nicht auf das Jahr 2024 reduzieren. Sie ist auch das Ergebnis einer langen Vorgeschichte aus Defiziten, Währungskrisen und wiederkehrender hoher Inflation, in der fast jede Regierung versprach, dass diesmal alles anders werde.

Der Treppenwitz der Geschichte ist, dass ausgerechnet die Ärmsten am zuverlässigsten für populistische Versprechen bezahlen, während Vermögende ihr Geld leichter in Montevideo, Miami oder anderswo in Sicherheit bringen können. Das ist keine argentinische Spezialität – es ist dort nur, dank einer beeindruckenden Übungsserie, am deutlichsten zu besichtigen. Wer glaubt, eine solide Währung sei ein Selbstläufer, dem man sich risikolos nähern kann, sollte sich die Statistik aus Buenos Aires an die Wand hängen. Nicht als Drohung. Als Erinnerung.

 

 

Fußnoten

  1. Vgl. Weltbank, Tabelle zur Inflation in Argentinien: 1989 3.079 % (Dezember gegenüber Dezember), auf Basis von IMF International Financial Statistics: https://documents1.worldbank.org/curated/en/467501468772765700/pdf/multi-page.pdf.
  2. Vgl. Internationaler Währungsfonds (IMF), History of the IMF 1990–1999, Kap. 9; sowie IMF Working Paper 99/152: Plan Bonex ersetzte Anfang 1990 Termineinlagen durch zehnjährige US-Dollar-Anleihen; die BONEX verloren unmittelbar stark an Marktwert: https://www.imf.org/external/pubs/ft/history/2012/pdf/c9.pdf.
  3. Vgl. IMF, Lessons from the Crisis in Argentina: 2001 gingen private Bankeinlagen um rund 16 Mrd. Peso bzw. rund 21 % zurück: https://www.elibrary.imf.org/abstract/book/9781589062085/C1.xml.
  4. Vgl. IMF, Lessons from the Crisis in Argentina: Der Corralito begrenzte Barabhebungen zunächst auf 250 Peso pro Woche: https://www.imf.org/external/np/pdr/lessons/100803.pdf.
  5. Vgl. IMF, Argentina: 2002 Article IV Consultation: Dollareinlagen wurden Anfang 2002 zu 1,40 Peso je US-Dollar pesifiziert; der Marktwechselkurs lag kurz darauf deutlich niedriger: https://www.imf.org/external/pubs/ft/scr/2003/cr03226.pdf.
  6. Vgl. Banco Central de la República Argentina (BCRA), Informe de Política Monetaria, Dezember 2025, auf Basis von INDEC: Inflation 2023 211,4 %, 2024 117,8 %: https://www.bcra.gob.ar/archivos/Pdfs/PublicacionesEstadisticas/informes/informe-politica-monetaria-2025-T4.pdf.
  7. Vgl. BCRA, Informe de Política Monetaria, Dezember 2025, auf Basis von INDEC: Verbraucherpreisinflation 2025 31,5 %: https://www.bcra.gob.ar/archivos/Pdfs/PublicacionesEstadisticas/informes/informe-politica-monetaria-2025-T4.pdf.
  8. Vgl. INDEC, Incidencia de la pobreza y la indigencia en 31 aglomerados urbanos: 52,9 % im 1. Halbjahr 2024, 38,1 % im 2. Halbjahr 2024, 31,6 % im 1. Halbjahr 2025 und 28,2 % im 2. Halbjahr 2025: https://www.indec.gob.ar/indec/web/Nivel4-Tema-4-46-152.

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